Aktiv spielen!

Magnus Carlsen – Sergej Karjakin, WM-Match, New York 2016

aktiv1.jpg

Carlsens Zug Te5-e2 sieht auf den ersten Blick komisch aus, versperrt der Turm auf e2 doch seinem Lf1 und der Dd1 den Weg. Nach der Partie erklärte Carlsen grinsend: „Eigentlich wollte ich Te1 spielen, aber dann ist mir der Turm aus der Hand gefallen und auf e2 gelandet.“

Ist klar, Magnus. Statt eines plötzlichen Schwächeanfalls war es wohl eher ein tiefes Konzept (…b7-b6 provozieren), das den Weltmeister veranlasste, den Turm nach e2 zu beordern.

Als neulich die zweite Überlinger Mannschaft in der Bezirksklasse zum Heimspiel antrat, sahen die erstaunten Schlachtenbummler schon nach wenigen Minuten einen kollektiven Schwächeanfall:

Ramadan Deliu – Günther Deschner, Dezember 2017

aktiv2.jpg

Albert Sarafian – Elmar Streicher, Dezember 2017

aktiv3.jpg

Martin Büchsel – Solange Sarafian, Dezember 2017

aktiv4.jpg

Wenn nun einer der drei Herren erklärt hätte, dass er eigentlich einen aktiven Zug machen wollte, aber dann sei ihm leider, leider der Läufer aus der Hand geplumpst, vielleicht hätten wir das geglaubt. Aber alle drei?

Frage 40

Wir müssen nicht darüber streiten, ob sich ein Läufer womöglich aktiver und wirksamer als auf e2 postieren lässt. Aber das dreifache Lf1-e2 ist hier von unterschiedlicher Qualität.

In zwei Fällen war es schlicht schlampig und ungenau, in einem ein ernsthafter Fehler. Welcher ist das?

Zu den Antworten geht es hier.

Advertisements

Mit den Figuren sprechen II

Antwort 21

Oleg Baur – Conrad Schormann, Dezember 2017

Nicht viel ist gut bei Weiß. Sein stabiler Stonewall garantiert ihm zwar, dass seine Stellung nicht so schnell auseinanderfliegt, aber abgesehen davon steht jede seiner Figuren schlecht, im Gegensatz zu den schwarzen. Das latent problematische Feld e4 das Weiß, wie wir schon gelernt haben, stets bestreichen sollte, ist in der Hand des Schwarzen, dessen Läufer tief ins gegnerische Lager schaut.

Schormann4.jpg

Schachlehrer empfehlen ihren Schülern häufig, mit ihren Figuren zu sprechen, um zu erkunden, ob sie zufrieden sind oder auf bessere Plätze geführt wollen. Probieren wir das mal aus und befragen

  • den Lg3: „Ist ja nett, dass Du versucht hast, mich vor die Bauernkette zu führen, anstatt mich dahinter versauern zu lassen. Aber von g3 aus kann ich nicht viel machen, der f4-Bauer steht mir im Weg. Hier kann ich nur etwas ausrichten, wenn Schwarz doof genug ist, …e6-e5 zu ziehen.“
  • den Sf3: „Klar, f3 sieht aus wie mein natürlicher Posten, aber schau doch bitte mal nach e5 und g5. Schwarz hat alle meine Felder unter Kontrolle, so geht das nicht weiter. Hier kann ich nur etwas ausrichten, wenn Schwarz doof genug ist, …e6-e5 zu ziehen.“
  • den Tf2: „Was ist denn f2 bitte für ein Feld? Hier bewirke ich nun wirklich gar nichts, eingesperrt in einen Klumpen von Figuren. Etwas ausrichten kann ich hier nur, sollte die f-Linie aufgehen, und dafür müsste Schwarz doof genug sein, …e6-e5 zu ziehen.“
  • den Le2: „Ist Dir vielleicht neu, aber ich gehöre auf die Diagonale b1-h7, wenn ich ein wenig Kraft ausstrahlen und e4 im Auge behalten soll. Jetzt gehört die Diagonale dem Schwarzen, und ich stehe hier passiv rum.“

Ähnliche Beschwerden wären wahrscheinlich auch von der Dd2 und dem Ta1 zu erwarten, aber lassen wir das. Die Botschaft ist klar genug. Den weißen Truppen mangelt es an Aktivität und Koordination.

Antwort 22:

Als Schwarz 1…e6-e5 zog, brachen im weißen Lager Jubelstürme aus. Flugs zog der Weiße 2.f4xe5 f6xe5 3.Ta1-f1.

Schormann5.jpg

Alle Figuren, die sich eben noch so bitterlich beklagt haben, spielen plötzlich wieder mit. Hätte Schwarz die Aufgabe gehabt, den Zug zu finden, der dem Weißen maximal hilft, dann wäre …e6-e5 großartig gewesen. So aber verschenkt es jeglichen Vorteil.

Antwort 23:

Natürlich hat Weiß das nicht übersehen. Es droht ja Db7-f7+ nebst Df7xe8 und Turmgewinn.

Schormann6.jpg

Trotzdem hätte er ein bisschen weiter denken müssen. Schwarz kann die weiße Drohung ignorieren. Nach 1…h5xg4 2.Db7-f7+ Kg8-h7 3.D7xe8 gxh3 steht Schwarz auf Gewinn.

Pentranter Störenfried II

Antwort 18

Gar nicht, 2…Sxf4 ist keine positionelle Drohung. Weiß sollte einfach seine Entwicklung beenden.

Angenommen, Weiß spielt 2.0-0 Sxf4 3.exf4, dann steht es so:

171114Lothar2.jpg

Weiß hat zwar seinen mächtigen Läufer abgegeben, aber nicht, ohne etwas dafür zu bekommen: Zentrumskontrolle. Das Feld e5 befindet sich fortan in einer eisernen weißen Umklammerung, was es dem Schwarzen schwer bis unmöglich macht, den befreienden Vorstoß …e6-e5 durchzusetzen. Und so lange ihm …e5 verwehrt bleibt, ist der Läufer auf c8 hinter seiner Bauernmasse eingesperrt und wird nicht an der Partie teilnehmen. Der weiße f-Doppelbauer hingegen ist alles andere als eine Schwäche, er sichert dem Weißen Kontrolle über e5 und Druck auf der halboffenen e-Linie.

Weiß hat mehr Raum, steht aktiver und ist besser koordiniert. Unmittelbar plant er, den Damenflügel aufzurollen, während Schwarz keinerlei aktive Pläne umsetzen kann. Weiß hat erheblichen Vorteil.

Die für Weiß angenehme Struktur im Diagramm entsteht häufig aus dem Damengambit, naturgemäß in erster Linie aus Varianten, in denen Weiß seinen Läufer nach f4 statt g5 entwickelt. Wie angenehm sich solche Stellungen für den Weißen spielen, hat sich anno 2017 am Bodensee noch nicht herumgesprochen ist seit den frühen 1920er-Jahren bekannt. Wer eine Schach-Datenbank wie die Megabase nach obiger Struktur durchforstet, der wird unter anderem zahlreiche Partien des vierten Schachweltmeisters Alexander Aljechin finden, der damit manchen seiner vielen Siege eingefahren hat.