Der Blübaum-Killer traf einen anderen: Caruanas Französisch-Lehrstunde

Auf Weltklasse-Niveau wird die Französische Verteidigung kaum gespielt, weil es ihr an Solidität fehlt. Auch Anfänger sollten besser die Finger davon lassen, weil Französisch eine heikle Angelegenheit ist. In vielen Abspielen macht Schwarz positionelle Zugeständnisse (wenig Raum, schlechter Läufer) und muss sich auf taktische/dynamische Ideen verlassen, um Spiel zu bekommen. Ein schmaler Grat, von dem der ungeschulte Schachjünger nur allzu leicht herunterpurzelt.

Im schachlichen Mittelbau erfreut sich die Französische Verteidigung ungebrochener Vitalität, vor allem in Deutschland. Fast alle deutschen Großmeister haben „Französisch“ im Repertoire gegen 1.e4. Georg Meier gilt gar als weltweit führender Experte in der Rubinstein-Variante, in der Schwarz (eher untypisch) früh …d5xe4 spielt.

Neulich beim GrenkeClassic musste der deutsche Franzose manchen Härtetest überstehen. Insbesondere Matthias Blübaum glänzte, als er mit den schwarzen Steinen Fabiano Caruanas Steinitz-Franzosen souverän neutralisierte.

caruanayasser.png
Yasser Seirawan schaute Fabiana Caruana staunend über die Schulter: „Das kann doch nicht gut sein, was Fabiano spielt…“

Wie leicht es hätte anders laufen können, zeigt eine Partie aus der gerade beendeten US-Meisterschaft, in der der Weltranglistenzweite seinen Gegner vom Brett fegte. Der hatte ein Abspiel gewählt, das auch Blübaum gelegentlich spielt, von dem der Deutsche aber in der Partie gegen Caruana Abstand genommen hatte. Aus gutem Grund.

Die Partie des WM-Herausforders veranschaulicht, wie sehr sich Schach immer noch entwickelt. Das Konzept, den vermeintlich „guten“ weißfeldrigen Läufer abzugeben, um Zeit zu gewinnen, in Verbindung mit der langen Rochade, die Schwarz geradezu zum Königsangriff einlädt, das ist hochmodernes Schach, wie es so noch vor wenigen Jahren nicht gespielt wurde.

Im Live-Studio in Saint Louis schaute US-Großmeister Yasser Seirawan staunend zu. Der, einst selbst ein Top-Ten-Spieler, konnte kaum glauben, was er sah: „10.0-0-0, das kann doch nicht gut sein…“

 

Caruana, Fabiano (2.804) – Akobian, Varuzhan (2.647)
US-Meisterschaft 2018, Saint Louis

1. e4 e6 2. d4 d5 3. Sc3 Sf6 4. e5 Sfd7 5. f4 c5 6. Sf3 Le7 7. Le3 Sc6 8. Dd2

franz1.jpg

Eine Grundstellung des klassichen Steinitz-Franzosen (3.Sc3 Sf6 4.e5), der sich zur Französisch-Hautpvariante gemausert hat. Schwarz kann nun unmittelbar kurz rochieren, kann aber auch erst am Damenflügel aktiv werden, in der Regel mit …a6 und …b5. Letzteres spielt Caruana selbst, wenn er sich für Französisch entscheidet (im Schnellschach oder gegen Spieler unter 2.700).

8… b6

franz2.jpg

Eine Nebenvariante, die unter anderem der Deutsche Matthias Blübaum gelegentlich spielt, wenn er keine Lust auf 8…a6 hat. Und eine kleine Provokation zudem. Eine zentrale Weisheit aus Sicht der Weißen im Steinitz-Franzosen ist ja, dass Weiß nicht lang rochieren darf, so lange Schwarz mit …c4 und …b5-b4 sofort gegen den weißen König losmarschieren kann. Mit 8…b6 statt 8…a6 lädt Schwarz den Weißen zur langen Rochade ein und behauptet, dass dieses Konzept auch noch gilt, wenn Schwarz ein Tempo für den
Angriff am Damenflügel verloren hat, weil er …b7-b6-b5 spielen muss.

9. Lb5

franz3.jpg

Die moderne Fortsetzung, die Schachmeister noch in den 80er-, womöglich 90er-Jahren mit einer hochgezogenen Augenbraue betrachtet hätten. Aber so wie notorische Damenbauer-Spieler mit dem jüngsten Aufkommen des London-Systems lernen mussten, dass man den Lf1 auch nach b5 statt d3 entwickeln kann, müssen auch Französisch-Spieler auf neue Konzepte gefasst sein. Wer weiß, in ein paar Jahren gilt 9.Lb5 womöglich als Widerlegung von 8…b6. Und vielleicht ist das ja genau der Braten, den Blübaum vor seiner Partie gegen Caruana beim Grenke-Chess gerochen hat.

franz4.jpg
Variante nach 12…Dc7: Weiß ist voll mobilisiert und hat jetzt gewaltige Initiative für die geopferte Figur.

