Vorsicht, Grautöne und Nebengeräusche: die Lehre vom schlechten Läufer (II)

Wenn wir eine Stellung bewerten, dann ist ein Konzept selten ausreichend, um zu ermitteln, wer besser steht. Meistens spielen mehrere Konzepte in die Stellungsbewertung hinein, ergänzen einander oder widersprechen sich gar. Und oft ist es gar nicht so leicht zu begreifen, welches nun eine Hauptrolle spielt und welches wir eher als Hintergrundrauschen verstehen sollten.

Im ersten Teil haben wir gesehen, dass gerade einfach zu verstehende Konzepte wie das des „schlechten Läufers“ gerne überbewertet werden, eben weil sie so einfach zu verstehen sind. Manchmal sind Bauern auf der Farbe des Läufers festgelegt, und doch spielt das eine eher untergeordnete Rolle oder ist nur ein Konzept von vielen, die zu berücksichtigen sind.

Perlenfischer – indisponierter Großmeister, Internetpartie 2017

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Der Schwarze hat gerade …Le7 gespielt, und er wird …Lg5 folgen lassen, wenn Weiß nichts dagegen unternimmt. Mit seinen auf Schwarz festgelegten Bauern käme dem Schwarzen ein Abtausch der schwarzfeldrigen Läufer entgegen. Außerdem hilft ihm wegen seiner Raumnot Abtausch generell, denn das würde ihm auf seinem limitierten Raum die Koordination erleichtern.

Weiß zog Sf3, was eine Figur entwickelt und …Lg5 verhindert.

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Für Schwarz wäre jetzt …Lg4 mit der Idee …Lxf3 eine gute Option.

Ja, theoretisch ist der weißfeldrige der „gute“ Läufer von Schwarz, aber der ist längst nicht so gut wie der Sf3.

Hat dieser Springer erst einmal sein typisches Feld c4 erreicht, wird er von dort aus weite Teile der schwarzen Stellung dominieren (dieses Motiv aus Benoni-artigen Strukturen haben wir an anderer Stelle schon kennengelernt). Also sollte Schwarz ihn liquidieren. Außerdem gilt weiter, dass sich der beengt stehende Schwarze gerne per Abtausch entlasten möchte.

Schwarz spielte stattdessen …Sf6, was weniger präzise sein mag, und ein paar Züge später stand es so:

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Keine Hebel, kein Gegenspiel, kein Raum: Da helfen dem Schwarzen seine 2.500 Elo wenig, er ist schon fast komplett überspielt. Jetzt plant er …Sg6-f4, ein Sprung auf das einzige aktive Feld, das sich seinem kümmerlichen Klumpen von Leichtfiguren anbietet.

Und wieder: Ja, angesichts der auf weiß festgelegten Bauernkette im Zentrum ist der weißfeldrige Läufer der „schlechte Läufer“, theoretisch. Trotzdem behält Weiß ihn lieber auf dem Brett, spielt Te1 und plant …Sf4 mit Lf1 zu beantworten. Das hat wieder den Grund, den Schwarzen in seinem Saft schmoren zu lassen. Entlastung wird nicht gewährt.

Außerdem dient der Läufer als Stabilisator des Königsflügels. Sollte Schwarz mit Unterstützung seines Sf4 mittelfristig ein wenig Spiel am Königsflügel entwickeln, dann wird dort weißfeldrig nichts anbrennen, weil der Lf1 als Verteidiger jegliche Einschläge auf h3 oder g2 entschärft.

Dazu kommt noch, dass der vermeintlich schlechte Läufer auch einen offensiven Job macht. Schwarz ist ja verzweifelt auf der Suche nach Hebeln, einer wäre …b5. Aber nach axb6 wird der rückständige a6-Bauer schwach sein, und das umso mehr, weil ihn der Lf1 unter Druck setzt.

Antwort 66

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1.c5 wäre eine Idee, um den hinter seinen Bauern eingesperrten La8 endgültig kaltzustellen. Tauscht Schwarz zwei Mal auf c5, hätte der Weiße dieses Ziel tatsächlich erreicht, der c6-Bauer wäre festgelegt. Aber Schwarz spielt 1…Sd7, setzt die Spitze der weißen Bauernkette unter Druck und wird Weiß zwingen, auf d6 oder b6 zu tauschen.

