Turm hoch und aus! (IV)

Den Wert einer offenen Reihe für Turmschwenks haben wir im vergangenen Beitrag kennengelernt. Leider kommt die Praxis selten so eindeutig daher wie die theoretischen Anschauungsbeispiele, aber manchmal eben doch. Zum Beispiel diese Stellung aus dem Budapester Gambit:

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Die schwarze Idee ist, einen Königsangriff zu initiieren. Also will er möglichst viele Kräfte zum Königsflügel überführen. Bevor der Schwarze seinen noch nicht entwickelten und hinter den Bauern eingesperrten Lc8 ins Spiel bringt, möchte er aus der offenen sechsten Reihe Kapital schlagen. …a5 plant den Turmschwenk zum Königsflügel …Ta8-a6-h6. Erst danach wird …d6 folgen, so dass auch der Lc8 ins Spiel eingreifen kann.

…a5 hilft auch, die weißen Pläne zu durchkreuzen. Weiß wird ja voraussichtlich am Damenflügel expandieren, und das fällt ihm nun schwerer, da der Schwarze dem Vorstoß b2-b4 einen Riegel vorgeschoben hat.

Ganz so geschwind wie in dieser exemplarischen Stellung konnte unser Schachfreund Ramadan neulich in Überlingen nicht seinen Turm an den gegnerischen König heranführen.

Antwort 76

Ramadan Deliu – Julian Preuss, Überlingen, März 2018

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Die dritte Reihe steht in diesem Fall nicht offen, aber Weiß findet trozdem einen Weg, den beschäftigungslosen Ta1 einzubeziehen. Er beginnt mit Ta1-e1, dann folgte Te1-e3, und dann wird meistens Te3-h3 nebst h4-h5 die Partie entscheiden.

Turm hoch und aus! Schwarz ist wehrlos, aber gegen die präziseste schwarze Verteidigung ist die Gewinnführung nicht trivial. Eine schöne Gelegenheit für uns, Mattangriffe zu üben.

Hier ist die Stellung schon aufgebaut, und Du kannst die weiße Stellung gegen einen Computer zum Gewinn führen. Viel Erfolg!

Antwort 77

Über allem steht der Turmschwenk, aber als Hintergrundgeräusch spielen sogar mehrere andere Konzepte mit. Zum Beispiel jenes, dass eine Party erst richtig gut wird, wenn alle mitfeiern und niemand einsam und betrübt am Rand der Tanzfläche herumsteht.

Jede Figur sollte eine Aufgabe erfüllen. Spielt eine nicht mit (so wie in diesem Fall der Ta1), dann sollten wir danach trachten, sie einzubeziehen. Das Konzept, mit den Figuren zu sprechen, haben wir ja schon vorgestellt. Wer sich regelmäßig unter seinen Truppen umhört, fragt, ob alle zufrieden sind oder nach Arbeit lechzen, dem wird nicht entgehen, wenn ein einzelner Kämpfer unterbeschäftigt in der Ecke steht.

Mobilität und Raum könnten wir auch noch anführen. Weil der Weiße speziell am Königsflügel mehr Raum beherrscht, ist er dort flexibler und mobiler. Die schwarzen Truppen hingegen sind auf engem Raum zusammengepresst, dem Schwarzen fehlt Mobilität. Darum hat ja Weiß die Zeit, seinen Turm auf Umwegen zum Königsflügel zu überführen, ohne dass sich Schwarz entscheidend wehren könnte.

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Immer alles auskämpfen! (II)

isolani.jpgÜber die typische Isolani-Struktur sind Bücher geschrieben worden, und wir wären bei weitem nicht die erste Schachseite, die sich diesem Thema ausführlich widmet. Aber was sollen wir machen? Am Bodensee scheinen sich die Basics immer noch nicht herumgesprochen zu haben. Und das gilt bei weitem nicht nur für unseren Schachfreund Klaus, der wie kein anderer diese Seite mit seinen Abenteuern am Schachbrett bereichert hat.

Bevor wir den Bereichsliga-Meister aus Meßkirch (Glückwunsch!) in eine höhere Spielklasse entlassen, wollen wir den Schachfreunden aus dem Nachbarort noch ein paar Tipps mit auf den Weg geben. Ihr Auftritt neulich in Überlingen offenbarte Defizite, die eine Liga höher bestraft würden.

So sieht sie aus, die Isolani-Stuktur:

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Wer hier mitliest, der weiß, dass wir als erstes Bauerninseln zählen, um uns über eine Struktur ein Urteil zu bilden. Je mehr Inseln, desto schlechter.

Weiß verwaltet drei Bauerninseln, Schwarz deren zwei. Vorteil Schwarz?

Ja, aber nicht unmittelbar.

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Schon Siegbert Tarrasch beschäftigte sich mit Isolani-Strukturen.

In Endspielen mit dieser Struktur würde Weiß darunter leiden, dass kein Bauernkollege den isolierten Gesellen auf d4 decken kann. Schwarz könnte ihn nach Herzenslust belagern, unter Druck setzen und womöglich erobern.

