A French aha moment

The deeper you delve into the mysteries of your game, the rarer the aha moments become. Here’s one I enjoyed some time ago.

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Being an exchange down in a theoretical position from the Tarrasch System of the French Defense it seemed to me that Black should avoid exchanges. That’s what we do in general when material down, right? I very much wanted to play 18…Db6 in order to keep it as complex as possible.

Why my database gave 18…Bc5 as the main move (with good results for Black) seemed puzzling to me. Shouldn’t we use our queen to create play while his queen is offside in the corner, doing nothing? But the database also showed the poor results of 18…Qb6 when it had been played by respectable chess masters (never by top players, though).

At that point a chess coach would have come in handy, but none was available. So I studied annotated games in this line (1. e4 e6 2. d4 d5 3. Nd2 Nf6 4. e5 Nfd7 5. Bd3 c5 6. c3 Nc6 7. Ne2 cxd4 8. cxd4 f6 9. Nf4 Nxd4 10. Qh5+ Ke7 11. exf6+ Nxf6 12. Ng6+ hxg6 13. Qxh8 Kf7 14. O-O e5 15. Nb3 Nxb3 16. axb3 Bf5 17. Bxf5 gxf5 18. Bg5) in order to solve the mystery myself. After a while it sunk in eventually.

18…Bc5 is the much better move indeed.

Black actually wants the queens to be exchanged!

Let me encourage you to figure out why for yourself before you continue reading.

 


 

Once you’ve been told it’s simple.

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A trade of queens will make the black king a powerful piece in the resulting endgame. The already centralized king can then be used to support Black’s central pawns that compensate for the exchange.

With queens still on the black king can’t do anything, it will always be harrassed by the white queen. With queens exchanged Black gains a powerful helper for the endgame.


Some quick remarks on the opening:

With the Tarrasch move 3.Nd2 White denies himself pressure on the center (d5). My chess understanding tells me that 3…c5 exploits the downside of Nd2 and must be the best response in order to equalize. I do, however, only play the French against weaker opponents in order to create winning chances with Black. While the positions after 3…c5 are often somewhat bloodless and drawish, the more risky 3…Nf6 guarantees a rich game.

9.Nf4 is a sideline that is said to be not overly dangerous for Black. White wins an exchange, but Black’s pawn center should give him sufficient compensation (especially if you understand when to trade queens and when not!).

Play until move 18 represents the mainline, the position has been reached dozens of times in (grand)master level OTB play. There are alternatives along the way, but I don’t know this stuff well enough to assess them. For instance White has tried 15.Nf3 instead of Nb3, and at move 16 Black may want to consider 16…Be6 and 16…e4 instead of 16…Bf5.

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Aktiv spielen (IV)

Wer online auf Patzerlevel Blitzschach spielt, der sieht aus der schwarzen Perspektive gelegentlich dieses:

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Oder dieses:

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Ob nun gegen Caro-Kann (1.e4 c6) oder Französisch (1.e4 e6), der Mumpitzzug 2.Lc4 hilft nur dem Schwarzen. Der will ja eh …d5 spielen, und nun gestattet es ihm der Weiße, …d5 mit Tempo durchzusetzen. Sehr freundlich, dankeschön.

Natürlich wollen wir unsere Figuren auf möglichst aktive Felder entwickeln, aber nur auf solche, auf denen sie stabil stehen und ins gegnerische Lager wirken. Felder, auf denen sie nur die Entwicklung des Gegners beschleunigen und ansonsten keinerlei Funktion haben, meiden wir.

Antwort 75

Hätte unser Schachfreund Alexander die Aufgabe gehabt, nach 1.e4 c5 den schlechtestmöglichen Entwicklungszug für Weiß zu finden, 2.Lc4 wäre ein heißer Kandidat für den Hauptgewinn.

Alexander Daudrich – Helmut Möldner, Überlingen, April 2018

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Schwarz antwortet mit 2…e6 und 3…d5, dann gehört ihm das Zentrum, und Zeit gewinnt er obendrein, indem er dem Lc4 einen Tritt versetzt.

Aaaber Weiß könnte doch 1.e4 c5 2.Lc4 e6 3.e5 spielen?!

