Kasparow zum WM-Match: „Magnus Carlsen ist verwundbar“

5:9 bei 16 Remis, Fabiano Caruanas Bilanz gegen Magnus Carlsen.

„In erster Linie ist das eine kämpferische Bilanz“, sagt der russische Weltranglisten-14. Peter Svidler, der das Kandidatenturnier als gefeierter Kommentator begleitet hat. Caruana habe oft genug gezeigt, dass er Carlsen in Bedrängnis bringen kann. „Und Magnus hat beim WM-Match 2016 gezeigt, dass er verwundbar ist“, assistiert Exweltmeister Gary Kasparow. Die beiden russischen Schachgiganten glauben an Caruanas Chance im Titelmatch gegen den Weltmeister.

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Exweltmeister Gary Kasparow orakelte per Skype auf dem St.-Louis-Schachkanal über Fabiano Caruanas Chancen im WM-Match gegen Magnus Carlsen.

Der heute in erster Linie als politischer Kommentator, Autor und Aktivist tätige Kasparow hat das Kandidatenturnier in Berlin natürlich verfolgt. Caruana habe am solidesten gespielt, Chancen genutzt, wenn sie sich boten, und er habe nach seiner einzigen Niederlage im Turnier mit einem Sieg am nächsten Tag gezeigt, dass er zurückkommen kann. „Eine ganz wichtige Qualität.“

„Caruana ist besser als Karjakin“

Magnus Carlsen werde beim WM-Match der Favorit sein. „Aber Caruana ist besser als Sergej Karjakin, und schon gegen den hatte Carlsen Mühe“, sagt Kasparow.  Caruana müsse sich gewissenhaft vorbereiten, in Topform ins Match gehen, solide und hartnäckig spielen wie jetzt in Berlin und seinen Rhythmus finden. „Dann hat er Chancen.“

Für das amerikanische Schach erwartet Kasparow nach Caruanas Sieg einen weiteren Schub. „Es ist ja nicht mehr wie zu Bobby Fischers Zeiten, als aus der Wüste ein einzelnes Genie erwuchs.“ Caruanas Erfolg stehe stellvertretend für den amerikanischen Schachaufschwung.

Seitdem Mäzen Rex Sinquefield St. Louis zur Schachstadt gemacht hat, ist in den USA einiges in Bewegung. An Schulen und Universitäten blüht der Sport, in der Weltrangliste stehen drei Amerikaner in den Top Ten und zahlreiche Talente dahinter auf dem Sprung. Wenn nun Fabiano Caruana ein gutes WM-Match gegen Carlsen spiele, könne das das US-Schach noch einmal auf ein höheres Level hieven, insbesondere in der öffentlichen Wahrnehmung.

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Heimspiel für Caruana gegen Carlsen? US-Schachmäzen will das WM-Match in die USA holen

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Rex Sinquefield

(Finale (?) Aktualisierung, 30. März:

World Chess möchte das Gerücht einer WM-Verlegung aus der Welt haben. Per Twitter garantiert der Schach-Veranstalter der FIDE, dass das Match in London steigt, siehe Tweet am Ende dieses Textes)

Der Milliardär Rex Sinquefield ist das Gesicht des US-amerikanischen Schachaufschwungs, der jetzt zum ersten WM-Match eines Amerikaners seit fast 50 Jahren geführt hat. Seinem Schützling Fabiano Caruana möchte Sinquefield ein Heimspiel gegen Magnus Carlsen verschaffen. „Ergäbe sich eine Gelegenheit, würde ich das Match nach St. Louis holen“, sagte Sinquefield, noch bevor Caruana seine finale Partie und damit das Kandidatenturnier gewonnen hatte.

(Update 28.März: Jetzt taucht das Gerücht, St. Louis wolle London mit einem deutlich höheren Gebot ausstechen, auch auf CBS auf.)

