Turm hoch und aus! (IV)

Den Wert einer offenen Reihe für Turmschwenks haben wir im vergangenen Beitrag kennengelernt. Leider kommt die Praxis selten so eindeutig daher wie die theoretischen Anschauungsbeispiele, aber manchmal eben doch. Zum Beispiel diese Stellung aus dem Budapester Gambit:

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Die schwarze Idee ist, einen Königsangriff zu initiieren. Also will er möglichst viele Kräfte zum Königsflügel überführen. Bevor der Schwarze seinen noch nicht entwickelten und hinter den Bauern eingesperrten Lc8 ins Spiel bringt, möchte er aus der offenen sechsten Reihe Kapital schlagen. …a5 plant den Turmschwenk zum Königsflügel …Ta8-a6-h6. Erst danach wird …d6 folgen, so dass auch der Lc8 ins Spiel eingreifen kann.

…a5 hilft auch, die weißen Pläne zu durchkreuzen. Weiß wird ja voraussichtlich am Damenflügel expandieren, und das fällt ihm nun schwerer, da der Schwarze dem Vorstoß b2-b4 einen Riegel vorgeschoben hat.

Ganz so geschwind wie in dieser exemplarischen Stellung konnte unser Schachfreund Ramadan neulich in Überlingen nicht seinen Turm an den gegnerischen König heranführen.

Antwort 76

Ramadan Deliu – Julian Preuss, Überlingen, März 2018

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Die dritte Reihe steht in diesem Fall nicht offen, aber Weiß findet trozdem einen Weg, den beschäftigungslosen Ta1 einzubeziehen. Er beginnt mit Ta1-e1, dann folgte Te1-e3, und dann wird meistens Te3-h3 nebst h4-h5 die Partie entscheiden.

Turm hoch und aus! Schwarz ist wehrlos, aber gegen die präziseste schwarze Verteidigung ist die Gewinnführung nicht trivial. Eine schöne Gelegenheit für uns, Mattangriffe zu üben.

Hier ist die Stellung schon aufgebaut, und Du kannst die weiße Stellung gegen einen Computer zum Gewinn führen. Viel Erfolg!

Antwort 77

Über allem steht der Turmschwenk, aber als Hintergrundgeräusch spielen sogar mehrere andere Konzepte mit. Zum Beispiel jenes, dass eine Party erst richtig gut wird, wenn alle mitfeiern und niemand einsam und betrübt am Rand der Tanzfläche herumsteht.

Jede Figur sollte eine Aufgabe erfüllen. Spielt eine nicht mit (so wie in diesem Fall der Ta1), dann sollten wir danach trachten, sie einzubeziehen. Das Konzept, mit den Figuren zu sprechen, haben wir ja schon vorgestellt. Wer sich regelmäßig unter seinen Truppen umhört, fragt, ob alle zufrieden sind oder nach Arbeit lechzen, dem wird nicht entgehen, wenn ein einzelner Kämpfer unterbeschäftigt in der Ecke steht.

Mobilität und Raum könnten wir auch noch anführen. Weil der Weiße speziell am Königsflügel mehr Raum beherrscht, ist er dort flexibler und mobiler. Die schwarzen Truppen hingegen sind auf engem Raum zusammengepresst, dem Schwarzen fehlt Mobilität. Darum hat ja Weiß die Zeit, seinen Turm auf Umwegen zum Königsflügel zu überführen, ohne dass sich Schwarz entscheidend wehren könnte.

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Aktiv spielen (IV)

Wer online auf Patzerlevel Blitzschach spielt, der sieht aus der schwarzen Perspektive gelegentlich dieses:

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Oder dieses:

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Ob nun gegen Caro-Kann (1.e4 c6) oder Französisch (1.e4 e6), der Mumpitzzug 2.Lc4 hilft nur dem Schwarzen. Der will ja eh …d5 spielen, und nun gestattet es ihm der Weiße, …d5 mit Tempo durchzusetzen. Sehr freundlich, dankeschön.

Natürlich wollen wir unsere Figuren auf möglichst aktive Felder entwickeln, aber nur auf solche, auf denen sie stabil stehen und ins gegnerische Lager wirken. Felder, auf denen sie nur die Entwicklung des Gegners beschleunigen und ansonsten keinerlei Funktion haben, meiden wir.

Antwort 75

Hätte unser Schachfreund Alexander die Aufgabe gehabt, nach 1.e4 c5 den schlechtestmöglichen Entwicklungszug für Weiß zu finden, 2.Lc4 wäre ein heißer Kandidat für den Hauptgewinn.

Alexander Daudrich – Helmut Möldner, Überlingen, April 2018

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Schwarz antwortet mit 2…e6 und 3…d5, dann gehört ihm das Zentrum, und Zeit gewinnt er obendrein, indem er dem Lc4 einen Tritt versetzt.

Aaaber Weiß könnte doch 1.e4 c5 2.Lc4 e6 3.e5 spielen?!

Klar. Dann folgt auch 3…d5, und nach 4.exd6 Lxd6 hat der Weiße drei Mal seinen e-Bauern gezogen, nur um ihn gegen einen Bauern zu tauschen, der ein Mal gezogen hat. Obendrein hat er noch dem Lf8 zur Entwicklung verholfen.

Der dösige Lc4 beißt derweil weiter auf Granit, und womöglich wird er später noch per …a6 und …b5 einen Tritt bekommen. Vorteil Schwarz. Und das nach drei (!) Zügen.

Immer alles auskämpfen! (II)

isolani.jpgÜber die typische Isolani-Struktur sind Bücher geschrieben worden, und wir wären bei weitem nicht die erste Schachseite, die sich diesem Thema ausführlich widmet. Aber was sollen wir machen? Am Bodensee scheinen sich die Basics immer noch nicht herumgesprochen zu haben. Und das gilt bei weitem nicht nur für unseren Schachfreund Klaus, der wie kein anderer diese Seite mit seinen Abenteuern am Schachbrett bereichert hat.

