EM-Splitter: Königsgambit? Bist Du Masochist oder Melancholiker?

Wer ernsthaft das Königsgambit spielt, der hat entweder eine ausgeprägte romantische Ader oder neigt zum Masochismus. Objektiv betrachtet, kämpft Weiß nach 1.e2-e4 e7-e5 2.f2-f4 um Ausgleich. Subjektiv juchzen die Melancholiker, sobald die antike Eröffnung auf einem modernen Brett steht.

Bildergebnis für falko bindrich
GM Falko Bindrich.

Eine Europameisterschaft bietet allemal einen ernsthaften Anlass, ernsthafte Eröffnungen zu spielen. Allein deswegen ist die Eröffnungswahl des jungen russischen IM Saveliy Golubow für seine Zweitrundenpartie gegen Falko Bindrich schwer nachzuvollziehen. Eine Lücke in Bindrichs Repertoire kann er nicht erspäht haben; Bindrich wurde in einer Turnierpartie noch nie mit dem Königsgambit konfrontiert. Überlegene Erfahrung mit den entstehenden, kruden Stellungen kann es auch nicht gewesen sein. Golubow hatte bis zu dieser Partie noch nie Königsgambit gespielt.

Warum auch immer, es geschah 1.e2-e4 e7-e5 2.f2-f4. Bindrich täuschte mit 2…d7-d5 das Falkbeer-Gegengambit an, mochte aber nach 3.e4xd5 nicht mit 3…e5-e4 auf Paul Morphys und Ernst Karl Falkbeers Spuren wandeln.

Moderne Schachmeister ziehen stattdessen 3…e5xf4, was gewöhnlich mit 4.Sg1-f3 beantwortet wird. Damit wäre die Könisgambit-Hauptvariante erreicht, das Königsspringergambit, und es folgt ein Berg Theorie. Die Idee der schwarzen Zugfolge ist, alles zu vermeiden, was mit 2…e5xf4 3.Lf1-c4 zu tun hat.

Golubow griff stattdessen zu einer (zweifelhaften?) Idee, die sein Landsmann Boris Sawtschenko mehrfach versucht hat: 4.Dd1-f3, und von da an war es ein Königsgambit Marke Eigenbau.

königsgambit1.jpg

Nach 4…Sg8-f6 5.Sb1-c3 Lf8-d6 6.d2-d4 0-0 7.Lc1xf4 Lc8-g4 8.Df3-f2 Tf8-e8+ 9.Sg1-e2 stand Schwarz mehr als angenehm.

königsgambit2.jpg

Anstatt den Druck aufrecht und Material auf dem Brett zu halten (9…Ld6-b4) entschied sich Bindrich für eine lange, forcierte Abwicklung, um sich sofort den Minusbauern zurückzuholen.

Wahrscheinlich hatte er angenommen, dass er nach 9…Ld6xf4 10.Df3xf4 Lg4xe2 11.Lf1xe2 Sf6xd5 12.Sc3xd5 Dd8xd5 13.Df4-f2 Nb8-c6 14.c2-c3 Dd5-b5

königsgambit3.jpg
b2 hängt, …Sc6xd4 droht. Sieht eigentlich gut aus für Schwarz.

…den weißen König weiter im Zentrum festnagelt. Außerdem hängt b2, und es droht …Sc6xd4 nebst …Te8xe2+ und …Ta8-e8. Wie soll sich Weiß dagegen verteidigen, könnte man fragen.

Leider hatte der deutsche Großmeister einen taktischen Schuss übersehen, der die Partie wendete.

Was zog Weiß?

Advertisements

EM-Splitter: das bayerische Gambit in der Krise

berchtenbreiter
IM Maximilian Berchtenbreiter

Die jungen deutschen IM Maximilian Berchtenbreiter und Felix Graf kennen einander. Beide stammen aus Bayern, beide zählten vor nicht allzu langer Zeit zu den herausragenden Jugendlichen in Schachdeutschland.

Da liegt es nahe zu vermuten, dass Felix Graf Maximilian Berchtenbreiter mit einer seiner französischen Vorlieben infiziert hat, einem Gambit Marke Eigenbau im Tarrasch-Franzosen mit 3…Sg8-f6, um das sich der junge deutsche Schachmeister fast im Alleingang verdient macht.

bayern1.jpg

6…b7-b5 spielt Felix Graf regelmäßig und mit Erfolg. Zu den Opfern seines bayerischen Gambits zählt unter anderem der kanadische Großmeister Eric „Chessbrah“ Hansen, der 2013 in der Bundesliga (Wattenscheid gegen Bayern München) kein rechtes Mittel gegen 6…b7-b5 fand.

graf.jpg
IM Felix Graf

Bei der EM in Batumi musste das bayerische Gambit in der ersten Runde am Brett von Maximilian Berchtenbreiter einen weiteren Härtetest bestehen. Dem Deutschen gegenüber saß der englische GM Gawain Jones, der nach zwei Turnieren der anderen Art in Batumi wieder in den Alltag eines Schachprofis zurückkehrt.

Sein Jahr begonnen hatte Jones mit einem Ausflug in die Weltspitze in der A-Gruppe des Tata-Steel-Turniers in Wijk an Zee, von dem unglücklicherweise vor allem in Erinnerung blieb, dass Jones eine Mehrfigur gegen Magnus Carlsen nicht ausreichte, um die Partie zu gewinnen. Dass er im Kreise der 2.700+-Giganten eine ordentliche Vorstellung ablieferte, ist längst vergessen. Danach reiste Jones zum Spaßturnier im irischen Bunratty, das nicht Elo-gewertet wird, um den Guinness-Konsum der Teilnehmer anzukurbeln.

