Leserservice: Leela installieren

leelalogoDen Zugriffszahlen auf unserer Seite nach liefern sich Leela, der AlphaZero für alle, und Vincent Keymer, der Stern am trüben deutschen Schachhimmel, ein Kopf-an-Kopf-Rennen um die heißeste Schachgeschichte des Jahres 2018.

Für Schachfans bietet das Schachprogramm gegenüber dem 13-jährigen Supertalent einen wesentlichen Vorteil: Während wir Vincent nur zuschauen und staunen dürfen, können wir uns Leela nach Hause holen und uns selbst mit ihr herumprügeln oder sie auf andere Software loslassen.

Aber wie geht das?

Weil uns genau diese Frage nun zum wiederholten Male erreicht, verweisen wir die Schar unserer Leser auf unsere Freunde von Chessbase. Deren Redakteur Albert Silver hat neulich nicht nur mit einem der Biohirne hinter Leela über die Entwicklung gesprochen, sondern auch Schritt für Schritt aufgeschrieben, wie sich Leela als UCI-Engine unter Fritz oder Chessbase installieren lässt.

Silvers detaillierten Ausführungen können wir eigentlich nur hinzufügen, dass Schachfreunde, die immer mit der neuesten Leela spielen wollen, regelmäßig eine neue Network-Datei herunterladen müssen. Leela entwickelt sich rasant und erfindet sich alle paar Tage neu.

Viel Spaß!

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Kandidaten-Schlaglicht (I): Kramniks Neuerung …Th8-g8

Levon Aronian – Vladimir Kramnik, Kandidatenturnier Berlin 2018, 3. Runde

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Die Stellung sieht aus, als sei nicht viel los. Inmitten der Eröffnung müssen beide Seiten noch jede Menge Figuren entwickeln. Schwarz wird wahrscheinlich bald rochieren, und dann folgt eine langwierige, strategiegeprägte Positionspartie mit einer typischen Struktur, wie sie im Spanischen häufig entsteht, nachdem Lb5xc6 und …d7xc6 gespielt worden ist. Die Kommentatoren weit und breit schauten erstmal auf die anderen Bretter, als die Partien der dritten Runde wenige Minuten alt waren. Kramnik-Aronian würde sich ja noch hinziehen.

Aus Erstaunen wurde Einsicht

Dann griff Vladimir Kramnik zu seinem Turm auf h8 und zog ihn ganz unscheinbar ein Feld weiter, nach g8. Was, bitte, ist das?

Die anfängliche Belustigung („wahrscheinlich wollte er kurz rochieren und hat aus Versehen zuerst den Turm angefasst“) wandelte sich erst in Erstaunen über ein kühnes Konzept, dann in Einsicht, dass hier ein ganz Großer des Sports die Stellung schlicht besser versteht als alle Beobachter.

Sehr bald stellte sich die Frage, wie sich Levon Aronian eigentlich retten soll. Kramnik hatte ja alles andere als subtil angekündigt, dass er sich nun auf die weiße Königsstellung stürzen wird. Th8-g8 kündigt in aller Deutlichkeit g7-g5 und den folgenden Angriff an, aber der entwickelt sich nicht von jetzt auf gleich. Die Truppen müssen erst voranmarschieren, das sollte dem Weißen Zeit geben, sich auf den Sturm vorzubereiten. Aronian grübelte und grübelte, einen Weg aus der Misere fand er nicht.

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Anish Giri

Tatsächlich steht Schwarz nach Kramniks …Th8-g8 schon besser. Der russische Exweltmeister sagte nach seinem Glanzsieg, er habe diese Neuerung schon seit einigen Jahren in der Pipeline, und glücklicherweise habe sich nun bei einer derart wichtigen Partie die Gelegenheit ergeben, sie aufs Brett zu bringen. Glück war es in der Tat, dass Aronian mit 1.e2-e4 eröffnet hat, denn das tut er höchst selten.

Aber ob wir Kramnik den Rest der Geschichte glauben können? Vladimir Kramnik hat als Sekundant ja den jungen niederländischen Großmeister Anish Giri an seiner Seite, selbst ein Weltklassespieler aus der 2.750+-Liga. Und von dem ist bekannt, dass er gewissenhaft Fernschachpartien studiert. Bei seinen Studien hätte dieses auf seinem Bildschirm auftauchen können:

Ein Blick in die aktuelle Fernschachdatenbank von Chessbase zeigt, dass im Fernschach der Zug 7…Th8-g8 schon gespielt wurde.

