Immer alles auskämpfen! (II)

isolani.jpgÜber die typische Isolani-Struktur sind Bücher geschrieben worden, und wir wären bei weitem nicht die erste Schachseite, die sich diesem Thema ausführlich widmet. Aber was sollen wir machen? Am Bodensee scheinen sich die Basics immer noch nicht herumgesprochen zu haben. Und das gilt bei weitem nicht nur für unseren Schachfreund Klaus, der wie kein anderer diese Seite mit seinen Abenteuern am Schachbrett bereichert hat.

Bevor wir den Bereichsliga-Meister aus Meßkirch (Glückwunsch!) in eine höhere Spielklasse entlassen, wollen wir den Schachfreunden aus dem Nachbarort noch ein paar Tipps mit auf den Weg geben. Ihr Auftritt neulich in Überlingen offenbarte Defizite, die eine Liga höher bestraft würden.

So sieht sie aus, die Isolani-Stuktur:

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Wer hier mitliest, der weiß, dass wir als erstes Bauerninseln zählen, um uns über eine Struktur ein Urteil zu bilden. Je mehr Inseln, desto schlechter.

Weiß verwaltet drei Bauerninseln, Schwarz deren zwei. Vorteil Schwarz?

Ja, aber nicht unmittelbar.

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Schon Siegbert Tarrasch beschäftigte sich mit Isolani-Strukturen.

In Endspielen mit dieser Struktur würde Weiß darunter leiden, dass kein Bauernkollege den isolierten Gesellen auf d4 decken kann. Schwarz könnte ihn nach Herzenslust belagern, unter Druck setzen und womöglich erobern.

Aber vor das Endspiel haben die Schachgötter das Mittelspiel gesetzt, und in dem hat die Isolani-Seite den einen oder anderen Vorteil, mit dem sie trefflich arbeiten kann.

„Wer den Isolani fürchtet, sollte besser mit Schach aufhören“, sagt unser oberster Strategieberater Siegbert Tarrasch, der Erfinder der Tarrasch-Verteidigung, deren Anhänger einen Isolani für freies Figurenspiel gerne in Kauf nehmen.

Eine typische Isolani-Stellung aus dem frühen Mittelspiel, wie sie aus diversen Eröffnungen entstehen kann:

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Beide Seite haben einen Zentrumsbauern, aber der von Weiß ist weiter vorgerückt. Er sichert dem Weißen ein wenig Raumvorteil und für seinen Springer einen potenziellen Vorposten auf e5. Während es für den Schwarzen nicht ganz einfach ist, sich bei vollem Brett auf engem Raum harmonisch aufzustellen, hat der Weiße einen einfachen Plan: Königsangriff!

Ist erst einmal ein Gaul auf e5 installiert, geht der Angriff los. Womöglich taucht noch ein zweiter Gaul auf g5 und dazu die weiße Dame am Königsflügel auf. Oder der Weiße baut sich eine Dame-Läufer-Batterie auf der Diagonalen b1-h7. Und, wie schön, die dritte Reihe ist frei für Turmschwenks. Der Turm auf e1 hat sich schon in Position gebracht, um auf der Route e1-e3-h3 am Angriff teilzunehmen.

Drehscheibe d5

Schwarz steht dem natürlich nicht wehrlos gegenüber. Immerhin hat er auf d5 ein treffliches Zentralfeld, auf dem er ungestört Figuren einpflanzen kann. d5 wird ihm oft als Drehscheibe dienen.

Schwarz wird versuchen, schon im Mittelspiel den Isolani unter Druck zu halten, sodass Weiß sich nicht ungestört gegen seinen König aufstellen kann. Und er wird danach trachten, Material vom Brett zu nehmen. Je mehr Figuren getauscht werden, desto weniger Spiel kann der Weiße entwickeln, und desto eher fällt die Schwäche des Isolani ins Gewicht.

Antwort 72

Thomas Bialk – Klaus Grensing, Überlingen, April 2018

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Und schon sehen wir, dass es sich hier um einen elementaren Fall handelt. Weiß schlägt natürlich mit einem Bauern auf d4. Der f3-Springer soll ja bald nach e5, und Weiß will (muss!) Material auf dem Brett halten, will er nicht ohne Angriff in einem schlechten Endspiel landen.

Einige abenteuerlustigen Facebookfreunde unserer Seite wollten einfach einen Bauern opfern. Aber wer das tut, der möchte dafür Zeit, Raum, Initiative oder sonstwelche Gegenleistungen bekommen?! Und wie das hier gehen soll, ist nicht zu sehen.

Der Vorschlag, 1.Lg5 zu spielen, ginge jedenfalls nach hinten los. 1…Sxe4 2.Lxe7, und nun kann sich Schwarz aussuchen, ob er auf c3 oder lieber f2 noch einen Bauern kassieren will.


Das Thema „Remisangebote“ konnten wir vergangene Woche etwas schneller abhandeln als heute jenes der Isolani-Struktur, weil es sich auf eine einfache Formel bringen lässt (siehe Überschrift):

Wir bieten kein Remis an.

Allerdings ist Schach ein Mannschaftssport. Wer im Team spielt, für den sollte zuallererst zählen, dass seine Mannschaft auf 4,5 Punkte kommt. Wer also beim Stande von 4:2 gut steht, aber in Zeitnot gerät, der darf ein Remisangebot versuchen, ohne sich dafür schämen zu müssen. Vielleicht ist der Gegner ja feige genug, es anzunehmen.

Für Spieler der Mannschaft, die 2:4 hinten liegt, sind Remisschlüsse natürlich verboten. Wer trotzdem remis macht, der gehört beschimpft, und wer beim Stand von 2:4 das Annehmen eines Remisangebots mit der geläufigen, aber dämlichsten aller Begründungen rechtfertigt, der erst recht:

Ich habe nicht gesehen, wie ich gewinnen soll.

Wenn Magnus Carlsen 1.e2-e4 spielt, sieht er auch noch nicht, wie er gewinnen soll.

Immer alles auskämpfen! Beim Stand von 2:4 spielen wir ausgeglichene Stellungen halt weiter, stellen dem Gegner Probleme, bis er kollabiert und einen Fehler macht. Ist das passiert, wirst Du schon sehen, wie Du gewinnen sollst.

Antwort 73

In der fraglichen Stellung konnten die Mannschaftskameraden des Schwarzen durchaus noch von 4,5 Punkten träumen, als nach Ld3-c2 eine Remisofferte hereingeflattert kam.

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Unter normalen Umständen würden wir so ein Remisangebot als Frechheit abtun. Schwarz ist ja sowas von am Drücker. Er muss nur auf e4 alles tauschen, dann steht es so:

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Jetzt …Lf6, …Dd5, Türme zentralisieren, Druck gegen d4, und der Weiße wird arge Schwierigkeiten haben, seinen Laden zusammenzuhalten. Er leidet nicht nur an seinem schwachen Isolani, dazu kommt noch, dass er mit einem schlechten Läufer dasteht. Spiel auf ein Tor.

Trotzdem können wir dem Weißen hier keine Unhöflichkeit unterstellen. Er hat ja schon mit Sxd4 in Diagrammstellung 72 gezeigt, dass ihm nicht klar ist, dass Weiß Puppen auf dem Brett halten muss. Gerade hat er mit Lc2 (was den Generalabtausch auf e4 erlaubt) diese Einschätzung noch einmal bestätigt.

Also lehnen wir freundlich lächelnd ab, bleiben Freunde, unterstellen ihm nichts Böses und schieben dann ihn und seine traurige Heerschar von Klötzen zusammen.

Antwort 74

Elmar Streicher – Wolfgang Müller, Überlingen, April 2018

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Frechheit vom Weißen, 1.Te3 zu ziehen und remis anzubieten.

Schwarz steht klar besser. Sein Turm ist aktiv, der des Weißen an die Verteidigung seiner Bauern gekettet. Der schwarze König hat eine klare Route, am Königsflügel einzudringen, Spiel auf ein Tor. Schwarz kann in der Folge ohne Risiko ausloten, ob es ihm gelingt, seinen Vorteil in einen vollen Punkt zu verwandeln.

