Den Vogel gezeigt: eine Klatsche für das Wunderkind

Nichts ist beim Schach undankbarer, als gegen ein Kind zu spielen. Weil junge Leute viel schneller besser werden, als ihr Rating das reflektieren könnte, sind sie in der Regel deutlich unterbewertet. Was auf dem Papier nach einer lösbaren Aufgabe aussieht, mag sich auf dem Brett als unangenehmer Brocken erweisen, der uns leicht eine Menge Elopunkte kosten kann.

Rechenstark, aber ahnungslos

Es gibt Gegenstrategien. Junge Leute können in der Regel rechnen wie die Teufel, aber sie wissen nichts über Schach. Also legen wir die Partie ruhig an und führen sie in strategische Gewässer, so dass der junge Gegner nichts zu rechnen hat und an seiner Ahnungslosigkeit zugrunde geht.

Der elfjährige Inder Karthik Thrish ist so ein Fall. Im Frühjahr 2018 hat er schon seinen ersten Großmeister besiegt, trotzdem reist er noch mit einer bescheidenen Elo-Zahl von 1.842 von Turnier zu Turnier (in der nächsten Elo-Liste wird er schon über 2.100 haben). Zuletzt spielte er beim Bamberg-Open mit und bekam dort Gelegenheit, sich mit der Creme des deutschen Jugendschachs zu messen.

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Roven Vogel.

Einerseits dürfte Roven Vogel nicht begeistert gewesen sein, in der letzten Runde in Bamberg gegen einen derart unterbewerteten Gegner zu spielen. Andererseits ist Vogel als 18-Jähriger erwachsen genug, das fehlende Schachverständnis des vermeintlichen Supertalents auszunutzen.

Roven Vogel fliegt in Deutschland ein wenig unter dem Radar, obwohl er einer der bemerkenswertesten jungen deutschen Schachspieler ist. U-16-Weltmeister möchte Vincent Keymer erst noch werden, Vogel war es schon, und aktuell ist er amtierender deutscher U-18-Meister. Im Vergleich zwischen diesen beiden zeigten Vogels Partien in Bamberg deutlich, dass er der reifere Spieler ist, auch wenn Keymer nominell fast zu ihm aufgeschlossen hat.

Keymer legte in Bamberg eine fantastische Partie gegen den Turnierfavoriten hin, bekleckerte sich aber gerade gegen schwächere Gegner nicht mit Ruhm (auch wenn die Ergebnisse passten). Vogels Schach sah deutlich souveräner aus. Das bekam auch der Elfjährige aus Indien zu spüren. Eine solche Hinrichtung wie gegen Roven Vogel ist ihm wahrscheinlich selten widerfahren.

Vogel, Roven (2.449) – Thrish, Karthik (1.842)
Bamberg-Open 2018, 7. Runde, Königsindisch

1. d4 Nf6 2. c4 g6 3. Nc3 Bg7 4. Nf3 O-O 5. Bg5

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Schon wenn Schwarz 4…d6 statt 4…0-0 gespielt hat, gilt das altehrwürdige Smyslow-System Lg5 nebst e3 als kaum geeignet, Königsindisch-Spielern das Leben schwer zu machen. Wenn Schwarz …d6 zurückhält, gilt das umso mehr. Warum das so ist, werden wir gleich sehen.

5… c5 6. e3

Objektiv ist das ein schlampiger Zug. Aber in Verbindung mit der Idee, gegen ein gleichermaßen ahnungsloses wie rechenstarkes Kind eine lange Positionspartie ohne große konkrete Verwicklungen anzustreben, ist 6.e3 zu rechtfertigen.

(6. d5 muss Weiß ziehen, wenn er Vorteil haben will. Nach 6…b5 gelangt die Partie dann in wolga-artige Gefilde oder nach …e6 in benoni-artige.)

6… cxd4 7. exd4

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7… d6 

Schematisch.

(7… d5! mit gutem Spiel für Schwarz ist bekannt, seitdem Schachfreund Igor Zaitsev den Zug 1967 in Moskau gegen Lev Polugajewski demonstriert hat. Weiß kann jetzt auf zweierlei Arten den d5-Bauern gewinnen, aber Schwarz bekommt dafür mehr als kräftiges Spiel nach 8. Bxf6 Bxf6 9. Nxd5 (Nach 9. cxd5 sind 9…Lg4 und 9…e6 angenehm für Schwarz.) 9… Bg7 Schwarz wird in der Folge mit …Sc6 und …Lg4 das weiße Zentrum unter Druck setzen, während der Weiße mit einer wackeligen Phalanx c4/d4, einem exponierten, wirkungslosen Sd5 und einem König im Zentrum dasteht. Schwarz hat mindestens ausreichende Kompensation für den Minusbauern.)

8. h3 b6

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Und auch das sieht eher krumm und improvisiert aus, nicht wie Teil eines schlüssigen Konzepts, nach dem sich Schwarz aufzubauen gedenkt.

9. Bd3 Bb7 10. O-O Nbd7 11. d5 

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Jetzt steht der Lb7 doof da, und dem Schwarzen bietet sich kein rechter Plan, dem Weißen das Leben schwer zu machen (wer sich angesichts des schwarzen Spiels an den Beitrag „Was sind eigentlich hässliche Züge?“ erinnert fühlt, der liegt richtig.). …b5 und …e6 wären potenzielle Hebel, beide mit dem Ziel, das weiße Zentrum zu knacken und den Lb7 wiederzubeleben. 11…e6 wäre sogar unmittelbar möglich, sieht aber nach 12.dxe6 strukturell verdächtig aus.

11… h6 12. Bh4 Ne5

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13. Nd4

(13. Nxe5 dxe5 käme Schwarz entgegen, nicht weil es objektiv vorteilhaft für Schwarz wäre, aber weil der planlos herumstehende Nachziehende dann endlich greifbare Pläne wie …Sf6-h5-f4 nebst Vorgehen am Königsflügel entwickeln könnte.)

13… Nh5?

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Jetzt ist …Sf6-h5-f4 keine Idee, sondern eine Einladung für Weiß, das Heft des Handelns energisch in die Hand zu nehmen.

14. f4 Nxd3

(Der Versuch, mit 14… Nxf4 15. Rxf4 g5 Verwirrung zu stiften, würde nur die schwarze Königsstellung unheilbar auflockern.)

15. Qxd3 Qd7 16. Rae1

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16… Rae8

(Weil Schwarz nach 16… e5 17. dxe6 Bxd4+ 18. Qxd4 fxe6 zwar schlecht stünde, aber Gegenchancen bewahren würde, war erst 16.g4 und dann 17.Tae1 präziser.)

17. g4 Nf6

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Schwarz stellt eine letzte Drohung auf. Wenn Weiß nicht aufpasst, folgt 18…Sxg4.

18. f5 g5 19. Bf2

Jetzt ist Schwarz eingeschnürt und ohne Gegenspiel. Weiß muss ihn nur noch hinrichten. Wie das am besten geht, demonstriert Roven Vogel mehr als überzeugend.

19… Bc8 

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Weiß könnte den Schwarzen noch in aller Ruhe am Damenflügel einschnüren oder den Druck auf der e-Linie erhöhen. Oder er exekutiert ihn sofort. Eine schöne Stellung, um zu demonstrieren, was Menschen immer noch besser können als Maschinen. Der folgende Zug gewinnt, kommt aber wegen seines tiefen Konzepts Engines nicht in den Sinn.

20. Ne6! fxe6 21. fxe6

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Der Punkt des weißen Spiels ist, dass die schwarze Dame von der Verteidigung des Königs abgeschnitten ist. Egal, was Schwarz macht, Weiß lässt Ld4 und Dg6 folgen, dann Se4 gefolgt von tödlichen Einschlägen auf f6 oder Se4-g3-f5. Schwarz kann nur zuschauen.

21… Qb7 22. Bd4 a6 23. Qg6 Rd8 24. Bxf6

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24… exf6

(24… Rxf6 25. Rxf6 exf6 26. e7 und aus.)

25. e7 Rde8 26. exf8=Q+ Rxf8

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Jetzt kann Schwarz für einen Moment von der Verteidigung …Df7 träumen, aber dazu kommt er nicht mehr.

27. Ne4

Und aus. Die Drohung Sxf6+ ist tödlich.

27… f5 28. Nxd6 

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Schwarz gab auf.

1-0

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Vincents Reifeprüfung

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Alexander Donchenko

Großmeister gegen Internationaler Meister, 20-Jähriger gegen 13-Jähriger, Elo 2.600 gegen 2.400. Nicht nur auf dem Papier, auch auf dem Brett war es ein Klassenunterschied – aber andersherum.

Den Ergebnissen nach war Vincent Keymers Start beim Bamberg-Open mit 3,5/4 in Ordnung, aber in den Partien hatte er den einen oder anderen wackeligen Moment überstehen müssen. Seine Reifeprüfung wartete dann in Runde fünf: Schwarz gegen den nominellen Turnierfavoriten Alexander Donchenko, ein Prestigeduell gegen ein Mitglied der „Prinzengruppe“, die dem deutschen Schach mehrere hoffnungsvolle Jung-Großmeister beschert hat.

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Vincent Keymer

Schon in der Eröffnung wartete Keymer mit einem originellen, in dieser Konfiguration unbekannten Konzept auf (9…h7-h5!?), und dagegen fand Donchenko keine angemessene Parade. Der 13-Jährige überspielte seinen erfahreneren und elostärkeren Gegner erst strategisch und war dann bis zum Ende der Partie taktisch auf der Höhe. An der entscheidenden Stelle rechnete Vincent Keymer tiefer und genauer als Alexander Donchenko; er sah voraus, dass dessen Plan, sich mit 28.Txd8 usw. zu befreien (siehe Partie), nicht funktionieren würde.

Als er sich später eines Verzweiflungsangriffs des Weißen erwehren musste, umschiffte Keymer wie schon in der Partie gegen Rapport beim Grenke-Open alle Klippen, fand manchen einzigen Zug und steuerte die Partie in ein gewonnenes Endspiel.

Eine reife Vorstellung!

Donchenko, Alexander (2.587) – Keymer, Vincent  (2.443)
Bamberg-Open 2018, Runde 5

1. Nf3 Nf6 2. g3 d5 3. Bg2 c6 4. O-O Bg4 5. h3

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5… Bxf3

5…Lh5 ist geläufiger. Vincent Keymer trennt sich ohne Not und unmittelbar von seinem Läufer, weil er Donchenko drei Runden zuvor hat 6.exf3 spielen sehen.

