Eine Figur weniger trotz ausgeglichenem Material – das geht (II)

Beim Kandidatenturnier in Berlin haben wir gesehen, dass der typische eingesperrte Läufer auf g3 (oder g6) gelegentlich ein Spiegelbild wirft. In seiner Partie gegen Fabiano Caruana, einer der zentralen Partien des Turniers, plagte sich Vladimir Kramnik mit einem potenziell eingesperrten Läufer auf b3 herum.

Vladimir Kramnik – Fabiano Caruana, Kandidatenturnier Berlin 2018

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Schwarz am Zug

Könnte Schwarz in dieser Stellung zwei Züge auf einmal ausführen, er würde natürlich …d6-d5 und …b7-b5 ziehen. Der Lb3 wäre fortan eingesperrt, fände keinen Weg aus seinem Gefängnis, und Weiß müsste die Partie mit einer Figur weniger bestreiten.

Aber Schwarz darf nur einen Zug machen, und für den Moment muss er sich mit der kräftigen positionellen Drohung Sd2-e4 auseinandersetzen. …d6-d5 würde das parieren und zugleich den rückständigen Bauern auf d6 auflösen. Aber Weiß könnte sich sogleich mit c3-c4 befreien und stünde etwas angenehmer.

Caruana entschied sich stattdessen für …Lc8-f5, was eine Figur entwickelt und ebenfalls die weiße Option Sd2-e4 aus der Stellung nimmt.

Die Drohung, …d5 und …b5 bleibt ja als Motiv erhalten. Auch wenn sie nicht aufs Brett kam, bestimmte sie doch den weiteren Verlauf der Partie. Erst schob Kramnik dieser Drohung mit c3-c4 früher als nötig einen Riegel vor, sperrte aber damit selbst seinen Läufer ein. Wenig später folgte ungestüm c4-c5, mit dem der Weiße Brücken hinter sich abbrach, zwischenzeitlich dennoch auf Gewinn stand, aber nach dramatischem Verlauf am Ende verlor.

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Am Ende stand der auf b3 eingesperrte Läufer sogar noch auf dem Brett (auf d3), während Vladimir Kramnik angezählt über dem Tisch hing. Der Wendepunkt des Kandidatenturniers.

Anstatt mit 3,5/4 zu starten und das Kandidatenturnier von Beginn an zu dominieren, war das ein arger Rückschlag für Vladimir Kramnik, der damit zudem Fabiano Caruana in die Spur geholfen hatte. Kramnik suchte in der Folge in jeder Partie in erster Linie eine wilde Prügelei, während Caruana seine gegen Kramnik errungene Tabellenführung bis zum Schluss nicht mehr abgab und nun Magnus Carlsen herausfordern darf.

1.200 Elopunkte unter und vier Wochen nach diesen beiden hatte am Bodensee ein eingesperrter Läufer auf g3 zentrale Bedeutung. Des Schwarzen Kollege am Nachbarbrett stand auf Gewinn, und würde nun hier der Schwarze die richtige Fortsetzung finden, dann wäre der Drops schon beinahe gelutscht.

Antwort 65

Klaus Grensing – Roland Streit, Überlingen 2018

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Der Lg3 ist nicht nur eingesperrt, Schwarz kann obendrein danach trachten, ihn unmittelbar einzusammeln: …h6-h5-h4 mit Läuferfang liegt in der Luft. Der einzige Weg für Weiß, das zu verhindern, ist h2-h4. Aber das wiederum kann Schwarz verhindern, indem er den h-Bauern blockiert.

1…Lg4-h3! mit der Idee …h6-h5-h4 ist der richtige Zug.

Die Angelegenheit ist nicht trivial, weil der Weiße zum Beispiel mit Ld5xb7-c6+ dazwischenfunken oder d3-d4 mit Tempo probieren kann. Aber wie der Weiße sich auch dreht und wendet, wie lange er das Unheil am Königsflügel auch hinauszögert, am Ende wird das Pendel zugunsten des Schwarzen ausschlagen.

