Eine Figur weniger trotz ausgeglichenem Material – das geht

Nicht umsonst lernen Schachschüler als erstes, stets zu prüfen, ob alle Figuren gedeckt sind. Steht nämlich eine Figur ungedeckt herum, ergeben sich für den Gegenspieler oft taktische Motive, die unsere Nachlässigkeit ausnutzen. Im simpelsten Fall nimmt der Gegner die ungedeckte Figur einfach weg, und dann haben wir eine weniger. Das ist selbst in der Bodenseeliga kaum wettzumachen.

Fortgeschrittene lernen bald, dass man beim Schach eine Figur weniger haben kann, selbst wenn auf beiden Seiten gleich viele Figuren auf dem Brett stehen. Ein Beispiel dafür hatten wir unlängst auf dem Brett, als uns das Schicksal einen noch schlechteren Spieler als Gegner bescherte.

Ahnungsloser Stümper – Perlenfischer vom Bodensee, Internetpartie März 2018

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Wenn wir durchzählen, stellt sich die materielle Lage ausgeglichen dar. Aber wenn wir genau hinschauen, stellen wir fest, dass der weiße Läufer nicht an der Partie teilnimmt. Er ist eingesperrt, und der schwarze Springer auf c3 stellt sicher, dass er sein Gefängnis nicht verlassen wird.

Die „eingesperrte Figur“

Effektiv spielt Schwarz mit einer Mehrfigur. Der Gewinnplan ist einfach: Dort angreifen, wo die eingesperrte Figur dem Gegner nicht helfen kann, in diesem Fall am Königsflügel. Zehn Züge später gab der Weiße auf.

Das wahrscheinlich bekannteste Beispiel für die effektive Minusfigur hat im August 1918 der angehende Weltmeister José Raúl Capablanca kreiert. In seiner Partie gegen den Briten William Winter beim berühmten Turnier von Hastings stand es nach 15 Zügen so:

William Winter – José Raúl Capablanca, Hastings 1918

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Der Lg3 ist ausgesperrt. Weiß könnte ihn nur befreien, wenn er d3-d4 durchsetzt, aber dem hat Capablanca mit seinem Bauernduo c5/e5 einen Riegel vorgeschoben.

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José Raúl Capablanca

Schwarz spielt mit einer Mehrfigur, und wieder ist der Gewinnplan einfach: dort angreifen, wo die eingesperrte Figur den Gegner nicht helfen kann, in diesem Fall am Damenflügel. 16 Züge später gab Weiß auf.

Speziell wer Italienisch oder Spanisch spielt, muss dieses Motiv kennen: den eingesperrten Läufer auf g3 (oder g6), dem der Ausweg über f2 versperrt ist, weil sich der f-Bauer verdoppelt hat.

Kann Weiß d3-d4 (oder Schwarz …d6-d5) durchdrücken, muss der eingesperrte Läufer nicht schlecht sein, im Gegenteil. Er kann wirksam dabei helfen, das gegnerische Zentrum unter Druck zu setzen. Ist d3-d4 nicht möglich, spielt die Seite mit dem eingesperrten Läufer mit einer Figur weniger.

Ob Schachfreund Klaus jemals ein Schachbuch gelesen die Partie Winter – Capablanca studiert hat? Neulich jedenfalls, als sich die Überlinger im Pokal mit den Schachfreunden aus Steißlingen (danke für den Link auf Eurer Homepage!) gemessen haben, stand es auf seinem Brett so:

Klaus Grensing – Roland Streit, Überlingen 2018

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Das altbekannte Motiv „eingesperrter Läufer“ ließ auf Seiten der Beobachter natürlich sofort die Alarmglocken schrillen.

Andererseits, b7 hängt und das rettende d3-d4 scheint möglich zu sein.

Frage 65

Hat Weiß hier effektiv eine Figur weniger?

Steht Weiß besser, Schwarz besser oder ist die Lage etwa ausgeglichen?

Was soll Schwarz ziehen?

Hier geht’s zur Lösung

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Ruhig bleiben! Vincent Keymer und die deutsche Sehnsucht nach dem großen Titel

Die Sehnsucht nach dem Titel, sie brennt. Vor fast 100 Jahren gab sich Emanuel Lasker beim WM-Kampf im fernen Havanna dem Kubaner  José Raúl Capablanca geschlagen. Seitdem tauchen in Schachdeutschland gelegentlich Hoffnungsträger auf, aber in unmittelbare Nähe zur Krone kam bislang nur einer.