(9. O-O-O c4 10. Lxc4!? dxc4 11. d5 exd5 12. Dxd5 Dc7 (12…Lb7 13.e6 gewinnt für Weiß) wäre mindestens interessant und wahrscheinlich ein ziemlicher Schock für den Schwarzen. In der Praxis gab es diese Stellung noch nicht. Das weiße Konzept wäre so ähnlich wie in der Partie: Anstatt den oft im späteren Verlauf der Partie so wichtigen weißfeldringen Läufer unter Verrenkungen auf dem Brett zu halten, gibt Weiß ihn sofort her, um Zeit zu sparen, sich die Koordination zu erleichtern und sofort mobilisiert zu sein. Dass Schwarz wegen …b6 ein wenig Stabilität am Damenflügel eingebüßt hat, spielt dem Weißen in die Karten. 12.Dxd5 kommt mit Tempo, sonst würde die Chose nicht funktionieren. Jetzt genießt Weiß eine mächtige Initiative. Ihm bieten sich nach 12…Dc7 eine Reihe interessanter Fortsetzungen an, vom offensichtlichen 13.e6 über 13.Sb5 nebst 14.e6 und 13.Sd4 bis zu 13.Sg5.)

9… Dc7 10. O-O-O

franz5.jpg

Auch das würden Schachmeister der 80er- und 90er-Jahre nicht gutheißen, wie sich an der Reaktion von Yasser Seirawan bei der Liveübertragung trefflich beobachten ließ. Seirawan versteht das Spiel heute noch besser und tiefer als die meisten anderen, aber 10.0-0-0, „das kann doch nicht gut sein?!“, sagte er ungläubig. Doch, Yasser, kann es, weil Weiß dank Lf1-b5xc6 viel schneller ist als in den Lehrbuchstellungen, in denen Weiß mit 0-0-0 ins Unheil rochiert.

10… a6 11. Lxc6 Dxc6 12. f5 

franz6.jpg

Schwarz hat mit …b6, …Dd8-c7 und …a6 eine Menge Zeit verplempert, nur um sich den weißfeldrigen Läufer des Weißen einzuverleiben. Weiß hat derweil alles entwickelt, und jetzt setzt er als erster einen Hebel an, lange bevor der Schwarze auch nur in die Nähe seines Königs kommt.

12… c4 13. f6!

franz7.jpg

Öffnet Linien für den Angriff und räumt das Feld e5 für den Sf3.

13…gxf6 14. exf6 Lxf6 15. Thf1

franz8.jpg

Die weiße Attacke richtet sich gegen f7.

15… b5

Jetzt, spät, wird der schwarze Gegenangriff zumindest spürbar.

16. Df2

Caruana nahm sich angesichts des zu erwartenden …b5-b4-b3 eine halbe Stunde Zeit, um den besten Weg auszutüfteln, wie er als erster ans Ziel kommt. Immer noch ist das Konzept der beschleunigten Mobilisierung dank Lf1-b5xc6 gegenwärtig. Weder auf f1 noch auf der zweiten Reihe steht dem Weißen ein Läufer im Weg, so dass er unmittelbar auf der f-Linie verdoppeln kann.

16… b4

franz9.jpg

17. Se2

(17. Se4!? war auch eine Option, aber Weiß hat keine Figurenopfer nötig. Sein Angriff rollt auch so, während sich schwarzes …b4-b3xa2 per Kd2 recht einfach entschärfen lässt.)

17… b3 18. Se5

franz10.jpg

Wäre Schach Fußball und würde in Stadien gespielt, dann würde spätestens an dieser Stelle „Jetzt geht’s los!“ aus der Caruana-Fankurve erschallen.

18… Lxe5

Nicht schön, aber was sonst?

(18… bxa2 19. Sxc6 a1D+ 20. Kd2 Dxb2 +- Jetzt liegen Tb1 und Se5 in der Luft. Die schwarze Stellung ist nicht zu halten. Weiß steht mit zwei Minusbauern auf Gewinn.)

19. Dxf7+ Kd8 20. dxe5 bxa2

franz11.jpg

Sieht angesichts des drohenden …a1D nach kräftigem Gegenspiel aus, aber nach…

21. Kd2

…hat Weiß alles unter Kontrolle.

21…Tf8 22. Dxh7 Txf1 23. Txf1

franz12.jpg

Jetzt droht tödlich Se2-d4xe6+.

23… d4

Räumt der Dame das Feld d5.