6. Bxf3

(6. exf3!? Nicht absurd, aber vielleicht ein wenig zu originell. 6…Nbd7 7. f4 e6 8.d3 geschah in Donchenko,A (2587)-Friedel,M (2190) in der zweiten Runde mit einem Remisschluss nach 47 Zügen. Hier und in der Folge wäre es interessant für Schwarz gewesen, unmittelbar mit …h5 auf die weiße Rochadestellung loszugehen. Womöglich hatte Keymer eben dieses geplant, und das inspirierte ihn, in der Partie ein ähnliches Konzept zu versuchen.)

6… Nbd7 7. d3

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7… e6 

Sich ein weißfeldriges Bauerndreieck im Zentrum zu bauen, nachdem der weißfeldrige Läufer vom Brett verschwunden ist, ist allemal ein gesundes Konzept.

(7… e5 ist gut spielbar, aber wie wir bald sehen werden, hat Schwarz auf der Diagonalen h2-b8 besondere Pläne und hält sie darum offen.)

8. e4 dxe4 9. dxe4 h5!?

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Im Nahschach eine Neuerung, im Fernschach schon gespielt. Aber ist das auch gesund? Wie Schwarz weiter vorzugehen gedenkt und vor allem, wo sein König enden soll, das erscheint an dieser Stelle alles andere als offensichtlich zu sein.

10. Bg5

Nach …h5 schwächelt das Feld g5, also parkt der Weiße dort eine Figur und schiebt außerdem …h4 einen Riegel vor. Aber das natürlichste aller Felder ist g5 nicht für den weißen Läufer, und der Zug erleichtert dem Schwarzen das weitere Vorgehen.

10… Qa5

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11. Qd2

(Nach 11. h4 Ne5 würde Weiß seine weißfeldrigen Löcher am Königsflügel deutlicher spüren als Schwarz das schwarzfeldrige.)

11… Bb4

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Nimmt dem Sb1 das letzte zentrale Entwicklungsfeld, einerseits.

12. c3 Be7 13. b4 Qc7 

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Andererseits hat Schwarz den Weißen eingeladen, am Damenflügel loszumarschieren. Lange Rochade sieht spätestens jetzt nicht mehr nach einer verlockenden Option für Schwarz aus. Aber soll der König des Nachziehenden wirklich im Zentrum und die Türme gesplittet bleiben?

14. Bf4 Ne5

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Stellt sich mit Freuden in die Fesselung, denn die ist nur von kurzer Dauer. Mittelfristig gehört die Diagonale h2-b8 dem Schwarzen.

15. Bg2 Nfd7 

Der Schwarze schafft sich auch noch die Option …g5, aber nötig war das nicht.

(15… h4 in Verbindung mit dem Plan …Sh5 sah schon sehr kräftig aus.)

16. Qe2

Der Sb1 soll endlich nach d2, um die Entwicklung zu vollenden.

16… h4

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Jetzt aber, und wenn Weiß nichts macht, kommt …g5 gleich hinterher.

17. g4 =+

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Das Eingeständnis, dass Schwarz schon besser steht. Aber die Alternativen waren ebenfalls unangenehm, ob nun 17. gxh4 Bd6 oder 17. Nd2 g5, jeweils mit besserem Spiel für Schwarz.

17… Bd6

Bemächtigt sich sogleich der Diagonalen. Der Weiße soll auf den schwarzen Feldern am Königsflügel gequält werden. Und der Schwarze hat geklärt, was mit seinem König geschehen wird. Nun, da die h-Linie geschlossen ist und der Th8 ohne Aufgabe dasteht, kann Schwarz kurz rochieren.

18. Nd2

(18. Be3 Ng6 19. Nd2 war womöglich zäher. Schwarz steht besser, aber er muss noch eine Menge beweisen, bevor es vorbei ist.)

18… Nf3+ 19. Nxf3 Bxf4 20. Rfd1 g5 21. Qc4

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Will erst die Dame aktivieren, dann auf der d-Linie verdoppeln.

21… O-O 22. Rd3

Aber auch das ist eine unglückliche Konfiguration.

22… Rad8 

Droht …Sb6.

23. Rad1 b5

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Jetzt hat die Dc4 keinen Platz, auf dem sie Frieden findet.

24. Qb3

Setzt alle Chips auf die Karte 25.Da3, sonst hätte er bestimmt 24.Dd4 gespielt.

(24. Qd4 c5 25. bxc5 Nxc5 26. Qxd8 Rxd8 27. Rxd8+ Kg7 wäre sehr angenehm für den viel aktiveren und besser koordinierten Schwarzen, aber es ist noch eine Partie.)

24… c5 25. Qa3

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Nur sticht die Karte 25.Da3 nicht, weil die geplante Abwicklung 28.Txd8 nebst 30.Dxa7 nach 30…Sa4 für Schwarz gewinnt (siehe unten). Der Nachziehende hat, wie sich bald zeigt, genauer und tiefer gerechnet. Wenn Weiß in der folgenden Sequenz nur ein Tempo Zeit hätte, um Luft zu holen, dann könnte er Da5 spielen, und alles wäre gut. Aber dazu kommt er nicht.

25… c4 26. Rd4 e5 27. Rd5 Nb6

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28. Ne1

Groß ist die Not, Weiß hat keinen guten Zug mehr. Also macht er einen schlechten, gibt eine Qualität auf und spielt mit einer im Abseits gestrandeten Dame weiter.

(An dieser Stelle fiel Donchenko wahrscheinlich auf, dass das geplante 28. Rxd8 Rxd8 29. Rxd8+ Qxd8 30. Qxa7 nach dem tückischen 30…Na4 -+ geradewegs ins Verderben führt. Der c3-Bauer geht über Bord, und in der Folge kann Schwarz das Vorrücken seines Freibauern mit Drohungen gegen den weißen König kombinieren.)

28… Nxd5 29. exd5

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Könnte Weiß jetzt seinen Läufer auf e4 installieren und die Stellung geschlossen halten, dann hätte er noch Remischancen.

29… e4!

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Stark! Verhindert, dass sich Weiß bei vollem Brett per Le4 eine Festung baut und bringt mit Tempo die einzige unbeschäftigte Figur ins Spiel.

30. Bxe4 Rfe8 31. Bf3

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31… Qb6?! 

Droht …Lg3. Schwarz übersieht den sofortigen Gewinn, behält aber eine furchterregende Initiative.

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Variante 31…Le3!, Stellung nach 34…Txd5!!: Weiß ist wehrlos.

(31… Be3! Gewinnt unmittelbar, aber diesen Killer kann Schwarz nur spielen, wenn er in der Hauptvariante den zweiten Killer 34…Txd5!! vorhersieht. Und der wäre, zumal kurz vor der Zeitkontrolle, auch Spielern ganz anderen Kalibers entgangen. 32. fxe3 (32. Kg2 Bxf2 33. Kxf2 Qg3+ 34. Kf1 Rxe1+ 35. Rxe1 Qxf3+ und aus. Schwarz holt sich noch den h3-Bauern mit Schach ab, dann läuft sein Freibauer, während Weiß mit seiner im Abseits gestrandeten Dame keinerlei Spiel hat. „Matt in 13“, sagt die Engine.) 32… Qg3+ 33. Bg2 Qxe3+ 34. Kh1 Rxd5!! (Diagramm) und Weiß hat keine Verteidigung mehr. Der Td5 ist tabu: 35. Bxd5 Qxh3+ 36. Kg1 Qxg4+ Schwarz bedient sich auf d1 und setzt dann Matt.  „Matt in 12“, sagt die Engine.)

32. Nc2

Strebt nach d4.

32… Bc7

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Jetzt muss sich Weiß mit der potenziellen Dame-Läufer-Batterie nach …Dd6 auseinandersetzen.

33. Qc1 Bf4 34. Qa3

Der Weiße bekommt seine Dame partout nicht zurück in die Partie.

34… Be5 

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Droht …Df6 mit Doppelangriff auf c3 und f3.

35. Nd4

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35… Qf6?

(35… Bxd4 Verständlich, dass sich Schwarz angesichts seines Tanzes auf den schwarzen Feldern nicht von seinem Läufer trennen will. Aber er darf den Sd4 nicht nach f5 springen lassen. Stattdessen wäre es an der Zeit gewesen, die Mehrqualität zu betonen und die Partie Richtung Endspiel zu steuern. 36. Rxd4 Re1+ 37. Kg2 -+ ist noch nicht trivial, aber langfristig gewonnen für Schwarz.)

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36. Qc1?

Beseelt vom Wunsch, seine Dame zurück ins Spiel zu bringen, verpasst der Weiße eine Rettungschance. Stattdessen opfert er weiteres Material für eine Attacke, die zwar gefährlich, aber objektiv nicht ausreichend ist.

(36. Nf5! Bxc3 37. d6 Um den Preis eines Bauern hat Weiß alles koordiniert und aktiviert, sich einen ewigen Springer auf f5 verschafft, einen kaum antastbaren Freibauern auf d6 noch dazu, und sogar die Dame spielt wieder mit. Objektiv steht Schwarz noch ein wenig besser, aber angesichts der kräftigen weißen Kompensation sind wieder alle drei Ergebnisse möglich.)

36… Bxd4 37. Rxd4 Qxf3 38. Qxg5+ Kf8 39. Qh6+ Ke7 40. Rf4

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Obwohl die mit 36.Dc1 eingeleitete Attacke nicht vollständig gesund ist, zeigt sie doch, welche Biester 2.600-Großmeister sind, auch wenn sie schon am Rande des Abgrunds wandeln. Schwarz muss jetzt die einzige Aufstellung finden, in der er seinen Mehrturm zur Geltung bringen kann. Aber, das wissen wir seit der Partie Rapport-Keymer beim Grenke-Open, unter Druck rechnen kann der Schwarze wie wenige andere.

40… Qd1+

(40… Qxd5?? 41. Qxh4+ endet mit Dauerschach.)

41. Kh2 Rd6!

Einziger Gewinnzug.

42. Qxh4+ Kd7

(42… f6?? 43. Re4+ Kd8 44. Rxe8+ Kxe8 45.Qh8+ mit Dauerschach.)

43. Rxf7+ Kc8

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Schwarz hat die Gewinnaufstellung gefunden. Weiß kann noch ein paar Drohungen aufstellen, hat für den Moment noch vier Bauern für den Turm, aber sein Spiel versandet jetzt nach und nach.

