A French aha moment

The deeper you delve into the mysteries of your game, the rarer the aha moments become. Here’s one I enjoyed some time ago.

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Being an exchange down in a theoretical position from the Tarrasch System of the French Defense it seemed to me that Black should avoid exchanges. That’s what we do in general when material down, right? I very much wanted to play 18…Db6 in order to keep it as complex as possible.

Why my database gave 18…Bc5 as the main move (with good results for Black) seemed puzzling to me. Shouldn’t we use our queen to create play while his queen is offside in the corner, doing nothing? But the database also showed the poor results of 18…Qb6 when it had been played by respectable chess masters (never by top players, though).

At that point a chess coach would have come in handy, but none was available. So I studied annotated games in this line (1. e4 e6 2. d4 d5 3. Nd2 Nf6 4. e5 Nfd7 5. Bd3 c5 6. c3 Nc6 7. Ne2 cxd4 8. cxd4 f6 9. Nf4 Nxd4 10. Qh5+ Ke7 11. exf6+ Nxf6 12. Ng6+ hxg6 13. Qxh8 Kf7 14. O-O e5 15. Nb3 Nxb3 16. axb3 Bf5 17. Bxf5 gxf5 18. Bg5) in order to solve the mystery myself. After a while it sunk in eventually.

18…Bc5 is the much better move indeed.

Black actually wants the queens to be exchanged!

Let me encourage you to figure out why for yourself before you continue reading.

 


 

Once you’ve been told it’s simple.

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A trade of queens will make the black king a powerful piece in the resulting endgame. The already centralized king can then be used to support Black’s central pawns that compensate for the exchange.

With queens still on the black king can’t do anything, it will always be harrassed by the white queen. With queens exchanged Black gains a powerful helper for the endgame.


Some quick remarks on the opening:

With the Tarrasch move 3.Nd2 White denies himself pressure on the center (d5). My chess understanding tells me that 3…c5 exploits the downside of Nd2 and must be the best response in order to equalize. I do, however, only play the French against weaker opponents in order to create winning chances with Black. While the positions after 3…c5 are often somewhat bloodless and drawish, the more risky 3…Nf6 guarantees a rich game.

9.Nf4 is a sideline that is said to be not overly dangerous for Black. White wins an exchange, but Black’s pawn center should give him sufficient compensation (especially if you understand when to trade queens and when not!).

Play until move 18 represents the mainline, the position has been reached dozens of times in (grand)master level OTB play. There are alternatives along the way, but I don’t know this stuff well enough to assess them. For instance White has tried 15.Nf3 instead of Nb3, and at move 16 Black may want to consider 16…Be6 and 16…e4 instead of 16…Bf5.

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Leserservice: Gustafssons Damenzüge

Einerseits wollen wir nicht frühzeitig mit unserer Dame auf dem Brett herumturnen, um sie nicht den Attacken der gegnerischen Leichfiguren auszusetzen. Das wäre Zeitverschwendung. Andererseits wollen wir nicht den richtigen Moment verpassen, um unsere stärkste Figur in den Kampf zu schicken. Das wäre Ressourcenverschwendung.

Die Dame zu handhaben, erfordert Augenmaß und Fingerspitzengefühl – im Leben wie beim Schach.

Auf jeden Fall gilt fast immer, dass wir in der Eröffnung die Finger von der Dame lassen sollten. Das Zentrum will beherrscht, die Figuren entwickelt und der König in Sicherheit gebracht werden. Die Dame brauchen wir dafür nicht.

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Jan Gustafsson (Foto: www.schachbundesliga.de)

Solche grundsätzlichen Leitlinien sind unserem treuen Leser und Schachfreund Wolfgang Heise natürlich bekannt. Und darum musste er sich arg wundern, als er neulich in der Bundesliga dem deutschen Großmeister Jan Gustafsson über die Schulter schaute.

In den ersten zehn Zügen bewegte Gustafsson seine Dame fünf Mal. Das verstößt gegen alle Eröffnungsregeln, die wir unseren Lesern und den Schachkindern vom Bodensee mühsam zu impfen versuchen. Andererseits ist Gustafsson einer der Eröffnungsexeperten im Team von Weltmeister Magnus Carlsen. Wir dürfen annehmen, dass er speziell während der ersten zehn Züge weiß, was er tut.

