WM-Vorschau nach dem Fernduell: Ein Kampf, spektakulär wie lange nicht

9:5 bei 17 Remis. Aus der Bilanz zwischen Magnus Carlsen und Fabiano Caruana können wir für den kommenden WM-Kampf zweierlei ableiten: Carlsen ist Favorit, und es wird ein umkämpftes Duell mit einer hohen Zahl an entschiedenen Partien. Schachfans dürfen sich auf das aufregendste WM-Match seit langem freuen – und auf das hochklassigste.

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WM-Herausforderer Fabiana Caruana. (Illustrationen: Willum Morsch/@WillumTM)

Die Formkurve beider Kontrahenten tendiert nach oben. Caruana zeigt sich vom Gewinn des Kandidatenturniers beflügelt und Magnus Carlsen angestachelt vom Umstand, dass nun ein Rivale auf ihn wartet, der konsequent nach Chancen suchen wird, ihn zu besiegen. Caruana wird das Match viel aggressiver angehen müssen als vor zwei Jahren Sergej Karjakin.

Nicht, dass Carlsen-Karjakin ein Langweiler gewesen wäre. Aber das WM-Match 2016 bezog seine Spannung in erster Linie daraus, dass es dem Außenseiter wider Erwarten gelang, den Weltmeister aus dem Gleichgewicht zu bringen.

Was Caruana am besten kann, unterscheidet sich deutlich von dem, was Karjakin am besten kann

Auf dem Brett war vergleichsweise wenig los. Karjakin tat, was er am besten kann: solide stehen, den Laden zusammenhalten, zäh verteidigen. Das tat er so gut, ging Carlsen derart auf die Nerven, dass der Norweger wackelte und wankte, bevor er sich schließlich in den Tiebreak rettete.

Auch Caruana wird gegen Carlsen in die Waagschale werfen, was er am besten kann. Seine herausragenden Qualitäten sind deutlich anders gelagert als die des Herausforderers von vor zwei Jahren. Auf Basis akribischer Eröffnungsvorbereitung sucht Caruana Ungleichgewichte, Dynamik, Zweischneidiges.

Die Entscheidung forciert der Amerikaner nach Möglichkeit schon im Mittelspiel, anders als Carlsen, der weniger fokussiert darauf ist, frühe Krisen zu provozieren. Der Weltmeister kann sich darauf verlassen, dass seine Intuition und Technik ihm Gewinnchancen bescheren, je länger die Partie dauert.

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Carlsen, der Pragmatiker: In Shamkir gegen Radoslaw Wojtaszek hätte Magnus Carlsen hier per 18.Sd5! forciert gewinnen können. Der Zug ist naheliegend für jeden, der gelegentlich einen offenen Sizilianer auf dem Brett hat, aber die konkreten Folgen sind alles andere als leicht zu berechnen. Natürlich hatte Carlsen Sd5 gesehen, aber er wollte nicht einen erheblichen Teil seiner Bedenkzeit investieren, da er auch so gut steht. Also spielte er schnell 18.g4?!, das den weißen Vorteil nur verwaltet, anstatt ihn zu vergrößern.
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Caruana, der Konkrete: Weiß hat forcierte Möglichkeiten wie 16.Lg5 oder 16.Se5, um seinen Angriff gegen den schwarzen König ins Rollen zu bringen. Er kann auch per 16.Se2 erst einmal dem schwarzen Gegenangriff den Schwung nehmen. Caruana steckte mehr als eine halbe Bedenkzeit ins Geschäft, um den präzisesten Zug auszutüfteln. 16.Df2! ignoriert schwarzes …b5-b4-b3 und setzt darauf, dass Weiß schneller sein wird, zu Recht. Weiß gewinnt.

Falls Du die kompletten Partien inklusive Kommentare sehen willst:

Abseits aller Theorie: Carlsen-Wojtaszek, Shamkir 2018

Französisch-Lehrstunde: Caruana-Akobian, US-Meisterschaft 2018

Will Caruana das Match in London gewinnen, muss er einen Tiebreak vermeiden. Im Schnellschach wäre er Carlsen ebenso wenig gewachsen, wie es vor zwei Jahren Karjakin war. Er muss Carlsen über zwölf reguläre Partien besiegen, und das bedeutet, dass er Risiken wird eingehen müssen.

Kein Problem für Caruana, denn das tut er ohnehin. Aber es bleibt die Frage, ob seine gerühmte Eröffnungsvorbereitung auch in diesem Fall greifen wird, oder ob sie verpufft. Konkrete Vorbereitung auf einen Spieler, der Konkretes gerne vermeidet (aber nicht prinzipiell, siehe Giri-Carlsen, Shamkir) – alles andere als eine einfache Aufgabe.

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Der Weltmeister: Magnus Carlsen

Caruanas über die Jahre gewachsenen Stabilität wird ihm helfen, sollte er früh zurückliegen. Das war schon im Kandidatenturnier zu sehen, als Caruana zwei Runden vor Schluss gegen Karjakin die Partie und die Tabellenführung verlor. Déja-vu? Nein, Caruana kam stark zurück, gewann die finalen beiden Partien und das Turnier mit einem Punkt Vorsprung.

Immun gegen Rückschläge oder übersteigertes Selbstbewusstsein ist Caruana gleichwohl nicht. Bei der US-Meisterschaft überzog Caruana seine Weißpartie gegen Zviad Izoria auf derart absurde Weise, dass es nur damit zu erklären ist, dass er sich nach seiner jüngsten Erfolgsserie unbesiegbar fühlte. Derart durchgeschüttelt, wartete Caruana am nächsten Tag gegen Sam Shankland mit einer ähnlich absurden „Neuerung“ auf, die ihm einen Minusbauern ohne Kompensation bescherte. Aber dann riss er sich zusammen, hielt die Partie und legte ein weiteres Turnier mit einer 2.800+-Performance hin.