Aber vor das Endspiel haben die Schachgötter das Mittelspiel gesetzt, und in dem hat die Isolani-Seite den einen oder anderen Vorteil, mit dem sie trefflich arbeiten kann.

„Wer den Isolani fürchtet, sollte besser mit Schach aufhören“, sagt unser oberster Strategieberater Siegbert Tarrasch, der Erfinder der Tarrasch-Verteidigung, deren Anhänger einen Isolani für freies Figurenspiel gerne in Kauf nehmen.

Eine typische Isolani-Stellung aus dem frühen Mittelspiel, wie sie aus diversen Eröffnungen entstehen kann:

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Beide Seite haben einen Zentrumsbauern, aber der von Weiß ist weiter vorgerückt. Er sichert dem Weißen ein wenig Raumvorteil und für seinen Springer einen potenziellen Vorposten auf e5. Während es für den Schwarzen nicht ganz einfach ist, sich bei vollem Brett auf engem Raum harmonisch aufzustellen, hat der Weiße einen einfachen Plan: Königsangriff!

Ist erst einmal ein Gaul auf e5 installiert, geht der Angriff los. Womöglich taucht noch ein zweiter Gaul auf g5 und dazu die weiße Dame am Königsflügel auf. Oder der Weiße baut sich eine Dame-Läufer-Batterie auf der Diagonalen b1-h7. Und, wie schön, die dritte Reihe ist frei für Turmschwenks. Der Turm auf e1 hat sich schon in Position gebracht, um auf der Route e1-e3-h3 am Angriff teilzunehmen.

Drehscheibe d5

Schwarz steht dem natürlich nicht wehrlos gegenüber. Immerhin hat er auf d5 ein treffliches Zentralfeld, auf dem er ungestört Figuren einpflanzen kann. d5 wird ihm oft als Drehscheibe dienen.

Schwarz wird versuchen, schon im Mittelspiel den Isolani unter Druck zu halten, sodass Weiß sich nicht ungestört gegen seinen König aufstellen kann. Und er wird danach trachten, Material vom Brett zu nehmen. Je mehr Figuren getauscht werden, desto weniger Spiel kann der Weiße entwickeln, und desto eher fällt die Schwäche des Isolani ins Gewicht.

Antwort 72

Thomas Bialk – Klaus Grensing, Überlingen, April 2018

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Und schon sehen wir, dass es sich hier um einen elementaren Fall handelt. Weiß schlägt natürlich mit einem Bauern auf d4. Der f3-Springer soll ja bald nach e5, und Weiß will (muss!) Material auf dem Brett halten, will er nicht ohne Angriff in einem schlechten Endspiel landen.

Einige abenteuerlustigen Facebookfreunde unserer Seite wollten einfach einen Bauern opfern. Aber wer das tut, der möchte dafür Zeit, Raum, Initiative oder sonstwelche Gegenleistungen bekommen?! Und wie das hier gehen soll, ist nicht zu sehen.

Der Vorschlag, 1.Lg5 zu spielen, ginge jedenfalls nach hinten los. 1…Sxe4 2.Lxe7, und nun kann sich Schwarz aussuchen, ob er auf c3 oder lieber f2 noch einen Bauern kassieren will.


Das Thema „Remisangebote“ konnten wir vergangene Woche etwas schneller abhandeln als heute jenes der Isolani-Struktur, weil es sich auf eine einfache Formel bringen lässt (siehe Überschrift):

Wir bieten kein Remis an.

Allerdings ist Schach ein Mannschaftssport. Wer im Team spielt, für den sollte zuallererst zählen, dass seine Mannschaft auf 4,5 Punkte kommt. Wer also beim Stande von 4:2 gut steht, aber in Zeitnot gerät, der darf ein Remisangebot versuchen, ohne sich dafür schämen zu müssen. Vielleicht ist der Gegner ja feige genug, es anzunehmen.

Für Spieler der Mannschaft, die 2:4 hinten liegt, sind Remisschlüsse natürlich verboten. Wer trotzdem remis macht, der gehört beschimpft, und wer beim Stand von 2:4 das Annehmen eines Remisangebots mit der geläufigen, aber dämlichsten aller Begründungen rechtfertigt, der erst recht:

Ich habe nicht gesehen, wie ich gewinnen soll.

Wenn Magnus Carlsen 1.e2-e4 spielt, sieht er auch noch nicht, wie er gewinnen soll.

Immer alles auskämpfen! Beim Stand von 2:4 spielen wir ausgeglichene Stellungen halt weiter, stellen dem Gegner Probleme, bis er kollabiert und einen Fehler macht. Ist das passiert, wirst Du schon sehen, wie Du gewinnen sollst.

Antwort 73

In der fraglichen Stellung konnten die Mannschaftskameraden des Schwarzen durchaus noch von 4,5 Punkten träumen, als nach Ld3-c2 eine Remisofferte hereingeflattert kam.