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Was bedeutet beim Schach eigentlich „konkret“?

Wenn gute Schachspieler eine Position oder Variante charakterisieren, dann fällt häufig der Begriff „konkret“ . Konkret sind Stellungen dann, wenn sie forcierte Zugfolgen bergen, die fast unausweichlich geschehen müssen, weil es kaum Alternativen gibt, weil Drohungen und Gegendrohungen im Spiel sind, um die sich beide Seiten zu kümmern haben.

Weniger gebräuchlich, aber logisch wäre das Gegenteil „abstrakt“ . Abstrakt ist eine Stellung, wenn beiderseits viele Züge plausibel sind, wenn keine unmittelbaren taktischen Notwendigkeiten bestehen, so dass es eher um Pläne und strategische Faktoren geht.

Ein Beispiel:

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Weiß am Zug kommt in Vorteil.

Eine Stellung, wie sie typischerweise aus dem Angenommenen Damengambit entsteht.

Wenn Weiß hier mit einer abstrakten Denkweise herangeht, dann wird er auf Basis seines e5-Vorposten hoffen, mittelfristig einen Königsangriff zu initiieren. Auf e4 wird ein weißer Springer auftauchen sollen, um von dort entscheidend nach d6, f6 oder g5 zu springen. Seinen so wertvollen weißfeldrigen Läufer wird der Weiße unter allen Umständen auf dem Brett halten wollen, weil dieser Läufer auf der Diagonalen b1-h7 eine wichtige Rolle beim Königsangriff spielen soll. Den schwarzfeldrigen wird er gerne gegen den des Gegners tauschen wollen, um die schwarzfeldrigen Probleme des Nachziehenden zu betonen.

Alles richtige Überlegungen – und dennoch Blödsinn. Die Stellung birgt eine konkrete Lösung. Anstatt positionelle Faktoren abzuwägen, muss Weiß ein bisschen rechnen, um sie zu finden. Und dann wird er mit Freude seinen vermeintlich ach so wichtigen weißfeldrigen Läufer hergeben.

Mit 1.Lxd5 exd5 2.Sc3 kommt Weiß in Vorteil.

Versucht Schwarz 2…Lb7, folgt 3.e6! fxe6 4.Sg5, und Weiß steht riesig. Deckt der Schwarze den d5-Bauern per 2…Sb6, hat der Weiße einen weiteren (konkreten) Tempozug: 3.Lg5. Nun sieht 3…Dd7 überaus hässlich aus für Schwarz, während 3…Dc7 nach 4.dxc5 nebst 5.Tc1 in konkrete Probleme läuft.

Antwort 71

Hast Du gemerkt, wie wir Dich mit Frage 71 aufs Glatteis zu führen versucht haben? Du solltest positionelle Faktoren aufzählen und herausfinden, worum es in dieser Stellung geht:

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Natürlich könnten wir hier lange über den weißen Isolani auf d4 lamentieren, wie Schwarz ihn am besten belagert, über aktive und passive Leicht- und suboptiomal aufgestellte Schwerfiguren. Ist aber alles Quatsch. Es gibt eine konkrete Lösung.

1…c5!, und Schwarz steht besser.

Dass Schwarz damit potenziell den weißen Isolani auflöst, spielt insofern eine Rolle, als Weiß nicht 2.dxc5 spielen darf. Nach 2…Sxc5 steht er sofort auf Verlust, Schwarz gewinnt Material.

Das wiederum bedeutet, dass 1…c5 mit der Drohung …Lxf3 und Gewinn des d4-Bauern daherkommt. Da Weiß nicht auf c5 schlagen darf, muss er d4 decken, zum Beispiel mit 2.Tad1. Nur wird sich Schwarz auf f3 bedienen und die Struktur des Weißen ruinieren. Die Partie mündet in ein für Schwarz sehr günstiges Endspiel.

Vorsicht, Grautöne und Nebengeräusche: die Lehre vom schlechten Läufer (II)

Wenn wir eine Stellung bewerten, dann ist ein Konzept selten ausreichend, um zu ermitteln, wer besser steht. Meistens spielen mehrere Konzepte in die Stellungsbewertung hinein, ergänzen einander oder widersprechen sich gar. Und oft ist es gar nicht so leicht zu begreifen, welches nun eine Hauptrolle spielt und welches wir eher als Hintergrundrauschen verstehen sollten.

Im ersten Teil haben wir gesehen, dass gerade einfach zu verstehende Konzepte wie das des „schlechten Läufers“ gerne überbewertet werden, eben weil sie so einfach zu verstehen sind. Manchmal sind Bauern auf der Farbe des Läufers festgelegt, und doch spielt das eine eher untergeordnete Rolle oder ist nur ein Konzept von vielen, die zu berücksichtigen sind.

Perlenfischer – indisponierter Großmeister, Internetpartie 2017

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Der Schwarze hat gerade …Le7 gespielt, und er wird …Lg5 folgen lassen, wenn Weiß nichts dagegen unternimmt. Mit seinen auf Schwarz festgelegten Bauern käme dem Schwarzen ein Abtausch der schwarzfeldrigen Läufer entgegen. Außerdem hilft ihm wegen seiner Raumnot Abtausch generell, denn das würde ihm auf seinem limitierten Raum die Koordination erleichtern.

Weiß zog Sf3, was eine Figur entwickelt und …Lg5 verhindert.

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Für Schwarz wäre jetzt …Lg4 mit der Idee …Lxf3 eine gute Option.

Ja, theoretisch ist der weißfeldrige der „gute“ Läufer von Schwarz, aber der ist längst nicht so gut wie der Sf3.

Hat dieser Springer erst einmal sein typisches Feld c4 erreicht, wird er von dort aus weite Teile der schwarzen Stellung dominieren (dieses Motiv aus Benoni-artigen Strukturen haben wir an anderer Stelle schon kennengelernt). Also sollte Schwarz ihn liquidieren. Außerdem gilt weiter, dass sich der beengt stehende Schwarze gerne per Abtausch entlasten möchte.

Schwarz spielte stattdessen …Sf6, was weniger präzise sein mag, und ein paar Züge später stand es so:

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Keine Hebel, kein Gegenspiel, kein Raum: Da helfen dem Schwarzen seine 2.500 Elo wenig, er ist schon fast komplett überspielt. Jetzt plant er …Sg6-f4, ein Sprung auf das einzige aktive Feld, das sich seinem kümmerlichen Klumpen von Leichtfiguren anbietet.

Und wieder: Ja, angesichts der auf weiß festgelegten Bauernkette im Zentrum ist der weißfeldrige Läufer der „schlechte Läufer“, theoretisch. Trotzdem behält Weiß ihn lieber auf dem Brett, spielt Te1 und plant …Sf4 mit Lf1 zu beantworten. Das hat wieder den Grund, den Schwarzen in seinem Saft schmoren zu lassen. Entlastung wird nicht gewährt.

Außerdem dient der Läufer als Stabilisator des Königsflügels. Sollte Schwarz mit Unterstützung seines Sf4 mittelfristig ein wenig Spiel am Königsflügel entwickeln, dann wird dort weißfeldrig nichts anbrennen, weil der Lf1 als Verteidiger jegliche Einschläge auf h3 oder g2 entschärft.

Dazu kommt noch, dass der vermeintlich schlechte Läufer auch einen offensiven Job macht. Schwarz ist ja verzweifelt auf der Suche nach Hebeln, einer wäre …b5. Aber nach axb6 wird der rückständige a6-Bauer schwach sein, und das umso mehr, weil ihn der Lf1 unter Druck setzt.

Antwort 66

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1.c5 wäre eine Idee, um den hinter seinen Bauern eingesperrten La8 endgültig kaltzustellen. Tauscht Schwarz zwei Mal auf c5, hätte der Weiße dieses Ziel tatsächlich erreicht, der c6-Bauer wäre festgelegt. Aber Schwarz spielt 1…Sd7, setzt die Spitze der weißen Bauernkette unter Druck und wird Weiß zwingen, auf d6 oder b6 zu tauschen.