24. Dg8+ Kc7 25. Sxd4 Dd5 26. Dxe6

franz13.jpg

Nachdem Weiß den kompletten schwarzen Königsflügel eingesammelt hat, wäre er auch mit einem Endspiel glücklich. Während der a2-Bauer keine Gefahr darstellt, wäre das Duo auf h- und g-Linie kaum zu stoppen.

26… Da5+

Die ungleichfarbigen Läufer hielten hinsichtlich eines möglichen Endspiels die kleine schwarze Remishoffnung am Leben, aber jetzt ist es aus. Schwarz übersieht die Kombination 28.Tf7+ nebst Lf4+.

27. c3 Sxe5

franz14.jpg

28. Tf7+! Sxf7 29. Lf4+ Kb7 30. Dxf7+ nebst Matt. Schwarz gab auf.

franz15.jpg

1-0

Advertisements

GrenkeChess-Rückschau: Als Caruanas Geheimwaffe Georg Meier traf

Meier, Georg (2.648)  – Caruana, Fabiano (2.784)

Grenke Chess Classic, 3. Runde, 2. April 2018

1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lb5 a6 4. Lxc6 dxc6 5. O-O 

meiercaruana1.jpg

Die Grundstellung der spanischen Abtauschvariante. Schwarz kann an dieser Stelle zwischen einem halben Dutzend bewährter Züge wählen.

5… Df6

Sieht ein wenig krumm aus, blockiert es doch dem Sf6 sein natürliches Entwicklungsfeld und öffnet sich nach dem zu erwartenden d2-d4 für Lc1-g5 mit Angriff auf die Dame.

6. d4 exd4 7. Lg5

meiercaruana2.jpg

Nur steht der Läufer hier gar nicht gut. Nun erst, da ihn Schwarz nach g5 gelockt hat, zieht die Dame auf das „normale“ Feld d6, auf das sie schon im fünften Zug hätte gehen können.

7… Dd6 8. Sxd4 Le7

meiercaruana3.jpg

Indem er den vorwitzigen Lg5 befragt, bringt Schwarz schnell seine Figuren ins Spiel, die Idee von 5…Df6.

9. Le3 Sh6

meiercaruana4.jpg

Springer am Rande bringt Kummer und Schande? Im Prinzip schon, aber Schwarz will sich nicht den f-Bauern verstellen und wird in der Folge oft mit …f7-f5 Spiel am Königsflügel organisieren, insbesondere dann, wenn Weiß mit f2-f3 sein Zentrum stützt. Gleichwohl war auch 9…Sg8-f6 eine gute Möglichkeit.

10. Dd2

Der einzige Spieler der erweiterten Weltklasse, der diese Stellung mit den weißen Steinen schon einmal auf dem Brett hatte, ist Arkadij Naiditsch…

10… g5

meiercaruana5.jpg

…und für genau den hatte Fabiano Caruana vor vier Jahren die Tretmine 10…g7-g5 ausgeheckt, aber seitdem nicht aufs Brett bekommen. Schwarz geht unmittelbar auf den weißen König los.

11. Sf3 Tg8

Meier hätte hier mit 12.Dxd6 eine Art Notbremse ziehen können, aber dann wäre Schwarz aller Probleme ledig, mehr als das sogar. Stattdessen entscheidet sich der  deutsche Großmeister für den prinzipiellen Zug und nimmt den Kampf an.

12. h4

meiercaruana6.jpg

Auch Schwarz kann mit 12…f7-f6 erst einmal stehenbleiben, weiterhin Damentausch offerieren und die Partie in ruhigere Fahrwasser führen. Aber das wäre so gar nicht im Sinne des hyperaggressiven 10…g7-g5. Caruana steckt einen Bauern ins Geschäft und setzt auf Königsangriff.

12… Dg6 13. hxg5 Sg4 14. Sc3 h6

meiercaruana7.jpg

Soll der schwarze Angriff durchschlagen, müssen am Königsflügel Linien aufgehen.

15. Lf4 Le6 16. Lxc7 Tc8 17. Lb6

meiercaruana8.jpg

Weiß hat drei Züge investiert, um sicherzustellen, dass der schwarze König im Zentrum festgenagelt bleibt. Aber wie soll er den unter Druck setzen? Am Drücker ist nur Schwarz, und der Lb6 beäugt zwar d8, spielt aber ansonsten nicht mit, erst Recht, sobald Schwarz …c6-c5 zieht

17… hxg5 18. Se2 c5 19. Sg3 Th8 20. Tfd1 Dh6

meiercaruana9.jpg

Die schwarze Dame-Turm-Batterie auf der h-Linie sieht furchterregend aus, aber so lange der Weiße h1 kontrolliert, ist nicht viel los – das eiskalte Urteil der Maschine. Meier fiel es angesichts der massierten gegnerischen Kräfte vor seinem Monarchen schwer, eiskalt zu bleiben.

