Für Patzer und Profis: Abwickeln in ein gewonnenes Bauernendspiel

Kein anderes Konzept bekommt auf dieser Seite so viele Beiträge gewidmet wie das „Abwickeln in ein gewonnenes Bauernendspiel“, und das auf didaktisch zweifelhafte Weise.

Wir bitten die Leser sofort ans Brett, bevor sie überhaupt abschätzen können, ob und warum ein Bauernendspiel gewonnen ist. Wir haben ja noch nicht einmal die grundlegendsten Bauernendspiel-Basics wie die „Quadratregel“ erklärt. Von „Schlüsselfeldern“ oder „Opposition“ ganz zu schweigen. Aber Praxis ist die beste Schule.

Ein entfernter Freibauer, die entscheidende Zutat

Außerdem ist das hier kein Schachbuch, in dem ein Kapitel auf das andere aufbaut, sondern ein Gemischtwarenladen, in dem wir mal hier, mal dort ein Schlaglicht auf unterschiedliche Aspekte der Strategie werfen, so wie sie uns in praktischen Beispielen begegnen. Und in der Praxis, da taucht das Abwickeln in ein gewonnenes Bauernendspiel nun einmal ständig auf. Bei den Patzern vom Bodensee genauso wie bei veritablen Großmeistern.

Immerhin haben wir schon gelernt, welche Zutat für ein gewonnenes Bauernendspiel fast unerlässlich ist: genau, ein entfernter Freibauer. Während des Gegners König auf dem einen Flügel unserem entfernten Freibauern hinterherrennt, um ihn aufzuhalten, macht sich unser König auf dem anderen Flügel über dessen Bauern her.

Schachfreund Arno zum Beispiel hatte neulich in Villingen-Schwenningen (das übrigens mit scharfem „V“ gesprochen wird, für westfälische Einwanderer keine Selbstverständlichkeit) dieses Endspiel auf dem Brett:

Thomas Schaumann – Arno Dirksen, Villingen-Schwenningen, März 2018

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Trivial, oder? Schwarz tauscht die Türme, bildet auf der h-Linie einen entfernten Freibauern und gewinnt.

Trivial ist es zu sehen, dass das Bauernendspiel für Schwarz günstig ist. Es zum Gewinn zu führen, erfordert gleichwohl ein wenig Präzision.

Hier ist die Stellung schon aufgebaut, und Du kannst gegen einen Computergegner ausprobieren, ob Du mit Schwarz gewinnst.

Etwa 1.000 Elopunkte über Arno zieht der deutsche Großmeister Daniel Fridman seine Kreise. Statt nach Villingen-Schwenningen mit scharfem „V“ fuhr Fridman neulich nach Batumi in Georgien zur Europameisterschaft, um sich dort für den World Cup zu qualifizieren und ein Stück vom 100.000-Dollar-Preisgeldkuchen abzuschneiden.

Um dieses Ziel zu erreichen, musste Fridman seine Partie in der letzten Runde gewinnen. Und das erforderte, Ihr ahnt es, das Abwickeln in ein gewonnenes Bauernendspiel.

Daniel Fridman – Tamir Nabaty, Batumi, März 2018

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Allerdings in einer Version für Fortgeschrittene. Die Stellung nach 1.Txc5 dxc5 2.a4 ist gewonnen für Weiß, das ist alles andere als offensichtlich, und der Gewinn ist komplizierter als in allen bisherigen Beispielen. Wer das schafft, Respekt.

Hier ist die Stellung schon aufgebaut, tüftelt mal ein wenig herum und probiert, die weiße Stellung zum Gewinn zu führen.

Dieses ist die bislang schwierigste Aufgabe in dieser Reihe, schwieriger noch als das Bauernendpiel aus der Partie Svane – Nuber, das wir neulich im Beitrag „Katastrophen vor der Zeitkontrolle“ beleuchtet haben.

Wer es nicht schafft, meldet sich bitte in den Kommentaren. Wir werden dann die eine oder andere Hilfestellung geben.

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Österreichs fünfter Großmeister

Karl Robatsch, Josef Klinger, Nikolaus Stanec, Markus Ragger.

Dieser stolzen Reihe von Österreichern gehört ab sofort ein weiterer Name an. Der Steirer Andreas Diermair ist der fünfte Österreicher, der den höchsten im Schach zu vergebenden Titel errungen hat.

diermair

Diermair ist auch der einzige deutschsprachige Teilnehmer der Europameisterschaft in Batumi, der zufrieden heimkehrt. Alle verpassten sie die World-Cup-Qualfikation, doch Diermair sicherte sich im extrem stark besetzten Feld (300 Spieler, Elo Schnitt über 2.400) mit 6,5/11 seine finale GM-Norm.

Und das auf couragierte Weise. In der 11. Runde gegen den serbischen 2.600-GM Aleksandar Indjic provozierte Diermair mit den schwarzen Steinen einen scharfen Kampf, triumphierte und ist ab sofort Schach-Großmeister. Herzlichen Glückwunsch!

Hier die Partie, die Diermair den Titel sicherte:

Indjic, Aleksandar (2.623) – Diermair, Andreas (2.507), EM 2018, 11. Runde

1. a3

Eine Frechheit wäre 1.a4, 1.a3 ist schlicht kein besonders guter Zug. Weiß muss jetzt sehen, dass er eine Struktur aufs Brett bekommt, in der a3 Sinn ergibt, anstatt sich darauf zu fokussieren, den Anzugs- in einen Stellungsvorteil zu verwandeln.

1… d5 2. Sf3 Lg4 3. d4 Sd7 4. Sbd2 Sgf6 5. h3 Lh5 6. c4 e6 7. Db3

Das typische Motiv. Wenn in d4/d5-Stellungen Schwarz den Lc8 früh entwickelt, stürzt sich Weiß per Db3 auf den schwarzen Damenflügel, dem nun ein Verteidiger fehlt. Aber mit einem Springer auf c3 statt d2 wäre Db3 wirkungsvoller.