Nun also wieder die Mühsal der Ebene, und die begann für Jones mit einer Weißpartie gegen Maximilian Berchtenbreiter, der ihm sogleich das bayerische Gambit vorsetzte.

bayern2.jpg

Diese Stellung nach 7.Lxb5 Db6 8.Da4 a6 9.Ld3 cxd4 10.cxd4 Sc6 11.Se2 Sb4 12.Lb1 a5 könnte eine Grundstellung der Variante sein, würde sie denn öfter gespielt. Felix Graf hatte die Stellung zwei Mal auf dem Brett, außerdem gab es sie sein ein Mal in einer Partie in einer bayerischen (!) Amateurliga. Und jetzt Jones-Berchtenreiter.

jones.jpg
GM Gawain Jones

Auf jeden Fall wird deutlich, dass nicht übermäßiger Konsum von Weißbier zu 6…b7-b5 geführt hat, sondern dass eine Idee dahintersteckt. Die weißen Truppen sind nahe der Grundlinie versammelt, Schwarz hat sich derweil am Damenflügel ordentlich ausgebreitet, plant, mit …Lc8-a6 seinen weißfeldrigen Läufer ins weiße Lager spähen zu lassen, und hat obendrein den d4-Bauern fest im Blick. Stünde der Lf8 schon auf e7 und hätte Schwarz schon rochiert, dann hätte er mehr als genug Kompensation für den Bauern. Aber dass Schwarz selbst einige Schwierigkeiten hat, seinen Monarchen in Sicherheit zu bringen, zeigt die Zweischneidigkeit des schwarzen Konzepts.

Allemal sollte Weiß jetzt nicht voreilig rochieren, dann folgt …Lc8-a6, und Schwarz kann zufrieden sein. Stattdessen entschied sich Jones, erst einmal den vorwitzigen Sb4 nach Hause zu schicken und dann dem bald auf a6 erscheinenden Läufer einen Opponenten entgegenzustellen.

Es folgte 13.a2-a3 Sb4-c6 14.Lb1-d3 Lc8-a6 15.Ld3xa6 Db6xa6

bayern3.jpg

Schachfreund Stockfish schlägt an dieser Stelle vor, Weiß solle seinen Mehrbesitz behaupten: 16.Sd2-b1!? Lf8-e7 17.Sb1-c3 0-0 18.0-0, aber das kostet genau die beiden Tempi, die Schwarz zur Rochade braucht. Schwarz hat Spiel am Damenflügel, gegen d4, und im weißen Lager klaffen weißfeldrige Löcher. Der Nachziehende solltest zumindest ganz nahe an voller Kompensation sein.

Gawain Jones entschied sich stattdessen, den Bauern zurückzugeben, sofort zu rochieren und dem Schwarzen die Frage zu stellen, wie der eigentlich seinen König in Sicherheit zu bringen gedenkt. Nach 16.0-0 Sc6xe5 17.d4xe5 Dxe2 18.Sd2-f3 plagt die Fesselung auf der Diagonalen a4-e8 den Schwarzen nämlich mehr denn je, und es ist nicht klar, wie es nun weitergehen soll.

bayern4.jpg

Das von der Maschine eingeforderte und laut Stockfish zu annäherndem Ausgleich führende 18…De2-c4 führt stattdessen nach 19.Da4xc4 d5xc4 zu einem für den Weißen zwar nur ganz leicht besseren, dafür praktisch sehr angenehmen Endspiel, in dem er für lange Zeit den Schwarzen an seinem strukturellen Defizit wird leiden lassen können.

Felix Graf hatte diese Stellung auch schon auf dem Brett, und wie Berchtenbreiter spielte er 18…Lf8-c5?!. Nur steckt Schwarz nach 19.b2-b4 in erheblichen Schwierigkeiten. Jones fuhr in der Folge mit sicherer Hand seinen ersten vollen Punkt des Turniers ein.

Nach unserer Einschätzung erlebt das bayerische Gambit gerade eine Krise. Mögen Berchtenbreiter und Graf schnellstens die heimische Analyseküche aufsuchen, um ein Rezept gegen Jones‘ Spielweise auszuhecken.

EM-Splitter: Daniel Fridman im Mattnetz

fridman
Daniel Fridman

Bei der Europameisterschaft 2017 in Minsk spielte Daniel Fridman eines der besten Turniere seines Lebens. Mit acht Punkten aus elf Partien schloss der deutsche Nationalspieler das Turnier auf Rang vier ab und sicherte sich souverän eines der 22 Tickets für den hoch dotierten World Cup.

Die Europameisterschaft 2018 in Batumi (Georgien) begann für Fridman am Samstag mit einem Nackenschlag. In der ersten Runde mit Weiß gegen den armenischen IM David Kalashian hatte sich der deutsche Großmeister einigen Raumvorteil erarbeitet, erfreute sich eines Mehrbauern, musste sich aber hartnäckigen, Wolga-artigen Gegenspiels erwehren. Und das war gar nicht so einfach zu neutralisieren, zumal mit heruntertickender Bedenkzeit.

Daniel Fridman (2.637) – David Kalashian (2.399), EM Batumi 2018

fridman1.jpg
Schwarz droht nicht wirklich etwas, denn den a3-Bauern lässt er besser stehen, wo er ist, will er nicht in einen Königsangriff geraten. Aber es ist gar nicht so leicht, dem Weißen einen Ratschlag zu geben, wie er nun seine Schwerfiguren verbinden, um die b-Linie kämpfen und den schwarzen Druck abschütteln soll. Mit 33.Tc1-c2? die Grundreihe aufzugeben und den König auf g3 zu verstecken, war jedenfalls ein Fehler.

Um seine Türme zu verbinden und von der zweiten Reihe aus um die b-Linie zu kämpfen, entschied sich Fridman, die Grundreihe aufzugeben und zog 33.Tc1-c2? Nur hatte sein Plan, den König derweil auf g3 in Sicherheit zu bringen, einen Haken: g3 ist alles andere als ein sicherer Hafen. Der weiße König zappelte sehr bald in einem versteckten Mattnetz, das aus der Ferne nur schwer zu erspähen gewesen war.