21. b4

meiercaruana10.jpg

Objektiv betrachtet, ist das kein guter Zug, eher eine Panikreaktion. Aber der Weiße erreicht in der Folge sein Ziel: der ausgeschlossene Lb6 spielt wieder mit, und Caruana verpasst manche beste Fortsetzung. Dennoch bleibt die Initiative auf Seiten des Schwarzen, und das ist gerade in beiderseitiger Zeitnot ein Riesenvorteil.

21… cxb4 22. Ld4 f6 23. c3 bxc3 24. Lxc3

meiercaruana11.jpg

Wenn Weiß jetzt noch Ta1-c1 spielen dürfte, würde sich plötzlich auch der schwarze Monarch unwohl fühlen. Angesichts dieser Drohung macht Caruana den vermeintlich natürlichen Zug, verbindet seine Türme, stellt den König sicher.

24…Kf7

24… Sh2! lag schon lange in der Luft und hätte an dieser Stelle gewonnen, aber nur, wenn der Schwarze es schafft, unfallfrei durch ein kaum zu durchschauendes Variantendickicht zu navigieren.

25. Rac1 Rc4 26. Bd4 b5 27. Qa5

Auf der verzweifelten Suche nach Gegenspiel. Aber am Damenflügel Bauern einzusammeln, während auf der anderen Seite des Brettes der eigene König unter Feuer steht, ist keine gute Idee.

27… Nh2 28. Qxa6?

meiercaruana15.jpg

Erst das ist der Fehler. 28. Se1! und Weiß hält.

28… Sxf3+ 29. gxf3 g4 30. f4 Dxf4 31. Txc4 bxc4 32. Le3 Df3!

meiercaruana16.jpg

Plant schon Th8-h3xg3+.

33. Td6 Th3 34. Txe6

meiercaruana12.jpg

Die nun folgende Abwicklung bis 37…D2-f1+ hatte Meier gesehen, aber ihm war entgangen, dass sich danach der Le7 tödlich in den Angriff einschaltet.

34… Txg3+ 35. fxg3 Dxe3+ 36. Kh2 Df2+ 37. Kh1 Df1+

meiercaruana13.jpg

nebst Matt in zwei nach 38.Kh2 Dh3+ 39.Kg1 Lc5#. Meier gab auf.

0-1

Ein paar Meter weiter erlebte der sichtlich geschockte Matthias Blübaum ein Déja-vu gegen Magnus Carlsen. Wie schon in der ersten Runde trat unerwartet auf g4 ein Gaul nach ihm aus, als sich Blübaum am Ende einer forcierten Abwicklung auf dem Weg zu einem sicheren Remis wähnte.

meiercaruana14.jpg

Nach 29… Lxc6 oder … bxc6 wäre nichts los gewesen, aber jetzt gerät der weiße König noch in Bedrängnis. Nach 30.Dg3 Dc5+ 31.Kf1 Se3+ 32.Ke2 Sf5 und erst dann 33…Dxc6 musste der Weiße noch lange um den halben Punkt kämpfen.

Aber Blübaum fing sich, führte nach dem Unentschieden gegen Fabiano Caruana auch die Partie gegen Magnus Carlsen mit präziser Verteidigung zum Remis und war im Turnier angekommen.

Auf Augenhöhe mit der Weltklasse? Französische Theorieduelle

Als dem Schachbund vor zehn Jahren auffiel, dass ein deutscher Weltklassespieler unseren Sport voranbringen würde, gründete er die Prinzen, eine Gruppe herausragender Talente, die fortan gezielt gefördert wurden. Womöglich hatten die Funktionäre auch die deutsch-französische Freundschaft im Blick und verpflichteten den Nachwuchs, gegen 1.e2-e4 so oft wie möglich die Französische Verteidigung zu spielen?

Jedenfalls sind die Prinzen erwachsen geworden, und seit Jahren schon verbindet sie ihre Liebe zum Französischen. Das gilt auch für den Vorzeige-Prinzen Matthias Blübaum und dessen Großmeisterkollegen Georg Meier, die beiden deutschen Teilnehmer des Grenke Classic. Meier bevorzugt zwar den eher untypischen Rubinstein-Franzosen (Schwarz spielt früh …d5xe4), gilt darin aber als weltweit führender Experte.

Partien gegen Weltklassespieler bedeuten für ihre Gegner oft einen verschärften Test ihrer Eröffnungskenntnisse. Dass beim Grenke-Turnier die deutschen Franzosen manchem theoretischen Ansturm würden widerstehen müssen, das war abzusehen.

