Der Schachsommer wird heiß: FIDE-Präsident Nigel Short?

Nigel Short will FIDE-Präsident werden. Das bestätigte der Brite jetzt der „Aftenposten“ (Abendpost), der größten Zeitung Norwegens. Die Ankündigung des ehemaligen WM-Herausforderers platzt mitten in eine Schlammschlacht zwischen Amtsinhaber Kirsan Iljumschinow und seinem Vize Georgios Makropoulos. Short ist nach diesen beiden der dritte Kandidat, der seinen Hut für die Wahl im Oktober in den Ring wirft. „Das Schach verdient eine bessere Alternative“, sagt der 52-Jährige.

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Die Geschichte des Schach-Weltverbandes ist seit der Amtsübernahme des Philippino Florencio Campomanes 1982 reich an schmierigen Gestalten und substanziellen Krisen. Und doch ist die jüngste Misere ohne Beispiel, wahrscheinlich ebenso existenzbedrohend wie jene, als der Schachweltverband Mitte der 90er-Jahre am Ende der Campomanes-Ära abgewirtschaftet und zerfressen von Korruption und Intrigen vor dem Aus stand. Immerhin hatte die FIDE damals noch ein Bankkonto. Das hat sie heute nicht mehr.

Polit- und Wirtschaftsmarionette

1995 trat ein bis dahin im Westen unbekannter Kalmücke namens Kirsan Iljumschinow auf den Plan, gerade gewählt zum Präsidenten der kalmückischen Republik, bestens vernetzt mit der neuen russischen Elite und willens, dem Schach mit großen Mengen Geld wieder auf die Beine zu helfen. Dass Schachpräsident Iljumschinow auch und manchmal in erster Linie als Marionette russischer Polit- und Wirtschaftsinteressen durch die Welt reiste, letzter Staatsgast sowohl von Muammar al-Gaddafi wie von Saddam Hussein war, ließ sich leicht übersehen, so lange die Kasse stimmte. Und die schachfremden Medien berichten seit 20 Jahren eh lieber über Iljumschinows Begegnung mit Aliens, als ihn ernsthaft zu durchleuchten.

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Gut fünf Monate vor dessen Tod besuchte Iljumschinow Muammar al-Gaddafi.

Auch bei Syriens Machthaber Baschar al-Assad wäre Iljumschinow einer der letzten Staatsgäste vor dessen Entmachtung gewesen, wäre Russland nicht in letzter Sekunde eingeschritten, um Assad im Amt zu halten. Den Syrer hatte Iljumschinow nach Ansicht des US-Finanzministeriums nicht besucht, um im vom Bürgerkrieg erschütterten Land das Schachspiel zu verbreiten, sondern um mit Hilfe seiner Bank Ölgeschäfte zwischen dem Diktator und der Terrortruppe ISIS abzuwickeln. Dafür landete Iljumschinow Ende 2015 auf der US-Sanktionsliste, und auf der steht er immer noch.

Auch die Deutsche Bank will das Geld der FIDE nicht

Das bescherte der FIDE ein Problem, denn Menschen auf dieser Liste haben bei internationalen Kreditinstituten keinen Kredit. Die Schweizer Bank UBS, über die die FIDE ihre Geldgeschäfte abwickelt, drohte dem Weltverband, seine Konten zu sperren, sollte Iljumschinow im Amt bleiben. Die FIDE erwirkte mehrfach einen Aufschub, aber Ende April 2018 zog die UBS die Reißleine. Die FIDE hatte zuvor bei mehreren anderen Kreditinstuten angefragt, unter anderem bei der Deutschen Bank, aber keines gefunden, das ihr Geld will, so lange Iljumschinow im Amt ist.

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Bei der Amtsübergabe: Ende 2015 übernahm Makropoulos die FIDE-Geschäfte. Iljumschinow klebt seitdem am Präsidentenamt und will es über 2018 hinaus behalten.

Der FIDE-interne Bruch zwischen Iljumschinow und seinen ehemaligen Steigbügelhaltern um Vizepräsident Makropoulos begann, als das US-Finanzministerium einschritt. Erst trat Iljumschinow zurück, trat dann vom Rücktritt zurück, und schließlich kulminierte der Bruch in der ultimativen Aufforderung des FIDE-Vorstands an seinen Präsidenten, sein Amt niederzulegen. Doch der klebt an der Präsidentschaft, lässt seit Ende 2015 Makropoulos zwar die Geschäfte führen, aber tingelt seitdem auf Wiederwahlkampftour über die Welt, zuletzt durch Asien und Afrika, um für sich zu werben („Stimmen zu kaufen“, würde mancher behaupten). Am Ende einer Reihe von Possen veröffentlichte Kirsan Iljumschinow vor einigen Tagen sein Team, darunter ein Amerikaner, der wahrscheinlich nicht existiert, und eine vermeintliche thailändische Prinzessin, die keine Prinzessin ist.

