Was sind eigentlich hässliche Züge? Und wie erkennen wir die?

Schöne Züge haben wir ja schon einige gesehen. Auch haben wir von Spielern gehört, die so manchen schönen Zug ausgeführt haben. Neulich zum Beispiel im Beitrag „Die Dame im Spiel“ bei unserem Ausflug zur Skandinavischen Verteidigung erfreuten wir uns an Visvanthan Anands fantastischem 21.Lg6!!, ein Zug, der um die Welt ging.

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Die hängende Dame auf d1 schlägt Schwarz besser nicht…

Den begnadeten Angriffsspieler Frank James Marshall haben wir bislang immer auf der Verliererseite kennengelernt. Der amerikanische Schachmeister, seinerzeit einer der besten der Welt, hat es mehr als verdient, dass wir seinen berühmtesten Gewinnzug zeigen, ebenfalls ein Damenopfer:

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…und die auf g3 sollte Weiß verschmähen.

23…Qg3!! war so spektalulär-schön, dass der Legende nach die Zuschauer Goldmünzen aufs Brett warfen, nachdem der Weiße aufgegeben hatte. Auf drei verschiedene Weisen kann Weiß die schwarze Dame schlagen, aber jede führt zum Verlust. Großartig!

Wer die ganze Partie sehen möchte, hier ist sie: Stefan Levitsky – Frank James Marshall, Breslau 1912.

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Begnadeter Angreifer: Frank James Marshall (1877-1944) aus den USA.

Wo es schöne Züge gibt, muss es hässliche geben. Und die gibt es in der Tat, aber sie sind nicht so einfach zu definieren. Hässliche Züge passen nicht in die Stellung, aber wer nichts vom Schach weiß, der kann ja nicht erkennen, ob ein Zug natürlich aussieht oder eben hässlich.

Schachmeister sind in schwieriger Lage manchmal gezwungen, einen hässlichen Zug zu machen, weil nur der ihre Stellung taktisch zusammenhält. Anfänger machen manchmal hässliche Züge, ohne sich dessen bewusst zu sein.

Dann gibt es noch einen dritten Fall: ein Vereinsspieler, der absichtlich hässliche Züge macht, damit seine Freunde vom Vereinsblog ein Anschauungsbeispiel haben. In dieser Hinsicht ist unser Schachfreund Arno neulich in Überlingen über sich hinausgewachsen.

Joachim Schmidt – Arno Dirksen, Januar 2018

Hier ließ Arno eine Sequenz folgen, die war so hässlich, dass sie dem Betrachter die Tränen in die Augen trieb, selbst in dem Wissen, dass der Kollege das ja nur zu Demonstrationszwecken macht. Vier Züge am Stück, einer unnatürlicher als der andere. Jeder einzelne macht die schwarze Stellung eher schlechter als besser.

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Los ging es mit …Sd7-b6, obwohl wir ja schon vor Wochen von Siegbert Tarrasch gelernt haben, „dass ein Springer auf b3 oder b6 meistens schlecht steht“. Und es waren dringendere Sachen zu erledigen, die Rochade zum Beispiel. Aber wer weiß, vielleicht will Schwarz ja die c-Linie öffnen und seinem Springer mittelfristig ein hübsches Plätzchen auf c4 sichern?

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Will er nicht. Es folgte …c5-c4. Die Stellung am Damenflügel zu schließen, wäre allein schon schlimm genug, aber mit einem Springer auf b6 ist es noch schlimmer. Spiel bekommt Schwarz jetzt nur, wenn er schleunigst …b7-b5-b4 durchdrückt, aber genau dafür steht ihm der verirrte Sb6 im Weg.

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Ok, den Springer könnte man ja über d7 wieder zurück ins Spiel bringen und die Truppen halbwegs harmonisch aufstellen, aber prompt geschah …Lc8-d7, und schon war dem Springer dieses Rückzugsfeld blockiert.

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Dann muss halt der Läufer weg von d7. Es folgte …Ld7-e8. Das ist nicht nur das passivstmögliche Feld für den Läufer, obendrein behindert er dort die Koordination der Schwerfiguren. Die Türme zu verbinden, wird einen weiteren Läuferzug erfordern.

Binnen vier Zügen hat sich Schwarz des Gegenspiels beraubt und seine Figuren zu einem unkoordinierten Knäuel verknotet, das er mühsam wird entwirren müssen. So sieht hässlich aus.