Besser ist 1.e5. Das gewinnt erst einmal weiteren Raum und beschädigt in der Folge die schwarze Struktur. Um den La8 kümmert sich Weiß später.

Antwort 67

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Lxg6, logisch. Nur so lässt sich der e5-Bauer verteidigen, und dem Schwarzen geht die Integrität seiner Struktur flöten.

Antwort 68

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Jetzt ist es an der Zeit, den La8 kaltzustellen. Weiß spielt c5.

Antwort 69

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Natürlich schlagen wir mit der Dame auf c5.

Schwarz kann sich nicht mit …La6 befreien, dann käme b5 nebst b6.

Von c5 aus droht die Weiße Dame, ins schwarze Lager einzudringen, außerdem liegen Sd4 und Se4 in der Luft (und ggf. Sb5). Auf d6 winkt den weißen Gäulen ein schönes Feld, und die e6- und c6- Bauern stehen viel stärker unter Druck, als wenn wir per bxc5 die Stellung statisch machen würden. Nach 1.Dxc5 steht Weiß auf Gewinn.

Antwort 70

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Sb3 mit Kontrolle des Feldes c5. Ist dort ein weißer Springer angekommen, ist die Partie fast vorbei.

Der c6-Bauer bleibt festgelegt, der e6-Bauer angegriffen, und der Springer unterstützt den gedeckten Freibauern des Weißen bei seinem Vormarsch. Weiß muss nichts weiter tun, als seinen König helfend heranführen, dann ist es aus.

Frührentner gegen Edelzocker

topalov
Veselin Topalow (Illustration:  Willum Morsch/@WillumTM)

Der Beste der Welt ist der Bulgare Veselin Topalow längst nicht mehr, aber er bleibt einer der spektakulärsten Spieler. Anlässlich des Superturniers im aserbaidschanischen Schamkir kam der im Halbruhestand befindliche Exweltmeister jetzt zurück – und wie.

Topalow ist am Brett ein Garant für Dynamik und Zweischneidiges. Wenn so einem Spieler der ähnlich gestrickte aserbaidschanische Edelzocker Shakh Mamedyarow gegenübersitzt, dann fliegen die Fetzen, dann werden Brücken abgebrochen. Das Duell der beiden in der vierten Runde enttäuschte nicht. Die erste Chance, einen Bauern für Angriff zu opfern, nutzte Topalow, und in diesem Stil ging es beiderseits weiter, bis die Partie ein abruptes, überraschendes Ende fand.

Topalow, Veselin (2.749) – Mamedyarow, Shakhriyar (2.814)

Schamkir Chess 2018, 4. Runde

1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lb5 a6 4. La4 Sf6 5. O-O Sxe4

Keine Überraschung. Der offene Spanier ist seit langem ein substanzieller Teil von Mamedyarows Schwarzrepertoire gegen 1.e4.

6. d4 b5 7. Lb3 d5 8. dxe5 Le6

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Die Grundstellung, in der Weiß zwischen einer Reihe plausibler Fortsetzungen wählen kann. Die Struktur zeigt schon die generelle Idee beider Seiten an. Weiß wird seine Majorität am Königsflügel ins Rollen bringen wollen, Schwarz seine am Damenflügel.

Der Lb3 beißt auf Granit, er wird über c2 zurück ins Spiel kommen, zum Königsflügel schauen und den Se4 befragen, denn den will Weiß nicht dauerhaft in seiner Bretthälfte eingepflanzt sehen. Der Sc6 wird sich derweil meistens auf der Route c6-a5-c4 bewegen und seinen c7-Bauern mobil machen. Erforscht wird diese Stellung schon seit langem. Unter anderem die Herren Zukertort und Blackburne hatten sie 1887 auf dem Brett.

9. Le3 Le7 10. c3 O-O 11. Sbd2 Sxd2 12. Dxd2 Sa5 13. Lc2 Sc4 14. Dd3 g6

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15. Lh6

Eine offene Frage nach der Partie ist, ob Mamedyarows Vorbereitung gegriffen hat oder nach hinten losging. Einerseits sagte der Lokalmatador, dass er 15.Lc1 für den Hauptzug hält, obwohl die Ergebnisse im Nah- und Fernschach deutlich für 15.Lh6 sprechen. Andererseits wird der Weltranglistenzweite sich auch in der Folge an maschinelle Empfehlungen halten, was dafür spricht, dass er die Variante daheim angeschaut hatte. So oder so, es ist kaum Topalows Stil, kleinmütig einen Bauern zu decken, wenn er ihn opfern und dafür Initiative bekommen kann.

Neu ist diese Chose jedenfalls nicht. Schon in der Partie Yates-Gunsberg 1914 geschah 15.Lh6.

15… Sxb2

Nimmt die Herausforderung an.

(15… Te8 ist die Alternative, die den Turm rettet, ohne den Springer ins Abseits zu manövrieren.)

16. De2

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16… Te8

„Komm doch“, sagt Schwarz und schickt sich an, den Mehrbauern zu behalten.

(16… c5 schlug Topalow nach der Partie vor. Für die Qualität bekommt Schwarz das Läuferpaar und eine mobile Bauernmasse im Zentrum/am Damenflügel. 17. Lxg6 fxg6 18. Lxf8 Dxf8 19. Dxb2 mit Kompensation laut Topalow.)

17. Sd4

Logisch. Der f-Bauer muss marschieren.

(17. Lxg6?! hxg6 18. Dxb2 würde den Bauern zurückgewinnen, aber jede Initiative aufgeben und die Koordination noch dazu.)

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17… Ld7

Klar der beste Zug nach Engine-Einschätzung und ein deutliches Indiz, dass Mamedyarov an dieser Stelle noch wusste, was er tat. Schwarz will den weißfeldrigen Läufer auf dem Brett behalten, …c5 mit Tempo spielen und den Springer rausschmeißen.

(17… Nc4 spielte Schachfreund Gunsberg vor über 100 Jahren und wurde ziemlich bald am Königsflügel überrollt.)

18. f4

Jetzt noch f5, dann e6, dann mattsetzen. Aber beim Schach wird abwechselnd gezogen.

18… c5 19. Sf3

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Der Plan f4-f5 und e5-e6 bleibt auf der Agenda, aber ohne Unterstützung von einem Springer auf d4 muss sich Weiß kurzfristig andere Ziele suchen.

19…Db6 20. Df2 d4

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Greift der Gegner am Flügel an, gehe im Zentrum vor, heißt es.

21. Lg5

Weiß findet neue Ziele: die schwarzen Felder rund um den schwarzen König sind anfällig, und das wird Topalow in der Folge betonen. Allerdings um den Preis eines weiteren Bauern.

21… dxc3 

Spätestens jetzt ist offensichtlich, wie sehr die Partie auf des Messers Schneide steht. Entweder der weiße Angriff schlägt durch, oder Schwarz gewinnt mit vier gegen einen Bauern am Damenflügel.

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22. Dh4

(22. Lxe7 Txe7 hatten beide Spieler erwogen. Mamedyarow sah, dass nach 23. Sg5 (23. f5 war eine Alternative, die Topalow erwogen hatte, aber er schätzte richtig ein, dass dem weißen Angriff die Kraft fehlt.) 23… f5 24. Lb3+ Kg7 Weiß nicht recht weiterkommt. Der Einschlag 25. Nxh7 sieht verlockend aus, führt aber zu nichts. Schwarz steht besser.)

22… c4+ 23. Kh1 Lf8!

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Ein starker Verteidigungszug zur rechten Zeit. Schwarz hält den Hüter seiner schwarzen Felder auf dem Brett, während der Lg5 nun in erster Linie dem Springer im Wege steht, der gerne zur Unterstützung herbeeilen würde.

