Welcher Turm gehört wohin, die ewige Frage (III)

Auf die offene Linie? Hinter die Freibauern?

Wenn die Entwicklung abgeschlossen ist, der König in Sicherheit gebracht und die Türme verbunden, dann stellt sich diese Frage in beinahe jeder Partie. Wohin mit welchem Turm?

Wir haben das neulich schon beleuchtet, sowohl anhand einer Überlinger Partie als anhand einer historischen Perle aus dem Match McDonnell – De la Labourdannais, gespielt vor fast 200 Jahren:

Wohin mit welchem Turm, die ewige Frage 

Wohin mit welchem Turm, die ewige Frage (II)

Weil die Frage eine ewige ist, lohnt sie fortgesetzter Betrachtung. Neulich beim Schachunterricht haben wir uns die Partie Zukertort – Blackburne angeschaut, ein Clash der Giganten im Jahre 1883.

Joseph Henry Blackburne,  „der schwarze Tod““

zukertort.jpg
Johannes Hermann Zukertort

Der in Polen geborene, später aber vor allem in Deutschland lebende Johannes Hermann Zukertort (1842-88) gehörte Ende des 19. Jahrhunderts zu den besten Spielern der Welt. Die Seite Chessmetrics, die nachträglich historische Elo-Zahlen berechnet, führt ihn zeitweise sogar als die Nummer eins. 1886 sollte Zukertort das erste offizielle WM-Match der Geschichte spielen. Er verlor gegen Wilhelm Steinitz, den ersten Schachweltmeister.

Zukertorts Gegner, Joseph Henry Blackburne (1841-1924) aus England, stand ihm wenig nach. Wegen seines schwarzen Anzugs und Huts, außerdem wegen seines gefürchteten Angriffsschachs, hieß Blackburne in Schachkreisen „the black death“, der schwarze Tod. Blackburne war laut Chessmetrics zeitweise die Nummer zwei der Welt.

blackburne
Henry Blackburne

Als sich Zukertort und Blackburne 1883 in London gegenübersaßen, ereilte den schwarzen Tod allerdings ein ebensolcher. Auf dem Brett stand eine eher geschlossene Position, wie sie damals selten gespielt und nur rudimentär verstanden wurde, und Blackburne kassierte mit den schwarzen Steinen eine instruktive Niederlage.

Aber bevor er seinen Gegner an die Wand spielte, musste sich Johannes Hermann Zukertort im 17.Zug die ewige Frage stellen und beantworten: Wohin mit welchem Turm?

zukertortblackburne.jpg
Die c-Linie ist offen, Blackburne hat sie gerade besetzt. Was soll Weiß jetzt tun?

Eine Linie auf dem Brett ist offen, die c-Linie, und folgerichtig hatte sie Blackburne im 16. Zug mit …Tf8-c8 besetzt. „Was soll Zukertort jetzt spielen“, fragten wir unseren Schachschüler, und der antwortete: „Ta1-c1, auch einen Turm auf die offene Linie stellen.“

Nicht falsch, aber schablonenhaft.

Weiß will mit e3-e4 expandieren, Raum gewinnen und in der Folge einen Angriff am Königsflügel initiieren. Je mehr Material auf dem Brett steht, desto günstiger ist das für die Seite mit Raumvorteil, desto mehr Druck wird sie entwickeln, weil der Gegner mit weniger Raum Schwierigkeiten haben wird, seine zusammengedrängten Klötze zu organisieren.

Also wird Weiß Abtäusche erst einmal vermeiden wollen. Aber ein Gegenüber von Türmen auf der c-Linie würde genau dazu führen.

Außerdem, wenn wir schon vormarschieren, dann wird es hilfreich sein, wenn unsere Türme dahinter den Vormarsch unterstützen. Zukertort, frei von allen Schablonen, verstand schon 1883, was die Stellung erfordert:

17.Ta1-e1!

Und die c-Linie? Klar, normalerweise neigen wir nicht dazu, unserem Gegner offene Linien einfach so zu überlassen. Aber wenn wir die c-Linie nach Einbruchsfeldern für Schwarz absuchen, dann finden wir keine. c1, c2, c3, c4, alle Felder auf der weißen Hälfte des Brettes sind zuverlässig unter weißer Kontrolle. So schnell wird da keine schwarze Figur auftauchen.