Tatsächlich ist Kramniks Neuerung nicht unbekannt, wenngleich sie im Nahschach noch nie gespielt wurde. Im Fernschach, wo Mensch und Maschine gemeinsam deutlich besser spielen als beide Spezies das alleine könnten, hat …Tg8 den Schwarzen schon wertvolle Dienste geleistet. Auf Twitter wurde Anish Giri mit einem Mal hyperaktiv, als sein Chef den Zug aufs Brett stellte – und seinen Gegner vor eine kaum lösbare Aufgabe.

Siegbert Tarrasch: die Helene Fischer der Schachpublizisten

Anderswo erfahren Meister ihres Fachs Respekt und Anerkennung. Nur die Deutschen erfreuen sich daran, Landsleute zu verspotten, die ihr Handwerk, ihr Geschäft und/oder ihre Kunst meisterhaft beherrschen und damit Erfolg haben.

Siegbert Tarrasch war Weltklasse, in mancher Hinsicht seiner Zeit voraus und hat obendrein instruktive Lehrbücher geschrieben, in denen er seine Erkenntnisse teilte. Aber der Doktor aus Breslau war eben auch ein schlechter Verlierer, der seine Feindschaften pflegte und sich schwer damit tat, die Klasse und die Erkenntnisse anderer anzuerkennen. Und darum ist Siegbert Tarrasch heute weniger ein deutscher Schach-Held und mehr die Helene Fischer der Schachpublizisten.

Düsseldorfer Seeklima

Tarraschs Errungenschaften werden selten gepriesen, aber stets wird munter auf ihn eingedroschen. Tarraschs (erfundenes?) Zitat vom „Düsseldorfer Seeklima“, mit dem er eine Niederlage gegen Emanuel Lasker entschuldigt haben soll, hängt ihm seit mehr als 100 Jahren an wie dem FIDE-Präsidenten Kirsan Iljumschinow seine vermeintliche Begegnung mit Außerirdischen.

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Emanuel Lasker

Vor einiger Zeit haben wir im Beitrag „Tarrasch und sein Lieblingsfeind“ einen Kulturkampf beleuchtet, ausgefochten eingangs des 20. Jahrhunderts zwischen den „Klassikern“, angeführt von Siegbert Tarrasch, und den „Hypermodernen“, angeführt von Aaron Nimzowitsch.

Tarrasch und Nimzowitsch haben manche Beleidigung ausgetauscht („mittelmäßige Geisteshaltung“), und doch mag unser der Titel „Lieblingsfeind“ überzogen gewesen sein, weil Tarrasch seine Fehde mit Emanuel Lasker (Weltmeister 1894-1921) womöglich noch intensiver pflegte als die mit Nimzowitsch.

Nicht einmal Johannes Fischer, wahrscheinlich der kultivierteste aller deutschen Schachschreiber, kann sich gänzlich vom Tarrasch-Bashing freimachen. Aber er beleuchtet in einem lesenswerten Beitrag für Chessbase die Fehde Tarrasch-Lasker und zeigt eine viel debattierte Partie, in der Tarrasch seinen Widersacher erst vom Brett fegte und dann nach einem Bluff(?) Laskers auf mysteriöse Weise den Faden verlor.

Johannes Fischer über die Fehde Siegbert Tarrasch vs. Emanuel Lasker.

Jetzt bei Chessbase: AlphaZero unter der Lupe vom Bodensee

Auf welcher deutschen Schachseite stand als erstes, dass den Schachjüngern ein AlphaZero erschienen ist? Klar, auf dieser. Da ist es nur folgerichtig, dass die „Perlen vom Bodensee“ sich nun die Partien genauer anschauen, damit jeder selbst beurteilen kann, was passiert ist. Die Veröffentlichung überlassen wir gerne unseren Freunden von Chessbase, bei denen heute unsere Serie mit den ersten beiden Partien angelaufen ist.

Die „Perlen vom Bodensee“ sollen ein Projekt in erster Linie für Leute bleiben, die nicht mehr Anfänger, aber auch noch keine rechten Fortgeschrittenen sind. Trotzdem sei auch Menschen mit einer DWZ kleiner als 1.500 der folgende Link wärmstens empfohlen. Wir haben uns alle Mühe gegeben, Schach auf annähernd göttlichem Level so herunterzubrechen, dass es jeder Jünger verstehen kann.

Alpha Zero unter der Lupe