Leserservice: Gustafssons Damenzüge

Einerseits wollen wir nicht frühzeitig mit unserer Dame auf dem Brett herumturnen, um sie nicht den Attacken der gegnerischen Leichfiguren auszusetzen. Das wäre Zeitverschwendung. Andererseits wollen wir nicht den richtigen Moment verpassen, um unsere stärkste Figur in den Kampf zu schicken. Das wäre Ressourcenverschwendung.

Die Dame zu handhaben, erfordert Augenmaß und Fingerspitzengefühl – im Leben wie beim Schach.

Auf jeden Fall gilt fast immer, dass wir in der Eröffnung die Finger von der Dame lassen sollten. Das Zentrum will beherrscht, die Figuren entwickelt und der König in Sicherheit gebracht werden. Die Dame brauchen wir dafür nicht.

gustafsson.png
Jan Gustafsson (Foto: www.schachbundesliga.de)

Solche grundsätzlichen Leitlinien sind unserem treuen Leser und Schachfreund Wolfgang Heise natürlich bekannt. Und darum musste er sich arg wundern, als er neulich in der Bundesliga dem deutschen Großmeister Jan Gustafsson über die Schulter schaute.

In den ersten zehn Zügen bewegte Gustafsson seine Dame fünf Mal. Das verstößt gegen alle Eröffnungsregeln, die wir unseren Lesern und den Schachkindern vom Bodensee mühsam zu impfen versuchen. Andererseits ist Gustafsson einer der Eröffnungsexeperten im Team von Weltmeister Magnus Carlsen. Wir dürfen annehmen, dass er speziell während der ersten zehn Züge weiß, was er tut.

Aber obwohl Gustafsson Schachvideo um Schachvideo aufzeichnet, hat er in diesem Fall versäumt, Wolfgang Heise und dem Rest der stirnrunzelnden Schachgemeinde seine frühzeitigen Damenausflüge zu erklären. Also machen wir das.

Jan Gustafsson (2.640) – Arik Braun (2.574)
Bundesliga, Berlin, April 2018, Nimzo-Indisch

1. d4 Nf6 2. c4 e6 3. Nc3 Bb4 4. Qc2

gusti1.jpg

Das Klassische System der Nimzowitsch-Indischen Verteidigung. Weiß investiert Zeit, stellt die Entwicklung zurück, um nach …Lxc3 einen Doppelbauern zu vermeiden. Er möchte sich des gegnerischen Läuferpaars bemächtigen, ohne seine Struktur zu beschädigen. Außerdem bestreift der Zug das Feld e4, um das in der Eröffnung und im Mittelspiel ein Kampf toben wird. Dieser Kampf ist allerdings in weitaus höherem Maße nur ein Nebeneffekt von 4.Dc2, als es Alexander Aljechin eingestanden hätte, nachdem er 1915 zum ersten Mal 4.Dc2 gespielt hatte. Nach dieser Premiere wurde der Zug in den 1920ern zu einer der Hauptwaffen gegen Nimzo-Indisch, und das ist er bis heute.

4… d5

(4… O-O Nicht nur Aljechin, noch die Schachmeister der 1990er-Jahre hätten insistiert, dass 4…0-0 ein Fehler ist, weil es die Kontrolle über das Feld e4 aufgibt. Weiß kann nun das Zentrum besetzen: 5. e4 Aber es stellt sich heraus, dass Schwarz nach 5…d5 6. e5 Ne4 7. Bd3 c5 gutes Spiel bekommt.)

5. a3 Bxc3+ 6. Qxc3

gusti2.jpg

Mission erfüllt: Weiß hat das Läuferpaar gewonnen, ohne dafür einen Doppelbauern in Kauf nehmen zu müssen. Aber er hat eben auch zwei Mal mit der Dame und ein Mal mit dem Randbauern gezogen, was hinsichtlich Entwicklung und Zentrumskontrolle wenig geholfen hat.

6… dxc4 7. Qxc4

gusti3.jpg

Im siebten Zug die dritte Bewegung mit der Dame, aber was soll er machen? Der Bauer auf c4 musste zurückgeschlagen werden, und auf c3 stand die Dame ohnehin passiv und ohne Funktion. Auf c4 sieht sie aktiver aus, aber Schwarz argumentiert, dass sie dort in erster Linie exponiert ist.

7… b6 8. Nf3 Ba6

b7 wäre das etwas natürlichere Feld für den Läufer, aber so entwickelt der Schwarze eine Figur mit Tempo. Weiß muss schon wieder seine Dame ziehen, und er wird in der Folge nicht seinen e-Bauern bewegen können, ohne das Rochaderecht und das Läuferpaar zu verlieren.

