Aktiv spielen! (III)

Im Beitrag „Aktiv spielen!“ haben wir uns neulich über Schachweltmeister Magnus Carlsen lustig gemacht. Der Norweger hatte 2016 im WM-Match gegen Sergej Karjakin einen angegriffenen Turm auf ein merkwürdiges Feld gestellt.

aktiv1.jpg

Für uns sieht das schlicht so aus, als wäre das ein dämlicher Zug, steht der Turm auf e2 doch dem Lf1 und der Dame im Weg. Läufer und Dame wären aktiver, stünde nicht dieser dösige Turm dazwischen.

In Wahrheit verstehen wir schlichtweg nicht genug vom Schach, um die Tiefe eines solchen weltmeisterlichen Zuges zu erfassen. Wir müssen ja erst einmal alle fundamentalen Konzepte begreifen und in der Praxis erproben, bevor wir später vielleicht einmal anfangen können, wissentlich gegen sie zu verstoßen.

Als wolle er Patzer wie uns verhöhnen, führte Magnus neulich beim Turnier in Shamkir ein ähnlich krummes Manöver aus.

Magnus Carlsen – Radoslaw Wojtaszek, Shamkir 2018

aktiv2.jpg

Fünf Züge sind gespielt, und der Weltmeister hat schon drei Mal seine Dame gezogen. Nun ist sie auf einem Feld gelandet, wo sie den Lc1 einsperrt.

Nee, nee, von so etwas wollen wir nichts wissen. Wir fassen weiterhin unsere Dame zu Beginn der Partie nicht an, ziehen nicht mehrfach mit irgendwelchen Figuren herum, sondern versuchen stattdessen, zu Beginn alle unsere Leichtfiguren ins Spiel zu bringen, und das möglichst aktiv.

So wie neulich in Überlingen Schachfreund Alexander:

Alexander Daudrich – Helmut Möldner, Überlingen, April 2018

aktiv3.jpg

Erst stellt er einen Bauern im Zentrum und verschafft seinem Lf1 freie Bahn. Gleich danach kommt der Läufer heraus, und das auf ein gleichermaßen aktives wie zentrales Feld.

Frage 75

Daran ist nun wirklich nichts auszusetzen – oder?

Advertisements

Sizilianisch Marke Eigenbau: den Theoretiker aus dem Konzept gebracht

Seit 2014 gibt es in Aserbaidschan das Gaschimow-Memorial, ein jährliches Superturnier in Gedenken an den aserbaidschanischen Großmeister Vushar Gaschimow, der Anfang 2014 27-jährig einem Gehirntumor erlag.

gashimov
Vugar Gaschimow (Illustration: Willum Morsch/@WillumTM)

Am Brett war Gaschimow ein kreativer Draufgänger, ein Angreifer und kompromissloser Kämpfer. Leider spiegelte das Turnier diese Attitüde seines Namensgebers nicht wider. Speziell die einheimischen Spieler schoben ein Remis nach dem anderen, insbesondere, wenn sie einander gegenüber saßen.

Teimour Radjabow, der das Turnier mit 9 Remisen abschloss, brüskierte Zuschauer wie Organisatoren, indem er seine Kurzremisen als „professionell“ rechtfertigte. Kein Wunder, dass der Organisator und Vizechef des aserbaidschanischen Verbands Mahir Mamedow hinterher ebenso stinksauer war, wie es Vugar Gaschimow gewesen wäre.

Weltmeister Magnus Carlsen war der einzige, der den viel zu früh gestorbenen 2.700-Großmeister würdigte, indem er sich aus dessen originellem Eröffnungsrepertoire bediente – und eine gehörige Prise Eigenbau hinzufügte. Das reichte, um den polnischen Supertheoretiker Radoslaw Wojtaszek aus dem Konzept zu bringen.

Carlsen, Magnus (2.843) – Wojtaszek, Radoslaw (2.744)
Shamkir Chess 2018, 5. Runde, Sizilianisch

1. e4 c5 2. Sc3 d6 3. d4 cxd4 4. Dxd4 Sc6

carlwojt1.jpg

Eine Reminiszenz des Weltmeisters an Vugar Gashimow, der an dieser Stelle Lb5 spielte und damit unter anderem die Herren Grischuk und van Wely geschlagen hat.

