Welcher Turm gehört wohin, die ewige Frage (IV)

  • Auf die offene Linie
  • Hinter die Freibauern
  • Auf die siebte Reihe

Weil sich oft anhand solcher allgemeingültiger Leitsätze leicht ermitteln lässt, welcher Turm wohin gehört, haben wir uns bislang vor allem Beispiele angeschaut, in denen ein zweiter Blick notwendig war.

Dieses zum Beispiel aus der Partie Zukertort – Blackburne, gespielt 1883:

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Weiß am Zug plant einen Königsangriff.

Anstatt wie sein Gegenspieler die c-Linie zu besetzen, zog Zukertort Ta1-e1! Er hatte richtig eingeschätzt, dass die c-Linie nicht so wichtig ist, weil er ja alle potenziellen Einbruchsfelder des Schwarzen kontrolliert.

Der Plan des Weißen ist e3-e4-e5, gefolgt von f3-f4-f5 mit Königsangriff. Um den Vormarsch des e-und f-Bauern zu unterstützen, sollten die weißen Türme sie von hinten anschieben, anstatt wirkungslos auf der c-Linie herumzustehen.

Nur oberflächlich betrachtet, sieht es so aus, als würde Ta1-e1 den anderen Turm einsperren. Wer sich ausmalt, wie Weiß weiter vorgeht, der sieht, dass die Türme auf e1 und f1 goldrichtig aufgestellt sind.

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Johannes Hermann Zukertort

Einem guten Vereinsspieler von heute geht ein Zug wie Ta1-e1 leicht von der Hand. Aber dass Johannes Hermann Zukertort schon vor mehr als 130 Jahren so spielte, ist bemerkenswert. Damals begannen die Schachmeister ja gerade erst, strategische Konzepte zu entwickeln.

Was wir heute wissen, verdanken wir diesen alten Meistern, unter anderem dem ersten WM-Herausforderer Zukertort, seinerzeit nach Wilhelm Steinitz der zweitbeste Spieler der Welt.

Wir haben jetzt so viele lehrreiche Beispiele der alten Meister gesehen, dass unser Schachschüler schwierige Turmzüge vermutet, wo einfache gut gewesen wären. Als Konstantinos neulich in Pfullendorf spielte, stand es nach 18 Zügen so:

Robin Schönegg – Konstantinos Mastrokostopoulos, Pfullendorf 2018

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Schwarz hat alles mehr oder weniger mobilisiert, jetzt müssen noch die Türme ins Spiel. Die e- und die d-Linie sind offen. Zudem wartet auf d4 ein weißer Isolani darauf, von unserem Türmen unter Druck gesetzt zu werden, und auf e4 eine weiße Dame, mit Tempo von der e-Linie vertrieben zu werden.

Klarer Fall: Unsere Türme wollen nach e8 und d8.

Wahrscheinlich weil er zuletzt so viele alte Meisterpartien gesehen hat, zog Konstantinos 18…Ta8-e8, ein hässlicher Zug, der in erster Linie den Tf8 einsperrt.

18…Tf8-e8, gefolgt von …Ta8-d8 wäre die natürliche Lösung gewesen. Andererseits macht 18…Ta8-e8 noch nichts kaputt, Schwarz steht ein bisschen angenehmer, und die Partie geht weiter.

Der Weiße brachte seine Dame in Sicherheit: 19.De4-d3.

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Mit seinem dank Lichess-Taktik-Training geschulten taktischen Auge sah Konstantinos natürlich sofort, dass sich die Dame auf eine Diagonale mit dem Tf1 begeben hat, und er sah auch sofort einen Weg, Dame und Turm auf der Diagonalen a6-f1 aufzuspießen.

Dann konnte er 19…Te8-a8 mit der Drohung 20…Lb7-a6 nicht widerstehen, noch ein hässlicher Zug, der die schwarze Stellung schlechter und die weiße besser macht.

Die Drohung 20…Lb7-a6 lässt sich leicht parieren, und das mit einem natürlichen Zug, den Weiß eh ausführen möchte.

Weiß zog prompt mit 21.Tf1-e1 seinen Turm auf die offene Linie, und jetzt wird deutlich, wie sehr Schwarz seine Stellung verschlechtert hat. Binnen einem Zug hat Schwarz seinen Turm zurück in die Ecke gestellt, Weiß seinen auf eine zentrale offene Linie. Spätestens jetzt ist der schwarze Vorteil dahin.