Sein Einfluss darauf, das Match kurzfristig von London in die Schachstadt St. Louis zu verlegen, sei allerdings gering, räumte Sinquefield ein. Der Schachweltverband FIDE und dessen Veranstalter Agon hätten die Rechte. „FIDE und Agon sind jetzt am Zug.“ Er könne nur anbieten, mit Freude einzusteigen, gebe es seitens der Organisatoren ein Signal von der Themse an den Mississippi. Generell mache es ihn überaus glücklich, dass mit Fabiano Caruana endlich wieder ein Amerikaner um den Titel spielt. „Darauf habe ich seit Bobby Fischers Zeiten gewartet.“

„Schach muss endlich professionell organisiert werden.“

Sinquefield machte im Interview auf dem St.-Louis-Schachkanal deutlich, dass er die FIDE eher als Hort des Chaos sieht denn als durchorganisierten Verband. Womöglich breite sich dieses Chaos ja so schnell aus, dass ein neuer Organisator gefunden werden muss. Ihm sei aber eher daran gelegen zu helfen, Dinge in geordnete Bahnen zu führen, anstatt zuzuschauen, wie das organisierte Weltschach implodiert.

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Während Rex Sinquefield dafür warb, das WM-Match nach St. Louis zu holen, sah der US-Schachverband den Wettkampf in London.

„Schach muss endlich professionell organisiert werden“, assistierte Exweltmeister Gary Kasparow. „Rex wäre dafür der Richtige.“ Kasparow verwies auf die desaströse Organisation in Berlin und auf manchen misslichen Umstand, der das WM-Match 2016 in New York begleitet habe. Anzeichen, dass beim WM-Match 2018 auf einmal alles besser wird, sieht Kasparow nicht.

Kasparow: „Von der FIDE, wie sie jetzt ist, sollten wir die Finger lassen.“

Zugleich warnte Kasparow davor, sich mit FIDE/Agon ins selbe Boot zu setzen. Deren Mittel stammten aus zwielichtigen Quellen, dazu die Geldwäsche-Vorwürfe gegen FIDE-Präsident Kirsan Iljumschinow. „Davon sollten wir die Finger lassen.“ Aber würde der Weltverband den Willen zu Reform und Transparenz zeigen und die Hilfe von Sinquefield annehmen, „dann würde ich ein Match Carlsen-Caruana in St. Louis sofort unterstützen“.

Im November 2017 hatte Agon verkündet, dass London den Zuschlag für das WM-Match 2018 bekommen hat. Ein Spielort in der englischen Hauptstadt ist laut Yasser Seirawan/CBS noch nicht gefunden, offizielle Quellen haben bislang stets London genannt, aber sich nie festgelegt, wo in London das Match steigen soll.

Agons Mitteilung von November 2017, das Match sei nach London vergeben, war nach dem Ende des Kandidatenturniers auf der Agon-Seite nicht mehr zu finden. Das kann ein Indiz sein, kann aber auch mit den notorischen Übertragungs- und Webdesign-Problemen von Agon zusammenhängen.

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Vielleicht gibt ja am Ende tatsächlich das Geld den Ausschlag. Für seine bisherigen Veranstaltungen hat Agon bislang stets nur den Minimal-Garantiepreisfonds zusammenkratzen können. Alle Versuche der FIDE-Tochter, Schach-Übertragungen zu monetarisieren, scheiterten derweil krachend; sie führten zu Anwaltskosten statt Einnahmen. Wahrscheinlich ist das Gerücht über die finanziell missliche Lage des Schach-Veranstalters nicht aus der Luft gegriffen.

Würde nun Rex Sinquefield ein substanziell höheres Angebot machen, als es für eine WM in London auf dem Tisch liegt, wer weiß?

Update 29. März:

Vom St. Louis Chess Club gibt es jetzt eine offizielle Stellungnahme:

Update 30. März:

…und dann begegnet uns dieses Facebook-Fundstück von Anfang März, laut dem der Austragungsort in London doch feststeht. Nicht irgendein Ort, sondern das Google-Hauptquartier. Das Team des britischen Schach-Multifunktionärs und -Organisators Malcolm Pein habe diese Information durchsickern lassen.

