Leserservice: Gustafssons Damenzüge

Einerseits wollen wir nicht frühzeitig mit unserer Dame auf dem Brett herumturnen, um sie nicht den Attacken der gegnerischen Leichfiguren auszusetzen. Das wäre Zeitverschwendung. Andererseits wollen wir nicht den richtigen Moment verpassen, um unsere stärkste Figur in den Kampf zu schicken. Das wäre Ressourcenverschwendung.

Die Dame zu handhaben, erfordert Augenmaß und Fingerspitzengefühl – im Leben wie beim Schach.

Auf jeden Fall gilt fast immer, dass wir in der Eröffnung die Finger von der Dame lassen sollten. Das Zentrum will beherrscht, die Figuren entwickelt und der König in Sicherheit gebracht werden. Die Dame brauchen wir dafür nicht.

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Jan Gustafsson (Foto: www.schachbundesliga.de)

Solche grundsätzlichen Leitlinien sind unserem treuen Leser und Schachfreund Wolfgang Heise natürlich bekannt. Und darum musste er sich arg wundern, als er neulich in der Bundesliga dem deutschen Großmeister Jan Gustafsson über die Schulter schaute.

In den ersten zehn Zügen bewegte Gustafsson seine Dame fünf Mal. Das verstößt gegen alle Eröffnungsregeln, die wir unseren Lesern und den Schachkindern vom Bodensee mühsam zu impfen versuchen. Andererseits ist Gustafsson einer der Eröffnungsexeperten im Team von Weltmeister Magnus Carlsen. Wir dürfen annehmen, dass er speziell während der ersten zehn Züge weiß, was er tut.

Aber obwohl Gustafsson Schachvideo um Schachvideo aufzeichnet, hat er in diesem Fall versäumt, Wolfgang Heise und dem Rest der stirnrunzelnden Schachgemeinde seine frühzeitigen Damenausflüge zu erklären. Also machen wir das.

Jan Gustafsson (2.640) – Arik Braun (2.574)
Bundesliga, Berlin, April 2018, Nimzo-Indisch

1. d4 Nf6 2. c4 e6 3. Nc3 Bb4 4. Qc2

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Das Klassische System der Nimzowitsch-Indischen Verteidigung. Weiß investiert Zeit, stellt die Entwicklung zurück, um nach …Lxc3 einen Doppelbauern zu vermeiden. Er möchte sich des gegnerischen Läuferpaars bemächtigen, ohne seine Struktur zu beschädigen. Außerdem bestreift der Zug das Feld e4, um das in der Eröffnung und im Mittelspiel ein Kampf toben wird. Dieser Kampf ist allerdings in weitaus höherem Maße nur ein Nebeneffekt von 4.Dc2, als es Alexander Aljechin eingestanden hätte, nachdem er 1915 zum ersten Mal 4.Dc2 gespielt hatte. Nach dieser Premiere wurde der Zug in den 1920ern zu einer der Hauptwaffen gegen Nimzo-Indisch, und das ist er bis heute.

4… d5

(4… O-O Nicht nur Aljechin, noch die Schachmeister der 1990er-Jahre hätten insistiert, dass 4…0-0 ein Fehler ist, weil es die Kontrolle über das Feld e4 aufgibt. Weiß kann nun das Zentrum besetzen: 5. e4 Aber es stellt sich heraus, dass Schwarz nach 5…d5 6. e5 Ne4 7. Bd3 c5 gutes Spiel bekommt.)

5. a3 Bxc3+ 6. Qxc3

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Mission erfüllt: Weiß hat das Läuferpaar gewonnen, ohne dafür einen Doppelbauern in Kauf nehmen zu müssen. Aber er hat eben auch zwei Mal mit der Dame und ein Mal mit dem Randbauern gezogen, was hinsichtlich Entwicklung und Zentrumskontrolle wenig geholfen hat.

6… dxc4 7. Qxc4

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Im siebten Zug die dritte Bewegung mit der Dame, aber was soll er machen? Der Bauer auf c4 musste zurückgeschlagen werden, und auf c3 stand die Dame ohnehin passiv und ohne Funktion. Auf c4 sieht sie aktiver aus, aber Schwarz argumentiert, dass sie dort in erster Linie exponiert ist.

7… b6 8. Nf3 Ba6

b7 wäre das etwas natürlichere Feld für den Läufer, aber so entwickelt der Schwarze eine Figur mit Tempo. Weiß muss schon wieder seine Dame ziehen, und er wird in der Folge nicht seinen e-Bauern bewegen können, ohne das Rochaderecht und das Läuferpaar zu verlieren.

9. Qa4+

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Eine raffinierte Erfindung des russischen (heute kanadischen) Großmeisters Evgeni Barejew, der 2002 in Moskau gegen Nigel Short erstmals 9.Da4+ zog. Bevor Weiß seine Dame zurückzieht, stellt er die des Gegners schlechter und betont, dass Schwarz Probleme haben wird, dem Sb8 ein ordentliches Feld zuzuordnen.

9… Qd7 10. Qc2

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Jetzt steht die schwarze Dame da, wo Weiß sie haben will und ggf. mit Se5 anrempeln kann. Ziel erreicht. Nun kann sich die weiße Dame zurückziehen und Druck auf der halboffenen c-Linie ausüben. Schwarz genießt dank der vielen weißen Damenzüge zwar einen kleinen Entwicklungsvorsprung, aber seine Stellung ist kein Muster für Harmonie. Wenn Schwarz bald …c5 spielen kann und ein ordentliches Feld für den Sb8 findet, wird er ausgeglichenes Spiel haben. Wenn nicht, dann nicht.