Klar. Dann folgt auch 3…d5, und nach 4.exd6 Lxd6 hat der Weiße drei Mal seinen e-Bauern gezogen, nur um ihn gegen einen Bauern zu tauschen, der ein Mal gezogen hat. Obendrein hat er noch dem Lf8 zur Entwicklung verholfen.

Der dösige Lc4 beißt derweil weiter auf Granit, und womöglich wird er später noch per …a6 und …b5 einen Tritt bekommen. Vorteil Schwarz. Und das nach drei (!) Zügen.

Der Blübaum-Killer traf einen anderen: Caruanas Französisch-Lehrstunde

Auf Weltklasse-Niveau wird die Französische Verteidigung kaum gespielt, weil es ihr an Solidität fehlt. Auch Anfänger sollten besser die Finger davon lassen, weil Französisch eine heikle Angelegenheit ist. In vielen Abspielen macht Schwarz positionelle Zugeständnisse (wenig Raum, schlechter Läufer) und muss sich auf taktische/dynamische Ideen verlassen, um Spiel zu bekommen. Ein schmaler Grat, von dem der ungeschulte Schachjünger nur allzu leicht herunterpurzelt.

Im schachlichen Mittelbau erfreut sich die Französische Verteidigung ungebrochener Vitalität, vor allem in Deutschland. Fast alle deutschen Großmeister haben „Französisch“ im Repertoire gegen 1.e4. Georg Meier gilt gar als weltweit führender Experte in der Rubinstein-Variante, in der Schwarz (eher untypisch) früh …d5xe4 spielt.

Neulich beim GrenkeClassic musste der deutsche Franzose manchen Härtetest überstehen. Insbesondere Matthias Blübaum glänzte, als er mit den schwarzen Steinen Fabiano Caruanas Steinitz-Franzosen souverän neutralisierte.

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Yasser Seirawan schaute Fabiana Caruana staunend über die Schulter: „Das kann doch nicht gut sein, was Fabiano spielt…“

Wie leicht es hätte anders laufen können, zeigt eine Partie aus der gerade beendeten US-Meisterschaft, in der der Weltranglistenzweite seinen Gegner vom Brett fegte. Der hatte ein Abspiel gewählt, das auch Blübaum gelegentlich spielt, von dem der Deutsche aber in der Partie gegen Caruana Abstand genommen hatte. Aus gutem Grund.

Die Partie des WM-Herausforders veranschaulicht, wie sehr sich Schach immer noch entwickelt. Das Konzept, den vermeintlich „guten“ weißfeldrigen Läufer abzugeben, um Zeit zu gewinnen, in Verbindung mit der langen Rochade, die Schwarz geradezu zum Königsangriff einlädt, das ist hochmodernes Schach, wie es so noch vor wenigen Jahren nicht gespielt wurde.

Im Live-Studio in Saint Louis schaute US-Großmeister Yasser Seirawan staunend zu. Der, einst selbst ein Top-Ten-Spieler, konnte kaum glauben, was er sah: „10.0-0-0, das kann doch nicht gut sein…“

 

Caruana, Fabiano (2.804) – Akobian, Varuzhan (2.647)
US-Meisterschaft 2018, Saint Louis

1. e4 e6 2. d4 d5 3. Sc3 Sf6 4. e5 Sfd7 5. f4 c5 6. Sf3 Le7 7. Le3 Sc6 8. Dd2

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Eine Grundstellung des klassichen Steinitz-Franzosen (3.Sc3 Sf6 4.e5), der sich zur Französisch-Hautpvariante gemausert hat. Schwarz kann nun unmittelbar kurz rochieren, kann aber auch erst am Damenflügel aktiv werden, in der Regel mit …a6 und …b5. Letzteres spielt Caruana selbst, wenn er sich für Französisch entscheidet (im Schnellschach oder gegen Spieler unter 2.700).