Seit dem Kandidatenturnier spielt Caruana fast ohne Pause. Aus Berlin reiste er weiter nach Karlsruhe zum Grenke Classic und verkündete keck, er wolle nun dem Weltmeister „eine Botschaft“ senden. Wie die aussah, kann sich jeder anhand der Schlusstabelle anschauen. Caruana auf Platz eins, einen Zähler vor Magnus Carlsen.

Aus Deutschland reiste der eine gen Westen zur US-Meisterschaft, der andere gen Osten zum Superturnier im aserbaidschanischen Shamkir. Während Carlsen in Shamkir nicht glänzend, aber routiniert gewann, blieb Caruana bei seiner nationalen Meisterschaft nur Platz zwei.

Die Twitter-Frotzelei des Weltmeisters folgte unmittelbar:

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Aber natürlich war auch Carlsen nicht entgangen, dass Caruana in Saint Louis wieder ein herausragendes Turnier absolviert hat, das dritte in Folge. „Plus fünf“ sollte unter normalen Umständen bequem zum Sieg reichen, nur tat es das in diesem Fall nicht, weil Sam Shankland das Turnier seines Lebens spielte.

Nach dem Fernduell werden sich die beiden nun wieder direkt miteinander messen. Am 27. Mai beginnt das Altibox-Turnier in Norwegen, eine weitere Gelegenheit für die Kontrahenten, einander Botschaften zu senden.

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Sizilianisch Marke Eigenbau: den Theoretiker aus dem Konzept gebracht

Seit 2014 gibt es in Aserbaidschan das Gaschimow-Memorial, ein jährliches Superturnier in Gedenken an den aserbaidschanischen Großmeister Vushar Gaschimow, der Anfang 2014 27-jährig einem Gehirntumor erlag.

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Vugar Gaschimow (Illustration: Willum Morsch/@WillumTM)

Am Brett war Gaschimow ein kreativer Draufgänger, ein Angreifer und kompromissloser Kämpfer. Leider spiegelte das Turnier diese Attitüde seines Namensgebers nicht wider. Speziell die einheimischen Spieler schoben ein Remis nach dem anderen, insbesondere, wenn sie einander gegenüber saßen.

Teimour Radjabow, der das Turnier mit 9 Remisen abschloss, brüskierte Zuschauer wie Organisatoren, indem er seine Kurzremisen als „professionell“ rechtfertigte. Kein Wunder, dass der Organisator und Vizechef des aserbaidschanischen Verbands Mahir Mamedow hinterher ebenso stinksauer war, wie es Vugar Gaschimow gewesen wäre.

Weltmeister Magnus Carlsen war der einzige, der den viel zu früh gestorbenen 2.700-Großmeister würdigte, indem er sich aus dessen originellem Eröffnungsrepertoire bediente – und eine gehörige Prise Eigenbau hinzufügte. Das reichte, um den polnischen Supertheoretiker Radoslaw Wojtaszek aus dem Konzept zu bringen.

Carlsen, Magnus (2.843) – Wojtaszek, Radoslaw (2.744)
Shamkir Chess 2018, 5. Runde, Sizilianisch

1. e4 c5 2. Sc3 d6 3. d4 cxd4 4. Dxd4 Sc6

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Eine Reminiszenz des Weltmeisters an Vugar Gashimow, der an dieser Stelle Lb5 spielte und damit unter anderem die Herren Grischuk und van Wely geschlagen hat.

5. Dd2 Sf6 6. b3

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Aber das ist neu im offenen Sizilianer. Weiß finachettiert den Lc1, rochiert dann lang und setzt darauf, dass sein König in dieser Formation sicher sein wird.

6… e6 7. Lb2 a6 8. O-O-O b5 9. f3 h5

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Will g4 stoppen, wie es der Schwarze in solchen Stellungen häufig tut. Aber in diesem Fall womöglich schon eine Überreaktion. Ein wesentlicher Unterschied zu „normalen“ Sizilianisch-Stellungen ist, dass der Sf3 noch auf seinem Ausgangsfeld steht. Und das wirkt sich zugunsten des Weißen aus.

10. Sh3

Carlsen hat ein Loch auf g5 erspäht und schickt sofort seinen Springer aus, um dieses zu besetzen.

10… Le7 11. Sg5 h4

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Damit Weiß den Springer nicht dauerhaft auf g5 einpflanzt. Aber wo soll der schwarze König jemals einen sicheren Hafen finden?

12. f4 Lb7 13. Kb1 Tc8 14. Le2 Dc7 15. The1

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Schwarz hat alle sizilianischen Schemazüge gemacht, und nun steht er schlecht. Am Damenflügel geht es nicht weiter, und anderswo kann der Schwarze nicht viel anderes tun als stillhalten. „Ich wusste nicht, was ich machen soll“, gestand Wojtaszek nach der Partie.

15… Sh7

Verständlich, dass sich Schwarz entlasten und nach Möglichkeit …Lf6 spielen will. Aber 15…Sh7 sollte geradewegs zum Verlust führen.

16. Sxh7 Txh7

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17. g4?!

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Variante nach 17.Sd5!

(17. Sd5! ist für jeden Schachspieler, der mit Weiß gelegentlich einen offenen Sizilianer spielt, ein Kandidat, natürlich auch für Magnus Carlsen. „Aber ich konnte es nicht bis zum Ende durchrechnen und dachte, ich sollte auch nach einem normalen Zug gut genug stehen“, erklärte der Weltmeister nach der Partie – und ging hart mit sich ins Gericht: „Eine fürchterliche Entscheidung.“ 17… exd5 18. exd5 Sd8 19. Lg4 (Diagramm) führt in ein arges Variantengestrüpp, das Rechner auf Neuronenbasis wahrscheinlich eher erfühlen müssen, weil sie es nicht komplett durchforsten können. Aber wenn sich Weiß vergegenwärtigt, dass Schwarz schon gegen eine simple Turmverdopplung auf der e-Linie fast hilflos ist, dann ahnt er, dass er auf Gewinn steht.)

17… hxg3 18. hxg3 Lf6

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Mit einem eigenen Läufer, der auf der langen Diagonalen gegen c3 drückt, sieht es schon wieder ganz passabel für Schwarz aus.