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Gehirn einschalten nicht vergessen!

Beim Schach ist der Autopilot ein gefährlicher Begleiter. Wer in der Eröffnung immer irgendein Schema herunterspielt und erst später sein Gehirn dazuschaltet, der wird manche gute Chance verpassen.

Im Beitrag „Die vier Gebote der Eröffnung“ haben wir sogar zwei Spieler auf Autopilot gesehen. Die weißen Steine führte Schachfreund Thiebe vom Nachbarverein, und der beginnt seine Partien seit Jahrzehnten mit 1.d4, 2.e3, 3.f4 in der Hoffnung, eine günstige Stonewall-Formation aufs Brett zu bekommen.

So etwa sieht die Stellung aus, die er mit den weißen Steinen anstrebt:

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Das ist tatsächlich angenehm für den Weißen, der am Königsflügel recht bald einen gefährlichen Angriff wird entfachen können, zumal, wenn der Schwarze sorglos spielt.

Nur sollte der Weiße mit der Zugfolge d4, e3, f4 niemals so eine Stellung erreichen können. Schwarz hat mehrere Wege, sich dagegen viel kräftiger aufzubauen als in der Diagrammstellung.

Einen davon haben wir in genanntem Beitrag skizziert. Aber unser Schachfreund Grensing spielt gegen 1.d4 halt auch seit Jahrzehnten immer …d5, und …e6, egal, was der Gegner macht, und das erlaubte dem Gegner in diesem Fall, seine ideale Formation zu erreichen. Der weiße Autopilot triumphierte über den schwarzen.

Im Prinzip sind Schemata ja nichts schlechtes. Sie helfen uns, Zeit zu sparen und gleichwohl vernünftige Züge zu machen. Wer zum Beispiel mit Weiß den königsindischen Angriff spielt, der wird am Anfang seine Klötze immer so aufbauen, fast unabhängig von der schwarzen Formation:

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Erst danach beginnt die Suche nach dem richtigen Plan für das weitere Vorgehen, abhängig davon, wie sich der Gegenspieler hingestellt hat. Und auch diese Suche wird erleichtert, wenn wir anhand von Musterpartien mit möglichen Plänen und Ideen vertraut sind. Wir sparen Zeit und wissen in etwa, in welche Richtung wir zu marschieren haben.

Wer mit Weiß gegen Sizilianisch das Morra-Gambit spielt, der wird in der Regel einem noch längeren Schema folgen können:

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Weiß rochiert, spielt De2, Td1, muss sich zwischen Le3 und Lg5 entscheiden und kann dann überlegen, ob er entweder günstig e5 durchsetzen kann oder den schwarzen Damenflügel unter Druck setzt (oder sogar beides).

Im Prinzip wird der Weiße im Morra-Gambit oft 15 Züge lang seinen Kram herunterspielen können, ohne groß nachdenken zu müssen, aber er muss eben ein paar konkrete Tricks kennen und verstehen, gegen welche schwarze Formation welche weiße Aufstellung am wirksamsten ist.

Schlecht ist es immer, das Gehirn im Leerlauf zu belassen, um erst einmal automatisch das übliche Dutzend der immergleichen Züge herunterzuspielen, bevor die Partie beginnt.

Frage 78

Klaus Grensing – Waldemar Wir, Überlingen, März 2018

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Weil der Weiße in so einer Stellung seit Jahrzehnten immer c2-c3 spielt, egal, ob das gut oder schlecht ist, zog er auch hier c2-c3.

Hätte er sein Gehirn schon an dieser Stelle dazugeschaltet, dann hätte er sich wahrscheinlich anders entschieden. Die weiße Stellung schreit ja förmlich nach einem viel besseren Zug.

Welchem?

Turm hoch und aus! (III)

Anfänger lernen recht bald, dass Figuren unterschiedlich wertvoll sind: Die Leichtfiguren, Läufer und Springer, drei Bauern, der Turm fünf Bauern, die Dame neun Bauern.

Diese Lektion hat unser neuer Schachfreund Şafak schon gelernt. Und weil er schlau ist, versucht er natürlich, sofort die starken Figuren ins Spiel zu bringen.

Neulich war Şafak zum ersten Mal im Schachclub. Und er begann seine Partie so, wie es unter Anfängern oft zu sehen ist: 1.a4, gefolgt von 2.Ta3.

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Oje.

Diesen Unfung haben wir ihm natürlich sofort ausgetrieben, einen kleinen Vortrag übers Zentrum gehalten, außerdem diesen: erst die Springer raus, dann einen Läufer, dann den König in Sicherheit rochieren. Erst danach, vielleicht, schauen wir uns nach Betätigungsfeldern für unsere Türme um.

Wenn der Anfänger zum Fortgeschrittenen wird, dann merkt er recht bald, dass die Figuren eben keinen fixen Wert haben, sondern dass sich dieser je nach Partieverlauf verschiebt.

Läufer zum Beispiel sind meistens etwas wertvoller als Springer, und im Paar sind sie besonders stark. Trotzdem sind Dame und Läufer meistens schwächer als Dame und Springer, weil sich letztere besser ergänzen.

Je länger die Partie dauert, desto stärker werden Türme

Manchmal ist die Dame stärker als zwei Türme, manchmal andersherum, je nachdem, ob die Türme Raum haben und wie gut sie zusammenarbeiten.

Und der Turm, na ja, der ist leider zu Beginn der Partie kaum etwas wert. Türme brauchen offene Linien und Reihen, und die ergeben sich erst, wenn Material vom Brett verschwindet. Je länger die Partie dauert, desto stärker wird der Turm. Im Endspiel kann er es oft allein mit zwei Leichtfiguren aufnehmen.