In Runde zwei ging das los, als Nikita Vitiugov gegen Georg Meier und Fabiano Caruana gegen Matthias Blübaum jeweils 1.e2-e4 zogen. In beiden Partien stand prompt 1…e7-e6 auf dem Brett, aber dann trennten sich bald die Wege.

Vitiugov fragte Meier in der Vorstoßvariante ab (1.e4 e6 2.d4 d5 3.e5), Fabiano Caruana testete Blübaums Kenntnisse in der Steinitz-Variante des klassischen Franzosen (1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sc3 Sf6 4.e5).

Meier sah sich bald mit einer Neuerung konfrontiert:

franz1.jpg

8.b4-b5 hatte in dieser Stellung noch kein Spieler internationalen Formats probiert, was aber auch damit zusammenhängen mag, dass die Idee, den Springer c6 nach a5 zu treiben, dem Weißen nicht allzu viel verspricht, womöglich gar dem Schwarzen hilft, Spiel am Damenflügel zu organisieren.

Meier hielt seinen Laden ordentlich zusammen, geriet dann aber nach und nach in ein erst schwieriges und dann mehr als heikles Endspiel, in dem sich die seltene Konstellation ergab, dass sein Läuferpaar gegen Vitiugovs Springer nichts zu bestellen hatte. Kurz vor dem Ende sah es so aus:

franz2.jpg

Läuferpaar, Turm auf der zweiten Reihe – auf den ersten Blick könnte man meinen, dass einige Faktoren für die schwarze Stellung sprechen. Tun sie aber nicht. Der Th2 steht in erster Linie weitab vom Kampfgeschehen, das am Damenflügel tobt, wo der weiße b-Freibauer machtvoll seiner Verwandlung entgegenstrebt.

Das Läuferpaar leidet unter einem arg limitierten Wirkungsradius und findet keinen Weg, den von seinen Springern mächtig unterstützten Freibauern zu stoppen. Obendrein erfreut sich Weiß schon seit einigen Zügen des prächtigen Stützpunkts d6, von dem aus ein einmal dort eingepflanzter Springer den Schwarzen erheblich belästigt.

Die Diagrammstellung ist schon nicht mehr zu halten, Meier gab bald auf.

Matthias Blübaum drohte nach seiner Erstrundenniederlage ein Desaster, denn in Runde zwei und drei würden der WM-Herausforderer und der Titelträger auf den jungen Großmeister warten.

Als sich Fabiano Caruana auf Blübaum vorbereitete, wird er diese Stellung aus dem Steinitz-Franzosen auf dem Brett gehabt haben:

franz3.jpg

Und er wird gesehen haben, dass Blübaum in dieser Stellung 8…b7-b6 zu ziehen pflegt:

franz4.jpg

Was immer Caruana darauf vorbereitet hatte, Blübaum kam der Präparation des WM-Herausforders zuvor, indem er dieses Mal 8…a7-a6 zog, bald gefolgt von …b7-b5.

Anstatt angeschlagen vom Knockout in Runde 1 gegen den Weltranglistendritten unter Druck zu geraten, spielte Blübaum zügig und entschlossen, während Caruana viel Zeit verbrauchte. Der Amerikaner war dem Deutschen in seine häusliche Vorbereitung gelaufen, nicht andersherum.

Für Blübaum ein normaler Tag im Büro

Auf dem Brett sah es zwar so aus, als würde Caruana einen Angriff am Königsflügel inszenieren können, aber das hatte Blübaum alles daheim geprüft und für harmlos befunden. Nach 21.f4-f5 war der Deutsche immer noch in seiner Vorbereitung, und seine größte Herausforderung bestand in der Gedächtnisleistung, sich daran zu erinnern, wie sich hier das weiße Spiel neutralisieren lässt.

franz5.jpg

Diesen Gedächtnistest bestand Blübaum mit Bravour, knöpfte Caruana ein ungefährdetes Remis ab und tankte Selbstvertrauen für das Duell mit Magnus Carlsen am nächsten Tag.

Im Interview danach stellte Blübaum die Partie gegen Caruana als normalen Tag im Büro dar: „Manchmal läuft es halt gut, und Du bekommst Deine Variante aufs Brett.“ Und dann ist selbst für die Weltbesten nichts zu holen.

Auf Augenhöhe mit der Weltklasse? Matthias Blübaums Kaltstart

Kein guter Start für Matthias Blübaum gegen „Iceman“ Nikita Vitiugov. Der deutsche Großmeister hatte sich vor dem Grenke-Turnier eine fast vierteljährliche Auszeit gegönnt, um ordentlich vorbereitet in die Duelle mit den Weltbesten zu gehen.

Ordentlich vorbereitet war er, das werden wir später sehen, aber aufgewärmt war er nicht. Blübaum legte einen klassischen Kaltstart hin.