44. Qh7 Qd3 45. Rc7+ Kd8 46. Qg7 Qe2 47. Rf7 Qe5+ 48. Qxe5 Rxe5

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Das Endspiel mit Minusturm ist hoffnungslos für Weiß. Seine Bauern am Königsflügel müssten weiter vorgerückt sein, um ihm Gegenchancen zu sichern.

49. h4 Rd7 50. Rf4 Rexd5 51. h5 Ke8 52. Kg3 Rd3+ 53. Kh4 Rxc3 54. g5 Rc1 55. g6 c3 56. h6 c2 57. g7 Rh1+ 58. Kg5 Rg1+

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Weiß gab auf.

0-1

Wenn Willenskraft den Sieg erzwingt

In allen Sportarten gibt es das Phänomen vom Spieler, der ein knappes Spiel gewinnt, weil er den Sieg mehr gewollt hat. Auch beim Schach, wie diese Partie zeigt.

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Sam Shankland. (Foto: Lennart Ootes)

In der dritten Runde war noch nicht abzusehen, dass nicht einer der drei Top-Ten-Spieler, sondern Sam Shankland die US-Meisterschaft dominieren würde. Aber die Partie zeigte schon in aller Deutlichkeit die Attitüde, mit der Shankland jeden seiner Gegner in den kommenden Runden beharken würde: Stellung komplex halten, Ungleichgewichte provozieren, taktische Chancen suchen. Wer so spielt und dazu noch in Galaform ist, der gewinnt Turniere – auch wenn sie so stark besetzt sind wie die US-Meisterschaft.

Izoria, Zviad (2.599) – Shankland, Samuel (2.671)

US-Meisterschaft St. Louis 2018, 3. Runde

1. c4 e6 2. Nc3 d5 3. d4 Nf6 4. cxd5 Nxd5

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Kramniks Zug.

5. Nf3 c5 6. e3 cxd4 7. exd4 Nxc3

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Ist erst in der jüngeren Vergangenheit populär geworden. Normalerweise geschieht hier 7…Le7 oder 7…Lb4 mit einer Standard-Isolani-Stellung, wie sie aus vielen Eröffnungen entstehen kann. Aber Shankland bringt die Stellung noch weiter aus dem Gleichgewicht.

8. bxc3 Qc7

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9. Bb2

Wenn Weiß in der Folge zu c4 und d5 kommt, steht der Läufer hier gut. Wenn nicht, dann nicht. Weiß träumt jetzt schon von einem Angriff gegen den kurz rochierten schwarzen König. 9.Ld2 wird gleichwohl häufiger gespielt.

(9. c4?! Direkt eine Stellung mit hängenden Bauern anzustreben, wäre fragwürdig. Schwarz kann sofort per 9…Lb4+ Material vom Brett nehmen, und jede Vereinfachung hilft der Seite, die gegen die hängenden Bauern kämpft.)

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9… Nd7

Bevor er sich anderweitig entwickelt, muss Schwarz die Option Se5 nebst f4 aus der Stellung nehmen.Nach z.B. 9…b6 10.Se5 hätte Schwarz schon Probleme.

10. Bd3 Be7

(10… Ba3!? sieht nach einer veritablen Option für Schwarz aus. Aber Vereinfachung will Shankland an diesem Tag aus dem Weg gehen, wo immer er kann.)

11. O-O

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11… b6

Lässt sehenden Auges 12.d5 zu, provoziert es sogar.

(11… O-O Erst rochieren, danach …b6 gibt Weiß die Möglichkeit 12. Qe2 b6 13. Qe4 Die Angelegenheit ist aber nicht so klar. 13…Nf6 14. Qxa8 Bb7 15. Qxa7 Ra8 16. Qxa8+ Bxa8 und für den Moment ist die Dame stärker als die beiden Türme.)

12. d5

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Der Bauer ist natürlich tabu. …exd5 würde mit Te1 beantwortet, und der schwarze König wäre im Zentrum festgenagelt. Ist die schwarze Eröffnung schiefgegangen?

12… O-O 

(12… Nc5 wäre der normale Zug. Auf 13. c4 O-O würden sich die meisten Schwarzspieler ohne allzu große Bedenken einlassen. Der Kg8 steht zwar ohne Leibgarde da, aber unmittelbar hat Weiß noch kein Spiel gegen den König.)

13. dxe6 fxe6 

Schwarz lässt sich bereitwillig einen rückständigen Isolani auf der e-Linie andrehen…

14. Qc2 h6

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…und weißfeldrige Löcher am Königsflügel noch dazu. „Und was bekommt er dafür?“, könnte man fragen. Shankland sucht Chancen auf der f-Linie und der langen Diagonalen a8-h1.

15. Bh7+

(15. Rae1 Bb7 16. Nd4 Nc5 17. Bh7+ Kh8 18. Nxe6 Qc6 19. Qg6 Rf7 mit unklarem Spiel (Yermolinsky) ist eine Variante, die veranschaulicht, in welchem Maße Shankland bereit ist, Risiko zu nehmen, um taktische Chancen zu bekommen.)

15… Kh8 16. Be4

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Eben diese Diagonale darf Weiß dem Schwarzen nicht überlassen.

16… Rb8

Und wieder wählt Schwarz den Zug, der die Stellung am komplexesten hält.

17. c4 Bf6

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18. Ba3 

Jetzt endlich ist der Sd7 beweglich, der bislang an Ort und Stelle bleiben musste, um Se5 zu verhindern. Um diesen Zustand beizubehalten, wäre womöglich 18.Lxf6 besser gewesen. Aber dem Weißen schwebt eine spezifische Aufstellung vor.

18… Nc5 19. Rad1 Bd7 20. Bxc5 bxc5 21. Rb1 Rb4 22. Qe2

Weiß will eine Dame-Läufer-Batterie auf der Diagonalen b1-h7 installieren.

22… Rfb8 23. Bc2

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23… Rxb1 24. Bxb1 Kg8!

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Ein erstes Indiz, dass die weiße Strategie zu scheitern droht. Weiß hat seinen schwarzfeldrigen Läufer gegeben und darauf gesetzt, dass er mit einer Dame-Läufer Batterie Unheil am Königsflügel anrichten kann. Aber dort ist jetzt schwarzfeldrig alles unter schwarzer Kontrolle, dem Sf3 ist die Perspektive e5 komplett abhanden gekommen, und der schwarze König neutralisiert alle Drohungen, indem er schlicht zur Seite geht.

25. h4 Kf8 26. Qe3 Rb2 27. g4

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Will seinen Sf3 wiederbeleben und um die schwarzen Felder kämpfen, indem er den Lf6 befragt.

27… Qd6 28. g5 hxg5 29. hxg5 Bd4 30. Nxd4 Qxd4

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31. Be4?

Gibt zu früh die aggressiven Ambitionen auf.

( 31. Qxd4?! cxd4 Das Endspiel wäre günstig für Schwarz, dessen gedecktem Freibauern auf der d-Linie weiße Wackelkandidaten auf a2 und c4 gegenüberstehen.)

(31. Qf3+ Ke7 32. Bg6 Qxc4 33. Qf7+ Kd8 Nun sieht es angesichts der Möglichkeit …Dg4+ und der scheunentoroffenen langen Diagonalen zwar aus, als habe Weiß ausgespielt, aber der kleine (und wahrscheinlich von Izoria übersehene) Zug 34. Bh5! entpuppt sich als äußerst giftig. Td1 droht, und nur mit 34…Qd5 bleibt Schwarz in der Partie. 35. Qxg7= Es stellt sich heraus, dass Weiß sich nach …Lc6 ins ewige Schach retten kann, weil nach Dg7+ auf b2 ein Turm mit Schach hängt, sollte Schwarz die b-Linie betreten.)

31… Rxa2

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32. Qf3+?

(32. Qxd4 cxd4 33. Rb1 Jetzt würde die Drohung Tb7 dem Schwarzen gute Überlebenschancen geben.)

32… Ke7

Weiß hat keine guten Züge mehr.

33. Rd1 Ra1 34. Bb1 Bc6

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Weiß gab auf.

0-1

Sizilianisch Marke Eigenbau: den Theoretiker aus dem Konzept gebracht

Seit 2014 gibt es in Aserbaidschan das Gaschimow-Memorial, ein jährliches Superturnier in Gedenken an den aserbaidschanischen Großmeister Vushar Gaschimow, der Anfang 2014 27-jährig einem Gehirntumor erlag.

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Vugar Gaschimow (Illustration: Willum Morsch/@WillumTM)

Am Brett war Gaschimow ein kreativer Draufgänger, ein Angreifer und kompromissloser Kämpfer. Leider spiegelte das Turnier diese Attitüde seines Namensgebers nicht wider. Speziell die einheimischen Spieler schoben ein Remis nach dem anderen, insbesondere, wenn sie einander gegenüber saßen.

Teimour Radjabow, der das Turnier mit 9 Remisen abschloss, brüskierte Zuschauer wie Organisatoren, indem er seine Kurzremisen als „professionell“ rechtfertigte. Kein Wunder, dass der Organisator und Vizechef des aserbaidschanischen Verbands Mahir Mamedow hinterher ebenso stinksauer war, wie es Vugar Gaschimow gewesen wäre.

Weltmeister Magnus Carlsen war der einzige, der den viel zu früh gestorbenen 2.700-Großmeister würdigte, indem er sich aus dessen originellem Eröffnungsrepertoire bediente – und eine gehörige Prise Eigenbau hinzufügte. Das reichte, um den polnischen Supertheoretiker Radoslaw Wojtaszek aus dem Konzept zu bringen.

Carlsen, Magnus (2.843) – Wojtaszek, Radoslaw (2.744)
Shamkir Chess 2018, 5. Runde, Sizilianisch

1. e4 c5 2. Sc3 d6 3. d4 cxd4 4. Dxd4 Sc6

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Eine Reminiszenz des Weltmeisters an Vugar Gashimow, der an dieser Stelle Lb5 spielte und damit unter anderem die Herren Grischuk und van Wely geschlagen hat.

5. Dd2 Sf6 6. b3

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Aber das ist neu im offenen Sizilianer. Weiß finachettiert den Lc1, rochiert dann lang und setzt darauf, dass sein König in dieser Formation sicher sein wird.

6… e6 7. Lb2 a6 8. O-O-O b5 9. f3 h5

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Will g4 stoppen, wie es der Schwarze in solchen Stellungen häufig tut. Aber in diesem Fall womöglich schon eine Überreaktion. Ein wesentlicher Unterschied zu „normalen“ Sizilianisch-Stellungen ist, dass der Sf3 noch auf seinem Ausgangsfeld steht. Und das wirkt sich zugunsten des Weißen aus.