Aber obwohl Gustafsson Schachvideo um Schachvideo aufzeichnet, hat er in diesem Fall versäumt, Wolfgang Heise und dem Rest der stirnrunzelnden Schachgemeinde seine frühzeitigen Damenausflüge zu erklären. Also machen wir das.

Jan Gustafsson (2.640) – Arik Braun (2.574)
Bundesliga, Berlin, April 2018, Nimzo-Indisch

1. d4 Nf6 2. c4 e6 3. Nc3 Bb4 4. Qc2

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Das Klassische System der Nimzowitsch-Indischen Verteidigung. Weiß investiert Zeit, stellt die Entwicklung zurück, um nach …Lxc3 einen Doppelbauern zu vermeiden. Er möchte sich des gegnerischen Läuferpaars bemächtigen, ohne seine Struktur zu beschädigen. Außerdem bestreift der Zug das Feld e4, um das in der Eröffnung und im Mittelspiel ein Kampf toben wird. Dieser Kampf ist allerdings in weitaus höherem Maße nur ein Nebeneffekt von 4.Dc2, als es Alexander Aljechin eingestanden hätte, nachdem er 1915 zum ersten Mal 4.Dc2 gespielt hatte. Nach dieser Premiere wurde der Zug in den 1920ern zu einer der Hauptwaffen gegen Nimzo-Indisch, und das ist er bis heute.

4… d5

(4… O-O Nicht nur Aljechin, noch die Schachmeister der 1990er-Jahre hätten insistiert, dass 4…0-0 ein Fehler ist, weil es die Kontrolle über das Feld e4 aufgibt. Weiß kann nun das Zentrum besetzen: 5. e4 Aber es stellt sich heraus, dass Schwarz nach 5…d5 6. e5 Ne4 7. Bd3 c5 gutes Spiel bekommt.)

5. a3 Bxc3+ 6. Qxc3

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Mission erfüllt: Weiß hat das Läuferpaar gewonnen, ohne dafür einen Doppelbauern in Kauf nehmen zu müssen. Aber er hat eben auch zwei Mal mit der Dame und ein Mal mit dem Randbauern gezogen, was hinsichtlich Entwicklung und Zentrumskontrolle wenig geholfen hat.

6… dxc4 7. Qxc4

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Im siebten Zug die dritte Bewegung mit der Dame, aber was soll er machen? Der Bauer auf c4 musste zurückgeschlagen werden, und auf c3 stand die Dame ohnehin passiv und ohne Funktion. Auf c4 sieht sie aktiver aus, aber Schwarz argumentiert, dass sie dort in erster Linie exponiert ist.

7… b6 8. Nf3 Ba6

b7 wäre das etwas natürlichere Feld für den Läufer, aber so entwickelt der Schwarze eine Figur mit Tempo. Weiß muss schon wieder seine Dame ziehen, und er wird in der Folge nicht seinen e-Bauern bewegen können, ohne das Rochaderecht und das Läuferpaar zu verlieren.

9. Qa4+

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Eine raffinierte Erfindung des russischen (heute kanadischen) Großmeisters Evgeni Barejew, der 2002 in Moskau gegen Nigel Short erstmals 9.Da4+ zog. Bevor Weiß seine Dame zurückzieht, stellt er die des Gegners schlechter und betont, dass Schwarz Probleme haben wird, dem Sb8 ein ordentliches Feld zuzuordnen.

9… Qd7 10. Qc2

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Jetzt steht die schwarze Dame da, wo Weiß sie haben will und ggf. mit Se5 anrempeln kann. Ziel erreicht. Nun kann sich die weiße Dame zurückziehen und Druck auf der halboffenen c-Linie ausüben. Schwarz genießt dank der vielen weißen Damenzüge zwar einen kleinen Entwicklungsvorsprung, aber seine Stellung ist kein Muster für Harmonie. Wenn Schwarz bald …c5 spielen kann und ein ordentliches Feld für den Sb8 findet, wird er ausgeglichenes Spiel haben. Wenn nicht, dann nicht.

Gehirn einschalten nicht vergessen!

Beim Schach ist der Autopilot ein gefährlicher Begleiter. Wer in der Eröffnung immer irgendein Schema herunterspielt und erst später sein Gehirn dazuschaltet, der wird manche gute Chance verpassen.

Im Beitrag „Die vier Gebote der Eröffnung“ haben wir sogar zwei Spieler auf Autopilot gesehen. Die weißen Steine führte Schachfreund Thiebe vom Nachbarverein, und der beginnt seine Partien seit Jahrzehnten mit 1.d4, 2.e3, 3.f4 in der Hoffnung, eine günstige Stonewall-Formation aufs Brett zu bekommen.