7… Le7

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Bedient sich Weiß jetzt oder in der Folge auf b7, bekommt Schwarz per …c5 ausreichendes Spiel für den Bauern und die im Abseits stehende weiße Dame. Auch das ein typisches Motiv. Sofortiges … c5 war auch eine Option.

8. cxd5 exd5 9. g4 Lg6 10. Sh4

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10… Sb6

(10… Sxg4!?)

11. Sxg6 hxg6 12. Lg2 c6 13. e3 Dc7

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Beide Rochaden sind spielbar. Schwarz bereitet die lange Rochade vor, die
schärfere der beiden Möglichkeiten, den König aus dem Zentrum zu holen.

14. Dc3

Nicht das natürlichste Feld für die weiße Dame. Weiß macht seinem b-Bauern Platz, ein Bauernsturm am Damenflügel ist der Plan. Aber wohin mit dem weißen König?

14…O-O-O 15. a4 a6

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Damit Weiß nicht a4-a5-a6 spielt und den schwarzen Damenflügel aufweicht.

16. b4 Kb8 17. Db3

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17… Sxg4!

Nur so! Bevor der Weiße am Damenflügel etwas Greifbares erreicht, steckt der Schwarze eine Figur ins Geschäft, um dem im Zentrum steckengebliebenen weißen König an den Kragen zu gehen.

18. hxg4 Txh1+ 19. Lxh1 Dh2

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20. b5!

Gibt die Figur zurück, um selbst schleunigst Angriff zu bekommen. Material ist nebensächlich, dieses ist ein Wettrennen.

(Nach 20. Bf3 Bh4 würde der schwarze Angriff schon durchschlagen.)

20…Dxh1+ 21. Ke2 cxb5 22. axb5

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22…a5

Zwingt Weiß, zwei weitere Tempi zu investieren, bis er auf der a-Linie Drohungen aufstellen kann; Zeit, die Schwarz dringend braucht, um für den nächsten Anlauf auszuholen.

23. Da2

(23. Txa5 wäre Blödsinn. Weiß will eine Batterie auf der a-Linie, aber die Dame gehört nach vorne.)

23… Dg2 24. Dxa5 Dxg4+ 25. Df3 Td6

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Die schwarze Dame allein kommt nicht durch, es müssen weitere Kräfte ins Spiel. 25… Td6 deckt den Sb6 und bereitet den Schwenk nach f6 vor.

26. Da7+ Kc7

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27. La3??

Je heikler und zweischneidiger die Stellung, desto höher der
Preis für einen Zug. Nach diesem Fehler steht Weiß unmittelbar auf Verlust.

(27. Ld2 war erforderlich mit der Idee Tf6 28. Tc1+ Nc4??

(28… Kd7 29. Dxb7+ Ke8 30.Db8+ nebst Dg3 und Weiß hält, steht mit seinem entfernten Freibauern sogar etwas besser.)

29. La5+ und Weiß gewinnt. Diese Variante funktioniert in der Partie mit dem Läufer auf a3 nicht, dann könnte Schwarz tatsächlich 28… Sc4 spielen, und Weiß käme nicht weiter.)

27… Tf6 28. Lxe7

(28. Tc1+ Sc4 29. b6+ Kc6 geht nicht weiter für Weiß.)

28… Dxf3+ 29. Kd2 Dxf2+ 30. Kd3 Df5+ 31. Kc3 Te6 32. Lc5 Df2

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Schwarz muss nur noch sicherstellen, dass auf dem Damenflügel nichts anbrennt, dann hat er ein gewonnenes Endspiel auf dem Brett.

33. Lxb6+ Txb6 34. Tc1 Txb5 35. Kd3+ Kd7 36. Da4 Db2

Weiß gab auf.

Er hat keinerlei Gegenspiel mehr, drei Minusbauern auf dem Konto und
kann Damentausch nicht verhindern. Eine mutige Vorstellung von Andreas
Diermair, der mit diesem Schwarzsieg gegen einen nominell überlegenen Spieler seine dritte und letzte GM-Norm unter Dach und Fach brachte.

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Ausruhen oder Aufwärmen? Was Carlsen und Caruana von Blübaum und Meier lernen können

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American hero: Fabiano Caruana nach dem Gewinn des Kandidatenturniers

Wie dosieren wir unsere Praxis vor einem wichtigen Turnier? Einerseits wollen wir ja nicht eingerostet ans Brett gehen, andererseits nicht ausgepowert. Magnus Carlsen und Fabiano Caruana bereiten sich in dieser Hinsicht sehr unterschiedlich auf ihr WM-Match im November vor.

Der Weltmeister hat sich seinen Terminkalender bis zur Titelverteidigung randvoll gepackt. Bei vier großen Turnieren (Grenke, Shamkir, Norway, Biel) hat er zugesagt. Wahrscheinlich wird er im Oktober die Europäische Mannschaftsmeisterschaft spielen; außerdem dürfte es ihm schwer fallen, die norwegische Nationalmannschaft bei der Schacholympiade Ende September in Georgien im Stich zu lassen. Carlsen wird im Lauf des Jahres so oft am Brett sitzen, dass kaum Zeit bleibt für ein mehrwöchiges Trainingslager zur WM-Vorbereitung, geschweige denn für etwas Urlaub.

Caruanas Pläne sind nicht so transparent, was damit zusammenhängen mag, dass er bis November längere Auszeiten einplant. Direkt nach dem Kandidatenturnier schwärmte der Amerikaner von seinem Trainingslager in Miami, das eine ideale Vorbereitung gewesen sei. Wahrscheinlich schwebt ihm für das WM-Match ein ähnliches Modell vor.

Schafft Blübaum den Durchbruch zur Weltklasse? Jetzt wäre eine gute Gelegenheit.

So oder so, schon Ostern werden Weltmeister und Herausforderer beim Grenke Classic in Karlsruhe antreten, gleich in der ersten Runde am Samstag. Abseits ihrer Partien können C&C am Beispiel der beiden deutschen Teilnehmer studieren, welches Maß an Praxis zur Vorbereitung taugt.

