Strukturschwächen

Constantin Schirowski – Arno Dirksen, Überlingen, Oktober 2017

Frage 1:

Früh den König in Sicherheit zu bringen, ist generell eine gute Idee, eines der wichtigsten Prinzipien in der Eröffnung.

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Arnos hat Gegner diese Idee befolgt, indem er 0-0 spielte.

Ein guter Zug also?


Frage 2:

Ob ein Doppelbauer stark oder schwach ist, das ist oft nicht so leicht zu beurteilen. Aber wenn es sich wie hier um einen isolierten Doppelbauern handelt, ist die Lage fast immer eindeutig.

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Die armseligen Gesellen auf c3 und c4 können einander nicht decken, und Schwarz wird zumindest den Bauern auf c4 früher oder später erobern, denn der kann nicht einmal von einem Turm auf der c-Linie gedeckt werden.

Wie sollte sich Schwarz aufstellen, um dem isolierten Doppelbauern zuleibe zu rücken?


Frage 3:

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Arno, getrieben von der Sorge, dass sich auf d5 ein weißer Turm einnistet, hat gerade …c7-c6 gezogen, um das Feld d5 zu kontrollieren.

Was halten wir davon?

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Strukturschwächen II

Antwort 1:

Schach wäre viel einfacher, wenn fundamentale Konzepte wie „möglichst früh rochieren“ immer und überall gelten würden. Leider streiten meistens mehrere Konzepte darum, welches gerade das wichtigste ist. Manchmal widersprechen sie einander, manchmal sind die konkreten Umstände dringender als allgemeine Erwägungen. So wie hier.

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Natürlich möchte Weiß seinen König in Sicherheit bringen, aber genauso wenig möchte er sich seine Struktur zertrümmern lassen. Schwarz droht, dem Weißen mittels …Sxc3 (oder …Lxc3, aber unser Läuferpaar geben wir nicht so gerne her) auf c3/c4 einen isolierten Doppelbauern zu verpassen. Die unmittelbare Aufmerksamkeit des Weißen sollte dieser Drohung gelten. Er sollte erst Ld2 zu spielen, um auf c3 mit einer Figur zurückzuschlagen und die Struktur intakt zu halten. Rochieren kann der Weiße danach immer noch.

Antwort 2:

Für den Schwarzen ist hier nichts in Stein gemeißelt. Nach der verfrühten weißen Rochade steht er schon so bequem, dass er jetzt die Qual der Wahl hat. Gleichwohl sollte er an dieser Stelle eine typische schwarze Aufstellung zumindest kennen und erwägen.

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Wenn Weiß sich auf c3/c4 einen Doppelbauern eingehandelt hat und diesen nicht auflösen kann, dann neigt speziell der schlecht zu verteidigende Bauer auf c4 zur Schwäche. Schwarz sollte nun zwei Ideen verfolgen:

  • Seine Kontrolle über das Feld c5 zementieren, so dass Weiß der befreiende Vorstoß c4-c5 verwehrt bleibt.
  • Den Schwächling c4 mit möglichst vielen Kräften unter Feuer nehmen.

Die grünen Pfeile zeigen, wie das geht: …b6 kontrolliert das Feld c5, gibt dem Lc8 den Weg nach a6 frei und kontrolliert außerdem das Feld a5, so dass dort ein schwarzer Springer nicht ungedeckt herumstehen würde. Ein Läufer auf a6 und ein Springer auf a5 würden eine kaum zu beherrschende Batterie gegen den weißen c4-Bauern bilden. So haben es schon Dutzende von Meistern gespielt, kann so verkehrt nicht sein.

Klar, den Läufer könnten wir auch nach e6 bringen und von dort gegen c4 drücken, aber wir wollen ja unserem Turm nicht die e-Linie versperren. Und klar, Springer am Rande bringt Kummer und Schande, aber manchmal überlagern halt die konkreten Umstände allgemeine Erwägungen, siehe oben.

Antwort 3:

Wir rümpfen die Nase, wenn wir …c7-c6 sehen. Mit nur einem Zug macht sich Schwarz sein schönes strukturelles Plus kaputt, indem er sich einen rückständigen Bauern einhandelt, eine kaum zu reparierende Schwäche.

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Anstatt die weiße Schwäche c3/c4 mittels …b7-b6 festzulegen und zu beäugen, schenkt Schwarz dem Weißen ein Zielobjekt, auf das er nun seine Kräfte konzentrieren kann. Fortan steht der Weiße nicht mehr hilflos herum, er hat jetzt Gegenspiel.