Drogenrazzia beim isländischen Schachverband

Gunnar Björnsson ahnte nichts Böses, als er den Empfang des Pakets aus Spanien quittierte. Schachfiguren und Pokale – keine außergewöhnliche Sendung für den Chef des isländischen Schachverbands.

Gerade hatte er begonnen, den Inhalt des Pakets zu sichten, da stürmte ein gutes Dutzend vermummter Elitepolizisten sein Büro in Reykjavik. An den Händen gefesselt, sah sich Björnsson sogleich einer intensiven Befragung zu seinen vermeintlichen kriminellen Machenschaften ausgesetzt. Wenig später landete er in einer Zelle der isländischen Polizei.

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Gunnar Björnsson.

Ja, Gunnar Björnsson leidet unter moderatem Übergewicht. Ein dicker Fisch, wie ihn die Ermittler an ihrer Angel wähnten, ist der gleichermaßen freundliche wie gesetzestreue Schachfunktionär nicht. Weder konsumiert er Crystal Meth oder MDMA, noch schmuggelt er die Amphetamine nach Island.

Womöglich wurde dem isländischen Schachfreund zum Verhängnis, dass er so unverdächtig ist. Kriminelle hatten ihn und seinen Schachverband missbrauchen wollen, um Drogen im Wert von mehreren 100.000 Euro auf die größte Vulkaninsel der Welt zu schleusen.

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Schmuggeln in Hähnchenteig fällt auf.

Dass es auf Dauer nichts bringt, Crystal Meth in Frittierteig für Brathähnchen zu schmuggeln, hat sich herumgesprochen, seitdem „Breaking Bad“ zum weltweiten TV-Hit wurde. Also versuchen Gangster immer öfter, Drogen in Schachfiguren und -brettern zu verstecken und zu versenden.

Genau diesen Trick wandte jetzt ein in Spanien lebender Isländer an. Ausgehöhlte Springer, Läufer, Türme befüllte er mit fünf Kilogramm Amphetaminen, verschloss die Drogenfiguren sorgfältig und adressierte die verpackte Sendung an den isländischen Schachverband.

Allerdings fiel schon den spanischen Behörden auf, dass diese Sendung nicht so unschuldig war, wie sie auf den ersten Blick daherkam. Um den Komplizen auf die Spur zu kommen, kassierten die Ermittler zwar die Drogen ein, füllten die Figuren aber mit einer Ersatzsubstanz und schickten das Paket weiter. Und so landete es bei Gunnar Björnsson und dem isländischen Schachverband, der nach der Razzia in seinem Hauptquartier fünf eingetretene Türen zu beklagen hatte.

Nach einer Stunde aus der Haft entlassen

Für Gunnar Björnsson endete die Angelegenheit glimpflich. Nach einer Stunde in einer Zelle waren auch die Behörden von der Unschuld des Schachfunktionärs überzeugt und entließen ihn in Freiheit. Dort wartete allerhand Arbeit, denn das alljährliche Reykjavik Open sollte bald beginnen. Trotz der Anwesenheit zahlreicher veritabler Großmeister stand der Organisator während des Turniers mehr im Zentrum des Interesses als je zuvor. Wieder und wieder musste er die Geschichte erzählen, wie er wegen Drogenschmuggels im Knast gelandet war.

Gunnar Björnsson berichtet Schachreporterin Fiona Steil-Antoni, was passiert ist.

Youtube-Video vom Polizeieinsatz beim isländischen Schachverband.

Den Kriminellen dieser Welt empfehlen wir, sich nach anderen Versandarten für ihre Drogen umzuschauen. Drogen im Schachpaket fallen auf:

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Der Schachsommer wird heiß: FIDE-Präsident Nigel Short?

Nigel Short will FIDE-Präsident werden. Das bestätigte der Brite jetzt der „Aftenposten“ (Abendpost), der größten Zeitung Norwegens. Die Ankündigung des ehemaligen WM-Herausforderers platzt mitten in eine Schlammschlacht zwischen Amtsinhaber Kirsan Iljumschinow und seinem Vize Georgios Makropoulos. Short ist nach diesen beiden der dritte Kandidat, der seinen Hut für die Wahl im Oktober in den Ring wirft. „Das Schach verdient eine bessere Alternative“, sagt der 52-Jährige.

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Die Geschichte des Schach-Weltverbandes ist seit der Amtsübernahme des Philippino Florencio Campomanes 1982 reich an schmierigen Gestalten und substanziellen Krisen. Und doch ist die jüngste Misere ohne Beispiel, wahrscheinlich ebenso existenzbedrohend wie jene, als der Schachweltverband Mitte der 90er-Jahre am Ende der Campomanes-Ära abgewirtschaftet und zerfressen von Korruption und Intrigen vor dem Aus stand. Immerhin hatte die FIDE damals noch ein Bankkonto. Das hat sie heute nicht mehr.

Polit- und Wirtschaftsmarionette

1995 trat ein bis dahin im Westen unbekannter Kalmücke namens Kirsan Iljumschinow auf den Plan, gerade gewählt zum Präsidenten der kalmückischen Republik, bestens vernetzt mit der neuen russischen Elite und willens, dem Schach mit großen Mengen Geld wieder auf die Beine zu helfen. Dass Schachpräsident Iljumschinow auch und manchmal in erster Linie als Marionette russischer Polit- und Wirtschaftsinteressen durch die Welt reiste, letzter Staatsgast sowohl von Muammar al-Gaddafi wie von Saddam Hussein war, ließ sich leicht übersehen, so lange die Kasse stimmte. Und die schachfremden Medien berichten seit 20 Jahren eh lieber über Iljumschinows Begegnung mit Aliens, als ihn ernsthaft zu durchleuchten.

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Gut fünf Monate vor dessen Tod besuchte Iljumschinow Muammar al-Gaddafi.

Auch bei Syriens Machthaber Baschar al-Assad wäre Iljumschinow einer der letzten Staatsgäste vor dessen Entmachtung gewesen, wäre Russland nicht in letzter Sekunde eingeschritten, um Assad im Amt zu halten. Den Syrer hatte Iljumschinow nach Ansicht des US-Finanzministeriums nicht besucht, um im vom Bürgerkrieg erschütterten Land das Schachspiel zu verbreiten, sondern um mit Hilfe seiner Bank Ölgeschäfte zwischen dem Diktator und der Terrortruppe ISIS abzuwickeln. Dafür landete Iljumschinow Ende 2015 auf der US-Sanktionsliste, und auf der steht er immer noch.