Es folgte 33…Tb3-b1+ 34.Kg1-f2 Tb1-h1 35.Kf2-g3 Th1-f1 36.Dd3-d2, und angesichts der Drohung Sc3-b5+ scheint bei Weiß alles in Ordnung zu sein. Aber tatsächlich steht Weiß auf Verlust.

fridman2.jpg
Das Abzugsschach Sc3-b5+ ist nur eine Pseudo-Drohung. Schwarz spielt 36…Sd7-e5!, und der weiße König zappelt in einem Mattnetz.

36…Sd7-e5! droht Matt auf f3, und guter Rat ist teuer. Nach 37.f4xe5 Lg7xe5+ 38.Kg3-g4 Da5-d8! (droht …Dd8-d7+ nebst Matt, die Hauptidee der schwarzen Mattattacke) muss Weiß dem Schwarzen sein investiertes Material mit üppigen Zinsen zurückzahlen. 37.Sc3-b5+ scheitert an 27…Da5xb5!, und auf f3 droht immer noch Matt.

Fridman wehrte sich noch 30 Züge, und Kalashian tat sich schwerer als nötig, aber am Ende stand auf Seite des Schwarzen ein voller Punkt und bei Weiß ein schlechter Start in das Turnier, in das er vor einem Jahr mit 4,5 Punkten aus 5 Partien gestartet war.

Daniel Fridman muss in Georgien jetzt Schweizer Gambit spielen.

Kandidaten-Schlaglicht (II): AlphaGrischuk auf Topalows Spuren

fazschach.jpg

Schach auf der Titelseite der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, das gab es zuletzt am 24. Januar 2008. Beim alljährlichen Superturnier in Wijk an Zee hatte Weselin Topalow Vladimir Kramnik mit einem spektakulären Springeropfer überrumpelt.

topalow.jpg
Veselin Topalow

12.Se5xf7, ein Zug in einer bekannten Stellung aus dem Anti-Moskau, den zuvor niemand ernsthaft in Betracht gezogen hatte. Als Gegenwert für die Figur bekommt Weiß einen Bauern und exponiert den schwarzen König ein wenig.

„Das kann nicht genug sein“, dachte jeder, bis Topalow an eben jenem 24. Januar den Springer auf f7 hineinprügelte und gegen keinen Geringeren als den russischen Exweltmeister (und seinen Erzfeind) eine glänzende Partie gewann.

Sergej Karjakin fand das Gegengift

Topalow war aufgefallen, dass Weiß eben doch ein bisschen mehr bekommt als einen Bauern und einen im Zentrum festgenagelten schwarzen König. Nach 12…Ke8xf7 folgt 13.e4-e5, dann Sc3-e4-d6+, und dieser auf d6 mitten im schwarzen Lager eingepflanzte Gaul hemmt die schwarze Koordination erheblich.

Natürlich haben sich sofort die Schach-Analysten auf Topalows Springeropfer gestürzt, und recht bald war ein Gegengift gefunden. Auf dem Brett demonstrierte als erster Verteidigungsminister Sergej Karjakin, was Schwarz zu tun hat:

grischukding1.jpg
16.Le2-g4 mit der Drohung Dd1-c2-g6

Zu dieser Stellung kommt es nach 12.Se5xf7 praktisch immer. Weiß zieht 16.Le2-g4, und das beinhaltet eine nicht offensichtliche, aber umso kräftigere Drohung. Gegen fast jeden schwarzen Zug (16…Ta8-f8 zum Beispiel) wird Weiß 17.Dd1-c2 nebst 18.Dc2-g6 folgen lassen, und dann hängt es bei Schwarz an allen Ecken und Enden. Der Nachziehende steht vor einem kaum zu überwindenden Berg von Problemen

16…h6-h5 ist das Gegengift, zuerst gespielt von Sergej Karjakin im Juni 2008 gegen Alexei Schirow. Schwarz gibt einen Bauern, um die weiße Koordination zu stören, so dass Weiß nicht zu Dd1-c2-g6 kommt. Die Partie endete zwar nach gewaltigen Komplikationen remis, aber seitdem hat kein Großmeister sich mit Weiß auf 16…h6-h5 eingelassen.

Zwar bleibt die Stellung hochkompliziert, aber objektiv kämpft Weiß schon ums Remis. Ein Blick in die Fernschach-Datenbank zeigt, wie stark 16…h6-h5 ist:

grischukding2.jpg
Gegen 16…h6-h5 hat Weiß im Fernschach 3,5/10 geholt.

Wie Alexander Grischuk sich auf Ding Liren vorbereitete

Als sich in den vergangenen Monaten Alexander Grischuk auf das Kandidatenturnier in Berlin vorbereitete, wird ihm nicht entgangen sein, dass Ding Liren sein Schwarzrepertoire ab 2016 von dynamisch/riskant auf solide umgestellt hat, also zu der Zeit, als der Chinese begann, sich in der Weltklasse zu etablieren. Gegen 1.e2-e4 zieht er jetzt …e7-e5 (aber spielt kein Russisch wie seine Landsleute), gegen 1.d2-d4 kommt Nimzo-Indisch oder Damengambit/Halbslawisch.

Weil Ding Liren sein Eröffnungsrepertoire erst vor kurzem auf Weltklasse umgestellt hat, ist es wahrscheinlich das schmalste aller acht Teilnehmer. Wer gegen Chinas ersten Kandidaten eine bestimmt Stellung ansteuern möchte, der hat gute Chancen, sie tatsächlich zu erreichen. Zum Beispiel diese:

grischukding3.jpg
Die Grundstellung des Anti-Moskau, ein vertracktes Biest, das vor allem im Fernschach debattiert wird. Schwarz hat einen Bauern mehr, aber angesichts seiner Lockerungsübungen auf Damen- und Königsflügel keine gute Option für seinen König. Nur kommt Weiß an den nicht so leicht heran, weil die vorgerückten schwarzen Bauern auch das weiße Spiel behindern.