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Heimspiel für Caruana gegen Carlsen? US-Schachmäzen will das WM-Match in die USA holen

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Rex Sinquefield

(Finale (?) Aktualisierung, 30. März:

World Chess möchte das Gerücht einer WM-Verlegung aus der Welt haben. Per Twitter garantiert der Schach-Veranstalter der FIDE, dass das Match in London steigt, siehe Tweet am Ende dieses Textes)

Der Milliardär Rex Sinquefield ist das Gesicht des US-amerikanischen Schachaufschwungs, der jetzt zum ersten WM-Match eines Amerikaners seit fast 50 Jahren geführt hat. Seinem Schützling Fabiano Caruana möchte Sinquefield ein Heimspiel gegen Magnus Carlsen verschaffen. „Ergäbe sich eine Gelegenheit, würde ich das Match nach St. Louis holen“, sagte Sinquefield, noch bevor Caruana seine finale Partie und damit das Kandidatenturnier gewonnen hatte.

(Update 28.März: Jetzt taucht das Gerücht, St. Louis wolle London mit einem deutlich höheren Gebot ausstechen, auch auf CBS auf.)

Sein Einfluss darauf, das Match kurzfristig von London in die Schachstadt St. Louis zu verlegen, sei allerdings gering, räumte Sinquefield ein. Der Schachweltverband FIDE und dessen Veranstalter Agon hätten die Rechte. „FIDE und Agon sind jetzt am Zug.“ Er könne nur anbieten, mit Freude einzusteigen, gebe es seitens der Organisatoren ein Signal von der Themse an den Mississippi. Generell mache es ihn überaus glücklich, dass mit Fabiano Caruana endlich wieder ein Amerikaner um den Titel spielt. „Darauf habe ich seit Bobby Fischers Zeiten gewartet.“

„Schach muss endlich professionell organisiert werden.“

Sinquefield machte im Interview auf dem St.-Louis-Schachkanal deutlich, dass er die FIDE eher als Hort des Chaos sieht denn als durchorganisierten Verband. Womöglich breite sich dieses Chaos ja so schnell aus, dass ein neuer Organisator gefunden werden muss. Ihm sei aber eher daran gelegen zu helfen, Dinge in geordnete Bahnen zu führen, anstatt zuzuschauen, wie das organisierte Weltschach implodiert.

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Während Rex Sinquefield dafür warb, das WM-Match nach St. Louis zu holen, sah der US-Schachverband den Wettkampf in London.

„Schach muss endlich professionell organisiert werden“, assistierte Exweltmeister Gary Kasparow. „Rex wäre dafür der Richtige.“ Kasparow verwies auf die desaströse Organisation in Berlin und auf manchen misslichen Umstand, der das WM-Match 2016 in New York begleitet habe. Anzeichen, dass beim WM-Match 2018 auf einmal alles besser wird, sieht Kasparow nicht.

Kasparow: „Von der FIDE, wie sie jetzt ist, sollten wir die Finger lassen.“

Zugleich warnte Kasparow davor, sich mit FIDE/Agon ins selbe Boot zu setzen. Deren Mittel stammten aus zwielichtigen Quellen, dazu die Geldwäsche-Vorwürfe gegen FIDE-Präsident Kirsan Iljumschinow. „Davon sollten wir die Finger lassen.“ Aber würde der Weltverband den Willen zu Reform und Transparenz zeigen und die Hilfe von Sinquefield annehmen, „dann würde ich ein Match Carlsen-Caruana in St. Louis sofort unterstützen“.

Im November 2017 hatte Agon verkündet, dass London den Zuschlag für das WM-Match 2018 bekommen hat. Ein Spielort in der englischen Hauptstadt ist laut Yasser Seirawan/CBS noch nicht gefunden, offizielle Quellen haben bislang stets London genannt, aber sich nie festgelegt, wo in London das Match steigen soll.

Agons Mitteilung von November 2017, das Match sei nach London vergeben, war nach dem Ende des Kandidatenturniers auf der Agon-Seite nicht mehr zu finden. Das kann ein Indiz sein, kann aber auch mit den notorischen Übertragungs- und Webdesign-Problemen von Agon zusammenhängen.

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Vielleicht gibt ja am Ende tatsächlich das Geld den Ausschlag. Für seine bisherigen Veranstaltungen hat Agon bislang stets nur den Minimal-Garantiepreisfonds zusammenkratzen können. Alle Versuche der FIDE-Tochter, Schach-Übertragungen zu monetarisieren, scheiterten derweil krachend; sie führten zu Anwaltskosten statt Einnahmen. Wahrscheinlich ist das Gerücht über die finanziell missliche Lage des Schach-Veranstalters nicht aus der Luft gegriffen.

Würde nun Rex Sinquefield ein substanziell höheres Angebot machen, als es für eine WM in London auf dem Tisch liegt, wer weiß?