Und doch war es kein Spiel mit dem Feuer, zum einen, weil auch der Gegner offensichtlich keinen rechten Plan fand, zum anderen, weil in eher geschlossenen Stellungen Zeitverlust leichter zu verkraften ist als inmitten einer offenen Feldschlacht. Arno steuerte die Partie noch mit leichter Hand in den Remishafen, und wir bedanken uns für die Demonstration.

Schauen wir mal, ob wir in anderen Partien dieses Schach-Sonntags noch weitere Hässlichkeiten (oder andere instruktive Momente) identifizieren können.

Frage 59

Jürgen Lerner – Richard Kupprion, Januar 2018

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Die Kontrahenten haben eine Stellung aus der Königsindischen Verteidigung erreicht. Schwarz hatte unter einer Reihe von plausiblen Zügen zu wählen. Er entschied sich für …b7-b6.

Hässlicher Zug?

Warum?

Frage 60

Wenn …b7-b6 nebst …Lc8-b7 hässlich war, dann wäre es jetzt an der Zeit, dem Schwarzen zu zeigen warum.

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Wie geht das?

Frage 61

Schwarz hat auf d5 einen Bauern geschlagen, Weiß kann auf drei Arten zurückschlagen.

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Welche ist die beste?

Warum?

Frage 62

Welche Idee bietet sich für Schwarz nicht nur an, sondern ist sogar unverzichtbar, wenn er auf ausgeglichenes Spiel pochen will?

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Frage 63

Schwarz hatte sich in der Stellung von Frage 62 für …Sd7-e5 entschieden. Das war ein bisschen hässlich, jetzt sollte Weiß Vorteil haben.

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Warum steht Weiß besser? Und wie spielt er jetzt am besten weiter?

Frage 64

Klar, das Feld e4 sieht verlockend aus. Sofort stellte der Weiße per Sc3-e4 einen Springer dahin.

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Natürlicher Zug oder hässlicher Zug?

Hier geht’s zu den Antworten

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Julian Assange und der Marshall-Angriff

Seine Vorliebe für das königliche Spiel hat der Wikileaks-Gründer und hauptberufliche Enthüller Julian Assange lange vor der Öffentlichkeit verborgen. Bis jetzt. Ein Schach-Tweet von Assange beschäftigt nicht nur Denksportler.

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Was Assange uns damit sagen will? Man weiß es nicht.

Die Stellung ist jedenfalls leicht zu identifizieren, sie stammt aus einer Partie zwischen dem Kubaner José Raúl Capablanca (Weltmeister 1921-27) und dem US-Amerikaner Frank James Marshall, gespielt im Jahre 1918. Nicht irgendeine Partie, sondern die Stammpartie des „Marshall-Angriffs„, der in diesem Jahr 100 Jahre alt wird.

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Frank James Marshall (links) gegen José Raúl Capablanca

Im Beitrag „Marshall verprügeln“ haben wir den ebenso furchtlosen wie erfindungsreichen Frank James Marshall ja schon als Namensgeber der „Marshall-Verteidigung“ kennengelernt, einer zweifelhaften Eröffnung, der nicht einmal ihr Erfinder traute.

Der „Marshall-Angriff“, ein System der Spanischen Eröffnung, erfreut sich seit 1918 bester Gesundheit. Weil die Weißspieler ihn nur allzu gern vermeiden, ist mit dem „Anti-Marshall“ ein Komplex enzyklopädischen Umfangs entstanden, ein Tribut an die ungebrochene Vitalität des Marshall-Angriffs.

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Bewährt seit 100 Jahren: 8…d7-d5, der Marshall-Angriff. Weiß gewinnt zwar nach 9.e4xd5 und 10.Sf3xe5 einen Bauern, aber Schwarz bekommt dafür eine mächtige Initiative gegen den weißen König.

Die Geburt dieser Eröffnung verlief alles andere als komplikationsfrei. Jahrelang, heißt es, habe Frank James Marshall an seiner Eröffnungsidee getüftelt, bis er damit im Oktober 1918 in New York gegen den als beinahe unbesiegbar geltenden Capablanca in die Schlacht zog. Der, überrascht von 8…d7-d5 und 11…Sd5-f6, musste sich zwar bald einer substanziellen schwarzen Initiative erwehren, neutralisierte aber nach und nach das Spiel des Schwarzen und gewann am Ende dank seines Mehrbauern.