Auch die Deutsche Bank will das Geld der FIDE nicht

Das bescherte der FIDE ein Problem, denn Menschen auf dieser Liste haben bei internationalen Kreditinstituten keinen Kredit. Die Schweizer Bank UBS, über die die FIDE ihre Geldgeschäfte abwickelt, drohte dem Weltverband, seine Konten zu sperren, sollte Iljumschinow im Amt bleiben. Die FIDE erwirkte mehrfach einen Aufschub, aber Ende April 2018 zog die UBS die Reißleine. Die FIDE hatte zuvor bei mehreren anderen Kreditinstuten angefragt, unter anderem bei der Deutschen Bank, aber keines gefunden, das ihr Geld will, so lange Iljumschinow im Amt ist.

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Bei der Amtsübergabe: Ende 2015 übernahm Makropoulos die FIDE-Geschäfte. Iljumschinow klebt seitdem am Präsidentenamt und will es über 2018 hinaus behalten.

Der FIDE-interne Bruch zwischen Iljumschinow und seinen ehemaligen Steigbügelhaltern um Vizepräsident Makropoulos begann, als das US-Finanzministerium einschritt. Erst trat Iljumschinow zurück, trat dann vom Rücktritt zurück, und schließlich kulminierte der Bruch in der ultimativen Aufforderung des FIDE-Vorstands an seinen Präsidenten, sein Amt niederzulegen. Doch der klebt an der Präsidentschaft, lässt seit Ende 2015 Makropoulos zwar die Geschäfte führen, aber tingelt seitdem auf Wiederwahlkampftour über die Welt, zuletzt durch Asien und Afrika, um für sich zu werben („Stimmen zu kaufen“, würde mancher behaupten). Am Ende einer Reihe von Possen veröffentlichte Kirsan Iljumschinow vor einigen Tagen sein Team, darunter ein Amerikaner, der wahrscheinlich nicht existiert, und eine vermeintliche thailändische Prinzessin, die keine Prinzessin ist.

Team Kirsan: Fantasie-Kandidat und Schummelprinzessin

Deren Lebensläufe musste er für die Vorstandssitzung des Russischen Schachverbands einreichen, der am vergangenen Wochenende darüber befand, wen Russland bei der FIDE-Wahl im Oktober unterstützen wird. Seit Monaten war spekuliert worden, Russland werde mit Ex-Weltmeister Anatoli Karpow einen eigenen Kandidaten ins Rennen schicken, um bei der FIDE weiter die Fäden in der Hand zu halten. Der Milliardär und Chef des russischen Verbandes Andrey Filatov hatte Iljumschinow noch im Februar die Unterstützung verweigert und ihn zuletzt bei der Wahl um Spitze des russischen Schachverbands ausgestochen. Die Tage des Kalmücken als globale russische Marionette seien gezählt, hieß es seitdem.

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Mächtiger Mann des russischen Schachs: Andrey Filatov.

Dennoch votierten die russischen Schachgranden unter Filatovs Vorsitz jetzt für Iljumschinow und sein „Team“, und das ohne Gegenstimme. Eine überraschende Entscheidung, die sich bislang jeder Erklärung entzieht. Vielleicht (und das ist Spekulation) will die russische Politik das Narrativ von der US-amerikanischen Verschwörung gegen Iljumschinow weiter pflegen. In dieses Bild würde passen, dass die russische Botschaft laut Aftenposten schon im Frühjahr beim norwegischen Schachverband anklopfte (und wer weiß, wo noch?), um Unterstützung für Iljumschinow zu sichern. Womöglich war es eine Order des Kreml (Vorsicht, hinter dem Link verbirgt sich ein zu Verschwörungstheorien neigendes Blog), den seit 1995 amtierenden FIDE-Präsidenten ein weiteres Mal zu unterstützen.

Das Ende der FIDE als handlungsfähige Organisation

Wer sich nun den Mann und sein Team und die US-Sanktionsliste betrachtet, braucht kein Insiderwissen, um zu sehen, dass Iljumschinows Wiederwahl das endgültige Ende der FIDE als handlungsfähige Organisation wäre. Wer sich dann die Wahlstruktur und -kultur bei der FIDE anschaut (jede Föderation hat eine Stimme, egal wie groß. Die Stimmen der kleinen Föderationen aus Afrika und Asien werden in der Regel gekauft), der sieht, dass spätestens mit dem russischen Votum für Iljumschinow dessen Wiederwahl das wahrscheinlichste Szenario ist, ungeachtet der Folgen.

Nigel Short sieht das anders. „Jetzt sind drei Kandidaten im Rennen, das ist eine neue Geschichte“, erklärte der Brite der Schachseite chess.com. Will er eine Chance haben, muss er zumindest alle europäischen und amerikanischen Föderationen hinter sich vereinen und hoffen, dass er noch anderswo fischen kann. In dieser Hinsicht hilft dem britischen Weltenbummler, dass er in vielen der exotischen FIDE-Länder bekannt und beliebt ist.

Und Europa? Schon der Präsident des norwegischen Verbands hegte gegenüber dem Aftenposten Zweifel: „Ich kenne Nigel Short als exzellenten Schachspieler. Ob er ein exzellenter Präsident wäre, da bin ich mir nicht sicher“ , sagt Morten Madsen. Nicht einmal auf die Unterstützung des englischen Verbands kann Short zählen. Dessen Delegierter, Shorts Jugendfreund Malcolm Pein, will zwar auch den Wechsel, hat sich aber schon dem Lager Makropoulos‘ angeschlossen, in dessen Team er als Vizepräsident kandidiert.

„Vertrag mit Agon beenden“

Ende Mai will Short sein Team und weitere Unterstützer vorstellen und sich bis dahin bedeckt halten. Nur ein dringendes Anliegen macht er jetzt schon öffentlich: „Ich will den Vertrag mit Agon beenden. Die FIDE hat davon in keiner Weise profitiert und angesichts verpasster Möglichkeiten sogar eine Menge verloren.“

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Ilya Merenzon.

Agon ist die mit Iljumschinow verbundene Schachvermarktungsfirma, die unter dem Namen „Worldchess“ die Rechte an WM-Kämpfen, Kandidatenturnier, World Cup und Grand Prix hält, sich traditionell schwer damit tut, potente (westliche) Sponsoren zu finden, und bei der Vermarktung jeder ihrer Veranstaltungen ein trauriges Beispiel dafür abliefert, wie es nicht geht. Für das WM-Match im November in London zum Beispiel sucht Agon schon Sponsoren, aber auf der offiziellen Website ist noch nicht einmal zu sehen, wer um den Titel spielen wird.

Agon-Chef Ilya Merenzon hat neulich mit dem Handelsblatt gesprochen und dabei seine enge Verbindung zu Iljumschinow dokumentiert. Unter anderem rühmte Merenzon die Weitsicht des FIDE-Präsidenten, der es schaffe, seiner Organisation trotz des US-amerikanischen Störfeuers Handlungsoptionen zu erhalten. Das Problem sieht Merenzon eher darin, dass Iljumschinows segensreiche Handlungen nicht richtig kommuniziert werden.