Matthias Blübaum hat sich vor Karlsruhe eine Auszeit genommen, für Georg Meier ist das Grenke Classic das Finale eines Schach-Marathons.

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Matthias Blübaum

Blübaum hat zugunsten des Karlsruher Turniers auf die jüngst beendete Europameisterschaft verzichtet und damit auf die Chance, sich für den hoch dotierten World Cup zu qualifizieren. Seit dem Tata-Steel-Turnier in Januar hat er sich auf die Vorbereitung fokussiert, um in Karlsruhe im Feld der Weltklassespieler zu bestehen.

Als Jugendlicher war Blübaum  selbst Weltklasse, stets ganz oben in den Ranglisten seiner Altersgenossen platziert. Im April wird Blübaum 21, sein Elo stagniert seit einem Jahr, und der Begriff „Talent“ hat sich bald verbraucht. Wenn noch ein Durchbruch Richtung 2.700 und darüber hinaus kommen soll, dann ist es an der Zeit. Ein Turnier als Elo-Außenseiter gegen Carlsen, Caruana, Aronian wäre eine treffliche Gelegenheit, neu durchzustarten.

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Georg Meier

Georg Meier (30) ist als Großmeister mal knapp dies-, mal knapp jenseits der Top 100 etabliert. „Georg is a serious guy“, sagte Magnus Carlsen neulich über den Deutschen, als der ihn bei einem Online-Mannschaftsturnier beharkte – eine Respektsbekundung.

Meier hat als Vorbereitung zum Grenke-Turnier die Praxis vorgezogen. Erst elf Runden bei der Europameisterschaft auf der Jagd nach dem World-Cup-Ticket, von dort direkt nach Karlsruhe und neun weitere knüppelharte Partien gegen Weltklassespieler.

Beim Grenke Classic wird sich zeigen, ob der ausgeruhte Blübaum oder der  aufgewärmte Meier eher von ihrer Vorbereitung profitieren. Vielleicht ziehen die WM-Kontrahenten Schlüsse daraus.

Verpatzte Generalprobe mit der Leib- und Magen-Eröffnung

Als gutes Omen kann Meier den Verlauf der Europameisterschaft deuten, wenn denn das alte Sprichwort zutrifft, dass auf eine verpatzte Generalprobe stets eine gelungene Premiere folgt. 12 Elo-Punkte ließ Meier in Georgien und war schon zur Mitte des Turniers mehr oder weniger raus aus dem Rennen um die World-Cup-Plätze.

Stellvertretend für seine enttäuschende Performance steht eine Niederlage, die Meier in der vorletzten Runde ereilte. Nicht nur nahm sein Gegner eine Anleihe bei Vladimir Kramniks …Tg8 aus dem Kandidatenturnier, obendrein erwischte es Meier in der Rubinstein-Variante des Französischen, der Eröffnung, als deren führender Experte er gilt.

Semen Lomasov – Georg Meier, Europameisterschaft Batumi 2018

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Die Rochaden zu verschiedenen Seiten kündigen schon an, dass es mittelfristig scharf zugehen wird. Wahrscheinlich wird sich ein Wettrennen um den Skalp des gegnerischen Königs ergeben.

Der Ukrainer Vassily Iwantschuk hat in dieser Stellung vor fünf Jahren erst einmal seinen König in Sicherheit gebracht, 13. Kb1. Aber da kannte er ja auch noch nicht die Partie Aronian – Kramnik aus Berlin 2018.

In Meiers Partie meldete der Weiße mit 13.Thg1 à la Kramnik unmittelbar Ambitionen in Richtung schwarzer König an. g4 nebst Mattangriff soll folgen. Aber nach 13… Sd7

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…zog Weiß 14.Lg3. Das sieht putzig aus, blockiert es doch den g-Bauern, der sich gerade erst zum Vormarsch bereit gemacht hat. Aber auf f4 wird der Läufer viel wirksamer aufgestellt sein, um den kommenden Angriff zu unterstützen. Außerdem steht Weiß etwas freier, hat etwas mehr Raum, also hält er Material auf dem Brett, um der auf drei Reihen zusammengepressten schwarzen Armee nicht die Koordination zu erleichtern.

Nach 14… a6 15.Kb1 b5 16. Lf4 Ld5 17.g4

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rollte Weiß los, und Meier wusste sich nicht anders zu helfen, als sich per 17… g5 der weißen Attacke entgegenzustemmen. Das lockert freilich die schwarze Königsstellung erheblich, und Schwarz geriet sehr bald in arge Not. 14 Züge später warf Meier das Handtuch. Beim Grenke Classic kann es nur besser werden.

EM-Splitter: der Prügelknabe

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GM Bogdan-Daniel Deac

Neulich im Beitrag „Berliner Mauer aus Pappe“ haben wir schon gesehen, wie sich Großmeister Bogdan-Daniel Deac eine ordentliche Tracht Prügel eingefangen hat. Heute setzt es eine weitere.

Der Fairness halber wollen wir feststellen, dass der rumänische Großmeister zu den überragenden Schachtalenten des europäischen Kontinents zählt. 16 Jahre alt, Elo 2.584. Bald wird er die 2.600 knacken, und der Himmel ist das Limit.

Deac hat in Batumi auch gar keine sooo schlechte Europameisterschaft gespielt. Aber da waren nun einmal diese beiden Schwarzpartien, in denen er hübsch, schnell und instruktiv verlor. Als in der dritten Runde der englische Großmeister Gawain Jones die weißen Steine gegen Deac führte, passierte dieses:

Gawain Jones – Bogdan-Daniel Deac, Europameisterschaft Batumi 2018

Caro-Kann-Verteidigung

1. e4  c6 2. d4 d5 3. e5

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Hat längst 3.Sc3/Sd2 als Caro-Kann-Hauptvariante abgelöst, in erster Linie, weil Schwarz im Short-System kein leichtes Leben hat.

