Bauerninseln II

Zählen wir erst einmal Figuren und Bauern – und stellen fest, dass die Lage materiell ausgeglichen ist. Aber vielleicht können wir Faktoren identifizieren, die anzeigen, dass es für die eine Seite besser läuft als die andere.

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Hinsichtlich der Entwicklung haben beide Seiten einen ordentlichen Job gemacht. Beide haben ihre Könige in Sicherheit und ihre Leichtfiguren ins Spiel gebracht. Die weißen Leichtfiguren stehen etwas aktiver, während der Ld7 noch keine Aufgabe gefunden hat. Wenn Schwarz nicht aufpasst, kann Weiß seine etwas aktivere Aufstellung mittelfristig nutzen, um einen Königsangriff zu initiieren.

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Die Dame-Läufer-Batterie lugt nach h7

Stellen wir uns vor, Weiß baut mittels Ld3-c2 und Dd2-d3 eine Dame-Läufer-Batterie gegen h7 und spielt dann Sf4-h5, um den Sf6 von h7 abzulenken. Schon wird deutlich, wie so ein Angriff aussehen mag. Aber zum Glück wird beim Schach abwechselnd gezogen, und erst einmal ist Schwarz an der Reihe.

Bei den Schwerfiguren sieht die Lage etwas günstiger für Schwarz aus. Während der weiße Turm a1 am Brettrand abhängt, hat Schwarz beide Türme zentralisiert. Sie stehen bereit, Druck auf die das weiße Bauernduo c3/d4 auszuüben. Auch die schwarze Dame hat einen aktiven Posten gefunden, von dem aus sie den rückständigen Bauern c3 beäugt und auf dem sie die weißen Leichtfiguren nicht anrempeln können. Ihre weiße Kollegin steht nicht ganz so günstig.

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Auffälliges Gegenüber auf der d-Linie

Besonders auffällig ist das vis-a-vis von schwarzem Turm und weißer Dame auf der d-Linie. So ein Gegenüber ist stets günstig für die Turm-Seite, die darauf bauen kann, dass sich auf der d-Linie Fesselungsmotive ergeben (und ggf. ausnutzen lassen).

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Weiß hat drei Bauerninseln, Schwarz zwei

Auch das Bewerten der Struktur beginnt mit Durchzählen. Je mehr Bauerninseln sich eine Seite eingehandelt hat, desto schlechter, da diese Seite in der Regel mit mehr Bauernschwächen zu kämpfen hat, seien es isolierte und/oder rückständige Bauern. Schwarz hat zwei Bauerninseln, Weiß deren drei – Vorteil Schwarz.

Leider ist Schach nicht so eindimensional. Wir können nicht einfach Bauerninseln zählen und dann anhand statischer Faktoren festlegen, dass diese oder jene Seite einen Vorteil hat. Wir haben ein Indiz gefunden, dass Schwarz besser stehen könnte, aber erst einmal müssen wir klären, ob nicht irgendeine Dynamik für Weiß spricht.

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Wie das Bauernduo c3/d4 einzuschätzen ist, das ist die zentrale Frage.

Gelingt es Schwarz, c3-c4 zu verhindern, den c3-Bauern auf der halboffenen c-Linie festzulegen und unter Druck zu setzen, dann sollte er alles unter Kontrolle und beste Aussichten haben. Gelingt es Weiß, c3-c4 zu spielen und sich eine zentrale Phalanx c4/d4 zu bauen (die so genannten hängenden Bauern), dann eröffnen sich ihm dynamische Möglichkeiten, die sein strukturelles Defizit mehr als kompensieren sollten.  Er mag sich mittels d4-d5 einen Freibauern bilden, der machtvoll Richtung d8 strebt, auch mag er einen Königsangriff initiieren, gestützt auf die c4/d4-Phalanx, die eine Menge Zentralfelder kontrolliert.

Antwort 26

Wenn wir ausschließlich auf positionelle Faktoren schauen, schlägt das Pendel leicht zur schwarzen Seite aus. Das Turm-Dame-Gegenüber auf der d-Linie ist angenehm für Schwarz, die schwarzen Schwerfiguren sind besser organisiert, die schwarze Struktur gesünder. Auf der anderen Seite sind die weißen Leichtfiguren etwas aktiver, während der Ld7 noch nicht recht an der Partie teilnimmt.

Weiß hat aber einige dynamische Möglichkeiten, die das Pendel sehr bald zu seinen Gunsten ausschlagen lassen könnten. Kommt er zu c3-c4, wird er sich auf Basis seiner hängenden Bauern womöglich einen Freibauern bilden oder/und einen Angriff auf den schwarzen König entfachen.

Will Schwarz auf Vorteil pochen, muss er dem Weißen jetzt konkret in die Parade fahren, damit der nicht seine dynamischen Möglichkeiten entfalten kann. Wie das geht, das sieht jeder, dem das verdächtige Gegenüber von Turm und Dame auf der d-Linie aufgefallen ist.

Antwort 27

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Der zentrale Gegenstoß 1…e6-e5! befreit den schwächelnden Ld7, betont die besser aufgestellten schwarzen Schwerfiguren und zetrümmert die weiße Bauernphalanx, noch bevor sie entstanden ist. Schwarz hat deutlichen Vorteil.

Antwort 28

Kaum haben wir das Konzept „Bauerninseln“ kennengelernt, sehen wir schon die erste Ausnahme, eine typische Konstellation.