Bevor wir den Bereichsliga-Meister aus Meßkirch (Glückwunsch!) in eine höhere Spielklasse entlassen, wollen wir den Schachfreunden aus dem Nachbarort noch ein paar Tipps mit auf den Weg geben. Ihr Auftritt neulich in Überlingen offenbarte Defizite, die eine Liga höher bestraft würden.

So sieht sie aus, die Isolani-Stuktur:

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Wer hier mitliest, der weiß, dass wir als erstes Bauerninseln zählen, um uns über eine Struktur ein Urteil zu bilden. Je mehr Inseln, desto schlechter.

Weiß verwaltet drei Bauerninseln, Schwarz deren zwei. Vorteil Schwarz?

Ja, aber nicht unmittelbar.

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Schon Siegbert Tarrasch beschäftigte sich mit Isolani-Strukturen.

In Endspielen mit dieser Struktur würde Weiß darunter leiden, dass kein Bauernkollege den isolierten Gesellen auf d4 decken kann. Schwarz könnte ihn nach Herzenslust belagern, unter Druck setzen und womöglich erobern.

Aber vor das Endspiel haben die Schachgötter das Mittelspiel gesetzt, und in dem hat die Isolani-Seite den einen oder anderen Vorteil, mit dem sie trefflich arbeiten kann.

„Wer den Isolani fürchtet, sollte besser mit Schach aufhören“, sagt unser oberster Strategieberater Siegbert Tarrasch, der Erfinder der Tarrasch-Verteidigung, deren Anhänger einen Isolani für freies Figurenspiel gerne in Kauf nehmen.

Eine typische Isolani-Stellung aus dem frühen Mittelspiel, wie sie aus diversen Eröffnungen entstehen kann:

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Beide Seite haben einen Zentrumsbauern, aber der von Weiß ist weiter vorgerückt. Er sichert dem Weißen ein wenig Raumvorteil und für seinen Springer einen potenziellen Vorposten auf e5. Während es für den Schwarzen nicht ganz einfach ist, sich bei vollem Brett auf engem Raum harmonisch aufzustellen, hat der Weiße einen einfachen Plan: Königsangriff!

Ist erst einmal ein Gaul auf e5 installiert, geht der Angriff los. Womöglich taucht noch ein zweiter Gaul auf g5 und dazu die weiße Dame am Königsflügel auf. Oder der Weiße baut sich eine Dame-Läufer-Batterie auf der Diagonalen b1-h7. Und, wie schön, die dritte Reihe ist frei für Turmschwenks. Der Turm auf e1 hat sich schon in Position gebracht, um auf der Route e1-e3-h3 am Angriff teilzunehmen.

Drehscheibe d5

Schwarz steht dem natürlich nicht wehrlos gegenüber. Immerhin hat er auf d5 ein treffliches Zentralfeld, auf dem er ungestört Figuren einpflanzen kann. d5 wird ihm oft als Drehscheibe dienen.

Schwarz wird versuchen, schon im Mittelspiel den Isolani unter Druck zu halten, sodass Weiß sich nicht ungestört gegen seinen König aufstellen kann. Und er wird danach trachten, Material vom Brett zu nehmen. Je mehr Figuren getauscht werden, desto weniger Spiel kann der Weiße entwickeln, und desto eher fällt die Schwäche des Isolani ins Gewicht.

Antwort 72

Thomas Bialk – Klaus Grensing, Überlingen, April 2018

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Und schon sehen wir, dass es sich hier um einen elementaren Fall handelt. Weiß schlägt natürlich mit einem Bauern auf d4. Der f3-Springer soll ja bald nach e5, und Weiß will (muss!) Material auf dem Brett halten, will er nicht ohne Angriff in einem schlechten Endspiel landen.

Einige abenteuerlustigen Facebookfreunde unserer Seite wollten einfach einen Bauern opfern. Aber wer das tut, der möchte dafür Zeit, Raum, Initiative oder sonstwelche Gegenleistungen bekommen?! Und wie das hier gehen soll, ist nicht zu sehen.

Der Vorschlag, 1.Lg5 zu spielen, ginge jedenfalls nach hinten los. 1…Sxe4 2.Lxe7, und nun kann sich Schwarz aussuchen, ob er auf c3 oder lieber f2 noch einen Bauern kassieren will.


Das Thema „Remisangebote“ konnten wir vergangene Woche etwas schneller abhandeln als heute jenes der Isolani-Struktur, weil es sich auf eine einfache Formel bringen lässt (siehe Überschrift):

Wir bieten kein Remis an.

Allerdings ist Schach ein Mannschaftssport. Wer im Team spielt, für den sollte zuallererst zählen, dass seine Mannschaft auf 4,5 Punkte kommt. Wer also beim Stande von 4:2 gut steht, aber in Zeitnot gerät, der darf ein Remisangebot versuchen, ohne sich dafür schämen zu müssen. Vielleicht ist der Gegner ja feige genug, es anzunehmen.

Für Spieler der Mannschaft, die 2:4 hinten liegt, sind Remisschlüsse natürlich verboten. Wer trotzdem remis macht, der gehört beschimpft, und wer beim Stand von 2:4 das Annehmen eines Remisangebots mit der geläufigen, aber dämlichsten aller Begründungen rechtfertigt, der erst recht:

Ich habe nicht gesehen, wie ich gewinnen soll.

Wenn Magnus Carlsen 1.e2-e4 spielt, sieht er auch noch nicht, wie er gewinnen soll.

Immer alles auskämpfen! Beim Stand von 2:4 spielen wir ausgeglichene Stellungen halt weiter, stellen dem Gegner Probleme, bis er kollabiert und einen Fehler macht. Ist das passiert, wirst Du schon sehen, wie Du gewinnen sollst.

