WM-Vorschau nach dem Fernduell: Ein Kampf, spektakulär wie lange nicht

9:5 bei 17 Remis. Aus der Bilanz zwischen Magnus Carlsen und Fabiano Caruana können wir für den kommenden WM-Kampf zweierlei ableiten: Carlsen ist Favorit, und es wird ein umkämpftes Duell mit einer hohen Zahl an entschiedenen Partien. Schachfans dürfen sich auf das aufregendste WM-Match seit langem freuen – und auf das hochklassigste.

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WM-Herausforderer Fabiana Caruana. (Illustrationen: Willum Morsch/@WillumTM)

Die Formkurve beider Kontrahenten tendiert nach oben. Caruana zeigt sich vom Gewinn des Kandidatenturniers beflügelt und Magnus Carlsen angestachelt vom Umstand, dass nun ein Rivale auf ihn wartet, der konsequent nach Chancen suchen wird, ihn zu besiegen. Caruana wird das Match viel aggressiver angehen müssen als vor zwei Jahren Sergej Karjakin.

Nicht, dass Carlsen-Karjakin ein Langweiler gewesen wäre. Aber das WM-Match 2016 bezog seine Spannung in erster Linie daraus, dass es dem Außenseiter wider Erwarten gelang, den Weltmeister aus dem Gleichgewicht zu bringen.

Was Caruana am besten kann, unterscheidet sich deutlich von dem, was Karjakin am besten kann

Auf dem Brett war vergleichsweise wenig los. Karjakin tat, was er am besten kann: solide stehen, den Laden zusammenhalten, zäh verteidigen. Das tat er so gut, ging Carlsen derart auf die Nerven, dass der Norweger wackelte und wankte, bevor er sich schließlich in den Tiebreak rettete.

Auch Caruana wird gegen Carlsen in die Waagschale werfen, was er am besten kann. Seine herausragenden Qualitäten sind deutlich anders gelagert als die des Herausforderers von vor zwei Jahren. Auf Basis akribischer Eröffnungsvorbereitung sucht Caruana Ungleichgewichte, Dynamik, Zweischneidiges.

Die Entscheidung forciert der Amerikaner nach Möglichkeit schon im Mittelspiel, anders als Carlsen, der weniger fokussiert darauf ist, frühe Krisen zu provozieren. Der Weltmeister kann sich darauf verlassen, dass seine Intuition und Technik ihm Gewinnchancen bescheren, je länger die Partie dauert.

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Carlsen, der Pragmatiker: In Shamkir gegen Radoslaw Wojtaszek hätte Magnus Carlsen hier per 18.Sd5! forciert gewinnen können. Der Zug ist naheliegend für jeden, der gelegentlich einen offenen Sizilianer auf dem Brett hat, aber die konkreten Folgen sind alles andere als leicht zu berechnen. Natürlich hatte Carlsen Sd5 gesehen, aber er wollte nicht einen erheblichen Teil seiner Bedenkzeit investieren, da er auch so gut steht. Also spielte er schnell 18.g4?!, das den weißen Vorteil nur verwaltet, anstatt ihn zu vergrößern.
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Caruana, der Konkrete: Weiß hat forcierte Möglichkeiten wie 16.Lg5 oder 16.Se5, um seinen Angriff gegen den schwarzen König ins Rollen zu bringen. Er kann auch per 16.Se2 erst einmal dem schwarzen Gegenangriff den Schwung nehmen. Caruana steckte mehr als eine halbe Bedenkzeit ins Geschäft, um den präzisesten Zug auszutüfteln. 16.Df2! ignoriert schwarzes …b5-b4-b3 und setzt darauf, dass Weiß schneller sein wird, zu Recht. Weiß gewinnt.

Falls Du die kompletten Partien inklusive Kommentare sehen willst:

Abseits aller Theorie: Carlsen-Wojtaszek, Shamkir 2018

Französisch-Lehrstunde: Caruana-Akobian, US-Meisterschaft 2018

Will Caruana das Match in London gewinnen, muss er einen Tiebreak vermeiden. Im Schnellschach wäre er Carlsen ebenso wenig gewachsen, wie es vor zwei Jahren Karjakin war. Er muss Carlsen über zwölf reguläre Partien besiegen, und das bedeutet, dass er Risiken wird eingehen müssen.

Kein Problem für Caruana, denn das tut er ohnehin. Aber es bleibt die Frage, ob seine gerühmte Eröffnungsvorbereitung auch in diesem Fall greifen wird, oder ob sie verpufft. Konkrete Vorbereitung auf einen Spieler, der Konkretes gerne vermeidet (aber nicht prinzipiell, siehe Giri-Carlsen, Shamkir) – alles andere als eine einfache Aufgabe.

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Der Weltmeister: Magnus Carlsen

Caruanas über die Jahre gewachsenen Stabilität wird ihm helfen, sollte er früh zurückliegen. Das war schon im Kandidatenturnier zu sehen, als Caruana zwei Runden vor Schluss gegen Karjakin die Partie und die Tabellenführung verlor. Déja-vu? Nein, Caruana kam stark zurück, gewann die finalen beiden Partien und das Turnier mit einem Punkt Vorsprung.

Immun gegen Rückschläge oder übersteigertes Selbstbewusstsein ist Caruana gleichwohl nicht. Bei der US-Meisterschaft überzog Caruana seine Weißpartie gegen Zviad Izoria auf derart absurde Weise, dass es nur damit zu erklären ist, dass er sich nach seiner jüngsten Erfolgsserie unbesiegbar fühlte. Derart durchgeschüttelt, wartete Caruana am nächsten Tag gegen Sam Shankland mit einer ähnlich absurden „Neuerung“ auf, die ihm einen Minusbauern ohne Kompensation bescherte. Aber dann riss er sich zusammen, hielt die Partie und legte ein weiteres Turnier mit einer 2.800+-Performance hin.

Seit dem Kandidatenturnier spielt Caruana fast ohne Pause. Aus Berlin reiste er weiter nach Karlsruhe zum Grenke Classic und verkündete keck, er wolle nun dem Weltmeister „eine Botschaft“ senden. Wie die aussah, kann sich jeder anhand der Schlusstabelle anschauen. Caruana auf Platz eins, einen Zähler vor Magnus Carlsen.

Aus Deutschland reiste der eine gen Westen zur US-Meisterschaft, der andere gen Osten zum Superturnier im aserbaidschanischen Shamkir. Während Carlsen in Shamkir nicht glänzend, aber routiniert gewann, blieb Caruana bei seiner nationalen Meisterschaft nur Platz zwei.

Die Twitter-Frotzelei des Weltmeisters folgte unmittelbar:

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Aber natürlich war auch Carlsen nicht entgangen, dass Caruana in Saint Louis wieder ein herausragendes Turnier absolviert hat, das dritte in Folge. „Plus fünf“ sollte unter normalen Umständen bequem zum Sieg reichen, nur tat es das in diesem Fall nicht, weil Sam Shankland das Turnier seines Lebens spielte.

Nach dem Fernduell werden sich die beiden nun wieder direkt miteinander messen. Am 27. Mai beginnt das Altibox-Turnier in Norwegen, eine weitere Gelegenheit für die Kontrahenten, einander Botschaften zu senden.