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Wir haben natürlich nachgefragt. Malcom Peins Kommentar: „Aprilscherz.“

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Laut WorldChess wird es jedenfalls London. Mit dieser getweeteten Garantie will der WM-Veranstalter das Gerücht aus der Welt schaffen:

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EM-Splitter: Berliner Mauer aus Pappe

Als Gary Kasparow im Jahr 2000 seinen Weltmeistertitel gegen Vladimir Kramnik verteidigte, überraschte ihn Kramnik mit der Berliner Mauer, einem System der Spanischen Eröffnung, das bis dahin als nicht ganz vollwertig galt. Wieder und wieder hämmerte Kasparow seinen Schädel gegen die Kramniksche Mauer, bis es zu spät war. Eine blutige Nase holte er sich, einen vollen Punkt nicht, und am Ende war der Titel weg.

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GM Deac

Seitdem gilt die Berliner Verteidigung 3… Sg8-f6 in der Spanischen Partie als beinahe unerschütterlich. Fast jeder Weltklassespieler hat sie in seinem Eröffnungsrepertoire gegen 1.e2-e4.

Bei der Europameisterschaft gelang es dem rumänischen Großmeister Bogdan-Daniel Deac jetzt, diese solideste aller Eröffnungen zu spielen und nach zehn Zügen auf Verlust zu stehen. Die Schuld dafür muss er bei sich selbst suchen.

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GM Guseinov

Sein Gegner, der aserbaidschanische Großmeister Gadir Guseinov, pflegt gegen die Berliner Verteidigung eine seltene Nebenvariante zu spielen. Selten ist die, weil sie für Weiß für nicht zu viel führt, wenn der Schwarze weiß, was er tut.

Deac wusste es nicht. Wäre er vorbereitet gewesen, hätte er gesehen, dass Guseinov gerne das seltene 6. dxe5 spielt, und er hätte sich für die Partie gewappnet. So aber saß er ahnungslos am Brett, konnte Guseinovs Nebenvariante auf eigene Faust nicht den Zahn ziehen, und würde dafür bitter bestraft.

Gadir Guseinov – Bogdan-Daniel Deac, Europameisterschaft Batumi 2018

1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lb5 Sf6

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Berlin, Berlin…

4. O-O Sxe4 5. d4 Sd6 

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6. dxe5

Statt dem fast automatischen 6.Lxc6 usw. eine nicht ungiftige Nebenvariante und nebenbei eine Spezialität von Guseinov. Ein Blick in die Datenbank, und Deac hätte ahnen können, was auf ihn zukommt, wenn er gegen Guseinov Berliner Luft schnuppern will.

6… Sxb5 7. a4

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…und der Sb5 hat keine Felder mehr.

7…Sd6? 

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Variante nach 7…Sbd4

(7… Sbd4 8. Sxd4 Sxd4 9. Dxd4 d5 10. exd6 Dxd6 wäre in Ordnung für Schwarz: Werden die Damen getauscht, hat der Nachziehende dank seines Läuferpaars unmittelbar ein angenehmes Endspiel auf dem Brett. Werden sie nicht getauscht, kann Weiß ihn nicht an der Rochade hindern. Die symmetrische Struktur stellt sicher, dass nicht viel los ist, und das Läuferpaar, dass Schwarz sogar etwas besser steht, sobald er mobilisiert hat.)

8. Lg5!

(Vielleicht hatte sich Deac auf 8. exd6 Bxd6 9. Re1+ Be7 nebst …0-0 und gutem Spiel für Schwarz verlassen. Mit dieser Fehleinschätzung ist er nicht allein. Auch Elo-2.700-GM Arkadij Naiditsch hat 8.Lg5 schon übersehen/unterschätzt.)

8… f6

(8… Be7 9. exd6 ist nicht schön für Schwarz. Die Partiefortsetzung mag allerdings noch weniger schön sein.)

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9. Te1!

Die Pointe von 8.Lg5. Vielleicht hatte Deac auch 8…f6 als günstig eingeschätzt, aber diese Möglichkeit übersehen.

(Nach 9. exd6?! Lxd6 10.Te1+ Le7 kann Weiß mit 11. Dd5 zwar auf Kompensation pochen, aber Schwarz spielt 11…d6 (jetzt hängt der Lg5), danach z.B …Se5 und …c6 und wird sich befreien. 11… fxg5? 12. Sxg5 gibt Weiß riesigen Angriff.)

9… Sxe5? 

(9… Le7 10. exd6 cxd6 11. Lf4 Se5 geschah in Horvath-Naiditsch, Mainz 2009, und Schwarz stand schlecht, aber zumindest lebte er noch.)