19. Ld3 Th8 20. g4

Schreckt vor dem scheinbar natürlichen 20.Th1 zurück, um die gesplitteten schwarzen Türme zu erhalten. Zum zweiten Mal spielt Carlsen stattdessen in dieser Partie g4, und wieder ist es ein zweifelhafter Zug.

20… Sd4

Schwarz ist zurück im Spiel. …Sxb3 und …Sf3 drohen.

21. Te3

Deckt indirekt den Sc3.

21… Kf8

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Nimmt das Abzugsschach Lxb5+ aus der Stellung und erneuert die Drohung …Sxb3.

22. Se2 Sxe2 23. Txe2 Lc3 24. Lxc3 Dxc3 25. De3

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Trotz allem hat sich der Weiße angesichts der schwierigen schwarzen Königsstellung und der schlecht koordinierten Schwerfiguren seines Gegners einen kleinen Vorteil erhalten. Wenn Schwarz jetzt einfach stehenbleibt, folgt g5, Tf1, f5 und so weiter mit weißer Initiative. Schwarz fällt es weiterhin schwer, seinerseits am Damenflügel etwas Greifbares zu erreichen.

25… Tc5

Plant …a5-a4, aber das ist zu langsam und der Turm ansonsten deplatziert, wie Schwarz sofort zu spüren bekommt.

26. e5

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26… dxe5

(26… Td5 27. Da7 und der Turm fehlt als Verteidiger am Damenflügel.)

27. fxe5 Th1

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Darauf hatte sich Schwarz verlassen, zu Unrecht. (27… Tc7 leistet noch Widerstand.)

28. Txh1 Lxh1 29. Th2 Txe5

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…Te1# wäre Matt, aber Weiß kommt dem Schwarzen zuvor. 32.g5+ gewinnt Haus und Hof, das hatte Wojtaszek zu Beginn der Abwicklung wahrscheinlich übersehen.

30. Th8+ Ke7 31. Da7+

und Schwarz gab auf wegen 31…Kf6 32. g5+ und Schwarz verliert mindestens eine Figur.

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1-0

 

Der Blübaum-Killer traf einen anderen: Caruanas Französisch-Lehrstunde

Auf Weltklasse-Niveau wird die Französische Verteidigung kaum gespielt, weil es ihr an Solidität fehlt. Auch Anfänger sollten besser die Finger davon lassen, weil Französisch eine heikle Angelegenheit ist. In vielen Abspielen macht Schwarz positionelle Zugeständnisse (wenig Raum, schlechter Läufer) und muss sich auf taktische/dynamische Ideen verlassen, um Spiel zu bekommen. Ein schmaler Grat, von dem der ungeschulte Schachjünger nur allzu leicht herunterpurzelt.

Im schachlichen Mittelbau erfreut sich die Französische Verteidigung ungebrochener Vitalität, vor allem in Deutschland. Fast alle deutschen Großmeister haben „Französisch“ im Repertoire gegen 1.e4. Georg Meier gilt gar als weltweit führender Experte in der Rubinstein-Variante, in der Schwarz (eher untypisch) früh …d5xe4 spielt.

Neulich beim GrenkeClassic musste der deutsche Franzose manchen Härtetest überstehen. Insbesondere Matthias Blübaum glänzte, als er mit den schwarzen Steinen Fabiano Caruanas Steinitz-Franzosen souverän neutralisierte.

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Yasser Seirawan schaute Fabiana Caruana staunend über die Schulter: „Das kann doch nicht gut sein, was Fabiano spielt…“

Wie leicht es hätte anders laufen können, zeigt eine Partie aus der gerade beendeten US-Meisterschaft, in der der Weltranglistenzweite seinen Gegner vom Brett fegte. Der hatte ein Abspiel gewählt, das auch Blübaum gelegentlich spielt, von dem der Deutsche aber in der Partie gegen Caruana Abstand genommen hatte. Aus gutem Grund.

Die Partie des WM-Herausforders veranschaulicht, wie sehr sich Schach immer noch entwickelt. Das Konzept, den vermeintlich „guten“ weißfeldrigen Läufer abzugeben, um Zeit zu gewinnen, in Verbindung mit der langen Rochade, die Schwarz geradezu zum Königsangriff einlädt, das ist hochmodernes Schach, wie es so noch vor wenigen Jahren nicht gespielt wurde.

Im Live-Studio in Saint Louis schaute US-Großmeister Yasser Seirawan staunend zu. Der, einst selbst ein Top-Ten-Spieler, konnte kaum glauben, was er sah: „10.0-0-0, das kann doch nicht gut sein…“

 

Caruana, Fabiano (2.804) – Akobian, Varuzhan (2.647)
US-Meisterschaft 2018, Saint Louis

1. e4 e6 2. d4 d5 3. Sc3 Sf6 4. e5 Sfd7 5. f4 c5 6. Sf3 Le7 7. Le3 Sc6 8. Dd2

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Eine Grundstellung des klassichen Steinitz-Franzosen (3.Sc3 Sf6 4.e5), der sich zur Französisch-Hautpvariante gemausert hat. Schwarz kann nun unmittelbar kurz rochieren, kann aber auch erst am Damenflügel aktiv werden, in der Regel mit …a6 und …b5. Letzteres spielt Caruana selbst, wenn er sich für Französisch entscheidet (im Schnellschach oder gegen Spieler unter 2.700).

8… b6

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Eine Nebenvariante, die unter anderem der Deutsche Matthias Blübaum gelegentlich spielt, wenn er keine Lust auf 8…a6 hat. Und eine kleine Provokation zudem. Eine zentrale Weisheit aus Sicht der Weißen im Steinitz-Franzosen ist ja, dass Weiß nicht lang rochieren darf, so lange Schwarz mit …c4 und …b5-b4 sofort gegen den weißen König losmarschieren kann. Mit 8…b6 statt 8…a6 lädt Schwarz den Weißen zur langen Rochade ein und behauptet, dass dieses Konzept auch noch gilt, wenn Schwarz ein Tempo für den
Angriff am Damenflügel verloren hat, weil er …b7-b6-b5 spielen muss.