Update 29. März:

Vom St. Louis Chess Club gibt es jetzt eine offizielle Stellungnahme:

Update 30. März:

…und dann begegnet uns dieses Facebook-Fundstück von Anfang März, laut dem der Austragungsort in London doch feststeht. Nicht irgendein Ort, sondern das Google-Hauptquartier. Das Team des britischen Schach-Multifunktionärs und -Organisators Malcolm Pein habe diese Information durchsickern lassen.

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Wir haben natürlich nachgefragt. Malcom Peins Kommentar: „Aprilscherz.“

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Laut WorldChess wird es jedenfalls London. Mit dieser getweeteten Garantie will der WM-Veranstalter das Gerücht aus der Welt schaffen:

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Kandidaten-Schlaglicht (II): AlphaGrischuk auf Topalows Spuren

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Schach auf der Titelseite der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, das gab es zuletzt am 24. Januar 2008. Beim alljährlichen Superturnier in Wijk an Zee hatte Weselin Topalow Vladimir Kramnik mit einem spektakulären Springeropfer überrumpelt.

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Veselin Topalow

12.Se5xf7, ein Zug in einer bekannten Stellung aus dem Anti-Moskau, den zuvor niemand ernsthaft in Betracht gezogen hatte. Als Gegenwert für die Figur bekommt Weiß einen Bauern und exponiert den schwarzen König ein wenig.

„Das kann nicht genug sein“, dachte jeder, bis Topalow an eben jenem 24. Januar den Springer auf f7 hineinprügelte und gegen keinen Geringeren als den russischen Exweltmeister (und seinen Erzfeind) eine glänzende Partie gewann.

Sergej Karjakin fand das Gegengift

Topalow war aufgefallen, dass Weiß eben doch ein bisschen mehr bekommt als einen Bauern und einen im Zentrum festgenagelten schwarzen König. Nach 12…Ke8xf7 folgt 13.e4-e5, dann Sc3-e4-d6+, und dieser auf d6 mitten im schwarzen Lager eingepflanzte Gaul hemmt die schwarze Koordination erheblich.

Natürlich haben sich sofort die Schach-Analysten auf Topalows Springeropfer gestürzt, und recht bald war ein Gegengift gefunden. Auf dem Brett demonstrierte als erster Verteidigungsminister Sergej Karjakin, was Schwarz zu tun hat:

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16.Le2-g4 mit der Drohung Dd1-c2-g6

Zu dieser Stellung kommt es nach 12.Se5xf7 praktisch immer. Weiß zieht 16.Le2-g4, und das beinhaltet eine nicht offensichtliche, aber umso kräftigere Drohung. Gegen fast jeden schwarzen Zug (16…Ta8-f8 zum Beispiel) wird Weiß 17.Dd1-c2 nebst 18.Dc2-g6 folgen lassen, und dann hängt es bei Schwarz an allen Ecken und Enden. Der Nachziehende steht vor einem kaum zu überwindenden Berg von Problemen

16…h6-h5 ist das Gegengift, zuerst gespielt von Sergej Karjakin im Juni 2008 gegen Alexei Schirow. Schwarz gibt einen Bauern, um die weiße Koordination zu stören, so dass Weiß nicht zu Dd1-c2-g6 kommt. Die Partie endete zwar nach gewaltigen Komplikationen remis, aber seitdem hat kein Großmeister sich mit Weiß auf 16…h6-h5 eingelassen.

Zwar bleibt die Stellung hochkompliziert, aber objektiv kämpft Weiß schon ums Remis. Ein Blick in die Fernschach-Datenbank zeigt, wie stark 16…h6-h5 ist:

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Gegen 16…h6-h5 hat Weiß im Fernschach 3,5/10 geholt.

Wie Alexander Grischuk sich auf Ding Liren vorbereitete

Als sich in den vergangenen Monaten Alexander Grischuk auf das Kandidatenturnier in Berlin vorbereitete, wird ihm nicht entgangen sein, dass Ding Liren sein Schwarzrepertoire ab 2016 von dynamisch/riskant auf solide umgestellt hat, also zu der Zeit, als der Chinese begann, sich in der Weltklasse zu etablieren. Gegen 1.e2-e4 zieht er jetzt …e7-e5 (aber spielt kein Russisch wie seine Landsleute), gegen 1.d2-d4 kommt Nimzo-Indisch oder Damengambit/Halbslawisch.