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Frank James Marshall zog einst 11…Nd5-f6. Heute spielen die Schwarzen fast immer 11…c7-c6. Bald folgt …Le7-d6, dann wird die schwarze Dame in der Nähe des weißen Königs auftauchen, und Schwarz hat Kompensation für den geopferten Bauern.

Statt Marshalls 11…Sd5-f6 spielten die Schwarzen bald vor allem 11…c7-c6, gefolgt von …Le7-d6 nebst einer Attacke auf den weißen König. Jahrzehntelang waren die schwarzen Angriffschancen gefürchtet, aber mittlerweile ist der Marshall-Angriff mit Computerhilfe so tief analysiert, dass die Theorie bis tief ins Endspiel reicht. Heute gilt der Marshall-Angriff als eine der remisträchtigsten Eröffnungen überhaupt, und das dürfte so gar nicht im Sinne seines Erfinders sein.

Die Stammpartie des Marshall-Angriffs: José Raúl Capablanca – Frank James Marshall, New York 1918

Marshall verprügeln II

Antwort 4:

Schwarz hätte erst seinen Bauern auf d5 mittels …e6 (Damengambit) oder …c6 (Slawisch) stützen sollen, bevor er eine Figur entwickelt. 2…Sg8-f6 gibt ohne Not das Zentrum preis.

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Weiß sollte die Einladung annehmen, sich ein perfektes Bauernzentrum e4/d4 zu bauen. Erst schlägt er auf d5, dann folgt e2-e4, und Weiß beherrscht/besetzt alle Zentralfelder, während der Schwarze Zeit verliert, indem er mit seinem Springer herumziehen muss.

Obgleich der schwarze Zug 2…Sf6 nicht so toll ist, hat die Eröffnung einen Namen: die Marshall-Verteidigung, benannt nach dem amerikanischen Schachmeister Frank James Marshall (1877-1944), seinerzeit ein gefürchteter Angriffsspieler. Aber sogar Frank Marshall hat „seine“ Verteidigung nicht mehr gespielt, nachdem er sie 1925 gegen den angehenden Weltmeister Alexander Aljechin ausprobiert hatte und fürchterlich verprügelt worden war.

Tipp für Profis: Nach 1.d4 d5 2.c4 Sf6 3.cxd5 Sxd5 4.e4 Sf6 5.Sc3 e5 schafft es Schwarz doch, sich im Zentrum dagegenzustemmen, und alles ist halb so wild. Aus diesem Grund gilt 4.Sf3! und erst danach e2-e4 als präziser.


Antwort 5:

Ohne Not geben wir unser Läuferpaar nicht her, außer wir bekommen etwas dafür. Und wenn wir schon eine gegnerische Figur gefesselt haben (der schwarze Lb4 fesselte unseren Sc3), dann wollen wir diese Fesselung aufrecht erhalten, um dem Gegner das Leben schwer zu machen.

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Schwarz könnte denken, dass er es immerhin geschafft hat, unsere Struktur zu beschädigen, weil er uns auf c3/c4 einen Doppelbauern verpasst hat (vergleiche Frage 1 und 2). Aber dieser Doppelbauer ist keine Schwäche. Weder ist er isoliert, noch kann Schwarz verhindern, dass wir ihn auflösen (zum Beispiel via c4xd5).


Antwort 6:

Mit dem Läufer auf e5 zurückzuschlagen, sieht natürlicher aus. Von seinem zentralen e5-Posten aus lugt der Läufer in die eh schon geschwächte schwarze Königsstellung, Weiß hat klaren Vorteil. Wenn wir stattdessen mit dem Bauern zurückschlagen, haben wir uns einen verdoppelten e-Bauern eingehandelt, der zudem unseren schwarzfeldrigen Läufer auf g3 einsperrt.

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Und doch ist das hässliche, weniger natürliche d4xe5 der Gewinnzug. Die oben aufgeführten positionellen Erwägungen sind zwar richtig, aber nicht relevant, weil d4xe5 konkret taktisch gut ist. Von e5 aus greift unser Bauer seinen Sf6 an, und nur der deckt seinen g4-Bauern. Zieht der angegriffene Springer, schlägt unsere Dame auf g4 und wird zum Teil unserer Attacke auf den schhwarzen König. Lg3xe5 gäbe Schwarz stattdessen Zeit, mittels …h6-h5 den g4-Bauern zu decken und seinen Laden erstmal zusammenzuhalten.