Blübaum, Matthias (2.616) – Vitiugov, Nikita (2.735)
GrenkeChess Karlsruhe, 31. März 2018

1. d4 d5 2. c4 c6 3. Sf3 Sf6 4. e3 Lf5 5. Sc3 e6 6. Sh4 Lg6 7. Bd2 Nbd7 8. Sxg6
hxg6 9. c5

blübaum1.jpg

Ím Beitrag „Was sind eigentlich hässliche Züge?“ haben wir neulich unseren Schachfreund Arno fürchterlich gescholten, weil der in einer ähnlichen Stellung seinen c-Bauern vorschnellen ließ und sich damit jeglichen Spiels beraubte.

Hier ist c4-c5 ungewöhnlich, aber zu rechtfertigen. Weiß muss dem Schwarzen jetzt allerdings sehr schnell per b2-b4-b5(xc6) auf dem Damenflügel eine Schwäche andrehen, gegen die er spielen kann.

Üblich ist das weiße Konzept eher mit der Zugfolge 7.Sxg6 nebst 8.Tb1, danach c4-c5 und b2-b4. Man könnte argumentieren, dass Tb1 in Verbindung mit dem sofortigen Vormarsch am Damenflügel mehr Sinn ergibt als Ld2.

9…e5 10. b4 Le7 11. b5 O-O 12. Da4?

blübaum2.jpg

Ein paar Minuten gespielt, und schon ein ernsthafter Fehler. Im Prinzip ist es richtig, gegen c6 zu drücken, aber Weiß öffnet sich für taktische Tricks, die darauf beruhen, dass er seinen König nicht so leicht aus dem Zentrum bekommt.

12… Te8?!

Richtige Idee, falsche Ausführung. Jetzt hat Weiß Zeit, die e-Linie zu schließen und einen König in Sicherheit zu bringen. Dennoch, die Initiative ist schon an Schwarz übergegangen.

(Nach 12… exd4 13. exd4 Lxc5! bekommt Weiß die offene e-Linie bitter zu spüren. Schwarz hat gewaltigen Angriff für die geopferte Figur.)

13. bxc6 bxc6 14. Le2 exd4 15. exd4 Sxc5! 16. dxc5 d4

blübaum3.jpg

17. O-O

Die pragmatische und beste Entscheidung, die Figur zurückzugeben und den
König von der brandgefährlichen e-Linie zu holen.

(Sich an das Materialplus zu klammern, führt nach 17. Sd1 Lxc5 18. Kf1 Txe2! 19. Kxe2 Qe7+ 20. Kf1 Re8 zu unwiderstehlichem schwarzen Angriff.)

17… dxc3 18. Lxc3 Lxc5 19. Lf3 Tc8 20. Lxc6 Te2 21. Lf3?!

blübaum4.jpg

Nach menschlichen Maßstäben der logische Zug, der der weißen Stellung ein wenig Stabilität zu geben scheint, indem er zumindest einen der wackeligen Läufer von der c-Linie nimmt. Nur erlaubt 21.Lf3 dem Schwarzen eine weitere kleine Kombination, die Blübaum natürlich gesehen hat – aber nicht deren Fortsetzung …24…Se4!

21… Txf2 22. Txf2 Lxf2+ 23. Kxf2 Txc3 24. Dxa7

Wenn Schwarz jetzt keine Taktik hat, ist Weiß dem Remis ein gutes Stück näher gekommen.

24… Ne4+!

blübaum5.jpg

Er hat aber eine. Die Hauptidee ist, dass nach 25.Lxe4 Tc7! …Df6+ und …Dd4+ nebst Turmgewinn drohen. Und doch war 25. Lxe4 die einzige Chance auf weiteren Widerstand.

25. Kg1? Ta3!

blübaum6.jpg

Lenkt die Dame von der lebenswichtigen Diagonalen g1-a7 ab. Nach 26.Dxa3 folgt …Dd8-d4+ nebst ersticktem Matt.

Blübaum gab auf, war mit 0/1 gestartet, und in den nächsten beiden Partien würde er sich mit Weltmeister Magnus Carlsen und dessen Herausforderer Fabiano Caruana auseinandersetzen müssen. Statt einem Durchbruch in die erweiterte Weltspitze drohte dem hoffnungsvollsten deutschen Großmeister ein Desaster.

0-1

Ach ja, und wer nicht weiß, was ein ersticktes Matt ist und wie das geht, der möchte vielleicht in diesem Beitrag über Taktiktraining das beliebteste Matt-Motiv aller Schachschüler kennenlernen.