Weil Ding Liren sein Eröffnungsrepertoire erst vor kurzem auf Weltklasse umgestellt hat, ist es wahrscheinlich das schmalste aller acht Teilnehmer. Wer gegen Chinas ersten Kandidaten eine bestimmt Stellung ansteuern möchte, der hat gute Chancen, sie tatsächlich zu erreichen. Zum Beispiel diese:

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Die Grundstellung des Anti-Moskau, ein vertracktes Biest, das vor allem im Fernschach debattiert wird. Schwarz hat einen Bauern mehr, aber angesichts seiner Lockerungsübungen auf Damen- und Königsflügel keine gute Option für seinen König. Nur kommt Weiß an den nicht so leicht heran, weil die vorgerückten schwarzen Bauern auch das weiße Spiel behindern.

Grischuk wird sich unter anderem angesehen haben, wie Ding Liren 2016 in St. Louis im Anti-Moskau von Hikaru Nakamura abgefertigt worden ist. Mit der Eröffnung hatte das zwar wenig zu tun, aber damit, dass Ding in einer unorthodox-verwickelten Stellung, die beiderseits für Menschen kaum navigierbar ist, als erster danebengriff.

Nakamura war besser vorbereitet, besser vertraut mit all den schrägen Motiven und konkreten taktischen Verwicklungen im Anti-Moskau, die sich (ähnlich wie im Botwinik-System oder im Winawer-Franzosen) generellen schachlichen Erwägungen entziehen

Und schon hatte Grischuk ein Konzept gefunden, wie sich Ding Liren besiegen lässt: die Verwicklungen des Anti-Moskau ansteuern, konkreter vorbereitet sein und darauf setzen, dass Ding zuerst fehlgreift. Jetzt musste er sich nur noch für einen der zahlreichen weißen Aufbauten entscheiden.

„AlphaZero hat mir 16.a2-a4 empfohlen“

An dieser Stelle beginnt der beeindruckende Part seiner Vorbereitung, der zeigt, wie unabhängig Alexander Grischuk denkt. Anstatt die jüngst ausgetretenen Pfade nach neuen Ideen abzusuchen, hat er sich Topalows altes Springeropfer noch einmal vorgenommen. Er fand heraus, dass Weiß gar nicht das auch im Fernschach bislang ausschließlich gespielte 16.Le2-g4 ziehen muss. Weiß kann die Angelegenheit trotz Minusfigur mit 16.a2-a4 ruhiger angehen.

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AlphaZero habe ihm den Zug empfohlen, scherzte Grischuk in der Pressekonferenz nach der Partie. „Stockfish hasst a2-a4″, ergänzte er noch, eine Lüge – oberflächlich betrachtet. Zwar bewertet Stockfish 9 bei (Suchtiefe 46) 16.a2-a4 als besten Zug mit 0,00, aber Grischuk spielte auf das Konzept dahinter an.

Von AlphaZero hat die Schachwelt gelernt, dass Material in höherem Maße nur ein Faktor von vielen ist, als wir bislang dachten. Nicht nach Mehrbauern, sondern nach positioneller Dominanz strebte AlphaZero in seinen Gewinnpartien. Die Maschine gab freudig Material her, so lange sie nur ihren Gegner eisern umklammert halten konnte, so lange dieser keine Möglichkeit hatte, seine Truppen zu koordinieren und befreien. Genau dieses Konzept befolgte Alexander Grischuk in der Partie gegen Ding Liren:

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Der Springer auf d6 ist so dominant, und Schwarz hat so große Schwierigkeiten, Spiel zu finden, dass Weiß trotz Minusfigur in aller Ruhe 20.Kg1-h1 spielen und f2-f4 vorbereiten kann. AlphaZero würde angesichts des weißen Spiels entzückt mit der Zunge schnalzen, wenn es denn eine hätte.

Nur spielte hier Mensch gegen Mensch, und Grischuk passierte ein typisch menschlicher Lapsus. Nachdem er mehr als 20 Züge Vorbereitung mehr oder weniger heruntergeblitzt hatte, unterlief Ding Liren unter Zeit- und positionellem Druck ein erster grober Fehler. Aber Grischuk war noch nicht recht warm und übersah beim ersten selbstständig zu findenden Zug die Gewinnmöglichkeit, die ihm der Chinese offenbart hatte.