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Zumindest in Sachen Kommunikation haben Iljumschinow und Makropoulos jetzt einen schlagkräftigen Kontrahenten. Short gilt als jemand, der sich nicht scheut anzuecken, nie ein Blatt vor den Mund nimmt und keinem Streit aus dem Wege geht. Aber ob er Schachpolitik so gut spielt wie Schach? In dieser Disziplin hat Iljumschinow zuletzt keine Geringeren als Karpow und Kasparow besiegt.

Es wird ein heißer Schachsommer.

Wer gut Schach spielt, lebt länger

Wenn auf der Uhr die Sekunden zerrinnen, dann pocht die Pumpe. Wenn die Entscheidung naht, strömt das Adrenalin. Wettkampfschach ist Stress.

Wer würde sich freiwillig der Tortur aussetzen, stundenlang unter Zeitdruck eine schwierige Entscheidungen nach der anderen zu treffen? Entscheidungen, deren Konsequenzen meistens nicht vollständig zu überblicken sind, die sich gleichwohl nicht rückgängig machen lassen. Und jeder Fehler kann das Aus bedeuten.

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Schach dem Sensenmann! Trotz gelegentlicher stressinduzierter Herzinfarkte: Großmeister leben länger.

Kein Wunder, dass Leute daran sterben. Die Schacholympiade 2014 etwa, ein zweiwöchiger Marathon, haben zwei Teilnehmer nicht überlebt. Den lettischen Großmeister Vladimir Bagirov streckte bei einem Turnier in Finnland 2000 während einer Zeitnotschlacht ein Herzinfarkt nieder. Das gleiche Schicksal ereilte seinen Landsmann Aivars Gipslis, ebenfalls ein Großmeister, während eines Turniers in Berlin ebenfalls im Jahr 2000.

Wer nun im Sinne eines langen Lebens überlegt, sich einer weniger stressigen, dafür bewegungsintensiveren Sportart zuzuwenden, der kann dafür manchen Grund finden. Dass herausragende Athleten länger leben als der untrainierte Durchschnittsmensch, ist hinreichend belegt.

Neue Studie: Schachgroßmeister leben etwa so lange wie olympische Medaillengewinner

Aber bevor jemand von Schach auf Leichtathletik umsteigt, sollte er oder sie eine neue Studie aus Australien zur Kenntnis nehmen. Herausragende Geistesakrobaten leben danach im Durchschnitt etwa so lange wie herausragende Athleten.

Die Autoren, darunter Ökonomieprofessor und Schachgroßmeister David Smerdon, haben die Lebenserwartung von Schachgroßmeistern mit denen olympischer Medaillengewinner verglichen und ihnen die Lebenserwartung der Bevölkerung in ihren Heimatländern gegenübergestellt. Großmeister und Olympioniken übertrafen die durchschnittliche Lebensspanne etwa im selben Maße; in Ländern mit geringer durchschnittlicher Lebenserwartung (Russland) um bis zu 14 Jahre.

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Bevor jetzt der Kette rauchende, übergewichtige Kreisklassespieler diese Studie triumphierend zur Kenntnis nimmt (und womöglich den Abschluss einer Sterbevorsorge verschiebt), wollen wir dezidiert darauf hinweisen, dass die Studie sich ausschließlich herausragenden Athleten und Schachmeistern gewidmet hat.

Wer im Schach gut werden will, der muss körperlich fit sein. Schachgroßmeister sind per se besser trainiert und leben gesünder als normale Leute, und das hat wesentlichen Einfluss auf ihre Lebensdauer.

Auch in der Kreisklasse relevant: Demenzprävention

Relevant für den übergewichtigen Kreisklassespieler ist allerdings der Faktor Demenzprävention. Dass Leute, die ihr Gehirn fordern, ihr Demenzrisiko senken, ist hinreichend belegt. Da Demenz zum Tod führen kann, bedeutet Prävention Lebensverlängerung. Sogar eine Verbindung zwischen regelmäßigem Brettspielen (es muss gar nicht Schach sein!) und geringerem Demenzrisiko liegt nahe.

Insofern ist sogar Schach auf Patzerebene hilfreich, denn ob Kreisklasse oder Weltklasse, ihr Gehirn fordern die Akteure am oberen wie am unteren Ende der Leistungsskala.

In Bamberg am Brett: die deutschen Schachhoffnungen

Im internationalen Vergleich ist das Bamberg-Open sportlich nicht weiter erwähnenswert. Ja, nicht einmal national ragt es heraus, viele andere Turniere sind besser besetzt. Und doch sollten Schachfreunde aus Deutschland ab dem 9. Mai nach Bamberg schauen. Die Hoffnungsträger des deutschen Schachs werden am Start sein, allen voran Vincent Keymer, der nach seinem Sensationssieg beim Grenke-Open nun zeigen muss, dass er unter der Last der auf ihm ruhenden Erwartungen nicht zerbricht.

Umbruch bei der Nationalmannschaft?

Wenn im September 2018 die Schacholympiade in Batumi (Georgien) beginnt, dann werden für Deutschland bewährte Kräfte am Brett sitzen: Nisipeanu, Blübaum, Meier, Fridman. Eine respektable Truppe allemal, aber kaum ein Medaillenkandidat. Wer weiß, wie sich die Aufstellung der Nationalmannschaft 2022 lesen wird? Womöglich ja Donchenko, Kollars, Keymer, Vogel, Blübaum? Und vielleicht ist dann eine Medaille drin?

Vor dem Anpfiff in Bamberg (und bevor wir die Partien unter die Lupe nehmen) stellen wir die vier Hoffnungsträger im Kurzporträt vor. Und wir entschuldigen uns vorab bei GM Leon Mons und IM Christopher Noe, dass sie hier angesichts ihres fortgeschrittenen Alters von 23 und 22 Jahren nicht vorkommen. Mögen sie das Feld in Bamberg aufmischen, dann ändert sich das ganz schnell!

GM Alexander Donchenko (20), Elo 2.587

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Alexander Donchenko

In Moskau geboren zu werden, ist nicht der schlechteste Beginn für eine Schachkarriere. Wenn dann noch der Vater Internationaler Meister und obendrein Schachlehrer ist, dann scheint der Weg geebnet. Seit 2002 lebt die Familie in Gießen, wo Donchenko 2015 sein Abitur gebaut hat.