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Zusammen mit Magnus auf der großen Bühne: Vincent Keymer während seiner letzten Partie beim Grenke Open gegen den Ungarn Richard Rapport. (Foto: Souleidis/Grenkechess)

Nun soll es Vincent Keymer richten. Der 13-Jährige ist fraglos eines der größten, wenn nicht das größte deutsche Schachtalent seit Emanuel Lasker. Nur heißt das im internationalen Vergleich der Supertalente noch nicht allzu viel. Der Wettbewerb ist knapper und härter, als er jemals war, und in Deutschland zu leben, bedeutet für einen aufstrebenden Schachspieler alles andere als einen Standortvorteil.

Schon in den 2020ern wird Indien die dominierende Schachnation sein

Was eine Vorbildfigur in ihrem Heimatland bewegen kann, deutet sich seit Jahren in den Jugendweltranglisten an. Visvanathan Anand ist in Indien ein Superstar, wie es hierzulande Boris Becker zu seinen besten Zeiten war. Der Exweltmeister hat in Indien einen Schachboom ausgelöst. In seinem Gefolge wird nun ein junger Inder nach dem anderen nach oben gespült,. Indien wird schon in den 2020ern die dominierende Schachnation sein.

Vielleicht funkt der eine oder andere Norweger den Indern dazwischen, denn Magnus Carlsen hat in seiner Heimat eine ähnliche Entwicklung verursacht. Dann sind da noch die US-Amerikaner mit ihren drei Top-Ten-Spielern und reihenweise Talenten im Schlepptau. Die Chinesen mit ihrer systematischen Sichtung und Förderung des Nachwuchses. Die Russen natürlich mit ihrer ungebrochenen Schachkultur. Und dazwischen ein einzelner Deutscher?

Klaus Junge war auf dem Sprung in die Weltklasse, Deutschland auf dem Weg in den Abgrund

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Klaus Junge

Hätten die Nazis neben allem angerichteten Unheil nicht auch noch Klaus Junge (1924-1945) verführt, dem deutschen Schach wären Dekaden der Zäsur womöglich erspart geblieben. Der junge Leutnant der Artillerie war auf dem Sprung in die Weltklasse, als Deutschland auf dem Weg in den Abgrund war. Junge fiel 21-jährig kurz vor Kriegsende bei einem sinnlosen Gefecht in der Lüneburger Heide.

Bald nach dem Krieg begann der schachliche Aufstieg des bayerischen Juristen Wolfgang Unzicker (1925-2006), der Schach nie als Profession betrieb und dennoch lange zu den besten 20 der Welt zählte. Der zehn Jahre jüngere Wolfgang Uhlmann aus Dresden erreichte ein ähnliches Level, widmete gar sein Leben dem Schach, aber dieses Leben verbrachte er hinter dem eisernen Vorhang. Und während die UdSSR Schach als Prestigeangelegenheit betrachtete, wurde es in der DDR kaum gefördert.

Robert Hübner: ein mit Talent gesegneter Forscher und Grübler, kein Wettkämpfer

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Robert Hübner

Robert Hübner steht über diesen beiden. Hübner war Nummer drei der Welt, hat unzählige Turniere gewonnen und vier Mal die Kandidatenwettkämpfe erreicht, die WM-Vorstufe. 1980 kam er gar ins Kandidatenfinale, scheiterte aber an Viktor Kortschnoi (der später im WM-Kampf Anatoli Karpow unterlag) – und an sich selbst. Hübner war Weltspitze, ein mit Talent gesegneter Forscher und Grübler, aber kein Wett- und schon gar kein Zweikämpfer.

Als Hübner nachließ, stand das deutsche Schach ohne Frontfigur da. In der Breite zwar stärker als die meisten anderen, aber wer interessiert sich für den Breitenschachweltmeister?

Ohne Spitzenkönner keine Vorbilder, ohne Vorbilder keine Sogwirkung und kein Wachstum. Dieser Zusammenhang muss Mitte der 2000er einem Funktionär aufgefallen sein, nachdem der Deutsche Schachbund, einer der größten der Welt, das Spitzenschach in der Post-Hübner-Ära lange allenfalls mit spitzen Fingern angefasst hatte. 2008, endlich, gründete der DSB die „Prinzengruppe„, eine Gruppe von Talenten, die, gezielt gefördert, zu Königen werden sollten.