Ding Liren befreite sich nach und nach, gewann gar die Oberhand, aber die Lage blieb hochkompliziert. Am Ende einer spektakulären Partie teilten die Kontrahenten den Punkt.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hat nicht berichtet – zumindest nicht auf der Titelseite. Online berichtet die Zeitung in ihrem Schachblog über das Kandidatenturnier, und dort fand auch die Partie Grischuk-Ding ein prominentes Plätzchen.

Kandidaten-Schlaglicht (I): Kramniks Neuerung …Th8-g8

Levon Aronian – Vladimir Kramnik, Kandidatenturnier Berlin 2018, 3. Runde

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Die Stellung sieht aus, als sei nicht viel los. Inmitten der Eröffnung müssen beide Seiten noch jede Menge Figuren entwickeln. Schwarz wird wahrscheinlich bald rochieren, und dann folgt eine langwierige, strategiegeprägte Positionspartie mit einer typischen Struktur, wie sie im Spanischen häufig entsteht, nachdem Lb5xc6 und …d7xc6 gespielt worden ist. Die Kommentatoren weit und breit schauten erstmal auf die anderen Bretter, als die Partien der dritten Runde wenige Minuten alt waren. Kramnik-Aronian würde sich ja noch hinziehen.

Aus Erstaunen wurde Einsicht

Dann griff Vladimir Kramnik zu seinem Turm auf h8 und zog ihn ganz unscheinbar ein Feld weiter, nach g8. Was, bitte, ist das?

Die anfängliche Belustigung („wahrscheinlich wollte er kurz rochieren und hat aus Versehen zuerst den Turm angefasst“) wandelte sich erst in Erstaunen über ein kühnes Konzept, dann in Einsicht, dass hier ein ganz Großer des Sports die Stellung schlicht besser versteht als alle Beobachter.

Sehr bald stellte sich die Frage, wie sich Levon Aronian eigentlich retten soll. Kramnik hatte ja alles andere als subtil angekündigt, dass er sich nun auf die weiße Königsstellung stürzen wird. Th8-g8 kündigt in aller Deutlichkeit g7-g5 und den folgenden Angriff an, aber der entwickelt sich nicht von jetzt auf gleich. Die Truppen müssen erst voranmarschieren, das sollte dem Weißen Zeit geben, sich auf den Sturm vorzubereiten. Aronian grübelte und grübelte, einen Weg aus der Misere fand er nicht.

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Anish Giri

Tatsächlich steht Schwarz nach Kramniks …Th8-g8 schon besser. Der russische Exweltmeister sagte nach seinem Glanzsieg, er habe diese Neuerung schon seit einigen Jahren in der Pipeline, und glücklicherweise habe sich nun bei einer derart wichtigen Partie die Gelegenheit ergeben, sie aufs Brett zu bringen. Glück war es in der Tat, dass Aronian mit 1.e2-e4 eröffnet hat, denn das tut er höchst selten.

Aber ob wir Kramnik den Rest der Geschichte glauben können? Vladimir Kramnik hat als Sekundant ja den jungen niederländischen Großmeister Anish Giri an seiner Seite, selbst ein Weltklassespieler aus der 2.750+-Liga. Und von dem ist bekannt, dass er gewissenhaft Fernschachpartien studiert. Bei seinen Studien hätte dieses auf seinem Bildschirm auftauchen können:

Ein Blick in die aktuelle Fernschachdatenbank von Chessbase zeigt, dass im Fernschach der Zug 7…Th8-g8 schon gespielt wurde.

Tatsächlich ist Kramniks Neuerung nicht unbekannt, wenngleich sie im Nahschach noch nie gespielt wurde. Im Fernschach, wo Mensch und Maschine gemeinsam deutlich besser spielen als beide Spezies das alleine könnten, hat …Tg8 den Schwarzen schon wertvolle Dienste geleistet. Auf Twitter wurde Anish Giri mit einem Mal hyperaktiv, als sein Chef den Zug aufs Brett stellte – und seinen Gegner vor eine kaum lösbare Aufgabe.

Entscheidungshilfe für Zuschauer: Wo Kandidatenturnier gucken?

Wenn am Wochenende in Berlin das Kandidatenturnier beginnt, dann bietet sich den Zuschauern im Internet eine Auswahl, wie es sie beim Schach nie gegeben hat.

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Worldchess-Chef Ilya Merenzon.