Team Kirsan: Fantasie-Kandidat und Schummelprinzessin

Deren Lebensläufe musste er für die Vorstandssitzung des Russischen Schachverbands einreichen, der am vergangenen Wochenende darüber befand, wen Russland bei der FIDE-Wahl im Oktober unterstützen wird. Seit Monaten war spekuliert worden, Russland werde mit Ex-Weltmeister Anatoli Karpow einen eigenen Kandidaten ins Rennen schicken, um bei der FIDE weiter die Fäden in der Hand zu halten. Der Milliardär und Chef des russischen Verbandes Andrey Filatov hatte Iljumschinow noch im Februar die Unterstützung verweigert und ihn zuletzt bei der Wahl um Spitze des russischen Schachverbands ausgestochen. Die Tage des Kalmücken als globale russische Marionette seien gezählt, hieß es seitdem.

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Mächtiger Mann des russischen Schachs: Andrey Filatov.

Dennoch votierten die russischen Schachgranden unter Filatovs Vorsitz jetzt für Iljumschinow und sein „Team“, und das ohne Gegenstimme. Eine überraschende Entscheidung, die sich bislang jeder Erklärung entzieht. Vielleicht (und das ist Spekulation) will die russische Politik das Narrativ von der US-amerikanischen Verschwörung gegen Iljumschinow weiter pflegen. In dieses Bild würde passen, dass die russische Botschaft laut Aftenposten schon im Frühjahr beim norwegischen Schachverband anklopfte (und wer weiß, wo noch?), um Unterstützung für Iljumschinow zu sichern. Womöglich war es eine Order des Kreml (Vorsicht, hinter dem Link verbirgt sich ein zu Verschwörungstheorien neigendes Blog), den seit 1995 amtierenden FIDE-Präsidenten ein weiteres Mal zu unterstützen.

Das Ende der FIDE als handlungsfähige Organisation

Wer sich nun den Mann und sein Team und die US-Sanktionsliste betrachtet, braucht kein Insiderwissen, um zu sehen, dass Iljumschinows Wiederwahl das endgültige Ende der FIDE als handlungsfähige Organisation wäre. Wer sich dann die Wahlstruktur und -kultur bei der FIDE anschaut (jede Föderation hat eine Stimme, egal wie groß. Die Stimmen der kleinen Föderationen aus Afrika und Asien werden in der Regel gekauft), der sieht, dass spätestens mit dem russischen Votum für Iljumschinow dessen Wiederwahl das wahrscheinlichste Szenario ist, ungeachtet der Folgen.

Nigel Short sieht das anders. „Jetzt sind drei Kandidaten im Rennen, das ist eine neue Geschichte“, erklärte der Brite der Schachseite chess.com. Will er eine Chance haben, muss er zumindest alle europäischen und amerikanischen Föderationen hinter sich vereinen und hoffen, dass er noch anderswo fischen kann. In dieser Hinsicht hilft dem britischen Weltenbummler, dass er in vielen der exotischen FIDE-Länder bekannt und beliebt ist.

Und Europa? Schon der Präsident des norwegischen Verbands hegte gegenüber dem Aftenposten Zweifel: „Ich kenne Nigel Short als exzellenten Schachspieler. Ob er ein exzellenter Präsident wäre, da bin ich mir nicht sicher“ , sagt Morten Madsen. Nicht einmal auf die Unterstützung des englischen Verbands kann Short zählen. Dessen Delegierter, Shorts Jugendfreund Malcolm Pein, will zwar auch den Wechsel, hat sich aber schon dem Lager Makropoulos‘ angeschlossen, in dessen Team er als Vizepräsident kandidiert.

„Vertrag mit Agon beenden“

Ende Mai will Short sein Team und weitere Unterstützer vorstellen und sich bis dahin bedeckt halten. Nur ein dringendes Anliegen macht er jetzt schon öffentlich: „Ich will den Vertrag mit Agon beenden. Die FIDE hat davon in keiner Weise profitiert und angesichts verpasster Möglichkeiten sogar eine Menge verloren.“

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Ilya Merenzon.

