Eine Figur weniger trotz ausgeglichenem Material – das geht (II)

Beim Kandidatenturnier in Berlin haben wir gesehen, dass der typische eingesperrte Läufer auf g3 (oder g6) gelegentlich ein Spiegelbild wirft. In seiner Partie gegen Fabiano Caruana, einer der zentralen Partien des Turniers, plagte sich Vladimir Kramnik mit einem potenziell eingesperrten Läufer auf b3 herum.

Vladimir Kramnik – Fabiano Caruana, Kandidatenturnier Berlin 2018

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Schwarz am Zug

Könnte Schwarz in dieser Stellung zwei Züge auf einmal ausführen, er würde natürlich …d6-d5 und …b7-b5 ziehen. Der Lb3 wäre fortan eingesperrt, fände keinen Weg aus seinem Gefängnis, und Weiß müsste die Partie mit einer Figur weniger bestreiten.

Aber Schwarz darf nur einen Zug machen, und für den Moment muss er sich mit der kräftigen positionellen Drohung Sd2-e4 auseinandersetzen. …d6-d5 würde das parieren und zugleich den rückständigen Bauern auf d6 auflösen. Aber Weiß könnte sich sogleich mit c3-c4 befreien und stünde etwas angenehmer.

Caruana entschied sich stattdessen für …Lc8-f5, was eine Figur entwickelt und ebenfalls die weiße Option Sd2-e4 aus der Stellung nimmt.

Die Drohung, …d5 und …b5 bleibt ja als Motiv erhalten. Auch wenn sie nicht aufs Brett kam, bestimmte sie doch den weiteren Verlauf der Partie. Erst schob Kramnik dieser Drohung mit c3-c4 früher als nötig einen Riegel vor, sperrte aber damit selbst seinen Läufer ein. Wenig später folgte ungestüm c4-c5, mit dem der Weiße Brücken hinter sich abbrach, zwischenzeitlich dennoch auf Gewinn stand, aber nach dramatischem Verlauf am Ende verlor.

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Am Ende stand der auf b3 eingesperrte Läufer sogar noch auf dem Brett (auf d3), während Vladimir Kramnik angezählt über dem Tisch hing. Der Wendepunkt des Kandidatenturniers.

Anstatt mit 3,5/4 zu starten und das Kandidatenturnier von Beginn an zu dominieren, war das ein arger Rückschlag für Vladimir Kramnik, der damit zudem Fabiano Caruana in die Spur geholfen hatte. Kramnik suchte in der Folge in jeder Partie in erster Linie eine wilde Prügelei, während Caruana seine gegen Kramnik errungene Tabellenführung bis zum Schluss nicht mehr abgab und nun Magnus Carlsen herausfordern darf.

1.200 Elopunkte unter und vier Wochen nach diesen beiden hatte am Bodensee ein eingesperrter Läufer auf g3 zentrale Bedeutung. Des Schwarzen Kollege am Nachbarbrett stand auf Gewinn, und würde nun hier der Schwarze die richtige Fortsetzung finden, dann wäre der Drops schon beinahe gelutscht.

Antwort 65

Klaus Grensing – Roland Streit, Überlingen 2018

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Der Lg3 ist nicht nur eingesperrt, Schwarz kann obendrein danach trachten, ihn unmittelbar einzusammeln: …h6-h5-h4 mit Läuferfang liegt in der Luft. Der einzige Weg für Weiß, das zu verhindern, ist h2-h4. Aber das wiederum kann Schwarz verhindern, indem er den h-Bauern blockiert.

1…Lg4-h3! mit der Idee …h6-h5-h4 ist der richtige Zug.

Die Angelegenheit ist nicht trivial, weil der Weiße zum Beispiel mit Ld5xb7-c6+ dazwischenfunken oder d3-d4 mit Tempo probieren kann. Aber wie der Weiße sich auch dreht und wendet, wie lange er das Unheil am Königsflügel auch hinauszögert, am Ende wird das Pendel zugunsten des Schwarzen ausschlagen.