24. f5 Sd3

Bringt den Sb2 zurück ins Spiel und, wichtiger, schließt den Lc2 vom Angriff
aus. Weiß kommt nur mit der Brechstange weiter.

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25. e6! Lxe6!

Nur so! Schwarz hat so viele weiße Bauern eingesammelt, dass er guten Gewissens eine Figur ins Geschäft stecken kann, um den weißen Angriff zu stoppen.

(25… fxe6? 26. fxg6 könnte Schwarz nicht überleben.)

26. fxe6 Txe6

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27. Tad1

Konkret geht es nicht weiter, also kommt die einzige unbeschäftigte Figur ins
Spiel.

(27. Sd4 nebst 28.Txf7 hatte Topalow geplant, aber gerade rechtzeitig fiel ihm auf, dass 27…Td6 dem Schwarzen das entscheidende Tempo gewinnt. Der Springer muss ziehen, weil 28. Txf7 h6 zu einer schwarzen Gewinnstellung führt.)

27… Tae8

Gibt noch einen Bauern zurück, um maximal zu mobilisieren.

28. Lxd3 cxd3 29. Txd3

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Das Schlachtgetümmel hat sich ein wenig gelichtet. Die weiße Angriffswelle hat der Schwarze abgewehrt und kann nun danach trachten, selbst aktiv zu werden.

29… Te4?!

Scheinaktivität, die womöglich schon den Vorteil verschenkt.

{Er hätte sofort am Damenflügel loslaufen sollen. Nach 29… b4 30. Ld8 Db5 31. Sg5 h6 scheitert 32. Sxe6 Dxd3 33. Df6 an 33…Qxf1+! 34. Qxf1 Rxe6 und Schwarz sollte trotz Minusdame gewinnen. Mamedyarow sah diese Variante, sah aber auch, dass Weiß im 32. Zug eine Reihe anderer Möglichkeiten hat.)

30. Lf4!

Sich in eine Fesselung zu begeben, sieht heikel aus, aber in erster Linie hat Weiß jetzt endlich die Option Sg5 zur Verfügung.

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30…Le7

Spielt weiter auf Gewinn, hält die Stellung unklar.

(30… h6 31. Txc3 g5 32. Sxg5 hxg5 33. Dxg5+ ist ausgeglichen.)

31. Dg3 b4 32. Sg5 Lxg5 33. Lxg5 De6 34. h3

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Ein Luftloch kann nicht schaden angesichts des Umstands, dass Schwarz jetzt und in der Zukunft beliebig …Te1 ziehen kann.

Was ist nun der Plan für Schwarz, welches die beste Materialkonfiguration auf dem Brett? Mamedyarow entschied sich, die Damen herauszutauschen, und das mag ein Schritt in die falsche Richtung gewesen sein. Ab hier beginnt Schwarz zu driften.

34…De5?!

Aufs Brett kam der Zug nie, aber die weiße Option Td7 ist stets eine starke Drohung. Mit einer Dame auf e6 wäre auf der siebten Reihe nie etwas angebrannt.

(In aller Ruhe 34… a5 war möglich. Für den Moment droht Weiß nichts, aber je weiter die schwarzen Bauern am Damenflügel marschieren, desto dringender muss Weiß Spiel organisieren.)

(34… Dxa2? geht nicht. Nach 35. Td7 steht Weiß auf Gewinn.)

35. Kh2 Dxg3+ 36. Kxg3

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Die Drohung Td7 bleibt überaus lästig, und sie veranlasste Schwarz zu drastischen Maßnahmen.

36…h6

(36… Te1 37. Txe1 Txe1 38. Lf6 Te8 fühlt sich nicht schön an für Schwarz, aber hält wahrscheinlich. Schwarz wird darauf abzielen, dass er am Ende ein Endspiel T vs. T+L erreicht.)

37. Lxh6 Te1 38. Tf6 T1e6 39. Tf2 Te2 40. Td5 Txf2 41. Kxf2 f6 42. Le3

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Nach der Zeitkontrolle steht plötzlich ein Endspiel auf dem Brett, in dem Schwarz nicht weiterkommt und in der Folge vor allem zuschauen wird, wie der Weiße seine Mehrbauern nach und nach einsammelt. Gleichwohl kam Mamedyarows Resignation sehr früh. Wahrscheinlich wollte er einfach nur, dass es vorbei ist, nachdem ihm die Partie in den vergangenen Zügen so arg entglitten war.

1-0

Was sind eigentlich hässliche Züge? Und wie erkennen wir die? (II)

1970 in einer Blitzpartie hatten der große Viktor Kortschnoi (Weiß) und der noch größere Bobby Fischer (Schwarz) diese Stellung auf dem Brett.

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Welche Eröffnung die beiden gespielt haben, sehen wir sofort: ein klassischer Königsinder, aus dem sich bei geschlossenem Zentrum das typische Wettrennen auf den Flügeln ergeben hat.

Weiß versucht, auf dem Damenflügel ins schwarze Lager einzudringen, Schwarz stürzt sich derweil mit allen verfügbaren Truppen auf den weißen König. Wer zuerst an sein Ziel gelangt, der gewinnt.

fischer
Bobby Fischer.

Seinen Läufer auf c8 hat Bobby Fischer bislang nicht angefasst, und doch ist der Läufer eine zentrale Figur im Konzept des Schwarzen. Will er zum weißen König durchdringen, wird er auf die eine oder andere Weise auf h3 eine Figur ins Geschäft stecken müssen, um den Schutzwall aus Bauern vor dem weißen König zu zertrümmern. Nur weil der Läufer von c8 aus auf den weißen Königsflügel späht, bieten sich dem Schwarzen einige Optionen, sein Ziel zu erreichen.

Nicht nur in diesem konkreten Fall, sondern generell im klassischen Königsinder gilt, dass der weißfeldrige Läufer für den schwarzen ein unverzichtbarer Baustein seiner Ambitionen gegen den weißen König ist. Oft bleibt der Läufer lange auf c8 stehen, nur um dann im Mittelspiel entscheidend in die Attacke einzugreifen.

Natürlich müssen weder Schwarz noch Weiß diese Strukturen mit geschlossenem Zentrum und gegenseitigen Angriffen anstreben. Für beide Seiten bieten sich im Königsinder eine Reihe von Möglichkeiten, sich aufzubauen. Das gilt auch für Jürgens Partie neulich.

Wer die verpasst hat, hier der Beitrag aus der Schachschule mit den Fragen, die wir nun beantworten:

Was sind eigentlich hässliche Züge und wie erkennen wird die?

Antwort 59

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Früher oder später muss Schwarz entscheiden, wie er sich im Zentrum dagegenstemmen will. Schwarz kann sofort mit …e7-e5 im königsindischen Sinne fortsetzen. Er kann auch …c7-c5 spielen, wonach die Partie eher einen Benoni-Charakter bekäme. Oder er bleibt vorerst flexibel mit …Sb8-d7 oder sogar …Sb8-a6 und legt sich erst später fest.

…b7-b6 ist hässlich, weil es nicht in die Stellung passt. Egal, wie sich Schwarz aufbauen wird, egal, welchen Plan er verfolgen wird, wo er Hebel ansetzen wird, …b7-b6 passt nicht rein und die Idee, den Lc8 zu fianchettieren, noch weniger.

Lc8-b7, noch ein hässlicher Zug.

Antwort 60

Auf b7 wäre der Läufer nur sinnvoll aufgestellt, wenn es Schwarz gelänge, nach …e7-e5 oder …c7-c5 auf d4 zu tauschen und in der Folge Druck gegen den weißen e4-Bauern zu entwickeln.

Aber das kann ihm nicht gelingen, weil beim Schach abwechselnd gezogen wird.

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Weiß spielt natürlich d4-d5, schließt das Zentrum ab, stellt den Lb7 kalt, und Schwarz hat zwei Tempi investiert, um seinen Läufer auf ein schlechteres Feld zu stellen als das, von dem er kam.

