Frührentner gegen Edelzocker

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Veselin Topalow (Illustration:  Willum Morsch/@WillumTM)

Der Beste der Welt ist der Bulgare Veselin Topalow längst nicht mehr, aber er bleibt einer der spektakulärsten Spieler. Anlässlich des Superturniers im aserbaidschanischen Schamkir kam der im Halbruhestand befindliche Exweltmeister jetzt zurück – und wie.

Topalow ist am Brett ein Garant für Dynamik und Zweischneidiges. Wenn so einem Spieler der ähnlich gestrickte aserbaidschanische Edelzocker Shakh Mamedyarow gegenübersitzt, dann fliegen die Fetzen, dann werden Brücken abgebrochen. Das Duell der beiden in der vierten Runde enttäuschte nicht. Die erste Chance, einen Bauern für Angriff zu opfern, nutzte Topalow, und in diesem Stil ging es beiderseits weiter, bis die Partie ein abruptes, überraschendes Ende fand.

Topalow, Veselin (2.749) – Mamedyarow, Shakhriyar (2.814)

Schamkir Chess 2018, 4. Runde

1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lb5 a6 4. La4 Sf6 5. O-O Sxe4

Keine Überraschung. Der offene Spanier ist seit langem ein substanzieller Teil von Mamedyarows Schwarzrepertoire gegen 1.e4.

6. d4 b5 7. Lb3 d5 8. dxe5 Le6

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Die Grundstellung, in der Weiß zwischen einer Reihe plausibler Fortsetzungen wählen kann. Die Struktur zeigt schon die generelle Idee beider Seiten an. Weiß wird seine Majorität am Königsflügel ins Rollen bringen wollen, Schwarz seine am Damenflügel.

Der Lb3 beißt auf Granit, er wird über c2 zurück ins Spiel kommen, zum Königsflügel schauen und den Se4 befragen, denn den will Weiß nicht dauerhaft in seiner Bretthälfte eingepflanzt sehen. Der Sc6 wird sich derweil meistens auf der Route c6-a5-c4 bewegen und seinen c7-Bauern mobil machen. Erforscht wird diese Stellung schon seit langem. Unter anderem die Herren Zukertort und Blackburne hatten sie 1887 auf dem Brett.

9. Le3 Le7 10. c3 O-O 11. Sbd2 Sxd2 12. Dxd2 Sa5 13. Lc2 Sc4 14. Dd3 g6

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15. Lh6

Eine offene Frage nach der Partie ist, ob Mamedyarows Vorbereitung gegriffen hat oder nach hinten losging. Einerseits sagte der Lokalmatador, dass er 15.Lc1 für den Hauptzug hält, obwohl die Ergebnisse im Nah- und Fernschach deutlich für 15.Lh6 sprechen. Andererseits wird der Weltranglistenzweite sich auch in der Folge an maschinelle Empfehlungen halten, was dafür spricht, dass er die Variante daheim angeschaut hatte. So oder so, es ist kaum Topalows Stil, kleinmütig einen Bauern zu decken, wenn er ihn opfern und dafür Initiative bekommen kann.

Neu ist diese Chose jedenfalls nicht. Schon in der Partie Yates-Gunsberg 1914 geschah 15.Lh6.

15… Sxb2

Nimmt die Herausforderung an.

(15… Te8 ist die Alternative, die den Turm rettet, ohne den Springer ins Abseits zu manövrieren.)

16. De2

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16… Te8

„Komm doch“, sagt Schwarz und schickt sich an, den Mehrbauern zu behalten.

(16… c5 schlug Topalow nach der Partie vor. Für die Qualität bekommt Schwarz das Läuferpaar und eine mobile Bauernmasse im Zentrum/am Damenflügel. 17. Lxg6 fxg6 18. Lxf8 Dxf8 19. Dxb2 mit Kompensation laut Topalow.)

17. Sd4

Logisch. Der f-Bauer muss marschieren.

(17. Lxg6?! hxg6 18. Dxb2 würde den Bauern zurückgewinnen, aber jede Initiative aufgeben und die Koordination noch dazu.)

