Aktiv spielen! (III)

Im Beitrag „Aktiv spielen!“ haben wir uns neulich über Schachweltmeister Magnus Carlsen lustig gemacht. Der Norweger hatte 2016 im WM-Match gegen Sergej Karjakin einen angegriffenen Turm auf ein merkwürdiges Feld gestellt.

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Für uns sieht das schlicht so aus, als wäre das ein dämlicher Zug, steht der Turm auf e2 doch dem Lf1 und der Dame im Weg. Läufer und Dame wären aktiver, stünde nicht dieser dösige Turm dazwischen.

In Wahrheit verstehen wir schlichtweg nicht genug vom Schach, um die Tiefe eines solchen weltmeisterlichen Zuges zu erfassen. Wir müssen ja erst einmal alle fundamentalen Konzepte begreifen und in der Praxis erproben, bevor wir später vielleicht einmal anfangen können, wissentlich gegen sie zu verstoßen.

Als wolle er Patzer wie uns verhöhnen, führte Magnus neulich beim Turnier in Shamkir ein ähnlich krummes Manöver aus.

Magnus Carlsen – Radoslaw Wojtaszek, Shamkir 2018

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Fünf Züge sind gespielt, und der Weltmeister hat schon drei Mal seine Dame gezogen. Nun ist sie auf einem Feld gelandet, wo sie den Lc1 einsperrt.

Nee, nee, von so etwas wollen wir nichts wissen. Wir fassen weiterhin unsere Dame zu Beginn der Partie nicht an, ziehen nicht mehrfach mit irgendwelchen Figuren herum, sondern versuchen stattdessen, zu Beginn alle unsere Leichtfiguren ins Spiel zu bringen, und das möglichst aktiv.

So wie neulich in Überlingen Schachfreund Alexander:

Alexander Daudrich – Helmut Möldner, Überlingen, April 2018

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Erst stellt er einen Bauern im Zentrum und verschafft seinem Lf1 freie Bahn. Gleich danach kommt der Läufer heraus, und das auf ein gleichermaßen aktives wie zentrales Feld.

Frage 75

Daran ist nun wirklich nichts auszusetzen – oder?

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WM-Vorschau nach dem Fernduell: Ein Kampf, spektakulär wie lange nicht

9:5 bei 17 Remis. Aus der Bilanz zwischen Magnus Carlsen und Fabiano Caruana können wir für den kommenden WM-Kampf zweierlei ableiten: Carlsen ist Favorit, und es wird ein umkämpftes Duell mit einer hohen Zahl an entschiedenen Partien. Schachfans dürfen sich auf das aufregendste WM-Match seit langem freuen – und auf das hochklassigste.

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WM-Herausforderer Fabiana Caruana. (Illustrationen: Willum Morsch/@WillumTM)

Die Formkurve beider Kontrahenten tendiert nach oben. Caruana zeigt sich vom Gewinn des Kandidatenturniers beflügelt und Magnus Carlsen angestachelt vom Umstand, dass nun ein Rivale auf ihn wartet, der konsequent nach Chancen suchen wird, ihn zu besiegen. Caruana wird das Match viel aggressiver angehen müssen als vor zwei Jahren Sergej Karjakin.

Nicht, dass Carlsen-Karjakin ein Langweiler gewesen wäre. Aber das WM-Match 2016 bezog seine Spannung in erster Linie daraus, dass es dem Außenseiter wider Erwarten gelang, den Weltmeister aus dem Gleichgewicht zu bringen.

Was Caruana am besten kann, unterscheidet sich deutlich von dem, was Karjakin am besten kann

Auf dem Brett war vergleichsweise wenig los. Karjakin tat, was er am besten kann: solide stehen, den Laden zusammenhalten, zäh verteidigen. Das tat er so gut, ging Carlsen derart auf die Nerven, dass der Norweger wackelte und wankte, bevor er sich schließlich in den Tiebreak rettete.

Auch Caruana wird gegen Carlsen in die Waagschale werfen, was er am besten kann. Seine herausragenden Qualitäten sind deutlich anders gelagert als die des Herausforderers von vor zwei Jahren. Auf Basis akribischer Eröffnungsvorbereitung sucht Caruana Ungleichgewichte, Dynamik, Zweischneidiges.