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Ausruhen oder Aufwärmen? Was Carlsen und Caruana von Blübaum und Meier lernen können

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American hero: Fabiano Caruana nach dem Gewinn des Kandidatenturniers

Wie dosieren wir unsere Praxis vor einem wichtigen Turnier? Einerseits wollen wir ja nicht eingerostet ans Brett gehen, andererseits nicht ausgepowert. Magnus Carlsen und Fabiano Caruana bereiten sich in dieser Hinsicht sehr unterschiedlich auf ihr WM-Match im November vor.

Der Weltmeister hat sich seinen Terminkalender bis zur Titelverteidigung randvoll gepackt. Bei vier großen Turnieren (Grenke, Shamkir, Norway, Biel) hat er zugesagt. Wahrscheinlich wird er im Oktober die Europäische Mannschaftsmeisterschaft spielen; außerdem dürfte es ihm schwer fallen, die norwegische Nationalmannschaft bei der Schacholympiade Ende September in Georgien im Stich zu lassen. Carlsen wird im Lauf des Jahres so oft am Brett sitzen, dass kaum Zeit bleibt für ein mehrwöchiges Trainingslager zur WM-Vorbereitung, geschweige denn für etwas Urlaub.

Caruanas Pläne sind nicht so transparent, was damit zusammenhängen mag, dass er bis November längere Auszeiten einplant. Direkt nach dem Kandidatenturnier schwärmte der Amerikaner von seinem Trainingslager in Miami, das eine ideale Vorbereitung gewesen sei. Wahrscheinlich schwebt ihm für das WM-Match ein ähnliches Modell vor.

Schafft Blübaum den Durchbruch zur Weltklasse? Jetzt wäre eine gute Gelegenheit.

So oder so, schon Ostern werden Weltmeister und Herausforderer beim Grenke Classic in Karlsruhe antreten, gleich in der ersten Runde am Samstag. Abseits ihrer Partien können C&C am Beispiel der beiden deutschen Teilnehmer studieren, welches Maß an Praxis zur Vorbereitung taugt.

Matthias Blübaum hat sich vor Karlsruhe eine Auszeit genommen, für Georg Meier ist das Grenke Classic das Finale eines Schach-Marathons.

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Matthias Blübaum

Blübaum hat zugunsten des Karlsruher Turniers auf die jüngst beendete Europameisterschaft verzichtet und damit auf die Chance, sich für den hoch dotierten World Cup zu qualifizieren. Seit dem Tata-Steel-Turnier in Januar hat er sich auf die Vorbereitung fokussiert, um in Karlsruhe im Feld der Weltklassespieler zu bestehen.

Als Jugendlicher war Blübaum  selbst Weltklasse, stets ganz oben in den Ranglisten seiner Altersgenossen platziert. Im April wird Blübaum 21, sein Elo stagniert seit einem Jahr, und der Begriff „Talent“ hat sich bald verbraucht. Wenn noch ein Durchbruch Richtung 2.700 und darüber hinaus kommen soll, dann ist es an der Zeit. Ein Turnier als Elo-Außenseiter gegen Carlsen, Caruana, Aronian wäre eine treffliche Gelegenheit, neu durchzustarten.

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Georg Meier

Georg Meier (30) ist als Großmeister mal knapp dies-, mal knapp jenseits der Top 100 etabliert. „Georg is a serious guy“, sagte Magnus Carlsen neulich über den Deutschen, als der ihn bei einem Online-Mannschaftsturnier beharkte – eine Respektsbekundung.

Meier hat als Vorbereitung zum Grenke-Turnier die Praxis vorgezogen. Erst elf Runden bei der Europameisterschaft auf der Jagd nach dem World-Cup-Ticket, von dort direkt nach Karlsruhe und neun weitere knüppelharte Partien gegen Weltklassespieler.

Beim Grenke Classic wird sich zeigen, ob der ausgeruhte Blübaum oder der  aufgewärmte Meier eher von ihrer Vorbereitung profitieren. Vielleicht ziehen die WM-Kontrahenten Schlüsse daraus.