Während sich allgemein herumgesprochen hat, dass Türme offene Linien lieben, ist der Wert einer offenen Reihe nicht so bekannt. Und das, obwohl eine offene Reihe ein Manöver ermöglicht, das schon so manche Partie entschieden hat: Den Turmschwenk oder, wie wir es nennen:

Turm hoch und aus!

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So etwas kann nur der Turm: In Windeseile den Flügel wechseln und auf der anderen Seite machtvoll eine Attacke unterstützen. In diesem Fall ist der Turm so mobil, weil er sich einer offenen dritten Reihe erfreut – so ähnlich, wie wir es neulich bei den Isolani-Stellungen gesehen haben.

Şafak hatte ja den richtigen Riecher, aber er hätte sich mit seinem Turmschwenk ein wenig gedulden müssen. Vielleicht lässt er sich das gelegentlich noch einmal von unserem Schachfreund Ramadan erläutern, denn der gilt am Bodensee als Spezialist für Turmschwenks.

Frage 76

Ramadan Deliu – Julian Preuss, Überlingen, März 2018

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Weiß am Zug gewinnt. Wie?

Nach der Vorrede müsste ja eigentlich klar sein, worum es hier geht. Schwarz ist gelähmt, er sieht sich ohne Gegenspiel einem Königsangriff ausgesetzt. Aber noch hält die schwarze Festung.

Wie überführte der Weiße jetzt entscheidend Truppen zum Königsflügel, damit sein Angriff durchbricht?

Frage 77

Ja, bei der Antwort auf Frage 76 spielt das Konzept des Turmschwenks eine entscheidende Rolle. Und noch ein zweites Konzept.

Welches?

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Aktiv spielen! (III)

Im Beitrag „Aktiv spielen!“ haben wir uns neulich über Schachweltmeister Magnus Carlsen lustig gemacht. Der Norweger hatte 2016 im WM-Match gegen Sergej Karjakin einen angegriffenen Turm auf ein merkwürdiges Feld gestellt.

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Für uns sieht das schlicht so aus, als wäre das ein dämlicher Zug, steht der Turm auf e2 doch dem Lf1 und der Dame im Weg. Läufer und Dame wären aktiver, stünde nicht dieser dösige Turm dazwischen.

In Wahrheit verstehen wir schlichtweg nicht genug vom Schach, um die Tiefe eines solchen weltmeisterlichen Zuges zu erfassen. Wir müssen ja erst einmal alle fundamentalen Konzepte begreifen und in der Praxis erproben, bevor wir später vielleicht einmal anfangen können, wissentlich gegen sie zu verstoßen.

Als wolle er Patzer wie uns verhöhnen, führte Magnus neulich beim Turnier in Shamkir ein ähnlich krummes Manöver aus.

Magnus Carlsen – Radoslaw Wojtaszek, Shamkir 2018

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Fünf Züge sind gespielt, und der Weltmeister hat schon drei Mal seine Dame gezogen. Nun ist sie auf einem Feld gelandet, wo sie den Lc1 einsperrt.

Nee, nee, von so etwas wollen wir nichts wissen. Wir fassen weiterhin unsere Dame zu Beginn der Partie nicht an, ziehen nicht mehrfach mit irgendwelchen Figuren herum, sondern versuchen stattdessen, zu Beginn alle unsere Leichtfiguren ins Spiel zu bringen, und das möglichst aktiv.

So wie neulich in Überlingen Schachfreund Alexander:

Alexander Daudrich – Helmut Möldner, Überlingen, April 2018

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Erst stellt er einen Bauern im Zentrum und verschafft seinem Lf1 freie Bahn. Gleich danach kommt der Läufer heraus, und das auf ein gleichermaßen aktives wie zentrales Feld.

Frage 75

Daran ist nun wirklich nichts auszusetzen – oder?

Immer alles auskämpfen!

Remis anzubieten, ist im Wettkampf gar nicht so einfach. Einige Regeln müssen beachtet werden und einige Anstandsregeln noch dazu.

Niemals remis anbieten, wenn die Zeit des Gegners läuft!

Das wäre eine Unsportlichkeit, die ihn aus seiner Konzentration reißt. Zug machen, remis anbieten, Uhr drücken ist die einzige richtige Reihenfolge.

Nur der bessere Spieler bietet remis an!

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Wer Friedenspfeife rauchen will, der soll das zu Hause tun. Am Brett wird gekämpft.

Der schwächere Spieler hat dafür keinen Grund. Warum sollte sein Gegner gegen einen Patzer remis machen? Wer nominell schlechter ist, muss auf dem Brett zeigen, dass er mithalten kann. Ein Remisangebot wäre unhöflich, wiederholte Remisangebote unsportlich. Außerdem: Der stärkere Spieler weiß ohnehin, dass der schwächere mit remis zufrieden wäre. Wir müssen ihm das nicht erklären.

Sollte der schwächere Spieler deutlich besser stehen, wäre das eine Ausnahme. In so einem Fall ist ein Remisangebot zu rechtfertigen, aber es stempelt den schlechteren Spieler obendrein als Feigling ab, der sich nicht traut zu gewinnen.

Am einfachsten ist es, sich beim Schach mit solchen Überlegungen nicht zu belasten. Also: Remis wird nicht angeboten, außer auf dem Brett ist überhaupt nichts mehr los.

Sollten wir einmal gegen einen besseren Spieler gut stehen, dann ziehen wir die Sache durch. Wenn es gut läuft, gewinnen wir die Partie, und im schlechtesten Fall werden wir zumindest eine Menge gelernt haben.

Ausgekämpfte Partien gegen bessere Spieler sind das beste Training.