Besser ist 1.e5. Das gewinnt erst einmal weiteren Raum und beschädigt in der Folge die schwarze Struktur. Um den La8 kümmert sich Weiß später.

Antwort 67

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Lxg6, logisch. Nur so lässt sich der e5-Bauer verteidigen, und dem Schwarzen geht die Integrität seiner Struktur flöten.

Antwort 68

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Jetzt ist es an der Zeit, den La8 kaltzustellen. Weiß spielt c5.

Antwort 69

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Natürlich schlagen wir mit der Dame auf c5.

Schwarz kann sich nicht mit …La6 befreien, dann käme b5 nebst b6.

Von c5 aus droht die Weiße Dame, ins schwarze Lager einzudringen, außerdem liegen Sd4 und Se4 in der Luft (und ggf. Sb5). Auf d6 winkt den weißen Gäulen ein schönes Feld, und die e6- und c6- Bauern stehen viel stärker unter Druck, als wenn wir per bxc5 die Stellung statisch machen würden. Nach 1.Dxc5 steht Weiß auf Gewinn.

Antwort 70

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Sb3 mit Kontrolle des Feldes c5. Ist dort ein weißer Springer angekommen, ist die Partie fast vorbei.

Der c6-Bauer bleibt festgelegt, der e6-Bauer angegriffen, und der Springer unterstützt den gedeckten Freibauern des Weißen bei seinem Vormarsch. Weiß muss nichts weiter tun, als seinen König helfend heranführen, dann ist es aus.

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Vorsicht, Grautöne und Nebengeräusche: die Lehre vom schlechten Läufer

Die Lehre vom schlechten Läufer ist ein heißer Kandidat für das überstrapazierteste aller Schach-Konzepte, etwa gleichauf mit dem Abtauschgebot für Spieler, die Material gewonnen haben.

Das Konzept ist vermeintlich einfach zu verstehen: Sind Bauern auf der Farbe des Läufers festgelegt, macht das den Läufer schlecht, weil die Bauern seinen Wirkungskreis beschränken. Das gilt vor allem, wenn Bauern im Zentrum festgelegt sind.

Wer sein Schachbuch aufschlägt, um sich das Thema genauer anzuschauen, der wird bald bestätigt in der Annahme, dass die Angelegenheit ganz einfach ist. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird im Schachbuch die berühmte Partie Sir George Alan Thomas – Alexander Aljechin, gespielt in Baden-Baden 1925, zu finden sein. Dort stand es nach 37 Zügen so:

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Ein glasklarer Fall ohne Grautöne und Nebengeräusche. Der Läufer des Weißen ist zum Großbauern degradiert. Er verharrt passiv hinter seinen Bauern, die Aljechin auf den schwarzen Feldern festgelegt hat.

Aljechin
Alexander Aljechin

Für den Moment hält der Weiße seinen Laden zusammen, aber er kann nichts weiter tun als zuzuschauen, wie die schwarzen Figuren seine Bastion umschwirren und mal hier, mal da einen Nadelstich setzen. Wie Aljechin immer neue Wege fand, den Druck nach und nach zu vergrößern, bis der Weiße kollabierte, gilt heute als Lehrbeispiel für so ein Szenario.

Sind Bauern(ketten) im Zentrum auf der Farbe des Läufers festgelegt, ist eine entscheidende Frage, ob der Läufer vor die Bauernkette gelangen kann oder dahinter eingesperrt bleibt. Davon hängt zum Beispiel in Stonewall-Strukturen oft ab, wie die Stellung zu bewerten ist.

vorsicht

Leider lässt sich beim Schach eine Position und ihre Bewertung selten auf ein Konzept reduzieren. Meistens spielen mehrere eine Rolle, und dann tritt gelegentlich der Fall ein, dass laut Buch zwar ein „schlechter Läufer“ auf dem Brett steht, das Konzept aber allenfalls eine Randerscheinung ist.