Grischuk wird sich unter anderem angesehen haben, wie Ding Liren 2016 in St. Louis im Anti-Moskau von Hikaru Nakamura abgefertigt worden ist. Mit der Eröffnung hatte das zwar wenig zu tun, aber damit, dass Ding in einer unorthodox-verwickelten Stellung, die beiderseits für Menschen kaum navigierbar ist, als erster danebengriff.

Nakamura war besser vorbereitet, besser vertraut mit all den schrägen Motiven und konkreten taktischen Verwicklungen im Anti-Moskau, die sich (ähnlich wie im Botwinik-System oder im Winawer-Franzosen) generellen schachlichen Erwägungen entziehen

Und schon hatte Grischuk ein Konzept gefunden, wie sich Ding Liren besiegen lässt: die Verwicklungen des Anti-Moskau ansteuern, konkreter vorbereitet sein und darauf setzen, dass Ding zuerst fehlgreift. Jetzt musste er sich nur noch für einen der zahlreichen weißen Aufbauten entscheiden.

„AlphaZero hat mir 16.a2-a4 empfohlen“

An dieser Stelle beginnt der beeindruckende Part seiner Vorbereitung, der zeigt, wie unabhängig Alexander Grischuk denkt. Anstatt die jüngst ausgetretenen Pfade nach neuen Ideen abzusuchen, hat er sich Topalows altes Springeropfer noch einmal vorgenommen. Er fand heraus, dass Weiß gar nicht das auch im Fernschach bislang ausschließlich gespielte 16.Le2-g4 ziehen muss. Weiß kann die Angelegenheit trotz Minusfigur mit 16.a2-a4 ruhiger angehen.

grischukding4.jpg

AlphaZero habe ihm den Zug empfohlen, scherzte Grischuk in der Pressekonferenz nach der Partie. „Stockfish hasst a2-a4″, ergänzte er noch, eine Lüge – oberflächlich betrachtet. Zwar bewertet Stockfish 9 bei (Suchtiefe 46) 16.a2-a4 als besten Zug mit 0,00, aber Grischuk spielte auf das Konzept dahinter an.

Von AlphaZero hat die Schachwelt gelernt, dass Material in höherem Maße nur ein Faktor von vielen ist, als wir bislang dachten. Nicht nach Mehrbauern, sondern nach positioneller Dominanz strebte AlphaZero in seinen Gewinnpartien. Die Maschine gab freudig Material her, so lange sie nur ihren Gegner eisern umklammert halten konnte, so lange dieser keine Möglichkeit hatte, seine Truppen zu koordinieren und befreien. Genau dieses Konzept befolgte Alexander Grischuk in der Partie gegen Ding Liren:

grischukding5.jpg
Der Springer auf d6 ist so dominant, und Schwarz hat so große Schwierigkeiten, Spiel zu finden, dass Weiß trotz Minusfigur in aller Ruhe 20.Kg1-h1 spielen und f2-f4 vorbereiten kann. AlphaZero würde angesichts des weißen Spiels entzückt mit der Zunge schnalzen, wenn es denn eine hätte.

Nur spielte hier Mensch gegen Mensch, und Grischuk passierte ein typisch menschlicher Lapsus. Nachdem er mehr als 20 Züge Vorbereitung mehr oder weniger heruntergeblitzt hatte, unterlief Ding Liren unter Zeit- und positionellem Druck ein erster grober Fehler. Aber Grischuk war noch nicht recht warm und übersah beim ersten selbstständig zu findenden Zug die Gewinnmöglichkeit, die ihm der Chinese offenbart hatte.

Ding Liren befreite sich nach und nach, gewann gar die Oberhand, aber die Lage blieb hochkompliziert. Am Ende einer spektakulären Partie teilten die Kontrahenten den Punkt.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hat nicht berichtet – zumindest nicht auf der Titelseite. Online berichtet die Zeitung in ihrem Schachblog über das Kandidatenturnier, und dort fand auch die Partie Grischuk-Ding ein prominentes Plätzchen.

Kandidaten-Schlaglicht (I): Kramniks Neuerung …Th8-g8

Levon Aronian – Vladimir Kramnik, Kandidatenturnier Berlin 2018, 3. Runde

kramnikrg8.jpg

Die Stellung sieht aus, als sei nicht viel los. Inmitten der Eröffnung müssen beide Seiten noch jede Menge Figuren entwickeln. Schwarz wird wahrscheinlich bald rochieren, und dann folgt eine langwierige, strategiegeprägte Positionspartie mit einer typischen Struktur, wie sie im Spanischen häufig entsteht, nachdem Lb5xc6 und …d7xc6 gespielt worden ist. Die Kommentatoren weit und breit schauten erstmal auf die anderen Bretter, als die Partien der dritten Runde wenige Minuten alt waren. Kramnik-Aronian würde sich ja noch hinziehen.

Aus Erstaunen wurde Einsicht

Dann griff Vladimir Kramnik zu seinem Turm auf h8 und zog ihn ganz unscheinbar ein Feld weiter, nach g8. Was, bitte, ist das?

Die anfängliche Belustigung („wahrscheinlich wollte er kurz rochieren und hat aus Versehen zuerst den Turm angefasst“) wandelte sich erst in Erstaunen über ein kühnes Konzept, dann in Einsicht, dass hier ein ganz Großer des Sports die Stellung schlicht besser versteht als alle Beobachter.

Sehr bald stellte sich die Frage, wie sich Levon Aronian eigentlich retten soll. Kramnik hatte ja alles andere als subtil angekündigt, dass er sich nun auf die weiße Königsstellung stürzen wird. Th8-g8 kündigt in aller Deutlichkeit g7-g5 und den folgenden Angriff an, aber der entwickelt sich nicht von jetzt auf gleich. Die Truppen müssen erst voranmarschieren, das sollte dem Weißen Zeit geben, sich auf den Sturm vorzubereiten. Aronian grübelte und grübelte, einen Weg aus der Misere fand er nicht.

giri
Anish Giri

Tatsächlich steht Schwarz nach Kramniks …Th8-g8 schon besser. Der russische Exweltmeister sagte nach seinem Glanzsieg, er habe diese Neuerung schon seit einigen Jahren in der Pipeline, und glücklicherweise habe sich nun bei einer derart wichtigen Partie die Gelegenheit ergeben, sie aufs Brett zu bringen. Glück war es in der Tat, dass Aronian mit 1.e2-e4 eröffnet hat, denn das tut er höchst selten.