Aus Prinzen wurden Landesfürsten

Das funktionierte. Wenige Jahre später tauchten reihenweise deutsche Namen auf respektablen Plätzen der Jugendweltranglisten auf, allen voran Matthias Blübaum. In seinem Gefolge Dennis Wagner, Rasmus Svane, Alexander Donchenko. Die vier Prinzen haben sich seitdem zu veritablen Großmeistern entwickelt, Könige allemal, aber nur in deutschen Landen.

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Indische Dominanz: die U-14-Top-Ten der Welt vor dem Grenke Open. Vincent Keymer ist Achter, und der Abstand nach oben ist signifikant. Seit gestern steht Keymer bei 2.443.

Die vier Jungs sind erwachsen geworden, der Talentstatus verbraucht sich langsam, und wir müssen feststellen, dass keiner von ihnen die Sehnsucht nach dem Titel stillen wird. Immerhin hat Deutschland jetzt wieder eine Riege junger, starker Großmeister, wie es sie lange nicht gab.

Dass in den jüngeren Jahrgängen ein gewisser Vincent Keymer zu noch größeren Hoffnungen Anlass gibt, hat sich in Schachkreisen schon vor Jahren herumgesprochen. Der Spross einer Musikerfamilie vollzog seitdem seinen behutsamen Aufstieg im Stillen, international im Schatten von indischen Talenten wie Nihal Sarin oder Praggnanandhaa, die rund um Welt von Turnier zu Turnier reisen und immer wieder mit außergewöhnlichen Ergebnissen aufhorchen lassen.

Nominell stagniert Vincent Keymer seit mehr als einem Jahr

Der Schüler aus Mainz spielt längst nicht so viel wie diese beiden und, so dachten wir, längst nicht so gut. Zuletzt schien sich anzudeuten, dass er ihrem kometenhaften Aufstieg nicht würde folgen können. Nominell stagniert Keymer seit mehr als einem Jahr.

Dann kam das Grenke Open. Acht Punkte aus neun Partien, alleiniger erster Platz vor mehreren Dutzend Großmeistern, GM-Norm und eine Leistung um 2.800 Elo, also Weltklasse. Ein Ausreißer war das, eine Ausnahme, ein derart gewaltiger Ausschlag nach oben, wie er so gar nicht in die behutsame und zuletzt stockende Entwicklung dieses außergewöhnlichen jungen Mannes passt.

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Google träumt auch schon: Nicht nur bei der Internetsuche ist der Begriff „Weltmeister“ mit Vincent Keymer verknüpft.

Sogar der des Hyperventilierens unverdächtige Schachjournalist Hartmut Metz fabulierte am Tag danach auf Chessbase über „goldene Zeiten für den deutschen Schachbund“, die nun anbrächen, und erweckte beinahe den Eindruck, Magnus‘ Tage seien bald gezählt. Ruhig bleiben, Hartmut.

Ein Resultat wie das in Karlsruhe wird Keymer nicht so schnell wiederholen können

Es wäre fatal, würde Vincent Keymer bei künftigen Auftritten an seinem außergewöhnlichen Resultat beim Grenke Open gemessen werden. So etwas wird er so bald nicht wiederholen können. Aber, wer weiß, vielleicht kann er in ein paar Jahren solche Ausnahmen zur Regel machen, wenn ihm erlaubt wird, seinen Aufstieg in Ruhe fortzusetzen.

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Blick in die DWZ-Auswertung: 2016 in Wien ein großmeisterliches Resultat, seitdem präsentiert sich Vincent Keymer als 2.400-Spieler. Dann kam Grenke.

Keymers Siege gegen großmeisterliche Gegnerschaft zeigen, dass es in Karlsruhe gegen nominell stärkere Spieler schlicht sehr gut lief. Rainer Buhmann unterlief, als er ein Remis erzwingen konnte, ein kaum fassbarer Fehler, der die Partie unmittelbar zugunsten seines jungen Gegners beendete. Gabor Papp wollte gegen Keymers Eigenbau-Eröffnung zu viel, stellte sich dabei aber so ungeschickt an, dass er schon schlecht stand, bevor die Partie so recht begonnen hatte. Richard Rapport schließlich spielte, nachdem er die Eröffnung gewonnen hatte, zu ungestüm und unkonventionell auf Gewinn, bis sein Angriff vollends versandet war. Sein kleinlautes Remisangebot lehnte Keymer ab.