Selbst in Zeiten der boomenden Schachstreams ist das keine Selbstverständlichkeit. Bis vor kurzem stand der Ausrichter WorldChess  trotzig auf dem Standpunkt, dass niemand das Recht hat, die Züge live zu zeigen. Niemand außer WorldChess selbst natürlich, verbunden mit der Drohung, jeden zu verklagen, der es trotzdem tut und nicht dafür bezahlt.

Manche Schachseite hat das von Übertragungen etwa des WM-Matches Carlsen-Karjakin abgehalten, andere nicht, und die zog WorldChess tatsächlich vor Gericht. Nachdem sich dort der Schachvermarkter des Weltverbands FIDE eine Niederlage nach der anderen eingehandelt hatte, verkündete das Unternehmen nun eine Kehrtwende: Jeder darf übertragen, so lange er nebenbei für die „offizielle“ Übertragung wirbt.

Also, wo gucken? Als Entscheidungshilfe stellen wir die nach Einschätzung dieser Seite drei besten Kommentatorenduos/-teams vor.

Chess 24: Peter Svidler/Jan Gustafsson

Mit einem lachenden und einem weinenden Auge sahen Schachfans Peter Svidlers Ausscheiden beim World Cup. Als Svidler sein Viertelfinal-Match gegen Maxime Vachier-Lagrave verloren hatte, war klar, dass der achtfache russische Meister sich nach langer Zeit erstmals nicht für das Kandidatenturnier qualifizieren würde. Gegönnt hätten wir es dem eloquenten Cricket-Fan, aber so bestand die Aussicht, dass er kommentiert.

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Jan Gustafsson und Peter Svidler bei der Kommentatorenarbeit.

Und das wird er tatsächlich, wie Svidler neulich in einem Interview ankündigte. An der Seite des Weltranglisten-14. sitzt wie gewohnt der Hamburger Jan Gustafsson, selbst mehr als 2.600 Elopunkte schwer, so dass Svidler/Gustafsson nach Elo-Schnitt klar das stärkste Kommentatorenduo ist.

Und das beste, würden viele sagen. Die Zuschauer erwartet geballtes Schachwissen und mancher Einblick in die Seele der Kandidaten, zu denen Svidler 2014 und 2016 selbst zählte. Dazu kommen Ausflüge in die Popkultur, den Cricket-Sport und manche Neckerei unter Schachfreunden. Allein die Dynamik zwischen Svidler und Gustafsson macht deren Shows stets sehenswert, egal, wessen Partien sie gerade kommentieren.

Chessbrah TV: Yasser Seirawan/Eric Hansen/Aman Hambleton

Leute über 30 mochte der schnell wachsende Schachkanal der kanadischen Großmeister Eric Hansen und Aman Hambleton anfangs nicht recht fesseln. Zu laut und elektronisch die Musik, zu schnell das Spiel der beiden Bullet-Experten. Dann landete Chessbrah TV einen Coup: Zum Team stieß Yasser Seirawan, Kasparow-Bezwinger und ehemaliger Weltklassespieler, mehr als doppelt so alt wie seine Mitstreiter.

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Chessbrah TV: Yasser Seirawan mit Eric Hansen

Den WorldCup 2017 übertrug ChessbrahTV in wechselnder Besetzung: der in den Niederlanden lebende Seirawan stets als Anchor, mal Hansen, mal Hambleton als Sidekick, der mit Vergnügen und Neugier aus dem Wissens- und Anekdotenfundus Seirawans schöpft. Aus dem Stand legte das Trio eine Serie von Live-Shows hin, die sich in Schachkreisen rasant herumsprach. Aus dem Party- und Testosteronkanal der Schachszene war plötzlich eine Schachschule geworden, in der Hansen und Hambleton den Unterricht sichtlich genossen.

Wo Svidler/Gustafsson die neuesten TV-Serien debattieren, erzählt Seirawan Schachgeschichten aus der Praxis eines Großmeisters, der sich in den 80er- und 90er-Jahren mit allen Größen gemessen hat. Allein seine Erlebnisse als Sekundant Viktor Kortschnois könnten eine mehrstündige Sendung füllen. Für Freunde jüngerer Schachgeschichte hält Seirawan stets mehr als ein Bonbon bereit.

WorldChess: Judit Polgar/Lawrence Trent

WorldChess ist mit Judit Polgar ein ähnlicher Glücksgriff gelungen wie den Jungs von Chessbrah TV mit Yasser Seirawan. So sehr die Partien während des WM-Matches 2016 zwischen Magnus Carlsen und Sergej Karjakin auch lahmten, die Kommentatorin Judit Polgar wurde stets mit Lob überschüttet.