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Unter normalen Umständen würden wir so ein Remisangebot als Frechheit abtun. Schwarz ist ja sowas von am Drücker. Er muss nur auf e4 alles tauschen, dann steht es so:

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Jetzt …Lf6, …Dd5, Türme zentralisieren, Druck gegen d4, und der Weiße wird arge Schwierigkeiten haben, seinen Laden zusammenzuhalten. Er leidet nicht nur an seinem schwachen Isolani, dazu kommt noch, dass er mit einem schlechten Läufer dasteht. Spiel auf ein Tor.

Trotzdem können wir dem Weißen hier keine Unhöflichkeit unterstellen. Er hat ja schon mit Sxd4 in Diagrammstellung 72 gezeigt, dass ihm nicht klar ist, dass Weiß Puppen auf dem Brett halten muss. Gerade hat er mit Lc2 (was den Generalabtausch auf e4 erlaubt) diese Einschätzung noch einmal bestätigt.

Also lehnen wir freundlich lächelnd ab, bleiben Freunde, unterstellen ihm nichts Böses und schieben dann ihn und seine traurige Heerschar von Klötzen zusammen.

Antwort 74

Elmar Streicher – Wolfgang Müller, Überlingen, April 2018

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Frechheit vom Weißen, 1.Te3 zu ziehen und remis anzubieten.

Schwarz steht klar besser. Sein Turm ist aktiv, der des Weißen an die Verteidigung seiner Bauern gekettet. Der schwarze König hat eine klare Route, am Königsflügel einzudringen, Spiel auf ein Tor. Schwarz kann in der Folge ohne Risiko ausloten, ob es ihm gelingt, seinen Vorteil in einen vollen Punkt zu verwandeln.

Vorsicht, Grautöne und Nebengeräusche: die Lehre vom schlechten Läufer (II)

Wenn wir eine Stellung bewerten, dann ist ein Konzept selten ausreichend, um zu ermitteln, wer besser steht. Meistens spielen mehrere Konzepte in die Stellungsbewertung hinein, ergänzen einander oder widersprechen sich gar. Und oft ist es gar nicht so leicht zu begreifen, welches nun eine Hauptrolle spielt und welches wir eher als Hintergrundrauschen verstehen sollten.

Im ersten Teil haben wir gesehen, dass gerade einfach zu verstehende Konzepte wie das des „schlechten Läufers“ gerne überbewertet werden, eben weil sie so einfach zu verstehen sind. Manchmal sind Bauern auf der Farbe des Läufers festgelegt, und doch spielt das eine eher untergeordnete Rolle oder ist nur ein Konzept von vielen, die zu berücksichtigen sind.

Perlenfischer – indisponierter Großmeister, Internetpartie 2017

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Der Schwarze hat gerade …Le7 gespielt, und er wird …Lg5 folgen lassen, wenn Weiß nichts dagegen unternimmt. Mit seinen auf Schwarz festgelegten Bauern käme dem Schwarzen ein Abtausch der schwarzfeldrigen Läufer entgegen. Außerdem hilft ihm wegen seiner Raumnot Abtausch generell, denn das würde ihm auf seinem limitierten Raum die Koordination erleichtern.

Weiß zog Sf3, was eine Figur entwickelt und …Lg5 verhindert.

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Für Schwarz wäre jetzt …Lg4 mit der Idee …Lxf3 eine gute Option.

Ja, theoretisch ist der weißfeldrige der „gute“ Läufer von Schwarz, aber der ist längst nicht so gut wie der Sf3.

Hat dieser Springer erst einmal sein typisches Feld c4 erreicht, wird er von dort aus weite Teile der schwarzen Stellung dominieren (dieses Motiv aus Benoni-artigen Strukturen haben wir an anderer Stelle schon kennengelernt). Also sollte Schwarz ihn liquidieren. Außerdem gilt weiter, dass sich der beengt stehende Schwarze gerne per Abtausch entlasten möchte.

Schwarz spielte stattdessen …Sf6, was weniger präzise sein mag, und ein paar Züge später stand es so:

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Keine Hebel, kein Gegenspiel, kein Raum: Da helfen dem Schwarzen seine 2.500 Elo wenig, er ist schon fast komplett überspielt. Jetzt plant er …Sg6-f4, ein Sprung auf das einzige aktive Feld, das sich seinem kümmerlichen Klumpen von Leichtfiguren anbietet.

Und wieder: Ja, angesichts der auf weiß festgelegten Bauernkette im Zentrum ist der weißfeldrige Läufer der „schlechte Läufer“, theoretisch. Trotzdem behält Weiß ihn lieber auf dem Brett, spielt Te1 und plant …Sf4 mit Lf1 zu beantworten. Das hat wieder den Grund, den Schwarzen in seinem Saft schmoren zu lassen. Entlastung wird nicht gewährt.