Agon ist die mit Iljumschinow verbundene Schachvermarktungsfirma, die unter dem Namen „Worldchess“ die Rechte an WM-Kämpfen, Kandidatenturnier, World Cup und Grand Prix hält, sich traditionell schwer damit tut, potente (westliche) Sponsoren zu finden, und bei der Vermarktung jeder ihrer Veranstaltungen ein trauriges Beispiel dafür abliefert, wie es nicht geht. Für das WM-Match im November in London zum Beispiel sucht Agon schon Sponsoren, aber auf der offiziellen Website ist noch nicht einmal zu sehen, wer um den Titel spielen wird.

Agon-Chef Ilya Merenzon hat neulich mit dem Handelsblatt gesprochen und dabei seine enge Verbindung zu Iljumschinow dokumentiert. Unter anderem rühmte Merenzon die Weitsicht des FIDE-Präsidenten, der es schaffe, seiner Organisation trotz des US-amerikanischen Störfeuers Handlungsoptionen zu erhalten. Das Problem sieht Merenzon eher darin, dass Iljumschinows segensreiche Handlungen nicht richtig kommuniziert werden.

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Zumindest in Sachen Kommunikation haben Iljumschinow und Makropoulos jetzt einen schlagkräftigen Kontrahenten. Short gilt als jemand, der sich nicht scheut anzuecken, nie ein Blatt vor den Mund nimmt und keinem Streit aus dem Wege geht. Aber ob er Schachpolitik so gut spielt wie Schach? In dieser Disziplin hat Iljumschinow zuletzt keine Geringeren als Karpow und Kasparow besiegt.

Es wird ein heißer Schachsommer.

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Iljumschinows FIDE findet keine Bank, die ihr Geld will

FIDE-Schatzmeister Adrian Siegel muss das Geld des Schach-Weltverbands bald in seine Matratze einnähen oder daheim im Tresor deponieren. Eine Bank, die mit ihr zusammenarbeiten will, findet die FIDE jedenfalls nicht, so lange Präsident Kirsan Iljumschinow auf der US-Sanktionsliste steht.

(Update, 12. April: Die FIDE hat jetzt Zusammenfassungen und Protokolle der entscheidenden Minuten aus drei Sitzungen ihres Präsidiums veröffentlicht. Anhand der Dokumente soll jeder nachvollziehen können, wie es zum Bruch mit Iljumschinow und zur Kandidatur Makropoulos‘ kam.)

(Update, 11.April: Ein Gönner aus Katar hat der FIDE angeboten, ihre Geldgeschäfte zu erledigen, wenn sie ab dem 30. April keine Bank mehr hat. Das und mehr erklärte Interims-FIDE-Präsident und Präsidentschaftskandidat Georgios Makropoulos jetzt in einem mehr als lesenswerten Interview mit chess.com.)

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Kirsan Iljumschinow

Einen Aufruf des FIDE-Präsidiums zurückzutreten, lehnte Iljumschimow jetzt bei der Präsidiumssitzung in Minsk (Weißrussland) ab. Stattdessen kündigte er an, im Oktober zur Wiederwahl anzutreten. Seit Wochen schon reist Iljumschinow durch die Welt, um für seine Wiederwahl zu werben. Jetzt läuft nebenbei sein Twitter-Account auf Hochtouren, darin heißt es unter anderem, er wolle seine Werbetour noch ausweiten, „vielleicht 70 oder 80 Länder besuchen“. Auch glaubt er nicht, dass die FIDE-Konten gesperrt werden, schon gar nicht wegen ihm.

Wie isoliert der Kalmücke derweil in seiner Organisation ist, zeigt das 14:1-Votum für die Resolution (inklusive der Stimme des Ex-DSB-Präsidenten Herbert Bastian), die ihn auffordert, sein Amt niederzulegen.

Die Schweizer Bank UBS hatte der FIDE zum 28. Februar die Geschäftsbeziehung gekündigt. Der Schachverband handelte eine Fristverlängerung bis zum 30. April heraus in der Hoffnung, bis dahin die Personalie Iljumschinow geklärt zu haben. De Facto sitzt in der FIDE seit drei Jahren Vizepräsident Georgios Makropoulos am Ruder.