In Deutschland gilt Donchenko als eines der größten Talente. Er ist eines der Mitglieder der „Prinzengruppe“, die der Schachbund gründete, um solche Talente gezielt zu fördern. Donchenko hat im Lauf der vergangenen Jahre manches Open gewonnen, auch stärkere als das in Bamberg, wo er der nominell beste Teilnehmer ist. Doch sein Elo-Aufschwung ist zuletzt ein wenig ins Stocken geraten. Womöglich knackt er jetzt erstmals die 2.600.

GM Dimitrij Kollars (18), Elo 2.541

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Dimitrij Kollars

Einer der ganz wenigen Deutschen, die frühzeitig alles auf die Karte Schach setzen. Nach dem Abschluss der 10. Schulklasse vor drei Jahren entschied Kollars, Schachprofi zu werden. Das ist eine riskante Entscheidung, zumal in Deutschland. Aber als Kollars wenig später knapp am U16-Weltmeistertitel vorbeischrammte, war das ein Indiz, dass er es packen kann.

Seitdem reist er von Turnier zu Turnier und sammelt stetig Elo-Punkte. 2018 lief bislang sehr ordentlich für den Sohn einer Musikerfamilie. Unter anderem gewann er ein GM-Turnier in Aarhus und wurde 13. beim Grenke-Open mit starken 7/9.

Nachtrag, 6. Mai: Dimitrij ist leider erkrankt und hat das Turnier in Bamberg kurzfristig absagen müssen.

Roven Vogel (17), Elo 2.449

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Roven Vogel

Ganz plötzlich geriet der Name Roven Vogel 2015 auf die deutsche Schach-Landkarte. Mit sechs Siegen am Stück in den finalen sechs Runden sicherte sich der junge Deutsche den U-16-Weltmeistertitel, ein überraschender Erfolg, mit dem Roven selbst am wenigsten gerechnet hatte. Von sich reden machten danach auch seine Eltern. Ihre öffentliche Erklärung zum Stand des Leistungsschachs in Deutschland benennt in aller Deutlichkeit die Defizite in der Organisation und Förderung, mit denen sich Talente abseits ihres Trainings herumplagen müssen.

Nach Bamberg kommt Roven Vogel als amtierender Deutscher U-18-Meister, der schnell aus einem kleinen Leistungsloch klettern möchte. Die 2.500 Elo waren schon fast geknackt, da suchte ihn ein Formtief heim und warf ihn ein wenig zurück.

Vincent Keymer (13), Elo 2.443

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Vincent Keymer

Wahrscheinlich der einzige der vier Genannten, dessen Name auch dem Schachunkundigen etwas sagt. Nach Keymers Sensationssieg beim Grenke-Open haben überregionale Zeitungen berichtet, das Fernsehen auch, und Schachdeutschland jubilierte. Bei so viel Freude wird leicht übersehen, was für einen gewaltigen Ausreißer Vincent in Karlsruhe hingelegt hat, wie günstig manche seiner Partien lief. Vielerorts war die Frage nicht mehr, ob dieser bemerkenswerte junge Mann der nächste deutsche Schachweltmeister wird, sondern wann.

In Bamberg wird er kein 2.800-Turnier spielen, und wer das dann mit Enttäuschung registrieren sollte, der hat den Schuss nicht gehört. Aber vielleicht kann Vincent ein gewichtiges Wort bei der Debatte um den Turniersieg mitreden. Wir drücken ihm ebenso die Daumen wie allen anderen genannten Teilnehmern.

In eigener Sache: „Perlen vom Bodensee“ becomes bilingual

The desire to spread chess education among those in need was the main motivation that drove us to start this site a few months ago. But there was more.

From other chess endeavours we had stockpiled dozens of essays on strategy, opening surveys and analyzed (correspondence) games, all of them in English. A place to dump publish them permanently was required.

The original idea was to start a German chess blog with a focus on fundamentals, then add an advanced section in English after some time. We didn’t quite stick to the fundamentals throughout all of our German content (in fact some of it is quite demanding), soon added a news section, but the original idea still stands.

“Perlen vom Bodensee” will remain a German chess blog for the main part. However, from today on we are bilingual.

Neues von Leela: Match gegen einen GM, online bei Lichess und mit von der Partie bei der Software-WM

Leela Chess Zero ist das aufregendste Projekt im Computerschach seit langem. Was die Google-Tochter DeepMind mit Hochtechnologie und den Mitteln eines Weltkonzerns auf die Beine stellte, soll das von Enthusiasten getragene Open-Source-Projekt Leela noch übertreffen. Ziel ist ein AlphaZero für jedermann, nach Möglichkeit gar eine Software, die besser spielt als AlphaZero.

Von diesem Ziel ist Leela noch ein Stück entfernt, aber sie nähert sich mit Riesenschritten. Leela lernt schnell, und Leela wird in jeder neuen Version immer besser. Womöglich ist schon die Schwelle überschritten, ab der es keinen Sinn mehr ergibt, Leela auf Menschen loszulassen, weil die Maschine schlicht viel zu stark ist.

GM Andrew Tang, letzter Hoffnungsträger der Menschheit?

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Jetzt darf sich Andrew Tang mit Leela messen.

Ein erstes Schnellschach-Match gegen den norwegischen IM Lasse Lovik (Elo 2.376) gewann Leela jetzt mit 9:2. Am kommenden Sonntag wird die Menschheit ihren womöglich letzten Hoffnungsträger in ein Match gegen Leela entsenden, den amerikanischen Großmeister Andrew Tang (Elo 2.517), der neulich um ein Haar Weltmeister Magnus Carlsen seinen Titel beim monatlichen Großmeister-Bullet auf Lichess entrissen hätte.

Das Match beginnt um 19 Uhr. Andrew Tang wird auf seinen Twitch-Kanal live übertragen, außerdem können die Partien auf Lichess verfolgt werden. Tang wird gegen Leela Nr. 125 spielen, also genau jene Version, gegen die Lasse Lovik wenig zu bestellen hatte.

Leela liebt Angriff und positionelle Dominanz

Schon die aktuelle Leela deutet an, dass das Programm auf AlphaZeros Spuren wandeln wird. Material gibt Leela gerne, wenn sie dafür Angriff bekommt oder den Gegner mit positioneller Dominanz erdrücken kann. Nur läuft das noch nicht so recht rund. Leela leidet noch an taktischen Schwächen, schätzt positionelle Faktoren gelegentlich falsch ein und hat Schwierigkeiten im Endspiel.

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Jeder Schachschüler lernt bald, wie sich Weiß hier eine Brücke baut. Leela hat das noch nicht gelernt.