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Judit Polgar während des WM-Matches Carlsen-Karjakin 2016 in New York.

Auch die Ungarin weiß, wie es sich anfühlt, beim größten und besten Turnier des Schachzirkus mitzumischen. 2005 spielte sie gar das WM-Turnier und kam damit dem Titel so nah wie keine Frau vor und wahrscheinlich so bald keine nach ihr. An ihrer Seite sitzt der britische IM Lawrence Trent, eine Institution im Schachkommentatorengeschäft.

Für die Live-Übertragungen der 14 Runden aus Berlin hat WorldChess jetzt einige Neuerungen angekündigt, um mehr Drama zu schaffen. 12 Kameras fangen jede Regung aller Beteiligten ein, Zuschauer in Berlin sollen ebenso zu Wort kommen wie die im Internet. Dazu das eine oder andere grafische Gimmick und entscheidende Momente auf Facebook live. Seien wir gespannt.


 

Unsere Top drei zeigen: Wer Englisch versteht, ist im Vorteil. Aber wer lieber auf Deutsch Schach gucken möchte, der dürfte ebenfalls fündig werden. Für Chessbase auf der Playchess-Plattform wird wahrscheinlich Großmeister Klaus Bischoff kommentieren, ebenfalls eine Institution, bekannt dafür, das Geschehen auf dem Brett instruktiv herunterzubrechen, gewürzt mit dem einen oder anderen humorigen Ausflug. Auch auf Chess24 wird es deutschen Kommentar geben.

Geschäfte mit Assad und Isis: Schweizer Bank UBS sperrt die Konten des Welt-Schachverbands FIDE

Update 5.April: Die beiden Schreiben der UBS an die FIDE sind jetzt an die Öffentlichkeit gelangt (siehe Ende dieses Beitrags).

Ein Match um den Weltmeistertitel wäre für jeden Schachspieler die Chance seines Lebens.  Um sich dafür zu qualifizieren, würde jeder Profi gratis spielen. Genau das könnte den acht Teilnehmern des Kandidatenturniers im März in Berlin tatsächlich passieren. Die Schweizer Bank UBS hat die Konten des Schach-Weltverbands FIDE gesperrt. (Update: Laut einem Bericht der Seite chess.com sind die Konten noch nicht gesperrt. Die UBS droht, sie im April 2018 stillzulegen.)

Die FIDE ist eine traditionell zwielichtige Organisation mit zwielichtigen Gestalten an der Spitze. FIDE-Präsident Kirsan Iljumschinow steht seit gut zwei Jahren auf der US-Sanktionsliste, unter anderem weil er bei Ölgeschäften zwischen dem syrischen Assad-Regime und der Verbrechertruppe Isis vermittelt haben soll. Deswegen durfte er schon zum WM-Match 2016 in New York zwischen Magnus Carlsen und Sergej Karjakin nicht in die USA reisen.

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FIDE-Präsident Kirsan Iljumschinow mit Syriens Diktator Bashar al-Assad. (Foto: FIDE)

Damit die UBS trotz Iljumschinows Verbindungen zu international tätigen Schurken der FIDE nicht den Geldhahn zudreht, hat der Schachverband der Bank fortwährend versichert, dass der Name ihres Präsidenten bald von der Liste verschwindet. Das ist zwei Jahre lang nicht passiert. Jetzt haben die Banker die Reißleine gezogen, um Ärger mit der Justiz zu vermeiden. In der Schweiz gelten seit einigen Jahren hinsichtlich potenzieller Geldwäsche und Steuerbetrug strikte Regeln für Geldhäuser, die „White Money Strategy“.

Für das Kandidatenturnier in Berlin sind weiterhin 420.000 Dollar Preisgeld ausgeschrieben. Wie die den acht Teilnehmern nun ausgezahlt werden sollen, ist offen. Anreisen und spielen werden sie allemal, es geht ja um die Chance ihres Lebens.

Link zum Brandbrief des FIDE-Schatzmeisters.

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Wer wird Magnus‘ Herausforderer?

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Bert ist tief im Feindesland unterwegs, und Magnus‘ Miene zeigt an, dass ihm das nicht gefällt. Wie die Partie ausging, ist nicht überliefert. Foto: Tata Steel Chess

Gegen diesen Herrn mit dem gelben Kopf und dem längsgestreiften Hemd würde Magnus Carlsen nur zu gerne seinen Weltmeistertitel verteidigen. Aber daraus wird nichts. Wer Carlsen Ende des Jahres zum Titelkampf fordert, das klären acht Kandidaten beim Kandidatenturnier im März in Berlin.