Außerdem dient der Läufer als Stabilisator des Königsflügels. Sollte Schwarz mit Unterstützung seines Sf4 mittelfristig ein wenig Spiel am Königsflügel entwickeln, dann wird dort weißfeldrig nichts anbrennen, weil der Lf1 als Verteidiger jegliche Einschläge auf h3 oder g2 entschärft.

Dazu kommt noch, dass der vermeintlich schlechte Läufer auch einen offensiven Job macht. Schwarz ist ja verzweifelt auf der Suche nach Hebeln, einer wäre …b5. Aber nach axb6 wird der rückständige a6-Bauer schwach sein, und das umso mehr, weil ihn der Lf1 unter Druck setzt.

Antwort 66

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1.c5 wäre eine Idee, um den hinter seinen Bauern eingesperrten La8 endgültig kaltzustellen. Tauscht Schwarz zwei Mal auf c5, hätte der Weiße dieses Ziel tatsächlich erreicht, der c6-Bauer wäre festgelegt. Aber Schwarz spielt 1…Sd7, setzt die Spitze der weißen Bauernkette unter Druck und wird Weiß zwingen, auf d6 oder b6 zu tauschen.

Besser ist 1.e5. Das gewinnt erst einmal weiteren Raum und beschädigt in der Folge die schwarze Struktur. Um den La8 kümmert sich Weiß später.

Antwort 67

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Lxg6, logisch. Nur so lässt sich der e5-Bauer verteidigen, und dem Schwarzen geht die Integrität seiner Struktur flöten.

Antwort 68

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Jetzt ist es an der Zeit, den La8 kaltzustellen. Weiß spielt c5.

Antwort 69

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Natürlich schlagen wir mit der Dame auf c5.

Schwarz kann sich nicht mit …La6 befreien, dann käme b5 nebst b6.

Von c5 aus droht die Weiße Dame, ins schwarze Lager einzudringen, außerdem liegen Sd4 und Se4 in der Luft (und ggf. Sb5). Auf d6 winkt den weißen Gäulen ein schönes Feld, und die e6- und c6- Bauern stehen viel stärker unter Druck, als wenn wir per bxc5 die Stellung statisch machen würden. Nach 1.Dxc5 steht Weiß auf Gewinn.

Antwort 70

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Sb3 mit Kontrolle des Feldes c5. Ist dort ein weißer Springer angekommen, ist die Partie fast vorbei.

Der c6-Bauer bleibt festgelegt, der e6-Bauer angegriffen, und der Springer unterstützt den gedeckten Freibauern des Weißen bei seinem Vormarsch. Weiß muss nichts weiter tun, als seinen König helfend heranführen, dann ist es aus.

Der Blübaum-Killer traf einen anderen: Caruanas Französisch-Lehrstunde

Auf Weltklasse-Niveau wird die Französische Verteidigung kaum gespielt, weil es ihr an Solidität fehlt. Auch Anfänger sollten besser die Finger davon lassen, weil Französisch eine heikle Angelegenheit ist. In vielen Abspielen macht Schwarz positionelle Zugeständnisse (wenig Raum, schlechter Läufer) und muss sich auf taktische/dynamische Ideen verlassen, um Spiel zu bekommen. Ein schmaler Grat, von dem der ungeschulte Schachjünger nur allzu leicht herunterpurzelt.

Im schachlichen Mittelbau erfreut sich die Französische Verteidigung ungebrochener Vitalität, vor allem in Deutschland. Fast alle deutschen Großmeister haben „Französisch“ im Repertoire gegen 1.e4. Georg Meier gilt gar als weltweit führender Experte in der Rubinstein-Variante, in der Schwarz (eher untypisch) früh …d5xe4 spielt.

Neulich beim GrenkeClassic musste der deutsche Franzose manchen Härtetest überstehen. Insbesondere Matthias Blübaum glänzte, als er mit den schwarzen Steinen Fabiano Caruanas Steinitz-Franzosen souverän neutralisierte.

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Yasser Seirawan schaute Fabiana Caruana staunend über die Schulter: „Das kann doch nicht gut sein, was Fabiano spielt…“

Wie leicht es hätte anders laufen können, zeigt eine Partie aus der gerade beendeten US-Meisterschaft, in der der Weltranglistenzweite seinen Gegner vom Brett fegte. Der hatte ein Abspiel gewählt, das auch Blübaum gelegentlich spielt, von dem der Deutsche aber in der Partie gegen Caruana Abstand genommen hatte. Aus gutem Grund.

Die Partie des WM-Herausforders veranschaulicht, wie sehr sich Schach immer noch entwickelt. Das Konzept, den vermeintlich „guten“ weißfeldrigen Läufer abzugeben, um Zeit zu gewinnen, in Verbindung mit der langen Rochade, die Schwarz geradezu zum Königsangriff einlädt, das ist hochmodernes Schach, wie es so noch vor wenigen Jahren nicht gespielt wurde.