3… Lf5

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4. h4

Die einzige veritable Alternative zu Shorts ruhigerer Gangart 4.Sf3/5.Le2. Schirows 4.Sc3 e6 5. g4 und andere weiße Versuche gelten als entschärft. Per 4.h4 will Weiß dem Lf5 an den Kragen. 4… e6?? würde nach 5.g4 usw. schon eine Figur verlieren.

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4… h5

Führt im Vergleich zur kämpferischen Alternative 4…h6 zu statischeren Stellungen, in denen Schwarz ein kleines, aber anhaltendes Problem mit sich herumschleppt: die Schwäche des Feldes g5.

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Variante 4… h6, Stellung nach 7… Dd6.

(4… h6 5. g4 Le4 (5… Ld7 ist der solide Zug. Schwarz spielt in der Folge Französisch und pocht darauf, dass sich Weiß am Königsflügel überdehnt hat.) 6. f3 Lh7 7. e6 Dd6 Lugt nach g3, verhindert Lf4. 7… Dd6 galt über Jahrzehnte als unverzichtbar und gut für Schwarz, aber das im Fernschach erfundene und im Nahschach noch wenig bekannte Bauernopfer 10.Sf3/11.h5 sieht für Weiß vielversprechend aus.

(7… Sf6 8. Lf4 Qb6 9. Sc3 Dxb2 10. Kd2 geschah 2013 in einer Partie Vachier-Lagrave – Ding Liren. Wem danach ist, eine verrückte Schachpartie zu sehen, dem sei diese ans Herz gelegt.)

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Variante 4… h6, Stellung nach 11.h5.

8. exf7+ Kxf7 9. f4 Sf6 10. Sf3 Sxg4 11. h5 Kurios. Weiß hat in den ersten elf Zügen zehn Mal einen Bauern bewegt und erfreut sich nun mehr als ausreichender Kompensation. Schwarz bietet sich ein halbes Dutzend plausibler Züge, aber keine überzeugende Idee, seine Truppen koordiniert ins Spiel und den König in Sicherheit zu bringen. Objektiv betrachtet, ist der weiße Vorteil überschaubar, aber praktisch steht Schwarz vor einer langen Reihe von ätzenden Entscheidungen, während dem Weißen die kommenden Züge leicht fallen werden.)

Zurück zur Partie:

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5. Ld3 Lxd3 6. Dxd3 e6 7. Lg5 Le7 8. Sf3 Sh6

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9. Lxh6

Eine Idee des israelischen GM Emil Sutovsky. Weiß behauptet, der Turm auf h6 stehe schlecht und der schwarze König komme nun nicht so leicht aus dem Zentrum heraus.

9… Txh6 10. c4 

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Eine logische Neuerung. Bislang geschah 10.Sbd2, aber angesichts des so bald nicht zu rochierenden schwarzen Königs ist es naheliegend zu versuchen, die Stellung sofort zu öffnen.

10… dxc4 11. Dxc4

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11… Db6?

Das „?“ gilt diesem und den kommenden drei Zügen. Schwarz plant, sich auf b2 zu bedienen, dann die Dame zum Königsflügel zu fahren und dort im Verein mit dem Turm Spiel zu organisieren. Aber die Zeit dafür hat er nicht. Stattdessen hätte er schleunigst seinen Springer via d7 und b6 nach d5 beordern sollen. Oder, wie von der Engine vorgeschlagen, …Th6-g6-g4, und der Turm steht gar nicht so schlecht, wie Weiß mit 9.Lxh6 behauptet hat. Auch 11…Dd5 war eine Möglichkeit.

12. O-O Dxb2

Wer „A“ sagt…

13. Sc3

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13… Dc2 

(13… b5 14. Qd3 Qa3 (sonst spielt Weiß 15.a3 mit Damenfang) war noch
eine Chance, die Partie mit Mehrbauer fortzusetzen. Eine unmittelbare
Exekution droht dem Schwarzen nicht, aber seine teils versprengten, teils
unterentwickelten Truppen garantieren dem Weißen langfristig ein Spiel auf
ein Tor.)

14. Tfc1 Df5

„Jetzt noch …Tg6, und ich habe ordentliches Spiel gegen den weißen König“, dachte Schwarz.

15. Db3

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15… b6

(15… Tg6 Zu spät! 16. Sb5! cxb5 (Wenn Schwarz nicht auf b5 schlägt, folgt 17.Sd6+ Lxd6 18.exd6 nebst Se5, und Weiß steht auf Gewinn.) 17. Tc8+ Ld8 18. Sg5 a6 19. Tac1 Jetzt liegt T1c7 und/oder Db3-b4-d6 in der Luft. Schwarz ist hilflos.)
16. Sb5!

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16… Kd8

(16… cxb5 17. Tc8+ Ld8 (17… Kd7 18. Dc3 Ld8 19. Tc1 und die Drohung Txd8+ ist tödlich.) 18. Dc3 De4 19. Dc7 Dd5 20. Sg5 Dd7 21. Txd8+ und aus.)

(16… Kd7 verhindert zwar die kleine Kombination 17.Sxa7, aber mit dem König auf d7 darf Schwarz in der Folge nie auf b5 schlagen. Weiß kann in Ruhe verstärken und gewinnt.)

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17. Sxa7! Txa7 18. Dxb6+ Tc7 19. Dxb8+ Kd7 20. Tab1 Ld8 21. Da8 und Schwarz gab auf.

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EM-Splitter: Der abenteuerlustige Philosophieprofessor

Schacheröffnungen sind in drei Kategorien unterteilt. „Offene Spiele„, „Halboffene Spiele“ und „geschlossene Spiele„. Beginnt die Partie mit 1.e2-e4 e7-e5, steht ein offenes Spiel auf dem Brett. Antwortet Schwarz nach 1.e2-e4 etwas anderes, ist es halboffen. Die geschlossenen Spiele beginnen mit 1.d2-d4.

Anfänger beginnen mit den offenen Spielen. Nach 1.e2-e4 e7-e5 kommen die Figuren geschwind ins Spiel, Linien öffnen sich zügig, und statt eines schwerblütigen strategischen Kampfes entsteht sogleich ein munteres Rumgehacke, das bestens geeignet ist zu erforschen, was die Figuren alles machen können.