Zukertort entschied richtig, die offene Linie zu ignorieren, Material auf dem Brett zu halten und seinen zentralen Vormarsch e3-e4 mit allen verfügbaren Kräften zu unterstützen.

Im weiteren Partieverlauf konnten Blackburns Turm auf c8 und erst recht sein trauriger Kollege auf a8 nur zuschauen, wie ihre Truppen von einer weißen Lawine überrollt wurden. Aber das gucken wir uns erst in der nächsten Stunde an.

Advertisements

EM-Splitter: Daniel Fridman im Mattnetz

fridman
Daniel Fridman

Bei der Europameisterschaft 2017 in Minsk spielte Daniel Fridman eines der besten Turniere seines Lebens. Mit acht Punkten aus elf Partien schloss der deutsche Nationalspieler das Turnier auf Rang vier ab und sicherte sich souverän eines der 22 Tickets für den hoch dotierten World Cup.

Die Europameisterschaft 2018 in Batumi (Georgien) begann für Fridman am Samstag mit einem Nackenschlag. In der ersten Runde mit Weiß gegen den armenischen IM David Kalashian hatte sich der deutsche Großmeister einigen Raumvorteil erarbeitet, erfreute sich eines Mehrbauern, musste sich aber hartnäckigen, Wolga-artigen Gegenspiels erwehren. Und das war gar nicht so einfach zu neutralisieren, zumal mit heruntertickender Bedenkzeit.

Daniel Fridman (2.637) – David Kalashian (2.399), EM Batumi 2018

fridman1.jpg
Schwarz droht nicht wirklich etwas, denn den a3-Bauern lässt er besser stehen, wo er ist, will er nicht in einen Königsangriff geraten. Aber es ist gar nicht so leicht, dem Weißen einen Ratschlag zu geben, wie er nun seine Schwerfiguren verbinden, um die b-Linie kämpfen und den schwarzen Druck abschütteln soll. Mit 33.Tc1-c2? die Grundreihe aufzugeben und den König auf g3 zu verstecken, war jedenfalls ein Fehler.

Um seine Türme zu verbinden und von der zweiten Reihe aus um die b-Linie zu kämpfen, entschied sich Fridman, die Grundreihe aufzugeben und zog 33.Tc1-c2? Nur hatte sein Plan, den König derweil auf g3 in Sicherheit zu bringen, einen Haken: g3 ist alles andere als ein sicherer Hafen. Der weiße König zappelte sehr bald in einem versteckten Mattnetz, das aus der Ferne nur schwer zu erspähen gewesen war.

Es folgte 33…Tb3-b1+ 34.Kg1-f2 Tb1-h1 35.Kf2-g3 Th1-f1 36.Dd3-d2, und angesichts der Drohung Sc3-b5+ scheint bei Weiß alles in Ordnung zu sein. Aber tatsächlich steht Weiß auf Verlust.

fridman2.jpg
Das Abzugsschach Sc3-b5+ ist nur eine Pseudo-Drohung. Schwarz spielt 36…Sd7-e5!, und der weiße König zappelt in einem Mattnetz.

36…Sd7-e5! droht Matt auf f3, und guter Rat ist teuer. Nach 37.f4xe5 Lg7xe5+ 38.Kg3-g4 Da5-d8! (droht …Dd8-d7+ nebst Matt, die Hauptidee der schwarzen Mattattacke) muss Weiß dem Schwarzen sein investiertes Material mit üppigen Zinsen zurückzahlen. 37.Sc3-b5+ scheitert an 27…Da5xb5!, und auf f3 droht immer noch Matt.

Fridman wehrte sich noch 30 Züge, und Kalashian tat sich schwerer als nötig, aber am Ende stand auf Seite des Schwarzen ein voller Punkt und bei Weiß ein schlechter Start in das Turnier, in das er vor einem Jahr mit 4,5 Punkten aus 5 Partien gestartet war.