Andere Banken kontaktiert – vergebens

Siegel und FIDE-Geschäftsführer Nigel Freeman haben nach der UBS-Kündigung Kontakt zu mehreren anderen Banken in der Schweiz und anderswo aufgenommen. Dem Präsidium berichteten sie laut einer FIDE-Pressemitteilung nun, dass alle Geldinstitute gerne mit der FIDE zusammenarbeiten würden, aber nur, wenn Iljumschinow nicht mehr im Amt ist. In der gegenwärtigen Konstellation finde die FIDE kein Kreditinstitut.

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Georgios Makropoulos

Die finanzielle Lage der FIDE stellte Vizepräsident Georgios Makropoulos als gesund dar, eine überraschende Botschaft. Aufgrund ausbleibender Einnahmen, unter anderem von ihrer Schachvermarktungsfirma Agon, und unkontrollierten Spesen hatte die FIDE zuletzt einen rasanten finanziellen Sturzflug hingelegt, in dessen Verlauf ihre Mittel von gut 2 Millionen auf gut 300.000 Euro zusammengeschmolzen waren.

Makropolous sagte nun, man habe unnötige Kosten gestrichen und mittlerweile sogar wieder Reserven angehäuft. Zahlen veröffentlichte die FIDE anlässlich ihrer Präsidiumssitzung nicht.

Makropoulos kündigt Kandidatur an

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Anatoli Karpow

Für die Präsidentschaftswahl Anfang Oktober kündigte Vizepräsident Makropoulos an, als Präsident zu kandidieren. Makropoulos bekleidet seit mehr als 30 Jahren Führungsämter in der FIDE. Den seit 1995 amtierenden Iljumschinow unterstützte er lange bedingungslos, rückte dann von ihm ab, als die USA ihn auf die Sanktionsliste setzten und ihm die Einreise verwehrten.

Sollte Iljumschinow seine Ankündigung, ebenfalls zu kandidieren, wahr machen, stehen schon zwei Kandidaten im Ring. Dazu könnte sich noch Exweltmeister Anatoli Karpow gesellen. Das Gerücht über dessen Kandidatur kursiert seit Monaten unwidersprochen.

Heimspiel für Caruana gegen Carlsen? US-Schachmäzen will das WM-Match in die USA holen

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Rex Sinquefield

(Finale (?) Aktualisierung, 30. März:

World Chess möchte das Gerücht einer WM-Verlegung aus der Welt haben. Per Twitter garantiert der Schach-Veranstalter der FIDE, dass das Match in London steigt, siehe Tweet am Ende dieses Textes)

Der Milliardär Rex Sinquefield ist das Gesicht des US-amerikanischen Schachaufschwungs, der jetzt zum ersten WM-Match eines Amerikaners seit fast 50 Jahren geführt hat. Seinem Schützling Fabiano Caruana möchte Sinquefield ein Heimspiel gegen Magnus Carlsen verschaffen. „Ergäbe sich eine Gelegenheit, würde ich das Match nach St. Louis holen“, sagte Sinquefield, noch bevor Caruana seine finale Partie und damit das Kandidatenturnier gewonnen hatte.

(Update 28.März: Jetzt taucht das Gerücht, St. Louis wolle London mit einem deutlich höheren Gebot ausstechen, auch auf CBS auf.)

Sein Einfluss darauf, das Match kurzfristig von London in die Schachstadt St. Louis zu verlegen, sei allerdings gering, räumte Sinquefield ein. Der Schachweltverband FIDE und dessen Veranstalter Agon hätten die Rechte. „FIDE und Agon sind jetzt am Zug.“ Er könne nur anbieten, mit Freude einzusteigen, gebe es seitens der Organisatoren ein Signal von der Themse an den Mississippi. Generell mache es ihn überaus glücklich, dass mit Fabiano Caruana endlich wieder ein Amerikaner um den Titel spielt. „Darauf habe ich seit Bobby Fischers Zeiten gewartet.“

„Schach muss endlich professionell organisiert werden.“

Sinquefield machte im Interview auf dem St.-Louis-Schachkanal deutlich, dass er die FIDE eher als Hort des Chaos sieht denn als durchorganisierten Verband. Womöglich breite sich dieses Chaos ja so schnell aus, dass ein neuer Organisator gefunden werden muss. Ihm sei aber eher daran gelegen zu helfen, Dinge in geordnete Bahnen zu führen, anstatt zuzuschauen, wie das organisierte Weltschach implodiert.