9. Lb5

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Die moderne Fortsetzung, die Schachmeister noch in den 80er-, womöglich 90er-Jahren mit einer hochgezogenen Augenbraue betrachtet hätten. Aber so wie notorische Damenbauer-Spieler mit dem jüngsten Aufkommen des London-Systems lernen mussten, dass man den Lf1 auch nach b5 statt d3 entwickeln kann, müssen auch Französisch-Spieler auf neue Konzepte gefasst sein. Wer weiß, in ein paar Jahren gilt 9.Lb5 womöglich als Widerlegung von 8…b6. Und vielleicht ist das ja genau der Braten, den Blübaum vor seiner Partie gegen Caruana beim Grenke-Chess gerochen hat.

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Variante nach 12…Dc7: Weiß ist voll mobilisiert und hat jetzt gewaltige Initiative für die geopferte Figur.

(9. O-O-O c4 10. Lxc4!? dxc4 11. d5 exd5 12. Dxd5 Dc7 (12…Lb7 13.e6 gewinnt für Weiß) wäre mindestens interessant und wahrscheinlich ein ziemlicher Schock für den Schwarzen. In der Praxis gab es diese Stellung noch nicht. Das weiße Konzept wäre so ähnlich wie in der Partie: Anstatt den oft im späteren Verlauf der Partie so wichtigen weißfeldringen Läufer unter Verrenkungen auf dem Brett zu halten, gibt Weiß ihn sofort her, um Zeit zu sparen, sich die Koordination zu erleichtern und sofort mobilisiert zu sein. Dass Schwarz wegen …b6 ein wenig Stabilität am Damenflügel eingebüßt hat, spielt dem Weißen in die Karten. 12.Dxd5 kommt mit Tempo, sonst würde die Chose nicht funktionieren. Jetzt genießt Weiß eine mächtige Initiative. Ihm bieten sich nach 12…Dc7 eine Reihe interessanter Fortsetzungen an, vom offensichtlichen 13.e6 über 13.Sb5 nebst 14.e6 und 13.Sd4 bis zu 13.Sg5.)

9… Dc7 10. O-O-O

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Auch das würden Schachmeister der 80er- und 90er-Jahre nicht gutheißen, wie sich an der Reaktion von Yasser Seirawan bei der Liveübertragung trefflich beobachten ließ. Seirawan versteht das Spiel heute noch besser und tiefer als die meisten anderen, aber 10.0-0-0, „das kann doch nicht gut sein?!“, sagte er ungläubig. Doch, Yasser, kann es, weil Weiß dank Lf1-b5xc6 viel schneller ist als in den Lehrbuchstellungen, in denen Weiß mit 0-0-0 ins Unheil rochiert.

10… a6 11. Lxc6 Dxc6 12. f5 

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Schwarz hat mit …b6, …Dd8-c7 und …a6 eine Menge Zeit verplempert, nur um sich den weißfeldrigen Läufer des Weißen einzuverleiben. Weiß hat derweil alles entwickelt, und jetzt setzt er als erster einen Hebel an, lange bevor der Schwarze auch nur in die Nähe seines Königs kommt.

12… c4 13. f6!

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Öffnet Linien für den Angriff und räumt das Feld e5 für den Sf3.

13…gxf6 14. exf6 Lxf6 15. Thf1

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Die weiße Attacke richtet sich gegen f7.

15… b5

Jetzt, spät, wird der schwarze Gegenangriff zumindest spürbar.

16. Df2

Caruana nahm sich angesichts des zu erwartenden …b5-b4-b3 eine halbe Stunde Zeit, um den besten Weg auszutüfteln, wie er als erster ans Ziel kommt. Immer noch ist das Konzept der beschleunigten Mobilisierung dank Lf1-b5xc6 gegenwärtig. Weder auf f1 noch auf der zweiten Reihe steht dem Weißen ein Läufer im Weg, so dass er unmittelbar auf der f-Linie verdoppeln kann.

16… b4

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17. Se2

(17. Se4!? war auch eine Option, aber Weiß hat keine Figurenopfer nötig. Sein Angriff rollt auch so, während sich schwarzes …b4-b3xa2 per Kd2 recht einfach entschärfen lässt.)

17… b3 18. Se5

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Wäre Schach Fußball und würde in Stadien gespielt, dann würde spätestens an dieser Stelle „Jetzt geht’s los!“ aus der Caruana-Fankurve erschallen.

18… Lxe5

Nicht schön, aber was sonst?

(18… bxa2 19. Sxc6 a1D+ 20. Kd2 Dxb2 +- Jetzt liegen Tb1 und Se5 in der Luft. Die schwarze Stellung ist nicht zu halten. Weiß steht mit zwei Minusbauern auf Gewinn.)

19. Dxf7+ Kd8 20. dxe5 bxa2

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Sieht angesichts des drohenden …a1D nach kräftigem Gegenspiel aus, aber nach…

21. Kd2

…hat Weiß alles unter Kontrolle.

21…Tf8 22. Dxh7 Txf1 23. Txf1

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Jetzt droht tödlich Se2-d4xe6+.

23… d4

Räumt der Dame das Feld d5.

24. Dg8+ Kc7 25. Sxd4 Dd5 26. Dxe6

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Nachdem Weiß den kompletten schwarzen Königsflügel eingesammelt hat, wäre er auch mit einem Endspiel glücklich. Während der a2-Bauer keine Gefahr darstellt, wäre das Duo auf h- und g-Linie kaum zu stoppen.

26… Da5+

Die ungleichfarbigen Läufer hielten hinsichtlich eines möglichen Endspiels die kleine schwarze Remishoffnung am Leben, aber jetzt ist es aus. Schwarz übersieht die Kombination 28.Tf7+ nebst Lf4+.