Die Entscheidung forciert der Amerikaner nach Möglichkeit schon im Mittelspiel, anders als Carlsen, der weniger fokussiert darauf ist, frühe Krisen zu provozieren. Der Weltmeister kann sich darauf verlassen, dass seine Intuition und Technik ihm Gewinnchancen bescheren, je länger die Partie dauert.

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Carlsen, der Pragmatiker: In Shamkir gegen Radoslaw Wojtaszek hätte Magnus Carlsen hier per 18.Sd5! forciert gewinnen können. Der Zug ist naheliegend für jeden, der gelegentlich einen offenen Sizilianer auf dem Brett hat, aber die konkreten Folgen sind alles andere als leicht zu berechnen. Natürlich hatte Carlsen Sd5 gesehen, aber er wollte nicht einen erheblichen Teil seiner Bedenkzeit investieren, da er auch so gut steht. Also spielte er schnell 18.g4?!, das den weißen Vorteil nur verwaltet, anstatt ihn zu vergrößern.
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Caruana, der Konkrete: Weiß hat forcierte Möglichkeiten wie 16.Lg5 oder 16.Se5, um seinen Angriff gegen den schwarzen König ins Rollen zu bringen. Er kann auch per 16.Se2 erst einmal dem schwarzen Gegenangriff den Schwung nehmen. Caruana steckte mehr als eine halbe Bedenkzeit ins Geschäft, um den präzisesten Zug auszutüfteln. 16.Df2! ignoriert schwarzes …b5-b4-b3 und setzt darauf, dass Weiß schneller sein wird, zu Recht. Weiß gewinnt.

Falls Du die kompletten Partien inklusive Kommentare sehen willst:

Abseits aller Theorie: Carlsen-Wojtaszek, Shamkir 2018

Französisch-Lehrstunde: Caruana-Akobian, US-Meisterschaft 2018

Will Caruana das Match in London gewinnen, muss er einen Tiebreak vermeiden. Im Schnellschach wäre er Carlsen ebenso wenig gewachsen, wie es vor zwei Jahren Karjakin war. Er muss Carlsen über zwölf reguläre Partien besiegen, und das bedeutet, dass er Risiken wird eingehen müssen.

Kein Problem für Caruana, denn das tut er ohnehin. Aber es bleibt die Frage, ob seine gerühmte Eröffnungsvorbereitung auch in diesem Fall greifen wird, oder ob sie verpufft. Konkrete Vorbereitung auf einen Spieler, der Konkretes gerne vermeidet (aber nicht prinzipiell, siehe Giri-Carlsen, Shamkir) – alles andere als eine einfache Aufgabe.

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Der Weltmeister: Magnus Carlsen

Caruanas über die Jahre gewachsenen Stabilität wird ihm helfen, sollte er früh zurückliegen. Das war schon im Kandidatenturnier zu sehen, als Caruana zwei Runden vor Schluss gegen Karjakin die Partie und die Tabellenführung verlor. Déja-vu? Nein, Caruana kam stark zurück, gewann die finalen beiden Partien und das Turnier mit einem Punkt Vorsprung.

Immun gegen Rückschläge oder übersteigertes Selbstbewusstsein ist Caruana gleichwohl nicht. Bei der US-Meisterschaft überzog Caruana seine Weißpartie gegen Zviad Izoria auf derart absurde Weise, dass es nur damit zu erklären ist, dass er sich nach seiner jüngsten Erfolgsserie unbesiegbar fühlte. Derart durchgeschüttelt, wartete Caruana am nächsten Tag gegen Sam Shankland mit einer ähnlich absurden „Neuerung“ auf, die ihm einen Minusbauern ohne Kompensation bescherte. Aber dann riss er sich zusammen, hielt die Partie und legte ein weiteres Turnier mit einer 2.800+-Performance hin.

