Welcher Turm gehört wohin, die ewige Frage (II)

pushembaby.jpgEs sieht nicht danach aus, aber dieses Plattencover zeigt tatsächlich drei Schachgroßmeister und obendrein ein essenzielles Schach-Konzept, das hilft, Partien zu gewinnen: „Push ‚em, baby!„, oder, frei übersetzt:

Freibauern müssen laufen!

Ist eigentlich logisch. Je näher der Freibauer der Grundlinie kommt, um sich dort in eine Dame zu verwandeln, desto stärker wird er. Wer seine Freibauern stark machen will, der lässt sie laufen, idealerweise unterstützt von den Türmen. Letzteres hat uns schon unser Freund Siegbert Tarrasch gelehrt:

Tüme gehören hinter die Freibauern, die eigenen und die gegnerischen.

Die eigenen unterstützt ein Turm dahinter in ihrem Vorwärtsdrang, die gegnerischen hält er wirksam auf, indem er sie von hinten einfängt.

Antwort 58

Nach dieser Vorrede ist es an der Zeit, die zur Debatte stehende Stellung genauer anzuschauen:

konsta7.jpg

Weiß leidet unter so manchem Problem. Seine Truppen sind nicht recht koordiniert, sein König ist exponiert, und obendrein hat er einen Bauern weniger. Aber vor allem sieht er sich einem schwarzen Trumpf gegenüber, dem er mittelfristig nichts wird entgegensetzen können: drei verbundene Freibauern!

Ein Freibauer ist schon gut, zwei sind besser und drei riesig. Zumal, wenn die Freibauern verbunden sind. Wer soll die aufhalten?

Der schwarze Gewinnplan ist denkbar einfach: Türme hinter die Freibauern, dann die  Freibauern laufen lassen.

Push ‚em, baby!

Youtube-Schachvideos gab es zu La Bourdonnais‘ Zeit noch lange nicht, es war ja noch nicht einmal Siegbert Tarrasch geboren. Trotzdem hätte der französische Schachmeister schon in den 1830er-Jahren zielsicher zu seinem a8-Turm gegriffen und ihn nach e8 gefahren. Auf f8 und e8 sind die schwarzen Türme ideal aufgestellt, um die Freibauern bei ihrem Lauf zur Grundlinie zu unterstützen.

Advertisements

Bauerninseln II

Zählen wir erst einmal Figuren und Bauern – und stellen fest, dass die Lage materiell ausgeglichen ist. Aber vielleicht können wir Faktoren identifizieren, die anzeigen, dass es für die eine Seite besser läuft als die andere.

klausantwort5.jpg

Hinsichtlich der Entwicklung haben beide Seiten einen ordentlichen Job gemacht. Beide haben ihre Könige in Sicherheit und ihre Leichtfiguren ins Spiel gebracht. Die weißen Leichtfiguren stehen etwas aktiver, während der Ld7 noch keine Aufgabe gefunden hat. Wenn Schwarz nicht aufpasst, kann Weiß seine etwas aktivere Aufstellung mittelfristig nutzen, um einen Königsangriff zu initiieren.

klausantwort1.jpg
Die Dame-Läufer-Batterie lugt nach h7

Stellen wir uns vor, Weiß baut mittels Ld3-c2 und Dd2-d3 eine Dame-Läufer-Batterie gegen h7 und spielt dann Sf4-h5, um den Sf6 von h7 abzulenken. Schon wird deutlich, wie so ein Angriff aussehen mag. Aber zum Glück wird beim Schach abwechselnd gezogen, und erst einmal ist Schwarz an der Reihe.

Bei den Schwerfiguren sieht die Lage etwas günstiger für Schwarz aus. Während der weiße Turm a1 am Brettrand abhängt, hat Schwarz beide Türme zentralisiert. Sie stehen bereit, Druck auf die das weiße Bauernduo c3/d4 auszuüben. Auch die schwarze Dame hat einen aktiven Posten gefunden, von dem aus sie den rückständigen Bauern c3 beäugt und auf dem sie die weißen Leichtfiguren nicht anrempeln können. Ihre weiße Kollegin steht nicht ganz so günstig.