8… b6

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Eine Nebenvariante, die unter anderem der Deutsche Matthias Blübaum gelegentlich spielt, wenn er keine Lust auf 8…a6 hat. Und eine kleine Provokation zudem. Eine zentrale Weisheit aus Sicht der Weißen im Steinitz-Franzosen ist ja, dass Weiß nicht lang rochieren darf, so lange Schwarz mit …c4 und …b5-b4 sofort gegen den weißen König losmarschieren kann. Mit 8…b6 statt 8…a6 lädt Schwarz den Weißen zur langen Rochade ein und behauptet, dass dieses Konzept auch noch gilt, wenn Schwarz ein Tempo für den
Angriff am Damenflügel verloren hat, weil er …b7-b6-b5 spielen muss.

9. Lb5

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Die moderne Fortsetzung, die Schachmeister noch in den 80er-, womöglich 90er-Jahren mit einer hochgezogenen Augenbraue betrachtet hätten. Aber so wie notorische Damenbauer-Spieler mit dem jüngsten Aufkommen des London-Systems lernen mussten, dass man den Lf1 auch nach b5 statt d3 entwickeln kann, müssen auch Französisch-Spieler auf neue Konzepte gefasst sein. Wer weiß, in ein paar Jahren gilt 9.Lb5 womöglich als Widerlegung von 8…b6. Und vielleicht ist das ja genau der Braten, den Blübaum vor seiner Partie gegen Caruana beim Grenke-Chess gerochen hat.

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Variante nach 12…Dc7: Weiß ist voll mobilisiert und hat jetzt gewaltige Initiative für die geopferte Figur.

(9. O-O-O c4 10. Lxc4!? dxc4 11. d5 exd5 12. Dxd5 Dc7 (12…Lb7 13.e6 gewinnt für Weiß) wäre mindestens interessant und wahrscheinlich ein ziemlicher Schock für den Schwarzen. In der Praxis gab es diese Stellung noch nicht. Das weiße Konzept wäre so ähnlich wie in der Partie: Anstatt den oft im späteren Verlauf der Partie so wichtigen weißfeldringen Läufer unter Verrenkungen auf dem Brett zu halten, gibt Weiß ihn sofort her, um Zeit zu sparen, sich die Koordination zu erleichtern und sofort mobilisiert zu sein. Dass Schwarz wegen …b6 ein wenig Stabilität am Damenflügel eingebüßt hat, spielt dem Weißen in die Karten. 12.Dxd5 kommt mit Tempo, sonst würde die Chose nicht funktionieren. Jetzt genießt Weiß eine mächtige Initiative. Ihm bieten sich nach 12…Dc7 eine Reihe interessanter Fortsetzungen an, vom offensichtlichen 13.e6 über 13.Sb5 nebst 14.e6 und 13.Sd4 bis zu 13.Sg5.)

9… Dc7 10. O-O-O

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Auch das würden Schachmeister der 80er- und 90er-Jahre nicht gutheißen, wie sich an der Reaktion von Yasser Seirawan bei der Liveübertragung trefflich beobachten ließ. Seirawan versteht das Spiel heute noch besser und tiefer als die meisten anderen, aber 10.0-0-0, „das kann doch nicht gut sein?!“, sagte er ungläubig. Doch, Yasser, kann es, weil Weiß dank Lf1-b5xc6 viel schneller ist als in den Lehrbuchstellungen, in denen Weiß mit 0-0-0 ins Unheil rochiert.

10… a6 11. Lxc6 Dxc6 12. f5 

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Schwarz hat mit …b6, …Dd8-c7 und …a6 eine Menge Zeit verplempert, nur um sich den weißfeldrigen Läufer des Weißen einzuverleiben. Weiß hat derweil alles entwickelt, und jetzt setzt er als erster einen Hebel an, lange bevor der Schwarze auch nur in die Nähe seines Königs kommt.

12… c4 13. f6!

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Öffnet Linien für den Angriff und räumt das Feld e5 für den Sf3.

13…gxf6 14. exf6 Lxf6 15. Thf1

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Die weiße Attacke richtet sich gegen f7.

15… b5

Jetzt, spät, wird der schwarze Gegenangriff zumindest spürbar.