Fünf der acht Kandidaten holen sich gerade bei der 80. Auflage des alljährlichen Turniers in Wijk an Zee die Kondition fürs Kandidatenturnier. Magnus spielt in Wijk auch mit, außerdem einige Bewohner der Sesamstraße, die allerdings außer Konkurrenz.

Schade, MVL

Ende 2018 wird Magnus Carlsen seinen Weltmeistertitel verteidigen. Gegen wen, das klären acht potenzielle Herausforderer Anfang 2018 beim Kandidatenturnier in Berlin. Seit diesem Wochenende steht das Achterfeld fest. Einer, der Magnus ernsthaft in Schwierigkeiten bringen könnte, wird nicht dabei sein. Beim Grand-Prix-Turnier in Palma de Mallorca verpasste der Franzose Maxime Vachier-Lagrave seine letzte Chance, noch auf den Kandidatenzug aufzuspringen.

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Stets kompromisslos: Der französische Großmeister Maxime Vachier-Lagrave kann frühestens 2020 Schachweltmeister werden. (Foto: Le Parisien)

Schade eigentlich. Mut und Angriffslust kennzeichnen MVLs Spiel. Der abseits des Brettes scheue Franzose hätte das Kandidatenturnier belebt. Aber nun ist auch die vierte und letzte Möglichkeit, sich zu qualifizieren, passé:

  • Für die Qualifikation per Jahres-Durchschnittsrating hat es nicht gereicht, geschuldet einem Formtief in 2015/16, durch das er viele Weltranglistenpunkte verloren hatte und zeitweise sogar aus den Top 10 gerutscht war. Ende 2017 steht MVL wieder ganz oben, aber es zählt halt der Jahresdurchschnitt.
  • Den Ausrichter-Freiplatz bekam nicht er, sondern Ex-Weltmeister Vladimir Kramnik, geschuldet dem russischen Hauptsponsor des Turniers, der, logisch, einen Russen am Brett sehen möchte.
  • Beim World Cup hätte MVL das Finale erreichen müssen, scheiterte aber in einem hart umkämpften und bis zum Schluss auf der Kippe stehenden Halbfinale am Armenier Levon Aronian, dem überragenden Spieler des Jahres 2017.
  • Zu guter Letzt hätte MVL beim finalen Grand-Prix-Turnier mindestens alleiniger Zweiter werden müssen. Das war bis zur letzten Partie gegen den Russen Dimitri Jakovenko möglich, aber die hätte er gewinnen müssen. MVL drückte, hatte Chancen, aber am Ende überzog er und verlor gar.

Wer das Kandidatenturnier 2016 verfolgt hat, der weiß, dass auch 2018 die Teilnehmer eher risikoscheu agieren werden, weil so viel auf dem Spiel steht. Nur einer der acht Matadore wird um den höchsten Titel kämpfen dürfen, und diese Perspektive wird niemand verlieren wollen, indem er vorzeitig Brücken hinter sich abbricht und sich mit offenem Visier auf den Gegner stürzt.

„Geduldig auf Chancen warten“, wird die Devise sein. Insbesondere mit den schwarzen Steinen wird es für die meisten, womöglich alle Beteiligten zuvorderst darum gehen, solide zu stehen und nichts anbrennen zu lassen. Wenn 1.e4 auf dem Brett steht, werden wir 1…e5 sehen, gefolgt von unkaputtbaren Berliner Mauern oder drögem italienischen Herumgeschiebe. MVL wäre bei 1…c5 geblieben, hätte seinen geliebten Najdorf-Sizilianer angesteuert und auch mit Schwarz Siegchancen gesucht.

Schluss jetzt mit der MVL-Trauer, schauen wir nach vorne. Auch ohne den Franzosen wird sich in Berlin ein formidables Feld finden, um Magnus‘ Herausforderer zu küren. Mit dem aserbaidschanischen Edelzocker Shakhriyar Mamedyarov bleibt zumindest ein Spieler, dessen Risikofreude den Laden ordentlich aufmischen könnte. Sportlich ist in Abwesenheit von MVL der Favorit offensichtlich: Der seit Monaten in Galaform spielende Levon Aronian aus Armenien wird schwer zu stoppen sein.