Der einzige Hebel, der sich jetzt für Schwarz anbietet, ist …b6-b5 – noch ein Indiz, welch ein bescheidener Zug …b7-b6 war. Lieber würde Schwarz seinen Hebel in einem Zug per …b7-b5 ansetzen, aber das geht nun nicht mehr, nachdem er mit …b7-b6 und …Lc8-b7 Zeit verplempert hat.

Antwort 61

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1.e4xd5 ist die klar beste der drei möglichen Arten, auf d5 zurückzuschlagen.

Der Lb7 bleibt kaltgestellt, der Hebel …b6-b5 verhindert, und Weiß erfreut sich Raumvorteils und freieren Figurenspiels, während der Schwarze zusammengedrängt und ohne Plan dasteht. Vorteil Weiß.

Nach 1.c4xd5?! b6-b5 entwickelt Schwarz unmittelbar Gegenspiel am Damenflügel.

Auch nach 1.Sc3xd5 ist sofortiges 1…b6-b5 stark. Schwarz befreit sich, und Weiß kann auf b5 keinen Bauern gewinnen, weil sich am Ende der Ta8 auf a2 bedient.

Antwort 62

Erst einmal ist Schwarz ganz zufrieden damit, auf der e-Linie Material vom Brett nehmen zu können, um sich zu entlasten und damit dem Ausgleich näher zu kommen. Das ändert aber nichts an dem Umstand, dass der Weiße weiterhin mehr Raum besitzt und der Lb7 im Abseits steht.

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Schwarz braucht einen aktiven Plan, und der besteht in …b6-b5. Will Schwarz vollwertiges Spiel haben, dann muss er eher früher als später am Damenflügel seinen typischen und in diesem Fall einzigen Hebel ansetzen.

Sobald Weiß c4xb5 spielt, würde der d5-Bauer schwach und der Lb7 hätte endlich eine Aufgabe. Stützt der Weiße stattdessen per b2-b3 seine zentrale Bauernkette, ergeben sich schwarzfeldrige Löcher am weißen Damenflügel, gegen die der Schwarze spielen kann.

Antwort 63

Anstatt per …b6-b5 energisch auf Gegenspiel zu pochen, spielt der Schwarze …Nd7-e5. Als würde er damit zufrieden sein, schlechter zu stehen, und nur darauf hoffen, per Entlastung den Nachteil in Grenzen zu halten.

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Durch den Tausch auf e5 hat die Struktur eine wesentliche Veränderung erfahren. Auf einmal besitzt der Weiße einen gedeckten Freibauern auf d5. Der marschiert zwar nicht unmittelbar los, aber der Schwarze hat auch unmittelbar keine gute Möglichkeit, ihn wirksam zu blockieren.

Mit einem Blockade-Springer auf d6 (der zudem …b6-b5 und …f7-f5 unterstützen würde), stünde Schwarz vielleicht sogar besser. Aber der Gaul hat keinen Weg nach d6, und Weiß wird ihn sofort vom Brett tauschen, sollte er drohen, auf sein Traumfeld zu gelangen.

Warum Weiß besser steht, ist offensichtlich. Aktivität, Raumvorteil, gedeckter Freibauer. Der Schwarze hat sich zwar ein wenig entlastet, aber seine Koordination ist immer noch kümmerlich. Der Lb7 bleibt kaltgestellt, der Lg7 spielt auch nicht mit, und der Sf6 findet keinen Weg nach d6.

Schwieriger ist die Frage zu beantworten, wie Weiß nun weiterspielen soll. Ein klarer Plan, den Vorteil auszubauen, ist schwierig zu benennen. Wichtig ist, den Schwarzen in seinem Saft schmoren zu lassen, Material auf dem Brett zu halten, bis sich ein Szenario ergibt, in dem der weiße Trumpf (sein gedeckter Freibauer) sticht. Die einzige Figur, die Weiß bereitwillig heraustauschen wird, ist der schwarze Springer, damit der nicht nach d6 gelangt.

Auch der weiße Springer hat ja ein Traumfeld, e4. In diesem Sinne wäre eine Idee von mehreren, 1.Lg5xf6 Lg7xf6 2.Sc3-e4 Lf6-g7 3.g4-g5 zu spielen. Danach stünde es so:

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Der weiße Springer hat unbehelligt sein Traumfeld e4 erreicht, Schwarz kann den d6-Freibauern nicht mehr wirksam blockieren und ebenso wenig günstig …f7-f5 spielen. Das Läuferpaar, das uns oft so wichtig ist, könnten wir an dieser Stelle ohne große Bedenken aufgeben.

Vorteil Weiß.

Antwort 64

Jetzt müsste schon deutlich geworden sein, warum Sc3-e4 ein hässlicher Zug war. Das einzige, was der Zug leistet, ist Schwarz weitere Entlastung zu bescheren.

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Außerdem hat der Schwarze nach …Sf6xe4 Ld3xe4 plötzlich zwei Hebel als realistische Optionen: Zum ewigen …b6-b5 kommt nun auch noch …f7-f5, das die aufgelockerte weiße Königsstellung betonen würde. Des Weißen gedeckter Freibauer kommt derweil kein Stück voran.

Mit einem Mal ist der weiße Vorteil fast verflogen. Schade eigentlich. Wer seinen Königsinder so misshandelt wie hier der Schwarze, der sollte dafür bestraft werden.

EM-Splitter: Berliner Mauer aus Pappe

Als Gary Kasparow im Jahr 2000 seinen Weltmeistertitel gegen Vladimir Kramnik verteidigte, überraschte ihn Kramnik mit der Berliner Mauer, einem System der Spanischen Eröffnung, das bis dahin als nicht ganz vollwertig galt. Wieder und wieder hämmerte Kasparow seinen Schädel gegen die Kramniksche Mauer, bis es zu spät war. Eine blutige Nase holte er sich, einen vollen Punkt nicht, und am Ende war der Titel weg.

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GM Deac

Seitdem gilt die Berliner Verteidigung 3… Sg8-f6 in der Spanischen Partie als beinahe unerschütterlich. Fast jeder Weltklassespieler hat sie in seinem Eröffnungsrepertoire gegen 1.e2-e4.

Bei der Europameisterschaft gelang es dem rumänischen Großmeister Bogdan-Daniel Deac jetzt, diese solideste aller Eröffnungen zu spielen und nach zehn Zügen auf Verlust zu stehen. Die Schuld dafür muss er bei sich selbst suchen.

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GM Guseinov

Sein Gegner, der aserbaidschanische Großmeister Gadir Guseinov, pflegt gegen die Berliner Verteidigung eine seltene Nebenvariante zu spielen. Selten ist die, weil sie für Weiß für nicht zu viel führt, wenn der Schwarze weiß, was er tut.

Deac wusste es nicht. Wäre er vorbereitet gewesen, hätte er gesehen, dass Guseinov gerne das seltene 6. dxe5 spielt, und er hätte sich für die Partie gewappnet. So aber saß er ahnungslos am Brett, konnte Guseinovs Nebenvariante auf eigene Faust nicht den Zahn ziehen, und würde dafür bitter bestraft.

Gadir Guseinov – Bogdan-Daniel Deac, Europameisterschaft Batumi 2018

1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lb5 Sf6

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Berlin, Berlin…

4. O-O Sxe4 5. d4 Sd6 

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6. dxe5

Statt dem fast automatischen 6.Lxc6 usw. eine nicht ungiftige Nebenvariante und nebenbei eine Spezialität von Guseinov. Ein Blick in die Datenbank, und Deac hätte ahnen können, was auf ihn zukommt, wenn er gegen Guseinov Berliner Luft schnuppern will.

6… Sxb5 7. a4

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…und der Sb5 hat keine Felder mehr.

7…Sd6? 