Im Match gegen Lovik zum Beispiel gelang es Leela nicht, die Lucena-Stellung im Turmendspiel gewinnen, eine Aufgabe, die jeder fortgeschrittene Schachschüler mit Leichtigkeit bewältigt. Aber wir Menschen müssen dank der Forschung unserer Vorfahren ja auch nur ein Eindspielbuch aufschlagen, um zu sehen, wie man sich im Turmendspiel eine Brücke baut. Leela muss sich das selbst beibringen, und zur Lucena-Stellung ist sie wohl noch nicht gekommen. Die Frage ist, ob es Andrew Tang schaffen wird, gegen Leela unbeschadet ins Endspiel zu kommen.

Leela spielt jetzt auch auf Lichess

Herkömmliche Engines spielen dank Tablebases perfekt, sobald nur noch sechs (oder gar sieben) Steine auf dem Brett stehen. Diesen Vorteil hat Leela Zero nicht. Das „Zero“, also „Null“, steht für die Menge an Schachwissen, auf das Leela zurückgreifen darf. Alles, was sie beim Schach kann (außer den Regeln), hat sie sich selbst beigebracht.

Wer selbst gegen Leela spielen möchte, kann das weiterhin auf der Leela-Website tun, allerdings gegen eine arg abgespeckte Version. Außerdem hat Lichess aufgrund des Leela-Hypes jetzt erstmals Computer-Accounts zugelassen. Wer sich auf Lichess mit LeelaChess befreundet, kann sie herausfordern, muss sich davor jedoch in einer ausgedehnten Warteschlange einreihen. Leelas Blitz-Rating steht schon bei über 3.000.

Mit von der Partie bei der Schachsoftware-Weltmeisterschaft TCEC

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Leela lernt, und das schnell.

Weil Leela für Menschen bald zu gut sein wird, soll sie sich jetzt gegen konventionelle Schachsoftware bewähren. Die Organisatoren der Schachprogramm-Weltmeisterschaft TCEC haben Leela jetzt testweise ein erstes Match gegen Scorpio, eine vergleichsweise schwächere Software, spielen lassen. Wir empfehlen, speziell Partie 15 anzuschauen, um eine Ahnung zu bekommen, wie Leela schon mit ihren elektronischen Kontrahenten umzuspringen vermag, wenn es gut läuft. Das Match beendete Leela mit einer geschätzten Elo Leistung von etwa 2.700.

Leela verlor, schlug sich aber so wacker, dass die TCEC heute bekanntgab, dass Leela ab der zwölften Auflage der TCEC mit von der Partie sein wird, das erste organisierte Turnier, in dem eine auf einem neuronalen Netz basierende Software sich mit herkömmlichen Verwandten misst.

Die in vier Ligen aufgeteilte TCEC 12 beginnt am heutigen Mittwoch um 19 Uhr mitteleuropäischer Zeit. Die Partien kann jeder auf der offiziellen Seite live verfolgen. Leela muss dort in der untersten Liga starten und wird auf einer herkömmlichen CPU laufen – was ihrer Spielstärke nicht gerade helfen dürfte. Ein Match auf besser geeigneter Hardware gegen eine starke Engine (Stockfish 9?) ist geplant.

Im Wohnzimmer des Weltmeisters: Bier, Bullet und Gangster-Rap

Schon vergangenen Monat kursierte der Scherz, Magnus Carlsen benutze Lichess als Bank. Wieder hatte der Weltmeister das monatliche Bullet-Turnier auf der Open-Source-Schach-Plattform gewonnen, und wieder hatte er sein Preisgeld für den Preisfonds der nächsten Auflage des Turniers gestiftet.

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Magnus Carlsen alias „DrDrunkenstein“ hatte große Probleme, mit Andrew Tang alias „CleverTacticButFail“ mitzuhalten. Der deutsche GM Georg Meier wurde Elfter.

Jetzt hätte beinahe jemand anderes sein Geld abgehoben. Großmeister und Bullet-Spezialist Andrew Tang führte das zweistündige Turnier eine Stunde und fünzig Minuten lang an, zeitweise mit so großem Vorsprung, dass ihm die gut 2.000 Dollar für den ersten Platz schon sicher schienen.

„Keine Chance mehr. Jetzt muss ich sehen, dass ich wenigstens Zweiter werde“, sagte Carlsen, als das Turnier schon auf die Zielgerade eingebogen war. „Schlecht spielen kann ja passieren, aber heute bin ich auch noch langsam dazu“, haderte er.

Die Maus in der einen Hand, die Flasche „Corona“ in der anderen

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Womöglich half es, dass er sich damit den Druck nahm, Tang auf den Fersen bleiben zu müssen. Plötzlich gewann Magnus eine Partie nach der anderen, 19 am Stück, während Tang zusehends strauchelte, als er auf einmal wieder den Atem des Champions im Nacken spürte. Kurz vor dem Ende übernahm Magnus erstmals die Führung vor 217 anderen Spielern, darunter 34 Großmeister, und er gab sie nicht mehr her.

Vielleicht hatte ihn auch das vierte Bier beflügelt? Schach-Weltmeister gibt es seit 1886, aber Magnus ist der erste, dem die Schachgemeinde ins Wohnzimmer schauen darf, während er am Laptop mit der einen Hand Bullet spielt, in der anderen eine Corona-Flasche hält und Eminem aus seinen Boxen dröhnen lässt.

8.000 Leute schauten am späten Donnerstagabend zu, obwohl der spontane Stream nicht angekündigt war. Und sie erlebten, wie Magnus einen Druck der anderen Art nicht mehr aushielt. Kurz vor Schluss und Kopf an Kopf mit Tang, als jede Sekunde Spielzeit wertvoll war, legte er eine Toilettenpause ein. Und siegte am Ende doch, weil auf der anderen Seite des Atlantiks Andrew Tang nicht wieder in die Spur fand.

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Magnus zeigt seine Kommerz-Seite. Das sei ihm gegönnt, andere Konsumenten mag es erfreuen. Aber kein Schachspieler ist so doof, sich für 8 Euro eine Designflasche Wasser zu kaufen.

Magnus ist nicht nur am Brett der Beste, er versteht es, seine Klasse zu vergolden wie kein Schachmeister vor ihm. Dennoch, und das macht ihn zum Sympathieträger, bleibt er ein Weltmeister zum Anfassen, ebenso wie keiner vor ihm. Nebenbei macht er dem FIDE-Vermarkter Agon vor, wie Schachübertragungen funktionieren könnten. Wenn Carlsen abends spontan im Wohnzimmer eine Bullet-Session einlegt, schauen mehr Leute zu als beim Kandidatenturnier, um das Agon viel Tam-Tam gemacht hatte, aber nicht einmal eine funktionierende Website programmiert bekam. Und Carlsen unterstützt freie Projekte wie Lichess mit seiner Zeit und seinem Geld, damit erhält er die bedrohte Vielfalt der Schach-Plattformen.

chess.com könnte sich auf seinem Beinahe-Monopol ausruhen – würde nicht das Lichess-Team die Bezahlplattform vor sich hertreiben

Weil der einst alternativlose Internet Chess Club (ICC) zunehmend in der Bedeutungslosigkeit versinkt und die Software-Schmiede Chessbase ihre Plattform playchess eher  stiefmütterlich behandelt, könnte sich chess.com auf seinem Beinahe-Monopol ausruhen – wäre da nicht der enthusiastische Franzose Thibault Duplessis mit seinem Team, der die Bezahlplattform aus den USA mit seinem Open-Source-Projekt Lichess vor sich hertreibt.