Seit dem Kandidatenturnier spielt Caruana fast ohne Pause. Aus Berlin reiste er weiter nach Karlsruhe zum Grenke Classic und verkündete keck, er wolle nun dem Weltmeister „eine Botschaft“ senden. Wie die aussah, kann sich jeder anhand der Schlusstabelle anschauen. Caruana auf Platz eins, einen Zähler vor Magnus Carlsen.

Aus Deutschland reiste der eine gen Westen zur US-Meisterschaft, der andere gen Osten zum Superturnier im aserbaidschanischen Shamkir. Während Carlsen in Shamkir nicht glänzend, aber routiniert gewann, blieb Caruana bei seiner nationalen Meisterschaft nur Platz zwei.

Die Twitter-Frotzelei des Weltmeisters folgte unmittelbar:

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Aber natürlich war auch Carlsen nicht entgangen, dass Caruana in Saint Louis wieder ein herausragendes Turnier absolviert hat, das dritte in Folge. „Plus fünf“ sollte unter normalen Umständen bequem zum Sieg reichen, nur tat es das in diesem Fall nicht, weil Sam Shankland das Turnier seines Lebens spielte.

Nach dem Fernduell werden sich die beiden nun wieder direkt miteinander messen. Am 27. Mai beginnt das Altibox-Turnier in Norwegen, eine weitere Gelegenheit für die Kontrahenten, einander Botschaften zu senden.

Vorsicht, Grautöne und Nebengeräusche: die Lehre vom schlechten Läufer

Die Lehre vom schlechten Läufer ist ein heißer Kandidat für das überstrapazierteste aller Schach-Konzepte, etwa gleichauf mit dem Abtauschgebot für Spieler, die Material gewonnen haben.

Das Konzept ist vermeintlich einfach zu verstehen: Sind Bauern auf der Farbe des Läufers festgelegt, macht das den Läufer schlecht, weil die Bauern seinen Wirkungskreis beschränken. Das gilt vor allem, wenn Bauern im Zentrum festgelegt sind.

Wer sein Schachbuch aufschlägt, um sich das Thema genauer anzuschauen, der wird bald bestätigt in der Annahme, dass die Angelegenheit ganz einfach ist. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird im Schachbuch die berühmte Partie Sir George Alan Thomas – Alexander Aljechin, gespielt in Baden-Baden 1925, zu finden sein. Dort stand es nach 37 Zügen so:

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Ein glasklarer Fall ohne Grautöne und Nebengeräusche. Der Läufer des Weißen ist zum Großbauern degradiert. Er verharrt passiv hinter seinen Bauern, die Aljechin auf den schwarzen Feldern festgelegt hat.

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Alexander Aljechin

Für den Moment hält der Weiße seinen Laden zusammen, aber er kann nichts weiter tun als zuzuschauen, wie die schwarzen Figuren seine Bastion umschwirren und mal hier, mal da einen Nadelstich setzen. Wie Aljechin immer neue Wege fand, den Druck nach und nach zu vergrößern, bis der Weiße kollabierte, gilt heute als Lehrbeispiel für so ein Szenario.

Sind Bauern(ketten) im Zentrum auf der Farbe des Läufers festgelegt, ist eine entscheidende Frage, ob der Läufer vor die Bauernkette gelangen kann oder dahinter eingesperrt bleibt. Davon hängt zum Beispiel in Stonewall-Strukturen oft ab, wie die Stellung zu bewerten ist.

vorsicht

Leider lässt sich beim Schach eine Position und ihre Bewertung selten auf ein Konzept reduzieren. Meistens spielen mehrere eine Rolle, und dann tritt gelegentlich der Fall ein, dass laut Buch zwar ein „schlechter Läufer“ auf dem Brett steht, das Konzept aber allenfalls eine Randerscheinung ist.

Hier zum Beispiel:

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Die Stellung sollte Dir bekannt vorkommen. Sie stammt aus der Partie Winter – Capablanca, die wir unlängst gesehen haben, um das Konzept der eingesperrten Figur zu beleuchten.