10. Sh3

Carlsen hat ein Loch auf g5 erspäht und schickt sofort seinen Springer aus, um dieses zu besetzen.

10… Le7 11. Sg5 h4

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Damit Weiß den Springer nicht dauerhaft auf g5 einpflanzt. Aber wo soll der schwarze König jemals einen sicheren Hafen finden?

12. f4 Lb7 13. Kb1 Tc8 14. Le2 Dc7 15. The1

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Schwarz hat alle sizilianischen Schemazüge gemacht, und nun steht er schlecht. Am Damenflügel geht es nicht weiter, und anderswo kann der Schwarze nicht viel anderes tun als stillhalten. „Ich wusste nicht, was ich machen soll“, gestand Wojtaszek nach der Partie.

15… Sh7

Verständlich, dass sich Schwarz entlasten und nach Möglichkeit …Lf6 spielen will. Aber 15…Sh7 sollte geradewegs zum Verlust führen.

16. Sxh7 Txh7

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17. g4?!

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Variante nach 17.Sd5!

(17. Sd5! ist für jeden Schachspieler, der mit Weiß gelegentlich einen offenen Sizilianer spielt, ein Kandidat, natürlich auch für Magnus Carlsen. „Aber ich konnte es nicht bis zum Ende durchrechnen und dachte, ich sollte auch nach einem normalen Zug gut genug stehen“, erklärte der Weltmeister nach der Partie – und ging hart mit sich ins Gericht: „Eine fürchterliche Entscheidung.“ 17… exd5 18. exd5 Sd8 19. Lg4 (Diagramm) führt in ein arges Variantengestrüpp, das Rechner auf Neuronenbasis wahrscheinlich eher erfühlen müssen, weil sie es nicht komplett durchforsten können. Aber wenn sich Weiß vergegenwärtigt, dass Schwarz schon gegen eine simple Turmverdopplung auf der e-Linie fast hilflos ist, dann ahnt er, dass er auf Gewinn steht.)

17… hxg3 18. hxg3 Lf6

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Mit einem eigenen Läufer, der auf der langen Diagonalen gegen c3 drückt, sieht es schon wieder ganz passabel für Schwarz aus.

19. Ld3 Th8 20. g4

Schreckt vor dem scheinbar natürlichen 20.Th1 zurück, um die gesplitteten schwarzen Türme zu erhalten. Zum zweiten Mal spielt Carlsen stattdessen in dieser Partie g4, und wieder ist es ein zweifelhafter Zug.

20… Sd4

Schwarz ist zurück im Spiel. …Sxb3 und …Sf3 drohen.

21. Te3

Deckt indirekt den Sc3.

21… Kf8

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Nimmt das Abzugsschach Lxb5+ aus der Stellung und erneuert die Drohung …Sxb3.

22. Se2 Sxe2 23. Txe2 Lc3 24. Lxc3 Dxc3 25. De3

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Trotz allem hat sich der Weiße angesichts der schwierigen schwarzen Königsstellung und der schlecht koordinierten Schwerfiguren seines Gegners einen kleinen Vorteil erhalten. Wenn Schwarz jetzt einfach stehenbleibt, folgt g5, Tf1, f5 und so weiter mit weißer Initiative. Schwarz fällt es weiterhin schwer, seinerseits am Damenflügel etwas Greifbares zu erreichen.

25… Tc5

Plant …a5-a4, aber das ist zu langsam und der Turm ansonsten deplatziert, wie Schwarz sofort zu spüren bekommt.

26. e5

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26… dxe5

(26… Td5 27. Da7 und der Turm fehlt als Verteidiger am Damenflügel.)

27. fxe5 Th1

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Darauf hatte sich Schwarz verlassen, zu Unrecht. (27… Tc7 leistet noch Widerstand.)

28. Txh1 Lxh1 29. Th2 Txe5

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…Te1# wäre Matt, aber Weiß kommt dem Schwarzen zuvor. 32.g5+ gewinnt Haus und Hof, das hatte Wojtaszek zu Beginn der Abwicklung wahrscheinlich übersehen.

30. Th8+ Ke7 31. Da7+

und Schwarz gab auf wegen 31…Kf6 32. g5+ und Schwarz verliert mindestens eine Figur.

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1-0

 

Der Blübaum-Killer traf einen anderen: Caruanas Französisch-Lehrstunde

Auf Weltklasse-Niveau wird die Französische Verteidigung kaum gespielt, weil es ihr an Solidität fehlt. Auch Anfänger sollten besser die Finger davon lassen, weil Französisch eine heikle Angelegenheit ist. In vielen Abspielen macht Schwarz positionelle Zugeständnisse (wenig Raum, schlechter Läufer) und muss sich auf taktische/dynamische Ideen verlassen, um Spiel zu bekommen. Ein schmaler Grat, von dem der ungeschulte Schachjünger nur allzu leicht herunterpurzelt.

Im schachlichen Mittelbau erfreut sich die Französische Verteidigung ungebrochener Vitalität, vor allem in Deutschland. Fast alle deutschen Großmeister haben „Französisch“ im Repertoire gegen 1.e4. Georg Meier gilt gar als weltweit führender Experte in der Rubinstein-Variante, in der Schwarz (eher untypisch) früh …d5xe4 spielt.

Neulich beim GrenkeClassic musste der deutsche Franzose manchen Härtetest überstehen. Insbesondere Matthias Blübaum glänzte, als er mit den schwarzen Steinen Fabiano Caruanas Steinitz-Franzosen souverän neutralisierte.

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Yasser Seirawan schaute Fabiana Caruana staunend über die Schulter: „Das kann doch nicht gut sein, was Fabiano spielt…“

Wie leicht es hätte anders laufen können, zeigt eine Partie aus der gerade beendeten US-Meisterschaft, in der der Weltranglistenzweite seinen Gegner vom Brett fegte. Der hatte ein Abspiel gewählt, das auch Blübaum gelegentlich spielt, von dem der Deutsche aber in der Partie gegen Caruana Abstand genommen hatte. Aus gutem Grund.

Die Partie des WM-Herausforders veranschaulicht, wie sehr sich Schach immer noch entwickelt. Das Konzept, den vermeintlich „guten“ weißfeldrigen Läufer abzugeben, um Zeit zu gewinnen, in Verbindung mit der langen Rochade, die Schwarz geradezu zum Königsangriff einlädt, das ist hochmodernes Schach, wie es so noch vor wenigen Jahren nicht gespielt wurde.

Im Live-Studio in Saint Louis schaute US-Großmeister Yasser Seirawan staunend zu. Der, einst selbst ein Top-Ten-Spieler, konnte kaum glauben, was er sah: „10.0-0-0, das kann doch nicht gut sein…“

 

Caruana, Fabiano (2.804) – Akobian, Varuzhan (2.647)
US-Meisterschaft 2018, Saint Louis

1. e4 e6 2. d4 d5 3. Sc3 Sf6 4. e5 Sfd7 5. f4 c5 6. Sf3 Le7 7. Le3 Sc6 8. Dd2

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Eine Grundstellung des klassichen Steinitz-Franzosen (3.Sc3 Sf6 4.e5), der sich zur Französisch-Hautpvariante gemausert hat. Schwarz kann nun unmittelbar kurz rochieren, kann aber auch erst am Damenflügel aktiv werden, in der Regel mit …a6 und …b5. Letzteres spielt Caruana selbst, wenn er sich für Französisch entscheidet (im Schnellschach oder gegen Spieler unter 2.700).

8… b6

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Eine Nebenvariante, die unter anderem der Deutsche Matthias Blübaum gelegentlich spielt, wenn er keine Lust auf 8…a6 hat. Und eine kleine Provokation zudem. Eine zentrale Weisheit aus Sicht der Weißen im Steinitz-Franzosen ist ja, dass Weiß nicht lang rochieren darf, so lange Schwarz mit …c4 und …b5-b4 sofort gegen den weißen König losmarschieren kann. Mit 8…b6 statt 8…a6 lädt Schwarz den Weißen zur langen Rochade ein und behauptet, dass dieses Konzept auch noch gilt, wenn Schwarz ein Tempo für den
Angriff am Damenflügel verloren hat, weil er …b7-b6-b5 spielen muss.

9. Lb5

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Die moderne Fortsetzung, die Schachmeister noch in den 80er-, womöglich 90er-Jahren mit einer hochgezogenen Augenbraue betrachtet hätten. Aber so wie notorische Damenbauer-Spieler mit dem jüngsten Aufkommen des London-Systems lernen mussten, dass man den Lf1 auch nach b5 statt d3 entwickeln kann, müssen auch Französisch-Spieler auf neue Konzepte gefasst sein. Wer weiß, in ein paar Jahren gilt 9.Lb5 womöglich als Widerlegung von 8…b6. Und vielleicht ist das ja genau der Braten, den Blübaum vor seiner Partie gegen Caruana beim Grenke-Chess gerochen hat.

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Variante nach 12…Dc7: Weiß ist voll mobilisiert und hat jetzt gewaltige Initiative für die geopferte Figur.

(9. O-O-O c4 10. Lxc4!? dxc4 11. d5 exd5 12. Dxd5 Dc7 (12…Lb7 13.e6 gewinnt für Weiß) wäre mindestens interessant und wahrscheinlich ein ziemlicher Schock für den Schwarzen. In der Praxis gab es diese Stellung noch nicht. Das weiße Konzept wäre so ähnlich wie in der Partie: Anstatt den oft im späteren Verlauf der Partie so wichtigen weißfeldringen Läufer unter Verrenkungen auf dem Brett zu halten, gibt Weiß ihn sofort her, um Zeit zu sparen, sich die Koordination zu erleichtern und sofort mobilisiert zu sein. Dass Schwarz wegen …b6 ein wenig Stabilität am Damenflügel eingebüßt hat, spielt dem Weißen in die Karten. 12.Dxd5 kommt mit Tempo, sonst würde die Chose nicht funktionieren. Jetzt genießt Weiß eine mächtige Initiative. Ihm bieten sich nach 12…Dc7 eine Reihe interessanter Fortsetzungen an, vom offensichtlichen 13.e6 über 13.Sb5 nebst 14.e6 und 13.Sd4 bis zu 13.Sg5.)

9… Dc7 10. O-O-O

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Auch das würden Schachmeister der 80er- und 90er-Jahre nicht gutheißen, wie sich an der Reaktion von Yasser Seirawan bei der Liveübertragung trefflich beobachten ließ. Seirawan versteht das Spiel heute noch besser und tiefer als die meisten anderen, aber 10.0-0-0, „das kann doch nicht gut sein?!“, sagte er ungläubig. Doch, Yasser, kann es, weil Weiß dank Lf1-b5xc6 viel schneller ist als in den Lehrbuchstellungen, in denen Weiß mit 0-0-0 ins Unheil rochiert.