Manchmal muss sich auch auch ein Anfänger mit halboffenen Spielen auseinandersetzen, weil nirgendwo geschrieben steht, dass der Schwarze 1.e2-e4 mit 1…e7-e5 zu beantworten hat. Gelegentlich ziehen die Schwarzen etwas anderes, und dann müssen wir eben mit einer halboffenen Stellung zurechtkommen.

Ist aber kein Problem. Wir kennen ja die vier Gebote der Eröffnung, und die gelten immer. Wer sie befolgt, macht automatisch gute Züge.

Eine typische halboffene Bauernstruktur sieht so aus:

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Sie kann aus mehreren Eröffnungen entstehen, zum Beispiel der Caro-Kann-Verteidigung, der Aljechin-Verteidigung oder der Skandinavischen Verteidigung. Neulich bei unserem Ausflug ins Skandinavische haben wir diese Struktur schon kennengelernt.

Für den Moment erfreut sich Weiß in eines kleinen Raumvorteils, aber Schwarz steht solide und hat keinerlei Schwächen. Mittelfristig wird Schwarz entweder …c6-c5 oder …e6-e5 durchsetzen wollen, um sich komplett zu befreien. Wenn es gut läuft, bekommt der Schwarze dann vollständig ausgeglichenes Spiel.

Wenn es schlecht läuft, verprügelt ihn der Weiße, bevor er sich befreien kann. So lange der schwarze König noch im Zentrum steht, bietet sich dem Weißen das eine oder andere taktische Motiv, das der Schwarze sorgfältig umschiffen muss. Sonst endet die Partie wie diese:

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Die Dame nach e2 zu entwickeln, war keine tolle Idee von Weiß, er blockiert ja seinen f1-Läufer. Aber der Zug stellt eine Falle auf, in die Schwarz mit …Sg8-f6?? prompt hineintappt. Se4-d6 matt!

Oder es passiert dieses:

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Weiß kann 1.Sg5-e6 ziehen, weil nach 1…f7xe6?? 2.Ld3g6# matt wäre. Eine Katastrophe ist das für Schwarz noch nicht, aber er muss jetzt früh sein Läuferpaar aufgeben, und auf f8 wird er mit einer Figur zurückschlagen, die dort nicht hingehört. Schön ist das auch nicht.

Oder dieses:

Deep Blue – Gary Kasparow, Mai 1997

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Was Kasparov in der letzten Wettkampfpartie gegen die IBM-Maschine zu 7…h7-h6? verführte (statt 7…Lf8-d6), darüber rätseln Experten bis heute. Schon 1997 war bekannt, dass Weiß nach 8.Sg5xe6 f7xe6 9.Ld3-g6+ für die geopferte Figur starken, womöglich entscheidenden Angriff bekommt. Elf Züge später streckte Kasparov die Waffen, und zum ersten Mal hatte ein Mensch ein Match gegen eine Maschine verloren.

Ein veritabler Internationaler Meister wie Jan Sprenger mit gut 2.500 Elo kennt diese und andere Beispiele natürlich. Außerdem beseelt den Philosophieprofessor am Brett eine kaum zu bändigende Abenteuerlust. In seinen Partien ist immer eine Menge los.

Als Sprenger jetzt bei der EM mit Weiß dem aufstrebenden niederländischen Großmeister Benjamin Bok gegenübersaß, stand es nach sieben Zügen so:

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Wie Schwarz hier leicht gutes Spiel bekommt, ist seit langer Zeit bekannt. Er kann den zentralen Gegenschlag …e7-e5 direkt durchsetzen: 7…e7-e5 8.d4xe5 Dd8-a5+ nebst …Da5xe5. Aber dann werden meistens in der Folge auf der offenen e-Linie die Damen getauscht, und es entsteht ein Endspiel, das der Weiße kaum verlieren und der Schwarze kaum gewinnen kann.

Um seine Gewinnchancen intakt und Material auf dem Brett zu halten, entschied sich GM Bok, auf unmittelbare Befreiung mittels 7…e7-e5 zu verzichten. Ein Spiel mit dem Feuer?

Nach neun Zügen stand es so:

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Eine typische halboffene Stellung, in der der schwarze König sich noch nicht per Rochade in Sicherheit gebracht hat. Die weißen Leichtfiguren beäugen im Verein den schwarzen e6-Schutzbauern.

Einige starke Großmeister haben diese Position schon mit Weiß auf dem Brett gehabt. Jeder prüfte Einschläge auf e6, und jeder entschied sich dagegen. Diese Version des Opfers auf e6 ist längst nicht so günstig wie jene von Deep Blue gegen Kasparov.

Weinprobe, Istrien 2017
IM Jan Sprenger

Sprenger überlegte viereinhalb Minuten, dann spielte er 10.Lc4xe6!?. Rumms!

Weiß bekommt zwei Bauern für die geopferte Figur und Initiative gegen den nun im Zentrum festgenagelten schwarzen König. Ob das reicht?

Unsere Einschätzung: so gerade eben.

Die Folgen von 10.Lc4xe6!? in allen Konsequenzen zu analysieren, ist kaum möglich. Allemal hat Weiß Kompensation für das geopferte Material, aber hat er genug davon? Sicher ist, dass Weiß nun präzise zu Werke gehen muss, um zu verhindern, dass seine Initiative versandet und er am Ende mit einer Minusfigur dasteht.

Genau das passierte dem kühnen germanischen Recken. Einige Züge später gingen ihm die Ideen aus, den Schwarzen weiter zu beschäftigten. Schwarz befreite sich nach und nach und stand am Ende mit einem Materialplus da. Für die EM-Tabelle hilft das nicht, aber wir verleihen Jan Sprenger mit Freude einen Extrapunkt für seinen Mut.

