Immer alles auskämpfen! (II)

isolani.jpgÜber die typische Isolani-Struktur sind Bücher geschrieben worden, und wir wären bei weitem nicht die erste Schachseite, die sich diesem Thema ausführlich widmet. Aber was sollen wir machen? Am Bodensee scheinen sich die Basics immer noch nicht herumgesprochen zu haben. Und das gilt bei weitem nicht nur für unseren Schachfreund Klaus, der wie kein anderer diese Seite mit seinen Abenteuern am Schachbrett bereichert hat.

Bevor wir den Bereichsliga-Meister aus Meßkirch (Glückwunsch!) in eine höhere Spielklasse entlassen, wollen wir den Schachfreunden aus dem Nachbarort noch ein paar Tipps mit auf den Weg geben. Ihr Auftritt neulich in Überlingen offenbarte Defizite, die eine Liga höher bestraft würden.

So sieht sie aus, die Isolani-Stuktur:

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Wer hier mitliest, der weiß, dass wir als erstes Bauerninseln zählen, um uns über eine Struktur ein Urteil zu bilden. Je mehr Inseln, desto schlechter.

Weiß verwaltet drei Bauerninseln, Schwarz deren zwei. Vorteil Schwarz?

Ja, aber nicht unmittelbar.

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Schon Siegbert Tarrasch beschäftigte sich mit Isolani-Strukturen.

In Endspielen mit dieser Struktur würde Weiß darunter leiden, dass kein Bauernkollege den isolierten Gesellen auf d4 decken kann. Schwarz könnte ihn nach Herzenslust belagern, unter Druck setzen und womöglich erobern.

Aber vor das Endspiel haben die Schachgötter das Mittelspiel gesetzt, und in dem hat die Isolani-Seite den einen oder anderen Vorteil, mit dem sie trefflich arbeiten kann.

„Wer den Isolani fürchtet, sollte besser mit Schach aufhören“, sagt unser oberster Strategieberater Siegbert Tarrasch, der Erfinder der Tarrasch-Verteidigung, deren Anhänger einen Isolani für freies Figurenspiel gerne in Kauf nehmen.

Eine typische Isolani-Stellung aus dem frühen Mittelspiel, wie sie aus diversen Eröffnungen entstehen kann:

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Beide Seite haben einen Zentrumsbauern, aber der von Weiß ist weiter vorgerückt. Er sichert dem Weißen ein wenig Raumvorteil und für seinen Springer einen potenziellen Vorposten auf e5. Während es für den Schwarzen nicht ganz einfach ist, sich bei vollem Brett auf engem Raum harmonisch aufzustellen, hat der Weiße einen einfachen Plan: Königsangriff!

Ist erst einmal ein Gaul auf e5 installiert, geht der Angriff los. Womöglich taucht noch ein zweiter Gaul auf g5 und dazu die weiße Dame am Königsflügel auf. Oder der Weiße baut sich eine Dame-Läufer-Batterie auf der Diagonalen b1-h7. Und, wie schön, die dritte Reihe ist frei für Turmschwenks. Der Turm auf e1 hat sich schon in Position gebracht, um auf der Route e1-e3-h3 am Angriff teilzunehmen.

Drehscheibe d5

Schwarz steht dem natürlich nicht wehrlos gegenüber. Immerhin hat er auf d5 ein treffliches Zentralfeld, auf dem er ungestört Figuren einpflanzen kann. d5 wird ihm oft als Drehscheibe dienen.

Schwarz wird versuchen, schon im Mittelspiel den Isolani unter Druck zu halten, sodass Weiß sich nicht ungestört gegen seinen König aufstellen kann. Und er wird danach trachten, Material vom Brett zu nehmen. Je mehr Figuren getauscht werden, desto weniger Spiel kann der Weiße entwickeln, und desto eher fällt die Schwäche des Isolani ins Gewicht.

Antwort 72

Thomas Bialk – Klaus Grensing, Überlingen, April 2018

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Und schon sehen wir, dass es sich hier um einen elementaren Fall handelt. Weiß schlägt natürlich mit einem Bauern auf d4. Der f3-Springer soll ja bald nach e5, und Weiß will (muss!) Material auf dem Brett halten, will er nicht ohne Angriff in einem schlechten Endspiel landen.

Einige abenteuerlustigen Facebookfreunde unserer Seite wollten einfach einen Bauern opfern. Aber wer das tut, der möchte dafür Zeit, Raum, Initiative oder sonstwelche Gegenleistungen bekommen?! Und wie das hier gehen soll, ist nicht zu sehen.

Der Vorschlag, 1.Lg5 zu spielen, ginge jedenfalls nach hinten los. 1…Sxe4 2.Lxe7, und nun kann sich Schwarz aussuchen, ob er auf c3 oder lieber f2 noch einen Bauern kassieren will.