Hier zum Beispiel:

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Die Stellung sollte Dir bekannt vorkommen. Sie stammt aus der Partie Winter – Capablanca, die wir unlängst gesehen haben, um das Konzept der eingesperrten Figur zu beleuchten.

Oberflächlich betrachtet hat sich der Schwarze einen schlechten Läufer eingehandelt, alle Bauern sind auf Schwarz festgelegt. Aber wer genauer hinschaut, der sieht, dass sich vor allem der Weiße einen Minusläufer eingehandelt hat. Der arme Geselle auf g3 spielt schlicht nicht mit, und Schwarz erfreut sich am Damenflügel einer Mehrfigur. Tatsächlich steht Weiß auf Verlust.

Oder hier:

Sergej Karjakin – Ding Liren, Kandidatenturnier 2018

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Schachfreund Ding Liren hat gerade mit …g7-g5 noch einen Bauern auf die Farbe seines Läufers gestellt. Obendrein ist die Stellung blockiert, insofern könnten wir annehmen, dass der Springer des Weißen dem schlechten Läufer des Schwarzen erst recht überlegen ist.

ding
Ding Liren

Nur ist die Stellung so blockiert, dass am Damenflügel und am Zentrum nichts mehr geht. Nur am Königsflügel mag noch die eine oder andere Dynamik aufflammen, und wenn dort jemand die Initiative übernehmen und Angriff bekommen sollte, dann der Schwarze.

Obendrein bedarf es für den weißen Springer diverser Klimmzüge, um auf sein Traumfeld d5 zu gelangen. Aber sobald er da steht, wird ihn der vermeintlich schlechte Ld8 wirksam kontrollieren. Jedes Feld im schwarzen Lager, auf das der Springer springen könnte, bestreicht der Schwarze mit seinem Läufer.

Was auf den ersten Blick aussieht, als habe sich der Schwarze eine strategisch minderwertige Stellung eingehandelt, ist tatsächlich höchst unklar. Weiß muss präzise vorgehen, um die schwarzen Ambitionen am Königsflügel zu neutralisieren. In der Partie geriet Karjakin gar in Verlustgefahr.

Oder hier:

Jürgen Lerner – Manfred Siems, Überlingen 2018

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Der Schwarze hat sich redlich Mühe gegeben, jeden Anflug von Aktivität zu vermeiden, ebenso wie es der Weiße vermieden hat, ihn dafür energisch zu bestrafen. Noch hat Weiß ein bisschen Raumvorteil, aber der Schwarze hat mehrere Optionen, eigenes Territorium abzustecken, in erster Linie …e6-e5.

Der La8 ist zwar hinter seinen Bauern eingesperrt, aber noch stehen sich die Phalanxen flexibel gegenüber, so dass ungeklärt ist, ob der Läufer als schlechter Läufer enden wird, oder ob sich ihm womöglich die lange Diagonale öffnet, auf der übers Brett strahlen könnte.

Frage 66

Wenn Weiß hier noch etwas reißen will, nachdem er dem Schwarzen per Turmtausch Entlastung gewährt hat, dann muss er jetzt aufhören, verschämt auf seiner Bretthälfte hin- und herzuziehen, und endlich mal einen Pflock einschlagen.

Welchen?

Frage 67

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Huch, e5 hängt.

Wie geht’s weiter?

Frage 68

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Ach ja, wir wollten die künftige Rolle des La8 definieren.

Wie geht das?

Frage 69

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Bevor wir die schwarze Bastion erstürmen und/oder die Schwächen des Schwarzen belagern, müssen wir erstmal auf c5 zurückschlagen.

Wie?

Frage 70

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Schwarz blockiert unseren gedeckten Freibauern und will sich ein wenig Luft verschaffen.

Wie?

Und wie verhindern wir das?

Zu den Antworten geht’s hier

Pläne, Raum, Strukturen: Strategie, ein weites Feld (II)

Wenn die gegnerischen Bauern eine unserer Figuren aus dem Spiel nehmen, weil sie ihr jegliche Perspektive verweigern, dann müssen wir umgruppieren.

