Leserservice: Gustafssons Damenzüge

Einerseits wollen wir nicht frühzeitig mit unserer Dame auf dem Brett herumturnen, um sie nicht den Attacken der gegnerischen Leichfiguren auszusetzen. Das wäre Zeitverschwendung. Andererseits wollen wir nicht den richtigen Moment verpassen, um unsere stärkste Figur in den Kampf zu schicken. Das wäre Ressourcenverschwendung.

Die Dame zu handhaben, erfordert Augenmaß und Fingerspitzengefühl – im Leben wie beim Schach.

Auf jeden Fall gilt fast immer, dass wir in der Eröffnung die Finger von der Dame lassen sollten. Das Zentrum will beherrscht, die Figuren entwickelt und der König in Sicherheit gebracht werden. Die Dame brauchen wir dafür nicht.

gustafsson.png
Jan Gustafsson (Foto: www.schachbundesliga.de)

Solche grundsätzlichen Leitlinien sind unserem treuen Leser und Schachfreund Wolfgang Heise natürlich bekannt. Und darum musste er sich arg wundern, als er neulich in der Bundesliga dem deutschen Großmeister Jan Gustafsson über die Schulter schaute.

In den ersten zehn Zügen bewegte Gustafsson seine Dame fünf Mal. Das verstößt gegen alle Eröffnungsregeln, die wir unseren Lesern und den Schachkindern vom Bodensee mühsam zu impfen versuchen. Andererseits ist Gustafsson einer der Eröffnungsexeperten im Team von Weltmeister Magnus Carlsen. Wir dürfen annehmen, dass er speziell während der ersten zehn Züge weiß, was er tut.

Aber obwohl Gustafsson Schachvideo um Schachvideo aufzeichnet, hat er in diesem Fall versäumt, Wolfgang Heise und dem Rest der stirnrunzelnden Schachgemeinde seine frühzeitigen Damenausflüge zu erklären. Also machen wir das.

Jan Gustafsson (2.640) – Arik Braun (2.574)
Bundesliga, Berlin, April 2018, Nimzo-Indisch

1. d4 Nf6 2. c4 e6 3. Nc3 Bb4 4. Qc2

gusti1.jpg

Das Klassische System der Nimzowitsch-Indischen Verteidigung. Weiß investiert Zeit, stellt die Entwicklung zurück, um nach …Lxc3 einen Doppelbauern zu vermeiden. Er möchte sich des gegnerischen Läuferpaars bemächtigen, ohne seine Struktur zu beschädigen. Außerdem bestreift der Zug das Feld e4, um das in der Eröffnung und im Mittelspiel ein Kampf toben wird. Dieser Kampf ist allerdings in weitaus höherem Maße nur ein Nebeneffekt von 4.Dc2, als es Alexander Aljechin eingestanden hätte, nachdem er 1915 zum ersten Mal 4.Dc2 gespielt hatte. Nach dieser Premiere wurde der Zug in den 1920ern zu einer der Hauptwaffen gegen Nimzo-Indisch, und das ist er bis heute.

4… d5

(4… O-O Nicht nur Aljechin, noch die Schachmeister der 1990er-Jahre hätten insistiert, dass 4…0-0 ein Fehler ist, weil es die Kontrolle über das Feld e4 aufgibt. Weiß kann nun das Zentrum besetzen: 5. e4 Aber es stellt sich heraus, dass Schwarz nach 5…d5 6. e5 Ne4 7. Bd3 c5 gutes Spiel bekommt.)

5. a3 Bxc3+ 6. Qxc3

gusti2.jpg

Mission erfüllt: Weiß hat das Läuferpaar gewonnen, ohne dafür einen Doppelbauern in Kauf nehmen zu müssen. Aber er hat eben auch zwei Mal mit der Dame und ein Mal mit dem Randbauern gezogen, was hinsichtlich Entwicklung und Zentrumskontrolle wenig geholfen hat.

6… dxc4 7. Qxc4

gusti3.jpg

Im siebten Zug die dritte Bewegung mit der Dame, aber was soll er machen? Der Bauer auf c4 musste zurückgeschlagen werden, und auf c3 stand die Dame ohnehin passiv und ohne Funktion. Auf c4 sieht sie aktiver aus, aber Schwarz argumentiert, dass sie dort in erster Linie exponiert ist.

7… b6 8. Nf3 Ba6

b7 wäre das etwas natürlichere Feld für den Läufer, aber so entwickelt der Schwarze eine Figur mit Tempo. Weiß muss schon wieder seine Dame ziehen, und er wird in der Folge nicht seinen e-Bauern bewegen können, ohne das Rochaderecht und das Läuferpaar zu verlieren.

9. Qa4+

gusti4.jpg

Eine raffinierte Erfindung des russischen (heute kanadischen) Großmeisters Evgeni Barejew, der 2002 in Moskau gegen Nigel Short erstmals 9.Da4+ zog. Bevor Weiß seine Dame zurückzieht, stellt er die des Gegners schlechter und betont, dass Schwarz Probleme haben wird, dem Sb8 ein ordentliches Feld zuzuordnen.

9… Qd7 10. Qc2

gusti5.jpg

Jetzt steht die schwarze Dame da, wo Weiß sie haben will und ggf. mit Se5 anrempeln kann. Ziel erreicht. Nun kann sich die weiße Dame zurückziehen und Druck auf der halboffenen c-Linie ausüben. Schwarz genießt dank der vielen weißen Damenzüge zwar einen kleinen Entwicklungsvorsprung, aber seine Stellung ist kein Muster für Harmonie. Wenn Schwarz bald …c5 spielen kann und ein ordentliches Feld für den Sb8 findet, wird er ausgeglichenes Spiel haben. Wenn nicht, dann nicht.

Advertisements

Aktiv spielen! (III)

Im Beitrag „Aktiv spielen!“ haben wir uns neulich über Schachweltmeister Magnus Carlsen lustig gemacht. Der Norweger hatte 2016 im WM-Match gegen Sergej Karjakin einen angegriffenen Turm auf ein merkwürdiges Feld gestellt.

aktiv1.jpg

Für uns sieht das schlicht so aus, als wäre das ein dämlicher Zug, steht der Turm auf e2 doch dem Lf1 und der Dame im Weg. Läufer und Dame wären aktiver, stünde nicht dieser dösige Turm dazwischen.

In Wahrheit verstehen wir schlichtweg nicht genug vom Schach, um die Tiefe eines solchen weltmeisterlichen Zuges zu erfassen. Wir müssen ja erst einmal alle fundamentalen Konzepte begreifen und in der Praxis erproben, bevor wir später vielleicht einmal anfangen können, wissentlich gegen sie zu verstoßen.

Als wolle er Patzer wie uns verhöhnen, führte Magnus neulich beim Turnier in Shamkir ein ähnlich krummes Manöver aus.

Magnus Carlsen – Radoslaw Wojtaszek, Shamkir 2018

aktiv2.jpg

Fünf Züge sind gespielt, und der Weltmeister hat schon drei Mal seine Dame gezogen. Nun ist sie auf einem Feld gelandet, wo sie den Lc1 einsperrt.

Nee, nee, von so etwas wollen wir nichts wissen. Wir fassen weiterhin unsere Dame zu Beginn der Partie nicht an, ziehen nicht mehrfach mit irgendwelchen Figuren herum, sondern versuchen stattdessen, zu Beginn alle unsere Leichtfiguren ins Spiel zu bringen, und das möglichst aktiv.

So wie neulich in Überlingen Schachfreund Alexander:

Alexander Daudrich – Helmut Möldner, Überlingen, April 2018

aktiv3.jpg

Erst stellt er einen Bauern im Zentrum und verschafft seinem Lf1 freie Bahn. Gleich danach kommt der Läufer heraus, und das auf ein gleichermaßen aktives wie zentrales Feld.