16. Df2

Caruana nahm sich angesichts des zu erwartenden …b5-b4-b3 eine halbe Stunde Zeit, um den besten Weg auszutüfteln, wie er als erster ans Ziel kommt. Immer noch ist das Konzept der beschleunigten Mobilisierung dank Lf1-b5xc6 gegenwärtig. Weder auf f1 noch auf der zweiten Reihe steht dem Weißen ein Läufer im Weg, so dass er unmittelbar auf der f-Linie verdoppeln kann.

16… b4

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17. Se2

(17. Se4!? war auch eine Option, aber Weiß hat keine Figurenopfer nötig. Sein Angriff rollt auch so, während sich schwarzes …b4-b3xa2 per Kd2 recht einfach entschärfen lässt.)

17… b3 18. Se5

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Wäre Schach Fußball und würde in Stadien gespielt, dann würde spätestens an dieser Stelle „Jetzt geht’s los!“ aus der Caruana-Fankurve erschallen.

18… Lxe5

Nicht schön, aber was sonst?

(18… bxa2 19. Sxc6 a1D+ 20. Kd2 Dxb2 +- Jetzt liegen Tb1 und Se5 in der Luft. Die schwarze Stellung ist nicht zu halten. Weiß steht mit zwei Minusbauern auf Gewinn.)

19. Dxf7+ Kd8 20. dxe5 bxa2

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Sieht angesichts des drohenden …a1D nach kräftigem Gegenspiel aus, aber nach…

21. Kd2

…hat Weiß alles unter Kontrolle.

21…Tf8 22. Dxh7 Txf1 23. Txf1

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Jetzt droht tödlich Se2-d4xe6+.

23… d4

Räumt der Dame das Feld d5.

24. Dg8+ Kc7 25. Sxd4 Dd5 26. Dxe6

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Nachdem Weiß den kompletten schwarzen Königsflügel eingesammelt hat, wäre er auch mit einem Endspiel glücklich. Während der a2-Bauer keine Gefahr darstellt, wäre das Duo auf h- und g-Linie kaum zu stoppen.

26… Da5+

Die ungleichfarbigen Läufer hielten hinsichtlich eines möglichen Endspiels die kleine schwarze Remishoffnung am Leben, aber jetzt ist es aus. Schwarz übersieht die Kombination 28.Tf7+ nebst Lf4+.

27. c3 Sxe5

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28. Tf7+! Sxf7 29. Lf4+ Kb7 30. Dxf7+ nebst Matt. Schwarz gab auf.

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Auf Augenhöhe mit der Weltklasse? Französische Theorieduelle

Als dem Schachbund vor zehn Jahren auffiel, dass ein deutscher Weltklassespieler unseren Sport voranbringen würde, gründete er die Prinzen, eine Gruppe herausragender Talente, die fortan gezielt gefördert wurden. Womöglich hatten die Funktionäre auch die deutsch-französische Freundschaft im Blick und verpflichteten den Nachwuchs, gegen 1.e2-e4 so oft wie möglich die Französische Verteidigung zu spielen?

Jedenfalls sind die Prinzen erwachsen geworden, und seit Jahren schon verbindet sie ihre Liebe zum Französischen. Das gilt auch für den Vorzeige-Prinzen Matthias Blübaum und dessen Großmeisterkollegen Georg Meier, die beiden deutschen Teilnehmer des Grenke Classic. Meier bevorzugt zwar den eher untypischen Rubinstein-Franzosen (Schwarz spielt früh …d5xe4), gilt darin aber als weltweit führender Experte.

Partien gegen Weltklassespieler bedeuten für ihre Gegner oft einen verschärften Test ihrer Eröffnungskenntnisse. Dass beim Grenke-Turnier die deutschen Franzosen manchem theoretischen Ansturm würden widerstehen müssen, das war abzusehen.

In Runde zwei ging das los, als Nikita Vitiugov gegen Georg Meier und Fabiano Caruana gegen Matthias Blübaum jeweils 1.e2-e4 zogen. In beiden Partien stand prompt 1…e7-e6 auf dem Brett, aber dann trennten sich bald die Wege.

Vitiugov fragte Meier in der Vorstoßvariante ab (1.e4 e6 2.d4 d5 3.e5), Fabiano Caruana testete Blübaums Kenntnisse in der Steinitz-Variante des klassischen Franzosen (1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sc3 Sf6 4.e5).