Ausruhen oder Aufwärmen? Was Carlsen und Caruana von Blübaum und Meier lernen können

caruana
American hero: Fabiano Caruana nach dem Gewinn des Kandidatenturniers

Wie dosieren wir unsere Praxis vor einem wichtigen Turnier? Einerseits wollen wir ja nicht eingerostet ans Brett gehen, andererseits nicht ausgepowert. Magnus Carlsen und Fabiano Caruana bereiten sich in dieser Hinsicht sehr unterschiedlich auf ihr WM-Match im November vor.

Der Weltmeister hat sich seinen Terminkalender bis zur Titelverteidigung randvoll gepackt. Bei vier großen Turnieren (Grenke, Shamkir, Norway, Biel) hat er zugesagt. Wahrscheinlich wird er im Oktober die Europäische Mannschaftsmeisterschaft spielen; außerdem dürfte es ihm schwer fallen, die norwegische Nationalmannschaft bei der Schacholympiade Ende September in Georgien im Stich zu lassen. Carlsen wird im Lauf des Jahres so oft am Brett sitzen, dass kaum Zeit bleibt für ein mehrwöchiges Trainingslager zur WM-Vorbereitung, geschweige denn für etwas Urlaub.

Caruanas Pläne sind nicht so transparent, was damit zusammenhängen mag, dass er bis November längere Auszeiten einplant. Direkt nach dem Kandidatenturnier schwärmte der Amerikaner von seinem Trainingslager in Miami, das eine ideale Vorbereitung gewesen sei. Wahrscheinlich schwebt ihm für das WM-Match ein ähnliches Modell vor.

Schafft Blübaum den Durchbruch zur Weltklasse? Jetzt wäre eine gute Gelegenheit.

So oder so, schon Ostern werden Weltmeister und Herausforderer beim Grenke Classic in Karlsruhe antreten, gleich in der ersten Runde am Samstag. Abseits ihrer Partien können C&C am Beispiel der beiden deutschen Teilnehmer studieren, welches Maß an Praxis zur Vorbereitung taugt.

Matthias Blübaum hat sich vor Karlsruhe eine Auszeit genommen, für Georg Meier ist das Grenke Classic das Finale eines Schach-Marathons.

blübaum
Matthias Blübaum

Blübaum hat zugunsten des Karlsruher Turniers auf die jüngst beendete Europameisterschaft verzichtet und damit auf die Chance, sich für den hoch dotierten World Cup zu qualifizieren. Seit dem Tata-Steel-Turnier in Januar hat er sich auf die Vorbereitung fokussiert, um in Karlsruhe im Feld der Weltklassespieler zu bestehen.

Als Jugendlicher war Blübaum  selbst Weltklasse, stets ganz oben in den Ranglisten seiner Altersgenossen platziert. Im April wird Blübaum 21, sein Elo stagniert seit einem Jahr, und der Begriff „Talent“ hat sich bald verbraucht. Wenn noch ein Durchbruch Richtung 2.700 und darüber hinaus kommen soll, dann ist es an der Zeit. Ein Turnier als Elo-Außenseiter gegen Carlsen, Caruana, Aronian wäre eine treffliche Gelegenheit, neu durchzustarten.

meier
Georg Meier

Georg Meier (30) ist als Großmeister mal knapp dies-, mal knapp jenseits der Top 100 etabliert. „Georg is a serious guy“, sagte Magnus Carlsen neulich über den Deutschen, als der ihn bei einem Online-Mannschaftsturnier beharkte – eine Respektsbekundung.

Meier hat als Vorbereitung zum Grenke-Turnier die Praxis vorgezogen. Erst elf Runden bei der Europameisterschaft auf der Jagd nach dem World-Cup-Ticket, von dort direkt nach Karlsruhe und neun weitere knüppelharte Partien gegen Weltklassespieler.

Beim Grenke Classic wird sich zeigen, ob der ausgeruhte Blübaum oder der  aufgewärmte Meier eher von ihrer Vorbereitung profitieren. Vielleicht ziehen die WM-Kontrahenten Schlüsse daraus.

Verpatzte Generalprobe mit der Leib- und Magen-Eröffnung

Als gutes Omen kann Meier den Verlauf der Europameisterschaft deuten, wenn denn das alte Sprichwort zutrifft, dass auf eine verpatzte Generalprobe stets eine gelungene Premiere folgt. 12 Elo-Punkte ließ Meier in Georgien und war schon zur Mitte des Turniers mehr oder weniger raus aus dem Rennen um die World-Cup-Plätze.

Stellvertretend für seine enttäuschende Performance steht eine Niederlage, die Meier in der vorletzten Runde ereilte. Nicht nur nahm sein Gegner eine Anleihe bei Vladimir Kramniks …Tg8 aus dem Kandidatenturnier, obendrein erwischte es Meier in der Rubinstein-Variante des Französischen, der Eröffnung, als deren führender Experte er gilt.