Verpatzte Generalprobe mit der Leib- und Magen-Eröffnung

Als gutes Omen kann Meier den Verlauf der Europameisterschaft deuten, wenn denn das alte Sprichwort zutrifft, dass auf eine verpatzte Generalprobe stets eine gelungene Premiere folgt. 12 Elo-Punkte ließ Meier in Georgien und war schon zur Mitte des Turniers mehr oder weniger raus aus dem Rennen um die World-Cup-Plätze.

Stellvertretend für seine enttäuschende Performance steht eine Niederlage, die Meier in der vorletzten Runde ereilte. Nicht nur nahm sein Gegner eine Anleihe bei Vladimir Kramniks …Tg8 aus dem Kandidatenturnier, obendrein erwischte es Meier in der Rubinstein-Variante des Französischen, der Eröffnung, als deren führender Experte er gilt.

Semen Lomasov – Georg Meier, Europameisterschaft Batumi 2018

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Die Rochaden zu verschiedenen Seiten kündigen schon an, dass es mittelfristig scharf zugehen wird. Wahrscheinlich wird sich ein Wettrennen um den Skalp des gegnerischen Königs ergeben.

Der Ukrainer Vassily Iwantschuk hat in dieser Stellung vor fünf Jahren erst einmal seinen König in Sicherheit gebracht, 13. Kb1. Aber da kannte er ja auch noch nicht die Partie Aronian – Kramnik aus Berlin 2018.

In Meiers Partie meldete der Weiße mit 13.Thg1 à la Kramnik unmittelbar Ambitionen in Richtung schwarzer König an. g4 nebst Mattangriff soll folgen. Aber nach 13… Sd7

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…zog Weiß 14.Lg3. Das sieht putzig aus, blockiert es doch den g-Bauern, der sich gerade erst zum Vormarsch bereit gemacht hat. Aber auf f4 wird der Läufer viel wirksamer aufgestellt sein, um den kommenden Angriff zu unterstützen. Außerdem steht Weiß etwas freier, hat etwas mehr Raum, also hält er Material auf dem Brett, um der auf drei Reihen zusammengepressten schwarzen Armee nicht die Koordination zu erleichtern.

Nach 14… a6 15.Kb1 b5 16. Lf4 Ld5 17.g4

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rollte Weiß los, und Meier wusste sich nicht anders zu helfen, als sich per 17… g5 der weißen Attacke entgegenzustemmen. Das lockert freilich die schwarze Königsstellung erheblich, und Schwarz geriet sehr bald in arge Not. 14 Züge später warf Meier das Handtuch. Beim Grenke Classic kann es nur besser werden.

EM-Splitter: Berliner Mauer aus Pappe

Als Gary Kasparow im Jahr 2000 seinen Weltmeistertitel gegen Vladimir Kramnik verteidigte, überraschte ihn Kramnik mit der Berliner Mauer, einem System der Spanischen Eröffnung, das bis dahin als nicht ganz vollwertig galt. Wieder und wieder hämmerte Kasparow seinen Schädel gegen die Kramniksche Mauer, bis es zu spät war. Eine blutige Nase holte er sich, einen vollen Punkt nicht, und am Ende war der Titel weg.

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GM Deac

Seitdem gilt die Berliner Verteidigung 3… Sg8-f6 in der Spanischen Partie als beinahe unerschütterlich. Fast jeder Weltklassespieler hat sie in seinem Eröffnungsrepertoire gegen 1.e2-e4.

Bei der Europameisterschaft gelang es dem rumänischen Großmeister Bogdan-Daniel Deac jetzt, diese solideste aller Eröffnungen zu spielen und nach zehn Zügen auf Verlust zu stehen. Die Schuld dafür muss er bei sich selbst suchen.

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GM Guseinov

Sein Gegner, der aserbaidschanische Großmeister Gadir Guseinov, pflegt gegen die Berliner Verteidigung eine seltene Nebenvariante zu spielen. Selten ist die, weil sie für Weiß für nicht zu viel führt, wenn der Schwarze weiß, was er tut.