Im Live-Studio in Saint Louis schaute US-Großmeister Yasser Seirawan staunend zu. Der, einst selbst ein Top-Ten-Spieler, konnte kaum glauben, was er sah: „10.0-0-0, das kann doch nicht gut sein…“

 

Caruana, Fabiano (2.804) – Akobian, Varuzhan (2.647)
US-Meisterschaft 2018, Saint Louis

1. e4 e6 2. d4 d5 3. Sc3 Sf6 4. e5 Sfd7 5. f4 c5 6. Sf3 Le7 7. Le3 Sc6 8. Dd2

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Eine Grundstellung des klassichen Steinitz-Franzosen (3.Sc3 Sf6 4.e5), der sich zur Französisch-Hautpvariante gemausert hat. Schwarz kann nun unmittelbar kurz rochieren, kann aber auch erst am Damenflügel aktiv werden, in der Regel mit …a6 und …b5. Letzteres spielt Caruana selbst, wenn er sich für Französisch entscheidet (im Schnellschach oder gegen Spieler unter 2.700).

8… b6

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Eine Nebenvariante, die unter anderem der Deutsche Matthias Blübaum gelegentlich spielt, wenn er keine Lust auf 8…a6 hat. Und eine kleine Provokation zudem. Eine zentrale Weisheit aus Sicht der Weißen im Steinitz-Franzosen ist ja, dass Weiß nicht lang rochieren darf, so lange Schwarz mit …c4 und …b5-b4 sofort gegen den weißen König losmarschieren kann. Mit 8…b6 statt 8…a6 lädt Schwarz den Weißen zur langen Rochade ein und behauptet, dass dieses Konzept auch noch gilt, wenn Schwarz ein Tempo für den
Angriff am Damenflügel verloren hat, weil er …b7-b6-b5 spielen muss.

9. Lb5

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Die moderne Fortsetzung, die Schachmeister noch in den 80er-, womöglich 90er-Jahren mit einer hochgezogenen Augenbraue betrachtet hätten. Aber so wie notorische Damenbauer-Spieler mit dem jüngsten Aufkommen des London-Systems lernen mussten, dass man den Lf1 auch nach b5 statt d3 entwickeln kann, müssen auch Französisch-Spieler auf neue Konzepte gefasst sein. Wer weiß, in ein paar Jahren gilt 9.Lb5 womöglich als Widerlegung von 8…b6. Und vielleicht ist das ja genau der Braten, den Blübaum vor seiner Partie gegen Caruana beim Grenke-Chess gerochen hat.

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Variante nach 12…Dc7: Weiß ist voll mobilisiert und hat jetzt gewaltige Initiative für die geopferte Figur.

(9. O-O-O c4 10. Lxc4!? dxc4 11. d5 exd5 12. Dxd5 Dc7 (12…Lb7 13.e6 gewinnt für Weiß) wäre mindestens interessant und wahrscheinlich ein ziemlicher Schock für den Schwarzen. In der Praxis gab es diese Stellung noch nicht. Das weiße Konzept wäre so ähnlich wie in der Partie: Anstatt den oft im späteren Verlauf der Partie so wichtigen weißfeldringen Läufer unter Verrenkungen auf dem Brett zu halten, gibt Weiß ihn sofort her, um Zeit zu sparen, sich die Koordination zu erleichtern und sofort mobilisiert zu sein. Dass Schwarz wegen …b6 ein wenig Stabilität am Damenflügel eingebüßt hat, spielt dem Weißen in die Karten. 12.Dxd5 kommt mit Tempo, sonst würde die Chose nicht funktionieren. Jetzt genießt Weiß eine mächtige Initiative. Ihm bieten sich nach 12…Dc7 eine Reihe interessanter Fortsetzungen an, vom offensichtlichen 13.e6 über 13.Sb5 nebst 14.e6 und 13.Sd4 bis zu 13.Sg5.)

9… Dc7 10. O-O-O

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Auch das würden Schachmeister der 80er- und 90er-Jahre nicht gutheißen, wie sich an der Reaktion von Yasser Seirawan bei der Liveübertragung trefflich beobachten ließ. Seirawan versteht das Spiel heute noch besser und tiefer als die meisten anderen, aber 10.0-0-0, „das kann doch nicht gut sein?!“, sagte er ungläubig. Doch, Yasser, kann es, weil Weiß dank Lf1-b5xc6 viel schneller ist als in den Lehrbuchstellungen, in denen Weiß mit 0-0-0 ins Unheil rochiert.

10… a6 11. Lxc6 Dxc6 12. f5 

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Schwarz hat mit …b6, …Dd8-c7 und …a6 eine Menge Zeit verplempert, nur um sich den weißfeldrigen Läufer des Weißen einzuverleiben. Weiß hat derweil alles entwickelt, und jetzt setzt er als erster einen Hebel an, lange bevor der Schwarze auch nur in die Nähe seines Königs kommt.

12… c4 13. f6!

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Öffnet Linien für den Angriff und räumt das Feld e5 für den Sf3.

13…gxf6 14. exf6 Lxf6 15. Thf1

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Die weiße Attacke richtet sich gegen f7.

15… b5

Jetzt, spät, wird der schwarze Gegenangriff zumindest spürbar.