Meier sah sich bald mit einer Neuerung konfrontiert:

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8.b4-b5 hatte in dieser Stellung noch kein Spieler internationalen Formats probiert, was aber auch damit zusammenhängen mag, dass die Idee, den Springer c6 nach a5 zu treiben, dem Weißen nicht allzu viel verspricht, womöglich gar dem Schwarzen hilft, Spiel am Damenflügel zu organisieren.

Meier hielt seinen Laden ordentlich zusammen, geriet dann aber nach und nach in ein erst schwieriges und dann mehr als heikles Endspiel, in dem sich die seltene Konstellation ergab, dass sein Läuferpaar gegen Vitiugovs Springer nichts zu bestellen hatte. Kurz vor dem Ende sah es so aus:

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Läuferpaar, Turm auf der zweiten Reihe – auf den ersten Blick könnte man meinen, dass einige Faktoren für die schwarze Stellung sprechen. Tun sie aber nicht. Der Th2 steht in erster Linie weitab vom Kampfgeschehen, das am Damenflügel tobt, wo der weiße b-Freibauer machtvoll seiner Verwandlung entgegenstrebt.

Das Läuferpaar leidet unter einem arg limitierten Wirkungsradius und findet keinen Weg, den von seinen Springern mächtig unterstützten Freibauern zu stoppen. Obendrein erfreut sich Weiß schon seit einigen Zügen des prächtigen Stützpunkts d6, von dem aus ein einmal dort eingepflanzter Springer den Schwarzen erheblich belästigt.

Die Diagrammstellung ist schon nicht mehr zu halten, Meier gab bald auf.

Matthias Blübaum drohte nach seiner Erstrundenniederlage ein Desaster, denn in Runde zwei und drei würden der WM-Herausforderer und der Titelträger auf den jungen Großmeister warten.

Als sich Fabiano Caruana auf Blübaum vorbereitete, wird er diese Stellung aus dem Steinitz-Franzosen auf dem Brett gehabt haben:

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Und er wird gesehen haben, dass Blübaum in dieser Stellung 8…b7-b6 zu ziehen pflegt:

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Was immer Caruana darauf vorbereitet hatte, Blübaum kam der Präparation des WM-Herausforders zuvor, indem er dieses Mal 8…a7-a6 zog, bald gefolgt von …b7-b5.

Anstatt angeschlagen vom Knockout in Runde 1 gegen den Weltranglistendritten unter Druck zu geraten, spielte Blübaum zügig und entschlossen, während Caruana viel Zeit verbrauchte. Der Amerikaner war dem Deutschen in seine häusliche Vorbereitung gelaufen, nicht andersherum.

Für Blübaum ein normaler Tag im Büro

Auf dem Brett sah es zwar so aus, als würde Caruana einen Angriff am Königsflügel inszenieren können, aber das hatte Blübaum alles daheim geprüft und für harmlos befunden. Nach 21.f4-f5 war der Deutsche immer noch in seiner Vorbereitung, und seine größte Herausforderung bestand in der Gedächtnisleistung, sich daran zu erinnern, wie sich hier das weiße Spiel neutralisieren lässt.

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Diesen Gedächtnistest bestand Blübaum mit Bravour, knöpfte Caruana ein ungefährdetes Remis ab und tankte Selbstvertrauen für das Duell mit Magnus Carlsen am nächsten Tag.

Im Interview danach stellte Blübaum die Partie gegen Caruana als normalen Tag im Büro dar: „Manchmal läuft es halt gut, und Du bekommst Deine Variante aufs Brett.“ Und dann ist selbst für die Weltbesten nichts zu holen.

Ausruhen oder Aufwärmen? Was Carlsen und Caruana von Blübaum und Meier lernen können

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American hero: Fabiano Caruana nach dem Gewinn des Kandidatenturniers

Wie dosieren wir unsere Praxis vor einem wichtigen Turnier? Einerseits wollen wir ja nicht eingerostet ans Brett gehen, andererseits nicht ausgepowert. Magnus Carlsen und Fabiano Caruana bereiten sich in dieser Hinsicht sehr unterschiedlich auf ihr WM-Match im November vor.

