Für Patzer und Profis: Abwickeln in ein gewonnenes Bauernendspiel

Kein anderes Konzept bekommt auf dieser Seite so viele Beiträge gewidmet wie das „Abwickeln in ein gewonnenes Bauernendspiel“, und das auf didaktisch zweifelhafte Weise.

Wir bitten die Leser sofort ans Brett, bevor sie überhaupt abschätzen können, ob und warum ein Bauernendspiel gewonnen ist. Wir haben ja noch nicht einmal die grundlegendsten Bauernendspiel-Basics wie die „Quadratregel“ erklärt. Von „Schlüsselfeldern“ oder „Opposition“ ganz zu schweigen. Aber Praxis ist die beste Schule.

Ein entfernter Freibauer, die entscheidende Zutat

Außerdem ist das hier kein Schachbuch, in dem ein Kapitel auf das andere aufbaut, sondern ein Gemischtwarenladen, in dem wir mal hier, mal dort ein Schlaglicht auf unterschiedliche Aspekte der Strategie werfen, so wie sie uns in praktischen Beispielen begegnen. Und in der Praxis, da taucht das Abwickeln in ein gewonnenes Bauernendspiel nun einmal ständig auf. Bei den Patzern vom Bodensee genauso wie bei veritablen Großmeistern.

Immerhin haben wir schon gelernt, welche Zutat für ein gewonnenes Bauernendspiel fast unerlässlich ist: genau, ein entfernter Freibauer. Während des Gegners König auf dem einen Flügel unserem entfernten Freibauern hinterherrennt, um ihn aufzuhalten, macht sich unser König auf dem anderen Flügel über dessen Bauern her.

Schachfreund Arno zum Beispiel hatte neulich in Villingen-Schwenningen (das übrigens mit scharfem „V“ gesprochen wird, für westfälische Einwanderer keine Selbstverständlichkeit) dieses Endspiel auf dem Brett:

Thomas Schaumann – Arno Dirksen, Villingen-Schwenningen, März 2018

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Trivial, oder? Schwarz tauscht die Türme, bildet auf der h-Linie einen entfernten Freibauern und gewinnt.

Trivial ist es zu sehen, dass das Bauernendspiel für Schwarz günstig ist. Es zum Gewinn zu führen, erfordert gleichwohl ein wenig Präzision.

Hier ist die Stellung schon aufgebaut, und Du kannst gegen einen Computergegner ausprobieren, ob Du mit Schwarz gewinnst.

Etwa 1.000 Elopunkte über Arno zieht der deutsche Großmeister Daniel Fridman seine Kreise. Statt nach Villingen-Schwenningen mit scharfem „V“ fuhr Fridman neulich nach Batumi in Georgien zur Europameisterschaft, um sich dort für den World Cup zu qualifizieren und ein Stück vom 100.000-Dollar-Preisgeldkuchen abzuschneiden.

Um dieses Ziel zu erreichen, musste Fridman seine Partie in der letzten Runde gewinnen. Und das erforderte, Ihr ahnt es, das Abwickeln in ein gewonnenes Bauernendspiel.

Daniel Fridman – Tamir Nabaty, Batumi, März 2018

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Allerdings in einer Version für Fortgeschrittene. Die Stellung nach 1.Txc5 dxc5 2.a4 ist gewonnen für Weiß, das ist alles andere als offensichtlich, und der Gewinn ist komplizierter als in allen bisherigen Beispielen. Wer das schafft, Respekt.

Hier ist die Stellung schon aufgebaut, tüftelt mal ein wenig herum und probiert, die weiße Stellung zum Gewinn zu führen.

Dieses ist die bislang schwierigste Aufgabe in dieser Reihe, schwieriger noch als das Bauernendpiel aus der Partie Svane – Nuber, das wir neulich im Beitrag „Katastrophen vor der Zeitkontrolle“ beleuchtet haben.

Wer es nicht schafft, meldet sich bitte in den Kommentaren. Wir werden dann die eine oder andere Hilfestellung geben.