10… a6 11. Lxc6 Dxc6 12. f5 

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Schwarz hat mit …b6, …Dd8-c7 und …a6 eine Menge Zeit verplempert, nur um sich den weißfeldrigen Läufer des Weißen einzuverleiben. Weiß hat derweil alles entwickelt, und jetzt setzt er als erster einen Hebel an, lange bevor der Schwarze auch nur in die Nähe seines Königs kommt.

12… c4 13. f6!

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Öffnet Linien für den Angriff und räumt das Feld e5 für den Sf3.

13…gxf6 14. exf6 Lxf6 15. Thf1

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Die weiße Attacke richtet sich gegen f7.

15… b5

Jetzt, spät, wird der schwarze Gegenangriff zumindest spürbar.

16. Df2

Caruana nahm sich angesichts des zu erwartenden …b5-b4-b3 eine halbe Stunde Zeit, um den besten Weg auszutüfteln, wie er als erster ans Ziel kommt. Immer noch ist das Konzept der beschleunigten Mobilisierung dank Lf1-b5xc6 gegenwärtig. Weder auf f1 noch auf der zweiten Reihe steht dem Weißen ein Läufer im Weg, so dass er unmittelbar auf der f-Linie verdoppeln kann.

16… b4

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17. Se2

(17. Se4!? war auch eine Option, aber Weiß hat keine Figurenopfer nötig. Sein Angriff rollt auch so, während sich schwarzes …b4-b3xa2 per Kd2 recht einfach entschärfen lässt.)

17… b3 18. Se5

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Wäre Schach Fußball und würde in Stadien gespielt, dann würde spätestens an dieser Stelle „Jetzt geht’s los!“ aus der Caruana-Fankurve erschallen.

18… Lxe5

Nicht schön, aber was sonst?

(18… bxa2 19. Sxc6 a1D+ 20. Kd2 Dxb2 +- Jetzt liegen Tb1 und Se5 in der Luft. Die schwarze Stellung ist nicht zu halten. Weiß steht mit zwei Minusbauern auf Gewinn.)

19. Dxf7+ Kd8 20. dxe5 bxa2

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Sieht angesichts des drohenden …a1D nach kräftigem Gegenspiel aus, aber nach…

21. Kd2

…hat Weiß alles unter Kontrolle.

21…Tf8 22. Dxh7 Txf1 23. Txf1

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Jetzt droht tödlich Se2-d4xe6+.

23… d4

Räumt der Dame das Feld d5.

24. Dg8+ Kc7 25. Sxd4 Dd5 26. Dxe6

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Nachdem Weiß den kompletten schwarzen Königsflügel eingesammelt hat, wäre er auch mit einem Endspiel glücklich. Während der a2-Bauer keine Gefahr darstellt, wäre das Duo auf h- und g-Linie kaum zu stoppen.

26… Da5+

Die ungleichfarbigen Läufer hielten hinsichtlich eines möglichen Endspiels die kleine schwarze Remishoffnung am Leben, aber jetzt ist es aus. Schwarz übersieht die Kombination 28.Tf7+ nebst Lf4+.

27. c3 Sxe5

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28. Tf7+! Sxf7 29. Lf4+ Kb7 30. Dxf7+ nebst Matt. Schwarz gab auf.

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1-0

Frührentner gegen Edelzocker

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Veselin Topalow (Illustration:  Willum Morsch/@WillumTM)

Der Beste der Welt ist der Bulgare Veselin Topalow längst nicht mehr, aber er bleibt einer der spektakulärsten Spieler. Anlässlich des Superturniers im aserbaidschanischen Schamkir kam der im Halbruhestand befindliche Exweltmeister jetzt zurück – und wie.

Topalow ist am Brett ein Garant für Dynamik und Zweischneidiges. Wenn so einem Spieler der ähnlich gestrickte aserbaidschanische Edelzocker Shakh Mamedyarow gegenübersitzt, dann fliegen die Fetzen, dann werden Brücken abgebrochen. Das Duell der beiden in der vierten Runde enttäuschte nicht. Die erste Chance, einen Bauern für Angriff zu opfern, nutzte Topalow, und in diesem Stil ging es beiderseits weiter, bis die Partie ein abruptes, überraschendes Ende fand.

Topalow, Veselin (2.749) – Mamedyarow, Shakhriyar (2.814)

Schamkir Chess 2018, 4. Runde

1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lb5 a6 4. La4 Sf6 5. O-O Sxe4

Keine Überraschung. Der offene Spanier ist seit langem ein substanzieller Teil von Mamedyarows Schwarzrepertoire gegen 1.e4.

6. d4 b5 7. Lb3 d5 8. dxe5 Le6

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Die Grundstellung, in der Weiß zwischen einer Reihe plausibler Fortsetzungen wählen kann. Die Struktur zeigt schon die generelle Idee beider Seiten an. Weiß wird seine Majorität am Königsflügel ins Rollen bringen wollen, Schwarz seine am Damenflügel.

Der Lb3 beißt auf Granit, er wird über c2 zurück ins Spiel kommen, zum Königsflügel schauen und den Se4 befragen, denn den will Weiß nicht dauerhaft in seiner Bretthälfte eingepflanzt sehen. Der Sc6 wird sich derweil meistens auf der Route c6-a5-c4 bewegen und seinen c7-Bauern mobil machen. Erforscht wird diese Stellung schon seit langem. Unter anderem die Herren Zukertort und Blackburne hatten sie 1887 auf dem Brett.

9. Le3 Le7 10. c3 O-O 11. Sbd2 Sxd2 12. Dxd2 Sa5 13. Lc2 Sc4 14. Dd3 g6

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15. Lh6

Eine offene Frage nach der Partie ist, ob Mamedyarows Vorbereitung gegriffen hat oder nach hinten losging. Einerseits sagte der Lokalmatador, dass er 15.Lc1 für den Hauptzug hält, obwohl die Ergebnisse im Nah- und Fernschach deutlich für 15.Lh6 sprechen. Andererseits wird der Weltranglistenzweite sich auch in der Folge an maschinelle Empfehlungen halten, was dafür spricht, dass er die Variante daheim angeschaut hatte. So oder so, es ist kaum Topalows Stil, kleinmütig einen Bauern zu decken, wenn er ihn opfern und dafür Initiative bekommen kann.

Neu ist diese Chose jedenfalls nicht. Schon in der Partie Yates-Gunsberg 1914 geschah 15.Lh6.

15… Sxb2

Nimmt die Herausforderung an.

(15… Te8 ist die Alternative, die den Turm rettet, ohne den Springer ins Abseits zu manövrieren.)

16. De2

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16… Te8

„Komm doch“, sagt Schwarz und schickt sich an, den Mehrbauern zu behalten.

(16… c5 schlug Topalow nach der Partie vor. Für die Qualität bekommt Schwarz das Läuferpaar und eine mobile Bauernmasse im Zentrum/am Damenflügel. 17. Lxg6 fxg6 18. Lxf8 Dxf8 19. Dxb2 mit Kompensation laut Topalow.)

17. Sd4

Logisch. Der f-Bauer muss marschieren.

(17. Lxg6?! hxg6 18. Dxb2 würde den Bauern zurückgewinnen, aber jede Initiative aufgeben und die Koordination noch dazu.)

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17… Ld7

Klar der beste Zug nach Engine-Einschätzung und ein deutliches Indiz, dass Mamedyarov an dieser Stelle noch wusste, was er tat. Schwarz will den weißfeldrigen Läufer auf dem Brett behalten, …c5 mit Tempo spielen und den Springer rausschmeißen.

(17… Nc4 spielte Schachfreund Gunsberg vor über 100 Jahren und wurde ziemlich bald am Königsflügel überrollt.)

18. f4

Jetzt noch f5, dann e6, dann mattsetzen. Aber beim Schach wird abwechselnd gezogen.

18… c5 19. Sf3

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Der Plan f4-f5 und e5-e6 bleibt auf der Agenda, aber ohne Unterstützung von einem Springer auf d4 muss sich Weiß kurzfristig andere Ziele suchen.

19…Db6 20. Df2 d4

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Greift der Gegner am Flügel an, gehe im Zentrum vor, heißt es.

21. Lg5

Weiß findet neue Ziele: die schwarzen Felder rund um den schwarzen König sind anfällig, und das wird Topalow in der Folge betonen. Allerdings um den Preis eines weiteren Bauern.

21… dxc3 

Spätestens jetzt ist offensichtlich, wie sehr die Partie auf des Messers Schneide steht. Entweder der weiße Angriff schlägt durch, oder Schwarz gewinnt mit vier gegen einen Bauern am Damenflügel.

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22. Dh4

(22. Lxe7 Txe7 hatten beide Spieler erwogen. Mamedyarow sah, dass nach 23. Sg5 (23. f5 war eine Alternative, die Topalow erwogen hatte, aber er schätzte richtig ein, dass dem weißen Angriff die Kraft fehlt.) 23… f5 24. Lb3+ Kg7 Weiß nicht recht weiterkommt. Der Einschlag 25. Nxh7 sieht verlockend aus, führt aber zu nichts. Schwarz steht besser.)

22… c4+ 23. Kh1 Lf8!

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Ein starker Verteidigungszug zur rechten Zeit. Schwarz hält den Hüter seiner schwarzen Felder auf dem Brett, während der Lg5 nun in erster Linie dem Springer im Wege steht, der gerne zur Unterstützung herbeeilen würde.

24. f5 Sd3

Bringt den Sb2 zurück ins Spiel und, wichtiger, schließt den Lc2 vom Angriff
aus. Weiß kommt nur mit der Brechstange weiter.

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25. e6! Lxe6!

Nur so! Schwarz hat so viele weiße Bauern eingesammelt, dass er guten Gewissens eine Figur ins Geschäft stecken kann, um den weißen Angriff zu stoppen.

(25… fxe6? 26. fxg6 könnte Schwarz nicht überleben.)

26. fxe6 Txe6

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27. Tad1

Konkret geht es nicht weiter, also kommt die einzige unbeschäftigte Figur ins
Spiel.

(27. Sd4 nebst 28.Txf7 hatte Topalow geplant, aber gerade rechtzeitig fiel ihm auf, dass 27…Td6 dem Schwarzen das entscheidende Tempo gewinnt. Der Springer muss ziehen, weil 28. Txf7 h6 zu einer schwarzen Gewinnstellung führt.)