Der Weltmeister hat sich seinen Terminkalender bis zur Titelverteidigung randvoll gepackt. Bei vier großen Turnieren (Grenke, Shamkir, Norway, Biel) hat er zugesagt. Wahrscheinlich wird er im Oktober die Europäische Mannschaftsmeisterschaft spielen; außerdem dürfte es ihm schwer fallen, die norwegische Nationalmannschaft bei der Schacholympiade Ende September in Georgien im Stich zu lassen. Carlsen wird im Lauf des Jahres so oft am Brett sitzen, dass kaum Zeit bleibt für ein mehrwöchiges Trainingslager zur WM-Vorbereitung, geschweige denn für etwas Urlaub.

Caruanas Pläne sind nicht so transparent, was damit zusammenhängen mag, dass er bis November längere Auszeiten einplant. Direkt nach dem Kandidatenturnier schwärmte der Amerikaner von seinem Trainingslager in Miami, das eine ideale Vorbereitung gewesen sei. Wahrscheinlich schwebt ihm für das WM-Match ein ähnliches Modell vor.

Schafft Blübaum den Durchbruch zur Weltklasse? Jetzt wäre eine gute Gelegenheit.

So oder so, schon Ostern werden Weltmeister und Herausforderer beim Grenke Classic in Karlsruhe antreten, gleich in der ersten Runde am Samstag. Abseits ihrer Partien können C&C am Beispiel der beiden deutschen Teilnehmer studieren, welches Maß an Praxis zur Vorbereitung taugt.

Matthias Blübaum hat sich vor Karlsruhe eine Auszeit genommen, für Georg Meier ist das Grenke Classic das Finale eines Schach-Marathons.

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Matthias Blübaum

Blübaum hat zugunsten des Karlsruher Turniers auf die jüngst beendete Europameisterschaft verzichtet und damit auf die Chance, sich für den hoch dotierten World Cup zu qualifizieren. Seit dem Tata-Steel-Turnier in Januar hat er sich auf die Vorbereitung fokussiert, um in Karlsruhe im Feld der Weltklassespieler zu bestehen.

Als Jugendlicher war Blübaum  selbst Weltklasse, stets ganz oben in den Ranglisten seiner Altersgenossen platziert. Im April wird Blübaum 21, sein Elo stagniert seit einem Jahr, und der Begriff „Talent“ hat sich bald verbraucht. Wenn noch ein Durchbruch Richtung 2.700 und darüber hinaus kommen soll, dann ist es an der Zeit. Ein Turnier als Elo-Außenseiter gegen Carlsen, Caruana, Aronian wäre eine treffliche Gelegenheit, neu durchzustarten.

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Georg Meier

Georg Meier (30) ist als Großmeister mal knapp dies-, mal knapp jenseits der Top 100 etabliert. „Georg is a serious guy“, sagte Magnus Carlsen neulich über den Deutschen, als der ihn bei einem Online-Mannschaftsturnier beharkte – eine Respektsbekundung.

Meier hat als Vorbereitung zum Grenke-Turnier die Praxis vorgezogen. Erst elf Runden bei der Europameisterschaft auf der Jagd nach dem World-Cup-Ticket, von dort direkt nach Karlsruhe und neun weitere knüppelharte Partien gegen Weltklassespieler.

Beim Grenke Classic wird sich zeigen, ob der ausgeruhte Blübaum oder der  aufgewärmte Meier eher von ihrer Vorbereitung profitieren. Vielleicht ziehen die WM-Kontrahenten Schlüsse daraus.

Verpatzte Generalprobe mit der Leib- und Magen-Eröffnung

Als gutes Omen kann Meier den Verlauf der Europameisterschaft deuten, wenn denn das alte Sprichwort zutrifft, dass auf eine verpatzte Generalprobe stets eine gelungene Premiere folgt. 12 Elo-Punkte ließ Meier in Georgien und war schon zur Mitte des Turniers mehr oder weniger raus aus dem Rennen um die World-Cup-Plätze.