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17… Ld7

Klar der beste Zug nach Engine-Einschätzung und ein deutliches Indiz, dass Mamedyarov an dieser Stelle noch wusste, was er tat. Schwarz will den weißfeldrigen Läufer auf dem Brett behalten, …c5 mit Tempo spielen und den Springer rausschmeißen.

(17… Nc4 spielte Schachfreund Gunsberg vor über 100 Jahren und wurde ziemlich bald am Königsflügel überrollt.)

18. f4

Jetzt noch f5, dann e6, dann mattsetzen. Aber beim Schach wird abwechselnd gezogen.

18… c5 19. Sf3

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Der Plan f4-f5 und e5-e6 bleibt auf der Agenda, aber ohne Unterstützung von einem Springer auf d4 muss sich Weiß kurzfristig andere Ziele suchen.

19…Db6 20. Df2 d4

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Greift der Gegner am Flügel an, gehe im Zentrum vor, heißt es.

21. Lg5

Weiß findet neue Ziele: die schwarzen Felder rund um den schwarzen König sind anfällig, und das wird Topalow in der Folge betonen. Allerdings um den Preis eines weiteren Bauern.

21… dxc3 

Spätestens jetzt ist offensichtlich, wie sehr die Partie auf des Messers Schneide steht. Entweder der weiße Angriff schlägt durch, oder Schwarz gewinnt mit vier gegen einen Bauern am Damenflügel.

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22. Dh4

(22. Lxe7 Txe7 hatten beide Spieler erwogen. Mamedyarow sah, dass nach 23. Sg5 (23. f5 war eine Alternative, die Topalow erwogen hatte, aber er schätzte richtig ein, dass dem weißen Angriff die Kraft fehlt.) 23… f5 24. Lb3+ Kg7 Weiß nicht recht weiterkommt. Der Einschlag 25. Nxh7 sieht verlockend aus, führt aber zu nichts. Schwarz steht besser.)

22… c4+ 23. Kh1 Lf8!

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Ein starker Verteidigungszug zur rechten Zeit. Schwarz hält den Hüter seiner schwarzen Felder auf dem Brett, während der Lg5 nun in erster Linie dem Springer im Wege steht, der gerne zur Unterstützung herbeeilen würde.

24. f5 Sd3

Bringt den Sb2 zurück ins Spiel und, wichtiger, schließt den Lc2 vom Angriff
aus. Weiß kommt nur mit der Brechstange weiter.

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25. e6! Lxe6!

Nur so! Schwarz hat so viele weiße Bauern eingesammelt, dass er guten Gewissens eine Figur ins Geschäft stecken kann, um den weißen Angriff zu stoppen.

(25… fxe6? 26. fxg6 könnte Schwarz nicht überleben.)

26. fxe6 Txe6

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27. Tad1

Konkret geht es nicht weiter, also kommt die einzige unbeschäftigte Figur ins
Spiel.

(27. Sd4 nebst 28.Txf7 hatte Topalow geplant, aber gerade rechtzeitig fiel ihm auf, dass 27…Td6 dem Schwarzen das entscheidende Tempo gewinnt. Der Springer muss ziehen, weil 28. Txf7 h6 zu einer schwarzen Gewinnstellung führt.)

27… Tae8

Gibt noch einen Bauern zurück, um maximal zu mobilisieren.

28. Lxd3 cxd3 29. Txd3

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Das Schlachtgetümmel hat sich ein wenig gelichtet. Die weiße Angriffswelle hat der Schwarze abgewehrt und kann nun danach trachten, selbst aktiv zu werden.

29… Te4?!

Scheinaktivität, die womöglich schon den Vorteil verschenkt.

{Er hätte sofort am Damenflügel loslaufen sollen. Nach 29… b4 30. Ld8 Db5 31. Sg5 h6 scheitert 32. Sxe6 Dxd3 33. Df6 an 33…Qxf1+! 34. Qxf1 Rxe6 und Schwarz sollte trotz Minusdame gewinnen. Mamedyarow sah diese Variante, sah aber auch, dass Weiß im 32. Zug eine Reihe anderer Möglichkeiten hat.)