9. Qa4+

gusti4.jpg

Eine raffinierte Erfindung des russischen (heute kanadischen) Großmeisters Evgeni Barejew, der 2002 in Moskau gegen Nigel Short erstmals 9.Da4+ zog. Bevor Weiß seine Dame zurückzieht, stellt er die des Gegners schlechter und betont, dass Schwarz Probleme haben wird, dem Sb8 ein ordentliches Feld zuzuordnen.

9… Qd7 10. Qc2

gusti5.jpg

Jetzt steht die schwarze Dame da, wo Weiß sie haben will und ggf. mit Se5 anrempeln kann. Ziel erreicht. Nun kann sich die weiße Dame zurückziehen und Druck auf der halboffenen c-Linie ausüben. Schwarz genießt dank der vielen weißen Damenzüge zwar einen kleinen Entwicklungsvorsprung, aber seine Stellung ist kein Muster für Harmonie. Wenn Schwarz bald …c5 spielen kann und ein ordentliches Feld für den Sb8 findet, wird er ausgeglichenes Spiel haben. Wenn nicht, dann nicht.

Advertisements

Vorsicht, Grautöne und Nebengeräusche: die Lehre vom schlechten Läufer

Die Lehre vom schlechten Läufer ist ein heißer Kandidat für das überstrapazierteste aller Schach-Konzepte, etwa gleichauf mit dem Abtauschgebot für Spieler, die Material gewonnen haben.

Das Konzept ist vermeintlich einfach zu verstehen: Sind Bauern auf der Farbe des Läufers festgelegt, macht das den Läufer schlecht, weil die Bauern seinen Wirkungskreis beschränken. Das gilt vor allem, wenn Bauern im Zentrum festgelegt sind.

Wer sein Schachbuch aufschlägt, um sich das Thema genauer anzuschauen, der wird bald bestätigt in der Annahme, dass die Angelegenheit ganz einfach ist. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird im Schachbuch die berühmte Partie Sir George Alan Thomas – Alexander Aljechin, gespielt in Baden-Baden 1925, zu finden sein. Dort stand es nach 37 Zügen so:

schlechterläufer1.jpg

Ein glasklarer Fall ohne Grautöne und Nebengeräusche. Der Läufer des Weißen ist zum Großbauern degradiert. Er verharrt passiv hinter seinen Bauern, die Aljechin auf den schwarzen Feldern festgelegt hat.

Aljechin
Alexander Aljechin

Für den Moment hält der Weiße seinen Laden zusammen, aber er kann nichts weiter tun als zuzuschauen, wie die schwarzen Figuren seine Bastion umschwirren und mal hier, mal da einen Nadelstich setzen. Wie Aljechin immer neue Wege fand, den Druck nach und nach zu vergrößern, bis der Weiße kollabierte, gilt heute als Lehrbeispiel für so ein Szenario.

Sind Bauern(ketten) im Zentrum auf der Farbe des Läufers festgelegt, ist eine entscheidende Frage, ob der Läufer vor die Bauernkette gelangen kann oder dahinter eingesperrt bleibt. Davon hängt zum Beispiel in Stonewall-Strukturen oft ab, wie die Stellung zu bewerten ist.

vorsicht

Leider lässt sich beim Schach eine Position und ihre Bewertung selten auf ein Konzept reduzieren. Meistens spielen mehrere eine Rolle, und dann tritt gelegentlich der Fall ein, dass laut Buch zwar ein „schlechter Läufer“ auf dem Brett steht, das Konzept aber allenfalls eine Randerscheinung ist.

Hier zum Beispiel:

schlechterläufer2.jpg

Die Stellung sollte Dir bekannt vorkommen. Sie stammt aus der Partie Winter – Capablanca, die wir unlängst gesehen haben, um das Konzept der eingesperrten Figur zu beleuchten.

Oberflächlich betrachtet hat sich der Schwarze einen schlechten Läufer eingehandelt, alle Bauern sind auf Schwarz festgelegt. Aber wer genauer hinschaut, der sieht, dass sich vor allem der Weiße einen Minusläufer eingehandelt hat. Der arme Geselle auf g3 spielt schlicht nicht mit, und Schwarz erfreut sich am Damenflügel einer Mehrfigur. Tatsächlich steht Weiß auf Verlust.

Oder hier:

Sergej Karjakin – Ding Liren, Kandidatenturnier 2018

schlechterläufer3.jpg

Schachfreund Ding Liren hat gerade mit …g7-g5 noch einen Bauern auf die Farbe seines Läufers gestellt. Obendrein ist die Stellung blockiert, insofern könnten wir annehmen, dass der Springer des Weißen dem schlechten Läufer des Schwarzen erst recht überlegen ist.

ding
Ding Liren

Nur ist die Stellung so blockiert, dass am Damenflügel und am Zentrum nichts mehr geht. Nur am Königsflügel mag noch die eine oder andere Dynamik aufflammen, und wenn dort jemand die Initiative übernehmen und Angriff bekommen sollte, dann der Schwarze.

