Ausruhen oder Aufwärmen? Was Carlsen und Caruana von Blübaum und Meier lernen können

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American hero: Fabiano Caruana nach dem Gewinn des Kandidatenturniers

Wie dosieren wir unsere Praxis vor einem wichtigen Turnier? Einerseits wollen wir ja nicht eingerostet ans Brett gehen, andererseits nicht ausgepowert. Magnus Carlsen und Fabiano Caruana bereiten sich in dieser Hinsicht sehr unterschiedlich auf ihr WM-Match im November vor.

Der Weltmeister hat sich seinen Terminkalender bis zur Titelverteidigung randvoll gepackt. Bei vier großen Turnieren (Grenke, Shamkir, Norway, Biel) hat er zugesagt. Wahrscheinlich wird er im Oktober die Europäische Mannschaftsmeisterschaft spielen; außerdem dürfte es ihm schwer fallen, die norwegische Nationalmannschaft bei der Schacholympiade Ende September in Georgien im Stich zu lassen. Carlsen wird im Lauf des Jahres so oft am Brett sitzen, dass kaum Zeit bleibt für ein mehrwöchiges Trainingslager zur WM-Vorbereitung, geschweige denn für etwas Urlaub.

Caruanas Pläne sind nicht so transparent, was damit zusammenhängen mag, dass er bis November längere Auszeiten einplant. Direkt nach dem Kandidatenturnier schwärmte der Amerikaner von seinem Trainingslager in Miami, das eine ideale Vorbereitung gewesen sei. Wahrscheinlich schwebt ihm für das WM-Match ein ähnliches Modell vor.

Schafft Blübaum den Durchbruch zur Weltklasse? Jetzt wäre eine gute Gelegenheit.

So oder so, schon Ostern werden Weltmeister und Herausforderer beim Grenke Classic in Karlsruhe antreten, gleich in der ersten Runde am Samstag. Abseits ihrer Partien können C&C am Beispiel der beiden deutschen Teilnehmer studieren, welches Maß an Praxis zur Vorbereitung taugt.

Matthias Blübaum hat sich vor Karlsruhe eine Auszeit genommen, für Georg Meier ist das Grenke Classic das Finale eines Schach-Marathons.

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Matthias Blübaum

Blübaum hat zugunsten des Karlsruher Turniers auf die jüngst beendete Europameisterschaft verzichtet und damit auf die Chance, sich für den hoch dotierten World Cup zu qualifizieren. Seit dem Tata-Steel-Turnier in Januar hat er sich auf die Vorbereitung fokussiert, um in Karlsruhe im Feld der Weltklassespieler zu bestehen.

Als Jugendlicher war Blübaum  selbst Weltklasse, stets ganz oben in den Ranglisten seiner Altersgenossen platziert. Im April wird Blübaum 21, sein Elo stagniert seit einem Jahr, und der Begriff „Talent“ hat sich bald verbraucht. Wenn noch ein Durchbruch Richtung 2.700 und darüber hinaus kommen soll, dann ist es an der Zeit. Ein Turnier als Elo-Außenseiter gegen Carlsen, Caruana, Aronian wäre eine treffliche Gelegenheit, neu durchzustarten.

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Georg Meier

Georg Meier (30) ist als Großmeister mal knapp dies-, mal knapp jenseits der Top 100 etabliert. „Georg is a serious guy“, sagte Magnus Carlsen neulich über den Deutschen, als der ihn bei einem Online-Mannschaftsturnier beharkte – eine Respektsbekundung.

Meier hat als Vorbereitung zum Grenke-Turnier die Praxis vorgezogen. Erst elf Runden bei der Europameisterschaft auf der Jagd nach dem World-Cup-Ticket, von dort direkt nach Karlsruhe und neun weitere knüppelharte Partien gegen Weltklassespieler.

Beim Grenke Classic wird sich zeigen, ob der ausgeruhte Blübaum oder der  aufgewärmte Meier eher von ihrer Vorbereitung profitieren. Vielleicht ziehen die WM-Kontrahenten Schlüsse daraus.