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Der Blübaum-Killer traf einen anderen: Caruanas Französisch-Lehrstunde

Auf Weltklasse-Niveau wird die Französische Verteidigung kaum gespielt, weil es ihr an Solidität fehlt. Auch Anfänger sollten besser die Finger davon lassen, weil Französisch eine heikle Angelegenheit ist. In vielen Abspielen macht Schwarz positionelle Zugeständnisse (wenig Raum, schlechter Läufer) und muss sich auf taktische/dynamische Ideen verlassen, um Spiel zu bekommen. Ein schmaler Grat, von dem der ungeschulte Schachjünger nur allzu leicht herunterpurzelt.

Im schachlichen Mittelbau erfreut sich die Französische Verteidigung ungebrochener Vitalität, vor allem in Deutschland. Fast alle deutschen Großmeister haben „Französisch“ im Repertoire gegen 1.e4. Georg Meier gilt gar als weltweit führender Experte in der Rubinstein-Variante, in der Schwarz (eher untypisch) früh …d5xe4 spielt.

Neulich beim GrenkeClassic musste der deutsche Franzose manchen Härtetest überstehen. Insbesondere Matthias Blübaum glänzte, als er mit den schwarzen Steinen Fabiano Caruanas Steinitz-Franzosen souverän neutralisierte.

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Yasser Seirawan schaute Fabiana Caruana staunend über die Schulter: „Das kann doch nicht gut sein, was Fabiano spielt…“

Wie leicht es hätte anders laufen können, zeigt eine Partie aus der gerade beendeten US-Meisterschaft, in der der Weltranglistenzweite seinen Gegner vom Brett fegte. Der hatte ein Abspiel gewählt, das auch Blübaum gelegentlich spielt, von dem der Deutsche aber in der Partie gegen Caruana Abstand genommen hatte. Aus gutem Grund.

Die Partie des WM-Herausforders veranschaulicht, wie sehr sich Schach immer noch entwickelt. Das Konzept, den vermeintlich „guten“ weißfeldrigen Läufer abzugeben, um Zeit zu gewinnen, in Verbindung mit der langen Rochade, die Schwarz geradezu zum Königsangriff einlädt, das ist hochmodernes Schach, wie es so noch vor wenigen Jahren nicht gespielt wurde.

Im Live-Studio in Saint Louis schaute US-Großmeister Yasser Seirawan staunend zu. Der, einst selbst ein Top-Ten-Spieler, konnte kaum glauben, was er sah: „10.0-0-0, das kann doch nicht gut sein…“

 

Caruana, Fabiano (2.804) – Akobian, Varuzhan (2.647)
US-Meisterschaft 2018, Saint Louis

1. e4 e6 2. d4 d5 3. Sc3 Sf6 4. e5 Sfd7 5. f4 c5 6. Sf3 Le7 7. Le3 Sc6 8. Dd2

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Eine Grundstellung des klassichen Steinitz-Franzosen (3.Sc3 Sf6 4.e5), der sich zur Französisch-Hautpvariante gemausert hat. Schwarz kann nun unmittelbar kurz rochieren, kann aber auch erst am Damenflügel aktiv werden, in der Regel mit …a6 und …b5. Letzteres spielt Caruana selbst, wenn er sich für Französisch entscheidet (im Schnellschach oder gegen Spieler unter 2.700).

8… b6

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Eine Nebenvariante, die unter anderem der Deutsche Matthias Blübaum gelegentlich spielt, wenn er keine Lust auf 8…a6 hat. Und eine kleine Provokation zudem. Eine zentrale Weisheit aus Sicht der Weißen im Steinitz-Franzosen ist ja, dass Weiß nicht lang rochieren darf, so lange Schwarz mit …c4 und …b5-b4 sofort gegen den weißen König losmarschieren kann. Mit 8…b6 statt 8…a6 lädt Schwarz den Weißen zur langen Rochade ein und behauptet, dass dieses Konzept auch noch gilt, wenn Schwarz ein Tempo für den
Angriff am Damenflügel verloren hat, weil er …b7-b6-b5 spielen muss.

9. Lb5

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Die moderne Fortsetzung, die Schachmeister noch in den 80er-, womöglich 90er-Jahren mit einer hochgezogenen Augenbraue betrachtet hätten. Aber so wie notorische Damenbauer-Spieler mit dem jüngsten Aufkommen des London-Systems lernen mussten, dass man den Lf1 auch nach b5 statt d3 entwickeln kann, müssen auch Französisch-Spieler auf neue Konzepte gefasst sein. Wer weiß, in ein paar Jahren gilt 9.Lb5 womöglich als Widerlegung von 8…b6. Und vielleicht ist das ja genau der Braten, den Blübaum vor seiner Partie gegen Caruana beim Grenke-Chess gerochen hat.

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Variante nach 12…Dc7: Weiß ist voll mobilisiert und hat jetzt gewaltige Initiative für die geopferte Figur.

(9. O-O-O c4 10. Lxc4!? dxc4 11. d5 exd5 12. Dxd5 Dc7 (12…Lb7 13.e6 gewinnt für Weiß) wäre mindestens interessant und wahrscheinlich ein ziemlicher Schock für den Schwarzen. In der Praxis gab es diese Stellung noch nicht. Das weiße Konzept wäre so ähnlich wie in der Partie: Anstatt den oft im späteren Verlauf der Partie so wichtigen weißfeldringen Läufer unter Verrenkungen auf dem Brett zu halten, gibt Weiß ihn sofort her, um Zeit zu sparen, sich die Koordination zu erleichtern und sofort mobilisiert zu sein. Dass Schwarz wegen …b6 ein wenig Stabilität am Damenflügel eingebüßt hat, spielt dem Weißen in die Karten. 12.Dxd5 kommt mit Tempo, sonst würde die Chose nicht funktionieren. Jetzt genießt Weiß eine mächtige Initiative. Ihm bieten sich nach 12…Dc7 eine Reihe interessanter Fortsetzungen an, vom offensichtlichen 13.e6 über 13.Sb5 nebst 14.e6 und 13.Sd4 bis zu 13.Sg5.)

9… Dc7 10. O-O-O

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Auch das würden Schachmeister der 80er- und 90er-Jahre nicht gutheißen, wie sich an der Reaktion von Yasser Seirawan bei der Liveübertragung trefflich beobachten ließ. Seirawan versteht das Spiel heute noch besser und tiefer als die meisten anderen, aber 10.0-0-0, „das kann doch nicht gut sein?!“, sagte er ungläubig. Doch, Yasser, kann es, weil Weiß dank Lf1-b5xc6 viel schneller ist als in den Lehrbuchstellungen, in denen Weiß mit 0-0-0 ins Unheil rochiert.

10… a6 11. Lxc6 Dxc6 12. f5 

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Schwarz hat mit …b6, …Dd8-c7 und …a6 eine Menge Zeit verplempert, nur um sich den weißfeldrigen Läufer des Weißen einzuverleiben. Weiß hat derweil alles entwickelt, und jetzt setzt er als erster einen Hebel an, lange bevor der Schwarze auch nur in die Nähe seines Königs kommt.