So etwa sieht die Stellung aus, die er mit den weißen Steinen anstrebt:

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Das ist tatsächlich angenehm für den Weißen, der am Königsflügel recht bald einen gefährlichen Angriff wird entfachen können, zumal, wenn der Schwarze sorglos spielt.

Nur sollte der Weiße mit der Zugfolge d4, e3, f4 niemals so eine Stellung erreichen können. Schwarz hat mehrere Wege, sich dagegen viel kräftiger aufzubauen als in der Diagrammstellung.

Einen davon haben wir in genanntem Beitrag skizziert. Aber unser Schachfreund Grensing spielt gegen 1.d4 halt auch seit Jahrzehnten immer …d5, und …e6, egal, was der Gegner macht, und das erlaubte dem Gegner in diesem Fall, seine ideale Formation zu erreichen. Der weiße Autopilot triumphierte über den schwarzen.

Im Prinzip sind Schemata ja nichts schlechtes. Sie helfen uns, Zeit zu sparen und gleichwohl vernünftige Züge zu machen. Wer zum Beispiel mit Weiß den königsindischen Angriff spielt, der wird am Anfang seine Klötze immer so aufbauen, fast unabhängig von der schwarzen Formation:

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Erst danach beginnt die Suche nach dem richtigen Plan für das weitere Vorgehen, abhängig davon, wie sich der Gegenspieler hingestellt hat. Und auch diese Suche wird erleichtert, wenn wir anhand von Musterpartien mit möglichen Plänen und Ideen vertraut sind. Wir sparen Zeit und wissen in etwa, in welche Richtung wir zu marschieren haben.

Wer mit Weiß gegen Sizilianisch das Morra-Gambit spielt, der wird in der Regel einem noch längeren Schema folgen können:

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Weiß rochiert, spielt De2, Td1, muss sich zwischen Le3 und Lg5 entscheiden und kann dann überlegen, ob er entweder günstig e5 durchsetzen kann oder den schwarzen Damenflügel unter Druck setzt (oder sogar beides).

Im Prinzip wird der Weiße im Morra-Gambit oft 15 Züge lang seinen Kram herunterspielen können, ohne groß nachdenken zu müssen, aber er muss eben ein paar konkrete Tricks kennen und verstehen, gegen welche schwarze Formation welche weiße Aufstellung am wirksamsten ist.

Schlecht ist es immer, das Gehirn im Leerlauf zu belassen, um erst einmal automatisch das übliche Dutzend der immergleichen Züge herunterzuspielen, bevor die Partie beginnt.

Frage 78

Klaus Grensing – Waldemar Wir, Überlingen, März 2018

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Weil der Weiße in so einer Stellung seit Jahrzehnten immer c2-c3 spielt, egal, ob das gut oder schlecht ist, zog er auch hier c2-c3.

Hätte er sein Gehirn schon an dieser Stelle dazugeschaltet, dann hätte er sich wahrscheinlich anders entschieden. Die weiße Stellung schreit ja förmlich nach einem viel besseren Zug.

Welchem?

Turm hoch und aus! (IV)

Den Wert einer offenen Reihe für Turmschwenks haben wir im vergangenen Beitrag kennengelernt. Leider kommt die Praxis selten so eindeutig daher wie die theoretischen Anschauungsbeispiele, aber manchmal eben doch. Zum Beispiel diese Stellung aus dem Budapester Gambit:

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Die schwarze Idee ist, einen Königsangriff zu initiieren. Also will er möglichst viele Kräfte zum Königsflügel überführen. Bevor der Schwarze seinen noch nicht entwickelten und hinter den Bauern eingesperrten Lc8 ins Spiel bringt, möchte er aus der offenen sechsten Reihe Kapital schlagen. …a5 plant den Turmschwenk zum Königsflügel …Ta8-a6-h6. Erst danach wird …d6 folgen, so dass auch der Lc8 ins Spiel eingreifen kann.

…a5 hilft auch, die weißen Pläne zu durchkreuzen. Weiß wird ja voraussichtlich am Damenflügel expandieren, und das fällt ihm nun schwerer, da der Schwarze dem Vorstoß b2-b4 einen Riegel vorgeschoben hat.