EM-Splitter: Katastrophen vor der Zeitkontrolle

Mehr als 300 Spieler, Rating-Durchschnitt über 2.400. Das Feld bei der Europameisterschaft ist in der Breite so stark besetzt, wahrscheinlich machen sich mehr als zwei Drittel aller Teilnehmer Hoffnungen, eines der 22 World-Cup-Tickets zu ergattern, wenn es gut läuft.

Für die meisten Amateure geht es derweil in erster Linie darum, möglichst viele Partien gegen möglichst viele starke bis sehr starke Gegner zu spielen – das bestmögliche Schachtraining. In dieser Hinsicht liefen für den deutschen FM Blasius Nuber (Elo 2.284) die ersten beiden Runden perfekt. Nach seiner Schwarzniederlage gegen GM Rasmus Svane (Elo 2.587) in Runde eins bekam er zur Belohnung am Tag danach den russischen GM Aleksandr Rakhmanov (Elo 2.655) vorgesetzt, wieder mit Schwarz.

Mit dem 40. Zug beide Partien verdorben

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FM Blasius Nuber

Nach diesen beiden Partien stand der bayerische Landesligaspieler vom SC Dillingen bei null aus zwei, aber die nüchternen Zahlen repräsentieren nicht die Dramen dahinter. Zwar gelang Blasius beide Male die Eröffnung nicht so recht, und er geriet früh unter leichten, aber anhaltenden Druck. Doch den hielt er unerschütterlich aus und seine Remischancen zumindest existent – jeweils bis zum 40. Zug.

Mit Erreichen der Zeitkontrolle warf er beide Partien weg. Gegen Rakhmanov mit einem taktischen Patzer, gegen Svane mit einem scheinbar unschuldigen Bauernzug, der ein schwieriges in ein verlorenes Endspiel verwandelte. Als er mit seinem 41. Zug wieder Zeit hatte, sich in die Stellung zu vertiefen, blieb ihm jeweils nur, sich davon zu überzeugen, dass er die Partie gerade verdorben hat.

Immerhin hatte er für uns ein weiteres Lehrstück aus der Abteilung

Abwickeln in ein gewonnenes Bauernendspiel

kreiert. Vielen Dank dafür an die Herren Svane und Nuber 😉

Aleksandr Rakhmanov – Blasius Nuber, EM Batumi 2018, 2. Runde

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Weiß hat Raum, das Läuferpaar, wird mittelfristig womöglich auf b3 einen Bauern gewinnen. Der weiße Vorteil ist unbestreitbar, aber vorbei ist die Partie nach 40…Lc7 noch lange nicht, denn wie der Weiße Fortschritte machen soll, ist nicht so klar. Nuber zog 40…fxe5?. Er hatte sich auf 41.dxe5 Lc5 verlassen, aber nach 42.c7! ist die Partie schlicht verloren. Entweder Weiß gewinnt eine Figur, oder der c-Bauer läuft durch.

Rasmus Svane – Blasius Nuber, EM Batumi 2018, 1. Runde

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Schwarz steckt in Schwierigkeiten. Er kann entweder versuchen, mit 40…Sd6 41.Lxa7 Sf5 einen h-Freibauern zu generieren und Gegenspiel zu bekommen, oder er hält passiv aus, indem er mit dem König auf der siebten Reihe pendelt. Spaß macht beides nicht, aber das waren die Optionen. Stattdessen zog Blaser 40…a6? Dieser scheinbar unschuldige Zug verwandelt ein schwieriges unmittelbar in ein verlorenes Endspiel, weil sich nun auch noch dem weißen König Routen in den aufgeweichten schwarzen Damenflügel anbieten und der Springer ohne Unterstützung des Königs gar nicht mehr ziehen kann.

Nach 41.Sf3-e5 Lg7xe5 42.f4xe5 kann der Weiße den Schwarzen mit seinem dominierten Springer beliebig in ein Zugzwangszenario manövrieren. Nuber ließ sich sofort zeigen, dass das Bauernendspiel verloren ist. Nach 42…Sc8-b6 43.Lc5xb6 Kc7xb6 stand es so:

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Gewonnen für Weiß: Wenn Schwarz verhindern will, dass der weiße König am Damenflügel eindringt, muss er früher oder später …a5 ziehen. Weiß antwortet mit a4 nebst b4, bildet sich einen entfernten Freibauern auf der a-Linie und gewinnt. Versucht Schwarz an einer Stelle …c5, hilft das nicht, er bildet nur dem Weißen eine entfernte Majorität.

Trivial ist es nicht, aber sicher gewonnen für Weiß.

Du bist Dir nicht sicher, ob Du dieses Bauernendspiel gegen perfekte Verteidigung gewinnen kannst? Probiere es einfach aus: Hier ist die Stellung schon aufgebaut, und Du kannst gegen einen Computer die weißen Steine führen. Viel Erfolg!

Wem zwei solche Missgeschicke hintereinander passieren, der läuft Gefahr, Selbstvertrauen  und Stabilität zu verlieren und danach ein miserables Turnier hinzulegen. In so einem Fall können elf Runden endlos lang werden. Aber Blasius Nuber berappelte sich, landete in Runde drei den ersten vollen Punkt und gewinnt bei der Europameisterschaft gar Elo, wenn er so weiterspielt.

EM-Splitter: Königsgambit? Bist Du Masochist oder Melancholiker?

Wer ernsthaft das Königsgambit spielt, der hat entweder eine ausgeprägte romantische Ader oder neigt zum Masochismus. Objektiv betrachtet, kämpft Weiß nach 1.e2-e4 e7-e5 2.f2-f4 um Ausgleich. Subjektiv juchzen die Melancholiker, sobald die antike Eröffnung auf einem modernen Brett steht.

Bildergebnis für falko bindrich
GM Falko Bindrich.

Eine Europameisterschaft bietet allemal einen ernsthaften Anlass, ernsthafte Eröffnungen zu spielen. Allein deswegen ist die Eröffnungswahl des jungen russischen IM Saveliy Golubow für seine Zweitrundenpartie gegen Falko Bindrich schwer nachzuvollziehen. Eine Lücke in Bindrichs Repertoire kann er nicht erspäht haben; Bindrich wurde in einer Turnierpartie noch nie mit dem Königsgambit konfrontiert. Überlegene Erfahrung mit den entstehenden, kruden Stellungen kann es auch nicht gewesen sein. Golubow hatte bis zu dieser Partie noch nie Königsgambit gespielt.