Aber ob wir Kramnik den Rest der Geschichte glauben können? Vladimir Kramnik hat als Sekundant ja den jungen niederländischen Großmeister Anish Giri an seiner Seite, selbst ein Weltklassespieler aus der 2.750+-Liga. Und von dem ist bekannt, dass er gewissenhaft Fernschachpartien studiert. Bei seinen Studien hätte dieses auf seinem Bildschirm auftauchen können:

Ein Blick in die aktuelle Fernschachdatenbank von Chessbase zeigt, dass im Fernschach der Zug 7…Th8-g8 schon gespielt wurde.

Tatsächlich ist Kramniks Neuerung nicht unbekannt, wenngleich sie im Nahschach noch nie gespielt wurde. Im Fernschach, wo Mensch und Maschine gemeinsam deutlich besser spielen als beide Spezies das alleine könnten, hat …Tg8 den Schwarzen schon wertvolle Dienste geleistet. Auf Twitter wurde Anish Giri mit einem Mal hyperaktiv, als sein Chef den Zug aufs Brett stellte – und seinen Gegner vor eine kaum lösbare Aufgabe.

Schach-Weltmeisterschaft 2020 in Wien?

Für das Schach in deutschsprachigen Landen wäre es nach der Schnell- und Blitzschach-WM in Berlin und dem Kandidatenturnier in Berlin ein weiterer Coup binnen weniger Jahre und für den Österreichischen Schachbund ein tolles Geschenk zum 100-jährigen Bestehen. Die Schach-Weltmeisterschaft 2020 soll in Wien stattfinden, jedenfalls wenn es nach Christian Hursky geht.

hursky
Christian Hursky, Präsident des Österreichischen Schachbunds.

Der Präsident des Österreichischen Schachbundes hat schon begonnen, für seine Pläne zu trommeln. Erst steckte er der Kronen-Zeitung die Geschichte um Wiens Bewerbung, dann machte er sich auf nach Berlin zum Kandidatenturnier, um mit Agon-Chef Ilya Merenzon zu sondieren, wie sich die WM 2020 in die österreichische Hauptstadt holen lässt. Will Wien den Zuschlag bekommen, führt der Weg dahin nur über die Veranstaltungsgesellschaft des Schach-Weltverbands FIDE und deren Chef.

In seiner österreichischen Heimat ist Hursky bestens vernetzt, im Schach und darüber hinaus. Der SPÖ-Politiker hat in den vergangenen Dekaden manches öffentliche Amt bekleidet. Aktuell sitzt er im Wiener Gemeinderat und im Landtag. 2008 bis 2017 war er obendrein Präsident des Wiener Schachverbandes, und seit Mitte 2017 führt er den österreichischen Schachbund, der im Jahr 2020 sein 100-jähriges Bestehen angemessen feiern will. Eine Schach-WM 2020 in Wien wäre laut Hursky „ein Impuls für den heimischen Schachsport und beste Werbung für die Stadt“.

Wien ist in der Tat eine Stadt mit großer Schachtradition, aber deren Blüte fällt in die Zeit der Schach-Kaffeehäuser im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert. Auch ein WM-Match hat es in Wien schon gegeben, ein bis heute diskutiertes: 1910 verteidigte der Deutsche Emanuel Lasker seinen Titel gegen den Österreicher Carl Schlechter.

Wien war Schauplatz der ersten Hälfte des Matches, Berlin der der zweiten. Lasker lag bis zur letzten Partie zurück. Die finale Begegnung gewann der Weltmeister nach einigen Ungereimtheiten. Damit stand das Match unentschieden, und Lasker blieb Weltmeister (und das bis 1921).

vienna open
Schach in Österreich sieht übrigens so aus: Blick auf das Vienna Open, ausgetragen im Wiener Rathaus, das auch Schauplatz des WM-Matches 2020 werden könnte.

Entscheidungshilfe für Zuschauer: Wo Kandidatenturnier gucken?

Wenn am Wochenende in Berlin das Kandidatenturnier beginnt, dann bietet sich den Zuschauern im Internet eine Auswahl, wie es sie beim Schach nie gegeben hat.

merenzon
Worldchess-Chef Ilya Merenzon.

Selbst in Zeiten der boomenden Schachstreams ist das keine Selbstverständlichkeit. Bis vor kurzem stand der Ausrichter WorldChess  trotzig auf dem Standpunkt, dass niemand das Recht hat, die Züge live zu zeigen. Niemand außer WorldChess selbst natürlich, verbunden mit der Drohung, jeden zu verklagen, der es trotzdem tut und nicht dafür bezahlt.

Manche Schachseite hat das von Übertragungen etwa des WM-Matches Carlsen-Karjakin abgehalten, andere nicht, und die zog WorldChess tatsächlich vor Gericht. Nachdem sich dort der Schachvermarkter des Weltverbands FIDE eine Niederlage nach der anderen eingehandelt hatte, verkündete das Unternehmen nun eine Kehrtwende: Jeder darf übertragen, so lange er nebenbei für die „offizielle“ Übertragung wirbt.

Also, wo gucken? Als Entscheidungshilfe stellen wir die nach Einschätzung dieser Seite drei besten Kommentatorenduos/-teams vor.

Chess 24: Peter Svidler/Jan Gustafsson

Mit einem lachenden und einem weinenden Auge sahen Schachfans Peter Svidlers Ausscheiden beim World Cup. Als Svidler sein Viertelfinal-Match gegen Maxime Vachier-Lagrave verloren hatte, war klar, dass der achtfache russische Meister sich nach langer Zeit erstmals nicht für das Kandidatenturnier qualifizieren würde. Gegönnt hätten wir es dem eloquenten Cricket-Fan, aber so bestand die Aussicht, dass er kommentiert.

svidlergusti.png
Jan Gustafsson und Peter Svidler bei der Kommentatorenarbeit.