Verpatzte Generalprobe mit der Leib- und Magen-Eröffnung

Als gutes Omen kann Meier den Verlauf der Europameisterschaft deuten, wenn denn das alte Sprichwort zutrifft, dass auf eine verpatzte Generalprobe stets eine gelungene Premiere folgt. 12 Elo-Punkte ließ Meier in Georgien und war schon zur Mitte des Turniers mehr oder weniger raus aus dem Rennen um die World-Cup-Plätze.

Stellvertretend für seine enttäuschende Performance steht eine Niederlage, die Meier in der vorletzten Runde ereilte. Nicht nur nahm sein Gegner eine Anleihe bei Vladimir Kramniks …Tg8 aus dem Kandidatenturnier, obendrein erwischte es Meier in der Rubinstein-Variante des Französischen, der Eröffnung, als deren führender Experte er gilt.

Semen Lomasov – Georg Meier, Europameisterschaft Batumi 2018

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Die Rochaden zu verschiedenen Seiten kündigen schon an, dass es mittelfristig scharf zugehen wird. Wahrscheinlich wird sich ein Wettrennen um den Skalp des gegnerischen Königs ergeben.

Der Ukrainer Vassily Iwantschuk hat in dieser Stellung vor fünf Jahren erst einmal seinen König in Sicherheit gebracht, 13. Kb1. Aber da kannte er ja auch noch nicht die Partie Aronian – Kramnik aus Berlin 2018.

In Meiers Partie meldete der Weiße mit 13.Thg1 à la Kramnik unmittelbar Ambitionen in Richtung schwarzer König an. g4 nebst Mattangriff soll folgen. Aber nach 13… Sd7

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…zog Weiß 14.Lg3. Das sieht putzig aus, blockiert es doch den g-Bauern, der sich gerade erst zum Vormarsch bereit gemacht hat. Aber auf f4 wird der Läufer viel wirksamer aufgestellt sein, um den kommenden Angriff zu unterstützen. Außerdem steht Weiß etwas freier, hat etwas mehr Raum, also hält er Material auf dem Brett, um der auf drei Reihen zusammengepressten schwarzen Armee nicht die Koordination zu erleichtern.

Nach 14… a6 15.Kb1 b5 16. Lf4 Ld5 17.g4

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rollte Weiß los, und Meier wusste sich nicht anders zu helfen, als sich per 17… g5 der weißen Attacke entgegenzustemmen. Das lockert freilich die schwarze Königsstellung erheblich, und Schwarz geriet sehr bald in arge Not. 14 Züge später warf Meier das Handtuch. Beim Grenke Classic kann es nur besser werden.

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Kasparow zum WM-Match: „Magnus Carlsen ist verwundbar“

5:9 bei 16 Remis, Fabiano Caruanas Bilanz gegen Magnus Carlsen.

„In erster Linie ist das eine kämpferische Bilanz“, sagt der russische Weltranglisten-14. Peter Svidler, der das Kandidatenturnier als gefeierter Kommentator begleitet hat. Caruana habe oft genug gezeigt, dass er Carlsen in Bedrängnis bringen kann. „Und Magnus hat beim WM-Match 2016 gezeigt, dass er verwundbar ist“, assistiert Exweltmeister Gary Kasparow. Die beiden russischen Schachgiganten glauben an Caruanas Chance im Titelmatch gegen den Weltmeister.

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Exweltmeister Gary Kasparow orakelte per Skype auf dem St.-Louis-Schachkanal über Fabiano Caruanas Chancen im WM-Match gegen Magnus Carlsen.

Der heute in erster Linie als politischer Kommentator, Autor und Aktivist tätige Kasparow hat das Kandidatenturnier in Berlin natürlich verfolgt. Caruana habe am solidesten gespielt, Chancen genutzt, wenn sie sich boten, und er habe nach seiner einzigen Niederlage im Turnier mit einem Sieg am nächsten Tag gezeigt, dass er zurückkommen kann. „Eine ganz wichtige Qualität.“

„Caruana ist besser als Karjakin“

Magnus Carlsen werde beim WM-Match der Favorit sein. „Aber Caruana ist besser als Sergej Karjakin, und schon gegen den hatte Carlsen Mühe“, sagt Kasparow.  Caruana müsse sich gewissenhaft vorbereiten, in Topform ins Match gehen, solide und hartnäckig spielen wie jetzt in Berlin und seinen Rhythmus finden. „Dann hat er Chancen.“

Für das amerikanische Schach erwartet Kasparow nach Caruanas Sieg einen weiteren Schub. „Es ist ja nicht mehr wie zu Bobby Fischers Zeiten, als aus der Wüste ein einzelnes Genie erwuchs.“ Caruanas Erfolg stehe stellvertretend für den amerikanischen Schachaufschwung.