Ganz so geschwind wie in dieser exemplarischen Stellung konnte unser Schachfreund Ramadan neulich in Überlingen nicht seinen Turm an den gegnerischen König heranführen.

Antwort 76

Ramadan Deliu – Julian Preuss, Überlingen, März 2018

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Die dritte Reihe steht in diesem Fall nicht offen, aber Weiß findet trozdem einen Weg, den beschäftigungslosen Ta1 einzubeziehen. Er beginnt mit Ta1-e1, dann folgte Te1-e3, und dann wird meistens Te3-h3 nebst h4-h5 die Partie entscheiden.

Turm hoch und aus! Schwarz ist wehrlos, aber gegen die präziseste schwarze Verteidigung ist die Gewinnführung nicht trivial. Eine schöne Gelegenheit für uns, Mattangriffe zu üben.

Hier ist die Stellung schon aufgebaut, und Du kannst die weiße Stellung gegen einen Computer zum Gewinn führen. Viel Erfolg!

Antwort 77

Über allem steht der Turmschwenk, aber als Hintergrundgeräusch spielen sogar mehrere andere Konzepte mit. Zum Beispiel jenes, dass eine Party erst richtig gut wird, wenn alle mitfeiern und niemand einsam und betrübt am Rand der Tanzfläche herumsteht.

Jede Figur sollte eine Aufgabe erfüllen. Spielt eine nicht mit (so wie in diesem Fall der Ta1), dann sollten wir danach trachten, sie einzubeziehen. Das Konzept, mit den Figuren zu sprechen, haben wir ja schon vorgestellt. Wer sich regelmäßig unter seinen Truppen umhört, fragt, ob alle zufrieden sind oder nach Arbeit lechzen, dem wird nicht entgehen, wenn ein einzelner Kämpfer unterbeschäftigt in der Ecke steht.

Mobilität und Raum könnten wir auch noch anführen. Weil der Weiße speziell am Königsflügel mehr Raum beherrscht, ist er dort flexibler und mobiler. Die schwarzen Truppen hingegen sind auf engem Raum zusammengepresst, dem Schwarzen fehlt Mobilität. Darum hat ja Weiß die Zeit, seinen Turm auf Umwegen zum Königsflügel zu überführen, ohne dass sich Schwarz entscheidend wehren könnte.

Machines like it concretely

The areas in which human intellect outwits the machines‘ calculation power become smaller and smaller. But they are still there. Machines don’t understand fortresses for instance, often misevaluate opposite coloured bishops or have trouble grasping long term concepts in general.

When German U18 champion Roven Vogel crushed Indian wunderkind Karthik Thrish in Bamberg recently, he created an exemplary win that machines are not yet able to reproduce. Neither Stockfish nor other engines find Vogel’s 20.Ne6, cutting off the opponent’s queen from the kingside defense and setting up the decisive attack at the same time. The white concept is too abstract, machines like it concretely.

But they’re getting better. The correspondence game below has been annotated two years ago. While the general remarks and concepts still stand, today’s Stockfish 9 handles some of the crucial spots much better than its predecessor Stockfish 6 that we refer to whenever the annotation says „Stockfish“. For instance at move 11 in 2016 we needed to overrule the machine in order to play 11.Nxb3. Stockfish 9 likes the move.

To win the won position at move 23 the abstract concept of „creating a second front“ is required. In order to follow it White needs to refrain from winning back his sacrificed material immediately. Stockfish 6 couldn’t do it at all, Stockfish 9 at least smells that there are alternatives to pawngrabbing (which would most likely lead to an endgame a pawn up that is drawn nevertheless).

Hero (2.219) – Villain (2.060)
Correspondence game, Lechenicher Schachserver 2016

1. d4 d5 2. c4 c6 3. Nf3 e6 4. g3

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Opening choice and opening analysis are two of the keys to correspondence chess. The chosen opening must reflect the fact that calm positional play won’t work. The classical Catalan for instance, a decent OTB opening, may lead to slightly pleasant positions and some pressure for White. But the black player and his engine will not get tired and collapse like in an OTB game. Instead he will just hold.

If you want to beat a centaur you need to create imbalances and dynamics and understand their implications better than the opponent. The barely explored Catalan setups that include a pawn sacrifice on c4 are a good choice as long as Black accepts the sacrifice. If he doesn’t White will have a hard time getting something substantial out of a regular Catalan.