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Während Rex Sinquefield dafür warb, das WM-Match nach St. Louis zu holen, sah der US-Schachverband den Wettkampf in London.

„Schach muss endlich professionell organisiert werden“, assistierte Exweltmeister Gary Kasparow. „Rex wäre dafür der Richtige.“ Kasparow verwies auf die desaströse Organisation in Berlin und auf manchen misslichen Umstand, der das WM-Match 2016 in New York begleitet habe. Anzeichen, dass beim WM-Match 2018 auf einmal alles besser wird, sieht Kasparow nicht.

Kasparow: „Von der FIDE, wie sie jetzt ist, sollten wir die Finger lassen.“

Zugleich warnte Kasparow davor, sich mit FIDE/Agon ins selbe Boot zu setzen. Deren Mittel stammten aus zwielichtigen Quellen, dazu die Geldwäsche-Vorwürfe gegen FIDE-Präsident Kirsan Iljumschinow. „Davon sollten wir die Finger lassen.“ Aber würde der Weltverband den Willen zu Reform und Transparenz zeigen und die Hilfe von Sinquefield annehmen, „dann würde ich ein Match Carlsen-Caruana in St. Louis sofort unterstützen“.

Im November 2017 hatte Agon verkündet, dass London den Zuschlag für das WM-Match 2018 bekommen hat. Ein Spielort in der englischen Hauptstadt ist laut Yasser Seirawan/CBS noch nicht gefunden, offizielle Quellen haben bislang stets London genannt, aber sich nie festgelegt, wo in London das Match steigen soll.

Agons Mitteilung von November 2017, das Match sei nach London vergeben, war nach dem Ende des Kandidatenturniers auf der Agon-Seite nicht mehr zu finden. Das kann ein Indiz sein, kann aber auch mit den notorischen Übertragungs- und Webdesign-Problemen von Agon zusammenhängen.

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Vielleicht gibt ja am Ende tatsächlich das Geld den Ausschlag. Für seine bisherigen Veranstaltungen hat Agon bislang stets nur den Minimal-Garantiepreisfonds zusammenkratzen können. Alle Versuche der FIDE-Tochter, Schach-Übertragungen zu monetarisieren, scheiterten derweil krachend; sie führten zu Anwaltskosten statt Einnahmen. Wahrscheinlich ist das Gerücht über die finanziell missliche Lage des Schach-Veranstalters nicht aus der Luft gegriffen.

Würde nun Rex Sinquefield ein substanziell höheres Angebot machen, als es für eine WM in London auf dem Tisch liegt, wer weiß?

Update 29. März:

Vom St. Louis Chess Club gibt es jetzt eine offizielle Stellungnahme:

Update 30. März:

…und dann begegnet uns dieses Facebook-Fundstück von Anfang März, laut dem der Austragungsort in London doch feststeht. Nicht irgendein Ort, sondern das Google-Hauptquartier. Das Team des britischen Schach-Multifunktionärs und -Organisators Malcolm Pein habe diese Information durchsickern lassen.

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Wir haben natürlich nachgefragt. Malcom Peins Kommentar: „Aprilscherz.“

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Laut WorldChess wird es jedenfalls London. Mit dieser getweeteten Garantie will der WM-Veranstalter das Gerücht aus der Welt schaffen:

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Entscheidungshilfe für Zuschauer: Wo Kandidatenturnier gucken?

Wenn am Wochenende in Berlin das Kandidatenturnier beginnt, dann bietet sich den Zuschauern im Internet eine Auswahl, wie es sie beim Schach nie gegeben hat.

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Worldchess-Chef Ilya Merenzon.

Selbst in Zeiten der boomenden Schachstreams ist das keine Selbstverständlichkeit. Bis vor kurzem stand der Ausrichter WorldChess  trotzig auf dem Standpunkt, dass niemand das Recht hat, die Züge live zu zeigen. Niemand außer WorldChess selbst natürlich, verbunden mit der Drohung, jeden zu verklagen, der es trotzdem tut und nicht dafür bezahlt.

Manche Schachseite hat das von Übertragungen etwa des WM-Matches Carlsen-Karjakin abgehalten, andere nicht, und die zog WorldChess tatsächlich vor Gericht. Nachdem sich dort der Schachvermarkter des Weltverbands FIDE eine Niederlage nach der anderen eingehandelt hatte, verkündete das Unternehmen nun eine Kehrtwende: Jeder darf übertragen, so lange er nebenbei für die „offizielle“ Übertragung wirbt.