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Schwarz hat nicht nur seinen Turm ins Abseits gestellt, er hat noch dazu Weiß geholfen, seinen passiven Turm ins Spiel zu bringen.

Gehen wir einen Schritt zurück. 19…Ta8-e8 hatte ja noch nicht viel kaputtgemacht.

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Schwarz am Zug.

Frage 71

Was sind positionelle Faktoren in dieser Stellung oder, einfacher: worum geht es hier eigentlich?

Und wie sollte Schwarz nun fortsetzen?

Die Antwort findest Du hier

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Welcher Turm gehört wohin, die ewige Frage (III)

Auf die offene Linie? Hinter die Freibauern?

Wenn die Entwicklung abgeschlossen ist, der König in Sicherheit gebracht und die Türme verbunden, dann stellt sich diese Frage in beinahe jeder Partie. Wohin mit welchem Turm?

Wir haben das neulich schon beleuchtet, sowohl anhand einer Überlinger Partie als anhand einer historischen Perle aus dem Match McDonnell – De la Labourdannais, gespielt vor fast 200 Jahren:

Wohin mit welchem Turm, die ewige Frage 

Wohin mit welchem Turm, die ewige Frage (II)

Weil die Frage eine ewige ist, lohnt sie fortgesetzter Betrachtung. Neulich beim Schachunterricht haben wir uns die Partie Zukertort – Blackburne angeschaut, ein Clash der Giganten im Jahre 1883.

Joseph Henry Blackburne,  „der schwarze Tod““

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Johannes Hermann Zukertort

Der in Polen geborene, später aber vor allem in Deutschland lebende Johannes Hermann Zukertort (1842-88) gehörte Ende des 19. Jahrhunderts zu den besten Spielern der Welt. Die Seite Chessmetrics, die nachträglich historische Elo-Zahlen berechnet, führt ihn zeitweise sogar als die Nummer eins. 1886 sollte Zukertort das erste offizielle WM-Match der Geschichte spielen. Er verlor gegen Wilhelm Steinitz, den ersten Schachweltmeister.

Zukertorts Gegner, Joseph Henry Blackburne (1841-1924) aus England, stand ihm wenig nach. Wegen seines schwarzen Anzugs und Huts, außerdem wegen seines gefürchteten Angriffsschachs, hieß Blackburne in Schachkreisen „the black death“, der schwarze Tod. Blackburne war laut Chessmetrics zeitweise die Nummer zwei der Welt.

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Henry Blackburne

Als sich Zukertort und Blackburne 1883 in London gegenübersaßen, ereilte den schwarzen Tod allerdings ein ebensolcher. Auf dem Brett stand eine eher geschlossene Position, wie sie damals selten gespielt und nur rudimentär verstanden wurde, und Blackburne kassierte mit den schwarzen Steinen eine instruktive Niederlage.

Aber bevor er seinen Gegner an die Wand spielte, musste sich Johannes Hermann Zukertort im 17.Zug die ewige Frage stellen und beantworten: Wohin mit welchem Turm?

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Die c-Linie ist offen, Blackburne hat sie gerade besetzt. Was soll Weiß jetzt tun?

Eine Linie auf dem Brett ist offen, die c-Linie, und folgerichtig hatte sie Blackburne im 16. Zug mit …Tf8-c8 besetzt. „Was soll Zukertort jetzt spielen“, fragten wir unseren Schachschüler, und der antwortete: „Ta1-c1, auch einen Turm auf die offene Linie stellen.“

Nicht falsch, aber schablonenhaft.

Weiß will mit e3-e4 expandieren, Raum gewinnen und in der Folge einen Angriff am Königsflügel initiieren. Je mehr Material auf dem Brett steht, desto günstiger ist das für die Seite mit Raumvorteil, desto mehr Druck wird sie entwickeln, weil der Gegner mit weniger Raum Schwierigkeiten haben wird, seine zusammengedrängten Klötze zu organisieren.

Also wird Weiß Abtäusche erst einmal vermeiden wollen. Aber ein Gegenüber von Türmen auf der c-Linie würde genau dazu führen.