Frage 75

Daran ist nun wirklich nichts auszusetzen – oder?

WM-Vorschau nach dem Fernduell: Ein Kampf, spektakulär wie lange nicht

9:5 bei 17 Remis. Aus der Bilanz zwischen Magnus Carlsen und Fabiano Caruana können wir für den kommenden WM-Kampf zweierlei ableiten: Carlsen ist Favorit, und es wird ein umkämpftes Duell mit einer hohen Zahl an entschiedenen Partien. Schachfans dürfen sich auf das aufregendste WM-Match seit langem freuen – und auf das hochklassigste.

caruanawillum.jpg
WM-Herausforderer Fabiana Caruana. (Illustrationen: Willum Morsch/@WillumTM)

Die Formkurve beider Kontrahenten tendiert nach oben. Caruana zeigt sich vom Gewinn des Kandidatenturniers beflügelt und Magnus Carlsen angestachelt vom Umstand, dass nun ein Rivale auf ihn wartet, der konsequent nach Chancen suchen wird, ihn zu besiegen. Caruana wird das Match viel aggressiver angehen müssen als vor zwei Jahren Sergej Karjakin.

Nicht, dass Carlsen-Karjakin ein Langweiler gewesen wäre. Aber das WM-Match 2016 bezog seine Spannung in erster Linie daraus, dass es dem Außenseiter wider Erwarten gelang, den Weltmeister aus dem Gleichgewicht zu bringen.

Was Caruana am besten kann, unterscheidet sich deutlich von dem, was Karjakin am besten kann

Auf dem Brett war vergleichsweise wenig los. Karjakin tat, was er am besten kann: solide stehen, den Laden zusammenhalten, zäh verteidigen. Das tat er so gut, ging Carlsen derart auf die Nerven, dass der Norweger wackelte und wankte, bevor er sich schließlich in den Tiebreak rettete.

Auch Caruana wird gegen Carlsen in die Waagschale werfen, was er am besten kann. Seine herausragenden Qualitäten sind deutlich anders gelagert als die des Herausforderers von vor zwei Jahren. Auf Basis akribischer Eröffnungsvorbereitung sucht Caruana Ungleichgewichte, Dynamik, Zweischneidiges.

Die Entscheidung forciert der Amerikaner nach Möglichkeit schon im Mittelspiel, anders als Carlsen, der weniger fokussiert darauf ist, frühe Krisen zu provozieren. Der Weltmeister kann sich darauf verlassen, dass seine Intuition und Technik ihm Gewinnchancen bescheren, je länger die Partie dauert.

carlsencaruana1.png
Carlsen, der Pragmatiker: In Shamkir gegen Radoslaw Wojtaszek hätte Magnus Carlsen hier per 18.Sd5! forciert gewinnen können. Der Zug ist naheliegend für jeden, der gelegentlich einen offenen Sizilianer auf dem Brett hat, aber die konkreten Folgen sind alles andere als leicht zu berechnen. Natürlich hatte Carlsen Sd5 gesehen, aber er wollte nicht einen erheblichen Teil seiner Bedenkzeit investieren, da er auch so gut steht. Also spielte er schnell 18.g4?!, das den weißen Vorteil nur verwaltet, anstatt ihn zu vergrößern.
carlsencaruana2.png
Caruana, der Konkrete: Weiß hat forcierte Möglichkeiten wie 16.Lg5 oder 16.Se5, um seinen Angriff gegen den schwarzen König ins Rollen zu bringen. Er kann auch per 16.Se2 erst einmal dem schwarzen Gegenangriff den Schwung nehmen. Caruana steckte mehr als eine halbe Bedenkzeit ins Geschäft, um den präzisesten Zug auszutüfteln. 16.Df2! ignoriert schwarzes …b5-b4-b3 und setzt darauf, dass Weiß schneller sein wird, zu Recht. Weiß gewinnt.

Falls Du die kompletten Partien inklusive Kommentare sehen willst:

Abseits aller Theorie: Carlsen-Wojtaszek, Shamkir 2018

Französisch-Lehrstunde: Caruana-Akobian, US-Meisterschaft 2018

Will Caruana das Match in London gewinnen, muss er einen Tiebreak vermeiden. Im Schnellschach wäre er Carlsen ebenso wenig gewachsen, wie es vor zwei Jahren Karjakin war. Er muss Carlsen über zwölf reguläre Partien besiegen, und das bedeutet, dass er Risiken wird eingehen müssen.

Kein Problem für Caruana, denn das tut er ohnehin. Aber es bleibt die Frage, ob seine gerühmte Eröffnungsvorbereitung auch in diesem Fall greifen wird, oder ob sie verpufft. Konkrete Vorbereitung auf einen Spieler, der Konkretes gerne vermeidet (aber nicht prinzipiell, siehe Giri-Carlsen, Shamkir) – alles andere als eine einfache Aufgabe.

carlsenwillum
Der Weltmeister: Magnus Carlsen

Caruanas über die Jahre gewachsenen Stabilität wird ihm helfen, sollte er früh zurückliegen. Das war schon im Kandidatenturnier zu sehen, als Caruana zwei Runden vor Schluss gegen Karjakin die Partie und die Tabellenführung verlor. Déja-vu? Nein, Caruana kam stark zurück, gewann die finalen beiden Partien und das Turnier mit einem Punkt Vorsprung.

Immun gegen Rückschläge oder übersteigertes Selbstbewusstsein ist Caruana gleichwohl nicht. Bei der US-Meisterschaft überzog Caruana seine Weißpartie gegen Zviad Izoria auf derart absurde Weise, dass es nur damit zu erklären ist, dass er sich nach seiner jüngsten Erfolgsserie unbesiegbar fühlte. Derart durchgeschüttelt, wartete Caruana am nächsten Tag gegen Sam Shankland mit einer ähnlich absurden „Neuerung“ auf, die ihm einen Minusbauern ohne Kompensation bescherte. Aber dann riss er sich zusammen, hielt die Partie und legte ein weiteres Turnier mit einer 2.800+-Performance hin.

Seit dem Kandidatenturnier spielt Caruana fast ohne Pause. Aus Berlin reiste er weiter nach Karlsruhe zum Grenke Classic und verkündete keck, er wolle nun dem Weltmeister „eine Botschaft“ senden. Wie die aussah, kann sich jeder anhand der Schlusstabelle anschauen. Caruana auf Platz eins, einen Zähler vor Magnus Carlsen.

Aus Deutschland reiste der eine gen Westen zur US-Meisterschaft, der andere gen Osten zum Superturnier im aserbaidschanischen Shamkir. Während Carlsen in Shamkir nicht glänzend, aber routiniert gewann, blieb Caruana bei seiner nationalen Meisterschaft nur Platz zwei.

Die Twitter-Frotzelei des Weltmeisters folgte unmittelbar:

carlsencaruana3.png

Aber natürlich war auch Carlsen nicht entgangen, dass Caruana in Saint Louis wieder ein herausragendes Turnier absolviert hat, das dritte in Folge. „Plus fünf“ sollte unter normalen Umständen bequem zum Sieg reichen, nur tat es das in diesem Fall nicht, weil Sam Shankland das Turnier seines Lebens spielte.

Nach dem Fernduell werden sich die beiden nun wieder direkt miteinander messen. Am 27. Mai beginnt das Altibox-Turnier in Norwegen, eine weitere Gelegenheit für die Kontrahenten, einander Botschaften zu senden.