Das Phänomen kennt Ihr, seitdem wir im Beitrag „strategisches Geplänkel“ erörtert haben, auf welche Weise Doppelbauern oft „statisch stark“ (und dynamisch schwach) sind.

„Statisch stark“ bedeutet in erster Linie, dass die Doppelbauern als Kontrolleure wichtiger Felder wertvolle Dienste leisten, indem sie einfach bleiben, wo sie sind. Dazu gab es ein Diagramm, das Dir aus dem oben verlinkten Beitrag bekannt vorkommen sollte:

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Oft ist c3 das natürliche Entwicklungsfeld für den Springer b1. Hier nicht. b5 und d5 sind unter Kontrolle des Schwarzen, daher sollte der Weiße anderswo eine Aufgabe für seinen Springer suchen.

Antwort 45:

In der Stellung aus Martins Partie sieht das ähnlich aus. Der Springer f3 ist in Ermangelung von Feldern arbeitslos:

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Darüber hinaus schreit die Stellung förmlich danach, den Springer auf ein typisches Feld zu überführen, von dem aus er kraftvoll in die schwarze Stellung wirken wird:

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Der Gaul gehört nach c4. Das Manöver Sf3-d2-c4 im Zusammenspiel mit a2-a4(-a5) ist fast immer erforderlich in Benoni-ähnlichen Strukturen, in denen Weiß auf c2-c4 verzichtet hat. Von c4 aus beäugt der Springer den potenziell schwachen d6-Bauern und verhindert im Zusammenspiel mit dem Bauern a4 eine schwarze Expansion am Damenflügel.

Kann der schwarze sich nicht am Damenflügel ausbreiten, dann bietet sich ihm kaum eine aktive Idee. Er wird sich darauf konzentrieren müssen, auf der e-Linie Leicht- und Schwerfiguren zu tauschen, um sich zu entlasten, aber kein eigenes Spiel aufziehen können.

Wer weniger Raum hat, der will Figuren tauschen, um sich zu entlasten und die Koordination zu erleichtern. Wer Raumvorteil hat, der will Abtäusche vermeiden und dem Gegner Entlastung verwehren.

Mit Sf3-d2-c4 gibt es ein notwendiges Manöver, das weit oben auf der Agenda des Weißen stehen sollte, aber einen klar besten Zug gibt es nicht. Weiter unten auf der Agenda stehen ja noch andere Sachen. Stockfish zum Beispiel schlägt 1.h2-h3 vor. Das antizipiert ein schwarzes …Sf6-h5, sichert dem Lf4 die Diagonale h2-b8 und verhindert obendrein …Lc8-g4, was eine Idee für Schwarz wäre, sich zu entlasten.

Was immer Weiß tut, eines muss er vermeiden: das Feld d2 blockieren, denn das braucht der Sf3 als Brücke, um nach c4 zu gelangen. Darum war 1.Dd1-d2 zwar nicht ideenlos, aber dennoch schlecht.

Antwort 46:

Rausprügeln auf e5, na klar. Das Bauernendspiel ist leicht gewonnen, ein einfacher Fall aus der Abteilung „Abwickeln in ein gewonnenes Bauernendspiel“.

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Wenn Schwarz mit dem d-Bauern zurückschlägt, ist es sofort aus. Weiß hat zwei Freibauern, einen auf der d- und (bald) einen auf der h-Linie. Diese beiden brauchen nicht einmal die Unterstützung ihres Königs, um zur Grundlinie durchzulaufen.

Wenn zwei Freibauern zwei oder mehr Linien voneinander entfernt sind, laufen sie alleine durch.

Wenn Schwarz mit dem f-Bauern zurückschlägt, ist es auch aus, dauert aber ein wenig länger. Um den weißen h-Bauern aufzuhalten, muss der schwarze König am Königsflügel ausharren. Der weiße König läuft derweil bis b5, sammelt dort ein paar schwarze Bauern ein und hilft schließlich seinem d-Freibauern, sich zur Dame zu verwandeln.