Außerdem, wenn wir schon vormarschieren, dann wird es hilfreich sein, wenn unsere Türme dahinter den Vormarsch unterstützen. Zukertort, frei von allen Schablonen, verstand schon 1883, was die Stellung erfordert:

17.Ta1-e1!

Und die c-Linie? Klar, normalerweise neigen wir nicht dazu, unserem Gegner offene Linien einfach so zu überlassen. Aber wenn wir die c-Linie nach Einbruchsfeldern für Schwarz absuchen, dann finden wir keine. c1, c2, c3, c4, alle Felder auf der weißen Hälfte des Brettes sind zuverlässig unter weißer Kontrolle. So schnell wird da keine schwarze Figur auftauchen.

Zukertort entschied richtig, die offene Linie zu ignorieren, Material auf dem Brett zu halten und seinen zentralen Vormarsch e3-e4 mit allen verfügbaren Kräften zu unterstützen.

Im weiteren Partieverlauf konnten Blackburns Turm auf c8 und erst recht sein trauriger Kollege auf a8 nur zuschauen, wie ihre Truppen von einer weißen Lawine überrollt wurden. Aber das gucken wir uns erst in der nächsten Stunde an.

Vorteile festhalten und vergrößern (II)

Antwort 35

Klarer Fall, Weiß steht deutlich besser, in erster Linie wegen seines Entwicklungsvorsprungs. Auch der schwarze Turm b7 wirkt auf diesem unnatürlichen Feld wie ein Fremdkörper, dem die Koordination mit den anderen Truppen fehlt. Aber wie betonen wir das?

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Während der Schwarze unrochiert dasteht, ist der Weiße bereit, aktive Operationen einzuleiten, womöglich gar Linien gegen den schwarzen König zu öffnen. 1.d4-d5 funktioniert in diesen Sinne leider noch nicht, Schwarz schlägt mit der Dame auf d5, und Weiß kommt nicht weiter.

Antwort 36

Naheliegend wäre, würde der Weiße nun seine Türme zentralisieren, die einzigen Figuren, die noch nicht recht mitspielen. Aber wer ein bisschen genauer hinguckt, der stellt fest, dass der a1-Turm schon ideal aufgestellt ist.

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1.a2-a4 ist am besten, es betont, dass die a6/b5-Bauern im des Schwarzen wackelig sind und der Turm auf b7 einen bescheidenen Posten eingenommen hat, und es eröffnet dem Ta1 sowie der Dd3 Perspektiven.

Weiß würde nur zu gerne die a-Linie öffnen, auf der sein Turm kein Gegenüber hat. Versucht Schwarz, mit 1…b5-b4 alles geschlossen zu halten, schaut plötzlich die weiße Dame nach a6 und mit einem Mal funktioniert 2.d4-d5!

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Schlägt Schwarz mit der Dame, dringt die weiße Dame über a6 kraftvoll ins unterentwickelte schwarze Lager ein, und der a4-Bauer ist zum Freibauern geworden, der sich, unterstützt vom Ta1, bald Richtung a8 in Bewegung setzen wird.

Spielt Schwarz 2…e6xd5, ist die e-Linie offen. Mit Le3-d4, gefolgt von Tf1-e1 nagelt Weiß den schwarzen König im Zentrum fest und steht schon fast auf Gewinn.

„Wenn der Gegner …a6 und …b5 gespielt hat, dann ist a2-a4 oft gut“, lautet eine Schach-Faustregel. Hier trifft sie zu.

Antwort 37

Natürlich wollen wir den Schwarzen nicht in ein Endspiel entkommen lassen. Würden auf der d-Linie alle Schwerfiguren abgetauscht, wäre der weiße Entwicklungsvorsprung kaum noch von Bedeutung. Insofern liegt 1.Dd3-e2 auf der Hand. Aber Weiß muss ausrechnen, ob Schwarz es sich leisten kann, per 1…Dd5xe5 einen Bauern zu fressen.

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Kaum hat der Weiße begonnen zu rechnen, findet er schon ein tödliches Motiv, ein Abzugsschach. Nach 2.Td1xd7 Ke8xd7 3.Tf1-d1+ kann der Schwarze König zum Beispiel weder nach e8 oder c8 ausweichen: 4.Td1-d8+ würde folgen, und wegen des Abzugsschachs Le3-b6 mit Damengewinn ist der Turm tabu.