12… c4 13. f6!

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Öffnet Linien für den Angriff und räumt das Feld e5 für den Sf3.

13…gxf6 14. exf6 Lxf6 15. Thf1

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Die weiße Attacke richtet sich gegen f7.

15… b5

Jetzt, spät, wird der schwarze Gegenangriff zumindest spürbar.

16. Df2

Caruana nahm sich angesichts des zu erwartenden …b5-b4-b3 eine halbe Stunde Zeit, um den besten Weg auszutüfteln, wie er als erster ans Ziel kommt. Immer noch ist das Konzept der beschleunigten Mobilisierung dank Lf1-b5xc6 gegenwärtig. Weder auf f1 noch auf der zweiten Reihe steht dem Weißen ein Läufer im Weg, so dass er unmittelbar auf der f-Linie verdoppeln kann.

16… b4

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17. Se2

(17. Se4!? war auch eine Option, aber Weiß hat keine Figurenopfer nötig. Sein Angriff rollt auch so, während sich schwarzes …b4-b3xa2 per Kd2 recht einfach entschärfen lässt.)

17… b3 18. Se5

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Wäre Schach Fußball und würde in Stadien gespielt, dann würde spätestens an dieser Stelle „Jetzt geht’s los!“ aus der Caruana-Fankurve erschallen.

18… Lxe5

Nicht schön, aber was sonst?

(18… bxa2 19. Sxc6 a1D+ 20. Kd2 Dxb2 +- Jetzt liegen Tb1 und Se5 in der Luft. Die schwarze Stellung ist nicht zu halten. Weiß steht mit zwei Minusbauern auf Gewinn.)

19. Dxf7+ Kd8 20. dxe5 bxa2

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Sieht angesichts des drohenden …a1D nach kräftigem Gegenspiel aus, aber nach…

21. Kd2

…hat Weiß alles unter Kontrolle.

21…Tf8 22. Dxh7 Txf1 23. Txf1

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Jetzt droht tödlich Se2-d4xe6+.

23… d4

Räumt der Dame das Feld d5.

24. Dg8+ Kc7 25. Sxd4 Dd5 26. Dxe6

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Nachdem Weiß den kompletten schwarzen Königsflügel eingesammelt hat, wäre er auch mit einem Endspiel glücklich. Während der a2-Bauer keine Gefahr darstellt, wäre das Duo auf h- und g-Linie kaum zu stoppen.

26… Da5+

Die ungleichfarbigen Läufer hielten hinsichtlich eines möglichen Endspiels die kleine schwarze Remishoffnung am Leben, aber jetzt ist es aus. Schwarz übersieht die Kombination 28.Tf7+ nebst Lf4+.

27. c3 Sxe5

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28. Tf7+! Sxf7 29. Lf4+ Kb7 30. Dxf7+ nebst Matt. Schwarz gab auf.

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1-0

Wenn Caruana den Benoni tanzt

In den USA steht die „holy trinity“ Caruana, So und Nakamura über den Dingen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird einer dieser drei 2.800er die US-Meisterschaft gewinnen. Und doch geht es auch für die anderen Teilnehmer um einiges, nicht nur wegen des satten Preisfonds von fast 200.000 Dollar.

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GM Jeffery Xiong

Den Youngstern bietet sich die Gelegenheit, sich mit Top-Ten-Spielern zu messen, außerdem sind bei der kommenden Schacholympiade hinter den drei Topleuten noch zwei Plätze zu besetzen.

Für Großmeister Jeffery Xiong ist beides relevant. Der 17-jährige Texaner will mittelfristig selbst in die Top Ten aufsteigen, und für einen der fünf Plätze in der US-Nationalmannschaft ist er mit 2.665 Elo jetzt schon ein Kandidat – einer von mehreren, die nahe beieinander liegen. Bei einer der stärksten Landesmeisterschaften der Welt darf der Jugendweltmeister von 2016 seinen Elo nicht ruinieren.

Xiong, Jeffery (2.665) – Caruana, Fabiano (2.804) 

US-Meisterschaft St. Louis 2018, 3. Runde

1. d4 Sf6 2. Sf3 e6 3. c4 c5

Mit dieser Zugfolge vermeidet Schwarz den Taimanow-Angriff (7.f4), der schon lange als eine der stärksten Waffen gegen Benoni gilt.

4. d5 d6 5. Sc3 exd5 6. cxd5 g6 7. Lf4

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7… Lg7

Bietet dem Weißen eine prinzipielle Diskussion auf heiklem Terrain an.

(7… a6 ziehen die meisten Schwarzspieler an dieser Stelle, um 8.Da4+ nebst 9.Db3 zu vermeiden.)

8. e3

(8. Da4+ Ld7 9. Db3 scheint Fabiano Caruana nicht zu fürchten. Schon bei der US-Meisterschaft 2016 vertraute er auf 9… b5, gab einen Bauern und navigierte sicher durch die folgenden Komplikationen. Dass er nun einem vermeintlich bis in die Haarspitzen präparierten Gegner anbietet, die Variante zu wiederholen, zeigt das Vertrauen, dass der WM-Herausforderer in dieses zweischneidige Abspiel hat. 10. Lxd6 Db6 11. Le5 O-O 12. e3 c4 13. Dd1 b4 und Remis nach 59 Zügen in Nakamura – Caruana, Saint Louis 2016.)

8… O-O 9. h3

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9…De7

Die meisten Benoni-Spieler ziehen an dieser Stelle 9…Sa6, aber Caruana geht wieder eigene Wege. Die Idee von 9…De7 ist weniger, …Sd7 vorzubereiten, indem d6 überdeckt bleibt, sondern Entlastung mit …Se4 oder Angriff am Königsflügel mit …Sh5 nebst …f7-f5. Der Sb8 findet in diesen Stellung eh häufiger über a6 und c7 ins Spiel, um potenzielles …b5 zu unterstützen und Druck gegen d5 zu machen.

10. Sd2

Verhindert für den Moment …Se4 und strebt nach c4, das Benoni-Traumfeld für weiße Springer. Aber dort wird er nie ankommen.

(10. Be2 mit der Option, sofort zu rochieren, wäre besser gewesen.)

10… Sh5

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Der im Zentrum steckengebliebene weiße König gibt dem Schwarzen die Möglichkeit, sofort energisch vorzugehen.

11. Lh2 f5 12. Le2 f4

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13. O-O

Holt den König aus dem Zentrum, die natürliche Reaktion.

(Mit dem einigermaßen bizarren 13. Lxh5 fxe3 14. fxe3 gxh5 15. Sce4 Le5 16. Dxh5 könnte Weiß auf einen Mehrbauern bestehen, aber nach 16…Lxh2 17. Txh2 Sa6 ist …Sb4 eine kräftige Drohung. Schwarz mobilisiert schnell, während es dem Weißen an Koordination und aktiven Ideen mangelt.)

13… fxe3

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14. Sde4

Steckt einen Bauern ins Geschäft.