Daniel Fridman muss in Georgien jetzt Schweizer Gambit spielen.

Pläne, Raum, Strukturen: Strategie, ein weites Feld (II)

Wenn die gegnerischen Bauern eine unserer Figuren aus dem Spiel nehmen, weil sie ihr jegliche Perspektive verweigern, dann müssen wir umgruppieren.

Das Phänomen kennt Ihr, seitdem wir im Beitrag „strategisches Geplänkel“ erörtert haben, auf welche Weise Doppelbauern oft „statisch stark“ (und dynamisch schwach) sind.

„Statisch stark“ bedeutet in erster Linie, dass die Doppelbauern als Kontrolleure wichtiger Felder wertvolle Dienste leisten, indem sie einfach bleiben, wo sie sind. Dazu gab es ein Diagramm, das Dir aus dem oben verlinkten Beitrag bekannt vorkommen sollte:

171008dominik6.jpg

Oft ist c3 das natürliche Entwicklungsfeld für den Springer b1. Hier nicht. b5 und d5 sind unter Kontrolle des Schwarzen, daher sollte der Weiße anderswo eine Aufgabe für seinen Springer suchen.

Antwort 45:

In der Stellung aus Martins Partie sieht das ähnlich aus. Der Springer f3 ist in Ermangelung von Feldern arbeitslos:

martinan2.jpg

Darüber hinaus schreit die Stellung förmlich danach, den Springer auf ein typisches Feld zu überführen, von dem aus er kraftvoll in die schwarze Stellung wirken wird:

martinan1.jpg

Der Gaul gehört nach c4. Das Manöver Sf3-d2-c4 im Zusammenspiel mit a2-a4(-a5) ist fast immer erforderlich in Benoni-ähnlichen Strukturen, in denen Weiß auf c2-c4 verzichtet hat. Von c4 aus beäugt der Springer den potenziell schwachen d6-Bauern und verhindert im Zusammenspiel mit dem Bauern a4 eine schwarze Expansion am Damenflügel.

Kann der schwarze sich nicht am Damenflügel ausbreiten, dann bietet sich ihm kaum eine aktive Idee. Er wird sich darauf konzentrieren müssen, auf der e-Linie Leicht- und Schwerfiguren zu tauschen, um sich zu entlasten, aber kein eigenes Spiel aufziehen können.

Wer weniger Raum hat, der will Figuren tauschen, um sich zu entlasten und die Koordination zu erleichtern. Wer Raumvorteil hat, der will Abtäusche vermeiden und dem Gegner Entlastung verwehren.

Mit Sf3-d2-c4 gibt es ein notwendiges Manöver, das weit oben auf der Agenda des Weißen stehen sollte, aber einen klar besten Zug gibt es nicht. Weiter unten auf der Agenda stehen ja noch andere Sachen. Stockfish zum Beispiel schlägt 1.h2-h3 vor. Das antizipiert ein schwarzes …Sf6-h5, sichert dem Lf4 die Diagonale h2-b8 und verhindert obendrein …Lc8-g4, was eine Idee für Schwarz wäre, sich zu entlasten.

Was immer Weiß tut, eines muss er vermeiden: das Feld d2 blockieren, denn das braucht der Sf3 als Brücke, um nach c4 zu gelangen. Darum war 1.Dd1-d2 zwar nicht ideenlos, aber dennoch schlecht.

Antwort 46:

Rausprügeln auf e5, na klar. Das Bauernendspiel ist leicht gewonnen, ein einfacher Fall aus der Abteilung „Abwickeln in ein gewonnenes Bauernendspiel“.

martinan3.jpg

Wenn Schwarz mit dem d-Bauern zurückschlägt, ist es sofort aus. Weiß hat zwei Freibauern, einen auf der d- und (bald) einen auf der h-Linie. Diese beiden brauchen nicht einmal die Unterstützung ihres Königs, um zur Grundlinie durchzulaufen.

Wenn zwei Freibauern zwei oder mehr Linien voneinander entfernt sind, laufen sie alleine durch.