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Sobald wir erkennen, dass Schwarz mehr oder weniger zu 3…Ke7 gezwungen ist, können wir aufhören zu rechnen. Das muss gut sein für Weiß.

Es stellt sich heraus, dass Schwarz 3…Kd7-e7 ziehen und muss, und dann können wir schon aufhören zu rechnen. Schwarz hat seinen Lf8 eingesperrt, den Th8 auch, sein König steht im Zentrum. Weiß beherrscht derweil die d-Linie, auf der er dem schwarzen Monarchen bald gehörig einheizen wird. Kalkulation brauchen wir hier nicht, nur ein bisschen Schachgefühl. Diese Abwicklung muss gut sein für Weiß.

Antwort 38

Die ganze Partie über hat der Schwarze davon geträumt zu rochieren. Psychologisch ist es verständlich, dass er die erste Gelegenheit zur Rochade ergreift.

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Aber wohin gehört der König im Endspiel? Jedenfalls nicht ins Abseits. Viel besser als die Rochade wäre, per 1…Ke8-d7! den König zu aktivieren und dafür zu sorgen, dass er auf der c-Linie Einbruchsfelder kontrolliert.

Weiß hat ja c2-c4 gezogen, um seinem Turm die c-Linie zu öffnen. Damit der weiße Turm nicht eindringen kann, sollte der König entlang der c-Linie Wache stehen, anstatt weitab vom Kampfgeschehen herumzulungern.

Antwort 39

„Richtung Zentrum zu schlagen, ist fast immer richtig“, eine weitere Faustregel. Lieber mopsen wir unserem Gegner einen Zentralbauern als einen vom Rande.

Allein deswegen sieht 1.c4xb5 verdächtig aus. Außerdem ist der Zug konkret schlecht: Zwar hat sich Weiß die c-Linie geöffnet, aber zugleich hat er nach 1…a6xb5 ohne Not dem Schwarzen Gegenspiel auf der a-Linie gegen den a2-Bauern geschenkt.

Hätte der Schwarze nicht rochiert, sondern …Ke8-d7 gespielt, dann wäre offensichtlich, dass 1.c4-c5 (was auch Schwarz einen Freibauern auf d5 bildet) nicht so toll ist. Der König würde auf c6 den weißen Freibauern blockieren, Weiß kommt nicht weiter, hat seinen Le3 zur Passivität verurteilt, indem er alles auf dunkle Felder gestellt hat, und Schwarz wird dank seiner zentralen Bauernmehrheit nach und nach Fortschritte machen.

Aber auch mit dem schwarzen König im Abseits führt 1.c4-c5 zu wenig, auch wenn Schwarz nun einige Zeit investieren muss, um seinen König zurück ins Spiel zu bringen. Den Freibauern hält Schwarz leicht auch mit dem Turm auf, setzt per …f7-f6 seine Bauern in Gang, und Weiß hat kein Gegenspiel.

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1.c4xb5 schenkt dem Schwarzen Spiel auf der a-Linie, 1.c4-c5 schenkt ihm eine Bauernmehrheit im Zentrum und macht den Le3 passiv. Ergo: 1.c4xd5 muss der beste Zug sein.

1.c4xd5 ist der einzige Zug, der dem Weißen ein wenig Vorteil sichert. Er eliminiert die schwarze Zentrumsmehrheit und öffnet dem weißen die c-Linie.

Zwar hat jetzt der Schwarze auf der d-Linie einen Freibauern, aber der lässt sich wirksam blockieren. Ist das erledigt, und sind Turm und König aktiviert, kann der Weiße seine Bauernmajorität am Königsflügel losrollen lassen.

Vorteile festhalten und vergrößern

Dominik Vogel – Thomas Schäfer, Dezember 2017

Natürlich könnten wir jetzt entzückt feststellen, wie souverän Dominik bis zu dieser Stelle seinen deutlich erfahreneren Gegner auseinandergeschraubt hat. Tun wir aber nicht, denn das wäre eine unzulässige Hilfestellung für

Frage 35

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Weiß am Zug, wie schätzt Du die Stellung ein? Warum?

Frage 36

Wie soll Weiß fortsetzen?