Sizilianisch Marke Eigenbau: den Theoretiker aus dem Konzept gebracht

Seit 2014 gibt es in Aserbaidschan das Gaschimow-Memorial, ein jährliches Superturnier in Gedenken an den aserbaidschanischen Großmeister Vushar Gaschimow, der Anfang 2014 27-jährig einem Gehirntumor erlag.

gashimov
Vugar Gaschimow (Illustration: Willum Morsch/@WillumTM)

Am Brett war Gaschimow ein kreativer Draufgänger, ein Angreifer und kompromissloser Kämpfer. Leider spiegelte das Turnier diese Attitüde seines Namensgebers nicht wider. Speziell die einheimischen Spieler schoben ein Remis nach dem anderen, insbesondere, wenn sie einander gegenüber saßen.

Teimour Radjabow, der das Turnier mit 9 Remisen abschloss, brüskierte Zuschauer wie Organisatoren, indem er seine Kurzremisen als „professionell“ rechtfertigte. Kein Wunder, dass der Organisator und Vizechef des aserbaidschanischen Verbands Mahir Mamedow hinterher ebenso stinksauer war, wie es Vugar Gaschimow gewesen wäre.

Weltmeister Magnus Carlsen war der einzige, der den viel zu früh gestorbenen 2.700-Großmeister würdigte, indem er sich aus dessen originellem Eröffnungsrepertoire bediente – und eine gehörige Prise Eigenbau hinzufügte. Das reichte, um den polnischen Supertheoretiker Radoslaw Wojtaszek aus dem Konzept zu bringen.

Carlsen, Magnus (2.843) – Wojtaszek, Radoslaw (2.744)
Shamkir Chess 2018, 5. Runde, Sizilianisch

1. e4 c5 2. Sc3 d6 3. d4 cxd4 4. Dxd4 Sc6

carlwojt1.jpg

Eine Reminiszenz des Weltmeisters an Vugar Gashimow, der an dieser Stelle Lb5 spielte und damit unter anderem die Herren Grischuk und van Wely geschlagen hat.

5. Dd2 Sf6 6. b3

carlwojt2.jpg

Aber das ist neu im offenen Sizilianer. Weiß finachettiert den Lc1, rochiert dann lang und setzt darauf, dass sein König in dieser Formation sicher sein wird.

6… e6 7. Lb2 a6 8. O-O-O b5 9. f3 h5

carlwojt3.jpg

Will g4 stoppen, wie es der Schwarze in solchen Stellungen häufig tut. Aber in diesem Fall womöglich schon eine Überreaktion. Ein wesentlicher Unterschied zu „normalen“ Sizilianisch-Stellungen ist, dass der Sf3 noch auf seinem Ausgangsfeld steht. Und das wirkt sich zugunsten des Weißen aus.

10. Sh3

Carlsen hat ein Loch auf g5 erspäht und schickt sofort seinen Springer aus, um dieses zu besetzen.

10… Le7 11. Sg5 h4

carlwojt4.jpg

Damit Weiß den Springer nicht dauerhaft auf g5 einpflanzt. Aber wo soll der schwarze König jemals einen sicheren Hafen finden?

12. f4 Lb7 13. Kb1 Tc8 14. Le2 Dc7 15. The1

carlwojt5.jpg

Schwarz hat alle sizilianischen Schemazüge gemacht, und nun steht er schlecht. Am Damenflügel geht es nicht weiter, und anderswo kann der Schwarze nicht viel anderes tun als stillhalten. „Ich wusste nicht, was ich machen soll“, gestand Wojtaszek nach der Partie.

15… Sh7

Verständlich, dass sich Schwarz entlasten und nach Möglichkeit …Lf6 spielen will. Aber 15…Sh7 sollte geradewegs zum Verlust führen.

16. Sxh7 Txh7

carlwojt6.jpg

17. g4?!

carlwojt14.jpg
Variante nach 17.Sd5!

(17. Sd5! ist für jeden Schachspieler, der mit Weiß gelegentlich einen offenen Sizilianer spielt, ein Kandidat, natürlich auch für Magnus Carlsen. „Aber ich konnte es nicht bis zum Ende durchrechnen und dachte, ich sollte auch nach einem normalen Zug gut genug stehen“, erklärte der Weltmeister nach der Partie – und ging hart mit sich ins Gericht: „Eine fürchterliche Entscheidung.“ 17… exd5 18. exd5 Sd8 19. Lg4 (Diagramm) führt in ein arges Variantengestrüpp, das Rechner auf Neuronenbasis wahrscheinlich eher erfühlen müssen, weil sie es nicht komplett durchforsten können. Aber wenn sich Weiß vergegenwärtigt, dass Schwarz schon gegen eine simple Turmverdopplung auf der e-Linie fast hilflos ist, dann ahnt er, dass er auf Gewinn steht.)

17… hxg3 18. hxg3 Lf6

carlwojt7.jpg

Mit einem eigenen Läufer, der auf der langen Diagonalen gegen c3 drückt, sieht es schon wieder ganz passabel für Schwarz aus.

19. Ld3 Th8 20. g4

Schreckt vor dem scheinbar natürlichen 20.Th1 zurück, um die gesplitteten schwarzen Türme zu erhalten. Zum zweiten Mal spielt Carlsen stattdessen in dieser Partie g4, und wieder ist es ein zweifelhafter Zug.

20… Sd4

Schwarz ist zurück im Spiel. …Sxb3 und …Sf3 drohen.

21. Te3

Deckt indirekt den Sc3.

21… Kf8

carlwojt8.jpg

Nimmt das Abzugsschach Lxb5+ aus der Stellung und erneuert die Drohung …Sxb3.

22. Se2 Sxe2 23. Txe2 Lc3 24. Lxc3 Dxc3 25. De3

carlwojt9.jpg

Trotz allem hat sich der Weiße angesichts der schwierigen schwarzen Königsstellung und der schlecht koordinierten Schwerfiguren seines Gegners einen kleinen Vorteil erhalten. Wenn Schwarz jetzt einfach stehenbleibt, folgt g5, Tf1, f5 und so weiter mit weißer Initiative. Schwarz fällt es weiterhin schwer, seinerseits am Damenflügel etwas Greifbares zu erreichen.

25… Tc5

Plant …a5-a4, aber das ist zu langsam und der Turm ansonsten deplatziert, wie Schwarz sofort zu spüren bekommt.

26. e5

carlwojt10.jpg

26… dxe5

(26… Td5 27. Da7 und der Turm fehlt als Verteidiger am Damenflügel.)

27. fxe5 Th1

carlwojt11.jpg

Darauf hatte sich Schwarz verlassen, zu Unrecht. (27… Tc7 leistet noch Widerstand.)

28. Txh1 Lxh1 29. Th2 Txe5

carlwojt12.jpg

…Te1# wäre Matt, aber Weiß kommt dem Schwarzen zuvor. 32.g5+ gewinnt Haus und Hof, das hatte Wojtaszek zu Beginn der Abwicklung wahrscheinlich übersehen.

30. Th8+ Ke7 31. Da7+

und Schwarz gab auf wegen 31…Kf6 32. g5+ und Schwarz verliert mindestens eine Figur.

carlwojt13.jpg

1-0

 

Eine Figur weniger trotz ausgeglichenem Material – das geht (II)

Beim Kandidatenturnier in Berlin haben wir gesehen, dass der typische eingesperrte Läufer auf g3 (oder g6) gelegentlich ein Spiegelbild wirft. In seiner Partie gegen Fabiano Caruana, einer der zentralen Partien des Turniers, plagte sich Vladimir Kramnik mit einem potenziell eingesperrten Läufer auf b3 herum.

Vladimir Kramnik – Fabiano Caruana, Kandidatenturnier Berlin 2018

eingesperrt1.jpg
Schwarz am Zug

Könnte Schwarz in dieser Stellung zwei Züge auf einmal ausführen, er würde natürlich …d6-d5 und …b7-b5 ziehen. Der Lb3 wäre fortan eingesperrt, fände keinen Weg aus seinem Gefängnis, und Weiß müsste die Partie mit einer Figur weniger bestreiten.