Seitdem Mäzen Rex Sinquefield St. Louis zur Schachstadt gemacht hat, ist in den USA einiges in Bewegung. An Schulen und Universitäten blüht der Sport, in der Weltrangliste stehen drei Amerikaner in den Top Ten und zahlreiche Talente dahinter auf dem Sprung. Wenn nun Fabiano Caruana ein gutes WM-Match gegen Carlsen spiele, könne das das US-Schach noch einmal auf ein höheres Level hieven, insbesondere in der öffentlichen Wahrnehmung.

Heimspiel für Caruana gegen Carlsen? US-Schachmäzen will das WM-Match in die USA holen

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Rex Sinquefield

(Finale (?) Aktualisierung, 30. März:

World Chess möchte das Gerücht einer WM-Verlegung aus der Welt haben. Per Twitter garantiert der Schach-Veranstalter der FIDE, dass das Match in London steigt, siehe Tweet am Ende dieses Textes)

Der Milliardär Rex Sinquefield ist das Gesicht des US-amerikanischen Schachaufschwungs, der jetzt zum ersten WM-Match eines Amerikaners seit fast 50 Jahren geführt hat. Seinem Schützling Fabiano Caruana möchte Sinquefield ein Heimspiel gegen Magnus Carlsen verschaffen. „Ergäbe sich eine Gelegenheit, würde ich das Match nach St. Louis holen“, sagte Sinquefield, noch bevor Caruana seine finale Partie und damit das Kandidatenturnier gewonnen hatte.

(Update 28.März: Jetzt taucht das Gerücht, St. Louis wolle London mit einem deutlich höheren Gebot ausstechen, auch auf CBS auf.)

Sein Einfluss darauf, das Match kurzfristig von London in die Schachstadt St. Louis zu verlegen, sei allerdings gering, räumte Sinquefield ein. Der Schachweltverband FIDE und dessen Veranstalter Agon hätten die Rechte. „FIDE und Agon sind jetzt am Zug.“ Er könne nur anbieten, mit Freude einzusteigen, gebe es seitens der Organisatoren ein Signal von der Themse an den Mississippi. Generell mache es ihn überaus glücklich, dass mit Fabiano Caruana endlich wieder ein Amerikaner um den Titel spielt. „Darauf habe ich seit Bobby Fischers Zeiten gewartet.“

„Schach muss endlich professionell organisiert werden.“

Sinquefield machte im Interview auf dem St.-Louis-Schachkanal deutlich, dass er die FIDE eher als Hort des Chaos sieht denn als durchorganisierten Verband. Womöglich breite sich dieses Chaos ja so schnell aus, dass ein neuer Organisator gefunden werden muss. Ihm sei aber eher daran gelegen zu helfen, Dinge in geordnete Bahnen zu führen, anstatt zuzuschauen, wie das organisierte Weltschach implodiert.

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Während Rex Sinquefield dafür warb, das WM-Match nach St. Louis zu holen, sah der US-Schachverband den Wettkampf in London.

„Schach muss endlich professionell organisiert werden“, assistierte Exweltmeister Gary Kasparow. „Rex wäre dafür der Richtige.“ Kasparow verwies auf die desaströse Organisation in Berlin und auf manchen misslichen Umstand, der das WM-Match 2016 in New York begleitet habe. Anzeichen, dass beim WM-Match 2018 auf einmal alles besser wird, sieht Kasparow nicht.