4… dxc4 5. Bg2 b5 6. O-O Bb7 7. a4 Nf6 8. Ne5 Qc8 9. b3 cxb3

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I wanted to point out positions where the engine struggles and needs to be guided, but here it was the other way around: The engine guided and overruled me. This position has been reached a few times in 2500+ GM play, and in each of these games except one White went with the obvious and seemingly natural 10.Qxb3 – which Stockfish hates. I couldn’t see what’s wrong with the GM move Qxb3, but Stockfish prefers Nd2 by almost 0.5 pawns for no clear reason, so what to do?

To make sure I took a timeout in order to study some annotated GM games where the players outlined concepts and principles White should follow in these kind of positions. But Stockfish hated many of the lines given by grandmasters as well, and in no case could I prove it wrong. In the end I came to the conclusion that the engine understands this structure better than humans and went with Nd2.

10. Nd2

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In fact the great Alexander Khalifman ist the only human who has ever played this instead of 10.Qxb3. Not the worst guy to follow. White points out that the c5 square and Black’s backward pawn on c6 are part of his immediate plans.

(Akobian, Varuzhan – Schneider, Dmitry, USA-ch 2004 (1-0, 33) went 10. Qxb3 b4 11. Bb2 Nbd7 12. Nxd7 Qxd7 13. Rc1 and now the machine claims that after 13… a5 the white compensation is not sufficient.)

10… Nfd7 11. Nxb3

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This isn’t among the top choices of the engine which doesn’t think that the structure change after …Nxe5 dxe5 favours White. Stockfish even prefers 11.Nf3 over 11.Nxb3, while a human with some OTB Catalan experience likes the e5 pawn cramping the black position, the e3-a7 diagonal for his bishop pressuring the queenside and potentially the open d file and the d6 square. The machine was probably right with insisting on 10.Nd2, but now it is time to overrule it.

11… Nxe5 12. dxe5 b4 13. Na5 Qc7 14. Nxb7 Qxb7 15. a5 Be7 16. Qa4 O-O 17. Be3 Qa6 18. Ra2 Rc8 19. Rc1 Qb7 20. a6 Qc7 21. f4 Qd8 22. Rd2 Qc7 23. Bf3 g6

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Black is paralyzed, can’t develop his queenside, White is winning. But despite its 3.300 Elo an engine on its own would not be able to find a winning plan. No matter how long you let it calculate, the engine will go for the b4 and c6 pawn, free Black’s pieces in the process and end up with an unwinnable endgame 5 vs 4 pawns on one wing.

For a human the winning idea is easy to come up with: Open a second front. With Black being tied down on the queenside opening the kingside should be decisive. And White has all the time in the world to execute this. Black can’t do anything.

24. Kg2 Kg7? 

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This even invites g3-g4 followed by f4-f5 since …Qxe5 defenses are now out of the picture due to Bd4 pinning the queen. However, Stockfish at depth 30 refuses to go for the winning blow and insists on playing 25.Rb2?.

25. g4! Rd8 26. Rxd8 Qxd8 27. f5

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Black resigned.

A rook and a knight down effectively he is now facing an attack that will be crushing. Being led to this point the engine has no trouble to quickly realize that Black is lost.

1-0

Den Vogel gezeigt: eine Klatsche für das Wunderkind

Nichts ist beim Schach undankbarer, als gegen ein Kind zu spielen. Weil junge Leute viel schneller besser werden, als ihr Rating das reflektieren könnte, sind sie in der Regel deutlich unterbewertet. Was auf dem Papier nach einer lösbaren Aufgabe aussieht, mag sich auf dem Brett als unangenehmer Brocken erweisen, der uns leicht eine Menge Elopunkte kosten kann.

Rechenstark, aber ahnungslos

Es gibt Gegenstrategien. Junge Leute können in der Regel rechnen wie die Teufel, aber sie wissen nichts über Schach. Also legen wir die Partie ruhig an und führen sie in strategische Gewässer, so dass der junge Gegner nichts zu rechnen hat und an seiner Ahnungslosigkeit zugrunde geht.

Der elfjährige Inder Karthik Thrish ist so ein Fall. Im Frühjahr 2018 hat er schon seinen ersten Großmeister besiegt, trotzdem reist er noch mit einer bescheidenen Elo-Zahl von 1.842 von Turnier zu Turnier (in der nächsten Elo-Liste wird er schon über 2.100 haben). Zuletzt spielte er beim Bamberg-Open mit und bekam dort Gelegenheit, sich mit der Creme des deutschen Jugendschachs zu messen.