Du willst bekannt und gefürchtet sein als Schachspieler, der jede Partie auskämpft. Nur dann werden manche Deiner Gegner schon mit weichen Knien und zitternden Fingern am Brett sitzen, noch bevor die Partie begonnen hat. Remisschieber nimmt keiner ernst.

Heute schauen wir uns zwei Stellungen genauer an, in denen neulich am Bodensee die Kontrahenten Frieden schlossen. Die Spieler in beiden Partien sind etwa gleich stark.

Weil wir konsequent immer dann reingrätschen, wenn Fundamentales mangels Schachausbildung falsch läuft, müssen wir aber vorher noch diese Position einschieben.

Frage 72

Thomas Bialk – Klaus Grensing, Überlingen, April 2018

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Schwarz hat gerade auf d4 einen Bauern geschlagen. Weiß kann auf zwei Arten zurückschlagen oder den Bauern opfern.

Was ist am besten?

Frage 73

Wenig später stand es so, und der Weiße bot remis an:

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Gerechtfertigt, unhöflich oder feige?

Frage 74

Elmar Streicher – Wolfgang Müller, Überlingen, April 2018

Am Nachbarbrett bot wenig später der Weiße in dieser Stellung remis an.

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Gerechtfertigt, unhöflich oder feige?

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Welcher Turm gehört wohin, die ewige Frage (IV)

  • Auf die offene Linie
  • Hinter die Freibauern
  • Auf die siebte Reihe

Weil sich oft anhand solcher allgemeingültiger Leitsätze leicht ermitteln lässt, welcher Turm wohin gehört, haben wir uns bislang vor allem Beispiele angeschaut, in denen ein zweiter Blick notwendig war.

Dieses zum Beispiel aus der Partie Zukertort – Blackburne, gespielt 1883:

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Weiß am Zug plant einen Königsangriff.

Anstatt wie sein Gegenspieler die c-Linie zu besetzen, zog Zukertort Ta1-e1! Er hatte richtig eingeschätzt, dass die c-Linie nicht so wichtig ist, weil er ja alle potenziellen Einbruchsfelder des Schwarzen kontrolliert.

Der Plan des Weißen ist e3-e4-e5, gefolgt von f3-f4-f5 mit Königsangriff. Um den Vormarsch des e-und f-Bauern zu unterstützen, sollten die weißen Türme sie von hinten anschieben, anstatt wirkungslos auf der c-Linie herumzustehen.

Nur oberflächlich betrachtet, sieht es so aus, als würde Ta1-e1 den anderen Turm einsperren. Wer sich ausmalt, wie Weiß weiter vorgeht, der sieht, dass die Türme auf e1 und f1 goldrichtig aufgestellt sind.

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Johannes Hermann Zukertort

Einem guten Vereinsspieler von heute geht ein Zug wie Ta1-e1 leicht von der Hand. Aber dass Johannes Hermann Zukertort schon vor mehr als 130 Jahren so spielte, ist bemerkenswert. Damals begannen die Schachmeister ja gerade erst, strategische Konzepte zu entwickeln.

Was wir heute wissen, verdanken wir diesen alten Meistern, unter anderem dem ersten WM-Herausforderer Zukertort, seinerzeit nach Wilhelm Steinitz der zweitbeste Spieler der Welt.

Wir haben jetzt so viele lehrreiche Beispiele der alten Meister gesehen, dass unser Schachschüler schwierige Turmzüge vermutet, wo einfache gut gewesen wären. Als Konstantinos neulich in Pfullendorf spielte, stand es nach 18 Zügen so:

Robin Schönegg – Konstantinos Mastrokostopoulos, Pfullendorf 2018

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Schwarz hat alles mehr oder weniger mobilisiert, jetzt müssen noch die Türme ins Spiel. Die e- und die d-Linie sind offen. Zudem wartet auf d4 ein weißer Isolani darauf, von unserem Türmen unter Druck gesetzt zu werden, und auf e4 eine weiße Dame, mit Tempo von der e-Linie vertrieben zu werden.

Klarer Fall: Unsere Türme wollen nach e8 und d8.

Wahrscheinlich weil er zuletzt so viele alte Meisterpartien gesehen hat, zog Konstantinos 18…Ta8-e8, ein hässlicher Zug, der in erster Linie den Tf8 einsperrt.

18…Tf8-e8, gefolgt von …Ta8-d8 wäre die natürliche Lösung gewesen. Andererseits macht 18…Ta8-e8 noch nichts kaputt, Schwarz steht ein bisschen angenehmer, und die Partie geht weiter.

Der Weiße brachte seine Dame in Sicherheit: 19.De4-d3.

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Mit seinem dank Lichess-Taktik-Training geschulten taktischen Auge sah Konstantinos natürlich sofort, dass sich die Dame auf eine Diagonale mit dem Tf1 begeben hat, und er sah auch sofort einen Weg, Dame und Turm auf der Diagonalen a6-f1 aufzuspießen.

Dann konnte er 19…Te8-a8 mit der Drohung 20…Lb7-a6 nicht widerstehen, noch ein hässlicher Zug, der die schwarze Stellung schlechter und die weiße besser macht.

Die Drohung 20…Lb7-a6 lässt sich leicht parieren, und das mit einem natürlichen Zug, den Weiß eh ausführen möchte.

Weiß zog prompt mit 21.Tf1-e1 seinen Turm auf die offene Linie, und jetzt wird deutlich, wie sehr Schwarz seine Stellung verschlechtert hat. Binnen einem Zug hat Schwarz seinen Turm zurück in die Ecke gestellt, Weiß seinen auf eine zentrale offene Linie. Spätestens jetzt ist der schwarze Vorteil dahin.