Aber Schwarz darf nur einen Zug machen, und für den Moment muss er sich mit der kräftigen positionellen Drohung Sd2-e4 auseinandersetzen. …d6-d5 würde das parieren und zugleich den rückständigen Bauern auf d6 auflösen. Aber Weiß könnte sich sogleich mit c3-c4 befreien und stünde etwas angenehmer.

Caruana entschied sich stattdessen für …Lc8-f5, was eine Figur entwickelt und ebenfalls die weiße Option Sd2-e4 aus der Stellung nimmt.

Die Drohung, …d5 und …b5 bleibt ja als Motiv erhalten. Auch wenn sie nicht aufs Brett kam, bestimmte sie doch den weiteren Verlauf der Partie. Erst schob Kramnik dieser Drohung mit c3-c4 früher als nötig einen Riegel vor, sperrte aber damit selbst seinen Läufer ein. Wenig später folgte ungestüm c4-c5, mit dem der Weiße Brücken hinter sich abbrach, zwischenzeitlich dennoch auf Gewinn stand, aber nach dramatischem Verlauf am Ende verlor.

kramnikangezählt.jpg
Am Ende stand der auf b3 eingesperrte Läufer sogar noch auf dem Brett (auf d3), während Vladimir Kramnik angezählt über dem Tisch hing. Der Wendepunkt des Kandidatenturniers.

Anstatt mit 3,5/4 zu starten und das Kandidatenturnier von Beginn an zu dominieren, war das ein arger Rückschlag für Vladimir Kramnik, der damit zudem Fabiano Caruana in die Spur geholfen hatte. Kramnik suchte in der Folge in jeder Partie in erster Linie eine wilde Prügelei, während Caruana seine gegen Kramnik errungene Tabellenführung bis zum Schluss nicht mehr abgab und nun Magnus Carlsen herausfordern darf.

1.200 Elopunkte unter und vier Wochen nach diesen beiden hatte am Bodensee ein eingesperrter Läufer auf g3 zentrale Bedeutung. Des Schwarzen Kollege am Nachbarbrett stand auf Gewinn, und würde nun hier der Schwarze die richtige Fortsetzung finden, dann wäre der Drops schon beinahe gelutscht.

Antwort 65

Klaus Grensing – Roland Streit, Überlingen 2018

grensing1.jpg

Der Lg3 ist nicht nur eingesperrt, Schwarz kann obendrein danach trachten, ihn unmittelbar einzusammeln: …h6-h5-h4 mit Läuferfang liegt in der Luft. Der einzige Weg für Weiß, das zu verhindern, ist h2-h4. Aber das wiederum kann Schwarz verhindern, indem er den h-Bauern blockiert.

1…Lg4-h3! mit der Idee …h6-h5-h4 ist der richtige Zug.

Die Angelegenheit ist nicht trivial, weil der Weiße zum Beispiel mit Ld5xb7-c6+ dazwischenfunken oder d3-d4 mit Tempo probieren kann. Aber wie der Weiße sich auch dreht und wendet, wie lange er das Unheil am Königsflügel auch hinauszögert, am Ende wird das Pendel zugunsten des Schwarzen ausschlagen.

Als der Weltmeister an Georg Meiers Angelhaken zappelte

Wer gegen schwächere Spieler in eine schlechtere Stellung gerät, aber immer noch gewinnen will, der wandelt oftmals auf einem schmalen Grat. Der Gegner mag ja mit einem Unentschieden zufrieden sein, also gilt es, die Lage kompliziert zu halten, ohne die Verlustgefahr zu vergrößern.

meier
Georg Meier sagte „Call“, als Magnus Carlsen bluffte.

In so einer Situation weicht der bessere Spieler gelegentlich von dem Prinzip ab, immer davon auszugehen, dass sein Gegenüber den besten Zug findet. Und dann wird das vermeintlich vom Glück unbeeinflusste Spiel Schach zu einer Zockerei, bei der selbst Bluffs nicht ungewöhnlich sind.

Wie man beim Schach zockt und blufft, demonstrierte jetzt Magnus Carlsen beim Grenke Classic in Baden-Baden gegen den deutschen Großmeister Georg Meier. Carlsen hatte nach Gewinnchancen gefischt, wo keine waren, und plötzlich zappelte er an Meiers Angelhaken.

Um nicht in ein Endspiel zu geraten, das sich eventuell halten, aber keinesfalls gewinnen lässt, spielte Carlsen mit dem Feuer. In der Hoffnung, dass der von Zeitnot geplagte Meier fehlgreift, hielt er die Partie kompliziert, obwohl er sich damit sehenden Auges in Verlustgefahr begab.

Beinahe wäre er bestraft worden. Georg Meier callte Carlsens Bluffs und spielte trotz gnadenlos heruntertickender Zeit den Weltmeister an die Wand. Am Ende blieben ihm 90 Sekunden, um die entscheidende Mattkombination zu finden. Meier rechnete die richtige Variante, hatte das erste von zwei erforderlichen Turmopfern auf dem Radar, fand aber das zweite mit folgendem Matt nicht. Und entschloss sich, das Remis zu nehmen, um nicht doch noch zu straucheln.

Nach der Partie gab sich der Deutsche dennoch selbstbewusst. Allzu traurig über die verpasste Chance sei er nicht, gab Meier zu Protokoll: „Das war bestimmt nicht die letzte.“

Meier, Georg (2.636) – Carlsen, Magnus (2.843)
Grenke Chess Classic 2018, Runde 5

26… g5

meiercarlsen1.jpg

Ein Zug, den Carlsen in erster Linie rausgehauen hat, um seinen Gegner zu erschüttern. „Ein Bluff, sonst nichts“, sagte der Weltmeister nach der Partie über 26… g5, das vermeintliche Ambitionen am Königsflügel andeutet. „Aber die ganze Chose ist bei knapper Zeit schwierig zu bewerten. Und ich habe keine forcierte Variante gesehen, die zu weißem Vorteil führt.“

Da war dem Champion allerdings etwas entgangen. Weiß hat einen Zug, der forciert zu Vorteil führt.

27. hxg5

Nicht schlecht. Statt Schwarz bekommt bald Weiß Spiel am Königsflügel, aber Weiß konnte noch besser spielen.

27. f4! Sieht ein bisschen krumm aus, und auf den ersten Blick scheint es, als ob Schwarz nach 27…Dh3 vorentscheidend in die weiße Königsstellung eindringt. Aber nach dem teuflischen kleinen Zug 28.Tf2! offenbart sich, dass der schwarze König viel größere Probleme hat. Die g-Linie darf Schwarz nicht aufgehen lassen, aber wenn er das nicht tut, dann folgt Th2 nebst hxg5, und Weiß gewinnt. Also bleibt dem Schwarzen nichts anderes als 27… gxh4, aber nach 28.g4 gleicht seine Struktur einem Trümmerfeld. Weiß hat großen Vorteil

27…Dxg5 28. Kg2 Tc7 29. Th1 Tg7

meiercarlsen2.jpg

Jetzt droht …Txf2+.

30. Tcg1 Df5 31. Tf1 La6

meiercarlsen3.jpg

Mit nur noch zehn Minuten auf der Uhr hätte 31…La6 Georg Meier wie ein Blitz aus heiterem Himmel treffen können. Der Läufer ist natürlich tabu. Nach 32.Lxa6?? Df3+ 33.Kh2 gewinnt Schwarz mit einem Standard-Manöver, Turm hoch und aus: 33… Tg6 nebst …Th6 und Matt.

Meier blieb cool und demonstrierte Carlsen die beste Fortsetzung, die auch der Norweger gesehen und sich dennoch wieder fürs Zocken entschieden hatte. „Klar, 31… La6 funktioniert nicht richtig, aber was sollte ich machen?!“, lamentierte Carlsen nach der Partie.