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Dort werden jetzt bei der nächsten „Titled Arena“ in vier Wochen fast 3.000 Dollar für den Sieger zu holen sein – nicht schlecht für zwei Stunden Arbeit. Magnus Carlsen hat schon angekündigt, dass er wieder mitspielen wird, und wir dürfen gespannt sein, ob es doch einmal einem anderen gelingt, das Turnier zu gewinnen, oder ob der Weltmeister erneut auf sein Lichess-Konto einzahlt.

Iljumschinows FIDE findet keine Bank, die ihr Geld will

FIDE-Schatzmeister Adrian Siegel muss das Geld des Schach-Weltverbands bald in seine Matratze einnähen oder daheim im Tresor deponieren. Eine Bank, die mit ihr zusammenarbeiten will, findet die FIDE jedenfalls nicht, so lange Präsident Kirsan Iljumschinow auf der US-Sanktionsliste steht.

(Update, 12. April: Die FIDE hat jetzt Zusammenfassungen und Protokolle der entscheidenden Minuten aus drei Sitzungen ihres Präsidiums veröffentlicht. Anhand der Dokumente soll jeder nachvollziehen können, wie es zum Bruch mit Iljumschinow und zur Kandidatur Makropoulos‘ kam.)

(Update, 11.April: Ein Gönner aus Katar hat der FIDE angeboten, ihre Geldgeschäfte zu erledigen, wenn sie ab dem 30. April keine Bank mehr hat. Das und mehr erklärte Interims-FIDE-Präsident und Präsidentschaftskandidat Georgios Makropoulos jetzt in einem mehr als lesenswerten Interview mit chess.com.)

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Kirsan Iljumschinow

Einen Aufruf des FIDE-Präsidiums zurückzutreten, lehnte Iljumschimow jetzt bei der Präsidiumssitzung in Minsk (Weißrussland) ab. Stattdessen kündigte er an, im Oktober zur Wiederwahl anzutreten. Seit Wochen schon reist Iljumschinow durch die Welt, um für seine Wiederwahl zu werben. Jetzt läuft nebenbei sein Twitter-Account auf Hochtouren, darin heißt es unter anderem, er wolle seine Werbetour noch ausweiten, „vielleicht 70 oder 80 Länder besuchen“. Auch glaubt er nicht, dass die FIDE-Konten gesperrt werden, schon gar nicht wegen ihm.

Wie isoliert der Kalmücke derweil in seiner Organisation ist, zeigt das 14:1-Votum für die Resolution (inklusive der Stimme des Ex-DSB-Präsidenten Herbert Bastian), die ihn auffordert, sein Amt niederzulegen.

Die Schweizer Bank UBS hatte der FIDE zum 28. Februar die Geschäftsbeziehung gekündigt. Der Schachverband handelte eine Fristverlängerung bis zum 30. April heraus in der Hoffnung, bis dahin die Personalie Iljumschinow geklärt zu haben. De Facto sitzt in der FIDE seit drei Jahren Vizepräsident Georgios Makropoulos am Ruder.

Andere Banken kontaktiert – vergebens

Siegel und FIDE-Geschäftsführer Nigel Freeman haben nach der UBS-Kündigung Kontakt zu mehreren anderen Banken in der Schweiz und anderswo aufgenommen. Dem Präsidium berichteten sie laut einer FIDE-Pressemitteilung nun, dass alle Geldinstitute gerne mit der FIDE zusammenarbeiten würden, aber nur, wenn Iljumschinow nicht mehr im Amt ist. In der gegenwärtigen Konstellation finde die FIDE kein Kreditinstitut.

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Georgios Makropoulos

Die finanzielle Lage der FIDE stellte Vizepräsident Georgios Makropoulos als gesund dar, eine überraschende Botschaft. Aufgrund ausbleibender Einnahmen, unter anderem von ihrer Schachvermarktungsfirma Agon, und unkontrollierten Spesen hatte die FIDE zuletzt einen rasanten finanziellen Sturzflug hingelegt, in dessen Verlauf ihre Mittel von gut 2 Millionen auf gut 300.000 Euro zusammengeschmolzen waren.

Makropolous sagte nun, man habe unnötige Kosten gestrichen und mittlerweile sogar wieder Reserven angehäuft. Zahlen veröffentlichte die FIDE anlässlich ihrer Präsidiumssitzung nicht.

Makropoulos kündigt Kandidatur an

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Anatoli Karpow

Für die Präsidentschaftswahl Anfang Oktober kündigte Vizepräsident Makropoulos an, als Präsident zu kandidieren. Makropoulos bekleidet seit mehr als 30 Jahren Führungsämter in der FIDE. Den seit 1995 amtierenden Iljumschinow unterstützte er lange bedingungslos, rückte dann von ihm ab, als die USA ihn auf die Sanktionsliste setzten und ihm die Einreise verwehrten.

Sollte Iljumschinow seine Ankündigung, ebenfalls zu kandidieren, wahr machen, stehen schon zwei Kandidaten im Ring. Dazu könnte sich noch Exweltmeister Anatoli Karpow gesellen. Das Gerücht über dessen Kandidatur kursiert seit Monaten unwidersprochen.

Ruhig bleiben! Vincent Keymer und die deutsche Sehnsucht nach dem großen Titel

Die Sehnsucht nach dem Titel, sie brennt. Vor fast 100 Jahren gab sich Emanuel Lasker beim WM-Kampf im fernen Havanna dem Kubaner  José Raúl Capablanca geschlagen. Seitdem tauchen in Schachdeutschland gelegentlich Hoffnungsträger auf, aber in unmittelbare Nähe zur Krone kam bislang nur einer.

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Zusammen mit Magnus auf der großen Bühne: Vincent Keymer während seiner letzten Partie beim Grenke Open gegen den Ungarn Richard Rapport. (Foto: Souleidis/Grenkechess)

Nun soll es Vincent Keymer richten. Der 13-Jährige ist fraglos eines der größten, wenn nicht das größte deutsche Schachtalent seit Emanuel Lasker. Nur heißt das im internationalen Vergleich der Supertalente noch nicht allzu viel. Der Wettbewerb ist knapper und härter, als er jemals war, und in Deutschland zu leben, bedeutet für einen aufstrebenden Schachspieler alles andere als einen Standortvorteil.