30. Lf4!

Sich in eine Fesselung zu begeben, sieht heikel aus, aber in erster Linie hat Weiß jetzt endlich die Option Sg5 zur Verfügung.

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30…Le7

Spielt weiter auf Gewinn, hält die Stellung unklar.

(30… h6 31. Txc3 g5 32. Sxg5 hxg5 33. Dxg5+ ist ausgeglichen.)

31. Dg3 b4 32. Sg5 Lxg5 33. Lxg5 De6 34. h3

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Ein Luftloch kann nicht schaden angesichts des Umstands, dass Schwarz jetzt und in der Zukunft beliebig …Te1 ziehen kann.

Was ist nun der Plan für Schwarz, welches die beste Materialkonfiguration auf dem Brett? Mamedyarow entschied sich, die Damen herauszutauschen, und das mag ein Schritt in die falsche Richtung gewesen sein. Ab hier beginnt Schwarz zu driften.

34…De5?!

Aufs Brett kam der Zug nie, aber die weiße Option Td7 ist stets eine starke Drohung. Mit einer Dame auf e6 wäre auf der siebten Reihe nie etwas angebrannt.

(In aller Ruhe 34… a5 war möglich. Für den Moment droht Weiß nichts, aber je weiter die schwarzen Bauern am Damenflügel marschieren, desto dringender muss Weiß Spiel organisieren.)

(34… Dxa2? geht nicht. Nach 35. Td7 steht Weiß auf Gewinn.)

35. Kh2 Dxg3+ 36. Kxg3

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Die Drohung Td7 bleibt überaus lästig, und sie veranlasste Schwarz zu drastischen Maßnahmen.

36…h6

(36… Te1 37. Txe1 Txe1 38. Lf6 Te8 fühlt sich nicht schön an für Schwarz, aber hält wahrscheinlich. Schwarz wird darauf abzielen, dass er am Ende ein Endspiel T vs. T+L erreicht.)

37. Lxh6 Te1 38. Tf6 T1e6 39. Tf2 Te2 40. Td5 Txf2 41. Kxf2 f6 42. Le3

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Nach der Zeitkontrolle steht plötzlich ein Endspiel auf dem Brett, in dem Schwarz nicht weiterkommt und in der Folge vor allem zuschauen wird, wie der Weiße seine Mehrbauern nach und nach einsammelt. Gleichwohl kam Mamedyarows Resignation sehr früh. Wahrscheinlich wollte er einfach nur, dass es vorbei ist, nachdem ihm die Partie in den vergangenen Zügen so arg entglitten war.

1-0

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EM-Splitter: Katastrophen vor der Zeitkontrolle

Mehr als 300 Spieler, Rating-Durchschnitt über 2.400. Das Feld bei der Europameisterschaft ist in der Breite so stark besetzt, wahrscheinlich machen sich mehr als zwei Drittel aller Teilnehmer Hoffnungen, eines der 22 World-Cup-Tickets zu ergattern, wenn es gut läuft.

Für die meisten Amateure geht es derweil in erster Linie darum, möglichst viele Partien gegen möglichst viele starke bis sehr starke Gegner zu spielen – das bestmögliche Schachtraining. In dieser Hinsicht liefen für den deutschen FM Blasius Nuber (Elo 2.284) die ersten beiden Runden perfekt. Nach seiner Schwarzniederlage gegen GM Rasmus Svane (Elo 2.587) in Runde eins bekam er zur Belohnung am Tag danach den russischen GM Aleksandr Rakhmanov (Elo 2.655) vorgesetzt, wieder mit Schwarz.

Mit dem 40. Zug beide Partien verdorben

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FM Blasius Nuber

Nach diesen beiden Partien stand der bayerische Landesligaspieler vom SC Dillingen bei null aus zwei, aber die nüchternen Zahlen repräsentieren nicht die Dramen dahinter. Zwar gelang Blasius beide Male die Eröffnung nicht so recht, und er geriet früh unter leichten, aber anhaltenden Druck. Doch den hielt er unerschütterlich aus und seine Remischancen zumindest existent – jeweils bis zum 40. Zug.