Wenn Schwarz mit dem f-Bauern zurückschlägt, ist es auch aus, dauert aber ein wenig länger. Um den weißen h-Bauern aufzuhalten, muss der schwarze König am Königsflügel ausharren. Der weiße König läuft derweil bis b5, sammelt dort ein paar schwarze Bauern ein und hilft schließlich seinem d-Freibauern, sich zur Dame zu verwandeln.

Die Steinmauer

Was hat sich denn der Schwarze da für einen Klumpen von Bauern ins Zentrum gestellt?

Stonewall1.jpg

„Stonewall“ (Steinmauer) nennt sich diese schwer zu knackende Konstruktion, gekennzeichnet von Bauern auf f5, e6, d5 und c6. Der Aufbau steht für die gleichnamige Eröffnung; der Stonewall ist ein System der Holländischen Verteidigung (1.d2-d4 f7-f5), kann sich aber durch verschiedene Zugfolgen ergeben. Weiß kann sich gegen den schwarzen Bauernblock auf allerlei Weise aufbauen, trotzdem heißt es immer „Stonewall“, wenn die schwarzen Bauern auf f5, e6, d5 und c6 stehen.

Oft nutzt Weiß seinen Anzugsvorteil, um Raumvorteil zu erlangen. Gegen den Stonewall gelingt ihm das nicht, die Hauptidee dieses Aufbaus: Schwarz kontrolliert mindestens so viel Raum wie der Weiße; er kontrolliert sogar einige Felder auf der weißen Bretthälfte, speziell e4.

Eine überragende Eröffnung also? Ja und nein. Der Stonewall ist allseits respektiert, unter anderem Weltmeister Magnus Carlsen spielt ihn gelegentlich. Aber wer sich so weit aus aus dem Fenster lehnt wie hier der Schwarze, der muss auch Nachteile in Kauf nehmen.

Stonewall2.jpg

Indem er alle seine Bauern auf die weißen Felder gestellt hat, hat der Schwarze seine schwarzen Felder geschwächt. Das wird er besonders dann zu spüren bekommen, wenn es dem Weißen gelingt, die schwarzfeldrigen Läufer zu tauschen, eines der Hauptziele des Weißen gegen den Stonewall. Speziell das Feld e5 neigt zur Anfälligkeit, weil es kein schwarzer Bauer mehr verteidigen kann.

Seinen weißfeldrigen Läufer hat sich der Schwarze hinter seinem Bauernblock eingesperrt. Wer zufällig mal ein Schachbuch in der Hand hatte und das Kapitel „Guter Läufer vs schlechter Läufer“ aufgeschlagen hat, der ahnt, in welche Kategorie der Läufer auf c8 fällt. Ein schlechter Läufer, verurteilt zu Passivität in einer blockierten Stellung, mit der sich Läufer ohnehin schwer tun. Läufer sind stark, wenn sie Raum haben.

Aus diesen beiden Problemen, schwarzfeldrige Anfälligkeit und schlechter Läufer, ergibt sich die Strategie des Schwarzen: Das Feld e5 wird er stets bestreichen wollen, damit sich dort niemand einnistet, und er wird nach Wegen suchen, seinen schlechten Läufer ins Spiel zu bringen. Deren gibt es sogar zwei: Entweder die lange Route über d7-e8-h5 oder das Fianchetto …b7-b6, gefolgt von …Lb7 oder …La6 (und oft dem Zentrumsschlag …c5).

Den Stonewall gibt es übrigens auch als Eröffnung für Weiß. Meistens entsteht der so genannte „Stonewall-Angriff“ aus der Bird-Eröffnung 1.f2-f4, gilt aber als harmlos. Dem Schwarzen stehen eine Reihe von Wegen offen, sich dagegen wirksam aufzustellen.

Neulich am Bodensee hat sich Überlingens Sergej Pokrovski eine Steinmauer gebaut. Nach acht Zügen stand es so:

Frage 20

Siegfried Oswald – Sergej Pokrovski, November 2017

Stonewall3.jpg

Gerade hat der Schwarze seinen Springer nach a6 entwickelt mit dem Plan, ihn im nächsten Zug nach c7 zu überführen.

Was halten wir davon?

Hier geht’s zu den Antworten