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Schwarz hat nicht nur seinen Turm ins Abseits gestellt, er hat noch dazu Weiß geholfen, seinen passiven Turm ins Spiel zu bringen.

Gehen wir einen Schritt zurück. 19…Ta8-e8 hatte ja noch nicht viel kaputtgemacht.

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Schwarz am Zug.

Frage 71

Was sind positionelle Faktoren in dieser Stellung oder, einfacher: worum geht es hier eigentlich?

Und wie sollte Schwarz nun fortsetzen?

Die Antwort findest Du hier

Vorsicht, Grautöne und Nebengeräusche: die Lehre vom schlechten Läufer

Die Lehre vom schlechten Läufer ist ein heißer Kandidat für das überstrapazierteste aller Schach-Konzepte, etwa gleichauf mit dem Abtauschgebot für Spieler, die Material gewonnen haben.

Das Konzept ist vermeintlich einfach zu verstehen: Sind Bauern auf der Farbe des Läufers festgelegt, macht das den Läufer schlecht, weil die Bauern seinen Wirkungskreis beschränken. Das gilt vor allem, wenn Bauern im Zentrum festgelegt sind.

Wer sein Schachbuch aufschlägt, um sich das Thema genauer anzuschauen, der wird bald bestätigt in der Annahme, dass die Angelegenheit ganz einfach ist. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird im Schachbuch die berühmte Partie Sir George Alan Thomas – Alexander Aljechin, gespielt in Baden-Baden 1925, zu finden sein. Dort stand es nach 37 Zügen so:

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Ein glasklarer Fall ohne Grautöne und Nebengeräusche. Der Läufer des Weißen ist zum Großbauern degradiert. Er verharrt passiv hinter seinen Bauern, die Aljechin auf den schwarzen Feldern festgelegt hat.

Aljechin
Alexander Aljechin

Für den Moment hält der Weiße seinen Laden zusammen, aber er kann nichts weiter tun als zuzuschauen, wie die schwarzen Figuren seine Bastion umschwirren und mal hier, mal da einen Nadelstich setzen. Wie Aljechin immer neue Wege fand, den Druck nach und nach zu vergrößern, bis der Weiße kollabierte, gilt heute als Lehrbeispiel für so ein Szenario.

Sind Bauern(ketten) im Zentrum auf der Farbe des Läufers festgelegt, ist eine entscheidende Frage, ob der Läufer vor die Bauernkette gelangen kann oder dahinter eingesperrt bleibt. Davon hängt zum Beispiel in Stonewall-Strukturen oft ab, wie die Stellung zu bewerten ist.

vorsicht

Leider lässt sich beim Schach eine Position und ihre Bewertung selten auf ein Konzept reduzieren. Meistens spielen mehrere eine Rolle, und dann tritt gelegentlich der Fall ein, dass laut Buch zwar ein „schlechter Läufer“ auf dem Brett steht, das Konzept aber allenfalls eine Randerscheinung ist.

Hier zum Beispiel:

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Die Stellung sollte Dir bekannt vorkommen. Sie stammt aus der Partie Winter – Capablanca, die wir unlängst gesehen haben, um das Konzept der eingesperrten Figur zu beleuchten.

Oberflächlich betrachtet hat sich der Schwarze einen schlechten Läufer eingehandelt, alle Bauern sind auf Schwarz festgelegt. Aber wer genauer hinschaut, der sieht, dass sich vor allem der Weiße einen Minusläufer eingehandelt hat. Der arme Geselle auf g3 spielt schlicht nicht mit, und Schwarz erfreut sich am Damenflügel einer Mehrfigur. Tatsächlich steht Weiß auf Verlust.

Oder hier:

Sergej Karjakin – Ding Liren, Kandidatenturnier 2018

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Schachfreund Ding Liren hat gerade mit …g7-g5 noch einen Bauern auf die Farbe seines Läufers gestellt. Obendrein ist die Stellung blockiert, insofern könnten wir annehmen, dass der Springer des Weißen dem schlechten Läufer des Schwarzen erst recht überlegen ist.

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Ding Liren

Nur ist die Stellung so blockiert, dass am Damenflügel und am Zentrum nichts mehr geht. Nur am Königsflügel mag noch die eine oder andere Dynamik aufflammen, und wenn dort jemand die Initiative übernehmen und Angriff bekommen sollte, dann der Schwarze.

Obendrein bedarf es für den weißen Springer diverser Klimmzüge, um auf sein Traumfeld d5 zu gelangen. Aber sobald er da steht, wird ihn der vermeintlich schlechte Ld8 wirksam kontrollieren. Jedes Feld im schwarzen Lager, auf das der Springer springen könnte, bestreicht der Schwarze mit seinem Läufer.

Was auf den ersten Blick aussieht, als habe sich der Schwarze eine strategisch minderwertige Stellung eingehandelt, ist tatsächlich höchst unklar. Weiß muss präzise vorgehen, um die schwarzen Ambitionen am Königsflügel zu neutralisieren. In der Partie geriet Karjakin gar in Verlustgefahr.

Oder hier:

Jürgen Lerner – Manfred Siems, Überlingen 2018

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Der Schwarze hat sich redlich Mühe gegeben, jeden Anflug von Aktivität zu vermeiden, ebenso wie es der Weiße vermieden hat, ihn dafür energisch zu bestrafen. Noch hat Weiß ein bisschen Raumvorteil, aber der Schwarze hat mehrere Optionen, eigenes Territorium abzustecken, in erster Linie …e6-e5.