Und das wird er tatsächlich, wie Svidler neulich in einem Interview ankündigte. An der Seite des Weltranglisten-14. sitzt wie gewohnt der Hamburger Jan Gustafsson, selbst mehr als 2.600 Elopunkte schwer, so dass Svidler/Gustafsson nach Elo-Schnitt klar das stärkste Kommentatorenduo ist.

Und das beste, würden viele sagen. Die Zuschauer erwartet geballtes Schachwissen und mancher Einblick in die Seele der Kandidaten, zu denen Svidler 2014 und 2016 selbst zählte. Dazu kommen Ausflüge in die Popkultur, den Cricket-Sport und manche Neckerei unter Schachfreunden. Allein die Dynamik zwischen Svidler und Gustafsson macht deren Shows stets sehenswert, egal, wessen Partien sie gerade kommentieren.

Chessbrah TV: Yasser Seirawan/Eric Hansen/Aman Hambleton

Leute über 30 mochte der schnell wachsende Schachkanal der kanadischen Großmeister Eric Hansen und Aman Hambleton anfangs nicht recht fesseln. Zu laut und elektronisch die Musik, zu schnell das Spiel der beiden Bullet-Experten. Dann landete Chessbrah TV einen Coup: Zum Team stieß Yasser Seirawan, Kasparow-Bezwinger und ehemaliger Weltklassespieler, mehr als doppelt so alt wie seine Mitstreiter.

chessbrah.jpg
Chessbrah TV: Yasser Seirawan mit Eric Hansen

Den WorldCup 2017 übertrug ChessbrahTV in wechselnder Besetzung: der in den Niederlanden lebende Seirawan stets als Anchor, mal Hansen, mal Hambleton als Sidekick, der mit Vergnügen und Neugier aus dem Wissens- und Anekdotenfundus Seirawans schöpft. Aus dem Stand legte das Trio eine Serie von Live-Shows hin, die sich in Schachkreisen rasant herumsprach. Aus dem Party- und Testosteronkanal der Schachszene war plötzlich eine Schachschule geworden, in der Hansen und Hambleton den Unterricht sichtlich genossen.

Wo Svidler/Gustafsson die neuesten TV-Serien debattieren, erzählt Seirawan Schachgeschichten aus der Praxis eines Großmeisters, der sich in den 80er- und 90er-Jahren mit allen Größen gemessen hat. Allein seine Erlebnisse als Sekundant Viktor Kortschnois könnten eine mehrstündige Sendung füllen. Für Freunde jüngerer Schachgeschichte hält Seirawan stets mehr als ein Bonbon bereit.

WorldChess: Judit Polgar/Lawrence Trent

WorldChess ist mit Judit Polgar ein ähnlicher Glücksgriff gelungen wie den Jungs von Chessbrah TV mit Yasser Seirawan. So sehr die Partien während des WM-Matches 2016 zwischen Magnus Carlsen und Sergej Karjakin auch lahmten, die Kommentatorin Judit Polgar wurde stets mit Lob überschüttet.

polgar.jpg
Judit Polgar während des WM-Matches Carlsen-Karjakin 2016 in New York.

Auch die Ungarin weiß, wie es sich anfühlt, beim größten und besten Turnier des Schachzirkus mitzumischen. 2005 spielte sie gar das WM-Turnier und kam damit dem Titel so nah wie keine Frau vor und wahrscheinlich so bald keine nach ihr. An ihrer Seite sitzt der britische IM Lawrence Trent, eine Institution im Schachkommentatorengeschäft.

Für die Live-Übertragungen der 14 Runden aus Berlin hat WorldChess jetzt einige Neuerungen angekündigt, um mehr Drama zu schaffen. 12 Kameras fangen jede Regung aller Beteiligten ein, Zuschauer in Berlin sollen ebenso zu Wort kommen wie die im Internet. Dazu das eine oder andere grafische Gimmick und entscheidende Momente auf Facebook live. Seien wir gespannt.


 

Unsere Top drei zeigen: Wer Englisch versteht, ist im Vorteil. Aber wer lieber auf Deutsch Schach gucken möchte, der dürfte ebenfalls fündig werden. Für Chessbase auf der Playchess-Plattform wird wahrscheinlich Großmeister Klaus Bischoff kommentieren, ebenfalls eine Institution, bekannt dafür, das Geschehen auf dem Brett instruktiv herunterzubrechen, gewürzt mit dem einen oder anderen humorigen Ausflug. Auch auf Chess24 wird es deutschen Kommentar geben.

Was sind eigentlich hässliche Züge? Und wie erkennen wir die?

Schöne Züge haben wir ja schon einige gesehen. Auch haben wir von Spielern gehört, die so manchen schönen Zug ausgeführt haben. Neulich zum Beispiel im Beitrag „Die Dame im Spiel“ bei unserem Ausflug zur Skandinavischen Verteidigung erfreuten wir uns an Visvanthan Anands fantastischem 21.Lg6!!, ein Zug, der um die Welt ging.

jürgen9.jpg
Die hängende Dame auf d1 schlägt Schwarz besser nicht…

Den begnadeten Angriffsspieler Frank James Marshall haben wir bislang immer auf der Verliererseite kennengelernt. Der amerikanische Schachmeister, seinerzeit einer der besten der Welt, hat es mehr als verdient, dass wir seinen berühmtesten Gewinnzug zeigen, ebenfalls ein Damenopfer:

jürgen8.jpg
…und die auf g3 sollte Weiß verschmähen.

23…Qg3!! war so spektalulär-schön, dass der Legende nach die Zuschauer Goldmünzen aufs Brett warfen, nachdem der Weiße aufgegeben hatte. Auf drei verschiedene Weisen kann Weiß die schwarze Dame schlagen, aber jede führt zum Verlust. Großartig!