27… Tae8

Gibt noch einen Bauern zurück, um maximal zu mobilisieren.

28. Lxd3 cxd3 29. Txd3

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Das Schlachtgetümmel hat sich ein wenig gelichtet. Die weiße Angriffswelle hat der Schwarze abgewehrt und kann nun danach trachten, selbst aktiv zu werden.

29… Te4?!

Scheinaktivität, die womöglich schon den Vorteil verschenkt.

{Er hätte sofort am Damenflügel loslaufen sollen. Nach 29… b4 30. Ld8 Db5 31. Sg5 h6 scheitert 32. Sxe6 Dxd3 33. Df6 an 33…Qxf1+! 34. Qxf1 Rxe6 und Schwarz sollte trotz Minusdame gewinnen. Mamedyarow sah diese Variante, sah aber auch, dass Weiß im 32. Zug eine Reihe anderer Möglichkeiten hat.)

30. Lf4!

Sich in eine Fesselung zu begeben, sieht heikel aus, aber in erster Linie hat Weiß jetzt endlich die Option Sg5 zur Verfügung.

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30…Le7

Spielt weiter auf Gewinn, hält die Stellung unklar.

(30… h6 31. Txc3 g5 32. Sxg5 hxg5 33. Dxg5+ ist ausgeglichen.)

31. Dg3 b4 32. Sg5 Lxg5 33. Lxg5 De6 34. h3

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Ein Luftloch kann nicht schaden angesichts des Umstands, dass Schwarz jetzt und in der Zukunft beliebig …Te1 ziehen kann.

Was ist nun der Plan für Schwarz, welches die beste Materialkonfiguration auf dem Brett? Mamedyarow entschied sich, die Damen herauszutauschen, und das mag ein Schritt in die falsche Richtung gewesen sein. Ab hier beginnt Schwarz zu driften.

34…De5?!

Aufs Brett kam der Zug nie, aber die weiße Option Td7 ist stets eine starke Drohung. Mit einer Dame auf e6 wäre auf der siebten Reihe nie etwas angebrannt.

(In aller Ruhe 34… a5 war möglich. Für den Moment droht Weiß nichts, aber je weiter die schwarzen Bauern am Damenflügel marschieren, desto dringender muss Weiß Spiel organisieren.)

(34… Dxa2? geht nicht. Nach 35. Td7 steht Weiß auf Gewinn.)

35. Kh2 Dxg3+ 36. Kxg3

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Die Drohung Td7 bleibt überaus lästig, und sie veranlasste Schwarz zu drastischen Maßnahmen.

36…h6

(36… Te1 37. Txe1 Txe1 38. Lf6 Te8 fühlt sich nicht schön an für Schwarz, aber hält wahrscheinlich. Schwarz wird darauf abzielen, dass er am Ende ein Endspiel T vs. T+L erreicht.)

37. Lxh6 Te1 38. Tf6 T1e6 39. Tf2 Te2 40. Td5 Txf2 41. Kxf2 f6 42. Le3

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Nach der Zeitkontrolle steht plötzlich ein Endspiel auf dem Brett, in dem Schwarz nicht weiterkommt und in der Folge vor allem zuschauen wird, wie der Weiße seine Mehrbauern nach und nach einsammelt. Gleichwohl kam Mamedyarows Resignation sehr früh. Wahrscheinlich wollte er einfach nur, dass es vorbei ist, nachdem ihm die Partie in den vergangenen Zügen so arg entglitten war.

1-0

Wenn Caruana den Benoni tanzt

In den USA steht die „holy trinity“ Caruana, So und Nakamura über den Dingen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird einer dieser drei 2.800er die US-Meisterschaft gewinnen. Und doch geht es auch für die anderen Teilnehmer um einiges, nicht nur wegen des satten Preisfonds von fast 200.000 Dollar.

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GM Jeffery Xiong

Den Youngstern bietet sich die Gelegenheit, sich mit Top-Ten-Spielern zu messen, außerdem sind bei der kommenden Schacholympiade hinter den drei Topleuten noch zwei Plätze zu besetzen.

Für Großmeister Jeffery Xiong ist beides relevant. Der 17-jährige Texaner will mittelfristig selbst in die Top Ten aufsteigen, und für einen der fünf Plätze in der US-Nationalmannschaft ist er mit 2.665 Elo jetzt schon ein Kandidat – einer von mehreren, die nahe beieinander liegen. Bei einer der stärksten Landesmeisterschaften der Welt darf der Jugendweltmeister von 2016 seinen Elo nicht ruinieren.

Xiong, Jeffery (2.665) – Caruana, Fabiano (2.804) 

US-Meisterschaft St. Louis 2018, 3. Runde

1. d4 Sf6 2. Sf3 e6 3. c4 c5

Mit dieser Zugfolge vermeidet Schwarz den Taimanow-Angriff (7.f4), der schon lange als eine der stärksten Waffen gegen Benoni gilt.

4. d5 d6 5. Sc3 exd5 6. cxd5 g6 7. Lf4

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7… Lg7

Bietet dem Weißen eine prinzipielle Diskussion auf heiklem Terrain an.

(7… a6 ziehen die meisten Schwarzspieler an dieser Stelle, um 8.Da4+ nebst 9.Db3 zu vermeiden.)

8. e3

(8. Da4+ Ld7 9. Db3 scheint Fabiano Caruana nicht zu fürchten. Schon bei der US-Meisterschaft 2016 vertraute er auf 9… b5, gab einen Bauern und navigierte sicher durch die folgenden Komplikationen. Dass er nun einem vermeintlich bis in die Haarspitzen präparierten Gegner anbietet, die Variante zu wiederholen, zeigt das Vertrauen, dass der WM-Herausforderer in dieses zweischneidige Abspiel hat. 10. Lxd6 Db6 11. Le5 O-O 12. e3 c4 13. Dd1 b4 und Remis nach 59 Zügen in Nakamura – Caruana, Saint Louis 2016.)

8… O-O 9. h3

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9…De7

Die meisten Benoni-Spieler ziehen an dieser Stelle 9…Sa6, aber Caruana geht wieder eigene Wege. Die Idee von 9…De7 ist weniger, …Sd7 vorzubereiten, indem d6 überdeckt bleibt, sondern Entlastung mit …Se4 oder Angriff am Königsflügel mit …Sh5 nebst …f7-f5. Der Sb8 findet in diesen Stellung eh häufiger über a6 und c7 ins Spiel, um potenzielles …b5 zu unterstützen und Druck gegen d5 zu machen.

10. Sd2

Verhindert für den Moment …Se4 und strebt nach c4, das Benoni-Traumfeld für weiße Springer. Aber dort wird er nie ankommen.

(10. Be2 mit der Option, sofort zu rochieren, wäre besser gewesen.)

10… Sh5

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Der im Zentrum steckengebliebene weiße König gibt dem Schwarzen die Möglichkeit, sofort energisch vorzugehen.

11. Lh2 f5 12. Le2 f4

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13. O-O

Holt den König aus dem Zentrum, die natürliche Reaktion.

(Mit dem einigermaßen bizarren 13. Lxh5 fxe3 14. fxe3 gxh5 15. Sce4 Le5 16. Dxh5 könnte Weiß auf einen Mehrbauern bestehen, aber nach 16…Lxh2 17. Txh2 Sa6 ist …Sb4 eine kräftige Drohung. Schwarz mobilisiert schnell, während es dem Weißen an Koordination und aktiven Ideen mangelt.)

13… fxe3

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14. Sde4

Steckt einen Bauern ins Geschäft.

(Nach dem Versuch, mit 14. Lxh5 exd2 15. Le2 den Ball flach zu halten, hat Schwarz einige giftige Ideen, die dem Weißen das Leben (und das Erobern des d2-Bauern) schwer machen. 15…Lh6 ist möglich, ebenso 15…Lxc3 nebst 16…Dg5, wonach auf d5 und h3 weiße Bauern hängen, während d2 gedeckt ist.)

14… exf2+ 15. Kh1

Xiong will verständlicherweise den Springer auf e4 (und den Druck gegen d6) behalten.

(Im Nachhinein würde er sich womöglich für 15. Txf2 Txf2 16. Sxf2 entscheiden. Jetzt ergibt 16…Lxc3 weniger Sinn. Während der Sh5 keine gute Option findet, wird Weiß seine Kräfte schnell zentralisieren und sollte ausreichendes Spiel für den Minusbauern haben. Anders als in der Partie wird sich jetzt tatsächlich dauerhaft ein weißer Springer auf e4 einnisten.)

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15… Lxc3!

Womöglich unterschätzt vom Weißen. Klar der beste Zug, aber um den zu spielen, muss der Schwarze erst einmal eine Barriere in seinem Kopf überwinden. Seine bei weitestem aktivste Leichtfigur gibt kein Schachspieler gerne her – außer er sieht in aller Klarheit, was er dafür bekommt.

16. Nxc3 Sg7

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Über g7 strebt dieser Springer nach f5, der andere soll über d7 nach e5. Beides prächtige zentrale Posten für die Gäule.

17. Lf3 Sd7 18. Txf2 Se5 19. Te2 Sf5

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20…Sd4 droht, und die Idee des mit 15…Lxc3 eingeleiteten Konzepts wird deutlich. Weiß muss jetzt energisch dazwischenhauen, sonst geht die Partie sofort den Bach runter.

20. Lxe5

(Mit dem Computerzug 20. Sb5!? Verwirrung zu stiften, war eine interessante Alternative. Schwarzes …Sd4 ist für den Moment verhindert, und die Drohung Sxd6 nicht leicht zu parieren.)

20… dxe5 21. d6!

Die menschliche Lösung, und die ist mindestens ebenso gut wie die maschinelle. Weiß gibt einen zweiten Bauern, um den Lf3 lang zu machen und das Feld d5 als Basis für weitere Operationen zu gewinnen.

21…Sxd6

Aber jetzt sollte Weiß mit zwei Minusbauern auf Kompensation spielen. Er kann Druck gegen e5 machen, hat zwei perfekte Leichtfiguren, das Feld d5 im Griff, und mittelfristig mag beim Schwarzen gar das Problem Königssicherheit auftauchen. Viel fehlt dem Weißen nicht zu voller Kompensation.

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22. Dd5+?

Gewinnt zwar unmittelbar einen Bauern zurück, aber beraubt den Weißen auch seiner Initiative und führt in ein Endspiel, das schlichtweg gut für Schwarz ist.

(Engines möchten an dieser Stelle 22.De1 sehen und zeigen obendrein eine originelle Möglichkeit, Remis anzubieten: 22.Sd5 Dg7 23.Sc3.)