32. b5 cxb5

meiercarlsen9.jpg

33. Th5!

Stark gespielt von Meier! 33.axb5? Lxb5 bringt nichts, aber nach 33.Th5 gefolgt von 34.De5 hält Weiß den Schwarzen am Königsflügel im Würgegriff und beäugt zugleich dessen wackelige Zentrumsbauern. Neben dem Angriff gegen den schwarzen König schafft sich Weiß obendrein die angenehme Option, in ein Endspiel abzuwickeln, dass Schwarz angesichts seiner schwächelnden Bauern kaum wird halten können.

33…Df7 34. De5

meiercarlsen10.jpg

34…Lb7

Auf das trostlose Endspiel nach 34… bxc5 35. Qxd5 Qxd5 36. Rxd5 Bb7 37. Rxc5 bxa4 hatte Carlsen keine Lust, also hält er Figuren auf dem Brett, deckt erstmal d5 und lauert auf Schummelchancen.

35.cxb6 bxa4 36. bxa7 La8

meiercarlsen11.jpg

Schwarz will per …Dxa7 den a7-Bauern einsacken und hofft, mit seinem Freibauern auf der a-Linie Gegenchancen zu kreieren. Aber währenddessen läuft der Angriff gegen seinen König weiter. Objektiv ist 36…La8 ein Fehler, Weiß steht spätestens jetzt auf Gewinn. „Dass 36… La8 suizidverdächtig ist, habe ich gefühlt, aber 38.Lg4! war mir entgangen“, erklärte Carlsen nach der Partie.

37. Tg5 Dxa7 38. Lg4!

meiercarlsen6.jpg

Jetzt droht 39.Le6+ nebst Th1, Einschlag auf h7 und Matt.

38… Kh8

Nur so entgeht Schwarz seiner unmittelbaren Exekution. Nach etwa 38… a3 39. Be6+ Kh8 40. Rh1 droht Txh7 nebst Matt, und es gibt keine Verteidigung.

meiercarlsen12.jpg
Doppeltes Turmopfer mit Matt: 42.Th6+!! war beiden Spielern entgangen.

Nun hatte Meier noch 90 Sekunden auf der Uhr, und wie Carlsen rechnete er folgende Variante: 39. Rh1 Qe7 40. Rxh7+ Kxh7 41. Rh5+ Kg6 (41… Kg8 42. Be6+ usw.) und sah nicht, wie Weiß weiterkommen soll. Beiden Kontrahenten war (Diagramm) 42. Rh6+!! nebst Matt entgangen. Was für eine Gelegenheit: doppeltes Turmopfer gefolgt von Matt gegen den Weltmeister. Aber da Meier den forcierten Gewinn nicht sah, entschied er sich für den Spatz in der Hand. Lieber erstmal den schwarzen a-Bauern eliminieren, bevor die Angelegenheit vollends nach hinten losgeht.

39. Ta1

Nur führt das zu einem totremisen Endspiel.

39… De7 40. Dxg7+ Dxg7 41. Txg7 Kxg7 42. Txa4 Bc6 43. Rb4

meiercarlsen8.jpg

Und die Luft war raus. Meier bot Remis an, Carlsen akzeptierte sofort.

1/2-1/2

Im Wohnzimmer des Weltmeisters: Bier, Bullet und Gangster-Rap

Schon vergangenen Monat kursierte der Scherz, Magnus Carlsen benutze Lichess als Bank. Wieder hatte der Weltmeister das monatliche Bullet-Turnier auf der Open-Source-Schach-Plattform gewonnen, und wieder hatte er sein Preisgeld für den Preisfonds der nächsten Auflage des Turniers gestiftet.

titledarena4.png
Magnus Carlsen alias „DrDrunkenstein“ hatte große Probleme, mit Andrew Tang alias „CleverTacticButFail“ mitzuhalten. Der deutsche GM Georg Meier wurde Elfter.

Jetzt hätte beinahe jemand anderes sein Geld abgehoben. Großmeister und Bullet-Spezialist Andrew Tang führte das zweistündige Turnier eine Stunde und fünzig Minuten lang an, zeitweise mit so großem Vorsprung, dass ihm die gut 2.000 Dollar für den ersten Platz schon sicher schienen.

„Keine Chance mehr. Jetzt muss ich sehen, dass ich wenigstens Zweiter werde“, sagte Carlsen, als das Turnier schon auf die Zielgerade eingebogen war. „Schlecht spielen kann ja passieren, aber heute bin ich auch noch langsam dazu“, haderte er.

Die Maus in der einen Hand, die Flasche „Corona“ in der anderen

lichesstang.jpg

Womöglich half es, dass er sich damit den Druck nahm, Tang auf den Fersen bleiben zu müssen. Plötzlich gewann Magnus eine Partie nach der anderen, 19 am Stück, während Tang zusehends strauchelte, als er auf einmal wieder den Atem des Champions im Nacken spürte. Kurz vor dem Ende übernahm Magnus erstmals die Führung vor 217 anderen Spielern, darunter 34 Großmeister, und er gab sie nicht mehr her.

Vielleicht hatte ihn auch das vierte Bier beflügelt? Schach-Weltmeister gibt es seit 1886, aber Magnus ist der erste, dem die Schachgemeinde ins Wohnzimmer schauen darf, während er am Laptop mit der einen Hand Bullet spielt, in der anderen eine Corona-Flasche hält und Eminem aus seinen Boxen dröhnen lässt.

8.000 Leute schauten am späten Donnerstagabend zu, obwohl der spontane Stream nicht angekündigt war. Und sie erlebten, wie Magnus einen Druck der anderen Art nicht mehr aushielt. Kurz vor Schluss und Kopf an Kopf mit Tang, als jede Sekunde Spielzeit wertvoll war, legte er eine Toilettenpause ein. Und siegte am Ende doch, weil auf der anderen Seite des Atlantiks Andrew Tang nicht wieder in die Spur fand.

magnusreklame
Magnus zeigt seine Kommerz-Seite. Das sei ihm gegönnt, andere Konsumenten mag es erfreuen. Aber kein Schachspieler ist so doof, sich für 8 Euro eine Designflasche Wasser zu kaufen.

Magnus ist nicht nur am Brett der Beste, er versteht es, seine Klasse zu vergolden wie kein Schachmeister vor ihm. Dennoch, und das macht ihn zum Sympathieträger, bleibt er ein Weltmeister zum Anfassen, ebenso wie keiner vor ihm. Nebenbei macht er dem FIDE-Vermarkter Agon vor, wie Schachübertragungen funktionieren könnten. Wenn Carlsen abends spontan im Wohnzimmer eine Bullet-Session einlegt, schauen mehr Leute zu als beim Kandidatenturnier, um das Agon viel Tam-Tam gemacht hatte, aber nicht einmal eine funktionierende Website programmiert bekam. Und Carlsen unterstützt freie Projekte wie Lichess mit seiner Zeit und seinem Geld, damit erhält er die bedrohte Vielfalt der Schach-Plattformen.

chess.com könnte sich auf seinem Beinahe-Monopol ausruhen – würde nicht das Lichess-Team die Bezahlplattform vor sich hertreiben

Weil der einst alternativlose Internet Chess Club (ICC) zunehmend in der Bedeutungslosigkeit versinkt und die Software-Schmiede Chessbase ihre Plattform playchess eher  stiefmütterlich behandelt, könnte sich chess.com auf seinem Beinahe-Monopol ausruhen – wäre da nicht der enthusiastische Franzose Thibault Duplessis mit seinem Team, der die Bezahlplattform aus den USA mit seinem Open-Source-Projekt Lichess vor sich hertreibt.

lichessmagnus.png

Dort werden jetzt bei der nächsten „Titled Arena“ in vier Wochen fast 3.000 Dollar für den Sieger zu holen sein – nicht schlecht für zwei Stunden Arbeit. Magnus Carlsen hat schon angekündigt, dass er wieder mitspielen wird, und wir dürfen gespannt sein, ob es doch einmal einem anderen gelingt, das Turnier zu gewinnen, oder ob der Weltmeister erneut auf sein Lichess-Konto einzahlt.