16. Df2

Caruana nahm sich angesichts des zu erwartenden …b5-b4-b3 eine halbe Stunde Zeit, um den besten Weg auszutüfteln, wie er als erster ans Ziel kommt. Immer noch ist das Konzept der beschleunigten Mobilisierung dank Lf1-b5xc6 gegenwärtig. Weder auf f1 noch auf der zweiten Reihe steht dem Weißen ein Läufer im Weg, so dass er unmittelbar auf der f-Linie verdoppeln kann.

16… b4

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17. Se2

(17. Se4!? war auch eine Option, aber Weiß hat keine Figurenopfer nötig. Sein Angriff rollt auch so, während sich schwarzes …b4-b3xa2 per Kd2 recht einfach entschärfen lässt.)

17… b3 18. Se5

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Wäre Schach Fußball und würde in Stadien gespielt, dann würde spätestens an dieser Stelle „Jetzt geht’s los!“ aus der Caruana-Fankurve erschallen.

18… Lxe5

Nicht schön, aber was sonst?

(18… bxa2 19. Sxc6 a1D+ 20. Kd2 Dxb2 +- Jetzt liegen Tb1 und Se5 in der Luft. Die schwarze Stellung ist nicht zu halten. Weiß steht mit zwei Minusbauern auf Gewinn.)

19. Dxf7+ Kd8 20. dxe5 bxa2

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Sieht angesichts des drohenden …a1D nach kräftigem Gegenspiel aus, aber nach…

21. Kd2

…hat Weiß alles unter Kontrolle.

21…Tf8 22. Dxh7 Txf1 23. Txf1

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Jetzt droht tödlich Se2-d4xe6+.

23… d4

Räumt der Dame das Feld d5.

24. Dg8+ Kc7 25. Sxd4 Dd5 26. Dxe6

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Nachdem Weiß den kompletten schwarzen Königsflügel eingesammelt hat, wäre er auch mit einem Endspiel glücklich. Während der a2-Bauer keine Gefahr darstellt, wäre das Duo auf h- und g-Linie kaum zu stoppen.

26… Da5+

Die ungleichfarbigen Läufer hielten hinsichtlich eines möglichen Endspiels die kleine schwarze Remishoffnung am Leben, aber jetzt ist es aus. Schwarz übersieht die Kombination 28.Tf7+ nebst Lf4+.

27. c3 Sxe5

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28. Tf7+! Sxf7 29. Lf4+ Kb7 30. Dxf7+ nebst Matt. Schwarz gab auf.

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1-0

Was sind eigentlich hässliche Züge? Und wie erkennen wir die? (II)

1970 in einer Blitzpartie hatten der große Viktor Kortschnoi (Weiß) und der noch größere Bobby Fischer (Schwarz) diese Stellung auf dem Brett.

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Welche Eröffnung die beiden gespielt haben, sehen wir sofort: ein klassischer Königsinder, aus dem sich bei geschlossenem Zentrum das typische Wettrennen auf den Flügeln ergeben hat.

Weiß versucht, auf dem Damenflügel ins schwarze Lager einzudringen, Schwarz stürzt sich derweil mit allen verfügbaren Truppen auf den weißen König. Wer zuerst an sein Ziel gelangt, der gewinnt.

fischer
Bobby Fischer.

Seinen Läufer auf c8 hat Bobby Fischer bislang nicht angefasst, und doch ist der Läufer eine zentrale Figur im Konzept des Schwarzen. Will er zum weißen König durchdringen, wird er auf die eine oder andere Weise auf h3 eine Figur ins Geschäft stecken müssen, um den Schutzwall aus Bauern vor dem weißen König zu zertrümmern. Nur weil der Läufer von c8 aus auf den weißen Königsflügel späht, bieten sich dem Schwarzen einige Optionen, sein Ziel zu erreichen.

Nicht nur in diesem konkreten Fall, sondern generell im klassischen Königsinder gilt, dass der weißfeldrige Läufer für den schwarzen ein unverzichtbarer Baustein seiner Ambitionen gegen den weißen König ist. Oft bleibt der Läufer lange auf c8 stehen, nur um dann im Mittelspiel entscheidend in die Attacke einzugreifen.

Natürlich müssen weder Schwarz noch Weiß diese Strukturen mit geschlossenem Zentrum und gegenseitigen Angriffen anstreben. Für beide Seiten bieten sich im Königsinder eine Reihe von Möglichkeiten, sich aufzubauen. Das gilt auch für Jürgens Partie neulich.

Wer die verpasst hat, hier der Beitrag aus der Schachschule mit den Fragen, die wir nun beantworten:

Was sind eigentlich hässliche Züge und wie erkennen wird die?

Antwort 59

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Früher oder später muss Schwarz entscheiden, wie er sich im Zentrum dagegenstemmen will. Schwarz kann sofort mit …e7-e5 im königsindischen Sinne fortsetzen. Er kann auch …c7-c5 spielen, wonach die Partie eher einen Benoni-Charakter bekäme. Oder er bleibt vorerst flexibel mit …Sb8-d7 oder sogar …Sb8-a6 und legt sich erst später fest.