27. c3 Sxe5

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28. Tf7+! Sxf7 29. Lf4+ Kb7 30. Dxf7+ nebst Matt. Schwarz gab auf.

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Wenn Caruana den Benoni tanzt

In den USA steht die „holy trinity“ Caruana, So und Nakamura über den Dingen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird einer dieser drei 2.800er die US-Meisterschaft gewinnen. Und doch geht es auch für die anderen Teilnehmer um einiges, nicht nur wegen des satten Preisfonds von fast 200.000 Dollar.

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GM Jeffery Xiong

Den Youngstern bietet sich die Gelegenheit, sich mit Top-Ten-Spielern zu messen, außerdem sind bei der kommenden Schacholympiade hinter den drei Topleuten noch zwei Plätze zu besetzen.

Für Großmeister Jeffery Xiong ist beides relevant. Der 17-jährige Texaner will mittelfristig selbst in die Top Ten aufsteigen, und für einen der fünf Plätze in der US-Nationalmannschaft ist er mit 2.665 Elo jetzt schon ein Kandidat – einer von mehreren, die nahe beieinander liegen. Bei einer der stärksten Landesmeisterschaften der Welt darf der Jugendweltmeister von 2016 seinen Elo nicht ruinieren.

Xiong, Jeffery (2.665) – Caruana, Fabiano (2.804) 

US-Meisterschaft St. Louis 2018, 3. Runde

1. d4 Sf6 2. Sf3 e6 3. c4 c5

Mit dieser Zugfolge vermeidet Schwarz den Taimanow-Angriff (7.f4), der schon lange als eine der stärksten Waffen gegen Benoni gilt.

4. d5 d6 5. Sc3 exd5 6. cxd5 g6 7. Lf4

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7… Lg7

Bietet dem Weißen eine prinzipielle Diskussion auf heiklem Terrain an.

(7… a6 ziehen die meisten Schwarzspieler an dieser Stelle, um 8.Da4+ nebst 9.Db3 zu vermeiden.)

8. e3

(8. Da4+ Ld7 9. Db3 scheint Fabiano Caruana nicht zu fürchten. Schon bei der US-Meisterschaft 2016 vertraute er auf 9… b5, gab einen Bauern und navigierte sicher durch die folgenden Komplikationen. Dass er nun einem vermeintlich bis in die Haarspitzen präparierten Gegner anbietet, die Variante zu wiederholen, zeigt das Vertrauen, dass der WM-Herausforderer in dieses zweischneidige Abspiel hat. 10. Lxd6 Db6 11. Le5 O-O 12. e3 c4 13. Dd1 b4 und Remis nach 59 Zügen in Nakamura – Caruana, Saint Louis 2016.)

8… O-O 9. h3

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9…De7

Die meisten Benoni-Spieler ziehen an dieser Stelle 9…Sa6, aber Caruana geht wieder eigene Wege. Die Idee von 9…De7 ist weniger, …Sd7 vorzubereiten, indem d6 überdeckt bleibt, sondern Entlastung mit …Se4 oder Angriff am Königsflügel mit …Sh5 nebst …f7-f5. Der Sb8 findet in diesen Stellung eh häufiger über a6 und c7 ins Spiel, um potenzielles …b5 zu unterstützen und Druck gegen d5 zu machen.

10. Sd2

Verhindert für den Moment …Se4 und strebt nach c4, das Benoni-Traumfeld für weiße Springer. Aber dort wird er nie ankommen.

(10. Be2 mit der Option, sofort zu rochieren, wäre besser gewesen.)

10… Sh5

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Der im Zentrum steckengebliebene weiße König gibt dem Schwarzen die Möglichkeit, sofort energisch vorzugehen.

11. Lh2 f5 12. Le2 f4

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13. O-O

Holt den König aus dem Zentrum, die natürliche Reaktion.

(Mit dem einigermaßen bizarren 13. Lxh5 fxe3 14. fxe3 gxh5 15. Sce4 Le5 16. Dxh5 könnte Weiß auf einen Mehrbauern bestehen, aber nach 16…Lxh2 17. Txh2 Sa6 ist …Sb4 eine kräftige Drohung. Schwarz mobilisiert schnell, während es dem Weißen an Koordination und aktiven Ideen mangelt.)

13… fxe3

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14. Sde4

Steckt einen Bauern ins Geschäft.

(Nach dem Versuch, mit 14. Lxh5 exd2 15. Le2 den Ball flach zu halten, hat Schwarz einige giftige Ideen, die dem Weißen das Leben (und das Erobern des d2-Bauern) schwer machen. 15…Lh6 ist möglich, ebenso 15…Lxc3 nebst 16…Dg5, wonach auf d5 und h3 weiße Bauern hängen, während d2 gedeckt ist.)

14… exf2+ 15. Kh1

Xiong will verständlicherweise den Springer auf e4 (und den Druck gegen d6) behalten.

(Im Nachhinein würde er sich womöglich für 15. Txf2 Txf2 16. Sxf2 entscheiden. Jetzt ergibt 16…Lxc3 weniger Sinn. Während der Sh5 keine gute Option findet, wird Weiß seine Kräfte schnell zentralisieren und sollte ausreichendes Spiel für den Minusbauern haben. Anders als in der Partie wird sich jetzt tatsächlich dauerhaft ein weißer Springer auf e4 einnisten.)

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15… Lxc3!

Womöglich unterschätzt vom Weißen. Klar der beste Zug, aber um den zu spielen, muss der Schwarze erst einmal eine Barriere in seinem Kopf überwinden. Seine bei weitestem aktivste Leichtfigur gibt kein Schachspieler gerne her – außer er sieht in aller Klarheit, was er dafür bekommt.

16. Nxc3 Sg7

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Über g7 strebt dieser Springer nach f5, der andere soll über d7 nach e5. Beides prächtige zentrale Posten für die Gäule.

17. Lf3 Sd7 18. Txf2 Se5 19. Te2 Sf5

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20…Sd4 droht, und die Idee des mit 15…Lxc3 eingeleiteten Konzepts wird deutlich. Weiß muss jetzt energisch dazwischenhauen, sonst geht die Partie sofort den Bach runter.