Antwort 73

In der fraglichen Stellung konnten die Mannschaftskameraden des Schwarzen durchaus noch von 4,5 Punkten träumen, als nach Ld3-c2 eine Remisofferte hereingeflattert kam.

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Unter normalen Umständen würden wir so ein Remisangebot als Frechheit abtun. Schwarz ist ja sowas von am Drücker. Er muss nur auf e4 alles tauschen, dann steht es so:

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Jetzt …Lf6, …Dd5, Türme zentralisieren, Druck gegen d4, und der Weiße wird arge Schwierigkeiten haben, seinen Laden zusammenzuhalten. Er leidet nicht nur an seinem schwachen Isolani, dazu kommt noch, dass er mit einem schlechten Läufer dasteht. Spiel auf ein Tor.

Trotzdem können wir dem Weißen hier keine Unhöflichkeit unterstellen. Er hat ja schon mit Sxd4 in Diagrammstellung 72 gezeigt, dass ihm nicht klar ist, dass Weiß Puppen auf dem Brett halten muss. Gerade hat er mit Lc2 (was den Generalabtausch auf e4 erlaubt) diese Einschätzung noch einmal bestätigt.

Also lehnen wir freundlich lächelnd ab, bleiben Freunde, unterstellen ihm nichts Böses und schieben dann ihn und seine traurige Heerschar von Klötzen zusammen.

Antwort 74

Elmar Streicher – Wolfgang Müller, Überlingen, April 2018

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Frechheit vom Weißen, 1.Te3 zu ziehen und remis anzubieten.

Schwarz steht klar besser. Sein Turm ist aktiv, der des Weißen an die Verteidigung seiner Bauern gekettet. Der schwarze König hat eine klare Route, am Königsflügel einzudringen, Spiel auf ein Tor. Schwarz kann in der Folge ohne Risiko ausloten, ob es ihm gelingt, seinen Vorteil in einen vollen Punkt zu verwandeln.

Was bedeutet beim Schach eigentlich „konkret“?

Wenn gute Schachspieler eine Position oder Variante charakterisieren, dann fällt häufig der Begriff „konkret“ . Konkret sind Stellungen dann, wenn sie forcierte Zugfolgen bergen, die fast unausweichlich geschehen müssen, weil es kaum Alternativen gibt, weil Drohungen und Gegendrohungen im Spiel sind, um die sich beide Seiten zu kümmern haben.

Weniger gebräuchlich, aber logisch wäre das Gegenteil „abstrakt“ . Abstrakt ist eine Stellung, wenn beiderseits viele Züge plausibel sind, wenn keine unmittelbaren taktischen Notwendigkeiten bestehen, so dass es eher um Pläne und strategische Faktoren geht.

Ein Beispiel:

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Weiß am Zug kommt in Vorteil.

Eine Stellung, wie sie typischerweise aus dem Angenommenen Damengambit entsteht.

Wenn Weiß hier mit einer abstrakten Denkweise herangeht, dann wird er auf Basis seines e5-Vorposten hoffen, mittelfristig einen Königsangriff zu initiieren. Auf e4 wird ein weißer Springer auftauchen sollen, um von dort entscheidend nach d6, f6 oder g5 zu springen. Seinen so wertvollen weißfeldrigen Läufer wird der Weiße unter allen Umständen auf dem Brett halten wollen, weil dieser Läufer auf der Diagonalen b1-h7 eine wichtige Rolle beim Königsangriff spielen soll. Den schwarzfeldrigen wird er gerne gegen den des Gegners tauschen wollen, um die schwarzfeldrigen Probleme des Nachziehenden zu betonen.

Alles richtige Überlegungen – und dennoch Blödsinn. Die Stellung birgt eine konkrete Lösung. Anstatt positionelle Faktoren abzuwägen, muss Weiß ein bisschen rechnen, um sie zu finden. Und dann wird er mit Freude seinen vermeintlich ach so wichtigen weißfeldrigen Läufer hergeben.

Mit 1.Lxd5 exd5 2.Sc3 kommt Weiß in Vorteil.

Versucht Schwarz 2…Lb7, folgt 3.e6! fxe6 4.Sg5, und Weiß steht riesig. Deckt der Schwarze den d5-Bauern per 2…Sb6, hat der Weiße einen weiteren (konkreten) Tempozug: 3.Lg5. Nun sieht 3…Dd7 überaus hässlich aus für Schwarz, während 3…Dc7 nach 4.dxc5 nebst 5.Tc1 in konkrete Probleme läuft.

Antwort 71

Hast Du gemerkt, wie wir Dich mit Frage 71 aufs Glatteis zu führen versucht haben? Du solltest positionelle Faktoren aufzählen und herausfinden, worum es in dieser Stellung geht:

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Natürlich könnten wir hier lange über den weißen Isolani auf d4 lamentieren, wie Schwarz ihn am besten belagert, über aktive und passive Leicht- und suboptiomal aufgestellte Schwerfiguren. Ist aber alles Quatsch. Es gibt eine konkrete Lösung.

1…c5!, und Schwarz steht besser.

Dass Schwarz damit potenziell den weißen Isolani auflöst, spielt insofern eine Rolle, als Weiß nicht 2.dxc5 spielen darf. Nach 2…Sxc5 steht er sofort auf Verlust, Schwarz gewinnt Material.

Das wiederum bedeutet, dass 1…c5 mit der Drohung …Lxf3 und Gewinn des d4-Bauern daherkommt. Da Weiß nicht auf c5 schlagen darf, muss er d4 decken, zum Beispiel mit 2.Tad1. Nur wird sich Schwarz auf f3 bedienen und die Struktur des Weißen ruinieren. Die Partie mündet in ein für Schwarz sehr günstiges Endspiel.