Obendrein bedarf es für den weißen Springer diverser Klimmzüge, um auf sein Traumfeld d5 zu gelangen. Aber sobald er da steht, wird ihn der vermeintlich schlechte Ld8 wirksam kontrollieren. Jedes Feld im schwarzen Lager, auf das der Springer springen könnte, bestreicht der Schwarze mit seinem Läufer.

Was auf den ersten Blick aussieht, als habe sich der Schwarze eine strategisch minderwertige Stellung eingehandelt, ist tatsächlich höchst unklar. Weiß muss präzise vorgehen, um die schwarzen Ambitionen am Königsflügel zu neutralisieren. In der Partie geriet Karjakin gar in Verlustgefahr.

Oder hier:

Jürgen Lerner – Manfred Siems, Überlingen 2018

schlechterläufer4.jpg

Der Schwarze hat sich redlich Mühe gegeben, jeden Anflug von Aktivität zu vermeiden, ebenso wie es der Weiße vermieden hat, ihn dafür energisch zu bestrafen. Noch hat Weiß ein bisschen Raumvorteil, aber der Schwarze hat mehrere Optionen, eigenes Territorium abzustecken, in erster Linie …e6-e5.

Der La8 ist zwar hinter seinen Bauern eingesperrt, aber noch stehen sich die Phalanxen flexibel gegenüber, so dass ungeklärt ist, ob der Läufer als schlechter Läufer enden wird, oder ob sich ihm womöglich die lange Diagonale öffnet, auf der übers Brett strahlen könnte.

Frage 66

Wenn Weiß hier noch etwas reißen will, nachdem er dem Schwarzen per Turmtausch Entlastung gewährt hat, dann muss er jetzt aufhören, verschämt auf seiner Bretthälfte hin- und herzuziehen, und endlich mal einen Pflock einschlagen.

Welchen?

Frage 67

schlechterläufer5.jpg

Huch, e5 hängt.

Wie geht’s weiter?

Frage 68

schlechterläufer6.jpg

Ach ja, wir wollten die künftige Rolle des La8 definieren.

Wie geht das?

Frage 69

schlechterläufer7.jpg

Bevor wir die schwarze Bastion erstürmen und/oder die Schwächen des Schwarzen belagern, müssen wir erstmal auf c5 zurückschlagen.

Wie?

Frage 70

schlechterläufer8.jpg

Schwarz blockiert unseren gedeckten Freibauern und will sich ein wenig Luft verschaffen.

Wie?

Und wie verhindern wir das?

Zu den Antworten geht’s hier

Pentranter Störenfried II

Antwort 18

Gar nicht, 2…Sxf4 ist keine positionelle Drohung. Weiß sollte einfach seine Entwicklung beenden.

Angenommen, Weiß spielt 2.0-0 Sxf4 3.exf4, dann steht es so:

171114Lothar2.jpg

Weiß hat zwar seinen mächtigen Läufer abgegeben, aber nicht, ohne etwas dafür zu bekommen: Zentrumskontrolle. Das Feld e5 befindet sich fortan in einer eisernen weißen Umklammerung, was es dem Schwarzen schwer bis unmöglich macht, den befreienden Vorstoß …e6-e5 durchzusetzen. Und so lange ihm …e5 verwehrt bleibt, ist der Läufer auf c8 hinter seiner Bauernmasse eingesperrt und wird nicht an der Partie teilnehmen. Der weiße f-Doppelbauer hingegen ist alles andere als eine Schwäche, er sichert dem Weißen Kontrolle über e5 und Druck auf der halboffenen e-Linie.

Weiß hat mehr Raum, steht aktiver und ist besser koordiniert. Unmittelbar plant er, den Damenflügel aufzurollen, während Schwarz keinerlei aktive Pläne umsetzen kann. Weiß hat erheblichen Vorteil.

Die für Weiß angenehme Struktur im Diagramm entsteht häufig aus dem Damengambit, naturgemäß in erster Linie aus Varianten, in denen Weiß seinen Läufer nach f4 statt g5 entwickelt. Wie angenehm sich solche Stellungen für den Weißen spielen, hat sich anno 2017 am Bodensee noch nicht herumgesprochen ist seit den frühen 1920er-Jahren bekannt. Wer eine Schach-Datenbank wie die Megabase nach obiger Struktur durchforstet, der wird unter anderem zahlreiche Partien des vierten Schachweltmeisters Alexander Aljechin finden, der damit manchen seiner vielen Siege eingefahren hat.