Frage 37

Schwarz stemmt sich auf der d-Linie dagegen. Nun droht er, die Angelegenheit mit …Dd5xd3 verflachen zu lassen und sich in ein Endspiel zu retten.

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Was tun wir dagegen?


Frage 38

Weiß ist bestrebt, seinem Turm eine Linie zu öffnen, darum 1.c2-c4. Der schwarze Turm steht derweil wirkungslos in der Ecke, eingesperrt von seinem König.

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Um seine Kräfte ins Spiel zu bringen, entschied sich Schwarz für 1…0-0.

Logisch, oder?


Frage 39

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Mit 1.c4xb5 können wir nun unserem Turn die c-Linie öffnen, mit 1.c4xd5 auch. Außerdem ist da noch die Option, mit 1.c4-c5 einen Freibauern zu bilden.

Was ist am besten?

Zeitverschwendung II

Antwort 7:

Früh mit der Dame mitten auf dem Brett herumzuturnen, geht meistens nach hinten los. Die leichten Figuren des Gegners werden die Dame attackieren, zurücktreiben und dabei Zeit gewinnen.

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So wie hier. Nach 2…e5xd4 3.Dd1-xd4 Nb8-c6 gleicht der weiße Damenausflug einer Einladung für Schwarz, seine Figuren mit Tempo zu entwickeln: Schwarz entwickelt seinen Sb8 auf das natürliche Feld c6, greift die Dame an, die muss ziehen, und Schwarz kann die nächste Figur ins Spiel bringen.

Weiß verschwendet Zeit, Schwarz investiert sie in Entwicklung und Zentrumskontrolle.


Antwort 8:

Die gegnerische Dame zu nehmen, ist eine verlockende und in diesem Fall die beste Option. Aber es ist nicht ganz leicht zu sehen, wie Weiß nach 12.Sxd5 Lxd1 fortsetzen sollte.

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(Weiß am Zug)

Wieder bietet sich eine verlockende Möglichkeit: die Springergabel 13.Sd5xc7+, die gleichzeitig dem schwarzen König Schach bietet und den Ta8 angreift. Weiß muss sehen, dass Schwarz nach 13…Ke8-d7 13.Sc7xa8 Ld1-b3 seinen Läufer rettet, während sein Springer eingesperrt auf a8 zurückbleibt und verloren gehen wird. Am Ende verbliebe Schwarz mit zwei Leichtfiguren für einen Turm, ein deutlicher Vorteil.

Besser wäre stattdessen, mit 13.Sd5xf6+! die schwarze Struktur zu zertrümmern. Nach 13…g7xf6 14.Ta1xd1 steht Weiß klar besser. Seiner intakten Bauernmajorität am Königsflügel steht ein elendes Häuflein vereinzelter schwarzer Bauern gegenüber. Alleine deswegen hätte Weiß treffliche Aussichten, die Partie zu gewinnen.

171008Elmar6.jpgWenn Schwarz nicht aufpasst, dann wird Weiß per Lf1-b5 den Sc6 fesseln und ihm per Lb5xc6 noch mehr vereinzelte (Doppel)bauern andrehen.


Antwort 9:

Lange Damenzüge und ihre Wirkung kreuz und quer übers Brett sind leicht zu übersehen. Zum Überlinger Glück übersah der Schwarze hier, wie sich die Partie auf Anhieb beenden lässt. Per Doppelangriff kann Schwarz eine Figur gewinnen, eines der gängigsten taktischen Motive.

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Die schwarze Dame gibt Schach und greift zugleich den Sc7 an. Weiß muss auf das Schach reagieren, dann bedient sich Schwarz auf c7 und steht mit einer Mehrfigur bequem auf Gewinn.

Wenn Schwarz nach 13…Dh5-a5+ 14.b4 innehält und nochmal nachdenkt, dann sieht er, dass er sogar noch stärker spielen kann. Nach 14…Sxb4! geht es unmittelbar dem weißen König an den Kragen. Schwarz steht so gut, einen Figurengewinn hat er gar nicht nötig.

Strukturschwächen

Constantin Schirowski – Arno Dirksen, Überlingen, Oktober 2017

Frage 1:

Früh den König in Sicherheit zu bringen, ist generell eine gute Idee, eines der wichtigsten Prinzipien in der Eröffnung.