Mit Erreichen der Zeitkontrolle warf er beide Partien weg. Gegen Rakhmanov mit einem taktischen Patzer, gegen Svane mit einem scheinbar unschuldigen Bauernzug, der ein schwieriges in ein verlorenes Endspiel verwandelte. Als er mit seinem 41. Zug wieder Zeit hatte, sich in die Stellung zu vertiefen, blieb ihm jeweils nur, sich davon zu überzeugen, dass er die Partie gerade verdorben hat.

Immerhin hatte er für uns ein weiteres Lehrstück aus der Abteilung

Abwickeln in ein gewonnenes Bauernendspiel

kreiert. Vielen Dank dafür an die Herren Svane und Nuber 😉

Aleksandr Rakhmanov – Blasius Nuber, EM Batumi 2018, 2. Runde

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Weiß hat Raum, das Läuferpaar, wird mittelfristig womöglich auf b3 einen Bauern gewinnen. Der weiße Vorteil ist unbestreitbar, aber vorbei ist die Partie nach 40…Lc7 noch lange nicht, denn wie der Weiße Fortschritte machen soll, ist nicht so klar. Nuber zog 40…fxe5?. Er hatte sich auf 41.dxe5 Lc5 verlassen, aber nach 42.c7! ist die Partie schlicht verloren. Entweder Weiß gewinnt eine Figur, oder der c-Bauer läuft durch.

Rasmus Svane – Blasius Nuber, EM Batumi 2018, 1. Runde

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Schwarz steckt in Schwierigkeiten. Er kann entweder versuchen, mit 40…Sd6 41.Lxa7 Sf5 einen h-Freibauern zu generieren und Gegenspiel zu bekommen, oder er hält passiv aus, indem er mit dem König auf der siebten Reihe pendelt. Spaß macht beides nicht, aber das waren die Optionen. Stattdessen zog Blaser 40…a6? Dieser scheinbar unschuldige Zug verwandelt ein schwieriges unmittelbar in ein verlorenes Endspiel, weil sich nun auch noch dem weißen König Routen in den aufgeweichten schwarzen Damenflügel anbieten und der Springer ohne Unterstützung des Königs gar nicht mehr ziehen kann.

Nach 41.Sf3-e5 Lg7xe5 42.f4xe5 kann der Weiße den Schwarzen mit seinem dominierten Springer beliebig in ein Zugzwangszenario manövrieren. Nuber ließ sich sofort zeigen, dass das Bauernendspiel verloren ist. Nach 42…Sc8-b6 43.Lc5xb6 Kc7xb6 stand es so:

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Gewonnen für Weiß: Wenn Schwarz verhindern will, dass der weiße König am Damenflügel eindringt, muss er früher oder später …a5 ziehen. Weiß antwortet mit a4 nebst b4, bildet sich einen entfernten Freibauern auf der a-Linie und gewinnt. Versucht Schwarz an einer Stelle …c5, hilft das nicht, er bildet nur dem Weißen eine entfernte Majorität.

Trivial ist es nicht, aber sicher gewonnen für Weiß.

Du bist Dir nicht sicher, ob Du dieses Bauernendspiel gegen perfekte Verteidigung gewinnen kannst? Probiere es einfach aus: Hier ist die Stellung schon aufgebaut, und Du kannst gegen einen Computer die weißen Steine führen. Viel Erfolg!

Wem zwei solche Missgeschicke hintereinander passieren, der läuft Gefahr, Selbstvertrauen  und Stabilität zu verlieren und danach ein miserables Turnier hinzulegen. In so einem Fall können elf Runden endlos lang werden. Aber Blasius Nuber berappelte sich, landete in Runde drei den ersten vollen Punkt und gewinnt bei der Europameisterschaft gar Elo, wenn er so weiterspielt.