20. Lxe5

(Mit dem Computerzug 20. Sb5!? Verwirrung zu stiften, war eine interessante Alternative. Schwarzes …Sd4 ist für den Moment verhindert, und die Drohung Sxd6 nicht leicht zu parieren.)

20… dxe5 21. d6!

Die menschliche Lösung, und die ist mindestens ebenso gut wie die maschinelle. Weiß gibt einen zweiten Bauern, um den Lf3 lang zu machen und das Feld d5 als Basis für weitere Operationen zu gewinnen.

21…Sxd6

Aber jetzt sollte Weiß mit zwei Minusbauern auf Kompensation spielen. Er kann Druck gegen e5 machen, hat zwei perfekte Leichtfiguren, das Feld d5 im Griff, und mittelfristig mag beim Schwarzen gar das Problem Königssicherheit auftauchen. Viel fehlt dem Weißen nicht zu voller Kompensation.

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22. Dd5+?

Gewinnt zwar unmittelbar einen Bauern zurück, aber beraubt den Weißen auch seiner Initiative und führt in ein Endspiel, das schlichtweg gut für Schwarz ist.

(Engines möchten an dieser Stelle 22.De1 sehen und zeigen obendrein eine originelle Möglichkeit, Remis anzubieten: 22.Sd5 Dg7 23.Sc3.)

22…Sf7 23. Se4 Tb8

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24. Dxc5

Mit den Damen verschwindet die weiße Initiative.

(24. Sxc5 b6 war noch trauriger. Per …Lb7 oder …Le6 bekommt bald die weiße Dame einen Tritt, und plötzlich wird Schwarz aktiv.)

24…Dxc5 25. Sxc5 b6 26. Se4 Lf5 27. Sc3 Tbd8 28. a4 a5 29. Ld5 Tfe8

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Schwarz will …Le6 spielen, um den Ld5 zu neutralisieren.

30. Lxf7+ Kxf7 31. Tf1 Ke6

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Beginn eines Königsmarsches, der idealerweise bis nach b4/b3 führt, um dort den weißen Damenflügel einzusammeln.

32. Tfe1 Kf6 33. Tf1 Ke6 34. Tfe1 Kd6

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35. Te3?

(35. Nb5+ schickt den König zurück auf die d-Linie, denn nach 35…Kc5?! 36. b4+! Kxb4 37.Tb2+ muss Schwarz entweder eine Qualität geben, oder sein König wird vom weißen Figurentrio dauerhaft belästigt.)

35… Kc6 36. Sb5 Te7 37. g4 Ld3 38. Sc3 Lc4 39. Tc1 Kb7 40. Te4 Td4

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Mit Erreichen der Zeitkontrolle steht Schwarz auf Gewinn. Am Damenflügel wird Weiß bald einen zweiten Bauern verlieren.

41. Kg1 Lb3 42. Kf2 Td2+ 43. Te2 Tf7+ 44. Ke3 Td4 45. Sb5 Tdd7 46. Sc3 Tf4 47. Td2 Tfd4 48. Tf2 Lxa4 49. Tf6 Lc6

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Weiß gab auf.

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Ausruhen oder Aufwärmen? Was Carlsen und Caruana von Blübaum und Meier lernen können

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American hero: Fabiano Caruana nach dem Gewinn des Kandidatenturniers

Wie dosieren wir unsere Praxis vor einem wichtigen Turnier? Einerseits wollen wir ja nicht eingerostet ans Brett gehen, andererseits nicht ausgepowert. Magnus Carlsen und Fabiano Caruana bereiten sich in dieser Hinsicht sehr unterschiedlich auf ihr WM-Match im November vor.

Der Weltmeister hat sich seinen Terminkalender bis zur Titelverteidigung randvoll gepackt. Bei vier großen Turnieren (Grenke, Shamkir, Norway, Biel) hat er zugesagt. Wahrscheinlich wird er im Oktober die Europäische Mannschaftsmeisterschaft spielen; außerdem dürfte es ihm schwer fallen, die norwegische Nationalmannschaft bei der Schacholympiade Ende September in Georgien im Stich zu lassen. Carlsen wird im Lauf des Jahres so oft am Brett sitzen, dass kaum Zeit bleibt für ein mehrwöchiges Trainingslager zur WM-Vorbereitung, geschweige denn für etwas Urlaub.

Caruanas Pläne sind nicht so transparent, was damit zusammenhängen mag, dass er bis November längere Auszeiten einplant. Direkt nach dem Kandidatenturnier schwärmte der Amerikaner von seinem Trainingslager in Miami, das eine ideale Vorbereitung gewesen sei. Wahrscheinlich schwebt ihm für das WM-Match ein ähnliches Modell vor.

Schafft Blübaum den Durchbruch zur Weltklasse? Jetzt wäre eine gute Gelegenheit.

So oder so, schon Ostern werden Weltmeister und Herausforderer beim Grenke Classic in Karlsruhe antreten, gleich in der ersten Runde am Samstag. Abseits ihrer Partien können C&C am Beispiel der beiden deutschen Teilnehmer studieren, welches Maß an Praxis zur Vorbereitung taugt.

Matthias Blübaum hat sich vor Karlsruhe eine Auszeit genommen, für Georg Meier ist das Grenke Classic das Finale eines Schach-Marathons.

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Matthias Blübaum

Blübaum hat zugunsten des Karlsruher Turniers auf die jüngst beendete Europameisterschaft verzichtet und damit auf die Chance, sich für den hoch dotierten World Cup zu qualifizieren. Seit dem Tata-Steel-Turnier in Januar hat er sich auf die Vorbereitung fokussiert, um in Karlsruhe im Feld der Weltklassespieler zu bestehen.