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d4 ist schwach, die „hängenden Bauern“ c4/d4 sind ihrer Dynamik beraubt

Vordergründig betrachtet, schwächt 1…b7xc6 die schwarze Struktur, und doch ist das Zurückschlagen mit dem c-Bauern in solchen Fällen die typische Verfahrensweise. Der isolierte c6-Bauer neigt nicht zur Schwäche, Weiß kann ihn schwerlich unter Druck setzen. Auf der anderen Seite kontrolliert der Bauer das wichtige Feld d5, so dass dem Weißen der Vorstoß d4-d5 verwehrt bleibt.

Entscheidender Faktor ist die Schwäche des weißen d4-Bauern. Den haben wir per 1…b7xc6 auf d4 festgenagelt, und kein weißer Bauer kann ihn stützen. Diese ewige Schwäche wird Schwarz belagern, sich mit Freude auf der d-Linie verdoppeln und sich eines moderaten, aber stabilen Vorteils erfreuen.

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Strukturschwächen

Constantin Schirowski – Arno Dirksen, Überlingen, Oktober 2017

Frage 1:

Früh den König in Sicherheit zu bringen, ist generell eine gute Idee, eines der wichtigsten Prinzipien in der Eröffnung.

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Arnos hat Gegner diese Idee befolgt, indem er 0-0 spielte.

Ein guter Zug also?


Frage 2:

Ob ein Doppelbauer stark oder schwach ist, das ist oft nicht so leicht zu beurteilen. Aber wenn es sich wie hier um einen isolierten Doppelbauern handelt, ist die Lage fast immer eindeutig.

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Die armseligen Gesellen auf c3 und c4 können einander nicht decken, und Schwarz wird zumindest den Bauern auf c4 früher oder später erobern, denn der kann nicht einmal von einem Turm auf der c-Linie gedeckt werden.

Wie sollte sich Schwarz aufstellen, um dem isolierten Doppelbauern zuleibe zu rücken?


Frage 3:

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Arno, getrieben von der Sorge, dass sich auf d5 ein weißer Turm einnistet, hat gerade …c7-c6 gezogen, um das Feld d5 zu kontrollieren.

Was halten wir davon?

Strukturschwächen II

Antwort 1:

Schach wäre viel einfacher, wenn fundamentale Konzepte wie „möglichst früh rochieren“ immer und überall gelten würden. Leider streiten meistens mehrere Konzepte darum, welches gerade das wichtigste ist. Manchmal widersprechen sie einander, manchmal sind die konkreten Umstände dringender als allgemeine Erwägungen. So wie hier.

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Natürlich möchte Weiß seinen König in Sicherheit bringen, aber genauso wenig möchte er sich seine Struktur zertrümmern lassen. Schwarz droht, dem Weißen mittels …Sxc3 (oder …Lxc3, aber unser Läuferpaar geben wir nicht so gerne her) auf c3/c4 einen isolierten Doppelbauern zu verpassen. Die unmittelbare Aufmerksamkeit des Weißen sollte dieser Drohung gelten. Er sollte erst Ld2 zu spielen, um auf c3 mit einer Figur zurückzuschlagen und die Struktur intakt zu halten. Rochieren kann der Weiße danach immer noch.

Antwort 2:

Für den Schwarzen ist hier nichts in Stein gemeißelt. Nach der verfrühten weißen Rochade steht er schon so bequem, dass er jetzt die Qual der Wahl hat. Gleichwohl sollte er an dieser Stelle eine typische schwarze Aufstellung zumindest kennen und erwägen.

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Wenn Weiß sich auf c3/c4 einen Doppelbauern eingehandelt hat und diesen nicht auflösen kann, dann neigt speziell der schlecht zu verteidigende Bauer auf c4 zur Schwäche. Schwarz sollte nun zwei Ideen verfolgen:

  • Seine Kontrolle über das Feld c5 zementieren, so dass Weiß der befreiende Vorstoß c4-c5 verwehrt bleibt.
  • Den Schwächling c4 mit möglichst vielen Kräften unter Feuer nehmen.

Die grünen Pfeile zeigen, wie das geht: …b6 kontrolliert das Feld c5, gibt dem Lc8 den Weg nach a6 frei und kontrolliert außerdem das Feld a5, so dass dort ein schwarzer Springer nicht ungedeckt herumstehen würde. Ein Läufer auf a6 und ein Springer auf a5 würden eine kaum zu beherrschende Batterie gegen den weißen c4-Bauern bilden. So haben es schon Dutzende von Meistern gespielt, kann so verkehrt nicht sein.

Klar, den Läufer könnten wir auch nach e6 bringen und von dort gegen c4 drücken, aber wir wollen ja unserem Turm nicht die e-Linie versperren. Und klar, Springer am Rande bringt Kummer und Schande, aber manchmal überlagern halt die konkreten Umstände allgemeine Erwägungen, siehe oben.

Antwort 3:

Wir rümpfen die Nase, wenn wir …c7-c6 sehen. Mit nur einem Zug macht sich Schwarz sein schönes strukturelles Plus kaputt, indem er sich einen rückständigen Bauern einhandelt, eine kaum zu reparierende Schwäche.

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Anstatt die weiße Schwäche c3/c4 mittels …b7-b6 festzulegen und zu beäugen, schenkt Schwarz dem Weißen ein Zielobjekt, auf das er nun seine Kräfte konzentrieren kann. Fortan steht der Weiße nicht mehr hilflos herum, er hat jetzt Gegenspiel.