Vorsicht, Grautöne und Nebengeräusche: die Lehre vom schlechten Läufer (II)

Wenn wir eine Stellung bewerten, dann ist ein Konzept selten ausreichend, um zu ermitteln, wer besser steht. Meistens spielen mehrere Konzepte in die Stellungsbewertung hinein, ergänzen einander oder widersprechen sich gar. Und oft ist es gar nicht so leicht zu begreifen, welches nun eine Hauptrolle spielt und welches wir eher als Hintergrundrauschen verstehen sollten.

Im ersten Teil haben wir gesehen, dass gerade einfach zu verstehende Konzepte wie das des „schlechten Läufers“ gerne überbewertet werden, eben weil sie so einfach zu verstehen sind. Manchmal sind Bauern auf der Farbe des Läufers festgelegt, und doch spielt das eine eher untergeordnete Rolle oder ist nur ein Konzept von vielen, die zu berücksichtigen sind.

Perlenfischer – indisponierter Großmeister, Internetpartie 2017

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Der Schwarze hat gerade …Le7 gespielt, und er wird …Lg5 folgen lassen, wenn Weiß nichts dagegen unternimmt. Mit seinen auf Schwarz festgelegten Bauern käme dem Schwarzen ein Abtausch der schwarzfeldrigen Läufer entgegen. Außerdem hilft ihm wegen seiner Raumnot Abtausch generell, denn das würde ihm auf seinem limitierten Raum die Koordination erleichtern.

Weiß zog Sf3, was eine Figur entwickelt und …Lg5 verhindert.

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Für Schwarz wäre jetzt …Lg4 mit der Idee …Lxf3 eine gute Option.

Ja, theoretisch ist der weißfeldrige der „gute“ Läufer von Schwarz, aber der ist längst nicht so gut wie der Sf3.

Hat dieser Springer erst einmal sein typisches Feld c4 erreicht, wird er von dort aus weite Teile der schwarzen Stellung dominieren (dieses Motiv aus Benoni-artigen Strukturen haben wir an anderer Stelle schon kennengelernt). Also sollte Schwarz ihn liquidieren. Außerdem gilt weiter, dass sich der beengt stehende Schwarze gerne per Abtausch entlasten möchte.

Schwarz spielte stattdessen …Sf6, was weniger präzise sein mag, und ein paar Züge später stand es so:

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Keine Hebel, kein Gegenspiel, kein Raum: Da helfen dem Schwarzen seine 2.500 Elo wenig, er ist schon fast komplett überspielt. Jetzt plant er …Sg6-f4, ein Sprung auf das einzige aktive Feld, das sich seinem kümmerlichen Klumpen von Leichtfiguren anbietet.

Und wieder: Ja, angesichts der auf weiß festgelegten Bauernkette im Zentrum ist der weißfeldrige Läufer der „schlechte Läufer“, theoretisch. Trotzdem behält Weiß ihn lieber auf dem Brett, spielt Te1 und plant …Sf4 mit Lf1 zu beantworten. Das hat wieder den Grund, den Schwarzen in seinem Saft schmoren zu lassen. Entlastung wird nicht gewährt.

Außerdem dient der Läufer als Stabilisator des Königsflügels. Sollte Schwarz mit Unterstützung seines Sf4 mittelfristig ein wenig Spiel am Königsflügel entwickeln, dann wird dort weißfeldrig nichts anbrennen, weil der Lf1 als Verteidiger jegliche Einschläge auf h3 oder g2 entschärft.

Dazu kommt noch, dass der vermeintlich schlechte Läufer auch einen offensiven Job macht. Schwarz ist ja verzweifelt auf der Suche nach Hebeln, einer wäre …b5. Aber nach axb6 wird der rückständige a6-Bauer schwach sein, und das umso mehr, weil ihn der Lf1 unter Druck setzt.

Antwort 66

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1.c5 wäre eine Idee, um den hinter seinen Bauern eingesperrten La8 endgültig kaltzustellen. Tauscht Schwarz zwei Mal auf c5, hätte der Weiße dieses Ziel tatsächlich erreicht, der c6-Bauer wäre festgelegt. Aber Schwarz spielt 1…Sd7, setzt die Spitze der weißen Bauernkette unter Druck und wird Weiß zwingen, auf d6 oder b6 zu tauschen.

Besser ist 1.e5. Das gewinnt erst einmal weiteren Raum und beschädigt in der Folge die schwarze Struktur. Um den La8 kümmert sich Weiß später.

Antwort 67

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Lxg6, logisch. Nur so lässt sich der e5-Bauer verteidigen, und dem Schwarzen geht die Integrität seiner Struktur flöten.

Antwort 68

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Jetzt ist es an der Zeit, den La8 kaltzustellen. Weiß spielt c5.

Antwort 69

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Natürlich schlagen wir mit der Dame auf c5.

Schwarz kann sich nicht mit …La6 befreien, dann käme b5 nebst b6.

Von c5 aus droht die Weiße Dame, ins schwarze Lager einzudringen, außerdem liegen Sd4 und Se4 in der Luft (und ggf. Sb5). Auf d6 winkt den weißen Gäulen ein schönes Feld, und die e6- und c6- Bauern stehen viel stärker unter Druck, als wenn wir per bxc5 die Stellung statisch machen würden. Nach 1.Dxc5 steht Weiß auf Gewinn.

Antwort 70

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Sb3 mit Kontrolle des Feldes c5. Ist dort ein weißer Springer angekommen, ist die Partie fast vorbei.

Der c6-Bauer bleibt festgelegt, der e6-Bauer angegriffen, und der Springer unterstützt den gedeckten Freibauern des Weißen bei seinem Vormarsch. Weiß muss nichts weiter tun, als seinen König helfend heranführen, dann ist es aus.

Eine Figur weniger trotz ausgeglichenem Material – das geht (II)

Beim Kandidatenturnier in Berlin haben wir gesehen, dass der typische eingesperrte Läufer auf g3 (oder g6) gelegentlich ein Spiegelbild wirft. In seiner Partie gegen Fabiano Caruana, einer der zentralen Partien des Turniers, plagte sich Vladimir Kramnik mit einem potenziell eingesperrten Läufer auf b3 herum.