…b7-b6 ist hässlich, weil es nicht in die Stellung passt. Egal, wie sich Schwarz aufbauen wird, egal, welchen Plan er verfolgen wird, wo er Hebel ansetzen wird, …b7-b6 passt nicht rein und die Idee, den Lc8 zu fianchettieren, noch weniger.

Lc8-b7, noch ein hässlicher Zug.

Antwort 60

Auf b7 wäre der Läufer nur sinnvoll aufgestellt, wenn es Schwarz gelänge, nach …e7-e5 oder …c7-c5 auf d4 zu tauschen und in der Folge Druck gegen den weißen e4-Bauern zu entwickeln.

Aber das kann ihm nicht gelingen, weil beim Schach abwechselnd gezogen wird.

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Weiß spielt natürlich d4-d5, schließt das Zentrum ab, stellt den Lb7 kalt, und Schwarz hat zwei Tempi investiert, um seinen Läufer auf ein schlechteres Feld zu stellen als das, von dem er kam.

Der einzige Hebel, der sich jetzt für Schwarz anbietet, ist …b6-b5 – noch ein Indiz, welch ein bescheidener Zug …b7-b6 war. Lieber würde Schwarz seinen Hebel in einem Zug per …b7-b5 ansetzen, aber das geht nun nicht mehr, nachdem er mit …b7-b6 und …Lc8-b7 Zeit verplempert hat.

Antwort 61

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1.e4xd5 ist die klar beste der drei möglichen Arten, auf d5 zurückzuschlagen.

Der Lb7 bleibt kaltgestellt, der Hebel …b6-b5 verhindert, und Weiß erfreut sich Raumvorteils und freieren Figurenspiels, während der Schwarze zusammengedrängt und ohne Plan dasteht. Vorteil Weiß.

Nach 1.c4xd5?! b6-b5 entwickelt Schwarz unmittelbar Gegenspiel am Damenflügel.

Auch nach 1.Sc3xd5 ist sofortiges 1…b6-b5 stark. Schwarz befreit sich, und Weiß kann auf b5 keinen Bauern gewinnen, weil sich am Ende der Ta8 auf a2 bedient.

Antwort 62

Erst einmal ist Schwarz ganz zufrieden damit, auf der e-Linie Material vom Brett nehmen zu können, um sich zu entlasten und damit dem Ausgleich näher zu kommen. Das ändert aber nichts an dem Umstand, dass der Weiße weiterhin mehr Raum besitzt und der Lb7 im Abseits steht.

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Schwarz braucht einen aktiven Plan, und der besteht in …b6-b5. Will Schwarz vollwertiges Spiel haben, dann muss er eher früher als später am Damenflügel seinen typischen und in diesem Fall einzigen Hebel ansetzen.

Sobald Weiß c4xb5 spielt, würde der d5-Bauer schwach und der Lb7 hätte endlich eine Aufgabe. Stützt der Weiße stattdessen per b2-b3 seine zentrale Bauernkette, ergeben sich schwarzfeldrige Löcher am weißen Damenflügel, gegen die der Schwarze spielen kann.

Antwort 63

Anstatt per …b6-b5 energisch auf Gegenspiel zu pochen, spielt der Schwarze …Nd7-e5. Als würde er damit zufrieden sein, schlechter zu stehen, und nur darauf hoffen, per Entlastung den Nachteil in Grenzen zu halten.

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Durch den Tausch auf e5 hat die Struktur eine wesentliche Veränderung erfahren. Auf einmal besitzt der Weiße einen gedeckten Freibauern auf d5. Der marschiert zwar nicht unmittelbar los, aber der Schwarze hat auch unmittelbar keine gute Möglichkeit, ihn wirksam zu blockieren.

Mit einem Blockade-Springer auf d6 (der zudem …b6-b5 und …f7-f5 unterstützen würde), stünde Schwarz vielleicht sogar besser. Aber der Gaul hat keinen Weg nach d6, und Weiß wird ihn sofort vom Brett tauschen, sollte er drohen, auf sein Traumfeld zu gelangen.

Warum Weiß besser steht, ist offensichtlich. Aktivität, Raumvorteil, gedeckter Freibauer. Der Schwarze hat sich zwar ein wenig entlastet, aber seine Koordination ist immer noch kümmerlich. Der Lb7 bleibt kaltgestellt, der Lg7 spielt auch nicht mit, und der Sf6 findet keinen Weg nach d6.

Schwieriger ist die Frage zu beantworten, wie Weiß nun weiterspielen soll. Ein klarer Plan, den Vorteil auszubauen, ist schwierig zu benennen. Wichtig ist, den Schwarzen in seinem Saft schmoren zu lassen, Material auf dem Brett zu halten, bis sich ein Szenario ergibt, in dem der weiße Trumpf (sein gedeckter Freibauer) sticht. Die einzige Figur, die Weiß bereitwillig heraustauschen wird, ist der schwarze Springer, damit der nicht nach d6 gelangt.