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Ausruhen oder Aufwärmen? Was Carlsen und Caruana von Blübaum und Meier lernen können

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American hero: Fabiano Caruana nach dem Gewinn des Kandidatenturniers

Wie dosieren wir unsere Praxis vor einem wichtigen Turnier? Einerseits wollen wir ja nicht eingerostet ans Brett gehen, andererseits nicht ausgepowert. Magnus Carlsen und Fabiano Caruana bereiten sich in dieser Hinsicht sehr unterschiedlich auf ihr WM-Match im November vor.

Der Weltmeister hat sich seinen Terminkalender bis zur Titelverteidigung randvoll gepackt. Bei vier großen Turnieren (Grenke, Shamkir, Norway, Biel) hat er zugesagt. Wahrscheinlich wird er im Oktober die Europäische Mannschaftsmeisterschaft spielen; außerdem dürfte es ihm schwer fallen, die norwegische Nationalmannschaft bei der Schacholympiade Ende September in Georgien im Stich zu lassen. Carlsen wird im Lauf des Jahres so oft am Brett sitzen, dass kaum Zeit bleibt für ein mehrwöchiges Trainingslager zur WM-Vorbereitung, geschweige denn für etwas Urlaub.

Caruanas Pläne sind nicht so transparent, was damit zusammenhängen mag, dass er bis November längere Auszeiten einplant. Direkt nach dem Kandidatenturnier schwärmte der Amerikaner von seinem Trainingslager in Miami, das eine ideale Vorbereitung gewesen sei. Wahrscheinlich schwebt ihm für das WM-Match ein ähnliches Modell vor.

Schafft Blübaum den Durchbruch zur Weltklasse? Jetzt wäre eine gute Gelegenheit.

So oder so, schon Ostern werden Weltmeister und Herausforderer beim Grenke Classic in Karlsruhe antreten, gleich in der ersten Runde am Samstag. Abseits ihrer Partien können C&C am Beispiel der beiden deutschen Teilnehmer studieren, welches Maß an Praxis zur Vorbereitung taugt.

Matthias Blübaum hat sich vor Karlsruhe eine Auszeit genommen, für Georg Meier ist das Grenke Classic das Finale eines Schach-Marathons.

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Matthias Blübaum

Blübaum hat zugunsten des Karlsruher Turniers auf die jüngst beendete Europameisterschaft verzichtet und damit auf die Chance, sich für den hoch dotierten World Cup zu qualifizieren. Seit dem Tata-Steel-Turnier in Januar hat er sich auf die Vorbereitung fokussiert, um in Karlsruhe im Feld der Weltklassespieler zu bestehen.

Als Jugendlicher war Blübaum  selbst Weltklasse, stets ganz oben in den Ranglisten seiner Altersgenossen platziert. Im April wird Blübaum 21, sein Elo stagniert seit einem Jahr, und der Begriff „Talent“ hat sich bald verbraucht. Wenn noch ein Durchbruch Richtung 2.700 und darüber hinaus kommen soll, dann ist es an der Zeit. Ein Turnier als Elo-Außenseiter gegen Carlsen, Caruana, Aronian wäre eine treffliche Gelegenheit, neu durchzustarten.

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Georg Meier

Georg Meier (30) ist als Großmeister mal knapp dies-, mal knapp jenseits der Top 100 etabliert. „Georg is a serious guy“, sagte Magnus Carlsen neulich über den Deutschen, als der ihn bei einem Online-Mannschaftsturnier beharkte – eine Respektsbekundung.

Meier hat als Vorbereitung zum Grenke-Turnier die Praxis vorgezogen. Erst elf Runden bei der Europameisterschaft auf der Jagd nach dem World-Cup-Ticket, von dort direkt nach Karlsruhe und neun weitere knüppelharte Partien gegen Weltklassespieler.

Beim Grenke Classic wird sich zeigen, ob der ausgeruhte Blübaum oder der  aufgewärmte Meier eher von ihrer Vorbereitung profitieren. Vielleicht ziehen die WM-Kontrahenten Schlüsse daraus.