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Variante nach 7…Sbd4

(7… Sbd4 8. Sxd4 Sxd4 9. Dxd4 d5 10. exd6 Dxd6 wäre in Ordnung für Schwarz: Werden die Damen getauscht, hat der Nachziehende dank seines Läuferpaars unmittelbar ein angenehmes Endspiel auf dem Brett. Werden sie nicht getauscht, kann Weiß ihn nicht an der Rochade hindern. Die symmetrische Struktur stellt sicher, dass nicht viel los ist, und das Läuferpaar, dass Schwarz sogar etwas besser steht, sobald er mobilisiert hat.)

8. Lg5!

(Vielleicht hatte sich Deac auf 8. exd6 Bxd6 9. Re1+ Be7 nebst …0-0 und gutem Spiel für Schwarz verlassen. Mit dieser Fehleinschätzung ist er nicht allein. Auch Elo-2.700-GM Arkadij Naiditsch hat 8.Lg5 schon übersehen/unterschätzt.)

8… f6

(8… Be7 9. exd6 ist nicht schön für Schwarz. Die Partiefortsetzung mag allerdings noch weniger schön sein.)

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9. Te1!

Die Pointe von 8.Lg5. Vielleicht hatte Deac auch 8…f6 als günstig eingeschätzt, aber diese Möglichkeit übersehen.

(Nach 9. exd6?! Lxd6 10.Te1+ Le7 kann Weiß mit 11. Dd5 zwar auf Kompensation pochen, aber Schwarz spielt 11…d6 (jetzt hängt der Lg5), danach z.B …Se5 und …c6 und wird sich befreien. 11… fxg5? 12. Sxg5 gibt Weiß riesigen Angriff.)

9… Sxe5? 

(9… Le7 10. exd6 cxd6 11. Lf4 Se5 geschah in Horvath-Naiditsch, Mainz 2009, und Schwarz stand schlecht, aber zumindest lebte er noch.)

10. Sxe5

Weiß steht nach zehn gespielten Zügen auf Gewinn. Das Abzugsschach Sc6+ und Dh5+ drohen tödlich.

10… Le7

Allerdings muss der Weiße jetzt noch die entscheidende Kombination finden.

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11. Lxf6! gxf6 12. Dh5+ Kf8

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13. Sg6+! hxg6 14. Dxh8+ Kf7 15. Dh7+ Kf8

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Materiell steht es etwa ausgeglichen, aber der weiße Angriff ist überwältigend. Während die schwarzen Figuren hilflos eingesperrt im Abseits kauern, kann Weiß sofort weitere Kräfte an den schwarzen König heranführen. Am kräftigsten wäre 16.Sc3 nebst entweder 17.Sd5 oder 16…c6 17.Se2 nebst Sf4, und Schwarz ist erledigt. Guseinov entscheidet sich
stattdessen für einen Turmschwenk, das geht auch, ist aber mit mehr Arbeit verbunden.

16. Ta3 Sf7 17. Tae3

(besser wäre 17. Tg3 g5 18. f4 mit Gewinnstellung)

17… Lb4 18. c3

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18… Ld6

Deac will die erst e-Linie verschließen, danach …d5 spielen.

(18…Lc5 19. Th3 d5 20. Dh8+ Sxh8 21. Txh8+ Kf7 22. Txd8 ergibt ein verlorenes
Endspiel.)

19. Th3 Le5 20. Dxg6 d5 21. Th7 Le6

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22. f4 und Schwarz gab auf.

1-0

EM-Splitter: das bayerische Gambit in der Krise

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IM Maximilian Berchtenbreiter

Die jungen deutschen IM Maximilian Berchtenbreiter und Felix Graf kennen einander. Beide stammen aus Bayern, beide zählten vor nicht allzu langer Zeit zu den herausragenden Jugendlichen in Schachdeutschland.

Da liegt es nahe zu vermuten, dass Felix Graf Maximilian Berchtenbreiter mit einer seiner französischen Vorlieben infiziert hat, einem Gambit Marke Eigenbau im Tarrasch-Franzosen mit 3…Sg8-f6, um das sich der junge deutsche Schachmeister fast im Alleingang verdient macht.

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6…b7-b5 spielt Felix Graf regelmäßig und mit Erfolg. Zu den Opfern seines bayerischen Gambits zählt unter anderem der kanadische Großmeister Eric „Chessbrah“ Hansen, der 2013 in der Bundesliga (Wattenscheid gegen Bayern München) kein rechtes Mittel gegen 6…b7-b5 fand.

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IM Felix Graf

Bei der EM in Batumi musste das bayerische Gambit in der ersten Runde am Brett von Maximilian Berchtenbreiter einen weiteren Härtetest bestehen. Dem Deutschen gegenüber saß der englische GM Gawain Jones, der nach zwei Turnieren der anderen Art in Batumi wieder in den Alltag eines Schachprofis zurückkehrt.

Sein Jahr begonnen hatte Jones mit einem Ausflug in die Weltspitze in der A-Gruppe des Tata-Steel-Turniers in Wijk an Zee, von dem unglücklicherweise vor allem in Erinnerung blieb, dass Jones eine Mehrfigur gegen Magnus Carlsen nicht ausreichte, um die Partie zu gewinnen. Dass er im Kreise der 2.700+-Giganten eine ordentliche Vorstellung ablieferte, ist längst vergessen. Danach reiste Jones zum Spaßturnier im irischen Bunratty, das nicht Elo-gewertet wird, um den Guinness-Konsum der Teilnehmer anzukurbeln.

Nun also wieder die Mühsal der Ebene, und die begann für Jones mit einer Weißpartie gegen Maximilian Berchtenbreiter, der ihm sogleich das bayerische Gambit vorsetzte.

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Diese Stellung nach 7.Lxb5 Db6 8.Da4 a6 9.Ld3 cxd4 10.cxd4 Sc6 11.Se2 Sb4 12.Lb1 a5 könnte eine Grundstellung der Variante sein, würde sie denn öfter gespielt. Felix Graf hatte die Stellung zwei Mal auf dem Brett, außerdem gab es sie sein ein Mal in einer Partie in einer bayerischen (!) Amateurliga. Und jetzt Jones-Berchtenreiter.

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GM Gawain Jones

Auf jeden Fall wird deutlich, dass nicht übermäßiger Konsum von Weißbier zu 6…b7-b5 geführt hat, sondern dass eine Idee dahintersteckt. Die weißen Truppen sind nahe der Grundlinie versammelt, Schwarz hat sich derweil am Damenflügel ordentlich ausgebreitet, plant, mit …Lc8-a6 seinen weißfeldrigen Läufer ins weiße Lager spähen zu lassen, und hat obendrein den d4-Bauern fest im Blick. Stünde der Lf8 schon auf e7 und hätte Schwarz schon rochiert, dann hätte er mehr als genug Kompensation für den Bauern. Aber dass Schwarz selbst einige Schwierigkeiten hat, seinen Monarchen in Sicherheit zu bringen, zeigt die Zweischneidigkeit des schwarzen Konzepts.

Allemal sollte Weiß jetzt nicht voreilig rochieren, dann folgt …Lc8-a6, und Schwarz kann zufrieden sein. Stattdessen entschied sich Jones, erst einmal den vorwitzigen Sb4 nach Hause zu schicken und dann dem bald auf a6 erscheinenden Läufer einen Opponenten entgegenzustellen.

Es folgte 13.a2-a3 Sb4-c6 14.Lb1-d3 Lc8-a6 15.Ld3xa6 Db6xa6

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Schachfreund Stockfish schlägt an dieser Stelle vor, Weiß solle seinen Mehrbesitz behaupten: 16.Sd2-b1!? Lf8-e7 17.Sb1-c3 0-0 18.0-0, aber das kostet genau die beiden Tempi, die Schwarz zur Rochade braucht. Schwarz hat Spiel am Damenflügel, gegen d4, und im weißen Lager klaffen weißfeldrige Löcher. Der Nachziehende solltest zumindest ganz nahe an voller Kompensation sein.