Semen Lomasov – Georg Meier, Europameisterschaft Batumi 2018

meier1.jpg

Die Rochaden zu verschiedenen Seiten kündigen schon an, dass es mittelfristig scharf zugehen wird. Wahrscheinlich wird sich ein Wettrennen um den Skalp des gegnerischen Königs ergeben.

Der Ukrainer Vassily Iwantschuk hat in dieser Stellung vor fünf Jahren erst einmal seinen König in Sicherheit gebracht, 13. Kb1. Aber da kannte er ja auch noch nicht die Partie Aronian – Kramnik aus Berlin 2018.

In Meiers Partie meldete der Weiße mit 13.Thg1 à la Kramnik unmittelbar Ambitionen in Richtung schwarzer König an. g4 nebst Mattangriff soll folgen. Aber nach 13… Sd7

meier2.jpg

…zog Weiß 14.Lg3. Das sieht putzig aus, blockiert es doch den g-Bauern, der sich gerade erst zum Vormarsch bereit gemacht hat. Aber auf f4 wird der Läufer viel wirksamer aufgestellt sein, um den kommenden Angriff zu unterstützen. Außerdem steht Weiß etwas freier, hat etwas mehr Raum, also hält er Material auf dem Brett, um der auf drei Reihen zusammengepressten schwarzen Armee nicht die Koordination zu erleichtern.

Nach 14… a6 15.Kb1 b5 16. Lf4 Ld5 17.g4

meier3.jpg

rollte Weiß los, und Meier wusste sich nicht anders zu helfen, als sich per 17… g5 der weißen Attacke entgegenzustemmen. Das lockert freilich die schwarze Königsstellung erheblich, und Schwarz geriet sehr bald in arge Not. 14 Züge später warf Meier das Handtuch. Beim Grenke Classic kann es nur besser werden.

Gelungenes Einschwimmen im Moskauer Schach-Stahlbad

Das Aeroflot-Open in Moskau gleicht einem Stahlbad für Schachprofis. Freilose gibt es hier nicht, nur Gegner von Großmeisterstärke, darunter manchen Recken jenseits der 2.700 Elo.

pogonina2.jpg
Natalia Pogonina modelt gelegentlich. Bei einem so starken Turnier wie dem Aeroflot-Open gehört sie selbst als Nummer 20 der Frauen-Weltrangliste eher zu den potenziellen Punktelieferanten. (Foto: pogonina.com)

Nachdem im vergangenen Jahr eine recht große Delegation aus Deutschland in Moskau in die Schlacht gezogen war, haben anno 2018 nur zwei der hoffnungsvollsten deutschen Jung-Großmeister die Reise in die russische Hauptstadt angetreten: Matthias Blübaum und Rasmus Svane.

Blübaum steht nach zwei Runden bei einem Punkt (zwei Remis), Svane bei eineinhalb. Am heutigen Mittwoch besiegte er mit Schwarz Natalia Pogonina, Nummer 20 der Frauen-Weltrangliste, so spektakulär und instruktiv, dass wir aus aktuellem Anlass einen Trainingsbeitrag einschieben müssen, der mit Bodensee-Schach nichts zu tun hat.

Mit oder ohne Engine? Das ist ja die große Frage für jeden, der Schach live guckt. Rechnet die Maschine mit, wissen wir in der Regel, wie es steht, ohne großartig unser Gehirn strapazieren zu müssen. Lassen wir sie aus, tappen wir oft im Dunkeln, werden aber mit manchem Aha-Moment belohnt.

So wie hier.

Natalia Pogonina – Rasmus Svane, Moskau, 21. Februar 2018

svane1.jpg

Da müsste doch was gehen? Geht das wirklich? Hmm, nochmal rechnen…so in etwa verläuft der Denkprozess desjenigen, der sich diese Live-Stellung ohne zugeschaltete Engine aus Moskau auf den heimischen Bildschirm holte.

Frage 55

Was könnte da gehen?

Geht das tatsächlich?

Weniger später stand diese Stellung auf dem Brett, und da war es für Leser dieses Blogs kein Problem herauszufinden, wie Rasmus Svane seinen Angriff fortsetzen sollte. Was der englische Schach-Begriff „Rover“ bedeutet (nein, nicht Geländewagen) und das Manöver, für das der „Rover“ steht, das ist für uns ja nichts Neues.

svane2.jpg

Frage 56

Wie geht es weiter für Schwarz?

Dann war es auch schon fast vorbei, und wir dachten, dieser Beitrag würde nur aus zwei Fragen bestehen. Aber Großmeister Svane entzückte uns ganz am Schluss mit einem taktischen Knaller, den wir unseren Lesern nicht vorenthalten wollen.

svane3.jpg

Frage 57

Klar, Schwarz gewinnt. Aber wie gewinnt er am schnellsten und schönsten?