Der La8 ist zwar hinter seinen Bauern eingesperrt, aber noch stehen sich die Phalanxen flexibel gegenüber, so dass ungeklärt ist, ob der Läufer als schlechter Läufer enden wird, oder ob sich ihm womöglich die lange Diagonale öffnet, auf der übers Brett strahlen könnte.

Frage 66

Wenn Weiß hier noch etwas reißen will, nachdem er dem Schwarzen per Turmtausch Entlastung gewährt hat, dann muss er jetzt aufhören, verschämt auf seiner Bretthälfte hin- und herzuziehen, und endlich mal einen Pflock einschlagen.

Welchen?

Frage 67

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Huch, e5 hängt.

Wie geht’s weiter?

Frage 68

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Ach ja, wir wollten die künftige Rolle des La8 definieren.

Wie geht das?

Frage 69

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Bevor wir die schwarze Bastion erstürmen und/oder die Schwächen des Schwarzen belagern, müssen wir erstmal auf c5 zurückschlagen.

Wie?

Frage 70

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Schwarz blockiert unseren gedeckten Freibauern und will sich ein wenig Luft verschaffen.

Wie?

Und wie verhindern wir das?

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Von der Romantik bis heute: der ewige Kampf ums Zentrum

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Wilhelm Steinitz

Die frühen Schachmeister Anfang des 19. Jahrhunderts gelten heute als Vertreter der „romantischen Schule“. Seinerzeit ging es beim Schach darum, sich unmittelbar mit allen Kräften auf den gegnerischen König zu stürzen, diesen ins Freie zu zerren und zu erlegen.

Wilhelm Steinitz (1836-1900), der erste Weltmeister, räumte mit der romantischen Schule ordentlich auf. Als erster verstand und formulierte Steinitz grundlegende strategische Prinzipien, zum Beispiel jenes, dass wir Angriffe dort führen sollten, wo uns der Gegenspieler eine Schwäche offenbart.

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Emanuel Lasker

Steinitz ereilte das Schicksal vieler großer Geister, die ihrer Zeit voraus waren. Er wurde verlacht, seine Ideen nicht ernst genommen. Erst der zweite Weltmeister Emanuel Lasker (1868-1941) und dessen Dauerkontrahent Siegbert Tarrasch (1862-1934) erkannten und propagierten die Bedeutung von Steinitz‘ Grundlagenforschung. Seitdem galt Wilhelm Steinitz als Begründer der „modernen Schule“.

Unter anderem lehrte Steinitz, dass wir zu Beginn der Partie das Zentrum mit einem Bauern besetzen sollten, besser noch mit zwei Bauern. Diese Lehre galt unerschütterlich, bis in den 1920ern unter anderem der Ungar Richard Reti (1889-1929) behauptete, das Zentrum müsse gar nicht besetzt werden. Hauptsache, es werde beherrscht.

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Richard Reti

Reti und seine Jünger, die „Hypermodernen„, luden ihre Gegner ein, sich ein mächtiges Bauernzentrum zu bauen, um es dann so lange unter Druck zu setzen, bis es zerbröselte. Aber ihnen erging es anfangs so wie 40 Jahre zuvor Wilhelm Steinitz, niemand nahm ihre Ideen ernst. „Das haben wir immer schon so gemacht“ ist auch anno 2018 noch ein wirksames Scheinargument gegen Veränderung.

Ob Romantiker, Moderne oder Hypermorderne; heute gelten sie alle als die Klassiker, auf deren Schultern wir stehen. Alle Klassiker vereint die Erkenntnis, dass das Zentrum tatsächlich der zentrale Teil des Schachbretts ist. Jede Partie, damals wie heute, beginnt mit einem Kampf um das Zentrum. Wer es beherrscht (und das geht tatsächlich auch aus der Ferne), der steht besser.

Als sich Anfang 2017 beim Tata-Steel-Turnier in Wijk an Zee der Pole Radoslaw Wojtascek und der Inder Adhiban Baskaran gegenübersaßen, provozierte Adhiban seinen Gegner mit einer Eröffnung (der „Englischen Verteidigung„), die als zweifelhaft gilt, weil sie den Kampf um das Zentrum vernachlässigt.

Radoslaw Wojtaszek – Baskaran Adhiban, Wijk an Zee 2017

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Das Fianchetto …b7-b6 nebst …Lc8-b7 ergibt in dieser und verwandten Stellungen vor allem dann Sinn, wenn Schwarz mit seinem Läufer auf der langen Diagonalen den Weißen davon abhalten kann, sich mittels e2-e4 eine Bauernphalanx im Zentrum zu bauen. Aber hier kann der Weiße ja direkt e2-e4 ziehen. Darum wäre ein solider Zug wie d7-d5 besser gewesen, um selbst eine Bastion um Zentrum abzustecken und e2-e4 zu verhindern.

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Radoslaw Wojtaszek

Gleichwohl zog Wojtaszek, ein Großmeister mit 2.750 Elo, 3.Sb1-c3. Natürlich weiß so ein starker Spieler, dass e2-e4 der beste Zug ist, aber er weiß auch, dass der Weg zum Vorteil mit Fallstricken gespickt ist. Nach 3.e2-e4 Lc8-b7 4.Lf1-d3 f7-f5 wird die Angelegenheit sehr konkret und ziemlich kompliziert. Zwar attackiert Schwarz im Sinne der Hypermodernen das Steinitzsche Zentrum, aber er hat sich eine ungünstige Konstellation eingehandelt. Wenn Weiß alles richtig macht, kann er sein Zentrum stabil halten.