Deac wusste es nicht. Wäre er vorbereitet gewesen, hätte er gesehen, dass Guseinov gerne das seltene 6. dxe5 spielt, und er hätte sich für die Partie gewappnet. So aber saß er ahnungslos am Brett, konnte Guseinovs Nebenvariante auf eigene Faust nicht den Zahn ziehen, und würde dafür bitter bestraft.

Gadir Guseinov – Bogdan-Daniel Deac, Europameisterschaft Batumi 2018

1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lb5 Sf6

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Berlin, Berlin…

4. O-O Sxe4 5. d4 Sd6 

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6. dxe5

Statt dem fast automatischen 6.Lxc6 usw. eine nicht ungiftige Nebenvariante und nebenbei eine Spezialität von Guseinov. Ein Blick in die Datenbank, und Deac hätte ahnen können, was auf ihn zukommt, wenn er gegen Guseinov Berliner Luft schnuppern will.

6… Sxb5 7. a4

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…und der Sb5 hat keine Felder mehr.

7…Sd6? 

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Variante nach 7…Sbd4

(7… Sbd4 8. Sxd4 Sxd4 9. Dxd4 d5 10. exd6 Dxd6 wäre in Ordnung für Schwarz: Werden die Damen getauscht, hat der Nachziehende dank seines Läuferpaars unmittelbar ein angenehmes Endspiel auf dem Brett. Werden sie nicht getauscht, kann Weiß ihn nicht an der Rochade hindern. Die symmetrische Struktur stellt sicher, dass nicht viel los ist, und das Läuferpaar, dass Schwarz sogar etwas besser steht, sobald er mobilisiert hat.)

8. Lg5!

(Vielleicht hatte sich Deac auf 8. exd6 Bxd6 9. Re1+ Be7 nebst …0-0 und gutem Spiel für Schwarz verlassen. Mit dieser Fehleinschätzung ist er nicht allein. Auch Elo-2.700-GM Arkadij Naiditsch hat 8.Lg5 schon übersehen/unterschätzt.)

8… f6

(8… Be7 9. exd6 ist nicht schön für Schwarz. Die Partiefortsetzung mag allerdings noch weniger schön sein.)

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9. Te1!

Die Pointe von 8.Lg5. Vielleicht hatte Deac auch 8…f6 als günstig eingeschätzt, aber diese Möglichkeit übersehen.

(Nach 9. exd6?! Lxd6 10.Te1+ Le7 kann Weiß mit 11. Dd5 zwar auf Kompensation pochen, aber Schwarz spielt 11…d6 (jetzt hängt der Lg5), danach z.B …Se5 und …c6 und wird sich befreien. 11… fxg5? 12. Sxg5 gibt Weiß riesigen Angriff.)

9… Sxe5? 

(9… Le7 10. exd6 cxd6 11. Lf4 Se5 geschah in Horvath-Naiditsch, Mainz 2009, und Schwarz stand schlecht, aber zumindest lebte er noch.)

10. Sxe5

Weiß steht nach zehn gespielten Zügen auf Gewinn. Das Abzugsschach Sc6+ und Dh5+ drohen tödlich.

10… Le7

Allerdings muss der Weiße jetzt noch die entscheidende Kombination finden.

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11. Lxf6! gxf6 12. Dh5+ Kf8

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13. Sg6+! hxg6 14. Dxh8+ Kf7 15. Dh7+ Kf8

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Materiell steht es etwa ausgeglichen, aber der weiße Angriff ist überwältigend. Während die schwarzen Figuren hilflos eingesperrt im Abseits kauern, kann Weiß sofort weitere Kräfte an den schwarzen König heranführen. Am kräftigsten wäre 16.Sc3 nebst entweder 17.Sd5 oder 16…c6 17.Se2 nebst Sf4, und Schwarz ist erledigt. Guseinov entscheidet sich
stattdessen für einen Turmschwenk, das geht auch, ist aber mit mehr Arbeit verbunden.