Oberflächlich betrachtet hat sich der Schwarze einen schlechten Läufer eingehandelt, alle Bauern sind auf Schwarz festgelegt. Aber wer genauer hinschaut, der sieht, dass sich vor allem der Weiße einen Minusläufer eingehandelt hat. Der arme Geselle auf g3 spielt schlicht nicht mit, und Schwarz erfreut sich am Damenflügel einer Mehrfigur. Tatsächlich steht Weiß auf Verlust.

Oder hier:

Sergej Karjakin – Ding Liren, Kandidatenturnier 2018

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Schachfreund Ding Liren hat gerade mit …g7-g5 noch einen Bauern auf die Farbe seines Läufers gestellt. Obendrein ist die Stellung blockiert, insofern könnten wir annehmen, dass der Springer des Weißen dem schlechten Läufer des Schwarzen erst recht überlegen ist.

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Ding Liren

Nur ist die Stellung so blockiert, dass am Damenflügel und am Zentrum nichts mehr geht. Nur am Königsflügel mag noch die eine oder andere Dynamik aufflammen, und wenn dort jemand die Initiative übernehmen und Angriff bekommen sollte, dann der Schwarze.

Obendrein bedarf es für den weißen Springer diverser Klimmzüge, um auf sein Traumfeld d5 zu gelangen. Aber sobald er da steht, wird ihn der vermeintlich schlechte Ld8 wirksam kontrollieren. Jedes Feld im schwarzen Lager, auf das der Springer springen könnte, bestreicht der Schwarze mit seinem Läufer.

Was auf den ersten Blick aussieht, als habe sich der Schwarze eine strategisch minderwertige Stellung eingehandelt, ist tatsächlich höchst unklar. Weiß muss präzise vorgehen, um die schwarzen Ambitionen am Königsflügel zu neutralisieren. In der Partie geriet Karjakin gar in Verlustgefahr.

Oder hier:

Jürgen Lerner – Manfred Siems, Überlingen 2018

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Der Schwarze hat sich redlich Mühe gegeben, jeden Anflug von Aktivität zu vermeiden, ebenso wie es der Weiße vermieden hat, ihn dafür energisch zu bestrafen. Noch hat Weiß ein bisschen Raumvorteil, aber der Schwarze hat mehrere Optionen, eigenes Territorium abzustecken, in erster Linie …e6-e5.

Der La8 ist zwar hinter seinen Bauern eingesperrt, aber noch stehen sich die Phalanxen flexibel gegenüber, so dass ungeklärt ist, ob der Läufer als schlechter Läufer enden wird, oder ob sich ihm womöglich die lange Diagonale öffnet, auf der übers Brett strahlen könnte.

Frage 66

Wenn Weiß hier noch etwas reißen will, nachdem er dem Schwarzen per Turmtausch Entlastung gewährt hat, dann muss er jetzt aufhören, verschämt auf seiner Bretthälfte hin- und herzuziehen, und endlich mal einen Pflock einschlagen.

Welchen?

Frage 67

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Huch, e5 hängt.

Wie geht’s weiter?

Frage 68

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Ach ja, wir wollten die künftige Rolle des La8 definieren.

Wie geht das?

Frage 69

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Bevor wir die schwarze Bastion erstürmen und/oder die Schwächen des Schwarzen belagern, müssen wir erstmal auf c5 zurückschlagen.

Wie?

Frage 70

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Schwarz blockiert unseren gedeckten Freibauern und will sich ein wenig Luft verschaffen.

Wie?

Und wie verhindern wir das?

Zu den Antworten geht’s hier

Kasparow zum WM-Match: „Magnus Carlsen ist verwundbar“

5:9 bei 16 Remis, Fabiano Caruanas Bilanz gegen Magnus Carlsen.

„In erster Linie ist das eine kämpferische Bilanz“, sagt der russische Weltranglisten-14. Peter Svidler, der das Kandidatenturnier als gefeierter Kommentator begleitet hat. Caruana habe oft genug gezeigt, dass er Carlsen in Bedrängnis bringen kann. „Und Magnus hat beim WM-Match 2016 gezeigt, dass er verwundbar ist“, assistiert Exweltmeister Gary Kasparow. Die beiden russischen Schachgiganten glauben an Caruanas Chance im Titelmatch gegen den Weltmeister.