Gawain Jones entschied sich stattdessen, den Bauern zurückzugeben, sofort zu rochieren und dem Schwarzen die Frage zu stellen, wie der eigentlich seinen König in Sicherheit zu bringen gedenkt. Nach 16.0-0 Sc6xe5 17.d4xe5 Dxe2 18.Sd2-f3 plagt die Fesselung auf der Diagonalen a4-e8 den Schwarzen nämlich mehr denn je, und es ist nicht klar, wie es nun weitergehen soll.

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Das von der Maschine eingeforderte und laut Stockfish zu annäherndem Ausgleich führende 18…De2-c4 führt stattdessen nach 19.Da4xc4 d5xc4 zu einem für den Weißen zwar nur ganz leicht besseren, dafür praktisch sehr angenehmen Endspiel, in dem er für lange Zeit den Schwarzen an seinem strukturellen Defizit wird leiden lassen können.

Felix Graf hatte diese Stellung auch schon auf dem Brett, und wie Berchtenbreiter spielte er 18…Lf8-c5?!. Nur steckt Schwarz nach 19.b2-b4 in erheblichen Schwierigkeiten. Jones fuhr in der Folge mit sicherer Hand seinen ersten vollen Punkt des Turniers ein.

Nach unserer Einschätzung erlebt das bayerische Gambit gerade eine Krise. Mögen Berchtenbreiter und Graf schnellstens die heimische Analyseküche aufsuchen, um ein Rezept gegen Jones‘ Spielweise auszuhecken.

Eröffnungstraining im Praxistest: Konstantinos‘ erstes Lichess-Turnier (II)

Antwort 47

Da Schwarz auf d5 (noch) nicht schlagen kann (siehe Antwort 48), sollte er sich nach Wegen umschauen, energisch vorzugehen. Er steht ja für den Moment mit einem Bauern weniger da, und dieser Umstand erlaubt ihm keine Gemächlichkeiten.

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Auf c4 schlagen und die weiße Struktur reparieren, mag der Schwarze nicht so gerne, aber er mag es auch nicht, dass Lc4 und Sg5 im Verein seine Achillesferse f7 beäugen. Also schicken wir am besten den Sg5 nach Hause.

Zwar treibt 1…h7-h6 den Sg5 auf sein natürliches Feld f3, aber nach 1…h7-h6 2.Sg5-f3 haben wir die schöne und für diese Variante typische (siehe weiter unten) Fortsetzung 2…e5-e4, die den Weißen nicht zur Ruhe kommen lässt.

Antwort 48

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1…Sf6xd5? ist ein simpler taktischer Fehler, der einem Spieler mit 1.900-Taktik-Rating nicht passieren sollte. Weiß spielt das offensichtliche 2.Dd1-f3 (Achillesferse f7, siehe oben), und bei Schwarz brennt es an mehr Stellen, als er löschen kann. Nach 2…Le6 3.Sg5xe6 f7xe6 4.Dd1-h5+ steht Weiß fast auf Gewinn.

Antwort 49

Schwarz hat großes Interesse daran, den Sg5 aus seinem Lager zu vertreiben, das haben wir ja schon gesehen. Darum rechnet Weiß damit, dass Schwarz im nächsten Zug …h7-h6 spielt.

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Um dem Springer das Feld e4 zu sichern und …h7-h6 nicht mit Sg5-f3 beantworten zu müssen (wo der Gaul gleich noch einmal per …e5-e4 getreten würde), probieren die Weißen an dieser Stelle immer häufiger Lb5-d3 (wenn sie die Variante überhaupt spielen. Die ganze Chose gilt als angenehm für Schwarz, aber dieses ist das einzige Abspiel, in dem noch Diskussionsbedarf zu bestehen scheint).

Antwort 50

Wir wollen den Sg5 rausschmeißen, das müsste nach Antwort 48 und 49 an dieser Stelle schon klar sein.

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1…h7-h6 2.Sg5-f3 e5-e4 gibt dem Schwarzen sehr angenehmes Spiel.

Antwort 51

Die Ponziani-Eröffnung, noch so ein uraltes Ding.

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Wie im Italienischen will der Weiße sich nach 3.c2-c3 per d2-d4 ein perfektes Bauernzentrum bauen, versperrt dafür aber seinem Sb1 das natürliche Feld c3 und verzögert seine Entwicklung.

Schwarz hat zwei gute Wege, dem Ponziani den Zahn zu ziehen, entweder 3…d7-d5 (nach 4.e4xd5 Dd8xd5 muss die exponierte schwarze Dame nicht befürchten, bald von Leichtfiguren angerempelt zu werden, denn der Weiße hat sich ja das Feld c3 zugebaut) oder Konstantinos‘ Zug 3…Sg8-f6 mit Druck gegen den e4-Bauern.

Antwort 52

WIchtig ist erst einmal zu verstehen, dass Konstantinos‘ Zug 5…Sf6-g4? keinen Sinn ergibt. Nach 6.c3xd4 steht der Springer beschäftigungslos im Abseits.

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Viel besser ist 6…Sf6-d5. Nach 7.c3xd4 hat der Schwarze zwar ein auf den ersten Blick imposantes Bauernzentrum, aber bei genauerer Betrachtung zeigt sich, dass dieses Zentrum ganz schnell zerbröseln kann.

Schwarz wird es bald anknabbern, entweder sofort mit 7…d7-d6, oder er bringt erst seinen Läufer ins Spiel: 7…Lf8-b4+ 8.Lc1-d2 d7-d6, und Schwarz steht jeweils prima.

(Für Profis: 6…Sf6-e4 ist wahrscheinlich spielbar, aber kritisch. Nach 7.Dd1-e2 hat der Springer kein Feld, 7…f7-f5 ist erzwungen, gefolgt von 8.exf6 d7-d5. Wir wollen nicht ausschließen, dass Schwarz in den folgenden Komplikationen Kompensation für seinen Minusbauern nachweisen kann, aber er hat es gar nicht nötig, sich auf derart dünnes Eis zu begeben. 6…Sf6-d5 ist ja einfach und gut.)

Antwort 53

Rhetorische Frage, hat er natürlich nicht, sonst würde er so einen Mist nicht spielen.

Marshall verprügeln.

Antwort 54

Rhetorische Frage, hat er natürlich nicht, sonst würde er so einen Mist nicht spielen.

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Also noch einmal:

  • Unser Läuferpaar geben wir nur her, wenn wir etwas dafür bekommen.
  • Wenn wir unseren Gegner in eine Fesselung manövriert haben, dann wollen wir diese Fesselung aufrecht erhalten und sie nicht ohne Not aufgeben.
  • …Lb4xc3 beschädigt nicht die Struktur des Weißen, im Gegenteil. Mit b2xc3 schlägt Weiß ja Richtung Zentrum, ein Indiz, das wir ihm eher helfen. Außerdem ist der (temporäre) Doppelbauer des Weißen auf der c-Linie keine Schwäche. Weiß kann ihn nach Belieben per c4xd5 auflösen, dabei die Stellung öffnen und sich in einer offenen Stellung seines Läuferpaars erfreuen (während wir unseres einfach so hergegeben haben).

Die vier Gebote der Eröffnung (II)

Antwort 29

Als erstes sollte den Schwarzspieler die Option anspringen, seinen potenziell schlechten weißfeldrigen Läufer zu entwickeln. Wer seine Bauern auf den weißen Feldern festlegt so wie hier der Schwarze, der sollte eine Idee haben, wie er seinen weißfeldrigen Läufer ins Spiel bringt, um ihn nicht hinter seinen Bauern einsperren zu müssen. Hier hat der Weiße dem Schwarzen auf dem Silbertablett eine Gelegenheit serviert, den Lc8 kräftig mitspielen zu lassen.

Edwin Thiebe – Klaus Grensing, Überlingen, November 2017

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3…Lc8-f5 sieht verlockend aus. Nachdem sich Weiß mit 3.f2-f4 die Möglichkeit genommen hat, das Zentralfeld e4 mit Bauern zu kontrollieren, würde ein schwarzer Läufer auf f5 betonen, dass Weiß Probleme mit der Kontrolle dieses Feldes hat. Spielt Weiß Lf1-d3, hat Schwarz gegen einen Abtausch der weißfeldrigen Läufer nichts einzuwenden, schließlich ist der weißfeldrige Läufer eine zentrale Figur im Konzept des Weißen, der alle seine Bauern auf die schwarzen Felder gestellt hat.