Als Jugendlicher war Blübaum  selbst Weltklasse, stets ganz oben in den Ranglisten seiner Altersgenossen platziert. Im April wird Blübaum 21, sein Elo stagniert seit einem Jahr, und der Begriff „Talent“ hat sich bald verbraucht. Wenn noch ein Durchbruch Richtung 2.700 und darüber hinaus kommen soll, dann ist es an der Zeit. Ein Turnier als Elo-Außenseiter gegen Carlsen, Caruana, Aronian wäre eine treffliche Gelegenheit, neu durchzustarten.

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Georg Meier

Georg Meier (30) ist als Großmeister mal knapp dies-, mal knapp jenseits der Top 100 etabliert. „Georg is a serious guy“, sagte Magnus Carlsen neulich über den Deutschen, als der ihn bei einem Online-Mannschaftsturnier beharkte – eine Respektsbekundung.

Meier hat als Vorbereitung zum Grenke-Turnier die Praxis vorgezogen. Erst elf Runden bei der Europameisterschaft auf der Jagd nach dem World-Cup-Ticket, von dort direkt nach Karlsruhe und neun weitere knüppelharte Partien gegen Weltklassespieler.

Beim Grenke Classic wird sich zeigen, ob der ausgeruhte Blübaum oder der  aufgewärmte Meier eher von ihrer Vorbereitung profitieren. Vielleicht ziehen die WM-Kontrahenten Schlüsse daraus.

Verpatzte Generalprobe mit der Leib- und Magen-Eröffnung

Als gutes Omen kann Meier den Verlauf der Europameisterschaft deuten, wenn denn das alte Sprichwort zutrifft, dass auf eine verpatzte Generalprobe stets eine gelungene Premiere folgt. 12 Elo-Punkte ließ Meier in Georgien und war schon zur Mitte des Turniers mehr oder weniger raus aus dem Rennen um die World-Cup-Plätze.

Stellvertretend für seine enttäuschende Performance steht eine Niederlage, die Meier in der vorletzten Runde ereilte. Nicht nur nahm sein Gegner eine Anleihe bei Vladimir Kramniks …Tg8 aus dem Kandidatenturnier, obendrein erwischte es Meier in der Rubinstein-Variante des Französischen, der Eröffnung, als deren führender Experte er gilt.

Semen Lomasov – Georg Meier, Europameisterschaft Batumi 2018

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Die Rochaden zu verschiedenen Seiten kündigen schon an, dass es mittelfristig scharf zugehen wird. Wahrscheinlich wird sich ein Wettrennen um den Skalp des gegnerischen Königs ergeben.

Der Ukrainer Vassily Iwantschuk hat in dieser Stellung vor fünf Jahren erst einmal seinen König in Sicherheit gebracht, 13. Kb1. Aber da kannte er ja auch noch nicht die Partie Aronian – Kramnik aus Berlin 2018.

In Meiers Partie meldete der Weiße mit 13.Thg1 à la Kramnik unmittelbar Ambitionen in Richtung schwarzer König an. g4 nebst Mattangriff soll folgen. Aber nach 13… Sd7

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…zog Weiß 14.Lg3. Das sieht putzig aus, blockiert es doch den g-Bauern, der sich gerade erst zum Vormarsch bereit gemacht hat. Aber auf f4 wird der Läufer viel wirksamer aufgestellt sein, um den kommenden Angriff zu unterstützen. Außerdem steht Weiß etwas freier, hat etwas mehr Raum, also hält er Material auf dem Brett, um der auf drei Reihen zusammengepressten schwarzen Armee nicht die Koordination zu erleichtern.

Nach 14… a6 15.Kb1 b5 16. Lf4 Ld5 17.g4

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rollte Weiß los, und Meier wusste sich nicht anders zu helfen, als sich per 17… g5 der weißen Attacke entgegenzustemmen. Das lockert freilich die schwarze Königsstellung erheblich, und Schwarz geriet sehr bald in arge Not. 14 Züge später warf Meier das Handtuch. Beim Grenke Classic kann es nur besser werden.

Kasparow zum WM-Match: „Magnus Carlsen ist verwundbar“

5:9 bei 16 Remis, Fabiano Caruanas Bilanz gegen Magnus Carlsen.

„In erster Linie ist das eine kämpferische Bilanz“, sagt der russische Weltranglisten-14. Peter Svidler, der das Kandidatenturnier als gefeierter Kommentator begleitet hat. Caruana habe oft genug gezeigt, dass er Carlsen in Bedrängnis bringen kann. „Und Magnus hat beim WM-Match 2016 gezeigt, dass er verwundbar ist“, assistiert Exweltmeister Gary Kasparow. Die beiden russischen Schachgiganten glauben an Caruanas Chance im Titelmatch gegen den Weltmeister.

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Exweltmeister Gary Kasparow orakelte per Skype auf dem St.-Louis-Schachkanal über Fabiano Caruanas Chancen im WM-Match gegen Magnus Carlsen.

Der heute in erster Linie als politischer Kommentator, Autor und Aktivist tätige Kasparow hat das Kandidatenturnier in Berlin natürlich verfolgt. Caruana habe am solidesten gespielt, Chancen genutzt, wenn sie sich boten, und er habe nach seiner einzigen Niederlage im Turnier mit einem Sieg am nächsten Tag gezeigt, dass er zurückkommen kann. „Eine ganz wichtige Qualität.“

„Caruana ist besser als Karjakin“

Magnus Carlsen werde beim WM-Match der Favorit sein. „Aber Caruana ist besser als Sergej Karjakin, und schon gegen den hatte Carlsen Mühe“, sagt Kasparow.  Caruana müsse sich gewissenhaft vorbereiten, in Topform ins Match gehen, solide und hartnäckig spielen wie jetzt in Berlin und seinen Rhythmus finden. „Dann hat er Chancen.“

Für das amerikanische Schach erwartet Kasparow nach Caruanas Sieg einen weiteren Schub. „Es ist ja nicht mehr wie zu Bobby Fischers Zeiten, als aus der Wüste ein einzelnes Genie erwuchs.“ Caruanas Erfolg stehe stellvertretend für den amerikanischen Schachaufschwung.