Vorteile festhalten und vergrößern (II)

Antwort 35

Klarer Fall, Weiß steht deutlich besser, in erster Linie wegen seines Entwicklungsvorsprungs. Auch der schwarze Turm b7 wirkt auf diesem unnatürlichen Feld wie ein Fremdkörper, dem die Koordination mit den anderen Truppen fehlt. Aber wie betonen wir das?

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Während der Schwarze unrochiert dasteht, ist der Weiße bereit, aktive Operationen einzuleiten, womöglich gar Linien gegen den schwarzen König zu öffnen. 1.d4-d5 funktioniert in diesen Sinne leider noch nicht, Schwarz schlägt mit der Dame auf d5, und Weiß kommt nicht weiter.

Antwort 36

Naheliegend wäre, würde der Weiße nun seine Türme zentralisieren, die einzigen Figuren, die noch nicht recht mitspielen. Aber wer ein bisschen genauer hinguckt, der stellt fest, dass der a1-Turm schon ideal aufgestellt ist.

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1.a2-a4 ist am besten, es betont, dass die a6/b5-Bauern im des Schwarzen wackelig sind und der Turm auf b7 einen bescheidenen Posten eingenommen hat, und es eröffnet dem Ta1 sowie der Dd3 Perspektiven.

Weiß würde nur zu gerne die a-Linie öffnen, auf der sein Turm kein Gegenüber hat. Versucht Schwarz, mit 1…b5-b4 alles geschlossen zu halten, schaut plötzlich die weiße Dame nach a6 und mit einem Mal funktioniert 2.d4-d5!

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Schlägt Schwarz mit der Dame, dringt die weiße Dame über a6 kraftvoll ins unterentwickelte schwarze Lager ein, und der a4-Bauer ist zum Freibauern geworden, der sich, unterstützt vom Ta1, bald Richtung a8 in Bewegung setzen wird.

Spielt Schwarz 2…e6xd5, ist die e-Linie offen. Mit Le3-d4, gefolgt von Tf1-e1 nagelt Weiß den schwarzen König im Zentrum fest und steht schon fast auf Gewinn.

„Wenn der Gegner …a6 und …b5 gespielt hat, dann ist a2-a4 oft gut“, lautet eine Schach-Faustregel. Hier trifft sie zu.

Antwort 37

Natürlich wollen wir den Schwarzen nicht in ein Endspiel entkommen lassen. Würden auf der d-Linie alle Schwerfiguren abgetauscht, wäre der weiße Entwicklungsvorsprung kaum noch von Bedeutung. Insofern liegt 1.Dd3-e2 auf der Hand. Aber Weiß muss ausrechnen, ob Schwarz es sich leisten kann, per 1…Dd5xe5 einen Bauern zu fressen.

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Kaum hat der Weiße begonnen zu rechnen, findet er schon ein tödliches Motiv, ein Abzugsschach. Nach 2.Td1xd7 Ke8xd7 3.Tf1-d1+ kann der Schwarze König zum Beispiel weder nach e8 oder c8 ausweichen: 4.Td1-d8+ würde folgen, und wegen des Abzugsschachs Le3-b6 mit Damengewinn ist der Turm tabu.

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Sobald wir erkennen, dass Schwarz mehr oder weniger zu 3…Ke7 gezwungen ist, können wir aufhören zu rechnen. Das muss gut sein für Weiß.

Es stellt sich heraus, dass Schwarz 3…Kd7-e7 ziehen und muss, und dann können wir schon aufhören zu rechnen. Schwarz hat seinen Lf8 eingesperrt, den Th8 auch, sein König steht im Zentrum. Weiß beherrscht derweil die d-Linie, auf der er dem schwarzen Monarchen bald gehörig einheizen wird. Kalkulation brauchen wir hier nicht, nur ein bisschen Schachgefühl. Diese Abwicklung muss gut sein für Weiß.

Antwort 38

Die ganze Partie über hat der Schwarze davon geträumt zu rochieren. Psychologisch ist es verständlich, dass er die erste Gelegenheit zur Rochade ergreift.