Stellvertretend für seine enttäuschende Performance steht eine Niederlage, die Meier in der vorletzten Runde ereilte. Nicht nur nahm sein Gegner eine Anleihe bei Vladimir Kramniks …Tg8 aus dem Kandidatenturnier, obendrein erwischte es Meier in der Rubinstein-Variante des Französischen, der Eröffnung, als deren führender Experte er gilt.

Semen Lomasov – Georg Meier, Europameisterschaft Batumi 2018

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Die Rochaden zu verschiedenen Seiten kündigen schon an, dass es mittelfristig scharf zugehen wird. Wahrscheinlich wird sich ein Wettrennen um den Skalp des gegnerischen Königs ergeben.

Der Ukrainer Vassily Iwantschuk hat in dieser Stellung vor fünf Jahren erst einmal seinen König in Sicherheit gebracht, 13. Kb1. Aber da kannte er ja auch noch nicht die Partie Aronian – Kramnik aus Berlin 2018.

In Meiers Partie meldete der Weiße mit 13.Thg1 à la Kramnik unmittelbar Ambitionen in Richtung schwarzer König an. g4 nebst Mattangriff soll folgen. Aber nach 13… Sd7

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…zog Weiß 14.Lg3. Das sieht putzig aus, blockiert es doch den g-Bauern, der sich gerade erst zum Vormarsch bereit gemacht hat. Aber auf f4 wird der Läufer viel wirksamer aufgestellt sein, um den kommenden Angriff zu unterstützen. Außerdem steht Weiß etwas freier, hat etwas mehr Raum, also hält er Material auf dem Brett, um der auf drei Reihen zusammengepressten schwarzen Armee nicht die Koordination zu erleichtern.

Nach 14… a6 15.Kb1 b5 16. Lf4 Ld5 17.g4

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rollte Weiß los, und Meier wusste sich nicht anders zu helfen, als sich per 17… g5 der weißen Attacke entgegenzustemmen. Das lockert freilich die schwarze Königsstellung erheblich, und Schwarz geriet sehr bald in arge Not. 14 Züge später warf Meier das Handtuch. Beim Grenke Classic kann es nur besser werden.

EM-Splitter: das bayerische Gambit in der Krise

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IM Maximilian Berchtenbreiter

Die jungen deutschen IM Maximilian Berchtenbreiter und Felix Graf kennen einander. Beide stammen aus Bayern, beide zählten vor nicht allzu langer Zeit zu den herausragenden Jugendlichen in Schachdeutschland.

Da liegt es nahe zu vermuten, dass Felix Graf Maximilian Berchtenbreiter mit einer seiner französischen Vorlieben infiziert hat, einem Gambit Marke Eigenbau im Tarrasch-Franzosen mit 3…Sg8-f6, um das sich der junge deutsche Schachmeister fast im Alleingang verdient macht.

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6…b7-b5 spielt Felix Graf regelmäßig und mit Erfolg. Zu den Opfern seines bayerischen Gambits zählt unter anderem der kanadische Großmeister Eric „Chessbrah“ Hansen, der 2013 in der Bundesliga (Wattenscheid gegen Bayern München) kein rechtes Mittel gegen 6…b7-b5 fand.

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IM Felix Graf

Bei der EM in Batumi musste das bayerische Gambit in der ersten Runde am Brett von Maximilian Berchtenbreiter einen weiteren Härtetest bestehen. Dem Deutschen gegenüber saß der englische GM Gawain Jones, der nach zwei Turnieren der anderen Art in Batumi wieder in den Alltag eines Schachprofis zurückkehrt.

Sein Jahr begonnen hatte Jones mit einem Ausflug in die Weltspitze in der A-Gruppe des Tata-Steel-Turniers in Wijk an Zee, von dem unglücklicherweise vor allem in Erinnerung blieb, dass Jones eine Mehrfigur gegen Magnus Carlsen nicht ausreichte, um die Partie zu gewinnen. Dass er im Kreise der 2.700+-Giganten eine ordentliche Vorstellung ablieferte, ist längst vergessen. Danach reiste Jones zum Spaßturnier im irischen Bunratty, das nicht Elo-gewertet wird, um den Guinness-Konsum der Teilnehmer anzukurbeln.