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Arnos hat Gegner diese Idee befolgt, indem er 0-0 spielte.

Ein guter Zug also?


Frage 2:

Ob ein Doppelbauer stark oder schwach ist, das ist oft nicht so leicht zu beurteilen. Aber wenn es sich wie hier um einen isolierten Doppelbauern handelt, ist die Lage fast immer eindeutig.

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Die armseligen Gesellen auf c3 und c4 können einander nicht decken, und Schwarz wird zumindest den Bauern auf c4 früher oder später erobern, denn der kann nicht einmal von einem Turm auf der c-Linie gedeckt werden.

Wie sollte sich Schwarz aufstellen, um dem isolierten Doppelbauern zuleibe zu rücken?


Frage 3:

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Arno, getrieben von der Sorge, dass sich auf d5 ein weißer Turm einnistet, hat gerade …c7-c6 gezogen, um das Feld d5 zu kontrollieren.

Was halten wir davon?

Strukturschwächen II

Antwort 1:

Schach wäre viel einfacher, wenn fundamentale Konzepte wie „möglichst früh rochieren“ immer und überall gelten würden. Leider streiten meistens mehrere Konzepte darum, welches gerade das wichtigste ist. Manchmal widersprechen sie einander, manchmal sind die konkreten Umstände dringender als allgemeine Erwägungen. So wie hier.

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Natürlich möchte Weiß seinen König in Sicherheit bringen, aber genauso wenig möchte er sich seine Struktur zertrümmern lassen. Schwarz droht, dem Weißen mittels …Sxc3 (oder …Lxc3, aber unser Läuferpaar geben wir nicht so gerne her) auf c3/c4 einen isolierten Doppelbauern zu verpassen. Die unmittelbare Aufmerksamkeit des Weißen sollte dieser Drohung gelten. Er sollte erst Ld2 zu spielen, um auf c3 mit einer Figur zurückzuschlagen und die Struktur intakt zu halten. Rochieren kann der Weiße danach immer noch.

Antwort 2:

Für den Schwarzen ist hier nichts in Stein gemeißelt. Nach der verfrühten weißen Rochade steht er schon so bequem, dass er jetzt die Qual der Wahl hat. Gleichwohl sollte er an dieser Stelle eine typische schwarze Aufstellung zumindest kennen und erwägen.

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Wenn Weiß sich auf c3/c4 einen Doppelbauern eingehandelt hat und diesen nicht auflösen kann, dann neigt speziell der schlecht zu verteidigende Bauer auf c4 zur Schwäche. Schwarz sollte nun zwei Ideen verfolgen:

  • Seine Kontrolle über das Feld c5 zementieren, so dass Weiß der befreiende Vorstoß c4-c5 verwehrt bleibt.
  • Den Schwächling c4 mit möglichst vielen Kräften unter Feuer nehmen.

Die grünen Pfeile zeigen, wie das geht: …b6 kontrolliert das Feld c5, gibt dem Lc8 den Weg nach a6 frei und kontrolliert außerdem das Feld a5, so dass dort ein schwarzer Springer nicht ungedeckt herumstehen würde. Ein Läufer auf a6 und ein Springer auf a5 würden eine kaum zu beherrschende Batterie gegen den weißen c4-Bauern bilden. So haben es schon Dutzende von Meistern gespielt, kann so verkehrt nicht sein.

Klar, den Läufer könnten wir auch nach e6 bringen und von dort gegen c4 drücken, aber wir wollen ja unserem Turm nicht die e-Linie versperren. Und klar, Springer am Rande bringt Kummer und Schande, aber manchmal überlagern halt die konkreten Umstände allgemeine Erwägungen, siehe oben.

Antwort 3:

Wir rümpfen die Nase, wenn wir …c7-c6 sehen. Mit nur einem Zug macht sich Schwarz sein schönes strukturelles Plus kaputt, indem er sich einen rückständigen Bauern einhandelt, eine kaum zu reparierende Schwäche.

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Anstatt die weiße Schwäche c3/c4 mittels …b7-b6 festzulegen und zu beäugen, schenkt Schwarz dem Weißen ein Zielobjekt, auf das er nun seine Kräfte konzentrieren kann. Fortan steht der Weiße nicht mehr hilflos herum, er hat jetzt Gegenspiel.