22…Sf7 23. Se4 Tb8

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24. Dxc5

Mit den Damen verschwindet die weiße Initiative.

(24. Sxc5 b6 war noch trauriger. Per …Lb7 oder …Le6 bekommt bald die weiße Dame einen Tritt, und plötzlich wird Schwarz aktiv.)

24…Dxc5 25. Sxc5 b6 26. Se4 Lf5 27. Sc3 Tbd8 28. a4 a5 29. Ld5 Tfe8

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Schwarz will …Le6 spielen, um den Ld5 zu neutralisieren.

30. Lxf7+ Kxf7 31. Tf1 Ke6

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Beginn eines Königsmarsches, der idealerweise bis nach b4/b3 führt, um dort den weißen Damenflügel einzusammeln.

32. Tfe1 Kf6 33. Tf1 Ke6 34. Tfe1 Kd6

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35. Te3?

(35. Nb5+ schickt den König zurück auf die d-Linie, denn nach 35…Kc5?! 36. b4+! Kxb4 37.Tb2+ muss Schwarz entweder eine Qualität geben, oder sein König wird vom weißen Figurentrio dauerhaft belästigt.)

35… Kc6 36. Sb5 Te7 37. g4 Ld3 38. Sc3 Lc4 39. Tc1 Kb7 40. Te4 Td4

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Mit Erreichen der Zeitkontrolle steht Schwarz auf Gewinn. Am Damenflügel wird Weiß bald einen zweiten Bauern verlieren.

41. Kg1 Lb3 42. Kf2 Td2+ 43. Te2 Tf7+ 44. Ke3 Td4 45. Sb5 Tdd7 46. Sc3 Tf4 47. Td2 Tfd4 48. Tf2 Lxa4 49. Tf6 Lc6

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Weiß gab auf.

0-1

Eine Figur weniger trotz ausgeglichenem Material – das geht (II)

Beim Kandidatenturnier in Berlin haben wir gesehen, dass der typische eingesperrte Läufer auf g3 (oder g6) gelegentlich ein Spiegelbild wirft. In seiner Partie gegen Fabiano Caruana, einer der zentralen Partien des Turniers, plagte sich Vladimir Kramnik mit einem potenziell eingesperrten Läufer auf b3 herum.

Vladimir Kramnik – Fabiano Caruana, Kandidatenturnier Berlin 2018

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Schwarz am Zug

Könnte Schwarz in dieser Stellung zwei Züge auf einmal ausführen, er würde natürlich …d6-d5 und …b7-b5 ziehen. Der Lb3 wäre fortan eingesperrt, fände keinen Weg aus seinem Gefängnis, und Weiß müsste die Partie mit einer Figur weniger bestreiten.

Aber Schwarz darf nur einen Zug machen, und für den Moment muss er sich mit der kräftigen positionellen Drohung Sd2-e4 auseinandersetzen. …d6-d5 würde das parieren und zugleich den rückständigen Bauern auf d6 auflösen. Aber Weiß könnte sich sogleich mit c3-c4 befreien und stünde etwas angenehmer.

Caruana entschied sich stattdessen für …Lc8-f5, was eine Figur entwickelt und ebenfalls die weiße Option Sd2-e4 aus der Stellung nimmt.

Die Drohung, …d5 und …b5 bleibt ja als Motiv erhalten. Auch wenn sie nicht aufs Brett kam, bestimmte sie doch den weiteren Verlauf der Partie. Erst schob Kramnik dieser Drohung mit c3-c4 früher als nötig einen Riegel vor, sperrte aber damit selbst seinen Läufer ein. Wenig später folgte ungestüm c4-c5, mit dem der Weiße Brücken hinter sich abbrach, zwischenzeitlich dennoch auf Gewinn stand, aber nach dramatischem Verlauf am Ende verlor.

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Am Ende stand der auf b3 eingesperrte Läufer sogar noch auf dem Brett (auf d3), während Vladimir Kramnik angezählt über dem Tisch hing. Der Wendepunkt des Kandidatenturniers.

Anstatt mit 3,5/4 zu starten und das Kandidatenturnier von Beginn an zu dominieren, war das ein arger Rückschlag für Vladimir Kramnik, der damit zudem Fabiano Caruana in die Spur geholfen hatte. Kramnik suchte in der Folge in jeder Partie in erster Linie eine wilde Prügelei, während Caruana seine gegen Kramnik errungene Tabellenführung bis zum Schluss nicht mehr abgab und nun Magnus Carlsen herausfordern darf.

1.200 Elopunkte unter und vier Wochen nach diesen beiden hatte am Bodensee ein eingesperrter Läufer auf g3 zentrale Bedeutung. Des Schwarzen Kollege am Nachbarbrett stand auf Gewinn, und würde nun hier der Schwarze die richtige Fortsetzung finden, dann wäre der Drops schon beinahe gelutscht.

Antwort 65

Klaus Grensing – Roland Streit, Überlingen 2018

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Der Lg3 ist nicht nur eingesperrt, Schwarz kann obendrein danach trachten, ihn unmittelbar einzusammeln: …h6-h5-h4 mit Läuferfang liegt in der Luft. Der einzige Weg für Weiß, das zu verhindern, ist h2-h4. Aber das wiederum kann Schwarz verhindern, indem er den h-Bauern blockiert.

1…Lg4-h3! mit der Idee …h6-h5-h4 ist der richtige Zug.

Die Angelegenheit ist nicht trivial, weil der Weiße zum Beispiel mit Ld5xb7-c6+ dazwischenfunken oder d3-d4 mit Tempo probieren kann. Aber wie der Weiße sich auch dreht und wendet, wie lange er das Unheil am Königsflügel auch hinauszögert, am Ende wird das Pendel zugunsten des Schwarzen ausschlagen.

Von der Romantik bis heute: der ewige Kampf ums Zentrum

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Wilhelm Steinitz

Die frühen Schachmeister Anfang des 19. Jahrhunderts gelten heute als Vertreter der „romantischen Schule“. Seinerzeit ging es beim Schach darum, sich unmittelbar mit allen Kräften auf den gegnerischen König zu stürzen, diesen ins Freie zu zerren und zu erlegen.

Wilhelm Steinitz (1836-1900), der erste Weltmeister, räumte mit der romantischen Schule ordentlich auf. Als erster verstand und formulierte Steinitz grundlegende strategische Prinzipien, zum Beispiel jenes, dass wir Angriffe dort führen sollten, wo uns der Gegenspieler eine Schwäche offenbart.

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Emanuel Lasker

Steinitz ereilte das Schicksal vieler großer Geister, die ihrer Zeit voraus waren. Er wurde verlacht, seine Ideen nicht ernst genommen. Erst der zweite Weltmeister Emanuel Lasker (1868-1941) und dessen Dauerkontrahent Siegbert Tarrasch (1862-1934) erkannten und propagierten die Bedeutung von Steinitz‘ Grundlagenforschung. Seitdem galt Wilhelm Steinitz als Begründer der „modernen Schule“.

Unter anderem lehrte Steinitz, dass wir zu Beginn der Partie das Zentrum mit einem Bauern besetzen sollten, besser noch mit zwei Bauern. Diese Lehre galt unerschütterlich, bis in den 1920ern unter anderem der Ungar Richard Reti (1889-1929) behauptete, das Zentrum müsse gar nicht besetzt werden. Hauptsache, es werde beherrscht.

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Richard Reti

Reti und seine Jünger, die „Hypermodernen„, luden ihre Gegner ein, sich ein mächtiges Bauernzentrum zu bauen, um es dann so lange unter Druck zu setzen, bis es zerbröselte. Aber ihnen erging es anfangs so wie 40 Jahre zuvor Wilhelm Steinitz, niemand nahm ihre Ideen ernst. „Das haben wir immer schon so gemacht“ ist auch anno 2018 noch ein wirksames Scheinargument gegen Veränderung.

Ob Romantiker, Moderne oder Hypermorderne; heute gelten sie alle als die Klassiker, auf deren Schultern wir stehen. Alle Klassiker vereint die Erkenntnis, dass das Zentrum tatsächlich der zentrale Teil des Schachbretts ist. Jede Partie, damals wie heute, beginnt mit einem Kampf um das Zentrum. Wer es beherrscht (und das geht tatsächlich auch aus der Ferne), der steht besser.

Als sich Anfang 2017 beim Tata-Steel-Turnier in Wijk an Zee der Pole Radoslaw Wojtascek und der Inder Adhiban Baskaran gegenübersaßen, provozierte Adhiban seinen Gegner mit einer Eröffnung (der „Englischen Verteidigung„), die als zweifelhaft gilt, weil sie den Kampf um das Zentrum vernachlässigt.

Radoslaw Wojtaszek – Baskaran Adhiban, Wijk an Zee 2017

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Das Fianchetto …b7-b6 nebst …Lc8-b7 ergibt in dieser und verwandten Stellungen vor allem dann Sinn, wenn Schwarz mit seinem Läufer auf der langen Diagonalen den Weißen davon abhalten kann, sich mittels e2-e4 eine Bauernphalanx im Zentrum zu bauen. Aber hier kann der Weiße ja direkt e2-e4 ziehen. Darum wäre ein solider Zug wie d7-d5 besser gewesen, um selbst eine Bastion um Zentrum abzustecken und e2-e4 zu verhindern.

Wojtaszek_Radoslaw
Radoslaw Wojtaszek

Gleichwohl zog Wojtaszek, ein Großmeister mit 2.750 Elo, 3.Sb1-c3. Natürlich weiß so ein starker Spieler, dass e2-e4 der beste Zug ist, aber er weiß auch, dass der Weg zum Vorteil mit Fallstricken gespickt ist. Nach 3.e2-e4 Lc8-b7 4.Lf1-d3 f7-f5 wird die Angelegenheit sehr konkret und ziemlich kompliziert. Zwar attackiert Schwarz im Sinne der Hypermodernen das Steinitzsche Zentrum, aber er hat sich eine ungünstige Konstellation eingehandelt. Wenn Weiß alles richtig macht, kann er sein Zentrum stabil halten.

Da der Pole davon ausgehen musste, dass sich sein Gegner vor der Partie stundenlang mit den Komplikationen nach 4…f7-f5 beschäftigt hatte, ließ er sich trotzdem nicht darauf ein, obwohl die Angelegenheit in der Theorie als günstig für Weiß gilt. Schon im dritten Zug ein moralischer Sieg für Adhiban.