Vladimir Kramnik – Fabiano Caruana, Kandidatenturnier Berlin 2018

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Schwarz am Zug

Könnte Schwarz in dieser Stellung zwei Züge auf einmal ausführen, er würde natürlich …d6-d5 und …b7-b5 ziehen. Der Lb3 wäre fortan eingesperrt, fände keinen Weg aus seinem Gefängnis, und Weiß müsste die Partie mit einer Figur weniger bestreiten.

Aber Schwarz darf nur einen Zug machen, und für den Moment muss er sich mit der kräftigen positionellen Drohung Sd2-e4 auseinandersetzen. …d6-d5 würde das parieren und zugleich den rückständigen Bauern auf d6 auflösen. Aber Weiß könnte sich sogleich mit c3-c4 befreien und stünde etwas angenehmer.

Caruana entschied sich stattdessen für …Lc8-f5, was eine Figur entwickelt und ebenfalls die weiße Option Sd2-e4 aus der Stellung nimmt.

Die Drohung, …d5 und …b5 bleibt ja als Motiv erhalten. Auch wenn sie nicht aufs Brett kam, bestimmte sie doch den weiteren Verlauf der Partie. Erst schob Kramnik dieser Drohung mit c3-c4 früher als nötig einen Riegel vor, sperrte aber damit selbst seinen Läufer ein. Wenig später folgte ungestüm c4-c5, mit dem der Weiße Brücken hinter sich abbrach, zwischenzeitlich dennoch auf Gewinn stand, aber nach dramatischem Verlauf am Ende verlor.

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Am Ende stand der auf b3 eingesperrte Läufer sogar noch auf dem Brett (auf d3), während Vladimir Kramnik angezählt über dem Tisch hing. Der Wendepunkt des Kandidatenturniers.

Anstatt mit 3,5/4 zu starten und das Kandidatenturnier von Beginn an zu dominieren, war das ein arger Rückschlag für Vladimir Kramnik, der damit zudem Fabiano Caruana in die Spur geholfen hatte. Kramnik suchte in der Folge in jeder Partie in erster Linie eine wilde Prügelei, während Caruana seine gegen Kramnik errungene Tabellenführung bis zum Schluss nicht mehr abgab und nun Magnus Carlsen herausfordern darf.

1.200 Elopunkte unter und vier Wochen nach diesen beiden hatte am Bodensee ein eingesperrter Läufer auf g3 zentrale Bedeutung. Des Schwarzen Kollege am Nachbarbrett stand auf Gewinn, und würde nun hier der Schwarze die richtige Fortsetzung finden, dann wäre der Drops schon beinahe gelutscht.

Antwort 65

Klaus Grensing – Roland Streit, Überlingen 2018

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Der Lg3 ist nicht nur eingesperrt, Schwarz kann obendrein danach trachten, ihn unmittelbar einzusammeln: …h6-h5-h4 mit Läuferfang liegt in der Luft. Der einzige Weg für Weiß, das zu verhindern, ist h2-h4. Aber das wiederum kann Schwarz verhindern, indem er den h-Bauern blockiert.

1…Lg4-h3! mit der Idee …h6-h5-h4 ist der richtige Zug.

Die Angelegenheit ist nicht trivial, weil der Weiße zum Beispiel mit Ld5xb7-c6+ dazwischenfunken oder d3-d4 mit Tempo probieren kann. Aber wie der Weiße sich auch dreht und wendet, wie lange er das Unheil am Königsflügel auch hinauszögert, am Ende wird das Pendel zugunsten des Schwarzen ausschlagen.

Was sind eigentlich hässliche Züge? Und wie erkennen wir die? (II)

1970 in einer Blitzpartie hatten der große Viktor Kortschnoi (Weiß) und der noch größere Bobby Fischer (Schwarz) diese Stellung auf dem Brett.

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Welche Eröffnung die beiden gespielt haben, sehen wir sofort: ein klassischer Königsinder, aus dem sich bei geschlossenem Zentrum das typische Wettrennen auf den Flügeln ergeben hat.

Weiß versucht, auf dem Damenflügel ins schwarze Lager einzudringen, Schwarz stürzt sich derweil mit allen verfügbaren Truppen auf den weißen König. Wer zuerst an sein Ziel gelangt, der gewinnt.

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Bobby Fischer.

Seinen Läufer auf c8 hat Bobby Fischer bislang nicht angefasst, und doch ist der Läufer eine zentrale Figur im Konzept des Schwarzen. Will er zum weißen König durchdringen, wird er auf die eine oder andere Weise auf h3 eine Figur ins Geschäft stecken müssen, um den Schutzwall aus Bauern vor dem weißen König zu zertrümmern. Nur weil der Läufer von c8 aus auf den weißen Königsflügel späht, bieten sich dem Schwarzen einige Optionen, sein Ziel zu erreichen.

Nicht nur in diesem konkreten Fall, sondern generell im klassischen Königsinder gilt, dass der weißfeldrige Läufer für den schwarzen ein unverzichtbarer Baustein seiner Ambitionen gegen den weißen König ist. Oft bleibt der Läufer lange auf c8 stehen, nur um dann im Mittelspiel entscheidend in die Attacke einzugreifen.

Natürlich müssen weder Schwarz noch Weiß diese Strukturen mit geschlossenem Zentrum und gegenseitigen Angriffen anstreben. Für beide Seiten bieten sich im Königsinder eine Reihe von Möglichkeiten, sich aufzubauen. Das gilt auch für Jürgens Partie neulich.

Wer die verpasst hat, hier der Beitrag aus der Schachschule mit den Fragen, die wir nun beantworten:

Was sind eigentlich hässliche Züge und wie erkennen wird die?