5. Dd2 Sf6 6. b3

carlwojt2.jpg

Aber das ist neu im offenen Sizilianer. Weiß finachettiert den Lc1, rochiert dann lang und setzt darauf, dass sein König in dieser Formation sicher sein wird.

6… e6 7. Lb2 a6 8. O-O-O b5 9. f3 h5

carlwojt3.jpg

Will g4 stoppen, wie es der Schwarze in solchen Stellungen häufig tut. Aber in diesem Fall womöglich schon eine Überreaktion. Ein wesentlicher Unterschied zu „normalen“ Sizilianisch-Stellungen ist, dass der Sf3 noch auf seinem Ausgangsfeld steht. Und das wirkt sich zugunsten des Weißen aus.

10. Sh3

Carlsen hat ein Loch auf g5 erspäht und schickt sofort seinen Springer aus, um dieses zu besetzen.

10… Le7 11. Sg5 h4

carlwojt4.jpg

Damit Weiß den Springer nicht dauerhaft auf g5 einpflanzt. Aber wo soll der schwarze König jemals einen sicheren Hafen finden?

12. f4 Lb7 13. Kb1 Tc8 14. Le2 Dc7 15. The1

carlwojt5.jpg

Schwarz hat alle sizilianischen Schemazüge gemacht, und nun steht er schlecht. Am Damenflügel geht es nicht weiter, und anderswo kann der Schwarze nicht viel anderes tun als stillhalten. „Ich wusste nicht, was ich machen soll“, gestand Wojtaszek nach der Partie.

15… Sh7

Verständlich, dass sich Schwarz entlasten und nach Möglichkeit …Lf6 spielen will. Aber 15…Sh7 sollte geradewegs zum Verlust führen.

16. Sxh7 Txh7

carlwojt6.jpg

17. g4?!

carlwojt14.jpg
Variante nach 17.Sd5!

(17. Sd5! ist für jeden Schachspieler, der mit Weiß gelegentlich einen offenen Sizilianer spielt, ein Kandidat, natürlich auch für Magnus Carlsen. „Aber ich konnte es nicht bis zum Ende durchrechnen und dachte, ich sollte auch nach einem normalen Zug gut genug stehen“, erklärte der Weltmeister nach der Partie – und ging hart mit sich ins Gericht: „Eine fürchterliche Entscheidung.“ 17… exd5 18. exd5 Sd8 19. Lg4 (Diagramm) führt in ein arges Variantengestrüpp, das Rechner auf Neuronenbasis wahrscheinlich eher erfühlen müssen, weil sie es nicht komplett durchforsten können. Aber wenn sich Weiß vergegenwärtigt, dass Schwarz schon gegen eine simple Turmverdopplung auf der e-Linie fast hilflos ist, dann ahnt er, dass er auf Gewinn steht.)

17… hxg3 18. hxg3 Lf6

carlwojt7.jpg

Mit einem eigenen Läufer, der auf der langen Diagonalen gegen c3 drückt, sieht es schon wieder ganz passabel für Schwarz aus.

19. Ld3 Th8 20. g4

Schreckt vor dem scheinbar natürlichen 20.Th1 zurück, um die gesplitteten schwarzen Türme zu erhalten. Zum zweiten Mal spielt Carlsen stattdessen in dieser Partie g4, und wieder ist es ein zweifelhafter Zug.

20… Sd4

Schwarz ist zurück im Spiel. …Sxb3 und …Sf3 drohen.

21. Te3

Deckt indirekt den Sc3.

21… Kf8

carlwojt8.jpg

Nimmt das Abzugsschach Lxb5+ aus der Stellung und erneuert die Drohung …Sxb3.

22. Se2 Sxe2 23. Txe2 Lc3 24. Lxc3 Dxc3 25. De3

carlwojt9.jpg

Trotz allem hat sich der Weiße angesichts der schwierigen schwarzen Königsstellung und der schlecht koordinierten Schwerfiguren seines Gegners einen kleinen Vorteil erhalten. Wenn Schwarz jetzt einfach stehenbleibt, folgt g5, Tf1, f5 und so weiter mit weißer Initiative. Schwarz fällt es weiterhin schwer, seinerseits am Damenflügel etwas Greifbares zu erreichen.

25… Tc5

Plant …a5-a4, aber das ist zu langsam und der Turm ansonsten deplatziert, wie Schwarz sofort zu spüren bekommt.

26. e5

carlwojt10.jpg

26… dxe5

(26… Td5 27. Da7 und der Turm fehlt als Verteidiger am Damenflügel.)