(Nach dem Versuch, mit 14. Lxh5 exd2 15. Le2 den Ball flach zu halten, hat Schwarz einige giftige Ideen, die dem Weißen das Leben (und das Erobern des d2-Bauern) schwer machen. 15…Lh6 ist möglich, ebenso 15…Lxc3 nebst 16…Dg5, wonach auf d5 und h3 weiße Bauern hängen, während d2 gedeckt ist.)

14… exf2+ 15. Kh1

Xiong will verständlicherweise den Springer auf e4 (und den Druck gegen d6) behalten.

(Im Nachhinein würde er sich womöglich für 15. Txf2 Txf2 16. Sxf2 entscheiden. Jetzt ergibt 16…Lxc3 weniger Sinn. Während der Sh5 keine gute Option findet, wird Weiß seine Kräfte schnell zentralisieren und sollte ausreichendes Spiel für den Minusbauern haben. Anders als in der Partie wird sich jetzt tatsächlich dauerhaft ein weißer Springer auf e4 einnisten.)

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15… Lxc3!

Womöglich unterschätzt vom Weißen. Klar der beste Zug, aber um den zu spielen, muss der Schwarze erst einmal eine Barriere in seinem Kopf überwinden. Seine bei weitestem aktivste Leichtfigur gibt kein Schachspieler gerne her – außer er sieht in aller Klarheit, was er dafür bekommt.

16. Nxc3 Sg7

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Über g7 strebt dieser Springer nach f5, der andere soll über d7 nach e5. Beides prächtige zentrale Posten für die Gäule.

17. Lf3 Sd7 18. Txf2 Se5 19. Te2 Sf5

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20…Sd4 droht, und die Idee des mit 15…Lxc3 eingeleiteten Konzepts wird deutlich. Weiß muss jetzt energisch dazwischenhauen, sonst geht die Partie sofort den Bach runter.

20. Lxe5

(Mit dem Computerzug 20. Sb5!? Verwirrung zu stiften, war eine interessante Alternative. Schwarzes …Sd4 ist für den Moment verhindert, und die Drohung Sxd6 nicht leicht zu parieren.)

20… dxe5 21. d6!

Die menschliche Lösung, und die ist mindestens ebenso gut wie die maschinelle. Weiß gibt einen zweiten Bauern, um den Lf3 lang zu machen und das Feld d5 als Basis für weitere Operationen zu gewinnen.

21…Sxd6

Aber jetzt sollte Weiß mit zwei Minusbauern auf Kompensation spielen. Er kann Druck gegen e5 machen, hat zwei perfekte Leichtfiguren, das Feld d5 im Griff, und mittelfristig mag beim Schwarzen gar das Problem Königssicherheit auftauchen. Viel fehlt dem Weißen nicht zu voller Kompensation.

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22. Dd5+?

Gewinnt zwar unmittelbar einen Bauern zurück, aber beraubt den Weißen auch seiner Initiative und führt in ein Endspiel, das schlichtweg gut für Schwarz ist.

(Engines möchten an dieser Stelle 22.De1 sehen und zeigen obendrein eine originelle Möglichkeit, Remis anzubieten: 22.Sd5 Dg7 23.Sc3.)

22…Sf7 23. Se4 Tb8

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24. Dxc5

Mit den Damen verschwindet die weiße Initiative.

(24. Sxc5 b6 war noch trauriger. Per …Lb7 oder …Le6 bekommt bald die weiße Dame einen Tritt, und plötzlich wird Schwarz aktiv.)

24…Dxc5 25. Sxc5 b6 26. Se4 Lf5 27. Sc3 Tbd8 28. a4 a5 29. Ld5 Tfe8

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Schwarz will …Le6 spielen, um den Ld5 zu neutralisieren.

30. Lxf7+ Kxf7 31. Tf1 Ke6

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Beginn eines Königsmarsches, der idealerweise bis nach b4/b3 führt, um dort den weißen Damenflügel einzusammeln.

32. Tfe1 Kf6 33. Tf1 Ke6 34. Tfe1 Kd6

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35. Te3?

(35. Nb5+ schickt den König zurück auf die d-Linie, denn nach 35…Kc5?! 36. b4+! Kxb4 37.Tb2+ muss Schwarz entweder eine Qualität geben, oder sein König wird vom weißen Figurentrio dauerhaft belästigt.)

35… Kc6 36. Sb5 Te7 37. g4 Ld3 38. Sc3 Lc4 39. Tc1 Kb7 40. Te4 Td4

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Mit Erreichen der Zeitkontrolle steht Schwarz auf Gewinn. Am Damenflügel wird Weiß bald einen zweiten Bauern verlieren.

41. Kg1 Lb3 42. Kf2 Td2+ 43. Te2 Tf7+ 44. Ke3 Td4 45. Sb5 Tdd7 46. Sc3 Tf4 47. Td2 Tfd4 48. Tf2 Lxa4 49. Tf6 Lc6

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Weiß gab auf.

0-1

Eine Figur weniger trotz ausgeglichenem Material – das geht (II)

Beim Kandidatenturnier in Berlin haben wir gesehen, dass der typische eingesperrte Läufer auf g3 (oder g6) gelegentlich ein Spiegelbild wirft. In seiner Partie gegen Fabiano Caruana, einer der zentralen Partien des Turniers, plagte sich Vladimir Kramnik mit einem potenziell eingesperrten Läufer auf b3 herum.

Vladimir Kramnik – Fabiano Caruana, Kandidatenturnier Berlin 2018

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Schwarz am Zug

Könnte Schwarz in dieser Stellung zwei Züge auf einmal ausführen, er würde natürlich …d6-d5 und …b7-b5 ziehen. Der Lb3 wäre fortan eingesperrt, fände keinen Weg aus seinem Gefängnis, und Weiß müsste die Partie mit einer Figur weniger bestreiten.

Aber Schwarz darf nur einen Zug machen, und für den Moment muss er sich mit der kräftigen positionellen Drohung Sd2-e4 auseinandersetzen. …d6-d5 würde das parieren und zugleich den rückständigen Bauern auf d6 auflösen. Aber Weiß könnte sich sogleich mit c3-c4 befreien und stünde etwas angenehmer.

Caruana entschied sich stattdessen für …Lc8-f5, was eine Figur entwickelt und ebenfalls die weiße Option Sd2-e4 aus der Stellung nimmt.

Die Drohung, …d5 und …b5 bleibt ja als Motiv erhalten. Auch wenn sie nicht aufs Brett kam, bestimmte sie doch den weiteren Verlauf der Partie. Erst schob Kramnik dieser Drohung mit c3-c4 früher als nötig einen Riegel vor, sperrte aber damit selbst seinen Läufer ein. Wenig später folgte ungestüm c4-c5, mit dem der Weiße Brücken hinter sich abbrach, zwischenzeitlich dennoch auf Gewinn stand, aber nach dramatischem Verlauf am Ende verlor.

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Am Ende stand der auf b3 eingesperrte Läufer sogar noch auf dem Brett (auf d3), während Vladimir Kramnik angezählt über dem Tisch hing. Der Wendepunkt des Kandidatenturniers.