Antwort 59

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Früher oder später muss Schwarz entscheiden, wie er sich im Zentrum dagegenstemmen will. Schwarz kann sofort mit …e7-e5 im königsindischen Sinne fortsetzen. Er kann auch …c7-c5 spielen, wonach die Partie eher einen Benoni-Charakter bekäme. Oder er bleibt vorerst flexibel mit …Sb8-d7 oder sogar …Sb8-a6 und legt sich erst später fest.

…b7-b6 ist hässlich, weil es nicht in die Stellung passt. Egal, wie sich Schwarz aufbauen wird, egal, welchen Plan er verfolgen wird, wo er Hebel ansetzen wird, …b7-b6 passt nicht rein und die Idee, den Lc8 zu fianchettieren, noch weniger.

Lc8-b7, noch ein hässlicher Zug.

Antwort 60

Auf b7 wäre der Läufer nur sinnvoll aufgestellt, wenn es Schwarz gelänge, nach …e7-e5 oder …c7-c5 auf d4 zu tauschen und in der Folge Druck gegen den weißen e4-Bauern zu entwickeln.

Aber das kann ihm nicht gelingen, weil beim Schach abwechselnd gezogen wird.

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Weiß spielt natürlich d4-d5, schließt das Zentrum ab, stellt den Lb7 kalt, und Schwarz hat zwei Tempi investiert, um seinen Läufer auf ein schlechteres Feld zu stellen als das, von dem er kam.

Der einzige Hebel, der sich jetzt für Schwarz anbietet, ist …b6-b5 – noch ein Indiz, welch ein bescheidener Zug …b7-b6 war. Lieber würde Schwarz seinen Hebel in einem Zug per …b7-b5 ansetzen, aber das geht nun nicht mehr, nachdem er mit …b7-b6 und …Lc8-b7 Zeit verplempert hat.

Antwort 61

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1.e4xd5 ist die klar beste der drei möglichen Arten, auf d5 zurückzuschlagen.

Der Lb7 bleibt kaltgestellt, der Hebel …b6-b5 verhindert, und Weiß erfreut sich Raumvorteils und freieren Figurenspiels, während der Schwarze zusammengedrängt und ohne Plan dasteht. Vorteil Weiß.

Nach 1.c4xd5?! b6-b5 entwickelt Schwarz unmittelbar Gegenspiel am Damenflügel.

Auch nach 1.Sc3xd5 ist sofortiges 1…b6-b5 stark. Schwarz befreit sich, und Weiß kann auf b5 keinen Bauern gewinnen, weil sich am Ende der Ta8 auf a2 bedient.

Antwort 62

Erst einmal ist Schwarz ganz zufrieden damit, auf der e-Linie Material vom Brett nehmen zu können, um sich zu entlasten und damit dem Ausgleich näher zu kommen. Das ändert aber nichts an dem Umstand, dass der Weiße weiterhin mehr Raum besitzt und der Lb7 im Abseits steht.

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Schwarz braucht einen aktiven Plan, und der besteht in …b6-b5. Will Schwarz vollwertiges Spiel haben, dann muss er eher früher als später am Damenflügel seinen typischen und in diesem Fall einzigen Hebel ansetzen.

Sobald Weiß c4xb5 spielt, würde der d5-Bauer schwach und der Lb7 hätte endlich eine Aufgabe. Stützt der Weiße stattdessen per b2-b3 seine zentrale Bauernkette, ergeben sich schwarzfeldrige Löcher am weißen Damenflügel, gegen die der Schwarze spielen kann.

Antwort 63

Anstatt per …b6-b5 energisch auf Gegenspiel zu pochen, spielt der Schwarze …Nd7-e5. Als würde er damit zufrieden sein, schlechter zu stehen, und nur darauf hoffen, per Entlastung den Nachteil in Grenzen zu halten.

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Durch den Tausch auf e5 hat die Struktur eine wesentliche Veränderung erfahren. Auf einmal besitzt der Weiße einen gedeckten Freibauern auf d5. Der marschiert zwar nicht unmittelbar los, aber der Schwarze hat auch unmittelbar keine gute Möglichkeit, ihn wirksam zu blockieren.

Mit einem Blockade-Springer auf d6 (der zudem …b6-b5 und …f7-f5 unterstützen würde), stünde Schwarz vielleicht sogar besser. Aber der Gaul hat keinen Weg nach d6, und Weiß wird ihn sofort vom Brett tauschen, sollte er drohen, auf sein Traumfeld zu gelangen.

Warum Weiß besser steht, ist offensichtlich. Aktivität, Raumvorteil, gedeckter Freibauer. Der Schwarze hat sich zwar ein wenig entlastet, aber seine Koordination ist immer noch kümmerlich. Der Lb7 bleibt kaltgestellt, der Lg7 spielt auch nicht mit, und der Sf6 findet keinen Weg nach d6.

Schwieriger ist die Frage zu beantworten, wie Weiß nun weiterspielen soll. Ein klarer Plan, den Vorteil auszubauen, ist schwierig zu benennen. Wichtig ist, den Schwarzen in seinem Saft schmoren zu lassen, Material auf dem Brett zu halten, bis sich ein Szenario ergibt, in dem der weiße Trumpf (sein gedeckter Freibauer) sticht. Die einzige Figur, die Weiß bereitwillig heraustauschen wird, ist der schwarze Springer, damit der nicht nach d6 gelangt.

Auch der weiße Springer hat ja ein Traumfeld, e4. In diesem Sinne wäre eine Idee von mehreren, 1.Lg5xf6 Lg7xf6 2.Sc3-e4 Lf6-g7 3.g4-g5 zu spielen. Danach stünde es so:

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Der weiße Springer hat unbehelligt sein Traumfeld e4 erreicht, Schwarz kann den d6-Freibauern nicht mehr wirksam blockieren und ebenso wenig günstig …f7-f5 spielen. Das Läuferpaar, das uns oft so wichtig ist, könnten wir an dieser Stelle ohne große Bedenken aufgeben.