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Exweltmeister Gary Kasparow orakelte per Skype auf dem St.-Louis-Schachkanal über Fabiano Caruanas Chancen im WM-Match gegen Magnus Carlsen.

Der heute in erster Linie als politischer Kommentator, Autor und Aktivist tätige Kasparow hat das Kandidatenturnier in Berlin natürlich verfolgt. Caruana habe am solidesten gespielt, Chancen genutzt, wenn sie sich boten, und er habe nach seiner einzigen Niederlage im Turnier mit einem Sieg am nächsten Tag gezeigt, dass er zurückkommen kann. „Eine ganz wichtige Qualität.“

„Caruana ist besser als Karjakin“

Magnus Carlsen werde beim WM-Match der Favorit sein. „Aber Caruana ist besser als Sergej Karjakin, und schon gegen den hatte Carlsen Mühe“, sagt Kasparow.  Caruana müsse sich gewissenhaft vorbereiten, in Topform ins Match gehen, solide und hartnäckig spielen wie jetzt in Berlin und seinen Rhythmus finden. „Dann hat er Chancen.“

Für das amerikanische Schach erwartet Kasparow nach Caruanas Sieg einen weiteren Schub. „Es ist ja nicht mehr wie zu Bobby Fischers Zeiten, als aus der Wüste ein einzelnes Genie erwuchs.“ Caruanas Erfolg stehe stellvertretend für den amerikanischen Schachaufschwung.

Seitdem Mäzen Rex Sinquefield St. Louis zur Schachstadt gemacht hat, ist in den USA einiges in Bewegung. An Schulen und Universitäten blüht der Sport, in der Weltrangliste stehen drei Amerikaner in den Top Ten und zahlreiche Talente dahinter auf dem Sprung. Wenn nun Fabiano Caruana ein gutes WM-Match gegen Carlsen spiele, könne das das US-Schach noch einmal auf ein höheres Level hieven, insbesondere in der öffentlichen Wahrnehmung.

Kandidaten-Schlaglicht (II): AlphaGrischuk auf Topalows Spuren

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Schach auf der Titelseite der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, das gab es zuletzt am 24. Januar 2008. Beim alljährlichen Superturnier in Wijk an Zee hatte Weselin Topalow Vladimir Kramnik mit einem spektakulären Springeropfer überrumpelt.

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Veselin Topalow

12.Se5xf7, ein Zug in einer bekannten Stellung aus dem Anti-Moskau, den zuvor niemand ernsthaft in Betracht gezogen hatte. Als Gegenwert für die Figur bekommt Weiß einen Bauern und exponiert den schwarzen König ein wenig.

„Das kann nicht genug sein“, dachte jeder, bis Topalow an eben jenem 24. Januar den Springer auf f7 hineinprügelte und gegen keinen Geringeren als den russischen Exweltmeister (und seinen Erzfeind) eine glänzende Partie gewann.

Sergej Karjakin fand das Gegengift

Topalow war aufgefallen, dass Weiß eben doch ein bisschen mehr bekommt als einen Bauern und einen im Zentrum festgenagelten schwarzen König. Nach 12…Ke8xf7 folgt 13.e4-e5, dann Sc3-e4-d6+, und dieser auf d6 mitten im schwarzen Lager eingepflanzte Gaul hemmt die schwarze Koordination erheblich.

Natürlich haben sich sofort die Schach-Analysten auf Topalows Springeropfer gestürzt, und recht bald war ein Gegengift gefunden. Auf dem Brett demonstrierte als erster Verteidigungsminister Sergej Karjakin, was Schwarz zu tun hat:

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16.Le2-g4 mit der Drohung Dd1-c2-g6

Zu dieser Stellung kommt es nach 12.Se5xf7 praktisch immer. Weiß zieht 16.Le2-g4, und das beinhaltet eine nicht offensichtliche, aber umso kräftigere Drohung. Gegen fast jeden schwarzen Zug (16…Ta8-f8 zum Beispiel) wird Weiß 17.Dd1-c2 nebst 18.Dc2-g6 folgen lassen, und dann hängt es bei Schwarz an allen Ecken und Enden. Der Nachziehende steht vor einem kaum zu überwindenden Berg von Problemen