Verpatzte Generalprobe mit der Leib- und Magen-Eröffnung

Als gutes Omen kann Meier den Verlauf der Europameisterschaft deuten, wenn denn das alte Sprichwort zutrifft, dass auf eine verpatzte Generalprobe stets eine gelungene Premiere folgt. 12 Elo-Punkte ließ Meier in Georgien und war schon zur Mitte des Turniers mehr oder weniger raus aus dem Rennen um die World-Cup-Plätze.

Stellvertretend für seine enttäuschende Performance steht eine Niederlage, die Meier in der vorletzten Runde ereilte. Nicht nur nahm sein Gegner eine Anleihe bei Vladimir Kramniks …Tg8 aus dem Kandidatenturnier, obendrein erwischte es Meier in der Rubinstein-Variante des Französischen, der Eröffnung, als deren führender Experte er gilt.

Semen Lomasov – Georg Meier, Europameisterschaft Batumi 2018

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Die Rochaden zu verschiedenen Seiten kündigen schon an, dass es mittelfristig scharf zugehen wird. Wahrscheinlich wird sich ein Wettrennen um den Skalp des gegnerischen Königs ergeben.

Der Ukrainer Vassily Iwantschuk hat in dieser Stellung vor fünf Jahren erst einmal seinen König in Sicherheit gebracht, 13. Kb1. Aber da kannte er ja auch noch nicht die Partie Aronian – Kramnik aus Berlin 2018.

In Meiers Partie meldete der Weiße mit 13.Thg1 à la Kramnik unmittelbar Ambitionen in Richtung schwarzer König an. g4 nebst Mattangriff soll folgen. Aber nach 13… Sd7

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…zog Weiß 14.Lg3. Das sieht putzig aus, blockiert es doch den g-Bauern, der sich gerade erst zum Vormarsch bereit gemacht hat. Aber auf f4 wird der Läufer viel wirksamer aufgestellt sein, um den kommenden Angriff zu unterstützen. Außerdem steht Weiß etwas freier, hat etwas mehr Raum, also hält er Material auf dem Brett, um der auf drei Reihen zusammengepressten schwarzen Armee nicht die Koordination zu erleichtern.

Nach 14… a6 15.Kb1 b5 16. Lf4 Ld5 17.g4

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rollte Weiß los, und Meier wusste sich nicht anders zu helfen, als sich per 17… g5 der weißen Attacke entgegenzustemmen. Das lockert freilich die schwarze Königsstellung erheblich, und Schwarz geriet sehr bald in arge Not. 14 Züge später warf Meier das Handtuch. Beim Grenke Classic kann es nur besser werden.

EM-Splitter: Katastrophen vor der Zeitkontrolle

Mehr als 300 Spieler, Rating-Durchschnitt über 2.400. Das Feld bei der Europameisterschaft ist in der Breite so stark besetzt, wahrscheinlich machen sich mehr als zwei Drittel aller Teilnehmer Hoffnungen, eines der 22 World-Cup-Tickets zu ergattern, wenn es gut läuft.

Für die meisten Amateure geht es derweil in erster Linie darum, möglichst viele Partien gegen möglichst viele starke bis sehr starke Gegner zu spielen – das bestmögliche Schachtraining. In dieser Hinsicht liefen für den deutschen FM Blasius Nuber (Elo 2.284) die ersten beiden Runden perfekt. Nach seiner Schwarzniederlage gegen GM Rasmus Svane (Elo 2.587) in Runde eins bekam er zur Belohnung am Tag danach den russischen GM Aleksandr Rakhmanov (Elo 2.655) vorgesetzt, wieder mit Schwarz.

Mit dem 40. Zug beide Partien verdorben

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FM Blasius Nuber

Nach diesen beiden Partien stand der bayerische Landesligaspieler vom SC Dillingen bei null aus zwei, aber die nüchternen Zahlen repräsentieren nicht die Dramen dahinter. Zwar gelang Blasius beide Male die Eröffnung nicht so recht, und er geriet früh unter leichten, aber anhaltenden Druck. Doch den hielt er unerschütterlich aus und seine Remischancen zumindest existent – jeweils bis zum 40. Zug.