Der Druck ließ ihn kalt, des Trainers Sorge war unbegründet

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Peter Leko

Die Partien zeigen auch zwei essenzielle Qualitäten Keymers: Pragmatismus und Wettkampfhärte. Wenn er schlecht steht, verteidigt er sich unerschütterlich, und wenn er gut steht, zieht er die Sache durch, egal, wer auf der anderen Seite des Brettes sitzt und egal, wer zuschaut.

Die Sorge seines Trainers Peter Leko, die letzte Runde auf der Bühne direkt neben dem Weltmeister spielen zu müssen, dazu der Druck durch das öffentliche Interesse, könnten Keymer beeinflussen, erwies sich als unbegründet. In dieser Hinsicht hat der 13-Jährige die deutsche Schachlegende Robert Hübner jetzt schon überholt.

Mit dem Sieg beim Grenke Open 2018 kommt eine Einladung zum Grenke Classic 2019. Für Vincent Keymer wäre das eine erste Gelegenheit, im Wettkampf mit den Allerbesten zu lernen. Aber er zögert, ob er diese Einladung annehmen soll: „Die sind ja so viel besser als ich.“

Sind sie, noch.

Na und?

Julian Assange und der Marshall-Angriff

Seine Vorliebe für das königliche Spiel hat der Wikileaks-Gründer und hauptberufliche Enthüller Julian Assange lange vor der Öffentlichkeit verborgen. Bis jetzt. Ein Schach-Tweet von Assange beschäftigt nicht nur Denksportler.

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Was Assange uns damit sagen will? Man weiß es nicht.

Die Stellung ist jedenfalls leicht zu identifizieren, sie stammt aus einer Partie zwischen dem Kubaner José Raúl Capablanca (Weltmeister 1921-27) und dem US-Amerikaner Frank James Marshall, gespielt im Jahre 1918. Nicht irgendeine Partie, sondern die Stammpartie des „Marshall-Angriffs„, der in diesem Jahr 100 Jahre alt wird.

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Frank James Marshall (links) gegen José Raúl Capablanca

Im Beitrag „Marshall verprügeln“ haben wir den ebenso furchtlosen wie erfindungsreichen Frank James Marshall ja schon als Namensgeber der „Marshall-Verteidigung“ kennengelernt, einer zweifelhaften Eröffnung, der nicht einmal ihr Erfinder traute.

Der „Marshall-Angriff“, ein System der Spanischen Eröffnung, erfreut sich seit 1918 bester Gesundheit. Weil die Weißspieler ihn nur allzu gern vermeiden, ist mit dem „Anti-Marshall“ ein Komplex enzyklopädischen Umfangs entstanden, ein Tribut an die ungebrochene Vitalität des Marshall-Angriffs.

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Bewährt seit 100 Jahren: 8…d7-d5, der Marshall-Angriff. Weiß gewinnt zwar nach 9.e4xd5 und 10.Sf3xe5 einen Bauern, aber Schwarz bekommt dafür eine mächtige Initiative gegen den weißen König.

Die Geburt dieser Eröffnung verlief alles andere als komplikationsfrei. Jahrelang, heißt es, habe Frank James Marshall an seiner Eröffnungsidee getüftelt, bis er damit im Oktober 1918 in New York gegen den als beinahe unbesiegbar geltenden Capablanca in die Schlacht zog. Der, überrascht von 8…d7-d5 und 11…Sd5-f6, musste sich zwar bald einer substanziellen schwarzen Initiative erwehren, neutralisierte aber nach und nach das Spiel des Schwarzen und gewann am Ende dank seines Mehrbauern.

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Frank James Marshall zog einst 11…Nd5-f6. Heute spielen die Schwarzen fast immer 11…c7-c6. Bald folgt …Le7-d6, dann wird die schwarze Dame in der Nähe des weißen Königs auftauchen, und Schwarz hat Kompensation für den geopferten Bauern.

Statt Marshalls 11…Sd5-f6 spielten die Schwarzen bald vor allem 11…c7-c6, gefolgt von …Le7-d6 nebst einer Attacke auf den weißen König. Jahrzehntelang waren die schwarzen Angriffschancen gefürchtet, aber mittlerweile ist der Marshall-Angriff mit Computerhilfe so tief analysiert, dass die Theorie bis tief ins Endspiel reicht. Heute gilt der Marshall-Angriff als eine der remisträchtigsten Eröffnungen überhaupt, und das dürfte so gar nicht im Sinne seines Erfinders sein.

Die Stammpartie des Marshall-Angriffs: José Raúl Capablanca – Frank James Marshall, New York 1918