Also, wo gucken? Als Entscheidungshilfe stellen wir die nach Einschätzung dieser Seite drei besten Kommentatorenduos/-teams vor.

Chess 24: Peter Svidler/Jan Gustafsson

Mit einem lachenden und einem weinenden Auge sahen Schachfans Peter Svidlers Ausscheiden beim World Cup. Als Svidler sein Viertelfinal-Match gegen Maxime Vachier-Lagrave verloren hatte, war klar, dass der achtfache russische Meister sich nach langer Zeit erstmals nicht für das Kandidatenturnier qualifizieren würde. Gegönnt hätten wir es dem eloquenten Cricket-Fan, aber so bestand die Aussicht, dass er kommentiert.

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Jan Gustafsson und Peter Svidler bei der Kommentatorenarbeit.

Und das wird er tatsächlich, wie Svidler neulich in einem Interview ankündigte. An der Seite des Weltranglisten-14. sitzt wie gewohnt der Hamburger Jan Gustafsson, selbst mehr als 2.600 Elopunkte schwer, so dass Svidler/Gustafsson nach Elo-Schnitt klar das stärkste Kommentatorenduo ist.

Und das beste, würden viele sagen. Die Zuschauer erwartet geballtes Schachwissen und mancher Einblick in die Seele der Kandidaten, zu denen Svidler 2014 und 2016 selbst zählte. Dazu kommen Ausflüge in die Popkultur, den Cricket-Sport und manche Neckerei unter Schachfreunden. Allein die Dynamik zwischen Svidler und Gustafsson macht deren Shows stets sehenswert, egal, wessen Partien sie gerade kommentieren.

Chessbrah TV: Yasser Seirawan/Eric Hansen/Aman Hambleton

Leute über 30 mochte der schnell wachsende Schachkanal der kanadischen Großmeister Eric Hansen und Aman Hambleton anfangs nicht recht fesseln. Zu laut und elektronisch die Musik, zu schnell das Spiel der beiden Bullet-Experten. Dann landete Chessbrah TV einen Coup: Zum Team stieß Yasser Seirawan, Kasparow-Bezwinger und ehemaliger Weltklassespieler, mehr als doppelt so alt wie seine Mitstreiter.

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Chessbrah TV: Yasser Seirawan mit Eric Hansen

Den WorldCup 2017 übertrug ChessbrahTV in wechselnder Besetzung: der in den Niederlanden lebende Seirawan stets als Anchor, mal Hansen, mal Hambleton als Sidekick, der mit Vergnügen und Neugier aus dem Wissens- und Anekdotenfundus Seirawans schöpft. Aus dem Stand legte das Trio eine Serie von Live-Shows hin, die sich in Schachkreisen rasant herumsprach. Aus dem Party- und Testosteronkanal der Schachszene war plötzlich eine Schachschule geworden, in der Hansen und Hambleton den Unterricht sichtlich genossen.

Wo Svidler/Gustafsson die neuesten TV-Serien debattieren, erzählt Seirawan Schachgeschichten aus der Praxis eines Großmeisters, der sich in den 80er- und 90er-Jahren mit allen Größen gemessen hat. Allein seine Erlebnisse als Sekundant Viktor Kortschnois könnten eine mehrstündige Sendung füllen. Für Freunde jüngerer Schachgeschichte hält Seirawan stets mehr als ein Bonbon bereit.

WorldChess: Judit Polgar/Lawrence Trent

WorldChess ist mit Judit Polgar ein ähnlicher Glücksgriff gelungen wie den Jungs von Chessbrah TV mit Yasser Seirawan. So sehr die Partien während des WM-Matches 2016 zwischen Magnus Carlsen und Sergej Karjakin auch lahmten, die Kommentatorin Judit Polgar wurde stets mit Lob überschüttet.

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Judit Polgar während des WM-Matches Carlsen-Karjakin 2016 in New York.

Auch die Ungarin weiß, wie es sich anfühlt, beim größten und besten Turnier des Schachzirkus mitzumischen. 2005 spielte sie gar das WM-Turnier und kam damit dem Titel so nah wie keine Frau vor und wahrscheinlich so bald keine nach ihr. An ihrer Seite sitzt der britische IM Lawrence Trent, eine Institution im Schachkommentatorengeschäft.