16…h6-h5 ist das Gegengift, zuerst gespielt von Sergej Karjakin im Juni 2008 gegen Alexei Schirow. Schwarz gibt einen Bauern, um die weiße Koordination zu stören, so dass Weiß nicht zu Dd1-c2-g6 kommt. Die Partie endete zwar nach gewaltigen Komplikationen remis, aber seitdem hat kein Großmeister sich mit Weiß auf 16…h6-h5 eingelassen.

Zwar bleibt die Stellung hochkompliziert, aber objektiv kämpft Weiß schon ums Remis. Ein Blick in die Fernschach-Datenbank zeigt, wie stark 16…h6-h5 ist:

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Gegen 16…h6-h5 hat Weiß im Fernschach 3,5/10 geholt.

Wie Alexander Grischuk sich auf Ding Liren vorbereitete

Als sich in den vergangenen Monaten Alexander Grischuk auf das Kandidatenturnier in Berlin vorbereitete, wird ihm nicht entgangen sein, dass Ding Liren sein Schwarzrepertoire ab 2016 von dynamisch/riskant auf solide umgestellt hat, also zu der Zeit, als der Chinese begann, sich in der Weltklasse zu etablieren. Gegen 1.e2-e4 zieht er jetzt …e7-e5 (aber spielt kein Russisch wie seine Landsleute), gegen 1.d2-d4 kommt Nimzo-Indisch oder Damengambit/Halbslawisch.

Weil Ding Liren sein Eröffnungsrepertoire erst vor kurzem auf Weltklasse umgestellt hat, ist es wahrscheinlich das schmalste aller acht Teilnehmer. Wer gegen Chinas ersten Kandidaten eine bestimmt Stellung ansteuern möchte, der hat gute Chancen, sie tatsächlich zu erreichen. Zum Beispiel diese:

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Die Grundstellung des Anti-Moskau, ein vertracktes Biest, das vor allem im Fernschach debattiert wird. Schwarz hat einen Bauern mehr, aber angesichts seiner Lockerungsübungen auf Damen- und Königsflügel keine gute Option für seinen König. Nur kommt Weiß an den nicht so leicht heran, weil die vorgerückten schwarzen Bauern auch das weiße Spiel behindern.

Grischuk wird sich unter anderem angesehen haben, wie Ding Liren 2016 in St. Louis im Anti-Moskau von Hikaru Nakamura abgefertigt worden ist. Mit der Eröffnung hatte das zwar wenig zu tun, aber damit, dass Ding in einer unorthodox-verwickelten Stellung, die beiderseits für Menschen kaum navigierbar ist, als erster danebengriff.

Nakamura war besser vorbereitet, besser vertraut mit all den schrägen Motiven und konkreten taktischen Verwicklungen im Anti-Moskau, die sich (ähnlich wie im Botwinik-System oder im Winawer-Franzosen) generellen schachlichen Erwägungen entziehen

Und schon hatte Grischuk ein Konzept gefunden, wie sich Ding Liren besiegen lässt: die Verwicklungen des Anti-Moskau ansteuern, konkreter vorbereitet sein und darauf setzen, dass Ding zuerst fehlgreift. Jetzt musste er sich nur noch für einen der zahlreichen weißen Aufbauten entscheiden.

„AlphaZero hat mir 16.a2-a4 empfohlen“

An dieser Stelle beginnt der beeindruckende Part seiner Vorbereitung, der zeigt, wie unabhängig Alexander Grischuk denkt. Anstatt die jüngst ausgetretenen Pfade nach neuen Ideen abzusuchen, hat er sich Topalows altes Springeropfer noch einmal vorgenommen. Er fand heraus, dass Weiß gar nicht das auch im Fernschach bislang ausschließlich gespielte 16.Le2-g4 ziehen muss. Weiß kann die Angelegenheit trotz Minusfigur mit 16.a2-a4 ruhiger angehen.