Kasparow: „Von der FIDE, wie sie jetzt ist, sollten wir die Finger lassen.“

Zugleich warnte Kasparow davor, sich mit FIDE/Agon ins selbe Boot zu setzen. Deren Mittel stammten aus zwielichtigen Quellen, dazu die Geldwäsche-Vorwürfe gegen FIDE-Präsident Kirsan Iljumschinow. „Davon sollten wir die Finger lassen.“ Aber würde der Weltverband den Willen zu Reform und Transparenz zeigen und die Hilfe von Sinquefield annehmen, „dann würde ich ein Match Carlsen-Caruana in St. Louis sofort unterstützen“.

Im November 2017 hatte Agon verkündet, dass London den Zuschlag für das WM-Match 2018 bekommen hat. Ein Spielort in der englischen Hauptstadt ist laut Yasser Seirawan/CBS noch nicht gefunden, offizielle Quellen haben bislang stets London genannt, aber sich nie festgelegt, wo in London das Match steigen soll.

Agons Mitteilung von November 2017, das Match sei nach London vergeben, war nach dem Ende des Kandidatenturniers auf der Agon-Seite nicht mehr zu finden. Das kann ein Indiz sein, kann aber auch mit den notorischen Übertragungs- und Webdesign-Problemen von Agon zusammenhängen.

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Vielleicht gibt ja am Ende tatsächlich das Geld den Ausschlag. Für seine bisherigen Veranstaltungen hat Agon bislang stets nur den Minimal-Garantiepreisfonds zusammenkratzen können. Alle Versuche der FIDE-Tochter, Schach-Übertragungen zu monetarisieren, scheiterten derweil krachend; sie führten zu Anwaltskosten statt Einnahmen. Wahrscheinlich ist das Gerücht über die finanziell missliche Lage des Schach-Veranstalters nicht aus der Luft gegriffen.

Würde nun Rex Sinquefield ein substanziell höheres Angebot machen, als es für eine WM in London auf dem Tisch liegt, wer weiß?

Update 29. März:

Vom St. Louis Chess Club gibt es jetzt eine offizielle Stellungnahme:

Update 30. März:

…und dann begegnet uns dieses Facebook-Fundstück von Anfang März, laut dem der Austragungsort in London doch feststeht. Nicht irgendein Ort, sondern das Google-Hauptquartier. Das Team des britischen Schach-Multifunktionärs und -Organisators Malcolm Pein habe diese Information durchsickern lassen.

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Wir haben natürlich nachgefragt. Malcom Peins Kommentar: „Aprilscherz.“

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Laut WorldChess wird es jedenfalls London. Mit dieser getweeteten Garantie will der WM-Veranstalter das Gerücht aus der Welt schaffen:

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Schach-Weltmeisterschaft 2020 in Wien?

Für das Schach in deutschsprachigen Landen wäre es nach der Schnell- und Blitzschach-WM in Berlin und dem Kandidatenturnier in Berlin ein weiterer Coup binnen weniger Jahre und für den Österreichischen Schachbund ein tolles Geschenk zum 100-jährigen Bestehen. Die Schach-Weltmeisterschaft 2020 soll in Wien stattfinden, jedenfalls wenn es nach Christian Hursky geht.

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Christian Hursky, Präsident des Österreichischen Schachbunds.

Der Präsident des Österreichischen Schachbundes hat schon begonnen, für seine Pläne zu trommeln. Erst steckte er der Kronen-Zeitung die Geschichte um Wiens Bewerbung, dann machte er sich auf nach Berlin zum Kandidatenturnier, um mit Agon-Chef Ilya Merenzon zu sondieren, wie sich die WM 2020 in die österreichische Hauptstadt holen lässt. Will Wien den Zuschlag bekommen, führt der Weg dahin nur über die Veranstaltungsgesellschaft des Schach-Weltverbands FIDE und deren Chef.

In seiner österreichischen Heimat ist Hursky bestens vernetzt, im Schach und darüber hinaus. Der SPÖ-Politiker hat in den vergangenen Dekaden manches öffentliche Amt bekleidet. Aktuell sitzt er im Wiener Gemeinderat und im Landtag. 2008 bis 2017 war er obendrein Präsident des Wiener Schachverbandes, und seit Mitte 2017 führt er den österreichischen Schachbund, der im Jahr 2020 sein 100-jähriges Bestehen angemessen feiern will. Eine Schach-WM 2020 in Wien wäre laut Hursky „ein Impuls für den heimischen Schachsport und beste Werbung für die Stadt“.