GrenkeChess-Rückschau: Als Caruanas Geheimwaffe Georg Meier traf

Meier, Georg (2.648)  – Caruana, Fabiano (2.784)

Grenke Chess Classic, 3. Runde, 2. April 2018

1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lb5 a6 4. Lxc6 dxc6 5. O-O 

meiercaruana1.jpg

Die Grundstellung der spanischen Abtauschvariante. Schwarz kann an dieser Stelle zwischen einem halben Dutzend bewährter Züge wählen.

5… Df6

Sieht ein wenig krumm aus, blockiert es doch dem Sf6 sein natürliches Entwicklungsfeld und öffnet sich nach dem zu erwartenden d2-d4 für Lc1-g5 mit Angriff auf die Dame.

6. d4 exd4 7. Lg5

meiercaruana2.jpg

Nur steht der Läufer hier gar nicht gut. Nun erst, da ihn Schwarz nach g5 gelockt hat, zieht die Dame auf das „normale“ Feld d6, auf das sie schon im fünften Zug hätte gehen können.

7… Dd6 8. Sxd4 Le7

meiercaruana3.jpg

Indem er den vorwitzigen Lg5 befragt, bringt Schwarz schnell seine Figuren ins Spiel, die Idee von 5…Df6.

9. Le3 Sh6

meiercaruana4.jpg

Springer am Rande bringt Kummer und Schande? Im Prinzip schon, aber Schwarz will sich nicht den f-Bauern verstellen und wird in der Folge oft mit …f7-f5 Spiel am Königsflügel organisieren, insbesondere dann, wenn Weiß mit f2-f3 sein Zentrum stützt. Gleichwohl war auch 9…Sg8-f6 eine gute Möglichkeit.

10. Dd2

Der einzige Spieler der erweiterten Weltklasse, der diese Stellung mit den weißen Steinen schon einmal auf dem Brett hatte, ist Arkadij Naiditsch…

10… g5

meiercaruana5.jpg

…und für genau den hatte Fabiano Caruana vor vier Jahren die Tretmine 10…g7-g5 ausgeheckt, aber seitdem nicht aufs Brett bekommen. Schwarz geht unmittelbar auf den weißen König los.

11. Sf3 Tg8

Meier hätte hier mit 12.Dxd6 eine Art Notbremse ziehen können, aber dann wäre Schwarz aller Probleme ledig, mehr als das sogar. Stattdessen entscheidet sich der  deutsche Großmeister für den prinzipiellen Zug und nimmt den Kampf an.

12. h4

meiercaruana6.jpg

Auch Schwarz kann mit 12…f7-f6 erst einmal stehenbleiben, weiterhin Damentausch offerieren und die Partie in ruhigere Fahrwasser führen. Aber das wäre so gar nicht im Sinne des hyperaggressiven 10…g7-g5. Caruana steckt einen Bauern ins Geschäft und setzt auf Königsangriff.

12… Dg6 13. hxg5 Sg4 14. Sc3 h6

meiercaruana7.jpg

Soll der schwarze Angriff durchschlagen, müssen am Königsflügel Linien aufgehen.

15. Lf4 Le6 16. Lxc7 Tc8 17. Lb6

meiercaruana8.jpg

Weiß hat drei Züge investiert, um sicherzustellen, dass der schwarze König im Zentrum festgenagelt bleibt. Aber wie soll er den unter Druck setzen? Am Drücker ist nur Schwarz, und der Lb6 beäugt zwar d8, spielt aber ansonsten nicht mit, erst Recht, sobald Schwarz …c6-c5 zieht

17… hxg5 18. Se2 c5 19. Sg3 Th8 20. Tfd1 Dh6

meiercaruana9.jpg

Die schwarze Dame-Turm-Batterie auf der h-Linie sieht furchterregend aus, aber so lange der Weiße h1 kontrolliert, ist nicht viel los – das eiskalte Urteil der Maschine. Meier fiel es angesichts der massierten gegnerischen Kräfte vor seinem Monarchen schwer, eiskalt zu bleiben.

21. b4

meiercaruana10.jpg

Objektiv betrachtet, ist das kein guter Zug, eher eine Panikreaktion. Aber der Weiße erreicht in der Folge sein Ziel: der ausgeschlossene Lb6 spielt wieder mit, und Caruana verpasst manche beste Fortsetzung. Dennoch bleibt die Initiative auf Seiten des Schwarzen, und das ist gerade in beiderseitiger Zeitnot ein Riesenvorteil.

21… cxb4 22. Ld4 f6 23. c3 bxc3 24. Lxc3

meiercaruana11.jpg

Wenn Weiß jetzt noch Ta1-c1 spielen dürfte, würde sich plötzlich auch der schwarze Monarch unwohl fühlen. Angesichts dieser Drohung macht Caruana den vermeintlich natürlichen Zug, verbindet seine Türme, stellt den König sicher.

24…Kf7

24… Sh2! lag schon lange in der Luft und hätte an dieser Stelle gewonnen, aber nur, wenn der Schwarze es schafft, unfallfrei durch ein kaum zu durchschauendes Variantendickicht zu navigieren.

25. Rac1 Rc4 26. Bd4 b5 27. Qa5

Auf der verzweifelten Suche nach Gegenspiel. Aber am Damenflügel Bauern einzusammeln, während auf der anderen Seite des Brettes der eigene König unter Feuer steht, ist keine gute Idee.

27… Nh2 28. Qxa6?

meiercaruana15.jpg

Erst das ist der Fehler. 28. Se1! und Weiß hält.

28… Sxf3+ 29. gxf3 g4 30. f4 Dxf4 31. Txc4 bxc4 32. Le3 Df3!

meiercaruana16.jpg

Plant schon Th8-h3xg3+.

33. Td6 Th3 34. Txe6

meiercaruana12.jpg

Die nun folgende Abwicklung bis 37…D2-f1+ hatte Meier gesehen, aber ihm war entgangen, dass sich danach der Le7 tödlich in den Angriff einschaltet.

34… Txg3+ 35. fxg3 Dxe3+ 36. Kh2 Df2+ 37. Kh1 Df1+

meiercaruana13.jpg

nebst Matt in zwei nach 38.Kh2 Dh3+ 39.Kg1 Lc5#. Meier gab auf.

0-1

Ein paar Meter weiter erlebte der sichtlich geschockte Matthias Blübaum ein Déja-vu gegen Magnus Carlsen. Wie schon in der ersten Runde trat unerwartet auf g4 ein Gaul nach ihm aus, als sich Blübaum am Ende einer forcierten Abwicklung auf dem Weg zu einem sicheren Remis wähnte.

meiercaruana14.jpg

Nach 29… Lxc6 oder … bxc6 wäre nichts los gewesen, aber jetzt gerät der weiße König noch in Bedrängnis. Nach 30.Dg3 Dc5+ 31.Kf1 Se3+ 32.Ke2 Sf5 und erst dann 33…Dxc6 musste der Weiße noch lange um den halben Punkt kämpfen.

Aber Blübaum fing sich, führte nach dem Unentschieden gegen Fabiano Caruana auch die Partie gegen Magnus Carlsen mit präziser Verteidigung zum Remis und war im Turnier angekommen.

Auf Augenhöhe mit der Weltklasse? Französische Theorieduelle

Als dem Schachbund vor zehn Jahren auffiel, dass ein deutscher Weltklassespieler unseren Sport voranbringen würde, gründete er die Prinzen, eine Gruppe herausragender Talente, die fortan gezielt gefördert wurden. Womöglich hatten die Funktionäre auch die deutsch-französische Freundschaft im Blick und verpflichteten den Nachwuchs, gegen 1.e2-e4 so oft wie möglich die Französische Verteidigung zu spielen?