27. fxe5 Th1

carlwojt11.jpg

Darauf hatte sich Schwarz verlassen, zu Unrecht. (27… Tc7 leistet noch Widerstand.)

28. Txh1 Lxh1 29. Th2 Txe5

carlwojt12.jpg

…Te1# wäre Matt, aber Weiß kommt dem Schwarzen zuvor. 32.g5+ gewinnt Haus und Hof, das hatte Wojtaszek zu Beginn der Abwicklung wahrscheinlich übersehen.

30. Th8+ Ke7 31. Da7+

und Schwarz gab auf wegen 31…Kf6 32. g5+ und Schwarz verliert mindestens eine Figur.

carlwojt13.jpg

1-0

 

Von der Romantik bis heute: der ewige Kampf ums Zentrum

Steinitz2.jpg
Wilhelm Steinitz

Die frühen Schachmeister Anfang des 19. Jahrhunderts gelten heute als Vertreter der „romantischen Schule“. Seinerzeit ging es beim Schach darum, sich unmittelbar mit allen Kräften auf den gegnerischen König zu stürzen, diesen ins Freie zu zerren und zu erlegen.

Wilhelm Steinitz (1836-1900), der erste Weltmeister, räumte mit der romantischen Schule ordentlich auf. Als erster verstand und formulierte Steinitz grundlegende strategische Prinzipien, zum Beispiel jenes, dass wir Angriffe dort führen sollten, wo uns der Gegenspieler eine Schwäche offenbart.

lasker.jpg
Emanuel Lasker

Steinitz ereilte das Schicksal vieler großer Geister, die ihrer Zeit voraus waren. Er wurde verlacht, seine Ideen nicht ernst genommen. Erst der zweite Weltmeister Emanuel Lasker (1868-1941) und dessen Dauerkontrahent Siegbert Tarrasch (1862-1934) erkannten und propagierten die Bedeutung von Steinitz‘ Grundlagenforschung. Seitdem galt Wilhelm Steinitz als Begründer der „modernen Schule“.

Unter anderem lehrte Steinitz, dass wir zu Beginn der Partie das Zentrum mit einem Bauern besetzen sollten, besser noch mit zwei Bauern. Diese Lehre galt unerschütterlich, bis in den 1920ern unter anderem der Ungar Richard Reti (1889-1929) behauptete, das Zentrum müsse gar nicht besetzt werden. Hauptsache, es werde beherrscht.

reti.jpg
Richard Reti

Reti und seine Jünger, die „Hypermodernen„, luden ihre Gegner ein, sich ein mächtiges Bauernzentrum zu bauen, um es dann so lange unter Druck zu setzen, bis es zerbröselte. Aber ihnen erging es anfangs so wie 40 Jahre zuvor Wilhelm Steinitz, niemand nahm ihre Ideen ernst. „Das haben wir immer schon so gemacht“ ist auch anno 2018 noch ein wirksames Scheinargument gegen Veränderung.

Ob Romantiker, Moderne oder Hypermorderne; heute gelten sie alle als die Klassiker, auf deren Schultern wir stehen. Alle Klassiker vereint die Erkenntnis, dass das Zentrum tatsächlich der zentrale Teil des Schachbretts ist. Jede Partie, damals wie heute, beginnt mit einem Kampf um das Zentrum. Wer es beherrscht (und das geht tatsächlich auch aus der Ferne), der steht besser.

Als sich Anfang 2017 beim Tata-Steel-Turnier in Wijk an Zee der Pole Radoslaw Wojtascek und der Inder Adhiban Baskaran gegenübersaßen, provozierte Adhiban seinen Gegner mit einer Eröffnung (der „Englischen Verteidigung„), die als zweifelhaft gilt, weil sie den Kampf um das Zentrum vernachlässigt.

Radoslaw Wojtaszek – Baskaran Adhiban, Wijk an Zee 2017

e41.jpg

Das Fianchetto …b7-b6 nebst …Lc8-b7 ergibt in dieser und verwandten Stellungen vor allem dann Sinn, wenn Schwarz mit seinem Läufer auf der langen Diagonalen den Weißen davon abhalten kann, sich mittels e2-e4 eine Bauernphalanx im Zentrum zu bauen. Aber hier kann der Weiße ja direkt e2-e4 ziehen. Darum wäre ein solider Zug wie d7-d5 besser gewesen, um selbst eine Bastion um Zentrum abzustecken und e2-e4 zu verhindern.