Anstatt mit 3,5/4 zu starten und das Kandidatenturnier von Beginn an zu dominieren, war das ein arger Rückschlag für Vladimir Kramnik, der damit zudem Fabiano Caruana in die Spur geholfen hatte. Kramnik suchte in der Folge in jeder Partie in erster Linie eine wilde Prügelei, während Caruana seine gegen Kramnik errungene Tabellenführung bis zum Schluss nicht mehr abgab und nun Magnus Carlsen herausfordern darf.

1.200 Elopunkte unter und vier Wochen nach diesen beiden hatte am Bodensee ein eingesperrter Läufer auf g3 zentrale Bedeutung. Des Schwarzen Kollege am Nachbarbrett stand auf Gewinn, und würde nun hier der Schwarze die richtige Fortsetzung finden, dann wäre der Drops schon beinahe gelutscht.

Antwort 65

Klaus Grensing – Roland Streit, Überlingen 2018

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Der Lg3 ist nicht nur eingesperrt, Schwarz kann obendrein danach trachten, ihn unmittelbar einzusammeln: …h6-h5-h4 mit Läuferfang liegt in der Luft. Der einzige Weg für Weiß, das zu verhindern, ist h2-h4. Aber das wiederum kann Schwarz verhindern, indem er den h-Bauern blockiert.

1…Lg4-h3! mit der Idee …h6-h5-h4 ist der richtige Zug.

Die Angelegenheit ist nicht trivial, weil der Weiße zum Beispiel mit Ld5xb7-c6+ dazwischenfunken oder d3-d4 mit Tempo probieren kann. Aber wie der Weiße sich auch dreht und wendet, wie lange er das Unheil am Königsflügel auch hinauszögert, am Ende wird das Pendel zugunsten des Schwarzen ausschlagen.

GrenkeChess-Rückschau: Als Caruanas Geheimwaffe Georg Meier traf

Meier, Georg (2.648)  – Caruana, Fabiano (2.784)

Grenke Chess Classic, 3. Runde, 2. April 2018

1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lb5 a6 4. Lxc6 dxc6 5. O-O 

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Die Grundstellung der spanischen Abtauschvariante. Schwarz kann an dieser Stelle zwischen einem halben Dutzend bewährter Züge wählen.

5… Df6

Sieht ein wenig krumm aus, blockiert es doch dem Sf6 sein natürliches Entwicklungsfeld und öffnet sich nach dem zu erwartenden d2-d4 für Lc1-g5 mit Angriff auf die Dame.

6. d4 exd4 7. Lg5

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Nur steht der Läufer hier gar nicht gut. Nun erst, da ihn Schwarz nach g5 gelockt hat, zieht die Dame auf das „normale“ Feld d6, auf das sie schon im fünften Zug hätte gehen können.

7… Dd6 8. Sxd4 Le7

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Indem er den vorwitzigen Lg5 befragt, bringt Schwarz schnell seine Figuren ins Spiel, die Idee von 5…Df6.

9. Le3 Sh6

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Springer am Rande bringt Kummer und Schande? Im Prinzip schon, aber Schwarz will sich nicht den f-Bauern verstellen und wird in der Folge oft mit …f7-f5 Spiel am Königsflügel organisieren, insbesondere dann, wenn Weiß mit f2-f3 sein Zentrum stützt. Gleichwohl war auch 9…Sg8-f6 eine gute Möglichkeit.

10. Dd2

Der einzige Spieler der erweiterten Weltklasse, der diese Stellung mit den weißen Steinen schon einmal auf dem Brett hatte, ist Arkadij Naiditsch…

10… g5

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…und für genau den hatte Fabiano Caruana vor vier Jahren die Tretmine 10…g7-g5 ausgeheckt, aber seitdem nicht aufs Brett bekommen. Schwarz geht unmittelbar auf den weißen König los.

11. Sf3 Tg8

Meier hätte hier mit 12.Dxd6 eine Art Notbremse ziehen können, aber dann wäre Schwarz aller Probleme ledig, mehr als das sogar. Stattdessen entscheidet sich der  deutsche Großmeister für den prinzipiellen Zug und nimmt den Kampf an.

12. h4

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Auch Schwarz kann mit 12…f7-f6 erst einmal stehenbleiben, weiterhin Damentausch offerieren und die Partie in ruhigere Fahrwasser führen. Aber das wäre so gar nicht im Sinne des hyperaggressiven 10…g7-g5. Caruana steckt einen Bauern ins Geschäft und setzt auf Königsangriff.

12… Dg6 13. hxg5 Sg4 14. Sc3 h6

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Soll der schwarze Angriff durchschlagen, müssen am Königsflügel Linien aufgehen.

15. Lf4 Le6 16. Lxc7 Tc8 17. Lb6

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Weiß hat drei Züge investiert, um sicherzustellen, dass der schwarze König im Zentrum festgenagelt bleibt. Aber wie soll er den unter Druck setzen? Am Drücker ist nur Schwarz, und der Lb6 beäugt zwar d8, spielt aber ansonsten nicht mit, erst Recht, sobald Schwarz …c6-c5 zieht

17… hxg5 18. Se2 c5 19. Sg3 Th8 20. Tfd1 Dh6

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Die schwarze Dame-Turm-Batterie auf der h-Linie sieht furchterregend aus, aber so lange der Weiße h1 kontrolliert, ist nicht viel los – das eiskalte Urteil der Maschine. Meier fiel es angesichts der massierten gegnerischen Kräfte vor seinem Monarchen schwer, eiskalt zu bleiben.

21. b4

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Objektiv betrachtet, ist das kein guter Zug, eher eine Panikreaktion. Aber der Weiße erreicht in der Folge sein Ziel: der ausgeschlossene Lb6 spielt wieder mit, und Caruana verpasst manche beste Fortsetzung. Dennoch bleibt die Initiative auf Seiten des Schwarzen, und das ist gerade in beiderseitiger Zeitnot ein Riesenvorteil.

21… cxb4 22. Ld4 f6 23. c3 bxc3 24. Lxc3

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Wenn Weiß jetzt noch Ta1-c1 spielen dürfte, würde sich plötzlich auch der schwarze Monarch unwohl fühlen. Angesichts dieser Drohung macht Caruana den vermeintlich natürlichen Zug, verbindet seine Türme, stellt den König sicher.

24…Kf7

24… Sh2! lag schon lange in der Luft und hätte an dieser Stelle gewonnen, aber nur, wenn der Schwarze es schafft, unfallfrei durch ein kaum zu durchschauendes Variantendickicht zu navigieren.

25. Rac1 Rc4 26. Bd4 b5 27. Qa5

Auf der verzweifelten Suche nach Gegenspiel. Aber am Damenflügel Bauern einzusammeln, während auf der anderen Seite des Brettes der eigene König unter Feuer steht, ist keine gute Idee.

27… Nh2 28. Qxa6?

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Erst das ist der Fehler. 28. Se1! und Weiß hält.

28… Sxf3+ 29. gxf3 g4 30. f4 Dxf4 31. Txc4 bxc4 32. Le3 Df3!

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Plant schon Th8-h3xg3+.

33. Td6 Th3 34. Txe6

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Die nun folgende Abwicklung bis 37…D2-f1+ hatte Meier gesehen, aber ihm war entgangen, dass sich danach der Le7 tödlich in den Angriff einschaltet.