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Aber wohin gehört der König im Endspiel? Jedenfalls nicht ins Abseits. Viel besser als die Rochade wäre, per 1…Ke8-d7! den König zu aktivieren und dafür zu sorgen, dass er auf der c-Linie Einbruchsfelder kontrolliert.

Weiß hat ja c2-c4 gezogen, um seinem Turm die c-Linie zu öffnen. Damit der weiße Turm nicht eindringen kann, sollte der König entlang der c-Linie Wache stehen, anstatt weitab vom Kampfgeschehen herumzulungern.

Antwort 39

„Richtung Zentrum zu schlagen, ist fast immer richtig“, eine weitere Faustregel. Lieber mopsen wir unserem Gegner einen Zentralbauern als einen vom Rande.

Allein deswegen sieht 1.c4xb5 verdächtig aus. Außerdem ist der Zug konkret schlecht: Zwar hat sich Weiß die c-Linie geöffnet, aber zugleich hat er nach 1…a6xb5 ohne Not dem Schwarzen Gegenspiel auf der a-Linie gegen den a2-Bauern geschenkt.

Hätte der Schwarze nicht rochiert, sondern …Ke8-d7 gespielt, dann wäre offensichtlich, dass 1.c4-c5 (was auch Schwarz einen Freibauern auf d5 bildet) nicht so toll ist. Der König würde auf c6 den weißen Freibauern blockieren, Weiß kommt nicht weiter, hat seinen Le3 zur Passivität verurteilt, indem er alles auf dunkle Felder gestellt hat, und Schwarz wird dank seiner zentralen Bauernmehrheit nach und nach Fortschritte machen.

Aber auch mit dem schwarzen König im Abseits führt 1.c4-c5 zu wenig, auch wenn Schwarz nun einige Zeit investieren muss, um seinen König zurück ins Spiel zu bringen. Den Freibauern hält Schwarz leicht auch mit dem Turm auf, setzt per …f7-f6 seine Bauern in Gang, und Weiß hat kein Gegenspiel.

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1.c4xb5 schenkt dem Schwarzen Spiel auf der a-Linie, 1.c4-c5 schenkt ihm eine Bauernmehrheit im Zentrum und macht den Le3 passiv. Ergo: 1.c4xd5 muss der beste Zug sein.

1.c4xd5 ist der einzige Zug, der dem Weißen ein wenig Vorteil sichert. Er eliminiert die schwarze Zentrumsmehrheit und öffnet dem weißen die c-Linie.

Zwar hat jetzt der Schwarze auf der d-Linie einen Freibauern, aber der lässt sich wirksam blockieren. Ist das erledigt, und sind Turm und König aktiviert, kann der Weiße seine Bauernmajorität am Königsflügel losrollen lassen.

Keine Zugeständnisse II

Wer Material gewonnen hat, der sollte danach trachten, weiteres Material vom Brett zu tauschen. Je einfacher die Stellung wird, desto weniger kann der Gegner die Lage komplizieren und zu Schummelchancen kommen. Im Idealfall steht am Ende ein einfach gewonnenes Endspiel auf dem Brett.

So weit, so wahr. Aber: Vorsicht!vorsicht.jpg

Wohl kaum ein Konzept wird beim Schach derart überstrapaziert wie das Abtauschgebot für Spieler, die einen oder zwei Bauern oder gar eine Figur gewonnen haben. Wahrscheinlich sind schon Millionen Partien gekippt, weil eine Seite plötzlich das Schachspielen eingestellt hat, nachdem sie Material gewonnen hatte.

Abtauschen ja, Zugeständnisse nein.

Abtauschen darf niemals zur obersten Maxime werden. Zuvorderst geht es weiterhin darum, dem Gegner Schwächen anzudrehen, Raum zu gewinnen, Angriffe zu initiieren, kurz: Vorteile anzuhäufen. Eine gute Stellung besser zu machen, ist umso einfacher, wenn unsere Armee größer ist als die des Gegners.