Mit Erreichen der Zeitkontrolle warf er beide Partien weg. Gegen Rakhmanov mit einem taktischen Patzer, gegen Svane mit einem scheinbar unschuldigen Bauernzug, der ein schwieriges in ein verlorenes Endspiel verwandelte. Als er mit seinem 41. Zug wieder Zeit hatte, sich in die Stellung zu vertiefen, blieb ihm jeweils nur, sich davon zu überzeugen, dass er die Partie gerade verdorben hat.

Immerhin hatte er für uns ein weiteres Lehrstück aus der Abteilung

Abwickeln in ein gewonnenes Bauernendspiel

kreiert. Vielen Dank dafür an die Herren Svane und Nuber 😉

Aleksandr Rakhmanov – Blasius Nuber, EM Batumi 2018, 2. Runde

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Weiß hat Raum, das Läuferpaar, wird mittelfristig womöglich auf b3 einen Bauern gewinnen. Der weiße Vorteil ist unbestreitbar, aber vorbei ist die Partie nach 40…Lc7 noch lange nicht, denn wie der Weiße Fortschritte machen soll, ist nicht so klar. Nuber zog 40…fxe5?. Er hatte sich auf 41.dxe5 Lc5 verlassen, aber nach 42.c7! ist die Partie schlicht verloren. Entweder Weiß gewinnt eine Figur, oder der c-Bauer läuft durch.

Rasmus Svane – Blasius Nuber, EM Batumi 2018, 1. Runde

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Schwarz steckt in Schwierigkeiten. Er kann entweder versuchen, mit 40…Sd6 41.Lxa7 Sf5 einen h-Freibauern zu generieren und Gegenspiel zu bekommen, oder er hält passiv aus, indem er mit dem König auf der siebten Reihe pendelt. Spaß macht beides nicht, aber das waren die Optionen. Stattdessen zog Blaser 40…a6? Dieser scheinbar unschuldige Zug verwandelt ein schwieriges unmittelbar in ein verlorenes Endspiel, weil sich nun auch noch dem weißen König Routen in den aufgeweichten schwarzen Damenflügel anbieten und der Springer ohne Unterstützung des Königs gar nicht mehr ziehen kann.

Nach 41.Sf3-e5 Lg7xe5 42.f4xe5 kann der Weiße den Schwarzen mit seinem dominierten Springer beliebig in ein Zugzwangszenario manövrieren. Nuber ließ sich sofort zeigen, dass das Bauernendspiel verloren ist. Nach 42…Sc8-b6 43.Lc5xb6 Kc7xb6 stand es so:

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Gewonnen für Weiß: Wenn Schwarz verhindern will, dass der weiße König am Damenflügel eindringt, muss er früher oder später …a5 ziehen. Weiß antwortet mit a4 nebst b4, bildet sich einen entfernten Freibauern auf der a-Linie und gewinnt. Versucht Schwarz an einer Stelle …c5, hilft das nicht, er bildet nur dem Weißen eine entfernte Majorität.

Trivial ist es nicht, aber sicher gewonnen für Weiß.

Du bist Dir nicht sicher, ob Du dieses Bauernendspiel gegen perfekte Verteidigung gewinnen kannst? Probiere es einfach aus: Hier ist die Stellung schon aufgebaut, und Du kannst gegen einen Computer die weißen Steine führen. Viel Erfolg!

Wem zwei solche Missgeschicke hintereinander passieren, der läuft Gefahr, Selbstvertrauen  und Stabilität zu verlieren und danach ein miserables Turnier hinzulegen. In so einem Fall können elf Runden endlos lang werden. Aber Blasius Nuber berappelte sich, landete in Runde drei den ersten vollen Punkt und gewinnt bei der Europameisterschaft gar Elo, wenn er so weiterspielt.