10. Sxe5

Weiß steht nach zehn gespielten Zügen auf Gewinn. Das Abzugsschach Sc6+ und Dh5+ drohen tödlich.

10… Le7

Allerdings muss der Weiße jetzt noch die entscheidende Kombination finden.

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11. Lxf6! gxf6 12. Dh5+ Kf8

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13. Sg6+! hxg6 14. Dxh8+ Kf7 15. Dh7+ Kf8

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Materiell steht es etwa ausgeglichen, aber der weiße Angriff ist überwältigend. Während die schwarzen Figuren hilflos eingesperrt im Abseits kauern, kann Weiß sofort weitere Kräfte an den schwarzen König heranführen. Am kräftigsten wäre 16.Sc3 nebst entweder 17.Sd5 oder 16…c6 17.Se2 nebst Sf4, und Schwarz ist erledigt. Guseinov entscheidet sich
stattdessen für einen Turmschwenk, das geht auch, ist aber mit mehr Arbeit verbunden.

16. Ta3 Sf7 17. Tae3

(besser wäre 17. Tg3 g5 18. f4 mit Gewinnstellung)

17… Lb4 18. c3

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18… Ld6

Deac will die erst e-Linie verschließen, danach …d5 spielen.

(18…Lc5 19. Th3 d5 20. Dh8+ Sxh8 21. Txh8+ Kf7 22. Txd8 ergibt ein verlorenes
Endspiel.)

19. Th3 Le5 20. Dxg6 d5 21. Th7 Le6

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22. f4 und Schwarz gab auf.

1-0

EM-Splitter: Der abenteuerlustige Philosophieprofessor

Schacheröffnungen sind in drei Kategorien unterteilt. „Offene Spiele„, „Halboffene Spiele“ und „geschlossene Spiele„. Beginnt die Partie mit 1.e2-e4 e7-e5, steht ein offenes Spiel auf dem Brett. Antwortet Schwarz nach 1.e2-e4 etwas anderes, ist es halboffen. Die geschlossenen Spiele beginnen mit 1.d2-d4.

Anfänger beginnen mit den offenen Spielen. Nach 1.e2-e4 e7-e5 kommen die Figuren geschwind ins Spiel, Linien öffnen sich zügig, und statt eines schwerblütigen strategischen Kampfes entsteht sogleich ein munteres Rumgehacke, das bestens geeignet ist zu erforschen, was die Figuren alles machen können.

Manchmal muss sich auch auch ein Anfänger mit halboffenen Spielen auseinandersetzen, weil nirgendwo geschrieben steht, dass der Schwarze 1.e2-e4 mit 1…e7-e5 zu beantworten hat. Gelegentlich ziehen die Schwarzen etwas anderes, und dann müssen wir eben mit einer halboffenen Stellung zurechtkommen.

Ist aber kein Problem. Wir kennen ja die vier Gebote der Eröffnung, und die gelten immer. Wer sie befolgt, macht automatisch gute Züge.

Eine typische halboffene Bauernstruktur sieht so aus:

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Sie kann aus mehreren Eröffnungen entstehen, zum Beispiel der Caro-Kann-Verteidigung, der Aljechin-Verteidigung oder der Skandinavischen Verteidigung. Neulich bei unserem Ausflug ins Skandinavische haben wir diese Struktur schon kennengelernt.

Für den Moment erfreut sich Weiß in eines kleinen Raumvorteils, aber Schwarz steht solide und hat keinerlei Schwächen. Mittelfristig wird Schwarz entweder …c6-c5 oder …e6-e5 durchsetzen wollen, um sich komplett zu befreien. Wenn es gut läuft, bekommt der Schwarze dann vollständig ausgeglichenes Spiel.

Wenn es schlecht läuft, verprügelt ihn der Weiße, bevor er sich befreien kann. So lange der schwarze König noch im Zentrum steht, bietet sich dem Weißen das eine oder andere taktische Motiv, das der Schwarze sorgfältig umschiffen muss. Sonst endet die Partie wie diese:

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Die Dame nach e2 zu entwickeln, war keine tolle Idee von Weiß, er blockiert ja seinen f1-Läufer. Aber der Zug stellt eine Falle auf, in die Schwarz mit …Sg8-f6?? prompt hineintappt. Se4-d6 matt!