16. Ta3 Sf7 17. Tae3

(besser wäre 17. Tg3 g5 18. f4 mit Gewinnstellung)

17… Lb4 18. c3

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18… Ld6

Deac will die erst e-Linie verschließen, danach …d5 spielen.

(18…Lc5 19. Th3 d5 20. Dh8+ Sxh8 21. Txh8+ Kf7 22. Txd8 ergibt ein verlorenes
Endspiel.)

19. Th3 Le5 20. Dxg6 d5 21. Th7 Le6

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22. f4 und Schwarz gab auf.

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Kandidaten-Schlaglicht (I): Kramniks Neuerung …Th8-g8

Levon Aronian – Vladimir Kramnik, Kandidatenturnier Berlin 2018, 3. Runde

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Die Stellung sieht aus, als sei nicht viel los. Inmitten der Eröffnung müssen beide Seiten noch jede Menge Figuren entwickeln. Schwarz wird wahrscheinlich bald rochieren, und dann folgt eine langwierige, strategiegeprägte Positionspartie mit einer typischen Struktur, wie sie im Spanischen häufig entsteht, nachdem Lb5xc6 und …d7xc6 gespielt worden ist. Die Kommentatoren weit und breit schauten erstmal auf die anderen Bretter, als die Partien der dritten Runde wenige Minuten alt waren. Kramnik-Aronian würde sich ja noch hinziehen.

Aus Erstaunen wurde Einsicht

Dann griff Vladimir Kramnik zu seinem Turm auf h8 und zog ihn ganz unscheinbar ein Feld weiter, nach g8. Was, bitte, ist das?

Die anfängliche Belustigung („wahrscheinlich wollte er kurz rochieren und hat aus Versehen zuerst den Turm angefasst“) wandelte sich erst in Erstaunen über ein kühnes Konzept, dann in Einsicht, dass hier ein ganz Großer des Sports die Stellung schlicht besser versteht als alle Beobachter.

Sehr bald stellte sich die Frage, wie sich Levon Aronian eigentlich retten soll. Kramnik hatte ja alles andere als subtil angekündigt, dass er sich nun auf die weiße Königsstellung stürzen wird. Th8-g8 kündigt in aller Deutlichkeit g7-g5 und den folgenden Angriff an, aber der entwickelt sich nicht von jetzt auf gleich. Die Truppen müssen erst voranmarschieren, das sollte dem Weißen Zeit geben, sich auf den Sturm vorzubereiten. Aronian grübelte und grübelte, einen Weg aus der Misere fand er nicht.

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Anish Giri

Tatsächlich steht Schwarz nach Kramniks …Th8-g8 schon besser. Der russische Exweltmeister sagte nach seinem Glanzsieg, er habe diese Neuerung schon seit einigen Jahren in der Pipeline, und glücklicherweise habe sich nun bei einer derart wichtigen Partie die Gelegenheit ergeben, sie aufs Brett zu bringen. Glück war es in der Tat, dass Aronian mit 1.e2-e4 eröffnet hat, denn das tut er höchst selten.

Aber ob wir Kramnik den Rest der Geschichte glauben können? Vladimir Kramnik hat als Sekundant ja den jungen niederländischen Großmeister Anish Giri an seiner Seite, selbst ein Weltklassespieler aus der 2.750+-Liga. Und von dem ist bekannt, dass er gewissenhaft Fernschachpartien studiert. Bei seinen Studien hätte dieses auf seinem Bildschirm auftauchen können:

Ein Blick in die aktuelle Fernschachdatenbank von Chessbase zeigt, dass im Fernschach der Zug 7…Th8-g8 schon gespielt wurde.

Tatsächlich ist Kramniks Neuerung nicht unbekannt, wenngleich sie im Nahschach noch nie gespielt wurde. Im Fernschach, wo Mensch und Maschine gemeinsam deutlich besser spielen als beide Spezies das alleine könnten, hat …Tg8 den Schwarzen schon wertvolle Dienste geleistet. Auf Twitter wurde Anish Giri mit einem Mal hyperaktiv, als sein Chef den Zug aufs Brett stellte – und seinen Gegner vor eine kaum lösbare Aufgabe.