Vorteil Weiß.

Antwort 64

Jetzt müsste schon deutlich geworden sein, warum Sc3-e4 ein hässlicher Zug war. Das einzige, was der Zug leistet, ist Schwarz weitere Entlastung zu bescheren.

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Außerdem hat der Schwarze nach …Sf6xe4 Ld3xe4 plötzlich zwei Hebel als realistische Optionen: Zum ewigen …b6-b5 kommt nun auch noch …f7-f5, das die aufgelockerte weiße Königsstellung betonen würde. Des Weißen gedeckter Freibauer kommt derweil kein Stück voran.

Mit einem Mal ist der weiße Vorteil fast verflogen. Schade eigentlich. Wer seinen Königsinder so misshandelt wie hier der Schwarze, der sollte dafür bestraft werden.

Für Patzer und Profis: Abwickeln in ein gewonnenes Bauernendspiel

Kein anderes Konzept bekommt auf dieser Seite so viele Beiträge gewidmet wie das „Abwickeln in ein gewonnenes Bauernendspiel“, und das auf didaktisch zweifelhafte Weise.

Wir bitten die Leser sofort ans Brett, bevor sie überhaupt abschätzen können, ob und warum ein Bauernendspiel gewonnen ist. Wir haben ja noch nicht einmal die grundlegendsten Bauernendspiel-Basics wie die „Quadratregel“ erklärt. Von „Schlüsselfeldern“ oder „Opposition“ ganz zu schweigen. Aber Praxis ist die beste Schule.

Ein entfernter Freibauer, die entscheidende Zutat

Außerdem ist das hier kein Schachbuch, in dem ein Kapitel auf das andere aufbaut, sondern ein Gemischtwarenladen, in dem wir mal hier, mal dort ein Schlaglicht auf unterschiedliche Aspekte der Strategie werfen, so wie sie uns in praktischen Beispielen begegnen. Und in der Praxis, da taucht das Abwickeln in ein gewonnenes Bauernendspiel nun einmal ständig auf. Bei den Patzern vom Bodensee genauso wie bei veritablen Großmeistern.

Immerhin haben wir schon gelernt, welche Zutat für ein gewonnenes Bauernendspiel fast unerlässlich ist: genau, ein entfernter Freibauer. Während des Gegners König auf dem einen Flügel unserem entfernten Freibauern hinterherrennt, um ihn aufzuhalten, macht sich unser König auf dem anderen Flügel über dessen Bauern her.

Schachfreund Arno zum Beispiel hatte neulich in Villingen-Schwenningen (das übrigens mit scharfem „V“ gesprochen wird, für westfälische Einwanderer keine Selbstverständlichkeit) dieses Endspiel auf dem Brett:

Thomas Schaumann – Arno Dirksen, Villingen-Schwenningen, März 2018

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Trivial, oder? Schwarz tauscht die Türme, bildet auf der h-Linie einen entfernten Freibauern und gewinnt.

Trivial ist es zu sehen, dass das Bauernendspiel für Schwarz günstig ist. Es zum Gewinn zu führen, erfordert gleichwohl ein wenig Präzision.

Hier ist die Stellung schon aufgebaut, und Du kannst gegen einen Computergegner ausprobieren, ob Du mit Schwarz gewinnst.

Etwa 1.000 Elopunkte über Arno zieht der deutsche Großmeister Daniel Fridman seine Kreise. Statt nach Villingen-Schwenningen mit scharfem „V“ fuhr Fridman neulich nach Batumi in Georgien zur Europameisterschaft, um sich dort für den World Cup zu qualifizieren und ein Stück vom 100.000-Dollar-Preisgeldkuchen abzuschneiden.

Um dieses Ziel zu erreichen, musste Fridman seine Partie in der letzten Runde gewinnen. Und das erforderte, Ihr ahnt es, das Abwickeln in ein gewonnenes Bauernendspiel.

Daniel Fridman – Tamir Nabaty, Batumi, März 2018

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Allerdings in einer Version für Fortgeschrittene. Die Stellung nach 1.Txc5 dxc5 2.a4 ist gewonnen für Weiß, das ist alles andere als offensichtlich, und der Gewinn ist komplizierter als in allen bisherigen Beispielen. Wer das schafft, Respekt.

Hier ist die Stellung schon aufgebaut, tüftelt mal ein wenig herum und probiert, die weiße Stellung zum Gewinn zu führen.

Dieses ist die bislang schwierigste Aufgabe in dieser Reihe, schwieriger noch als das Bauernendpiel aus der Partie Svane – Nuber, das wir neulich im Beitrag „Katastrophen vor der Zeitkontrolle“ beleuchtet haben.

Wer es nicht schafft, meldet sich bitte in den Kommentaren. Wir werden dann die eine oder andere Hilfestellung geben.

Welcher Turm gehört wohin, die ewige Frage (III)

Auf die offene Linie? Hinter die Freibauern?

Wenn die Entwicklung abgeschlossen ist, der König in Sicherheit gebracht und die Türme verbunden, dann stellt sich diese Frage in beinahe jeder Partie. Wohin mit welchem Turm?

Wir haben das neulich schon beleuchtet, sowohl anhand einer Überlinger Partie als anhand einer historischen Perle aus dem Match McDonnell – De la Labourdannais, gespielt vor fast 200 Jahren:

Wohin mit welchem Turm, die ewige Frage 

Wohin mit welchem Turm, die ewige Frage (II)

Weil die Frage eine ewige ist, lohnt sie fortgesetzter Betrachtung. Neulich beim Schachunterricht haben wir uns die Partie Zukertort – Blackburne angeschaut, ein Clash der Giganten im Jahre 1883.