Oder es passiert dieses:

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Weiß kann 1.Sg5-e6 ziehen, weil nach 1…f7xe6?? 2.Ld3g6# matt wäre. Eine Katastrophe ist das für Schwarz noch nicht, aber er muss jetzt früh sein Läuferpaar aufgeben, und auf f8 wird er mit einer Figur zurückschlagen, die dort nicht hingehört. Schön ist das auch nicht.

Oder dieses:

Deep Blue – Gary Kasparow, Mai 1997

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Was Kasparov in der letzten Wettkampfpartie gegen die IBM-Maschine zu 7…h7-h6? verführte (statt 7…Lf8-d6), darüber rätseln Experten bis heute. Schon 1997 war bekannt, dass Weiß nach 8.Sg5xe6 f7xe6 9.Ld3-g6+ für die geopferte Figur starken, womöglich entscheidenden Angriff bekommt. Elf Züge später streckte Kasparov die Waffen, und zum ersten Mal hatte ein Mensch ein Match gegen eine Maschine verloren.

Ein veritabler Internationaler Meister wie Jan Sprenger mit gut 2.500 Elo kennt diese und andere Beispiele natürlich. Außerdem beseelt den Philosophieprofessor am Brett eine kaum zu bändigende Abenteuerlust. In seinen Partien ist immer eine Menge los.

Als Sprenger jetzt bei der EM mit Weiß dem aufstrebenden niederländischen Großmeister Benjamin Bok gegenübersaß, stand es nach sieben Zügen so:

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Wie Schwarz hier leicht gutes Spiel bekommt, ist seit langer Zeit bekannt. Er kann den zentralen Gegenschlag …e7-e5 direkt durchsetzen: 7…e7-e5 8.d4xe5 Dd8-a5+ nebst …Da5xe5. Aber dann werden meistens in der Folge auf der offenen e-Linie die Damen getauscht, und es entsteht ein Endspiel, das der Weiße kaum verlieren und der Schwarze kaum gewinnen kann.

Um seine Gewinnchancen intakt und Material auf dem Brett zu halten, entschied sich GM Bok, auf unmittelbare Befreiung mittels 7…e7-e5 zu verzichten. Ein Spiel mit dem Feuer?

Nach neun Zügen stand es so:

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Eine typische halboffene Stellung, in der der schwarze König sich noch nicht per Rochade in Sicherheit gebracht hat. Die weißen Leichtfiguren beäugen im Verein den schwarzen e6-Schutzbauern.

Einige starke Großmeister haben diese Position schon mit Weiß auf dem Brett gehabt. Jeder prüfte Einschläge auf e6, und jeder entschied sich dagegen. Diese Version des Opfers auf e6 ist längst nicht so günstig wie jene von Deep Blue gegen Kasparov.

Weinprobe, Istrien 2017
IM Jan Sprenger

Sprenger überlegte viereinhalb Minuten, dann spielte er 10.Lc4xe6!?. Rumms!

Weiß bekommt zwei Bauern für die geopferte Figur und Initiative gegen den nun im Zentrum festgenagelten schwarzen König. Ob das reicht?

Unsere Einschätzung: so gerade eben.

Die Folgen von 10.Lc4xe6!? in allen Konsequenzen zu analysieren, ist kaum möglich. Allemal hat Weiß Kompensation für das geopferte Material, aber hat er genug davon? Sicher ist, dass Weiß nun präzise zu Werke gehen muss, um zu verhindern, dass seine Initiative versandet und er am Ende mit einer Minusfigur dasteht.

Genau das passierte dem kühnen germanischen Recken. Einige Züge später gingen ihm die Ideen aus, den Schwarzen weiter zu beschäftigten. Schwarz befreite sich nach und nach und stand am Ende mit einem Materialplus da. Für die EM-Tabelle hilft das nicht, aber wir verleihen Jan Sprenger mit Freude einen Extrapunkt für seinen Mut.