Da der Pole davon ausgehen musste, dass sich sein Gegner vor der Partie stundenlang mit den Komplikationen nach 4…f7-f5 beschäftigt hatte, ließ er sich trotzdem nicht darauf ein, obwohl die Angelegenheit in der Theorie als günstig für Weiß gilt. Schon im dritten Zug ein moralischer Sieg für Adhiban.

Drei Züge später tobte der Kampf um e4 weiter. Mit 6…f7-f5 schob Adhiban dem weißen Zentrumsvorstoß e2-e4 endgültig (?) einen Riegel vor.

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Für Wojtaszek eine schöne Gelegenheit, den Zuschauern zu demonstrieren, was einen Groß- vom Kleinmeister unterscheidet. Wer würde hier nicht automatisch mit 7.Sg1-f3 eine Figur Richtung Zentrum entwickeln? Nur wäre Sg1-f3 ein Fehler, mit dem Weiß die Kontrolle über e4 vollständig aufgibt. Schwarz hätte unmittelbar mindestens ausgeglichenes Spiel.

Für einen Top-20-Spieler ist so eine Stellung, als würden wir ihn das Einmaleins abfragen. Den Springer zu entwickeln, ist ja richtig, aber Wojtaszek zog ihn nach h3. Die Idee ist, f2-f3 und Sh3-f2 folgen zu lassen und dann eben doch e2-e4 durchzusetzen und den Lb7 kaltzustellen. So bewahrt sich Weiß Aussichten auf Vorteil.

Als sich neulich die Überlinger mit den Steißlingern maßen, hätte in einer der Partien auch ein Kampf um e4 und den Wirkungskreis des Lb7 toben sollen.

Jürgen Lerner – Manfred Siems, Überlingen 2018

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So wie bei Wojtaszek-Adhiban kam das schwarze …b7-b6 zu einem unglücklichen Zeitpunkt. Weiß kann direkt e2-e4 spielen und dem weiteren Geschehen gelassen entgegenblicken. Der Denkprozess, der dazu führte, dass der Weiße stattdessen 3.c2-c4 spielte, ist wahrscheinlich weniger komplex als derjenige, der Wojtaszek zu 3.Sb1-c3 veranlasste. 3.c2-c4 ist eher ein Zug aus der Abteilung „Habe ich schon immer so gemacht.“ Und Veränderung zuzulassen, von ausgetretenen Pfaden abzuweichen, das wissen wir seit Steinitz, fällt dem Schachspieler nicht leicht.

Drei Züge später hätte sich darum der Schwarze daran erfreuen können, dass sein deplatziertes Fianchetto nun doch Sinn ergibt.

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Er kann den Weißen wirksam von e2-e4 abhalten, indem er den besten und naheliegendsten Zug 6…Sg8-f6 spielt, eine Figur auf ihr natürlichstes, aktivstes, zentralstes Feld entwickelt. Alternativ hätte er auch (wie Adhiban) über 6…f7-f5 nachdenken und sich die Hände reiben können, weil sich der Weiße (anders als Wojtaszek) die Option f2-f3 verbaut hat.

Den Denkprozess, der dazu führte, dass Schwarz den hässlichen Zug 6…Sg8-e7 aufs Brett stellte und 7.e2-e4 erlaubte, können wir leider nicht erklären. Aber letztlich war es gut so, denn die Kontrahenten spielten in der Folge eine Partie mit manchem instruktiven Moment, der sich an dieser Stelle näher zu beleuchten lohnt.

Fortsetzung folgt.

Eine Figur weniger trotz ausgeglichenem Material – das geht

Nicht umsonst lernen Schachschüler als erstes, stets zu prüfen, ob alle Figuren gedeckt sind. Steht nämlich eine Figur ungedeckt herum, ergeben sich für den Gegenspieler oft taktische Motive, die unsere Nachlässigkeit ausnutzen. Im simpelsten Fall nimmt der Gegner die ungedeckte Figur einfach weg, und dann haben wir eine weniger. Das ist selbst in der Bodenseeliga kaum wettzumachen.

Fortgeschrittene lernen bald, dass man beim Schach eine Figur weniger haben kann, selbst wenn auf beiden Seiten gleich viele Figuren auf dem Brett stehen. Ein Beispiel dafür hatten wir unlängst auf dem Brett, als uns das Schicksal einen noch schlechteren Spieler als Gegner bescherte.

Ahnungsloser Stümper – Perlenfischer vom Bodensee, Internetpartie März 2018

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Wenn wir durchzählen, stellt sich die materielle Lage ausgeglichen dar. Aber wenn wir genau hinschauen, stellen wir fest, dass der weiße Läufer nicht an der Partie teilnimmt. Er ist eingesperrt, und der schwarze Springer auf c3 stellt sicher, dass er sein Gefängnis nicht verlassen wird.

Die „eingesperrte Figur“

Effektiv spielt Schwarz mit einer Mehrfigur. Der Gewinnplan ist einfach: Dort angreifen, wo die eingesperrte Figur dem Gegner nicht helfen kann, in diesem Fall am Königsflügel. Zehn Züge später gab der Weiße auf.

Das wahrscheinlich bekannteste Beispiel für die effektive Minusfigur hat im August 1918 der angehende Weltmeister José Raúl Capablanca kreiert. In seiner Partie gegen den Briten William Winter beim berühmten Turnier von Hastings stand es nach 15 Zügen so:

William Winter – José Raúl Capablanca, Hastings 1918

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Der Lg3 ist ausgesperrt. Weiß könnte ihn nur befreien, wenn er d3-d4 durchsetzt, aber dem hat Capablanca mit seinem Bauernduo c5/e5 einen Riegel vorgeschoben.