Jedenfalls sind die Prinzen erwachsen geworden, und seit Jahren schon verbindet sie ihre Liebe zum Französischen. Das gilt auch für den Vorzeige-Prinzen Matthias Blübaum und dessen Großmeisterkollegen Georg Meier, die beiden deutschen Teilnehmer des Grenke Classic. Meier bevorzugt zwar den eher untypischen Rubinstein-Franzosen (Schwarz spielt früh …d5xe4), gilt darin aber als weltweit führender Experte.

Partien gegen Weltklassespieler bedeuten für ihre Gegner oft einen verschärften Test ihrer Eröffnungskenntnisse. Dass beim Grenke-Turnier die deutschen Franzosen manchem theoretischen Ansturm würden widerstehen müssen, das war abzusehen.

In Runde zwei ging das los, als Nikita Vitiugov gegen Georg Meier und Fabiano Caruana gegen Matthias Blübaum jeweils 1.e2-e4 zogen. In beiden Partien stand prompt 1…e7-e6 auf dem Brett, aber dann trennten sich bald die Wege.

Vitiugov fragte Meier in der Vorstoßvariante ab (1.e4 e6 2.d4 d5 3.e5), Fabiano Caruana testete Blübaums Kenntnisse in der Steinitz-Variante des klassischen Franzosen (1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sc3 Sf6 4.e5).

Meier sah sich bald mit einer Neuerung konfrontiert:

franz1.jpg

8.b4-b5 hatte in dieser Stellung noch kein Spieler internationalen Formats probiert, was aber auch damit zusammenhängen mag, dass die Idee, den Springer c6 nach a5 zu treiben, dem Weißen nicht allzu viel verspricht, womöglich gar dem Schwarzen hilft, Spiel am Damenflügel zu organisieren.

Meier hielt seinen Laden ordentlich zusammen, geriet dann aber nach und nach in ein erst schwieriges und dann mehr als heikles Endspiel, in dem sich die seltene Konstellation ergab, dass sein Läuferpaar gegen Vitiugovs Springer nichts zu bestellen hatte. Kurz vor dem Ende sah es so aus:

franz2.jpg

Läuferpaar, Turm auf der zweiten Reihe – auf den ersten Blick könnte man meinen, dass einige Faktoren für die schwarze Stellung sprechen. Tun sie aber nicht. Der Th2 steht in erster Linie weitab vom Kampfgeschehen, das am Damenflügel tobt, wo der weiße b-Freibauer machtvoll seiner Verwandlung entgegenstrebt.

Das Läuferpaar leidet unter einem arg limitierten Wirkungsradius und findet keinen Weg, den von seinen Springern mächtig unterstützten Freibauern zu stoppen. Obendrein erfreut sich Weiß schon seit einigen Zügen des prächtigen Stützpunkts d6, von dem aus ein einmal dort eingepflanzter Springer den Schwarzen erheblich belästigt.

Die Diagrammstellung ist schon nicht mehr zu halten, Meier gab bald auf.

Matthias Blübaum drohte nach seiner Erstrundenniederlage ein Desaster, denn in Runde zwei und drei würden der WM-Herausforderer und der Titelträger auf den jungen Großmeister warten.

Als sich Fabiano Caruana auf Blübaum vorbereitete, wird er diese Stellung aus dem Steinitz-Franzosen auf dem Brett gehabt haben:

franz3.jpg

Und er wird gesehen haben, dass Blübaum in dieser Stellung 8…b7-b6 zu ziehen pflegt:

franz4.jpg

Was immer Caruana darauf vorbereitet hatte, Blübaum kam der Präparation des WM-Herausforders zuvor, indem er dieses Mal 8…a7-a6 zog, bald gefolgt von …b7-b5.

Anstatt angeschlagen vom Knockout in Runde 1 gegen den Weltranglistendritten unter Druck zu geraten, spielte Blübaum zügig und entschlossen, während Caruana viel Zeit verbrauchte. Der Amerikaner war dem Deutschen in seine häusliche Vorbereitung gelaufen, nicht andersherum.

Für Blübaum ein normaler Tag im Büro

Auf dem Brett sah es zwar so aus, als würde Caruana einen Angriff am Königsflügel inszenieren können, aber das hatte Blübaum alles daheim geprüft und für harmlos befunden. Nach 21.f4-f5 war der Deutsche immer noch in seiner Vorbereitung, und seine größte Herausforderung bestand in der Gedächtnisleistung, sich daran zu erinnern, wie sich hier das weiße Spiel neutralisieren lässt.

franz5.jpg

Diesen Gedächtnistest bestand Blübaum mit Bravour, knöpfte Caruana ein ungefährdetes Remis ab und tankte Selbstvertrauen für das Duell mit Magnus Carlsen am nächsten Tag.

Im Interview danach stellte Blübaum die Partie gegen Caruana als normalen Tag im Büro dar: „Manchmal läuft es halt gut, und Du bekommst Deine Variante aufs Brett.“ Und dann ist selbst für die Weltbesten nichts zu holen.

Ruhig bleiben! Vincent Keymer und die deutsche Sehnsucht nach dem großen Titel

Die Sehnsucht nach dem Titel, sie brennt. Vor fast 100 Jahren gab sich Emanuel Lasker beim WM-Kampf im fernen Havanna dem Kubaner  José Raúl Capablanca geschlagen. Seitdem tauchen in Schachdeutschland gelegentlich Hoffnungsträger auf, aber in unmittelbare Nähe zur Krone kam bislang nur einer.

keymer magnus.JPG
Zusammen mit Magnus auf der großen Bühne: Vincent Keymer während seiner letzten Partie beim Grenke Open gegen den Ungarn Richard Rapport. (Foto: Souleidis/Grenkechess)

Nun soll es Vincent Keymer richten. Der 13-Jährige ist fraglos eines der größten, wenn nicht das größte deutsche Schachtalent seit Emanuel Lasker. Nur heißt das im internationalen Vergleich der Supertalente noch nicht allzu viel. Der Wettbewerb ist knapper und härter, als er jemals war, und in Deutschland zu leben, bedeutet für einen aufstrebenden Schachspieler alles andere als einen Standortvorteil.

Schon in den 2020ern wird Indien die dominierende Schachnation sein

Was eine Vorbildfigur in ihrem Heimatland bewegen kann, deutet sich seit Jahren in den Jugendweltranglisten an. Visvanathan Anand ist in Indien ein Superstar, wie es hierzulande Boris Becker zu seinen besten Zeiten war. Der Exweltmeister hat in Indien einen Schachboom ausgelöst. In seinem Gefolge wird nun ein junger Inder nach dem anderen nach oben gespült,. Indien wird schon in den 2020ern die dominierende Schachnation sein.

Vielleicht funkt der eine oder andere Norweger den Indern dazwischen, denn Magnus Carlsen hat in seiner Heimat eine ähnliche Entwicklung verursacht. Dann sind da noch die US-Amerikaner mit ihren drei Top-Ten-Spielern und reihenweise Talenten im Schlepptau. Die Chinesen mit ihrer systematischen Sichtung und Förderung des Nachwuchses. Die Russen natürlich mit ihrer ungebrochenen Schachkultur. Und dazwischen ein einzelner Deutscher?

Klaus Junge war auf dem Sprung in die Weltklasse, Deutschland auf dem Weg in den Abgrund

keymer junge
Klaus Junge

Hätten die Nazis neben allem angerichteten Unheil nicht auch noch Klaus Junge (1924-1945) verführt, dem deutschen Schach wären Dekaden der Zäsur womöglich erspart geblieben. Der junge Leutnant der Artillerie war auf dem Sprung in die Weltklasse, als Deutschland auf dem Weg in den Abgrund war. Junge fiel 21-jährig kurz vor Kriegsende bei einem sinnlosen Gefecht in der Lüneburger Heide.