Für die Live-Übertragungen der 14 Runden aus Berlin hat WorldChess jetzt einige Neuerungen angekündigt, um mehr Drama zu schaffen. 12 Kameras fangen jede Regung aller Beteiligten ein, Zuschauer in Berlin sollen ebenso zu Wort kommen wie die im Internet. Dazu das eine oder andere grafische Gimmick und entscheidende Momente auf Facebook live. Seien wir gespannt.


 

Unsere Top drei zeigen: Wer Englisch versteht, ist im Vorteil. Aber wer lieber auf Deutsch Schach gucken möchte, der dürfte ebenfalls fündig werden. Für Chessbase auf der Playchess-Plattform wird wahrscheinlich Großmeister Klaus Bischoff kommentieren, ebenfalls eine Institution, bekannt dafür, das Geschehen auf dem Brett instruktiv herunterzubrechen, gewürzt mit dem einen oder anderen humorigen Ausflug. Auch auf Chess24 wird es deutschen Kommentar geben.

Geschäfte mit Assad und Isis: Schweizer Bank UBS sperrt die Konten des Welt-Schachverbands FIDE

Update 5.April: Die beiden Schreiben der UBS an die FIDE sind jetzt an die Öffentlichkeit gelangt (siehe Ende dieses Beitrags).

Ein Match um den Weltmeistertitel wäre für jeden Schachspieler die Chance seines Lebens.  Um sich dafür zu qualifizieren, würde jeder Profi gratis spielen. Genau das könnte den acht Teilnehmern des Kandidatenturniers im März in Berlin tatsächlich passieren. Die Schweizer Bank UBS hat die Konten des Schach-Weltverbands FIDE gesperrt. (Update: Laut einem Bericht der Seite chess.com sind die Konten noch nicht gesperrt. Die UBS droht, sie im April 2018 stillzulegen.)

Die FIDE ist eine traditionell zwielichtige Organisation mit zwielichtigen Gestalten an der Spitze. FIDE-Präsident Kirsan Iljumschinow steht seit gut zwei Jahren auf der US-Sanktionsliste, unter anderem weil er bei Ölgeschäften zwischen dem syrischen Assad-Regime und der Verbrechertruppe Isis vermittelt haben soll. Deswegen durfte er schon zum WM-Match 2016 in New York zwischen Magnus Carlsen und Sergej Karjakin nicht in die USA reisen.

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FIDE-Präsident Kirsan Iljumschinow mit Syriens Diktator Bashar al-Assad. (Foto: FIDE)

Damit die UBS trotz Iljumschinows Verbindungen zu international tätigen Schurken der FIDE nicht den Geldhahn zudreht, hat der Schachverband der Bank fortwährend versichert, dass der Name ihres Präsidenten bald von der Liste verschwindet. Das ist zwei Jahre lang nicht passiert. Jetzt haben die Banker die Reißleine gezogen, um Ärger mit der Justiz zu vermeiden. In der Schweiz gelten seit einigen Jahren hinsichtlich potenzieller Geldwäsche und Steuerbetrug strikte Regeln für Geldhäuser, die „White Money Strategy“.

Für das Kandidatenturnier in Berlin sind weiterhin 420.000 Dollar Preisgeld ausgeschrieben. Wie die den acht Teilnehmern nun ausgezahlt werden sollen, ist offen. Anreisen und spielen werden sie allemal, es geht ja um die Chance ihres Lebens.

Link zum Brandbrief des FIDE-Schatzmeisters.

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Siegbert Tarrasch: die Helene Fischer der Schachpublizisten

Anderswo erfahren Meister ihres Fachs Respekt und Anerkennung. Nur die Deutschen erfreuen sich daran, Landsleute zu verspotten, die ihr Handwerk, ihr Geschäft und/oder ihre Kunst meisterhaft beherrschen und damit Erfolg haben.

Siegbert Tarrasch war Weltklasse, in mancher Hinsicht seiner Zeit voraus und hat obendrein instruktive Lehrbücher geschrieben, in denen er seine Erkenntnisse teilte. Aber der Doktor aus Breslau war eben auch ein schlechter Verlierer, der seine Feindschaften pflegte und sich schwer damit tat, die Klasse und die Erkenntnisse anderer anzuerkennen. Und darum ist Siegbert Tarrasch heute weniger ein deutscher Schach-Held und mehr die Helene Fischer der Schachpublizisten.