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Roven Vogel.

Einerseits dürfte Roven Vogel nicht begeistert gewesen sein, in der letzten Runde in Bamberg gegen einen derart unterbewerteten Gegner zu spielen. Andererseits ist Vogel als 18-Jähriger erwachsen genug, das fehlende Schachverständnis des vermeintlichen Supertalents auszunutzen.

Roven Vogel fliegt in Deutschland ein wenig unter dem Radar, obwohl er einer der bemerkenswertesten jungen deutschen Schachspieler ist. U-16-Weltmeister möchte Vincent Keymer erst noch werden, Vogel war es schon, und aktuell ist er amtierender deutscher U-18-Meister. Im Vergleich zwischen diesen beiden zeigten Vogels Partien in Bamberg deutlich, dass er der reifere Spieler ist, auch wenn Keymer nominell fast zu ihm aufgeschlossen hat.

Keymer legte in Bamberg eine fantastische Partie gegen den Turnierfavoriten hin, bekleckerte sich aber gerade gegen schwächere Gegner nicht mit Ruhm (auch wenn die Ergebnisse passten). Vogels Schach sah deutlich souveräner aus. Das bekam auch der Elfjährige aus Indien zu spüren. Eine solche Hinrichtung wie gegen Roven Vogel ist ihm wahrscheinlich selten widerfahren.

Vogel, Roven (2.449) – Thrish, Karthik (1.842)
Bamberg-Open 2018, 7. Runde, Königsindisch

1. d4 Nf6 2. c4 g6 3. Nc3 Bg7 4. Nf3 O-O 5. Bg5

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Schon wenn Schwarz 4…d6 statt 4…0-0 gespielt hat, gilt das altehrwürdige Smyslow-System Lg5 nebst e3 als kaum geeignet, Königsindisch-Spielern das Leben schwer zu machen. Wenn Schwarz …d6 zurückhält, gilt das umso mehr. Warum das so ist, werden wir gleich sehen.

5… c5 6. e3

Objektiv ist das ein schlampiger Zug. Aber in Verbindung mit der Idee, gegen ein gleichermaßen ahnungsloses wie rechenstarkes Kind eine lange Positionspartie ohne große konkrete Verwicklungen anzustreben, ist 6.e3 zu rechtfertigen.

(6. d5 muss Weiß ziehen, wenn er Vorteil haben will. Nach 6…b5 gelangt die Partie dann in wolga-artige Gefilde oder nach …e6 in benoni-artige.)

6… cxd4 7. exd4

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7… d6 

Schematisch.

(7… d5! mit gutem Spiel für Schwarz ist bekannt, seitdem Schachfreund Igor Zaitsev den Zug 1967 in Moskau gegen Lev Polugajewski demonstriert hat. Weiß kann jetzt auf zweierlei Arten den d5-Bauern gewinnen, aber Schwarz bekommt dafür mehr als kräftiges Spiel nach 8. Bxf6 Bxf6 9. Nxd5 (Nach 9. cxd5 sind 9…Lg4 und 9…e6 angenehm für Schwarz.) 9… Bg7 Schwarz wird in der Folge mit …Sc6 und …Lg4 das weiße Zentrum unter Druck setzen, während der Weiße mit einer wackeligen Phalanx c4/d4, einem exponierten, wirkungslosen Sd5 und einem König im Zentrum dasteht. Schwarz hat mindestens ausreichende Kompensation für den Minusbauern.)

8. h3 b6

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Und auch das sieht eher krumm und improvisiert aus, nicht wie Teil eines schlüssigen Konzepts, nach dem sich Schwarz aufzubauen gedenkt.

9. Bd3 Bb7 10. O-O Nbd7 11. d5 

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Jetzt steht der Lb7 doof da, und dem Schwarzen bietet sich kein rechter Plan, dem Weißen das Leben schwer zu machen (wer sich angesichts des schwarzen Spiels an den Beitrag „Was sind eigentlich hässliche Züge?“ erinnert fühlt, der liegt richtig.). …b5 und …e6 wären potenzielle Hebel, beide mit dem Ziel, das weiße Zentrum zu knacken und den Lb7 wiederzubeleben. 11…e6 wäre sogar unmittelbar möglich, sieht aber nach 12.dxe6 strukturell verdächtig aus.