Schade, MVL

Ende 2018 wird Magnus Carlsen seinen Weltmeistertitel verteidigen. Gegen wen, das klären acht potenzielle Herausforderer Anfang 2018 beim Kandidatenturnier in Berlin. Seit diesem Wochenende steht das Achterfeld fest. Einer, der Magnus ernsthaft in Schwierigkeiten bringen könnte, wird nicht dabei sein. Beim Grand-Prix-Turnier in Palma de Mallorca verpasste der Franzose Maxime Vachier-Lagrave seine letzte Chance, noch auf den Kandidatenzug aufzuspringen.

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Stets kompromisslos: Der französische Großmeister Maxime Vachier-Lagrave kann frühestens 2020 Schachweltmeister werden. (Foto: Le Parisien)

Schade eigentlich. Mut und Angriffslust kennzeichnen MVLs Spiel. Der abseits des Brettes scheue Franzose hätte das Kandidatenturnier belebt. Aber nun ist auch die vierte und letzte Möglichkeit, sich zu qualifizieren, passé:

  • Für die Qualifikation per Jahres-Durchschnittsrating hat es nicht gereicht, geschuldet einem Formtief in 2015/16, durch das er viele Weltranglistenpunkte verloren hatte und zeitweise sogar aus den Top 10 gerutscht war. Ende 2017 steht MVL wieder ganz oben, aber es zählt halt der Jahresdurchschnitt.
  • Den Ausrichter-Freiplatz bekam nicht er, sondern Ex-Weltmeister Vladimir Kramnik, geschuldet dem russischen Hauptsponsor des Turniers, der, logisch, einen Russen am Brett sehen möchte.
  • Beim World Cup hätte MVL das Finale erreichen müssen, scheiterte aber in einem hart umkämpften und bis zum Schluss auf der Kippe stehenden Halbfinale am Armenier Levon Aronian, dem überragenden Spieler des Jahres 2017.
  • Zu guter Letzt hätte MVL beim finalen Grand-Prix-Turnier mindestens alleiniger Zweiter werden müssen. Das war bis zur letzten Partie gegen den Russen Dimitri Jakovenko möglich, aber die hätte er gewinnen müssen. MVL drückte, hatte Chancen, aber am Ende überzog er und verlor gar.

Wer das Kandidatenturnier 2016 verfolgt hat, der weiß, dass auch 2018 die Teilnehmer eher risikoscheu agieren werden, weil so viel auf dem Spiel steht. Nur einer der acht Matadore wird um den höchsten Titel kämpfen dürfen, und diese Perspektive wird niemand verlieren wollen, indem er vorzeitig Brücken hinter sich abbricht und sich mit offenem Visier auf den Gegner stürzt.

„Geduldig auf Chancen warten“, wird die Devise sein. Insbesondere mit den schwarzen Steinen wird es für die meisten, womöglich alle Beteiligten zuvorderst darum gehen, solide zu stehen und nichts anbrennen zu lassen. Wenn 1.e4 auf dem Brett steht, werden wir 1…e5 sehen, gefolgt von unkaputtbaren Berliner Mauern oder drögem italienischen Herumgeschiebe. MVL wäre bei 1…c5 geblieben, hätte seinen geliebten Najdorf-Sizilianer angesteuert und auch mit Schwarz Siegchancen gesucht.

Schluss jetzt mit der MVL-Trauer, schauen wir nach vorne. Auch ohne den Franzosen wird sich in Berlin ein formidables Feld finden, um Magnus‘ Herausforderer zu küren. Mit dem aserbaidschanischen Edelzocker Shakhriyar Mamedyarov bleibt zumindest ein Spieler, dessen Risikofreude den Laden ordentlich aufmischen könnte. Sportlich ist in Abwesenheit von MVL der Favorit offensichtlich: Der seit Monaten in Galaform spielende Levon Aronian aus Armenien wird schwer zu stoppen sein.