Schon in den 2020ern wird Indien die dominierende Schachnation sein

Was eine Vorbildfigur in ihrem Heimatland bewegen kann, deutet sich seit Jahren in den Jugendweltranglisten an. Visvanathan Anand ist in Indien ein Superstar, wie es hierzulande Boris Becker zu seinen besten Zeiten war. Der Exweltmeister hat in Indien einen Schachboom ausgelöst. In seinem Gefolge wird nun ein junger Inder nach dem anderen nach oben gespült,. Indien wird schon in den 2020ern die dominierende Schachnation sein.

Vielleicht funkt der eine oder andere Norweger den Indern dazwischen, denn Magnus Carlsen hat in seiner Heimat eine ähnliche Entwicklung verursacht. Dann sind da noch die US-Amerikaner mit ihren drei Top-Ten-Spielern und reihenweise Talenten im Schlepptau. Die Chinesen mit ihrer systematischen Sichtung und Förderung des Nachwuchses. Die Russen natürlich mit ihrer ungebrochenen Schachkultur. Und dazwischen ein einzelner Deutscher?

Klaus Junge war auf dem Sprung in die Weltklasse, Deutschland auf dem Weg in den Abgrund

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Klaus Junge

Hätten die Nazis neben allem angerichteten Unheil nicht auch noch Klaus Junge (1924-1945) verführt, dem deutschen Schach wären Dekaden der Zäsur womöglich erspart geblieben. Der junge Leutnant der Artillerie war auf dem Sprung in die Weltklasse, als Deutschland auf dem Weg in den Abgrund war. Junge fiel 21-jährig kurz vor Kriegsende bei einem sinnlosen Gefecht in der Lüneburger Heide.

Bald nach dem Krieg begann der schachliche Aufstieg des bayerischen Juristen Wolfgang Unzicker (1925-2006), der Schach nie als Profession betrieb und dennoch lange zu den besten 20 der Welt zählte. Der zehn Jahre jüngere Wolfgang Uhlmann aus Dresden erreichte ein ähnliches Level, widmete gar sein Leben dem Schach, aber dieses Leben verbrachte er hinter dem eisernen Vorhang. Und während die UdSSR Schach als Prestigeangelegenheit betrachtete, wurde es in der DDR kaum gefördert.

Robert Hübner: ein mit Talent gesegneter Forscher und Grübler, kein Wettkämpfer

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Robert Hübner

Robert Hübner steht über diesen beiden. Hübner war Nummer drei der Welt, hat unzählige Turniere gewonnen und vier Mal die Kandidatenwettkämpfe erreicht, die WM-Vorstufe. 1980 kam er gar ins Kandidatenfinale, scheiterte aber an Viktor Kortschnoi (der später im WM-Kampf Anatoli Karpow unterlag) – und an sich selbst. Hübner war Weltspitze, ein mit Talent gesegneter Forscher und Grübler, aber kein Wett- und schon gar kein Zweikämpfer.

Als Hübner nachließ, stand das deutsche Schach ohne Frontfigur da. In der Breite zwar stärker als die meisten anderen, aber wer interessiert sich für den Breitenschachweltmeister?

Ohne Spitzenkönner keine Vorbilder, ohne Vorbilder keine Sogwirkung und kein Wachstum. Dieser Zusammenhang muss Mitte der 2000er einem Funktionär aufgefallen sein, nachdem der Deutsche Schachbund, einer der größten der Welt, das Spitzenschach in der Post-Hübner-Ära lange allenfalls mit spitzen Fingern angefasst hatte. 2008, endlich, gründete der DSB die „Prinzengruppe„, eine Gruppe von Talenten, die, gezielt gefördert, zu Königen werden sollten.

Aus Prinzen wurden Landesfürsten

Das funktionierte. Wenige Jahre später tauchten reihenweise deutsche Namen auf respektablen Plätzen der Jugendweltranglisten auf, allen voran Matthias Blübaum. In seinem Gefolge Dennis Wagner, Rasmus Svane, Alexander Donchenko. Die vier Prinzen haben sich seitdem zu veritablen Großmeistern entwickelt, Könige allemal, aber nur in deutschen Landen.

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Indische Dominanz: die U-14-Top-Ten der Welt vor dem Grenke Open. Vincent Keymer ist Achter, und der Abstand nach oben ist signifikant. Seit gestern steht Keymer bei 2.443.

Die vier Jungs sind erwachsen geworden, der Talentstatus verbraucht sich langsam, und wir müssen feststellen, dass keiner von ihnen die Sehnsucht nach dem Titel stillen wird. Immerhin hat Deutschland jetzt wieder eine Riege junger, starker Großmeister, wie es sie lange nicht gab.

Dass in den jüngeren Jahrgängen ein gewisser Vincent Keymer zu noch größeren Hoffnungen Anlass gibt, hat sich in Schachkreisen schon vor Jahren herumgesprochen. Der Spross einer Musikerfamilie vollzog seitdem seinen behutsamen Aufstieg im Stillen, international im Schatten von indischen Talenten wie Nihal Sarin oder Praggnanandhaa, die rund um Welt von Turnier zu Turnier reisen und immer wieder mit außergewöhnlichen Ergebnissen aufhorchen lassen.

Nominell stagniert Vincent Keymer seit mehr als einem Jahr

Der Schüler aus Mainz spielt längst nicht so viel wie diese beiden und, so dachten wir, längst nicht so gut. Zuletzt schien sich anzudeuten, dass er ihrem kometenhaften Aufstieg nicht würde folgen können. Nominell stagniert Keymer seit mehr als einem Jahr.

Dann kam das Grenke Open. Acht Punkte aus neun Partien, alleiniger erster Platz vor mehreren Dutzend Großmeistern, GM-Norm und eine Leistung um 2.800 Elo, also Weltklasse. Ein Ausreißer war das, eine Ausnahme, ein derart gewaltiger Ausschlag nach oben, wie er so gar nicht in die behutsame und zuletzt stockende Entwicklung dieses außergewöhnlichen jungen Mannes passt.

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Google träumt auch schon: Nicht nur bei der Internetsuche ist der Begriff „Weltmeister“ mit Vincent Keymer verknüpft.

Sogar der des Hyperventilierens unverdächtige Schachjournalist Hartmut Metz fabulierte am Tag danach auf Chessbase über „goldene Zeiten für den deutschen Schachbund“, die nun anbrächen, und erweckte beinahe den Eindruck, Magnus‘ Tage seien bald gezählt. Ruhig bleiben, Hartmut.