Marshall verprügeln

Stephan Lipphaus – Constantin Schirowski, Überlingen, Oktober 2017

Frage 4:

Am Anfang bringen wir unsere Figuren ins Spiel, meistens erst die Springer, dann die Läufer.

171008Stephan1.jpg

Schwarz hält sich daran, gerade hat er 2….Nf6 gespielt.

Alles richtig gemacht also?


Frage 5:

Schwarz hat gerade …Lxc3+ gespielt, und uns wird nichts anderes übrig bleiben, als auf c3 zurückzuschlagen und einen Doppelbauern in Kauf zu nehmen.

171008Stephan4.jpg

Ein schlauer Zug von Schwarz?


Frage 6:

Die Schlacht tobt, und es sieht so aus, als hätten wir ordentliche Aussichten, einen Angriff gegen die arg aufgeweichte schwarze Königsstellung zu inszenieren. Aber erst einmal müssen wir ein konkretes Problem lösen.

171008Stephan6.jpg

Schwarz hat auf e5 einen Springer geschlagen, um seinen lahmenden Gaul gegen unseren stolz im Zentrum platzierten abzutauschen. Jetzt müssen wir auf e5 zurückschlagen.

Wie machen wir das am besten?

Zu den Antworten geht’s hier

Marshall verprügeln II

Antwort 4:

Schwarz hätte erst seinen Bauern auf d5 mittels …e6 (Damengambit) oder …c6 (Slawisch) stützen sollen, bevor er eine Figur entwickelt. 2…Sg8-f6 gibt ohne Not das Zentrum preis.

171008Stephan3.jpg

Weiß sollte die Einladung annehmen, sich ein perfektes Bauernzentrum e4/d4 zu bauen. Erst schlägt er auf d5, dann folgt e2-e4, und Weiß beherrscht/besetzt alle Zentralfelder, während der Schwarze Zeit verliert, indem er mit seinem Springer herumziehen muss.

Obgleich der schwarze Zug 2…Sf6 nicht so toll ist, hat die Eröffnung einen Namen: die Marshall-Verteidigung, benannt nach dem amerikanischen Schachmeister Frank James Marshall (1877-1944), seinerzeit ein gefürchteter Angriffsspieler. Aber sogar Frank Marshall hat „seine“ Verteidigung nicht mehr gespielt, nachdem er sie 1925 gegen den angehenden Weltmeister Alexander Aljechin ausprobiert hatte und fürchterlich verprügelt worden war.

Tipp für Profis: Nach 1.d4 d5 2.c4 Sf6 3.cxd5 Sxd5 4.e4 Sf6 5.Sc3 e5 schafft es Schwarz doch, sich im Zentrum dagegenzustemmen, und alles ist halb so wild. Aus diesem Grund gilt 4.Sf3! und erst danach e2-e4 als präziser.


Antwort 5:

Ohne Not geben wir unser Läuferpaar nicht her, außer wir bekommen etwas dafür. Und wenn wir schon eine gegnerische Figur gefesselt haben (der schwarze Lb4 fesselte unseren Sc3), dann wollen wir diese Fesselung aufrecht erhalten, um dem Gegner das Leben schwer zu machen.

171008Stephan5.jpg

Schwarz könnte denken, dass er es immerhin geschafft hat, unsere Struktur zu beschädigen, weil er uns auf c3/c4 einen Doppelbauern verpasst hat (vergleiche Frage 1 und 2). Aber dieser Doppelbauer ist keine Schwäche. Weder ist er isoliert, noch kann Schwarz verhindern, dass wir ihn auflösen (zum Beispiel via c4xd5).


Antwort 6:

Mit dem Läufer auf e5 zurückzuschlagen, sieht natürlicher aus. Von seinem zentralen e5-Posten aus lugt der Läufer in die eh schon geschwächte schwarze Königsstellung, Weiß hat klaren Vorteil. Wenn wir stattdessen mit dem Bauern zurückschlagen, haben wir uns einen verdoppelten e-Bauern eingehandelt, der zudem unseren schwarzfeldrigen Läufer auf g3 einsperrt.

171008Stephan6.jpg

Und doch ist das hässliche, weniger natürliche d4xe5 der Gewinnzug. Die oben aufgeführten positionellen Erwägungen sind zwar richtig, aber nicht relevant, weil d4xe5 konkret taktisch gut ist. Von e5 aus greift unser Bauer seinen Sf6 an, und nur der deckt seinen g4-Bauern. Zieht der angegriffene Springer, schlägt unsere Dame auf g4 und wird zum Teil unserer Attacke auf den schhwarzen König. Lg3xe5 gäbe Schwarz stattdessen Zeit, mittels …h6-h5 den g4-Bauern zu decken und seinen Laden erstmal zusammenzuhalten.