Warum auch immer, es geschah 1.e2-e4 e7-e5 2.f2-f4. Bindrich täuschte mit 2…d7-d5 das Falkbeer-Gegengambit an, mochte aber nach 3.e4xd5 nicht mit 3…e5-e4 auf Paul Morphys und Ernst Karl Falkbeers Spuren wandeln.

Moderne Schachmeister ziehen stattdessen 3…e5xf4, was gewöhnlich mit 4.Sg1-f3 beantwortet wird. Damit wäre die Könisgambit-Hauptvariante erreicht, das Königsspringergambit, und es folgt ein Berg Theorie. Die Idee der schwarzen Zugfolge ist, alles zu vermeiden, was mit 2…e5xf4 3.Lf1-c4 zu tun hat.

Golubow griff stattdessen zu einer (zweifelhaften?) Idee, die sein Landsmann Boris Sawtschenko mehrfach versucht hat: 4.Dd1-f3, und von da an war es ein Königsgambit Marke Eigenbau.

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Nach 4…Sg8-f6 5.Sb1-c3 Lf8-d6 6.d2-d4 0-0 7.Lc1xf4 Lc8-g4 8.Df3-f2 Tf8-e8+ 9.Sg1-e2 stand Schwarz mehr als angenehm.

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Anstatt den Druck aufrecht und Material auf dem Brett zu halten (9…Ld6-b4) entschied sich Bindrich für eine lange, forcierte Abwicklung, um sich sofort den Minusbauern zurückzuholen.

Wahrscheinlich hatte er angenommen, dass er nach 9…Ld6xf4 10.Df3xf4 Lg4xe2 11.Lf1xe2 Sf6xd5 12.Sc3xd5 Dd8xd5 13.Df4-f2 Nb8-c6 14.c2-c3 Dd5-b5

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b2 hängt, …Sc6xd4 droht. Sieht eigentlich gut aus für Schwarz.

…den weißen König weiter im Zentrum festnagelt. Außerdem hängt b2, und es droht …Sc6xd4 nebst …Te8xe2+ und …Ta8-e8. Wie soll sich Weiß dagegen verteidigen, könnte man fragen.

Leider hatte der deutsche Großmeister einen taktischen Schuss übersehen, der die Partie wendete.

Was zog Weiß?

EM-Splitter: das bayerische Gambit in der Krise

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IM Maximilian Berchtenbreiter

Die jungen deutschen IM Maximilian Berchtenbreiter und Felix Graf kennen einander. Beide stammen aus Bayern, beide zählten vor nicht allzu langer Zeit zu den herausragenden Jugendlichen in Schachdeutschland.

Da liegt es nahe zu vermuten, dass Felix Graf Maximilian Berchtenbreiter mit einer seiner französischen Vorlieben infiziert hat, einem Gambit Marke Eigenbau im Tarrasch-Franzosen mit 3…Sg8-f6, um das sich der junge deutsche Schachmeister fast im Alleingang verdient macht.

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6…b7-b5 spielt Felix Graf regelmäßig und mit Erfolg. Zu den Opfern seines bayerischen Gambits zählt unter anderem der kanadische Großmeister Eric „Chessbrah“ Hansen, der 2013 in der Bundesliga (Wattenscheid gegen Bayern München) kein rechtes Mittel gegen 6…b7-b5 fand.

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IM Felix Graf

Bei der EM in Batumi musste das bayerische Gambit in der ersten Runde am Brett von Maximilian Berchtenbreiter einen weiteren Härtetest bestehen. Dem Deutschen gegenüber saß der englische GM Gawain Jones, der nach zwei Turnieren der anderen Art in Batumi wieder in den Alltag eines Schachprofis zurückkehrt.

Sein Jahr begonnen hatte Jones mit einem Ausflug in die Weltspitze in der A-Gruppe des Tata-Steel-Turniers in Wijk an Zee, von dem unglücklicherweise vor allem in Erinnerung blieb, dass Jones eine Mehrfigur gegen Magnus Carlsen nicht ausreichte, um die Partie zu gewinnen. Dass er im Kreise der 2.700+-Giganten eine ordentliche Vorstellung ablieferte, ist längst vergessen. Danach reiste Jones zum Spaßturnier im irischen Bunratty, das nicht Elo-gewertet wird, um den Guinness-Konsum der Teilnehmer anzukurbeln.

Nun also wieder die Mühsal der Ebene, und die begann für Jones mit einer Weißpartie gegen Maximilian Berchtenbreiter, der ihm sogleich das bayerische Gambit vorsetzte.

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Diese Stellung nach 7.Lxb5 Db6 8.Da4 a6 9.Ld3 cxd4 10.cxd4 Sc6 11.Se2 Sb4 12.Lb1 a5 könnte eine Grundstellung der Variante sein, würde sie denn öfter gespielt. Felix Graf hatte die Stellung zwei Mal auf dem Brett, außerdem gab es sie sein ein Mal in einer Partie in einer bayerischen (!) Amateurliga. Und jetzt Jones-Berchtenreiter.

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GM Gawain Jones

Auf jeden Fall wird deutlich, dass nicht übermäßiger Konsum von Weißbier zu 6…b7-b5 geführt hat, sondern dass eine Idee dahintersteckt. Die weißen Truppen sind nahe der Grundlinie versammelt, Schwarz hat sich derweil am Damenflügel ordentlich ausgebreitet, plant, mit …Lc8-a6 seinen weißfeldrigen Läufer ins weiße Lager spähen zu lassen, und hat obendrein den d4-Bauern fest im Blick. Stünde der Lf8 schon auf e7 und hätte Schwarz schon rochiert, dann hätte er mehr als genug Kompensation für den Bauern. Aber dass Schwarz selbst einige Schwierigkeiten hat, seinen Monarchen in Sicherheit zu bringen, zeigt die Zweischneidigkeit des schwarzen Konzepts.