Joseph Henry Blackburne,  „der schwarze Tod““

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Johannes Hermann Zukertort

Der in Polen geborene, später aber vor allem in Deutschland lebende Johannes Hermann Zukertort (1842-88) gehörte Ende des 19. Jahrhunderts zu den besten Spielern der Welt. Die Seite Chessmetrics, die nachträglich historische Elo-Zahlen berechnet, führt ihn zeitweise sogar als die Nummer eins. 1886 sollte Zukertort das erste offizielle WM-Match der Geschichte spielen. Er verlor gegen Wilhelm Steinitz, den ersten Schachweltmeister.

Zukertorts Gegner, Joseph Henry Blackburne (1841-1924) aus England, stand ihm wenig nach. Wegen seines schwarzen Anzugs und Huts, außerdem wegen seines gefürchteten Angriffsschachs, hieß Blackburne in Schachkreisen „the black death“, der schwarze Tod. Blackburne war laut Chessmetrics zeitweise die Nummer zwei der Welt.

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Henry Blackburne

Als sich Zukertort und Blackburne 1883 in London gegenübersaßen, ereilte den schwarzen Tod allerdings ein ebensolcher. Auf dem Brett stand eine eher geschlossene Position, wie sie damals selten gespielt und nur rudimentär verstanden wurde, und Blackburne kassierte mit den schwarzen Steinen eine instruktive Niederlage.

Aber bevor er seinen Gegner an die Wand spielte, musste sich Johannes Hermann Zukertort im 17.Zug die ewige Frage stellen und beantworten: Wohin mit welchem Turm?

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Die c-Linie ist offen, Blackburne hat sie gerade besetzt. Was soll Weiß jetzt tun?

Eine Linie auf dem Brett ist offen, die c-Linie, und folgerichtig hatte sie Blackburne im 16. Zug mit …Tf8-c8 besetzt. „Was soll Zukertort jetzt spielen“, fragten wir unseren Schachschüler, und der antwortete: „Ta1-c1, auch einen Turm auf die offene Linie stellen.“

Nicht falsch, aber schablonenhaft.

Weiß will mit e3-e4 expandieren, Raum gewinnen und in der Folge einen Angriff am Königsflügel initiieren. Je mehr Material auf dem Brett steht, desto günstiger ist das für die Seite mit Raumvorteil, desto mehr Druck wird sie entwickeln, weil der Gegner mit weniger Raum Schwierigkeiten haben wird, seine zusammengedrängten Klötze zu organisieren.

Also wird Weiß Abtäusche erst einmal vermeiden wollen. Aber ein Gegenüber von Türmen auf der c-Linie würde genau dazu führen.

Außerdem, wenn wir schon vormarschieren, dann wird es hilfreich sein, wenn unsere Türme dahinter den Vormarsch unterstützen. Zukertort, frei von allen Schablonen, verstand schon 1883, was die Stellung erfordert:

17.Ta1-e1!

Und die c-Linie? Klar, normalerweise neigen wir nicht dazu, unserem Gegner offene Linien einfach so zu überlassen. Aber wenn wir die c-Linie nach Einbruchsfeldern für Schwarz absuchen, dann finden wir keine. c1, c2, c3, c4, alle Felder auf der weißen Hälfte des Brettes sind zuverlässig unter weißer Kontrolle. So schnell wird da keine schwarze Figur auftauchen.

Zukertort entschied richtig, die offene Linie zu ignorieren, Material auf dem Brett zu halten und seinen zentralen Vormarsch e3-e4 mit allen verfügbaren Kräften zu unterstützen.

Im weiteren Partieverlauf konnten Blackburns Turm auf c8 und erst recht sein trauriger Kollege auf a8 nur zuschauen, wie ihre Truppen von einer weißen Lawine überrollt wurden. Aber das gucken wir uns erst in der nächsten Stunde an.

Welcher Turm gehört wohin, die ewige Frage (II)

pushembaby.jpgEs sieht nicht danach aus, aber dieses Plattencover zeigt tatsächlich drei Schachgroßmeister und obendrein ein essenzielles Schach-Konzept, das hilft, Partien zu gewinnen: „Push ‚em, baby!„, oder, frei übersetzt:

Freibauern müssen laufen!

Ist eigentlich logisch. Je näher der Freibauer der Grundlinie kommt, um sich dort in eine Dame zu verwandeln, desto stärker wird er. Wer seine Freibauern stark machen will, der lässt sie laufen, idealerweise unterstützt von den Türmen. Letzteres hat uns schon unser Freund Siegbert Tarrasch gelehrt:

Tüme gehören hinter die Freibauern, die eigenen und die gegnerischen.

Die eigenen unterstützt ein Turm dahinter in ihrem Vorwärtsdrang, die gegnerischen hält er wirksam auf, indem er sie von hinten einfängt.

Antwort 58

Nach dieser Vorrede ist es an der Zeit, die zur Debatte stehende Stellung genauer anzuschauen:

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Weiß leidet unter so manchem Problem. Seine Truppen sind nicht recht koordiniert, sein König ist exponiert, und obendrein hat er einen Bauern weniger. Aber vor allem sieht er sich einem schwarzen Trumpf gegenüber, dem er mittelfristig nichts wird entgegensetzen können: drei verbundene Freibauern!

Ein Freibauer ist schon gut, zwei sind besser und drei riesig. Zumal, wenn die Freibauern verbunden sind. Wer soll die aufhalten?

Der schwarze Gewinnplan ist denkbar einfach: Türme hinter die Freibauern, dann die  Freibauern laufen lassen.

Push ‚em, baby!

Youtube-Schachvideos gab es zu La Bourdonnais‘ Zeit noch lange nicht, es war ja noch nicht einmal Siegbert Tarrasch geboren. Trotzdem hätte der französische Schachmeister schon in den 1830er-Jahren zielsicher zu seinem a8-Turm gegriffen und ihn nach e8 gefahren. Auf f8 und e8 sind die schwarzen Türme ideal aufgestellt, um die Freibauern bei ihrem Lauf zur Grundlinie zu unterstützen.