Die Dame im Spiel (II)

Antwort 41

Hinter dem scheinbar voreiligen schwarzen Damenausflug steckt tatsächlich ein Konzept. Nach 1.e2-e4 d7-d5 2.e4xd5 Dd8xd5 3.Sb1-c3 ist die Grundstellung der Skandinavischen Verteidigung erreicht.

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Schwarz erlaubt dem Weißen, mit Tempo seinen Springer zu entwickeln, muss nun ein zweites Mal seine Dame ziehen, aber er baut darauf, dass der Springer auf seinem scheinbar natürlichen Feld c3 nicht gut steht, weil er den c-Bauern blockiert. Wenn Weiß später d2-d4 spielt, soll der d4-Bauer zur Zielscheibe des schwarzen Spiels werden, denn den wird der Weiße nicht mit c2-c3 decken können. Auf c3 steht ja ein Springer.

Das ist allerdings eine heikle Strategie. Als Nachziehender zwei Tempi zu investieren und die Entwicklung des Gegners zu beschleunigen, nur damit der womöglich ein Angriffsziel entblößt (und er muss ja nicht d2-d4 spielen), das ist am Rande dessen, was gut sein kann. Darum gilt die Skandinavische Verteidigung mit 2…Dd8xd5 (für Profis: 2…Sg8-f6 ist ein anderes Kapitel) zwar als spielbar, aber nicht als Top-Eröffnung, die auf Großmeisterlevel regelmäßig gespielt würde.

Und doch gehören zwei Skandinavisch-Partien auf höchstem Level zum Bildungskanon eines jeden fortgeschrittenen Schachspielers, zu den Partien, die man kennen muss sollte. An beiden war die indische Schachlegende Ex-Weltmeister Visvanathan Anand beteiligt, einmal mit Schwarz, einmal mit Weiß.

Zwei Skandinavisch-Partien, die man kennen muss

Die erste stammt aus Anands WM-Kampf gegen Gary Kasparov 1995. In seinen sechs Schwarzpartien zuvor hatte Anand wieder und wieder erhebliche Probleme mit all den daheim ausgebrüteten Varianten, die ihm Kasparov vorsetzte. Um nicht wieder mit einem Geheimrezept aus Kasparovs Eröffnungsküche konfrontiert zu werden, spielte Anand in der 14. Partie Skandinavisch, eine Eröffnung, mit der Kasparov nicht ernsthaft gerechnet hatte. Und siehe da, Anand kam prima in die Partie, stand ausgangs der Eröffnung sogar etwas besser. Dass er am Ende verlor, hatte mit seinem Skandinavisch nichts zu tun.

Gary Kasparov – Visvanathan Anand, WM-Match New York 1995

Die zweite spielte Anand 1997 in Biel gegen den französischen Großmeister Joel Lautier. Seinerzeit war sie bedeutend für die Eröffnungstheorie (Anands 15.f3 war eine wichtige Neuerung), aber um die Welt ging die Partie in erster Linie wegen Anands spektakulärem Gewinnzug 21.Ld3-g6!!. Die Legende besagt, dass dieser Gewinnzug noch Teil von Anands Vorbereitung war.

Visvanathan Anand – Joel Lautier, Biel 1997

Antwort 42

Strategisch sieht die weiße Stellung aus wie ein Schweizer Käse (können Schweizer Käse weißfeldrige Löcher haben? Egal.), aber taktisch scheint Schwarz zu wackeln. Wer genauer hinschaut, stellt jedoch fest: Alles ist gut.

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Weiß kann keine Figur gewinnen, weil nach 1…Sf6-d5 2.Sc3xd5 exd5 3.Sf3-e5? Dd8-a5+ der Lb5 verloren geht.

Antwort 43

Warum ist dieser Beitrag wohl mit „Die Dame im Spiel“ überschrieben? Nicht nur wegen Skandinavisch, auch wegen dieser Stellung.

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Wenn die Spieler zu verschiedenen Seiten rochiert haben, dann ergibt sich meistens ein Wettrennen um den Skalp des gegnerischen Königs.

So wie hier.

Schwarz muss dringend seine Schwerfiguren mobilisieren, sie gegen den weißen König aufstellen. Die Dame gehört auf den Damenflügel, die Türme verbunden und dann auf die b- und ggf. die c-Linie.