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AlphaZero habe ihm den Zug empfohlen, scherzte Grischuk in der Pressekonferenz nach der Partie. „Stockfish hasst a2-a4″, ergänzte er noch, eine Lüge – oberflächlich betrachtet. Zwar bewertet Stockfish 9 bei (Suchtiefe 46) 16.a2-a4 als besten Zug mit 0,00, aber Grischuk spielte auf das Konzept dahinter an.

Von AlphaZero hat die Schachwelt gelernt, dass Material in höherem Maße nur ein Faktor von vielen ist, als wir bislang dachten. Nicht nach Mehrbauern, sondern nach positioneller Dominanz strebte AlphaZero in seinen Gewinnpartien. Die Maschine gab freudig Material her, so lange sie nur ihren Gegner eisern umklammert halten konnte, so lange dieser keine Möglichkeit hatte, seine Truppen zu koordinieren und befreien. Genau dieses Konzept befolgte Alexander Grischuk in der Partie gegen Ding Liren:

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Der Springer auf d6 ist so dominant, und Schwarz hat so große Schwierigkeiten, Spiel zu finden, dass Weiß trotz Minusfigur in aller Ruhe 20.Kg1-h1 spielen und f2-f4 vorbereiten kann. AlphaZero würde angesichts des weißen Spiels entzückt mit der Zunge schnalzen, wenn es denn eine hätte.

Nur spielte hier Mensch gegen Mensch, und Grischuk passierte ein typisch menschlicher Lapsus. Nachdem er mehr als 20 Züge Vorbereitung mehr oder weniger heruntergeblitzt hatte, unterlief Ding Liren unter Zeit- und positionellem Druck ein erster grober Fehler. Aber Grischuk war noch nicht recht warm und übersah beim ersten selbstständig zu findenden Zug die Gewinnmöglichkeit, die ihm der Chinese offenbart hatte.

Ding Liren befreite sich nach und nach, gewann gar die Oberhand, aber die Lage blieb hochkompliziert. Am Ende einer spektakulären Partie teilten die Kontrahenten den Punkt.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hat nicht berichtet – zumindest nicht auf der Titelseite. Online berichtet die Zeitung in ihrem Schachblog über das Kandidatenturnier, und dort fand auch die Partie Grischuk-Ding ein prominentes Plätzchen.

Aktiv spielen!

Magnus Carlsen – Sergej Karjakin, WM-Match, New York 2016

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Carlsens Zug Te5-e2 sieht auf den ersten Blick komisch aus, versperrt der Turm auf e2 doch seinem Lf1 und der Dd1 den Weg. Nach der Partie erklärte Carlsen grinsend: „Eigentlich wollte ich Te1 spielen, aber dann ist mir der Turm aus der Hand gefallen und auf e2 gelandet.“

Ist klar, Magnus. Statt eines plötzlichen Schwächeanfalls war es wohl eher ein tiefes Konzept (…b7-b6 provozieren), das den Weltmeister veranlasste, den Turm nach e2 zu beordern.

Als neulich die zweite Überlinger Mannschaft in der Bezirksklasse zum Heimspiel antrat, sahen die erstaunten Schlachtenbummler schon nach wenigen Minuten einen kollektiven Schwächeanfall:

Ramadan Deliu – Günther Deschner, Dezember 2017

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Albert Sarafian – Elmar Streicher, Dezember 2017

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Martin Büchsel – Solange Sarafian, Dezember 2017

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Wenn nun einer der drei Herren erklärt hätte, dass er eigentlich einen aktiven Zug machen wollte, aber dann sei ihm leider, leider der Läufer aus der Hand geplumpst, vielleicht hätten wir das geglaubt. Aber alle drei?

Frage 40

Wir müssen nicht darüber streiten, ob sich ein Läufer womöglich aktiver und wirksamer als auf e2 postieren lässt. Aber das dreifache Lf1-e2 ist hier von unterschiedlicher Qualität.

In zwei Fällen war es schlicht schlampig und ungenau, in einem ein ernsthafter Fehler. Welcher ist das?

Zu den Antworten geht es hier.