Das Thema „Remisangebote“ konnten wir vergangene Woche etwas schneller abhandeln als heute jenes der Isolani-Struktur, weil es sich auf eine einfache Formel bringen lässt (siehe Überschrift):

Wir bieten kein Remis an.

Allerdings ist Schach ein Mannschaftssport. Wer im Team spielt, für den sollte zuallererst zählen, dass seine Mannschaft auf 4,5 Punkte kommt. Wer also beim Stande von 4:2 gut steht, aber in Zeitnot gerät, der darf ein Remisangebot versuchen, ohne sich dafür schämen zu müssen. Vielleicht ist der Gegner ja feige genug, es anzunehmen.

Für Spieler der Mannschaft, die 2:4 hinten liegt, sind Remisschlüsse natürlich verboten. Wer trotzdem remis macht, der gehört beschimpft, und wer beim Stand von 2:4 das Annehmen eines Remisangebots mit der geläufigen, aber dämlichsten aller Begründungen rechtfertigt, der erst recht:

Ich habe nicht gesehen, wie ich gewinnen soll.

Wenn Magnus Carlsen 1.e2-e4 spielt, sieht er auch noch nicht, wie er gewinnen soll.

Immer alles auskämpfen! Beim Stand von 2:4 spielen wir ausgeglichene Stellungen halt weiter, stellen dem Gegner Probleme, bis er kollabiert und einen Fehler macht. Ist das passiert, wirst Du schon sehen, wie Du gewinnen sollst.

Antwort 73

In der fraglichen Stellung konnten die Mannschaftskameraden des Schwarzen durchaus noch von 4,5 Punkten träumen, als nach Ld3-c2 eine Remisofferte hereingeflattert kam.

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Unter normalen Umständen würden wir so ein Remisangebot als Frechheit abtun. Schwarz ist ja sowas von am Drücker. Er muss nur auf e4 alles tauschen, dann steht es so:

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Jetzt …Lf6, …Dd5, Türme zentralisieren, Druck gegen d4, und der Weiße wird arge Schwierigkeiten haben, seinen Laden zusammenzuhalten. Er leidet nicht nur an seinem schwachen Isolani, dazu kommt noch, dass er mit einem schlechten Läufer dasteht. Spiel auf ein Tor.

Trotzdem können wir dem Weißen hier keine Unhöflichkeit unterstellen. Er hat ja schon mit Sxd4 in Diagrammstellung 72 gezeigt, dass ihm nicht klar ist, dass Weiß Puppen auf dem Brett halten muss. Gerade hat er mit Lc2 (was den Generalabtausch auf e4 erlaubt) diese Einschätzung noch einmal bestätigt.

Also lehnen wir freundlich lächelnd ab, bleiben Freunde, unterstellen ihm nichts Böses und schieben dann ihn und seine traurige Heerschar von Klötzen zusammen.

Antwort 74

Elmar Streicher – Wolfgang Müller, Überlingen, April 2018

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Frechheit vom Weißen, 1.Te3 zu ziehen und remis anzubieten.

Schwarz steht klar besser. Sein Turm ist aktiv, der des Weißen an die Verteidigung seiner Bauern gekettet. Der schwarze König hat eine klare Route, am Königsflügel einzudringen, Spiel auf ein Tor. Schwarz kann in der Folge ohne Risiko ausloten, ob es ihm gelingt, seinen Vorteil in einen vollen Punkt zu verwandeln.

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Ungleichfarbige Läufer: mal Remisfaktor, mal Ungleichgewicht

Ungleichfarbige Läufer sind ein Remisfaktor, das lernt jeder Anfänger ziemlich bald. Endspiele, in denen jeder Seite ein Läufer unterschiedlicher Farbe bleibt, sind meistens trotz eines Mehrbauern nicht zu gewinnen. Oft reichen nicht einmal zwei Mehrbauern zum Sieg.

Ein einfaches Beispiel:

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Weiß erfreut sich zweier Mehrbauern, trotzdem kann er nicht gewinnen, weil er die weißen Felder nicht überwinden kann. Schwarz muss nichts weiter tun, als mit seinem Läufer zwischen a2 und d5 pendeln. Remis.

Wer vom Anfänger zum Fortgeschrittenen aufsteigt, der lernt eine zweite Eigenschaft von ungleichfarbigen Läufern kennen: Bei vollem Brett verstärken sie Ungleichgewichte, weil beide Seiten mit ihren Läufern Felderkomplexe attackieren können, die der Gegenspieler nicht gut decken kann.