34… Txg3+ 35. fxg3 Dxe3+ 36. Kh2 Df2+ 37. Kh1 Df1+

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nebst Matt in zwei nach 38.Kh2 Dh3+ 39.Kg1 Lc5#. Meier gab auf.

0-1

Ein paar Meter weiter erlebte der sichtlich geschockte Matthias Blübaum ein Déja-vu gegen Magnus Carlsen. Wie schon in der ersten Runde trat unerwartet auf g4 ein Gaul nach ihm aus, als sich Blübaum am Ende einer forcierten Abwicklung auf dem Weg zu einem sicheren Remis wähnte.

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Nach 29… Lxc6 oder … bxc6 wäre nichts los gewesen, aber jetzt gerät der weiße König noch in Bedrängnis. Nach 30.Dg3 Dc5+ 31.Kf1 Se3+ 32.Ke2 Sf5 und erst dann 33…Dxc6 musste der Weiße noch lange um den halben Punkt kämpfen.

Aber Blübaum fing sich, führte nach dem Unentschieden gegen Fabiano Caruana auch die Partie gegen Magnus Carlsen mit präziser Verteidigung zum Remis und war im Turnier angekommen.

Auf Augenhöhe mit der Weltklasse? Französische Theorieduelle

Als dem Schachbund vor zehn Jahren auffiel, dass ein deutscher Weltklassespieler unseren Sport voranbringen würde, gründete er die Prinzen, eine Gruppe herausragender Talente, die fortan gezielt gefördert wurden. Womöglich hatten die Funktionäre auch die deutsch-französische Freundschaft im Blick und verpflichteten den Nachwuchs, gegen 1.e2-e4 so oft wie möglich die Französische Verteidigung zu spielen?

Jedenfalls sind die Prinzen erwachsen geworden, und seit Jahren schon verbindet sie ihre Liebe zum Französischen. Das gilt auch für den Vorzeige-Prinzen Matthias Blübaum und dessen Großmeisterkollegen Georg Meier, die beiden deutschen Teilnehmer des Grenke Classic. Meier bevorzugt zwar den eher untypischen Rubinstein-Franzosen (Schwarz spielt früh …d5xe4), gilt darin aber als weltweit führender Experte.

Partien gegen Weltklassespieler bedeuten für ihre Gegner oft einen verschärften Test ihrer Eröffnungskenntnisse. Dass beim Grenke-Turnier die deutschen Franzosen manchem theoretischen Ansturm würden widerstehen müssen, das war abzusehen.

In Runde zwei ging das los, als Nikita Vitiugov gegen Georg Meier und Fabiano Caruana gegen Matthias Blübaum jeweils 1.e2-e4 zogen. In beiden Partien stand prompt 1…e7-e6 auf dem Brett, aber dann trennten sich bald die Wege.

Vitiugov fragte Meier in der Vorstoßvariante ab (1.e4 e6 2.d4 d5 3.e5), Fabiano Caruana testete Blübaums Kenntnisse in der Steinitz-Variante des klassischen Franzosen (1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sc3 Sf6 4.e5).

Meier sah sich bald mit einer Neuerung konfrontiert:

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8.b4-b5 hatte in dieser Stellung noch kein Spieler internationalen Formats probiert, was aber auch damit zusammenhängen mag, dass die Idee, den Springer c6 nach a5 zu treiben, dem Weißen nicht allzu viel verspricht, womöglich gar dem Schwarzen hilft, Spiel am Damenflügel zu organisieren.

Meier hielt seinen Laden ordentlich zusammen, geriet dann aber nach und nach in ein erst schwieriges und dann mehr als heikles Endspiel, in dem sich die seltene Konstellation ergab, dass sein Läuferpaar gegen Vitiugovs Springer nichts zu bestellen hatte. Kurz vor dem Ende sah es so aus:

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Läuferpaar, Turm auf der zweiten Reihe – auf den ersten Blick könnte man meinen, dass einige Faktoren für die schwarze Stellung sprechen. Tun sie aber nicht. Der Th2 steht in erster Linie weitab vom Kampfgeschehen, das am Damenflügel tobt, wo der weiße b-Freibauer machtvoll seiner Verwandlung entgegenstrebt.

Das Läuferpaar leidet unter einem arg limitierten Wirkungsradius und findet keinen Weg, den von seinen Springern mächtig unterstützten Freibauern zu stoppen. Obendrein erfreut sich Weiß schon seit einigen Zügen des prächtigen Stützpunkts d6, von dem aus ein einmal dort eingepflanzter Springer den Schwarzen erheblich belästigt.

Die Diagrammstellung ist schon nicht mehr zu halten, Meier gab bald auf.

Matthias Blübaum drohte nach seiner Erstrundenniederlage ein Desaster, denn in Runde zwei und drei würden der WM-Herausforderer und der Titelträger auf den jungen Großmeister warten.

Als sich Fabiano Caruana auf Blübaum vorbereitete, wird er diese Stellung aus dem Steinitz-Franzosen auf dem Brett gehabt haben:

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Und er wird gesehen haben, dass Blübaum in dieser Stellung 8…b7-b6 zu ziehen pflegt:

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Was immer Caruana darauf vorbereitet hatte, Blübaum kam der Präparation des WM-Herausforders zuvor, indem er dieses Mal 8…a7-a6 zog, bald gefolgt von …b7-b5.

Anstatt angeschlagen vom Knockout in Runde 1 gegen den Weltranglistendritten unter Druck zu geraten, spielte Blübaum zügig und entschlossen, während Caruana viel Zeit verbrauchte. Der Amerikaner war dem Deutschen in seine häusliche Vorbereitung gelaufen, nicht andersherum.

Für Blübaum ein normaler Tag im Büro

Auf dem Brett sah es zwar so aus, als würde Caruana einen Angriff am Königsflügel inszenieren können, aber das hatte Blübaum alles daheim geprüft und für harmlos befunden. Nach 21.f4-f5 war der Deutsche immer noch in seiner Vorbereitung, und seine größte Herausforderung bestand in der Gedächtnisleistung, sich daran zu erinnern, wie sich hier das weiße Spiel neutralisieren lässt.

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Diesen Gedächtnistest bestand Blübaum mit Bravour, knöpfte Caruana ein ungefährdetes Remis ab und tankte Selbstvertrauen für das Duell mit Magnus Carlsen am nächsten Tag.

Im Interview danach stellte Blübaum die Partie gegen Caruana als normalen Tag im Büro dar: „Manchmal läuft es halt gut, und Du bekommst Deine Variante aufs Brett.“ Und dann ist selbst für die Weltbesten nichts zu holen.

Ausruhen oder Aufwärmen? Was Carlsen und Caruana von Blübaum und Meier lernen können

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American hero: Fabiano Caruana nach dem Gewinn des Kandidatenturniers

Wie dosieren wir unsere Praxis vor einem wichtigen Turnier? Einerseits wollen wir ja nicht eingerostet ans Brett gehen, andererseits nicht ausgepowert. Magnus Carlsen und Fabiano Caruana bereiten sich in dieser Hinsicht sehr unterschiedlich auf ihr WM-Match im November vor.