11… h6 12. Bh4 Ne5

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13. Nd4

(13. Nxe5 dxe5 käme Schwarz entgegen, nicht weil es objektiv vorteilhaft für Schwarz wäre, aber weil der planlos herumstehende Nachziehende dann endlich greifbare Pläne wie …Sf6-h5-f4 nebst Vorgehen am Königsflügel entwickeln könnte.)

13… Nh5?

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Jetzt ist …Sf6-h5-f4 keine Idee, sondern eine Einladung für Weiß, das Heft des Handelns energisch in die Hand zu nehmen.

14. f4 Nxd3

(Der Versuch, mit 14… Nxf4 15. Rxf4 g5 Verwirrung zu stiften, würde nur die schwarze Königsstellung unheilbar auflockern.)

15. Qxd3 Qd7 16. Rae1

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16… Rae8

(Weil Schwarz nach 16… e5 17. dxe6 Bxd4+ 18. Qxd4 fxe6 zwar schlecht stünde, aber Gegenchancen bewahren würde, war erst 16.g4 und dann 17.Tae1 präziser.)

17. g4 Nf6

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Schwarz stellt eine letzte Drohung auf. Wenn Weiß nicht aufpasst, folgt 18…Sxg4.

18. f5 g5 19. Bf2

Jetzt ist Schwarz eingeschnürt und ohne Gegenspiel. Weiß muss ihn nur noch hinrichten. Wie das am besten geht, demonstriert Roven Vogel mehr als überzeugend.

19… Bc8 

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Weiß könnte den Schwarzen noch in aller Ruhe am Damenflügel einschnüren oder den Druck auf der e-Linie erhöhen. Oder er exekutiert ihn sofort. Eine schöne Stellung, um zu demonstrieren, was Menschen immer noch besser können als Maschinen. Der folgende Zug gewinnt, kommt aber wegen seines tiefen Konzepts Engines nicht in den Sinn.

20. Ne6! fxe6 21. fxe6

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Der Punkt des weißen Spiels ist, dass die schwarze Dame von der Verteidigung des Königs abgeschnitten ist. Egal, was Schwarz macht, Weiß lässt Ld4 und Dg6 folgen, dann Se4 gefolgt von tödlichen Einschlägen auf f6 oder Se4-g3-f5. Schwarz kann nur zuschauen.

21… Qb7 22. Bd4 a6 23. Qg6 Rd8 24. Bxf6

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24… exf6

(24… Rxf6 25. Rxf6 exf6 26. e7 und aus.)

25. e7 Rde8 26. exf8=Q+ Rxf8

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Jetzt kann Schwarz für einen Moment von der Verteidigung …Df7 träumen, aber dazu kommt er nicht mehr.

27. Ne4

Und aus. Die Drohung Sxf6+ ist tödlich.

27… f5 28. Nxd6 

vogel13.jpg

Schwarz gab auf.

1-0

Turm hoch und aus! (III)

Anfänger lernen recht bald, dass Figuren unterschiedlich wertvoll sind: Die Leichtfiguren, Läufer und Springer, drei Bauern, der Turm fünf Bauern, die Dame neun Bauern.

Diese Lektion hat unser neuer Schachfreund Şafak schon gelernt. Und weil er schlau ist, versucht er natürlich, sofort die starken Figuren ins Spiel zu bringen.

Neulich war Şafak zum ersten Mal im Schachclub. Und er begann seine Partie so, wie es unter Anfängern oft zu sehen ist: 1.a4, gefolgt von 2.Ta3.

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Oje.

Diesen Unfung haben wir ihm natürlich sofort ausgetrieben, einen kleinen Vortrag übers Zentrum gehalten, außerdem diesen: erst die Springer raus, dann einen Läufer, dann den König in Sicherheit rochieren. Erst danach, vielleicht, schauen wir uns nach Betätigungsfeldern für unsere Türme um.

Wenn der Anfänger zum Fortgeschrittenen wird, dann merkt er recht bald, dass die Figuren eben keinen fixen Wert haben, sondern dass sich dieser je nach Partieverlauf verschiebt.

Läufer zum Beispiel sind meistens etwas wertvoller als Springer, und im Paar sind sie besonders stark. Trotzdem sind Dame und Läufer meistens schwächer als Dame und Springer, weil sich letztere besser ergänzen.

Je länger die Partie dauert, desto stärker werden Türme

Manchmal ist die Dame stärker als zwei Türme, manchmal andersherum, je nachdem, ob die Türme Raum haben und wie gut sie zusammenarbeiten.