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José Raúl Capablanca

Schwarz spielt mit einer Mehrfigur, und wieder ist der Gewinnplan einfach: dort angreifen, wo die eingesperrte Figur den Gegner nicht helfen kann, in diesem Fall am Damenflügel. 16 Züge später gab Weiß auf.

Speziell wer Italienisch oder Spanisch spielt, muss dieses Motiv kennen: den eingesperrten Läufer auf g3 (oder g6), dem der Ausweg über f2 versperrt ist, weil sich der f-Bauer verdoppelt hat.

Kann Weiß d3-d4 (oder Schwarz …d6-d5) durchdrücken, muss der eingesperrte Läufer nicht schlecht sein, im Gegenteil. Er kann wirksam dabei helfen, das gegnerische Zentrum unter Druck zu setzen. Ist d3-d4 nicht möglich, spielt die Seite mit dem eingesperrten Läufer mit einer Figur weniger.

Ob Schachfreund Klaus jemals ein Schachbuch gelesen die Partie Winter – Capablanca studiert hat? Neulich jedenfalls, als sich die Überlinger im Pokal mit den Schachfreunden aus Steißlingen (danke für den Link auf Eurer Homepage!) gemessen haben, stand es auf seinem Brett so:

Klaus Grensing – Roland Streit, Überlingen 2018

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Das altbekannte Motiv „eingesperrter Läufer“ ließ auf Seiten der Beobachter natürlich sofort die Alarmglocken schrillen.

Andererseits, b7 hängt und das rettende d3-d4 scheint möglich zu sein.

Frage 65

Hat Weiß hier effektiv eine Figur weniger?

Steht Weiß besser, Schwarz besser oder ist die Lage etwa ausgeglichen?

Was soll Schwarz ziehen?

Hier geht’s zur Lösung

Für Patzer und Profis: Abwickeln in ein gewonnenes Bauernendspiel

Kein anderes Konzept bekommt auf dieser Seite so viele Beiträge gewidmet wie das „Abwickeln in ein gewonnenes Bauernendspiel“, und das auf didaktisch zweifelhafte Weise.

Wir bitten die Leser sofort ans Brett, bevor sie überhaupt abschätzen können, ob und warum ein Bauernendspiel gewonnen ist. Wir haben ja noch nicht einmal die grundlegendsten Bauernendspiel-Basics wie die „Quadratregel“ erklärt. Von „Schlüsselfeldern“ oder „Opposition“ ganz zu schweigen. Aber Praxis ist die beste Schule.

Ein entfernter Freibauer, die entscheidende Zutat

Außerdem ist das hier kein Schachbuch, in dem ein Kapitel auf das andere aufbaut, sondern ein Gemischtwarenladen, in dem wir mal hier, mal dort ein Schlaglicht auf unterschiedliche Aspekte der Strategie werfen, so wie sie uns in praktischen Beispielen begegnen. Und in der Praxis, da taucht das Abwickeln in ein gewonnenes Bauernendspiel nun einmal ständig auf. Bei den Patzern vom Bodensee genauso wie bei veritablen Großmeistern.

Immerhin haben wir schon gelernt, welche Zutat für ein gewonnenes Bauernendspiel fast unerlässlich ist: genau, ein entfernter Freibauer. Während des Gegners König auf dem einen Flügel unserem entfernten Freibauern hinterherrennt, um ihn aufzuhalten, macht sich unser König auf dem anderen Flügel über dessen Bauern her.

Schachfreund Arno zum Beispiel hatte neulich in Villingen-Schwenningen (das übrigens mit scharfem „V“ gesprochen wird, für westfälische Einwanderer keine Selbstverständlichkeit) dieses Endspiel auf dem Brett:

Thomas Schaumann – Arno Dirksen, Villingen-Schwenningen, März 2018

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Trivial, oder? Schwarz tauscht die Türme, bildet auf der h-Linie einen entfernten Freibauern und gewinnt.

Trivial ist es zu sehen, dass das Bauernendspiel für Schwarz günstig ist. Es zum Gewinn zu führen, erfordert gleichwohl ein wenig Präzision.

Hier ist die Stellung schon aufgebaut, und Du kannst gegen einen Computergegner ausprobieren, ob Du mit Schwarz gewinnst.

Etwa 1.000 Elopunkte über Arno zieht der deutsche Großmeister Daniel Fridman seine Kreise. Statt nach Villingen-Schwenningen mit scharfem „V“ fuhr Fridman neulich nach Batumi in Georgien zur Europameisterschaft, um sich dort für den World Cup zu qualifizieren und ein Stück vom 100.000-Dollar-Preisgeldkuchen abzuschneiden.

Um dieses Ziel zu erreichen, musste Fridman seine Partie in der letzten Runde gewinnen. Und das erforderte, Ihr ahnt es, das Abwickeln in ein gewonnenes Bauernendspiel.

Daniel Fridman – Tamir Nabaty, Batumi, März 2018

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Allerdings in einer Version für Fortgeschrittene. Die Stellung nach 1.Txc5 dxc5 2.a4 ist gewonnen für Weiß, das ist alles andere als offensichtlich, und der Gewinn ist komplizierter als in allen bisherigen Beispielen. Wer das schafft, Respekt.

Hier ist die Stellung schon aufgebaut, tüftelt mal ein wenig herum und probiert, die weiße Stellung zum Gewinn zu führen.

Dieses ist die bislang schwierigste Aufgabe in dieser Reihe, schwieriger noch als das Bauernendpiel aus der Partie Svane – Nuber, das wir neulich im Beitrag „Katastrophen vor der Zeitkontrolle“ beleuchtet haben.

Wer es nicht schafft, meldet sich bitte in den Kommentaren. Wir werden dann die eine oder andere Hilfestellung geben.