3…Lc8-g4 ist ebenfalls ein guter Zug. Dagegen muss Weiß entweder per 4.Lf1-e2 den Abtausch der Läufer zulassen oder per 4.Sg1-f3 seinen Springer in eine Fesselung stellen. Sollte er später mit h2-h3 den Lg4 belästigen, hat Schwarz auch gegen einen Abtausch auf f3 nichts einzuwenden. In einer tendenziell blockierten Stellung wie dieser sind Springer stark, und auch das Einpflanzen eines Gauls auf e5, gefolgt von einem Vormarsch am Königsflügel, ist wesentlicher Teil des weißen Konzepts.

Ob 3…Lc8-f5 oder 3…Lc8-g4, beide Züge fahren dem Weißen ordentlich in die Parade, sie machen es ihm schwer, eine wirksame Aufstellung zu finden. Er wird nicht einfach einen Läufer nach d3 und einen Springer nach e5 beordern können, dann die Dame zum Königsflügel bringen und gegen den kurz rochierten schwarzen König losmarschieren, so wie er es tun würde, sollte Schwarz seinen Lc8 mit …e7-e6 einschließen.

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Schwarz hat weitere schöne Optionen, er muss sich an dieser Stelle noch nicht festlegen. Er könnte auch mit 3…c7-c5 am weißen Zentrum knabbern, gefolgt von 4…Sb8-c6. Oder er spielt 3…g7-g6, bereitet die Entwicklung des Lf8 vor und hält zugleich seinem Lc8 alle Möglichkeiten offen.

Und das führt uns direkt zu

Antwort 30

und einem (moderat fortgeschrittenen) Eröffnungskonzept: Flexibilität.

Rekapitulieren wir kurz, was in der Eröffnung zu tun ist:

Die vier Gebote der Eröffnung

  • Leichtfiguren entwickeln, oft erst die Springer, danach die Läufer
  • Zentrum beherrschen
  • Den König in Sicherheit bringen
  • Gelegentlich dem Gegner dazwischenfunken

Wer sich nur an diese vier Gebote hält, wird automatisch gute Eröffnungszüge spielen. Wir könnten nun feststellen, dass 3…e7-e6 ein schlampiger Zug ist, weil er ohne Not den Lc8 einsperrt und folglich das erste Gebot einzuhalten schwierig macht. Aber 3…e7-e6 verstößt noch gegen ein weiteres Gebot:

  • Optionen offen halten

3…c7-c5 oder 3…g7-g6 wären konstruktive Züge, die uns im Zentrum voranbringen und/oder unsere Entwicklung beschleunigen. Die Optionen …Lc8-f5 oder …Lc8-g4 (viertes Gebot!) bleiben offen, Schwarz bleibt flexibel, er kann später entscheiden, von wo aus der Lc8 dem Weißen dazwischenfunken soll.

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3…e7-e6 nimmt dem Schwarzen Optionen und schenkt dem Weißen ohne Not einen perfekten Stonewall. Während der Lc8 eingesperrt ist, wird der Weiß Lf1-d3 spielen, Sg1-f3-e5, 0-0, und dann kann er sich am Königsflügel ausbreiten, ohne dass ihm der Schwarze dazwischengefunkt hätte.

Antwort 31

Der Schwarze hat erkannt, dass seine Chancen eher am Damenflügel liegen, während der Weiße eher am Königsflügel angreifen wird. Leider zieht er die falschen Schlüsse daraus und hilft wieder einmal dem Weißen.

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Vordergründig betrachtet, gewinnt …c5-c4 ein wenig Raum. Vor allem aber legt es die Stellung auf absehbare Zeit fest. Schwarz wird ewig brauchen, bis er zum Beispiel …b7-b5-b4xc3 gespielt hat und dann Spiel gegen den c3-Bauern (die „Basis der Bauernkette„, Aaron Nimzowitsch) oder auf der b-Linie organisiert hat. Weiß kann sich derweil ungestört ausbreiten, entweder e3-e4 durchdrücken und/oder am Königsflügel vorangehen. …c5-c4 macht die Partie zu einem Spiel auf ein Tor.

…a7-a6 in Verbindung mit …c5-c4 ergibt keinen Sinn, der Zug verliert Zeit, sonst nichts. …b7-b5 kann Schwarz auch so spielen, und auf a6 leistet der Bauer nichts.

In guter Gesellschaft: Stockfish hat neulich denselben Fehler gemacht

Wir könnten jetzt zu einem langen Vortrag ansetzen, wie schlecht …c5-c4 ist, aber das haben wir neulich schon, als im Match AlphaZero versus Stockfish Letzterer in einer ähnlichen Stellung den Stümperzug …c5-c4 ausführte und sich für absehbare Zeit jeglichen Gegenspiels beraubte.

Wer nicht so recht einsehen mag, wie schlecht …c5-c4 ist, dem sei die Lektüre dieser Partieanalyse empfohlen: Französisches Desaster für Stockfish gegen AlphaZero.

Wer generell Strukturen und die dazugehörigen Pläne ein bisschen besser verstehen möchte, der begibt sich in ein Buchgeschäft seiner Wahl und kauft das großartige „Chess structures – a grandmaster guide“ von Großmeister Mauricio Flores Rios. Die Rezension auf dem nicht minder großartigen Youtube-Kanal von IM John Bartholomew findet sich hier.

Antwort 32

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1.Sd4xb5! gewinnt Material

Antwort 33

 

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Schwarz ist am Drücker, aber Weiß kann einen versteckten Rettungsanker auswerfen. Nach 1.Th6xh7!! bleibt er in der Partie. Zum Beispiel nach 1…Kg8xh7 2.Df2-h4+ Tg5-h5 hat er 3.Dh4xd8, das war nicht ganz einfach zu sehen.

Eröffnungstraining?

„Ich muss was an meinen Eröffnungen machen“, klagen die Kameraden mit schöner Regelmäßigkeit, wenn wieder eine Partie verloren gegangen ist (und das stets aus Gründen, die mit der Eröffnung nichts zu tun haben).

„Musst Du nicht“, möchten wir den Klagenden zurufen, sie anschreien gar, würden wir zur Aggression neigen. „Hör lieber auf, Figuren einzustellen, dann gewinnst du!“

Für Amateure ist Eröffnungsstudium Zeitverschwendung, insbesondere dann, wenn der Amateur Zugfolgen auswendig lernt, anstatt zu versuchen, Strukturen und die dazugehörigen Pläne zu verstehen.

Die Eröffnung zu spielen, ist ja ganz einfach: Figuren entwickeln, König in Sicherheit bringen, Zentrum beherrschen und zwischendurch immer mal dem Gegner dazwischenfunken, damit der sich nicht harmonisch aufstellen kann. Wer das beherzigt, ist auf der sicheren Seite, in der Bodenseeliga allemal.

Einerseits.

Andererseits fällt auf, dass die Überlinger Jugendlichen in drei von vier Partien dieselbe, seit Jahrhunderten bekannte und tief erforschte Stellung auf dem Brett haben. Fast immer beginnt die Partie mit 1.e2-e4 e7-e5 2.Sg1-f3 Sb8-c6 3.Lf1-c4, und dann steht es so:

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Neulich bei Konstantinos (Weiß) ging es weiter mit 3…Sg8-f6 4.c2-c3, und dann stand es so:

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Neulich bei Dominik (Schwarz) ging es weiter mit 3…Lf8-c5 4.c2-c3 d7-d6, und dann stand es so:

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Als Konstantinos neulich beim Training diese Stellung sah:

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sagte er: „Klar, kenn ich, da schlägt Weiß auf f7.“

Frage 25

Brauchen die Jungs ausnahmsweise eine kleine Einheit Eröffnungstraining?