Auch der weiße Springer hat ja ein Traumfeld, e4. In diesem Sinne wäre eine Idee von mehreren, 1.Lg5xf6 Lg7xf6 2.Sc3-e4 Lf6-g7 3.g4-g5 zu spielen. Danach stünde es so:

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Der weiße Springer hat unbehelligt sein Traumfeld e4 erreicht, Schwarz kann den d6-Freibauern nicht mehr wirksam blockieren und ebenso wenig günstig …f7-f5 spielen. Das Läuferpaar, das uns oft so wichtig ist, könnten wir an dieser Stelle ohne große Bedenken aufgeben.

Vorteil Weiß.

Antwort 64

Jetzt müsste schon deutlich geworden sein, warum Sc3-e4 ein hässlicher Zug war. Das einzige, was der Zug leistet, ist Schwarz weitere Entlastung zu bescheren.

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Außerdem hat der Schwarze nach …Sf6xe4 Ld3xe4 plötzlich zwei Hebel als realistische Optionen: Zum ewigen …b6-b5 kommt nun auch noch …f7-f5, das die aufgelockerte weiße Königsstellung betonen würde. Des Weißen gedeckter Freibauer kommt derweil kein Stück voran.

Mit einem Mal ist der weiße Vorteil fast verflogen. Schade eigentlich. Wer seinen Königsinder so misshandelt wie hier der Schwarze, der sollte dafür bestraft werden.

Pentranter Störenfried II

Antwort 18

Gar nicht, 2…Sxf4 ist keine positionelle Drohung. Weiß sollte einfach seine Entwicklung beenden.

Angenommen, Weiß spielt 2.0-0 Sxf4 3.exf4, dann steht es so:

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Weiß hat zwar seinen mächtigen Läufer abgegeben, aber nicht, ohne etwas dafür zu bekommen: Zentrumskontrolle. Das Feld e5 befindet sich fortan in einer eisernen weißen Umklammerung, was es dem Schwarzen schwer bis unmöglich macht, den befreienden Vorstoß …e6-e5 durchzusetzen. Und so lange ihm …e5 verwehrt bleibt, ist der Läufer auf c8 hinter seiner Bauernmasse eingesperrt und wird nicht an der Partie teilnehmen. Der weiße f-Doppelbauer hingegen ist alles andere als eine Schwäche, er sichert dem Weißen Kontrolle über e5 und Druck auf der halboffenen e-Linie.

Weiß hat mehr Raum, steht aktiver und ist besser koordiniert. Unmittelbar plant er, den Damenflügel aufzurollen, während Schwarz keinerlei aktive Pläne umsetzen kann. Weiß hat erheblichen Vorteil.

Die für Weiß angenehme Struktur im Diagramm entsteht häufig aus dem Damengambit, naturgemäß in erster Linie aus Varianten, in denen Weiß seinen Läufer nach f4 statt g5 entwickelt. Wie angenehm sich solche Stellungen für den Weißen spielen, hat sich anno 2017 am Bodensee noch nicht herumgesprochen ist seit den frühen 1920er-Jahren bekannt. Wer eine Schach-Datenbank wie die Megabase nach obiger Struktur durchforstet, der wird unter anderem zahlreiche Partien des vierten Schachweltmeisters Alexander Aljechin finden, der damit manchen seiner vielen Siege eingefahren hat.

Strategisches Geplänkel

Dominik Vogel – Luca Bolick, Überlingen, Oktober 2017

Frage 14:

Weiß hat seine Entwicklung fast abgeschlossen, nur den Sb1 muss er noch ins Spiel bringen.

171008Dominik5.jpg

Wohin damit?


Frage 15:

Schwarz ist gerade mit …b7-b5 am Damenflügel vorgeprescht, und Dominik erfüllte die Sorge, dass der Schwarze mit …b5-b4 weiter marschiert, Raum gewinnt und den Sc3 aus seiner zentralen Position vertreibt.

171008Dominik1.jpg

Sind die schwarzen Aufmarschpläne tatsächlich ein Grund zur Sorge?


Frage 16:

Bislang war die Partie ein Austausch von strategischen Feinheiten, bestimmt von gegenseitigem Lavieren und Manövrieren ohne große Feindberührung. Aber früher oder später wird jede Partie konkret und taktisch, es kommt zum Nahkampf, und dann müssen wir rechnen.

171008Dominik3.jpg

Hier ist es so weit (Weiß am Zug). Der Bauer e5 hängt, und Dominik fragte sich, ob er den Bauern nehmen sollte, oder ob 18.Sg4xe5 Le7-f6 eher Schwarz helfen würde. Auf der dann geöffneten langen Diagonalen a1-h8 wäre der schwarze Läufer stark, und der weiße Bauer auf b2 wäre nicht zu halten.

Also, auf e5 nehmen oder nicht?

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