Seitdem Mäzen Rex Sinquefield St. Louis zur Schachstadt gemacht hat, ist in den USA einiges in Bewegung. An Schulen und Universitäten blüht der Sport, in der Weltrangliste stehen drei Amerikaner in den Top Ten und zahlreiche Talente dahinter auf dem Sprung. Wenn nun Fabiano Caruana ein gutes WM-Match gegen Carlsen spiele, könne das das US-Schach noch einmal auf ein höheres Level hieven, insbesondere in der öffentlichen Wahrnehmung.

Heimspiel für Caruana gegen Carlsen? US-Schachmäzen will das WM-Match in die USA holen

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Rex Sinquefield

(Finale (?) Aktualisierung, 30. März:

World Chess möchte das Gerücht einer WM-Verlegung aus der Welt haben. Per Twitter garantiert der Schach-Veranstalter der FIDE, dass das Match in London steigt, siehe Tweet am Ende dieses Textes)

Der Milliardär Rex Sinquefield ist das Gesicht des US-amerikanischen Schachaufschwungs, der jetzt zum ersten WM-Match eines Amerikaners seit fast 50 Jahren geführt hat. Seinem Schützling Fabiano Caruana möchte Sinquefield ein Heimspiel gegen Magnus Carlsen verschaffen. „Ergäbe sich eine Gelegenheit, würde ich das Match nach St. Louis holen“, sagte Sinquefield, noch bevor Caruana seine finale Partie und damit das Kandidatenturnier gewonnen hatte.

(Update 28.März: Jetzt taucht das Gerücht, St. Louis wolle London mit einem deutlich höheren Gebot ausstechen, auch auf CBS auf.)

Sein Einfluss darauf, das Match kurzfristig von London in die Schachstadt St. Louis zu verlegen, sei allerdings gering, räumte Sinquefield ein. Der Schachweltverband FIDE und dessen Veranstalter Agon hätten die Rechte. „FIDE und Agon sind jetzt am Zug.“ Er könne nur anbieten, mit Freude einzusteigen, gebe es seitens der Organisatoren ein Signal von der Themse an den Mississippi. Generell mache es ihn überaus glücklich, dass mit Fabiano Caruana endlich wieder ein Amerikaner um den Titel spielt. „Darauf habe ich seit Bobby Fischers Zeiten gewartet.“

„Schach muss endlich professionell organisiert werden.“

Sinquefield machte im Interview auf dem St.-Louis-Schachkanal deutlich, dass er die FIDE eher als Hort des Chaos sieht denn als durchorganisierten Verband. Womöglich breite sich dieses Chaos ja so schnell aus, dass ein neuer Organisator gefunden werden muss. Ihm sei aber eher daran gelegen zu helfen, Dinge in geordnete Bahnen zu führen, anstatt zuzuschauen, wie das organisierte Weltschach implodiert.

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Während Rex Sinquefield dafür warb, das WM-Match nach St. Louis zu holen, sah der US-Schachverband den Wettkampf in London.

„Schach muss endlich professionell organisiert werden“, assistierte Exweltmeister Gary Kasparow. „Rex wäre dafür der Richtige.“ Kasparow verwies auf die desaströse Organisation in Berlin und auf manchen misslichen Umstand, der das WM-Match 2016 in New York begleitet habe. Anzeichen, dass beim WM-Match 2018 auf einmal alles besser wird, sieht Kasparow nicht.

Kasparow: „Von der FIDE, wie sie jetzt ist, sollten wir die Finger lassen.“

Zugleich warnte Kasparow davor, sich mit FIDE/Agon ins selbe Boot zu setzen. Deren Mittel stammten aus zwielichtigen Quellen, dazu die Geldwäsche-Vorwürfe gegen FIDE-Präsident Kirsan Iljumschinow. „Davon sollten wir die Finger lassen.“ Aber würde der Weltverband den Willen zu Reform und Transparenz zeigen und die Hilfe von Sinquefield annehmen, „dann würde ich ein Match Carlsen-Caruana in St. Louis sofort unterstützen“.

Im November 2017 hatte Agon verkündet, dass London den Zuschlag für das WM-Match 2018 bekommen hat. Ein Spielort in der englischen Hauptstadt ist laut Yasser Seirawan/CBS noch nicht gefunden, offizielle Quellen haben bislang stets London genannt, aber sich nie festgelegt, wo in London das Match steigen soll.

Agons Mitteilung von November 2017, das Match sei nach London vergeben, war nach dem Ende des Kandidatenturniers auf der Agon-Seite nicht mehr zu finden. Das kann ein Indiz sein, kann aber auch mit den notorischen Übertragungs- und Webdesign-Problemen von Agon zusammenhängen.

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Vielleicht gibt ja am Ende tatsächlich das Geld den Ausschlag. Für seine bisherigen Veranstaltungen hat Agon bislang stets nur den Minimal-Garantiepreisfonds zusammenkratzen können. Alle Versuche der FIDE-Tochter, Schach-Übertragungen zu monetarisieren, scheiterten derweil krachend; sie führten zu Anwaltskosten statt Einnahmen. Wahrscheinlich ist das Gerücht über die finanziell missliche Lage des Schach-Veranstalters nicht aus der Luft gegriffen.

Würde nun Rex Sinquefield ein substanziell höheres Angebot machen, als es für eine WM in London auf dem Tisch liegt, wer weiß?

Update 29. März:

Vom St. Louis Chess Club gibt es jetzt eine offizielle Stellungnahme:

Update 30. März:

…und dann begegnet uns dieses Facebook-Fundstück von Anfang März, laut dem der Austragungsort in London doch feststeht. Nicht irgendein Ort, sondern das Google-Hauptquartier. Das Team des britischen Schach-Multifunktionärs und -Organisators Malcolm Pein habe diese Information durchsickern lassen.

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Wir haben natürlich nachgefragt. Malcom Peins Kommentar: „Aprilscherz.“

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Laut WorldChess wird es jedenfalls London. Mit dieser getweeteten Garantie will der WM-Veranstalter das Gerücht aus der Welt schaffen:

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