Wer die ganze Partie sehen möchte, hier ist sie: Stefan Levitsky – Frank James Marshall, Breslau 1912.

frank-james-marshall-11.jpg
Begnadeter Angreifer: Frank James Marshall (1877-1944) aus den USA.

Wo es schöne Züge gibt, muss es hässliche geben. Und die gibt es in der Tat, aber sie sind nicht so einfach zu definieren. Hässliche Züge passen nicht in die Stellung, aber wer nichts vom Schach weiß, der kann ja nicht erkennen, ob ein Zug natürlich aussieht oder eben hässlich.

Schachmeister sind in schwieriger Lage manchmal gezwungen, einen hässlichen Zug zu machen, weil nur der ihre Stellung taktisch zusammenhält. Anfänger machen manchmal hässliche Züge, ohne sich dessen bewusst zu sein.

Dann gibt es noch einen dritten Fall: ein Vereinsspieler, der absichtlich hässliche Züge macht, damit seine Freunde vom Vereinsblog ein Anschauungsbeispiel haben. In dieser Hinsicht ist unser Schachfreund Arno neulich in Überlingen über sich hinausgewachsen.

Joachim Schmidt – Arno Dirksen, Januar 2018

Hier ließ Arno eine Sequenz folgen, die war so hässlich, dass sie dem Betrachter die Tränen in die Augen trieb, selbst in dem Wissen, dass der Kollege das ja nur zu Demonstrationszwecken macht. Vier Züge am Stück, einer unnatürlicher als der andere. Jeder einzelne macht die schwarze Stellung eher schlechter als besser.

jürgen10.jpg

Los ging es mit …Sd7-b6, obwohl wir ja schon vor Wochen von Siegbert Tarrasch gelernt haben, „dass ein Springer auf b3 oder b6 meistens schlecht steht“. Und es waren dringendere Sachen zu erledigen, die Rochade zum Beispiel. Aber wer weiß, vielleicht will Schwarz ja die c-Linie öffnen und seinem Springer mittelfristig ein hübsches Plätzchen auf c4 sichern?

jürgen11.jpg

Will er nicht. Es folgte …c5-c4. Die Stellung am Damenflügel zu schließen, wäre allein schon schlimm genug, aber mit einem Springer auf b6 ist es noch schlimmer. Spiel bekommt Schwarz jetzt nur, wenn er schleunigst …b7-b5-b4 durchdrückt, aber genau dafür steht ihm der verirrte Sb6 im Weg.

jürgen12.jpg

Ok, den Springer könnte man ja über d7 wieder zurück ins Spiel bringen und die Truppen halbwegs harmonisch aufstellen, aber prompt geschah …Lc8-d7, und schon war dem Springer dieses Rückzugsfeld blockiert.

jürgen13.jpg

Dann muss halt der Läufer weg von d7. Es folgte …Ld7-e8. Das ist nicht nur das passivstmögliche Feld für den Läufer, obendrein behindert er dort die Koordination der Schwerfiguren. Die Türme zu verbinden, wird einen weiteren Läuferzug erfordern.

Binnen vier Zügen hat sich Schwarz des Gegenspiels beraubt und seine Figuren zu einem unkoordinierten Knäuel verknotet, das er mühsam wird entwirren müssen. So sieht hässlich aus.

Und doch war es kein Spiel mit dem Feuer, zum einen, weil auch der Gegner offensichtlich keinen rechten Plan fand, zum anderen, weil in eher geschlossenen Stellungen Zeitverlust leichter zu verkraften ist als inmitten einer offenen Feldschlacht. Arno steuerte die Partie noch mit leichter Hand in den Remishafen, und wir bedanken uns für die Demonstration.

Schauen wir mal, ob wir in anderen Partien dieses Schach-Sonntags noch weitere Hässlichkeiten (oder andere instruktive Momente) identifizieren können.

Frage 59

Jürgen Lerner – Richard Kupprion, Januar 2018

jürgen1.jpg

Die Kontrahenten haben eine Stellung aus der Königsindischen Verteidigung erreicht. Schwarz hatte unter einer Reihe von plausiblen Zügen zu wählen. Er entschied sich für …b7-b6.

Hässlicher Zug?

Warum?

Frage 60

Wenn …b7-b6 nebst …Lc8-b7 hässlich war, dann wäre es jetzt an der Zeit, dem Schwarzen zu zeigen warum.

jürgen2.jpg

Wie geht das?

Frage 61

Schwarz hat auf d5 einen Bauern geschlagen, Weiß kann auf drei Arten zurückschlagen.

jürgen4.jpg

Welche ist die beste?

Warum?

Frage 62

Welche Idee bietet sich für Schwarz nicht nur an, sondern ist sogar unverzichtbar, wenn er auf ausgeglichenes Spiel pochen will?

jürgen5.jpg

Frage 63

Schwarz hatte sich in der Stellung von Frage 62 für …Sd7-e5 entschieden. Das war ein bisschen hässlich, jetzt sollte Weiß Vorteil haben.

jürgen6.jpg

Warum steht Weiß besser? Und wie spielt er jetzt am besten weiter?

Frage 64

Klar, das Feld e4 sieht verlockend aus. Sofort stellte der Weiße per Sc3-e4 einen Springer dahin.

jürgen7.jpg

Natürlicher Zug oder hässlicher Zug?

Hier geht’s zu den Antworten

Welcher Turm gehört wohin, die ewige Frage (II)

pushembaby.jpgEs sieht nicht danach aus, aber dieses Plattencover zeigt tatsächlich drei Schachgroßmeister und obendrein ein essenzielles Schach-Konzept, das hilft, Partien zu gewinnen: „Push ‚em, baby!„, oder, frei übersetzt:

Freibauern müssen laufen!

Ist eigentlich logisch. Je näher der Freibauer der Grundlinie kommt, um sich dort in eine Dame zu verwandeln, desto stärker wird er. Wer seine Freibauern stark machen will, der lässt sie laufen, idealerweise unterstützt von den Türmen. Letzteres hat uns schon unser Freund Siegbert Tarrasch gelehrt:

Tüme gehören hinter die Freibauern, die eigenen und die gegnerischen.