Der Weltmeister hat sich seinen Terminkalender bis zur Titelverteidigung randvoll gepackt. Bei vier großen Turnieren (Grenke, Shamkir, Norway, Biel) hat er zugesagt. Wahrscheinlich wird er im Oktober die Europäische Mannschaftsmeisterschaft spielen; außerdem dürfte es ihm schwer fallen, die norwegische Nationalmannschaft bei der Schacholympiade Ende September in Georgien im Stich zu lassen. Carlsen wird im Lauf des Jahres so oft am Brett sitzen, dass kaum Zeit bleibt für ein mehrwöchiges Trainingslager zur WM-Vorbereitung, geschweige denn für etwas Urlaub.

Caruanas Pläne sind nicht so transparent, was damit zusammenhängen mag, dass er bis November längere Auszeiten einplant. Direkt nach dem Kandidatenturnier schwärmte der Amerikaner von seinem Trainingslager in Miami, das eine ideale Vorbereitung gewesen sei. Wahrscheinlich schwebt ihm für das WM-Match ein ähnliches Modell vor.

Schafft Blübaum den Durchbruch zur Weltklasse? Jetzt wäre eine gute Gelegenheit.

So oder so, schon Ostern werden Weltmeister und Herausforderer beim Grenke Classic in Karlsruhe antreten, gleich in der ersten Runde am Samstag. Abseits ihrer Partien können C&C am Beispiel der beiden deutschen Teilnehmer studieren, welches Maß an Praxis zur Vorbereitung taugt.

Matthias Blübaum hat sich vor Karlsruhe eine Auszeit genommen, für Georg Meier ist das Grenke Classic das Finale eines Schach-Marathons.

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Matthias Blübaum

Blübaum hat zugunsten des Karlsruher Turniers auf die jüngst beendete Europameisterschaft verzichtet und damit auf die Chance, sich für den hoch dotierten World Cup zu qualifizieren. Seit dem Tata-Steel-Turnier in Januar hat er sich auf die Vorbereitung fokussiert, um in Karlsruhe im Feld der Weltklassespieler zu bestehen.

Als Jugendlicher war Blübaum  selbst Weltklasse, stets ganz oben in den Ranglisten seiner Altersgenossen platziert. Im April wird Blübaum 21, sein Elo stagniert seit einem Jahr, und der Begriff „Talent“ hat sich bald verbraucht. Wenn noch ein Durchbruch Richtung 2.700 und darüber hinaus kommen soll, dann ist es an der Zeit. Ein Turnier als Elo-Außenseiter gegen Carlsen, Caruana, Aronian wäre eine treffliche Gelegenheit, neu durchzustarten.

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Georg Meier

Georg Meier (30) ist als Großmeister mal knapp dies-, mal knapp jenseits der Top 100 etabliert. „Georg is a serious guy“, sagte Magnus Carlsen neulich über den Deutschen, als der ihn bei einem Online-Mannschaftsturnier beharkte – eine Respektsbekundung.

Meier hat als Vorbereitung zum Grenke-Turnier die Praxis vorgezogen. Erst elf Runden bei der Europameisterschaft auf der Jagd nach dem World-Cup-Ticket, von dort direkt nach Karlsruhe und neun weitere knüppelharte Partien gegen Weltklassespieler.

Beim Grenke Classic wird sich zeigen, ob der ausgeruhte Blübaum oder der  aufgewärmte Meier eher von ihrer Vorbereitung profitieren. Vielleicht ziehen die WM-Kontrahenten Schlüsse daraus.

Verpatzte Generalprobe mit der Leib- und Magen-Eröffnung

Als gutes Omen kann Meier den Verlauf der Europameisterschaft deuten, wenn denn das alte Sprichwort zutrifft, dass auf eine verpatzte Generalprobe stets eine gelungene Premiere folgt. 12 Elo-Punkte ließ Meier in Georgien und war schon zur Mitte des Turniers mehr oder weniger raus aus dem Rennen um die World-Cup-Plätze.

Stellvertretend für seine enttäuschende Performance steht eine Niederlage, die Meier in der vorletzten Runde ereilte. Nicht nur nahm sein Gegner eine Anleihe bei Vladimir Kramniks …Tg8 aus dem Kandidatenturnier, obendrein erwischte es Meier in der Rubinstein-Variante des Französischen, der Eröffnung, als deren führender Experte er gilt.

Semen Lomasov – Georg Meier, Europameisterschaft Batumi 2018

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Die Rochaden zu verschiedenen Seiten kündigen schon an, dass es mittelfristig scharf zugehen wird. Wahrscheinlich wird sich ein Wettrennen um den Skalp des gegnerischen Königs ergeben.

Der Ukrainer Vassily Iwantschuk hat in dieser Stellung vor fünf Jahren erst einmal seinen König in Sicherheit gebracht, 13. Kb1. Aber da kannte er ja auch noch nicht die Partie Aronian – Kramnik aus Berlin 2018.

In Meiers Partie meldete der Weiße mit 13.Thg1 à la Kramnik unmittelbar Ambitionen in Richtung schwarzer König an. g4 nebst Mattangriff soll folgen. Aber nach 13… Sd7

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…zog Weiß 14.Lg3. Das sieht putzig aus, blockiert es doch den g-Bauern, der sich gerade erst zum Vormarsch bereit gemacht hat. Aber auf f4 wird der Läufer viel wirksamer aufgestellt sein, um den kommenden Angriff zu unterstützen. Außerdem steht Weiß etwas freier, hat etwas mehr Raum, also hält er Material auf dem Brett, um der auf drei Reihen zusammengepressten schwarzen Armee nicht die Koordination zu erleichtern.

Nach 14… a6 15.Kb1 b5 16. Lf4 Ld5 17.g4

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rollte Weiß los, und Meier wusste sich nicht anders zu helfen, als sich per 17… g5 der weißen Attacke entgegenzustemmen. Das lockert freilich die schwarze Königsstellung erheblich, und Schwarz geriet sehr bald in arge Not. 14 Züge später warf Meier das Handtuch. Beim Grenke Classic kann es nur besser werden.

Kasparow zum WM-Match: „Magnus Carlsen ist verwundbar“

5:9 bei 16 Remis, Fabiano Caruanas Bilanz gegen Magnus Carlsen.

„In erster Linie ist das eine kämpferische Bilanz“, sagt der russische Weltranglisten-14. Peter Svidler, der das Kandidatenturnier als gefeierter Kommentator begleitet hat. Caruana habe oft genug gezeigt, dass er Carlsen in Bedrängnis bringen kann. „Und Magnus hat beim WM-Match 2016 gezeigt, dass er verwundbar ist“, assistiert Exweltmeister Gary Kasparow. Die beiden russischen Schachgiganten glauben an Caruanas Chance im Titelmatch gegen den Weltmeister.

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Exweltmeister Gary Kasparow orakelte per Skype auf dem St.-Louis-Schachkanal über Fabiano Caruanas Chancen im WM-Match gegen Magnus Carlsen.