Drei Züge später tobte der Kampf um e4 weiter. Mit 6…f7-f5 schob Adhiban dem weißen Zentrumsvorstoß e2-e4 endgültig (?) einen Riegel vor.

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Für Wojtaszek eine schöne Gelegenheit, den Zuschauern zu demonstrieren, was einen Groß- vom Kleinmeister unterscheidet. Wer würde hier nicht automatisch mit 7.Sg1-f3 eine Figur Richtung Zentrum entwickeln? Nur wäre Sg1-f3 ein Fehler, mit dem Weiß die Kontrolle über e4 vollständig aufgibt. Schwarz hätte unmittelbar mindestens ausgeglichenes Spiel.

Für einen Top-20-Spieler ist so eine Stellung, als würden wir ihn das Einmaleins abfragen. Den Springer zu entwickeln, ist ja richtig, aber Wojtaszek zog ihn nach h3. Die Idee ist, f2-f3 und Sh3-f2 folgen zu lassen und dann eben doch e2-e4 durchzusetzen und den Lb7 kaltzustellen. So bewahrt sich Weiß Aussichten auf Vorteil.

Als sich neulich die Überlinger mit den Steißlingern maßen, hätte in einer der Partien auch ein Kampf um e4 und den Wirkungskreis des Lb7 toben sollen.

Jürgen Lerner – Manfred Siems, Überlingen 2018

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So wie bei Wojtaszek-Adhiban kam das schwarze …b7-b6 zu einem unglücklichen Zeitpunkt. Weiß kann direkt e2-e4 spielen und dem weiteren Geschehen gelassen entgegenblicken. Der Denkprozess, der dazu führte, dass der Weiße stattdessen 3.c2-c4 spielte, ist wahrscheinlich weniger komplex als derjenige, der Wojtaszek zu 3.Sb1-c3 veranlasste. 3.c2-c4 ist eher ein Zug aus der Abteilung „Habe ich schon immer so gemacht.“ Und Veränderung zuzulassen, von ausgetretenen Pfaden abzuweichen, das wissen wir seit Steinitz, fällt dem Schachspieler nicht leicht.

Drei Züge später hätte sich darum der Schwarze daran erfreuen können, dass sein deplatziertes Fianchetto nun doch Sinn ergibt.

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Er kann den Weißen wirksam von e2-e4 abhalten, indem er den besten und naheliegendsten Zug 6…Sg8-f6 spielt, eine Figur auf ihr natürlichstes, aktivstes, zentralstes Feld entwickelt. Alternativ hätte er auch (wie Adhiban) über 6…f7-f5 nachdenken und sich die Hände reiben können, weil sich der Weiße (anders als Wojtaszek) die Option f2-f3 verbaut hat.

Den Denkprozess, der dazu führte, dass Schwarz den hässlichen Zug 6…Sg8-e7 aufs Brett stellte und 7.e2-e4 erlaubte, können wir leider nicht erklären. Aber letztlich war es gut so, denn die Kontrahenten spielten in der Folge eine Partie mit manchem instruktiven Moment, der sich an dieser Stelle näher zu beleuchten lohnt.

Fortsetzung folgt.

Als der Weltmeister an Georg Meiers Angelhaken zappelte

Wer gegen schwächere Spieler in eine schlechtere Stellung gerät, aber immer noch gewinnen will, der wandelt oftmals auf einem schmalen Grat. Der Gegner mag ja mit einem Unentschieden zufrieden sein, also gilt es, die Lage kompliziert zu halten, ohne die Verlustgefahr zu vergrößern.

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Georg Meier sagte „Call“, als Magnus Carlsen bluffte.

In so einer Situation weicht der bessere Spieler gelegentlich von dem Prinzip ab, immer davon auszugehen, dass sein Gegenüber den besten Zug findet. Und dann wird das vermeintlich vom Glück unbeeinflusste Spiel Schach zu einer Zockerei, bei der selbst Bluffs nicht ungewöhnlich sind.

Wie man beim Schach zockt und blufft, demonstrierte jetzt Magnus Carlsen beim Grenke Classic in Baden-Baden gegen den deutschen Großmeister Georg Meier. Carlsen hatte nach Gewinnchancen gefischt, wo keine waren, und plötzlich zappelte er an Meiers Angelhaken.

Um nicht in ein Endspiel zu geraten, das sich eventuell halten, aber keinesfalls gewinnen lässt, spielte Carlsen mit dem Feuer. In der Hoffnung, dass der von Zeitnot geplagte Meier fehlgreift, hielt er die Partie kompliziert, obwohl er sich damit sehenden Auges in Verlustgefahr begab.

Beinahe wäre er bestraft worden. Georg Meier callte Carlsens Bluffs und spielte trotz gnadenlos heruntertickender Zeit den Weltmeister an die Wand. Am Ende blieben ihm 90 Sekunden, um die entscheidende Mattkombination zu finden. Meier rechnete die richtige Variante, hatte das erste von zwei erforderlichen Turmopfern auf dem Radar, fand aber das zweite mit folgendem Matt nicht. Und entschloss sich, das Remis zu nehmen, um nicht doch noch zu straucheln.

Nach der Partie gab sich der Deutsche dennoch selbstbewusst. Allzu traurig über die verpasste Chance sei er nicht, gab Meier zu Protokoll: „Das war bestimmt nicht die letzte.“

Meier, Georg (2.636) – Carlsen, Magnus (2.843)
Grenke Chess Classic 2018, Runde 5

26… g5

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Ein Zug, den Carlsen in erster Linie rausgehauen hat, um seinen Gegner zu erschüttern. „Ein Bluff, sonst nichts“, sagte der Weltmeister nach der Partie über 26… g5, das vermeintliche Ambitionen am Königsflügel andeutet. „Aber die ganze Chose ist bei knapper Zeit schwierig zu bewerten. Und ich habe keine forcierte Variante gesehen, die zu weißem Vorteil führt.“

Da war dem Champion allerdings etwas entgangen. Weiß hat einen Zug, der forciert zu Vorteil führt.

27. hxg5

Nicht schlecht. Statt Schwarz bekommt bald Weiß Spiel am Königsflügel, aber Weiß konnte noch besser spielen.

27. f4! Sieht ein bisschen krumm aus, und auf den ersten Blick scheint es, als ob Schwarz nach 27…Dh3 vorentscheidend in die weiße Königsstellung eindringt. Aber nach dem teuflischen kleinen Zug 28.Tf2! offenbart sich, dass der schwarze König viel größere Probleme hat. Die g-Linie darf Schwarz nicht aufgehen lassen, aber wenn er das nicht tut, dann folgt Th2 nebst hxg5, und Weiß gewinnt. Also bleibt dem Schwarzen nichts anderes als 27… gxh4, aber nach 28.g4 gleicht seine Struktur einem Trümmerfeld. Weiß hat großen Vorteil

27…Dxg5 28. Kg2 Tc7 29. Th1 Tg7

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Jetzt droht …Txf2+.

30. Tcg1 Df5 31. Tf1 La6

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Mit nur noch zehn Minuten auf der Uhr hätte 31…La6 Georg Meier wie ein Blitz aus heiterem Himmel treffen können. Der Läufer ist natürlich tabu. Nach 32.Lxa6?? Df3+ 33.Kh2 gewinnt Schwarz mit einem Standard-Manöver, Turm hoch und aus: 33… Tg6 nebst …Th6 und Matt.

Meier blieb cool und demonstrierte Carlsen die beste Fortsetzung, die auch der Norweger gesehen und sich dennoch wieder fürs Zocken entschieden hatte. „Klar, 31… La6 funktioniert nicht richtig, aber was sollte ich machen?!“, lamentierte Carlsen nach der Partie.

32. b5 cxb5

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33. Th5!

Stark gespielt von Meier! 33.axb5? Lxb5 bringt nichts, aber nach 33.Th5 gefolgt von 34.De5 hält Weiß den Schwarzen am Königsflügel im Würgegriff und beäugt zugleich dessen wackelige Zentrumsbauern. Neben dem Angriff gegen den schwarzen König schafft sich Weiß obendrein die angenehme Option, in ein Endspiel abzuwickeln, dass Schwarz angesichts seiner schwächelnden Bauern kaum wird halten können.

33…Df7 34. De5

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34…Lb7

Auf das trostlose Endspiel nach 34… bxc5 35. Qxd5 Qxd5 36. Rxd5 Bb7 37. Rxc5 bxa4 hatte Carlsen keine Lust, also hält er Figuren auf dem Brett, deckt erstmal d5 und lauert auf Schummelchancen.

35.cxb6 bxa4 36. bxa7 La8

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Schwarz will per …Dxa7 den a7-Bauern einsacken und hofft, mit seinem Freibauern auf der a-Linie Gegenchancen zu kreieren. Aber währenddessen läuft der Angriff gegen seinen König weiter. Objektiv ist 36…La8 ein Fehler, Weiß steht spätestens jetzt auf Gewinn. „Dass 36… La8 suizidverdächtig ist, habe ich gefühlt, aber 38.Lg4! war mir entgangen“, erklärte Carlsen nach der Partie.

37. Tg5 Dxa7 38. Lg4!

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Jetzt droht 39.Le6+ nebst Th1, Einschlag auf h7 und Matt.

38… Kh8

Nur so entgeht Schwarz seiner unmittelbaren Exekution. Nach etwa 38… a3 39. Be6+ Kh8 40. Rh1 droht Txh7 nebst Matt, und es gibt keine Verteidigung.

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Doppeltes Turmopfer mit Matt: 42.Th6+!! war beiden Spielern entgangen.

Nun hatte Meier noch 90 Sekunden auf der Uhr, und wie Carlsen rechnete er folgende Variante: 39. Rh1 Qe7 40. Rxh7+ Kxh7 41. Rh5+ Kg6 (41… Kg8 42. Be6+ usw.) und sah nicht, wie Weiß weiterkommen soll. Beiden Kontrahenten war (Diagramm) 42. Rh6+!! nebst Matt entgangen. Was für eine Gelegenheit: doppeltes Turmopfer gefolgt von Matt gegen den Weltmeister. Aber da Meier den forcierten Gewinn nicht sah, entschied er sich für den Spatz in der Hand. Lieber erstmal den schwarzen a-Bauern eliminieren, bevor die Angelegenheit vollends nach hinten losgeht.

39. Ta1

Nur führt das zu einem totremisen Endspiel.

39… De7 40. Dxg7+ Dxg7 41. Txg7 Kxg7 42. Txa4 Bc6 43. Rb4

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Und die Luft war raus. Meier bot Remis an, Carlsen akzeptierte sofort.

1/2-1/2