Bald nach dem Krieg begann der schachliche Aufstieg des bayerischen Juristen Wolfgang Unzicker (1925-2006), der Schach nie als Profession betrieb und dennoch lange zu den besten 20 der Welt zählte. Der zehn Jahre jüngere Wolfgang Uhlmann aus Dresden erreichte ein ähnliches Level, widmete gar sein Leben dem Schach, aber dieses Leben verbrachte er hinter dem eisernen Vorhang. Und während die UdSSR Schach als Prestigeangelegenheit betrachtete, wurde es in der DDR kaum gefördert.

Robert Hübner: ein mit Talent gesegneter Forscher und Grübler, kein Wettkämpfer

keymer hübner
Robert Hübner

Robert Hübner steht über diesen beiden. Hübner war Nummer drei der Welt, hat unzählige Turniere gewonnen und vier Mal die Kandidatenwettkämpfe erreicht, die WM-Vorstufe. 1980 kam er gar ins Kandidatenfinale, scheiterte aber an Viktor Kortschnoi (der später im WM-Kampf Anatoli Karpow unterlag) – und an sich selbst. Hübner war Weltspitze, ein mit Talent gesegneter Forscher und Grübler, aber kein Wett- und schon gar kein Zweikämpfer.

Als Hübner nachließ, stand das deutsche Schach ohne Frontfigur da. In der Breite zwar stärker als die meisten anderen, aber wer interessiert sich für den Breitenschachweltmeister?

Ohne Spitzenkönner keine Vorbilder, ohne Vorbilder keine Sogwirkung und kein Wachstum. Dieser Zusammenhang muss Mitte der 2000er einem Funktionär aufgefallen sein, nachdem der Deutsche Schachbund, einer der größten der Welt, das Spitzenschach in der Post-Hübner-Ära lange allenfalls mit spitzen Fingern angefasst hatte. 2008, endlich, gründete der DSB die „Prinzengruppe„, eine Gruppe von Talenten, die, gezielt gefördert, zu Königen werden sollten.

Aus Prinzen wurden Landesfürsten

Das funktionierte. Wenige Jahre später tauchten reihenweise deutsche Namen auf respektablen Plätzen der Jugendweltranglisten auf, allen voran Matthias Blübaum. In seinem Gefolge Dennis Wagner, Rasmus Svane, Alexander Donchenko. Die vier Prinzen haben sich seitdem zu veritablen Großmeistern entwickelt, Könige allemal, aber nur in deutschen Landen.

keymer world rank
Indische Dominanz: die U-14-Top-Ten der Welt vor dem Grenke Open. Vincent Keymer ist Achter, und der Abstand nach oben ist signifikant. Seit gestern steht Keymer bei 2.443.

Die vier Jungs sind erwachsen geworden, der Talentstatus verbraucht sich langsam, und wir müssen feststellen, dass keiner von ihnen die Sehnsucht nach dem Titel stillen wird. Immerhin hat Deutschland jetzt wieder eine Riege junger, starker Großmeister, wie es sie lange nicht gab.

Dass in den jüngeren Jahrgängen ein gewisser Vincent Keymer zu noch größeren Hoffnungen Anlass gibt, hat sich in Schachkreisen schon vor Jahren herumgesprochen. Der Spross einer Musikerfamilie vollzog seitdem seinen behutsamen Aufstieg im Stillen, international im Schatten von indischen Talenten wie Nihal Sarin oder Praggnanandhaa, die rund um Welt von Turnier zu Turnier reisen und immer wieder mit außergewöhnlichen Ergebnissen aufhorchen lassen.

Nominell stagniert Vincent Keymer seit mehr als einem Jahr

Der Schüler aus Mainz spielt längst nicht so viel wie diese beiden und, so dachten wir, längst nicht so gut. Zuletzt schien sich anzudeuten, dass er ihrem kometenhaften Aufstieg nicht würde folgen können. Nominell stagniert Keymer seit mehr als einem Jahr.

Dann kam das Grenke Open. Acht Punkte aus neun Partien, alleiniger erster Platz vor mehreren Dutzend Großmeistern, GM-Norm und eine Leistung um 2.800 Elo, also Weltklasse. Ein Ausreißer war das, eine Ausnahme, ein derart gewaltiger Ausschlag nach oben, wie er so gar nicht in die behutsame und zuletzt stockende Entwicklung dieses außergewöhnlichen jungen Mannes passt.

keymer weltmeister.png
Google träumt auch schon: Nicht nur bei der Internetsuche ist der Begriff „Weltmeister“ mit Vincent Keymer verknüpft.

Sogar der des Hyperventilierens unverdächtige Schachjournalist Hartmut Metz fabulierte am Tag danach auf Chessbase über „goldene Zeiten für den deutschen Schachbund“, die nun anbrächen, und erweckte beinahe den Eindruck, Magnus‘ Tage seien bald gezählt. Ruhig bleiben, Hartmut.

Ein Resultat wie das in Karlsruhe wird Keymer nicht so schnell wiederholen können

Es wäre fatal, würde Vincent Keymer bei künftigen Auftritten an seinem außergewöhnlichen Resultat beim Grenke Open gemessen werden. So etwas wird er so bald nicht wiederholen können. Aber, wer weiß, vielleicht kann er in ein paar Jahren solche Ausnahmen zur Regel machen, wenn ihm erlaubt wird, seinen Aufstieg in Ruhe fortzusetzen.

keymer entwicklung.png
Blick in die DWZ-Auswertung: 2016 in Wien ein großmeisterliches Resultat, seitdem präsentiert sich Vincent Keymer als 2.400-Spieler. Dann kam Grenke.

Keymers Siege gegen großmeisterliche Gegnerschaft zeigen, dass es in Karlsruhe gegen nominell stärkere Spieler schlicht sehr gut lief. Rainer Buhmann unterlief, als er ein Remis erzwingen konnte, ein kaum fassbarer Fehler, der die Partie unmittelbar zugunsten seines jungen Gegners beendete. Gabor Papp wollte gegen Keymers Eigenbau-Eröffnung zu viel, stellte sich dabei aber so ungeschickt an, dass er schon schlecht stand, bevor die Partie so recht begonnen hatte. Richard Rapport schließlich spielte, nachdem er die Eröffnung gewonnen hatte, zu ungestüm und unkonventionell auf Gewinn, bis sein Angriff vollends versandet war. Sein kleinlautes Remisangebot lehnte Keymer ab.

Der Druck ließ ihn kalt, des Trainers Sorge war unbegründet

keymerleko
Peter Leko

Die Partien zeigen auch zwei essenzielle Qualitäten Keymers: Pragmatismus und Wettkampfhärte. Wenn er schlecht steht, verteidigt er sich unerschütterlich, und wenn er gut steht, zieht er die Sache durch, egal, wer auf der anderen Seite des Brettes sitzt und egal, wer zuschaut.

Die Sorge seines Trainers Peter Leko, die letzte Runde auf der Bühne direkt neben dem Weltmeister spielen zu müssen, dazu der Druck durch das öffentliche Interesse, könnten Keymer beeinflussen, erwies sich als unbegründet. In dieser Hinsicht hat der 13-Jährige die deutsche Schachlegende Robert Hübner jetzt schon überholt.

Mit dem Sieg beim Grenke Open 2018 kommt eine Einladung zum Grenke Classic 2019. Für Vincent Keymer wäre das eine erste Gelegenheit, im Wettkampf mit den Allerbesten zu lernen. Aber er zögert, ob er diese Einladung annehmen soll: „Die sind ja so viel besser als ich.“

Sind sie, noch.

Na und?