Wer Initiative oder gar Angriff hat, dem geben ungleichfarbige Läufer einen erheblichen Vorteil. Der Angreifer stürzt sich auf die Felder von der Farbe seines Läufers, und seinem Gegner fehlt eine Figur, um diese zu verteidigen. Verpufft allerdings der Angriff, dann verflacht die Partie oft unmittelbar, weil die ungleichfarbigen Läufer plötzlich als Remisfaktor wirken.

Hinter diesem Link verbirgt sich eine Blitzpartie zwischen Exweltmeister Veselin Topalow (Weiß) und Weltmeister Magnus Carlsen, die den Effekt veranschaulicht. Topalow hat Königsangriff und versucht mit Hilfe seines weißfeldrigen Läufers in die schwarze Bastion einzudringen. Carlsen rettet sich um Haaresbreite in ein Endspiel, das wiederum einfach Remis ist, weil von einem Zug auf den anderen die ungleichfarbigen Läufer für ihn arbeiten, nachdem Topalows Angriff versandet ist.

Neulich in Überlingen hat sich Lothar gegen einen nominell besseren Gegner in ein Endspiel mit ungleichfarbigen Läufern gerettet.

Lothar Knebel – Thomas Isele, November 2017

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„Jetzt muss ich nur noch alles auf Schwarz stellen, damit mein Läufer alles deckt, und schon ist es Remis“, dachte unser großer Vorsitzender. Folgerichtig zog er in dieser Stellung b3-b4.

Frage 34

Ist Weiß auf Kurs, oder hat er gerade begonnen, planlos zu driften?

Julian Assange und der Marshall-Angriff

Seine Vorliebe für das königliche Spiel hat der Wikileaks-Gründer und hauptberufliche Enthüller Julian Assange lange vor der Öffentlichkeit verborgen. Bis jetzt. Ein Schach-Tweet von Assange beschäftigt nicht nur Denksportler.

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Was Assange uns damit sagen will? Man weiß es nicht.

Die Stellung ist jedenfalls leicht zu identifizieren, sie stammt aus einer Partie zwischen dem Kubaner José Raúl Capablanca (Weltmeister 1921-27) und dem US-Amerikaner Frank James Marshall, gespielt im Jahre 1918. Nicht irgendeine Partie, sondern die Stammpartie des „Marshall-Angriffs„, der in diesem Jahr 100 Jahre alt wird.

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Frank James Marshall (links) gegen José Raúl Capablanca

Im Beitrag „Marshall verprügeln“ haben wir den ebenso furchtlosen wie erfindungsreichen Frank James Marshall ja schon als Namensgeber der „Marshall-Verteidigung“ kennengelernt, einer zweifelhaften Eröffnung, der nicht einmal ihr Erfinder traute.

Der „Marshall-Angriff“, ein System der Spanischen Eröffnung, erfreut sich seit 1918 bester Gesundheit. Weil die Weißspieler ihn nur allzu gern vermeiden, ist mit dem „Anti-Marshall“ ein Komplex enzyklopädischen Umfangs entstanden, ein Tribut an die ungebrochene Vitalität des Marshall-Angriffs.

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Bewährt seit 100 Jahren: 8…d7-d5, der Marshall-Angriff. Weiß gewinnt zwar nach 9.e4xd5 und 10.Sf3xe5 einen Bauern, aber Schwarz bekommt dafür eine mächtige Initiative gegen den weißen König.

Die Geburt dieser Eröffnung verlief alles andere als komplikationsfrei. Jahrelang, heißt es, habe Frank James Marshall an seiner Eröffnungsidee getüftelt, bis er damit im Oktober 1918 in New York gegen den als beinahe unbesiegbar geltenden Capablanca in die Schlacht zog. Der, überrascht von 8…d7-d5 und 11…Sd5-f6, musste sich zwar bald einer substanziellen schwarzen Initiative erwehren, neutralisierte aber nach und nach das Spiel des Schwarzen und gewann am Ende dank seines Mehrbauern.

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Frank James Marshall zog einst 11…Nd5-f6. Heute spielen die Schwarzen fast immer 11…c7-c6. Bald folgt …Le7-d6, dann wird die schwarze Dame in der Nähe des weißen Königs auftauchen, und Schwarz hat Kompensation für den geopferten Bauern.

Statt Marshalls 11…Sd5-f6 spielten die Schwarzen bald vor allem 11…c7-c6, gefolgt von …Le7-d6 nebst einer Attacke auf den weißen König. Jahrzehntelang waren die schwarzen Angriffschancen gefürchtet, aber mittlerweile ist der Marshall-Angriff mit Computerhilfe so tief analysiert, dass die Theorie bis tief ins Endspiel reicht. Heute gilt der Marshall-Angriff als eine der remisträchtigsten Eröffnungen überhaupt, und das dürfte so gar nicht im Sinne seines Erfinders sein.

Die Stammpartie des Marshall-Angriffs: José Raúl Capablanca – Frank James Marshall, New York 1918