Der heute in erster Linie als politischer Kommentator, Autor und Aktivist tätige Kasparow hat das Kandidatenturnier in Berlin natürlich verfolgt. Caruana habe am solidesten gespielt, Chancen genutzt, wenn sie sich boten, und er habe nach seiner einzigen Niederlage im Turnier mit einem Sieg am nächsten Tag gezeigt, dass er zurückkommen kann. „Eine ganz wichtige Qualität.“

„Caruana ist besser als Karjakin“

Magnus Carlsen werde beim WM-Match der Favorit sein. „Aber Caruana ist besser als Sergej Karjakin, und schon gegen den hatte Carlsen Mühe“, sagt Kasparow.  Caruana müsse sich gewissenhaft vorbereiten, in Topform ins Match gehen, solide und hartnäckig spielen wie jetzt in Berlin und seinen Rhythmus finden. „Dann hat er Chancen.“

Für das amerikanische Schach erwartet Kasparow nach Caruanas Sieg einen weiteren Schub. „Es ist ja nicht mehr wie zu Bobby Fischers Zeiten, als aus der Wüste ein einzelnes Genie erwuchs.“ Caruanas Erfolg stehe stellvertretend für den amerikanischen Schachaufschwung.

Seitdem Mäzen Rex Sinquefield St. Louis zur Schachstadt gemacht hat, ist in den USA einiges in Bewegung. An Schulen und Universitäten blüht der Sport, in der Weltrangliste stehen drei Amerikaner in den Top Ten und zahlreiche Talente dahinter auf dem Sprung. Wenn nun Fabiano Caruana ein gutes WM-Match gegen Carlsen spiele, könne das das US-Schach noch einmal auf ein höheres Level hieven, insbesondere in der öffentlichen Wahrnehmung.

Heimspiel für Caruana gegen Carlsen? US-Schachmäzen will das WM-Match in die USA holen

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Rex Sinquefield

(Finale (?) Aktualisierung, 30. März:

World Chess möchte das Gerücht einer WM-Verlegung aus der Welt haben. Per Twitter garantiert der Schach-Veranstalter der FIDE, dass das Match in London steigt, siehe Tweet am Ende dieses Textes)

Der Milliardär Rex Sinquefield ist das Gesicht des US-amerikanischen Schachaufschwungs, der jetzt zum ersten WM-Match eines Amerikaners seit fast 50 Jahren geführt hat. Seinem Schützling Fabiano Caruana möchte Sinquefield ein Heimspiel gegen Magnus Carlsen verschaffen. „Ergäbe sich eine Gelegenheit, würde ich das Match nach St. Louis holen“, sagte Sinquefield, noch bevor Caruana seine finale Partie und damit das Kandidatenturnier gewonnen hatte.

(Update 28.März: Jetzt taucht das Gerücht, St. Louis wolle London mit einem deutlich höheren Gebot ausstechen, auch auf CBS auf.)

Sein Einfluss darauf, das Match kurzfristig von London in die Schachstadt St. Louis zu verlegen, sei allerdings gering, räumte Sinquefield ein. Der Schachweltverband FIDE und dessen Veranstalter Agon hätten die Rechte. „FIDE und Agon sind jetzt am Zug.“ Er könne nur anbieten, mit Freude einzusteigen, gebe es seitens der Organisatoren ein Signal von der Themse an den Mississippi. Generell mache es ihn überaus glücklich, dass mit Fabiano Caruana endlich wieder ein Amerikaner um den Titel spielt. „Darauf habe ich seit Bobby Fischers Zeiten gewartet.“

„Schach muss endlich professionell organisiert werden.“

Sinquefield machte im Interview auf dem St.-Louis-Schachkanal deutlich, dass er die FIDE eher als Hort des Chaos sieht denn als durchorganisierten Verband. Womöglich breite sich dieses Chaos ja so schnell aus, dass ein neuer Organisator gefunden werden muss. Ihm sei aber eher daran gelegen zu helfen, Dinge in geordnete Bahnen zu führen, anstatt zuzuschauen, wie das organisierte Weltschach implodiert.

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Während Rex Sinquefield dafür warb, das WM-Match nach St. Louis zu holen, sah der US-Schachverband den Wettkampf in London.

„Schach muss endlich professionell organisiert werden“, assistierte Exweltmeister Gary Kasparow. „Rex wäre dafür der Richtige.“ Kasparow verwies auf die desaströse Organisation in Berlin und auf manchen misslichen Umstand, der das WM-Match 2016 in New York begleitet habe. Anzeichen, dass beim WM-Match 2018 auf einmal alles besser wird, sieht Kasparow nicht.

Kasparow: „Von der FIDE, wie sie jetzt ist, sollten wir die Finger lassen.“

Zugleich warnte Kasparow davor, sich mit FIDE/Agon ins selbe Boot zu setzen. Deren Mittel stammten aus zwielichtigen Quellen, dazu die Geldwäsche-Vorwürfe gegen FIDE-Präsident Kirsan Iljumschinow. „Davon sollten wir die Finger lassen.“ Aber würde der Weltverband den Willen zu Reform und Transparenz zeigen und die Hilfe von Sinquefield annehmen, „dann würde ich ein Match Carlsen-Caruana in St. Louis sofort unterstützen“.

Im November 2017 hatte Agon verkündet, dass London den Zuschlag für das WM-Match 2018 bekommen hat. Ein Spielort in der englischen Hauptstadt ist laut Yasser Seirawan/CBS noch nicht gefunden, offizielle Quellen haben bislang stets London genannt, aber sich nie festgelegt, wo in London das Match steigen soll.

Agons Mitteilung von November 2017, das Match sei nach London vergeben, war nach dem Ende des Kandidatenturniers auf der Agon-Seite nicht mehr zu finden. Das kann ein Indiz sein, kann aber auch mit den notorischen Übertragungs- und Webdesign-Problemen von Agon zusammenhängen.

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Vielleicht gibt ja am Ende tatsächlich das Geld den Ausschlag. Für seine bisherigen Veranstaltungen hat Agon bislang stets nur den Minimal-Garantiepreisfonds zusammenkratzen können. Alle Versuche der FIDE-Tochter, Schach-Übertragungen zu monetarisieren, scheiterten derweil krachend; sie führten zu Anwaltskosten statt Einnahmen. Wahrscheinlich ist das Gerücht über die finanziell missliche Lage des Schach-Veranstalters nicht aus der Luft gegriffen.

Würde nun Rex Sinquefield ein substanziell höheres Angebot machen, als es für eine WM in London auf dem Tisch liegt, wer weiß?

Update 29. März:

Vom St. Louis Chess Club gibt es jetzt eine offizielle Stellungnahme:

Update 30. März:

…und dann begegnet uns dieses Facebook-Fundstück von Anfang März, laut dem der Austragungsort in London doch feststeht. Nicht irgendein Ort, sondern das Google-Hauptquartier. Das Team des britischen Schach-Multifunktionärs und -Organisators Malcolm Pein habe diese Information durchsickern lassen.

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Wir haben natürlich nachgefragt. Malcom Peins Kommentar: „Aprilscherz.“

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Laut WorldChess wird es jedenfalls London. Mit dieser getweeteten Garantie will der WM-Veranstalter das Gerücht aus der Welt schaffen:

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