Die eigenen unterstützt ein Turm dahinter in ihrem Vorwärtsdrang, die gegnerischen hält er wirksam auf, indem er sie von hinten einfängt.

Antwort 58

Nach dieser Vorrede ist es an der Zeit, die zur Debatte stehende Stellung genauer anzuschauen:

konsta7.jpg

Weiß leidet unter so manchem Problem. Seine Truppen sind nicht recht koordiniert, sein König ist exponiert, und obendrein hat er einen Bauern weniger. Aber vor allem sieht er sich einem schwarzen Trumpf gegenüber, dem er mittelfristig nichts wird entgegensetzen können: drei verbundene Freibauern!

Ein Freibauer ist schon gut, zwei sind besser und drei riesig. Zumal, wenn die Freibauern verbunden sind. Wer soll die aufhalten?

Der schwarze Gewinnplan ist denkbar einfach: Türme hinter die Freibauern, dann die  Freibauern laufen lassen.

Push ‚em, baby!

Youtube-Schachvideos gab es zu La Bourdonnais‘ Zeit noch lange nicht, es war ja noch nicht einmal Siegbert Tarrasch geboren. Trotzdem hätte der französische Schachmeister schon in den 1830er-Jahren zielsicher zu seinem a8-Turm gegriffen und ihn nach e8 gefahren. Auf f8 und e8 sind die schwarzen Türme ideal aufgestellt, um die Freibauern bei ihrem Lauf zur Grundlinie zu unterstützen.

Welcher Turm gehört wohin, die ewige Frage

Wer jemals Schach studiert hat, der hat diese Stellung schon einmal gesehen, weiß womöglich gar, bei welcher Gelegenheit sie auf dem Brett stand.

turmlinie1.jpg
Ende einer Glanzpartie: In der 16. Partie des Matches McDonnell – La Bourdonnais im Jahr 1834 zog der Franzose …e3-e2, und der Ire gab auf. Wir erfreuen uns fast 200 Jahre später immer noch an den drei verbundenen Freibauern auf der zweiten Reihe.

Einen Weltmeister gab es in den 1830er-Jahren noch nicht, aber zwei Spieler, die einen solchen Titel für sich hätten beanspruchen können: Den in London lebenden Iren Alexander McDonnell und den Franzosen Louis-Charles Mahé de La Bourdonnais. 1834 in London klärten sie, wer der Bessere ist; das erste große Match der internationalen Schachgeschichte, aufgeteilt in sechs kurze Wettkämpfe. Nach insgesamt 85 Partien hatte der Franzose den Iren recht deutlich geschlagen.

Wer heute Schach studiert, der beginnt das Studium der Klassiker eher ein paar Dekaden nach den beiden Kontrahenten von 1834. Taktisch waren die beiden stark, oft blitzte brillante Intuition auf, aber vor 200 Jahren waren eben noch nicht einmal die grundlegendsten strategisch-positionellen Konzepte entwickelt.

Die 16. Matchpartie von 1834 kennt trotzdem jeder wegen der fantastischen Schlussstellung. Aber sie taugt auch darüber hinaus als Studienobjekt, unter anderem als Intuitionstest. Neulich beim Schachunterricht haben wir Konstantinos diese Stellung aus der 16. Partie gezeigt und gefragt „Schwarz am Zug, was würdest Du machen?“.

turmlinie2.jpg

Natürlich schlägt jedes Trainerherz höher, wenn der Nachwuchs ein paar Sekunden aufs Brett schaut und dann „…a5“ sagt.

Genau, …a7-a5.

Dem Weißen droht der Lb3 abgeklemmt zu werden, und auf der Diagonalen a6-f1 hat er sich für Spieße geöffnet. 1…a7-a5 legt den Finger in diese beiden Wunden, und es ist ein gutes Zeichen, wenn der Schachschüler in Sekundenschnelle Blut leckt, weil er die wunden Stellen der weißen Stellung gewittert hat – so wie damals La Bourdonnais, der natürlich auch …a7-a5 zog.

Es schadet nicht zu sehen, dass McDonnell und La Bourdonnais seinerzeit vor den gleichen Problemen standen wie wir heute. Nach vollendeter Entwicklung die Türme zu verbinden, das lag den beiden ja im Blut, und dann mussten sie damals wie wir heute entscheiden: wohin mit welchem Turm, die ewige Frage.

Diese Frage stellte sich für Herrn La Bourdonnais in der 16. Matchpartie vor seinem 16. Zug,

turmlinie3.jpg

Wohin mit welchem Turm? Dass er sich für 16…Ta8-e8 entschied, spricht für seine Intuition, wenngleich wir trefflich darüber streiten könnten, ob …Tae8 der objektiv beste Zug ist.

Sein d-Freibauer ist des Schwarzen größter Trumpf, aber vorwärts marschieren wird der d-Bauern nur im Verein mit seinen Kollegen auf der e- und f-Linie. Und die brauchen Unterstützung, damit Weiß nicht auf e4 oder f5 eine Blockade aufbauen kann. Also zog La Bourdonnais 16…Ta8-e8, sperrte sehenden Auges seinen f-Turm ein, ignorierte den Dameflügel und gewann in der Folge dank seiner marschierenden Freibauern eine glänzende Partie.

Vielleicht hätten wir die Schach-Ausbildung trotzdem bei Morphy und Steinitz begonnen, nicht schon bei McDonnell und La Bourdonnais, hätte nicht neulich in der Bodensee-Jugendliga Konstantinos diese Stellung auf dem Brett gehabt und sich die ewige Frage gestellt: wohin mit welchem Turm?

Frage 58

Moritz Reinecke – Konstantinos Mastrokostopoulos, Februar 2018

turmlinie4.jpg

Konstantinos zog nach einigem Grübeln 1…Tf8-e8.

Was hätte La Bourdonnais gespielt?