Wojtaszek_Radoslaw
Radoslaw Wojtaszek

Gleichwohl zog Wojtaszek, ein Großmeister mit 2.750 Elo, 3.Sb1-c3. Natürlich weiß so ein starker Spieler, dass e2-e4 der beste Zug ist, aber er weiß auch, dass der Weg zum Vorteil mit Fallstricken gespickt ist. Nach 3.e2-e4 Lc8-b7 4.Lf1-d3 f7-f5 wird die Angelegenheit sehr konkret und ziemlich kompliziert. Zwar attackiert Schwarz im Sinne der Hypermodernen das Steinitzsche Zentrum, aber er hat sich eine ungünstige Konstellation eingehandelt. Wenn Weiß alles richtig macht, kann er sein Zentrum stabil halten.

Da der Pole davon ausgehen musste, dass sich sein Gegner vor der Partie stundenlang mit den Komplikationen nach 4…f7-f5 beschäftigt hatte, ließ er sich trotzdem nicht darauf ein, obwohl die Angelegenheit in der Theorie als günstig für Weiß gilt. Schon im dritten Zug ein moralischer Sieg für Adhiban.

Drei Züge später tobte der Kampf um e4 weiter. Mit 6…f7-f5 schob Adhiban dem weißen Zentrumsvorstoß e2-e4 endgültig (?) einen Riegel vor.

e42.jpg

Für Wojtaszek eine schöne Gelegenheit, den Zuschauern zu demonstrieren, was einen Groß- vom Kleinmeister unterscheidet. Wer würde hier nicht automatisch mit 7.Sg1-f3 eine Figur Richtung Zentrum entwickeln? Nur wäre Sg1-f3 ein Fehler, mit dem Weiß die Kontrolle über e4 vollständig aufgibt. Schwarz hätte unmittelbar mindestens ausgeglichenes Spiel.

Für einen Top-20-Spieler ist so eine Stellung, als würden wir ihn das Einmaleins abfragen. Den Springer zu entwickeln, ist ja richtig, aber Wojtaszek zog ihn nach h3. Die Idee ist, f2-f3 und Sh3-f2 folgen zu lassen und dann eben doch e2-e4 durchzusetzen und den Lb7 kaltzustellen. So bewahrt sich Weiß Aussichten auf Vorteil.

Als sich neulich die Überlinger mit den Steißlingern maßen, hätte in einer der Partien auch ein Kampf um e4 und den Wirkungskreis des Lb7 toben sollen.

Jürgen Lerner – Manfred Siems, Überlingen 2018

e43.jpg

So wie bei Wojtaszek-Adhiban kam das schwarze …b7-b6 zu einem unglücklichen Zeitpunkt. Weiß kann direkt e2-e4 spielen und dem weiteren Geschehen gelassen entgegenblicken. Der Denkprozess, der dazu führte, dass der Weiße stattdessen 3.c2-c4 spielte, ist wahrscheinlich weniger komplex als derjenige, der Wojtaszek zu 3.Sb1-c3 veranlasste. 3.c2-c4 ist eher ein Zug aus der Abteilung „Habe ich schon immer so gemacht.“ Und Veränderung zuzulassen, von ausgetretenen Pfaden abzuweichen, das wissen wir seit Steinitz, fällt dem Schachspieler nicht leicht.

Drei Züge später hätte sich darum der Schwarze daran erfreuen können, dass sein deplatziertes Fianchetto nun doch Sinn ergibt.

e44.jpg

Er kann den Weißen wirksam von e2-e4 abhalten, indem er den besten und naheliegendsten Zug 6…Sg8-f6 spielt, eine Figur auf ihr natürlichstes, aktivstes, zentralstes Feld entwickelt. Alternativ hätte er auch (wie Adhiban) über 6…f7-f5 nachdenken und sich die Hände reiben können, weil sich der Weiße (anders als Wojtaszek) die Option f2-f3 verbaut hat.

Den Denkprozess, der dazu führte, dass Schwarz den hässlichen Zug 6…Sg8-e7 aufs Brett stellte und 7.e2-e4 erlaubte, können wir leider nicht erklären. Aber letztlich war es gut so, denn die Kontrahenten spielten in der Folge eine Partie mit manchem instruktiven Moment, der sich an dieser Stelle näher zu beleuchten lohnt.

Fortsetzung folgt.