Nun also wieder die Mühsal der Ebene, und die begann für Jones mit einer Weißpartie gegen Maximilian Berchtenbreiter, der ihm sogleich das bayerische Gambit vorsetzte.

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Diese Stellung nach 7.Lxb5 Db6 8.Da4 a6 9.Ld3 cxd4 10.cxd4 Sc6 11.Se2 Sb4 12.Lb1 a5 könnte eine Grundstellung der Variante sein, würde sie denn öfter gespielt. Felix Graf hatte die Stellung zwei Mal auf dem Brett, außerdem gab es sie sein ein Mal in einer Partie in einer bayerischen (!) Amateurliga. Und jetzt Jones-Berchtenreiter.

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GM Gawain Jones

Auf jeden Fall wird deutlich, dass nicht übermäßiger Konsum von Weißbier zu 6…b7-b5 geführt hat, sondern dass eine Idee dahintersteckt. Die weißen Truppen sind nahe der Grundlinie versammelt, Schwarz hat sich derweil am Damenflügel ordentlich ausgebreitet, plant, mit …Lc8-a6 seinen weißfeldrigen Läufer ins weiße Lager spähen zu lassen, und hat obendrein den d4-Bauern fest im Blick. Stünde der Lf8 schon auf e7 und hätte Schwarz schon rochiert, dann hätte er mehr als genug Kompensation für den Bauern. Aber dass Schwarz selbst einige Schwierigkeiten hat, seinen Monarchen in Sicherheit zu bringen, zeigt die Zweischneidigkeit des schwarzen Konzepts.

Allemal sollte Weiß jetzt nicht voreilig rochieren, dann folgt …Lc8-a6, und Schwarz kann zufrieden sein. Stattdessen entschied sich Jones, erst einmal den vorwitzigen Sb4 nach Hause zu schicken und dann dem bald auf a6 erscheinenden Läufer einen Opponenten entgegenzustellen.

Es folgte 13.a2-a3 Sb4-c6 14.Lb1-d3 Lc8-a6 15.Ld3xa6 Db6xa6

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Schachfreund Stockfish schlägt an dieser Stelle vor, Weiß solle seinen Mehrbesitz behaupten: 16.Sd2-b1!? Lf8-e7 17.Sb1-c3 0-0 18.0-0, aber das kostet genau die beiden Tempi, die Schwarz zur Rochade braucht. Schwarz hat Spiel am Damenflügel, gegen d4, und im weißen Lager klaffen weißfeldrige Löcher. Der Nachziehende solltest zumindest ganz nahe an voller Kompensation sein.

Gawain Jones entschied sich stattdessen, den Bauern zurückzugeben, sofort zu rochieren und dem Schwarzen die Frage zu stellen, wie der eigentlich seinen König in Sicherheit zu bringen gedenkt. Nach 16.0-0 Sc6xe5 17.d4xe5 Dxe2 18.Sd2-f3 plagt die Fesselung auf der Diagonalen a4-e8 den Schwarzen nämlich mehr denn je, und es ist nicht klar, wie es nun weitergehen soll.

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Das von der Maschine eingeforderte und laut Stockfish zu annäherndem Ausgleich führende 18…De2-c4 führt stattdessen nach 19.Da4xc4 d5xc4 zu einem für den Weißen zwar nur ganz leicht besseren, dafür praktisch sehr angenehmen Endspiel, in dem er für lange Zeit den Schwarzen an seinem strukturellen Defizit wird leiden lassen können.

Felix Graf hatte diese Stellung auch schon auf dem Brett, und wie Berchtenbreiter spielte er 18…Lf8-c5?!. Nur steckt Schwarz nach 19.b2-b4 in erheblichen Schwierigkeiten. Jones fuhr in der Folge mit sicherer Hand seinen ersten vollen Punkt des Turniers ein.

Nach unserer Einschätzung erlebt das bayerische Gambit gerade eine Krise. Mögen Berchtenbreiter und Graf schnellstens die heimische Analyseküche aufsuchen, um ein Rezept gegen Jones‘ Spielweise auszuhecken.