Wien ist in der Tat eine Stadt mit großer Schachtradition, aber deren Blüte fällt in die Zeit der Schach-Kaffeehäuser im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert. Auch ein WM-Match hat es in Wien schon gegeben, ein bis heute diskutiertes: 1910 verteidigte der Deutsche Emanuel Lasker seinen Titel gegen den Österreicher Carl Schlechter.

Wien war Schauplatz der ersten Hälfte des Matches, Berlin der der zweiten. Lasker lag bis zur letzten Partie zurück. Die finale Begegnung gewann der Weltmeister nach einigen Ungereimtheiten. Damit stand das Match unentschieden, und Lasker blieb Weltmeister (und das bis 1921).

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Schach in Österreich sieht übrigens so aus: Blick auf das Vienna Open, ausgetragen im Wiener Rathaus, das auch Schauplatz des WM-Matches 2020 werden könnte.

Massaker des Übermüdeten: Magnus Carlsen fegt Ding Liren vom Brett

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Müder Krieger: Ding Liren (Foto: Lennart Ootes)

Wen würde der Jetlag am wenigsten plagen? Die Antwort auf diese Frage sollte entscheidende Bedeutung für den Ausgang des „Champions Showdowns“ zwischen Weltmeister Magnus Carlsen und dem WM-Kandidaten Ding Liren haben. Von einer Simultanvorstellung im fernen Deutschland war der Norweger in St. Louis angereist, aus seiner fernöstlichen Heimat der Chinese.

30 Partien Schnell- und Blitzschach galt es auszufechten und 100.000 Dollar Preisgeld zu verteilen, 60.0000 für den Sieger, 40.000 für den Verlierer. Wer würde dafür nicht gerne seinen Biorhythmus durcheinanderbringen?

Zeitzonen-Hopping

Natürlich war der begnadete Schnell- und Blitzschachspieler Carlsen favorisiert, aber längst nicht so klar, wie es am Ende ausging. Mit 67:25 fegte er den kaum weniger begnadeten Chinesen vom Brett. Vergleichsweise am besten kam Ding Liren beim Blitzschach am letzten Spieltag davon, dem ersten Tag, an dem es ihm gelungen war, bis sieben Uhr zu schlafen, anstatt schon um vier hellwach durchs Hotel zu geistern.

Gerade hatte er seinen Jetlag besiegt, da musste Ding Liren schon wieder Zeitzonen-Hopping betreiben, um pünktlich beim Grand Prix in Palma de Mallorca am Brett zu sitzen. Das Grand-Prix-Finale, bei dem die letzten beiden Plätze fürs Kandidatenturnier ausgespielt werden, dürfte trotz neuer Müdigkeit ein weitaus entspannteres Turnier für den Chinesen werden als der Wettkampf in St. Louis: Auf Mallorca wird ihm Magnus Carlsen garantiert nicht begegnen, und seinen Kandidatenstatus hat er schon sicher.

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Siegbert Tarrasch

Amüsant anzuschauen war das Ding-Massaker in der US-Schachhauptstadt allemal, aber ohne sportliche Aussagekraft. Mit im Laufe des Wettkampfs sukzessiv verkürzter Bedenkzeit unterliefen beiden Kontrahenten reihenweise Überseher, die manche Partie zu einem Würfelspiel mit gewaltigen Ausschlägen mal in die eine, mal in die andere Richtung machte.

„Sitzt auf euren Händen“, hat einst der gestrenge Schachlehrmeister Siegbert Tarrasch seinen Schülern als Rezept empfohlen, um Voreiligkeiten zu vermeiden, automatisch erscheinende Züge zum Beispiel, die sich erst beim zweiten Hinsehen als Fehler entpuppen.

So wie dieser:

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Ding Liren hat gerade auf e1 einen weißen Turm herausgeklopft, und Carlsen schlug automatisch sofort zurück. Hätte er auf seinen Händen gesessen, wäre seine Bedenkzeit längst abgelaufen gewesen ihm aufgefallen, dass stattdessen 25.Kg2 oder 25.Kh2 gewinnt.