klausantwort2.jpg
Auffälliges Gegenüber auf der d-Linie

Besonders auffällig ist das vis-a-vis von schwarzem Turm und weißer Dame auf der d-Linie. So ein Gegenüber ist stets günstig für die Turm-Seite, die darauf bauen kann, dass sich auf der d-Linie Fesselungsmotive ergeben (und ggf. ausnutzen lassen).

klausantwort3.jpg
Weiß hat drei Bauerninseln, Schwarz zwei

Auch das Bewerten der Struktur beginnt mit Durchzählen. Je mehr Bauerninseln sich eine Seite eingehandelt hat, desto schlechter, da diese Seite in der Regel mit mehr Bauernschwächen zu kämpfen hat, seien es isolierte und/oder rückständige Bauern. Schwarz hat zwei Bauerninseln, Weiß deren drei – Vorteil Schwarz.

Leider ist Schach nicht so eindimensional. Wir können nicht einfach Bauerninseln zählen und dann anhand statischer Faktoren festlegen, dass diese oder jene Seite einen Vorteil hat. Wir haben ein Indiz gefunden, dass Schwarz besser stehen könnte, aber erst einmal müssen wir klären, ob nicht irgendeine Dynamik für Weiß spricht.

klausantwort6.jpg

Wie das Bauernduo c3/d4 einzuschätzen ist, das ist die zentrale Frage.

Gelingt es Schwarz, c3-c4 zu verhindern, den c3-Bauern auf der halboffenen c-Linie festzulegen und unter Druck zu setzen, dann sollte er alles unter Kontrolle und beste Aussichten haben. Gelingt es Weiß, c3-c4 zu spielen und sich eine zentrale Phalanx c4/d4 zu bauen (die so genannten hängenden Bauern), dann eröffnen sich ihm dynamische Möglichkeiten, die sein strukturelles Defizit mehr als kompensieren sollten.  Er mag sich mittels d4-d5 einen Freibauern bilden, der machtvoll Richtung d8 strebt, auch mag er einen Königsangriff initiieren, gestützt auf die c4/d4-Phalanx, die eine Menge Zentralfelder kontrolliert.

Antwort 26

Wenn wir ausschließlich auf positionelle Faktoren schauen, schlägt das Pendel leicht zur schwarzen Seite aus. Das Turm-Dame-Gegenüber auf der d-Linie ist angenehm für Schwarz, die schwarzen Schwerfiguren sind besser organisiert, die schwarze Struktur gesünder. Auf der anderen Seite sind die weißen Leichtfiguren etwas aktiver, während der Ld7 noch nicht recht an der Partie teilnimmt.

Weiß hat aber einige dynamische Möglichkeiten, die das Pendel sehr bald zu seinen Gunsten ausschlagen lassen könnten. Kommt er zu c3-c4, wird er sich auf Basis seiner hängenden Bauern womöglich einen Freibauern bilden oder/und einen Angriff auf den schwarzen König entfachen.

Will Schwarz auf Vorteil pochen, muss er dem Weißen jetzt konkret in die Parade fahren, damit der nicht seine dynamischen Möglichkeiten entfalten kann. Wie das geht, das sieht jeder, dem das verdächtige Gegenüber von Turm und Dame auf der d-Linie aufgefallen ist.

Antwort 27

klausantwort4.jpg

Der zentrale Gegenstoß 1…e6-e5! befreit den schwächelnden Ld7, betont die besser aufgestellten schwarzen Schwerfiguren und zetrümmert die weiße Bauernphalanx, noch bevor sie entstanden ist. Schwarz hat deutlichen Vorteil.

Antwort 28

Kaum haben wir das Konzept „Bauerninseln“ kennengelernt, sehen wir schon die erste Ausnahme, eine typische Konstellation.

klausantwort7.jpg
d4 ist schwach, die „hängenden Bauern“ c4/d4 sind ihrer Dynamik beraubt

Vordergründig betrachtet, schwächt 1…b7xc6 die schwarze Struktur, und doch ist das Zurückschlagen mit dem c-Bauern in solchen Fällen die typische Verfahrensweise. Der isolierte c6-Bauer neigt nicht zur Schwäche, Weiß kann ihn schwerlich unter Druck setzen. Auf der anderen Seite kontrolliert der Bauer das wichtige Feld d5, so dass dem Weißen der Vorstoß d4-d5 verwehrt bleibt.