Allemal sollte Weiß jetzt nicht voreilig rochieren, dann folgt …Lc8-a6, und Schwarz kann zufrieden sein. Stattdessen entschied sich Jones, erst einmal den vorwitzigen Sb4 nach Hause zu schicken und dann dem bald auf a6 erscheinenden Läufer einen Opponenten entgegenzustellen.

Es folgte 13.a2-a3 Sb4-c6 14.Lb1-d3 Lc8-a6 15.Ld3xa6 Db6xa6

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Schachfreund Stockfish schlägt an dieser Stelle vor, Weiß solle seinen Mehrbesitz behaupten: 16.Sd2-b1!? Lf8-e7 17.Sb1-c3 0-0 18.0-0, aber das kostet genau die beiden Tempi, die Schwarz zur Rochade braucht. Schwarz hat Spiel am Damenflügel, gegen d4, und im weißen Lager klaffen weißfeldrige Löcher. Der Nachziehende solltest zumindest ganz nahe an voller Kompensation sein.

Gawain Jones entschied sich stattdessen, den Bauern zurückzugeben, sofort zu rochieren und dem Schwarzen die Frage zu stellen, wie der eigentlich seinen König in Sicherheit zu bringen gedenkt. Nach 16.0-0 Sc6xe5 17.d4xe5 Dxe2 18.Sd2-f3 plagt die Fesselung auf der Diagonalen a4-e8 den Schwarzen nämlich mehr denn je, und es ist nicht klar, wie es nun weitergehen soll.

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Das von der Maschine eingeforderte und laut Stockfish zu annäherndem Ausgleich führende 18…De2-c4 führt stattdessen nach 19.Da4xc4 d5xc4 zu einem für den Weißen zwar nur ganz leicht besseren, dafür praktisch sehr angenehmen Endspiel, in dem er für lange Zeit den Schwarzen an seinem strukturellen Defizit wird leiden lassen können.

Felix Graf hatte diese Stellung auch schon auf dem Brett, und wie Berchtenbreiter spielte er 18…Lf8-c5?!. Nur steckt Schwarz nach 19.b2-b4 in erheblichen Schwierigkeiten. Jones fuhr in der Folge mit sicherer Hand seinen ersten vollen Punkt des Turniers ein.

Nach unserer Einschätzung erlebt das bayerische Gambit gerade eine Krise. Mögen Berchtenbreiter und Graf schnellstens die heimische Analyseküche aufsuchen, um ein Rezept gegen Jones‘ Spielweise auszuhecken.

EM-Splitter: Daniel Fridman im Mattnetz

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Daniel Fridman

Bei der Europameisterschaft 2017 in Minsk spielte Daniel Fridman eines der besten Turniere seines Lebens. Mit acht Punkten aus elf Partien schloss der deutsche Nationalspieler das Turnier auf Rang vier ab und sicherte sich souverän eines der 22 Tickets für den hoch dotierten World Cup.

Die Europameisterschaft 2018 in Batumi (Georgien) begann für Fridman am Samstag mit einem Nackenschlag. In der ersten Runde mit Weiß gegen den armenischen IM David Kalashian hatte sich der deutsche Großmeister einigen Raumvorteil erarbeitet, erfreute sich eines Mehrbauern, musste sich aber hartnäckigen, Wolga-artigen Gegenspiels erwehren. Und das war gar nicht so einfach zu neutralisieren, zumal mit heruntertickender Bedenkzeit.

Daniel Fridman (2.637) – David Kalashian (2.399), EM Batumi 2018

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Schwarz droht nicht wirklich etwas, denn den a3-Bauern lässt er besser stehen, wo er ist, will er nicht in einen Königsangriff geraten. Aber es ist gar nicht so leicht, dem Weißen einen Ratschlag zu geben, wie er nun seine Schwerfiguren verbinden, um die b-Linie kämpfen und den schwarzen Druck abschütteln soll. Mit 33.Tc1-c2? die Grundreihe aufzugeben und den König auf g3 zu verstecken, war jedenfalls ein Fehler.

Um seine Türme zu verbinden und von der zweiten Reihe aus um die b-Linie zu kämpfen, entschied sich Fridman, die Grundreihe aufzugeben und zog 33.Tc1-c2? Nur hatte sein Plan, den König derweil auf g3 in Sicherheit zu bringen, einen Haken: g3 ist alles andere als ein sicherer Hafen. Der weiße König zappelte sehr bald in einem versteckten Mattnetz, das aus der Ferne nur schwer zu erspähen gewesen war.

Es folgte 33…Tb3-b1+ 34.Kg1-f2 Tb1-h1 35.Kf2-g3 Th1-f1 36.Dd3-d2, und angesichts der Drohung Sc3-b5+ scheint bei Weiß alles in Ordnung zu sein. Aber tatsächlich steht Weiß auf Verlust.

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Das Abzugsschach Sc3-b5+ ist nur eine Pseudo-Drohung. Schwarz spielt 36…Sd7-e5!, und der weiße König zappelt in einem Mattnetz.

36…Sd7-e5! droht Matt auf f3, und guter Rat ist teuer. Nach 37.f4xe5 Lg7xe5+ 38.Kg3-g4 Da5-d8! (droht …Dd8-d7+ nebst Matt, die Hauptidee der schwarzen Mattattacke) muss Weiß dem Schwarzen sein investiertes Material mit üppigen Zinsen zurückzahlen. 37.Sc3-b5+ scheitert an 27…Da5xb5!, und auf f3 droht immer noch Matt.

Fridman wehrte sich noch 30 Züge, und Kalashian tat sich schwerer als nötig, aber am Ende stand auf Seite des Schwarzen ein voller Punkt und bei Weiß ein schlechter Start in das Turnier, in das er vor einem Jahr mit 4,5 Punkten aus 5 Partien gestartet war.

Daniel Fridman muss in Georgien jetzt Schweizer Gambit spielen.