1…Dd8-d4 (mit Tempo!) ist der mit Abstand beste Zug, der einzige, der dem Schwarzen klaren Vorteil sichert. Die Dame strebt nach b4, auf b8 wird bald ein schwarzer Turm auftauchen und der Sb6 wird von a4 oder c4 aus das Feld b2 unter Feuer nehmen. Schwarz ist dem Skalp des weißen Königs viel näher als der Weiße dem des Schwarzen.

Antwort 44

Schachfreund Sergej und Schachfreund Jürgen haben gleichermaßen Recht. Ob nun 1…Tb8xb2 oder 1…Da5-b5, beides gewinnt. Schachfreund Conrad legen wir angesichts seiner Rechenschwäche den Erwerb (und das Durcharbeiten!) des großartigen Werkes „Calculation“ von Jacob Aagaard nahe.

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Nach 1…Tb8xb2 2.Td7xe7 Tf8-c8 kann Schwarz zwar mit 3.f2-f4 den c2-Bauern decken, aber nach 3…Da5-b5! droht an allen Ecken und Enden Matt und Materialgewinn. Trotz Mehrfigur ist der Weiße hilflos.

Nach 1…Da5-b5 2.Te7xd7 Db5xb2+ 3.Kc1-d2 Tf8-d8+ 4.Kd2-e2 Db2xc2+ 5.Sb1-d2 steht es so:

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Von wegen „geht nicht weiter“. Schwarz kann sich sogar aussuchen, wie er gewinnen will. Am einfachsten ist 5…Tb8-b3 mit der tödlichen Drohung 6…Tb3xe3+, aber auch 5…Td8xd2 oder 5…Sa4-c3+ gewinnt.

Googles AlphaZero überrollt Stockfish

deepmind_logo.pngAls vor gut 20 Jahren die IBM-Maschine Deep Blue Gary Kasparov schlug, war klar, dass Computer Wetttkämpfe fortan besser untereinander spielen. Menschen sind zu schwach.

Gegen heutige Top-Engines wie Stockfish, Houdini oder Komodo hätte Deep Blue nicht den Hauch einer Chance. Die neuesten Versionen dieser Programme sind waren Höhepunkte einer Entwicklung, die 1936 begann, als Alan Turing einen Schach-Algorithmus auf Papier kritzelte.

Seit den frühen 1970ern spielten die Computer tatsächlich Schach, erst erbärmlich, dann immer besser. Ende der 90er hatten sie den Menschen überholt, aber die Entwicklung ging rasant weiter bis zu 3.500-Elo-Monstern wie Stockfish 8.

Vier Stunden Training, dann das erste Match

Rasant? Naja.

Go und Shogi hatte AlphaZero schon gemeistert. Vier Stunden hat der AlphaZero-Algorithmus der Google-Firma DeepMind jetzt Schach lernen müssen, um besser zu werden als Stockfish. Er kannte nur die Regeln und lernte, indem er gegen sich selbst spielte und anhand von Erfolg oder Misserfolg der gewählten Züge austüftelte, was gut ist und was nicht. Nach vier Stunden Training im stillen Kämmerlein stand als erster Gegner Stockfish 8 für ein 100-Partien-Match bereit.

Mit Weiß hielt Stockfish beinahe die Balance (47 Remis, 3 Niederlagen), mit Schwarz erlebte er ein Desaster (25 Remis, 25 Niederlagen). Das Endergebnis von 64:36 zugunsten von AlphaZero bedeutet nicht weniger als eine Schach-Revolution, wie es sie seit Kasparovs Schlappe gegen DeepBlue nicht gegeben hat.

Wir dachten ja, Stockfish&Co. spielten schon am Rande der Perfektion. Die enorme Remisquote in Wettkämpfen der besten Engines untereinander legte nahe, dass alle Beteiligten beinahe unschlagbar stark sind. Dank AlphaZero wissen wir jetzt, dass noch eine Menge Luft nach oben war.

  • Wer zehn ausgewählte Partien des Matches nachspielen möchte, der klickt hier.
  • Wer die DeepMind-Publikation zu AlphaZero namens „Mastering Chess and Shogi by Self-Play with a General Reinforcement Learning Algorithm“ lesen möchte, der klickt hier.