Düsseldorfer Seeklima

Tarraschs Errungenschaften werden selten gepriesen, aber stets wird munter auf ihn eingedroschen. Tarraschs (erfundenes?) Zitat vom „Düsseldorfer Seeklima“, mit dem er eine Niederlage gegen Emanuel Lasker entschuldigt haben soll, hängt ihm seit mehr als 100 Jahren an wie dem FIDE-Präsidenten Kirsan Iljumschinow seine vermeintliche Begegnung mit Außerirdischen.

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Emanuel Lasker

Vor einiger Zeit haben wir im Beitrag „Tarrasch und sein Lieblingsfeind“ einen Kulturkampf beleuchtet, ausgefochten eingangs des 20. Jahrhunderts zwischen den „Klassikern“, angeführt von Siegbert Tarrasch, und den „Hypermodernen“, angeführt von Aaron Nimzowitsch.

Tarrasch und Nimzowitsch haben manche Beleidigung ausgetauscht („mittelmäßige Geisteshaltung“), und doch mag unser der Titel „Lieblingsfeind“ überzogen gewesen sein, weil Tarrasch seine Fehde mit Emanuel Lasker (Weltmeister 1894-1921) womöglich noch intensiver pflegte als die mit Nimzowitsch.

Nicht einmal Johannes Fischer, wahrscheinlich der kultivierteste aller deutschen Schachschreiber, kann sich gänzlich vom Tarrasch-Bashing freimachen. Aber er beleuchtet in einem lesenswerten Beitrag für Chessbase die Fehde Tarrasch-Lasker und zeigt eine viel debattierte Partie, in der Tarrasch seinen Widersacher erst vom Brett fegte und dann nach einem Bluff(?) Laskers auf mysteriöse Weise den Faden verlor.

Johannes Fischer über die Fehde Siegbert Tarrasch vs. Emanuel Lasker.

Magnus, Menschenrechte und Säcke voll Geld

Wäre er gar nicht erst hingefahren, das hätte womöglich eine veritable sportdiplomatische Erschütterung ausgelöst. Immerhin hat Weltmeister Magnus Carlsen am Ende der Schnell- und Blitzschach-Weltmeisterschaften in Saudi-Arabien jetzt öffentlich gesagt, dass die Veranstaltung in 2018 und 2019 nicht in Saudi-Arabien stattfinden sollte, so lange nicht Spieler aus allen Ländern teilnehmen dürfen. Bei der jüngst beendeten Auflage hatten die Veranstalter Schachprofis aus Israel und Katar ausgeschlossen, indem sie ihnen Visa verweigerten.

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Ob den Schach-Weltverband FIDE der Einwand des besten Spielers interessiert? Nach Angaben der Gulf Times kassiert die FIDE 1,5 Millionen Dollar dafür, dass sie den Saudis die Ausrichtung der Weltmeisterschaften bis 2019 zugesagt hat, und es wäre erstaunlich, würde die latent klamme wie zwielichtige Schachorganisation plötzlich Menschenrechte wichtiger finden als Säcke voll Geld.

Warten wir mal ab, was passiert, und erfreuen uns so lange am Verb „to chide“, mit dem die Gulf Times unseren bescheidenen Wortschatz erweitert.

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Pawnography

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Wer dachte, der Erfindungsreichtum des Schach-Weltverbandes FIDE und seines Veranstalters Agon beschränke sich darauf, Wege zu finden, den Spielern Geld aus der Tasche zu ziehen, der wurde jetzt eines Besseren belehrt. Für das WM-Match Ende 2018 zwischen Weltmeister Magnus Carlsen und einem im März in Berlin zu kürenden Herausforderer hat Agon in dieser Woche das Logo präsentiert (siehe oben). Und das ist, nun ja, kreativ.stellung.jpg

Zwei Gestalten mit sehr langen Oberkörpern und sehr kleinen Köpfen vereinen sich zu einem Spiel, das eher Lustgewinn (Fortpflanzung womöglich) und weniger das Mattsetzen zum Ziel zu haben scheint. Das 6×6 Felder große Schachbrett zwischen den Liebenden Spielenden gleicht einem Feigenblatt, nicht einem Hinweis darauf, was hier eigentlich getrieben gespielt wird.

„Pawnography!“ (engl. „pawn“=Bauer, „pornography“=Pornografie), erschallte es sogleich aus dem Zwischennetz. Wir nehmen das kichernd zur Kenntnis und warten mal ab, was der FIDE als nächstes einfällt.