Ein besonderer Fall tritt ein, wenn wir in ein Bauernendspiel abwickeln können. Bauernendspiele sind  fast immer einfach gewonnen für die Seite mit einem oder gar zwei Mehrbauern, sobald sich diese Seite einen Freibauern bilden kann (und der Gegner nicht), also einen Bauern, der bis zur gegnerischen Grundlinie durchlaufen kann, ohne von gegnerischen Bauern geschlagen zu werden.

So einen Fall haben wir hier vor uns.

Antwort 24:

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Schwarz tauscht auf e1 geschwind alle Schwerfiguren ab und steuert die Partie in ein gewonnenes Bauernendspiel.

Nach 1…De6xe1+ 2.Dd2xe1 Te8xe1+ 3.Kf1xe1 steht es so:

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Sein Mehrbauer beschert dem Schwarzen eine Bauernmajorität am Damenflügel. Dort wird er sich, unterstützt von seinem König, einen Freibauern bilden. Der läuft entweder durch, oder der Weiße stoppt ihn mit seinem König, muss dann aber seine Königsflügelbauern im Stich lassen. Während Weiß am Damenflügel den Freibauern aufhält, wird der Schwarze genüsslich den weißen Königsflügel abräumen.

Der Gewinnplan sieht so aus:

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Schwarz marschiert mit seinem König nach d5, um den Vormarsch seiner Bauern am Damenflügel zu unterstützen. Sein a-Bauer läuft nach a5, sein c-Bauer nach c5 und dann weiter nach c4. Sobald Weiß auf c4 schlägt, wird der schwarze a-Bauer zum entfernten Freibauern, und den kann Weiß nur aufhalten, wenn er seine anderen Truppen im Stich lässt. Schlägt Weiß nicht auf c4, wird der schwarze d-Bauer, unterstützt zum König, Richtung Grundreihe drängeln.

Merke: Im Endspiel wird der König zu einer enorm starken Figur. Während wir ihn bei vollem Brett besser in Sicherheit bringen und behüten, lassen wir ihn gerne mitmischen, wenn sich das Brett geleert hat.

Wer Zweifel hat, ob er die schwarze Stellung gewinnen kann, der spielt sie einfach mal gegen den Computer. Und wer sie tatsächlich nicht gewinnt, der übt halt ein bisschen, bis es klappt. Schwierig ist es nicht.

Ein Klick hier öffnet ein Brett, auf dem das Endspiel schon aufgebaut ist, und an dem ein Computergegner zum Üben bereitsteht.

Zeitverschwendung

Elmar Streicher – Felix Eichin, Überlingen, Oktober 2017

Frage 7:

Am Anfang jeder Partie besetzen und beherrschen wir mit unseren Bauern Zentralfelder und öffnen unseren Läufern Diagonalen, über die sie ins Spiel kommen können.

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Elmar hält sich daran, gerade hat er 2.d2-d4 gezogen.

Guter Zug?


Frage 8 (für Profis):

Schwarz hat gerade auf f3 einen Springer geschlagen, jetzt hängt auf beiden Seiten die Dame, und es wird taktisch.

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Weiß kann aus dem nun folgendem Handgemenge mit einem deutlichen Vorteil herauskommen.

Wie geht das?


Frage 9:

Bei Weiß ist einiges schief gelaufen. Schauen wir uns die Stellung an und zählen auf, was Anlass zur Sorge gibt.

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  • Der weiße König ist im Zentrum festgenagelt, während der schwarze sich längst in Sicherheit verkrochen hat.
  • Der Lf1 ist nicht entwickelt, der Sc7 hat sich vergaloppiert, während der Schwarze alle Kräfte ins Spiel gebracht hat.
  • Beide weißen Türme stehen in der Ecke, während Schwarz seine Türme verbunden und bereits die offene d-Linie besetzt hat.
  • Die weißen Figuren stehen versprengt und wirkungslos herum, die schwarzen sind ein Muster für Koordination und Harmonie.

Angesichts dieser Liste ist es kein Wunder, dass Schwarz am Zug sofort gewinnen kann.

Wie?

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