Entscheidender Faktor ist die Schwäche des weißen d4-Bauern. Den haben wir per 1…b7xc6 auf d4 festgenagelt, und kein weißer Bauer kann ihn stützen. Diese ewige Schwäche wird Schwarz belagern, sich mit Freude auf der d-Linie verdoppeln und sich eines moderaten, aber stabilen Vorteils erfreuen.

Keine Zugeständnisse II

Wer Material gewonnen hat, der sollte danach trachten, weiteres Material vom Brett zu tauschen. Je einfacher die Stellung wird, desto weniger kann der Gegner die Lage komplizieren und zu Schummelchancen kommen. Im Idealfall steht am Ende ein einfach gewonnenes Endspiel auf dem Brett.

So weit, so wahr. Aber: Vorsicht!vorsicht.jpg

Wohl kaum ein Konzept wird beim Schach derart überstrapaziert wie das Abtauschgebot für Spieler, die einen oder zwei Bauern oder gar eine Figur gewonnen haben. Wahrscheinlich sind schon Millionen Partien gekippt, weil eine Seite plötzlich das Schachspielen eingestellt hat, nachdem sie Material gewonnen hatte.

Abtauschen ja, Zugeständnisse nein.

Abtauschen darf niemals zur obersten Maxime werden. Zuvorderst geht es weiterhin darum, dem Gegner Schwächen anzudrehen, Raum zu gewinnen, Angriffe zu initiieren, kurz: Vorteile anzuhäufen. Eine gute Stellung besser zu machen, ist umso einfacher, wenn unsere Armee größer ist als die des Gegners.

Ein besonderer Fall tritt ein, wenn wir in ein Bauernendspiel abwickeln können. Bauernendspiele sind  fast immer einfach gewonnen für die Seite mit einem oder gar zwei Mehrbauern, sobald sich diese Seite einen Freibauern bilden kann (und der Gegner nicht), also einen Bauern, der bis zur gegnerischen Grundlinie durchlaufen kann, ohne von gegnerischen Bauern geschlagen zu werden.

So einen Fall haben wir hier vor uns.

Antwort 24:

171114Stefan2.jpg

Schwarz tauscht auf e1 geschwind alle Schwerfiguren ab und steuert die Partie in ein gewonnenes Bauernendspiel.

Nach 1…De6xe1+ 2.Dd2xe1 Te8xe1+ 3.Kf1xe1 steht es so:

171114Stefan4.jpg

Sein Mehrbauer beschert dem Schwarzen eine Bauernmajorität am Damenflügel. Dort wird er sich, unterstützt von seinem König, einen Freibauern bilden. Der läuft entweder durch, oder der Weiße stoppt ihn mit seinem König, muss dann aber seine Königsflügelbauern im Stich lassen. Während Weiß am Damenflügel den Freibauern aufhält, wird der Schwarze genüsslich den weißen Königsflügel abräumen.

Der Gewinnplan sieht so aus:

stefan6.jpg

Schwarz marschiert mit seinem König nach d5, um den Vormarsch seiner Bauern am Damenflügel zu unterstützen. Sein a-Bauer läuft nach a5, sein c-Bauer nach c5 und dann weiter nach c4. Sobald Weiß auf c4 schlägt, wird der schwarze a-Bauer zum entfernten Freibauern, und den kann Weiß nur aufhalten, wenn er seine anderen Truppen im Stich lässt. Schlägt Weiß nicht auf c4, wird der schwarze d-Bauer, unterstützt zum König, Richtung Grundreihe drängeln.

Merke: Im Endspiel wird der König zu einer enorm starken Figur. Während wir ihn bei vollem Brett besser in Sicherheit bringen und behüten, lassen wir ihn gerne mitmischen, wenn sich das Brett geleert hat.

Wer Zweifel hat, ob er die schwarze Stellung gewinnen kann, der spielt sie einfach mal gegen den Computer. Und wer sie tatsächlich nicht gewinnt, der übt halt ein bisschen, bis es klappt. Schwierig ist es nicht.

Ein Klick hier öffnet ein Brett, auf dem das Endspiel schon aufgebaut ist, und an dem ein Computergegner zum Üben bereitsteht.