Ein Resultat wie das in Karlsruhe wird Keymer nicht so schnell wiederholen können

Es wäre fatal, würde Vincent Keymer bei künftigen Auftritten an seinem außergewöhnlichen Resultat beim Grenke Open gemessen werden. So etwas wird er so bald nicht wiederholen können. Aber, wer weiß, vielleicht kann er in ein paar Jahren solche Ausnahmen zur Regel machen, wenn ihm erlaubt wird, seinen Aufstieg in Ruhe fortzusetzen.

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Blick in die DWZ-Auswertung: 2016 in Wien ein großmeisterliches Resultat, seitdem präsentiert sich Vincent Keymer als 2.400-Spieler. Dann kam Grenke.

Keymers Siege gegen großmeisterliche Gegnerschaft zeigen, dass es in Karlsruhe gegen nominell stärkere Spieler schlicht sehr gut lief. Rainer Buhmann unterlief, als er ein Remis erzwingen konnte, ein kaum fassbarer Fehler, der die Partie unmittelbar zugunsten seines jungen Gegners beendete. Gabor Papp wollte gegen Keymers Eigenbau-Eröffnung zu viel, stellte sich dabei aber so ungeschickt an, dass er schon schlecht stand, bevor die Partie so recht begonnen hatte. Richard Rapport schließlich spielte, nachdem er die Eröffnung gewonnen hatte, zu ungestüm und unkonventionell auf Gewinn, bis sein Angriff vollends versandet war. Sein kleinlautes Remisangebot lehnte Keymer ab.

Der Druck ließ ihn kalt, des Trainers Sorge war unbegründet

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Peter Leko

Die Partien zeigen auch zwei essenzielle Qualitäten Keymers: Pragmatismus und Wettkampfhärte. Wenn er schlecht steht, verteidigt er sich unerschütterlich, und wenn er gut steht, zieht er die Sache durch, egal, wer auf der anderen Seite des Brettes sitzt und egal, wer zuschaut.

Die Sorge seines Trainers Peter Leko, die letzte Runde auf der Bühne direkt neben dem Weltmeister spielen zu müssen, dazu der Druck durch das öffentliche Interesse, könnten Keymer beeinflussen, erwies sich als unbegründet. In dieser Hinsicht hat der 13-Jährige die deutsche Schachlegende Robert Hübner jetzt schon überholt.

Mit dem Sieg beim Grenke Open 2018 kommt eine Einladung zum Grenke Classic 2019. Für Vincent Keymer wäre das eine erste Gelegenheit, im Wettkampf mit den Allerbesten zu lernen. Aber er zögert, ob er diese Einladung annehmen soll: „Die sind ja so viel besser als ich.“

Sind sie, noch.

Na und?

Für Patzer und Profis: Abwickeln in ein gewonnenes Bauernendspiel

Kein anderes Konzept bekommt auf dieser Seite so viele Beiträge gewidmet wie das „Abwickeln in ein gewonnenes Bauernendspiel“, und das auf didaktisch zweifelhafte Weise.

Wir bitten die Leser sofort ans Brett, bevor sie überhaupt abschätzen können, ob und warum ein Bauernendspiel gewonnen ist. Wir haben ja noch nicht einmal die grundlegendsten Bauernendspiel-Basics wie die „Quadratregel“ erklärt. Von „Schlüsselfeldern“ oder „Opposition“ ganz zu schweigen. Aber Praxis ist die beste Schule.

Ein entfernter Freibauer, die entscheidende Zutat

Außerdem ist das hier kein Schachbuch, in dem ein Kapitel auf das andere aufbaut, sondern ein Gemischtwarenladen, in dem wir mal hier, mal dort ein Schlaglicht auf unterschiedliche Aspekte der Strategie werfen, so wie sie uns in praktischen Beispielen begegnen. Und in der Praxis, da taucht das Abwickeln in ein gewonnenes Bauernendspiel nun einmal ständig auf. Bei den Patzern vom Bodensee genauso wie bei veritablen Großmeistern.

Immerhin haben wir schon gelernt, welche Zutat für ein gewonnenes Bauernendspiel fast unerlässlich ist: genau, ein entfernter Freibauer. Während des Gegners König auf dem einen Flügel unserem entfernten Freibauern hinterherrennt, um ihn aufzuhalten, macht sich unser König auf dem anderen Flügel über dessen Bauern her.

Schachfreund Arno zum Beispiel hatte neulich in Villingen-Schwenningen (das übrigens mit scharfem „V“ gesprochen wird, für westfälische Einwanderer keine Selbstverständlichkeit) dieses Endspiel auf dem Brett:

Thomas Schaumann – Arno Dirksen, Villingen-Schwenningen, März 2018

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Trivial, oder? Schwarz tauscht die Türme, bildet auf der h-Linie einen entfernten Freibauern und gewinnt.

Trivial ist es zu sehen, dass das Bauernendspiel für Schwarz günstig ist. Es zum Gewinn zu führen, erfordert gleichwohl ein wenig Präzision.

Hier ist die Stellung schon aufgebaut, und Du kannst gegen einen Computergegner ausprobieren, ob Du mit Schwarz gewinnst.

Etwa 1.000 Elopunkte über Arno zieht der deutsche Großmeister Daniel Fridman seine Kreise. Statt nach Villingen-Schwenningen mit scharfem „V“ fuhr Fridman neulich nach Batumi in Georgien zur Europameisterschaft, um sich dort für den World Cup zu qualifizieren und ein Stück vom 100.000-Dollar-Preisgeldkuchen abzuschneiden.

Um dieses Ziel zu erreichen, musste Fridman seine Partie in der letzten Runde gewinnen. Und das erforderte, Ihr ahnt es, das Abwickeln in ein gewonnenes Bauernendspiel.

Daniel Fridman – Tamir Nabaty, Batumi, März 2018

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Allerdings in einer Version für Fortgeschrittene. Die Stellung nach 1.Txc5 dxc5 2.a4 ist gewonnen für Weiß, das ist alles andere als offensichtlich, und der Gewinn ist komplizierter als in allen bisherigen Beispielen. Wer das schafft, Respekt.

Hier ist die Stellung schon aufgebaut, tüftelt mal ein wenig herum und probiert, die weiße Stellung zum Gewinn zu führen.

Dieses ist die bislang schwierigste Aufgabe in dieser Reihe, schwieriger noch als das Bauernendpiel aus der Partie Svane – Nuber, das wir neulich im Beitrag „Katastrophen vor der Zeitkontrolle“ beleuchtet haben.

Wer es nicht schafft, meldet sich bitte in den Kommentaren. Wir werden dann die eine oder andere Hilfestellung geben.