Und der Turm, na ja, der ist leider zu Beginn der Partie kaum etwas wert. Türme brauchen offene Linien und Reihen, und die ergeben sich erst, wenn Material vom Brett verschwindet. Je länger die Partie dauert, desto stärker wird der Turm. Im Endspiel kann er es oft allein mit zwei Leichtfiguren aufnehmen.

Während sich allgemein herumgesprochen hat, dass Türme offene Linien lieben, ist der Wert einer offenen Reihe nicht so bekannt. Und das, obwohl eine offene Reihe ein Manöver ermöglicht, das schon so manche Partie entschieden hat: Den Turmschwenk oder, wie wir es nennen:

Turm hoch und aus!

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So etwas kann nur der Turm: In Windeseile den Flügel wechseln und auf der anderen Seite machtvoll eine Attacke unterstützen. In diesem Fall ist der Turm so mobil, weil er sich einer offenen dritten Reihe erfreut – so ähnlich, wie wir es neulich bei den Isolani-Stellungen gesehen haben.

Şafak hatte ja den richtigen Riecher, aber er hätte sich mit seinem Turmschwenk ein wenig gedulden müssen. Vielleicht lässt er sich das gelegentlich noch einmal von unserem Schachfreund Ramadan erläutern, denn der gilt am Bodensee als Spezialist für Turmschwenks.

Frage 76

Ramadan Deliu – Julian Preuss, Überlingen, März 2018

turm1.jpg
Weiß am Zug gewinnt. Wie?

Nach der Vorrede müsste ja eigentlich klar sein, worum es hier geht. Schwarz ist gelähmt, er sieht sich ohne Gegenspiel einem Königsangriff ausgesetzt. Aber noch hält die schwarze Festung.

Wie überführte der Weiße jetzt entscheidend Truppen zum Königsflügel, damit sein Angriff durchbricht?

Frage 77

Ja, bei der Antwort auf Frage 76 spielt das Konzept des Turmschwenks eine entscheidende Rolle. Und noch ein zweites Konzept.

Welches?

Hier geht’s zu den Antworten

Aktiv spielen (IV)

Wer online auf Patzerlevel Blitzschach spielt, der sieht aus der schwarzen Perspektive gelegentlich dieses:

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Oder dieses:

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Ob nun gegen Caro-Kann (1.e4 c6) oder Französisch (1.e4 e6), der Mumpitzzug 2.Lc4 hilft nur dem Schwarzen. Der will ja eh …d5 spielen, und nun gestattet es ihm der Weiße, …d5 mit Tempo durchzusetzen. Sehr freundlich, dankeschön.

Natürlich wollen wir unsere Figuren auf möglichst aktive Felder entwickeln, aber nur auf solche, auf denen sie stabil stehen und ins gegnerische Lager wirken. Felder, auf denen sie nur die Entwicklung des Gegners beschleunigen und ansonsten keinerlei Funktion haben, meiden wir.

Antwort 75

Hätte unser Schachfreund Alexander die Aufgabe gehabt, nach 1.e4 c5 den schlechtestmöglichen Entwicklungszug für Weiß zu finden, 2.Lc4 wäre ein heißer Kandidat für den Hauptgewinn.

Alexander Daudrich – Helmut Möldner, Überlingen, April 2018

aktiv6.jpg

Schwarz antwortet mit 2…e6 und 3…d5, dann gehört ihm das Zentrum, und Zeit gewinnt er obendrein, indem er dem Lc4 einen Tritt versetzt.

Aaaber Weiß könnte doch 1.e4 c5 2.Lc4 e6 3.e5 spielen?!

Klar. Dann folgt auch 3…d5, und nach 4.exd6 Lxd6 hat der Weiße drei Mal seinen e-Bauern gezogen, nur um ihn gegen einen Bauern zu tauschen, der ein Mal gezogen hat. Obendrein hat er noch dem Lf8 zur Entwicklung verholfen.

Der dösige Lc4 beißt derweil weiter auf Granit, und womöglich wird er später noch per …a6 und …b5 einen Tritt bekommen. Vorteil Schwarz. Und das nach drei (!) Zügen.

Leserservice: Leela installieren

leelalogoDen Zugriffszahlen auf unserer Seite nach liefern sich Leela, der AlphaZero für alle, und Vincent Keymer, der Stern am trüben deutschen Schachhimmel, ein Kopf-an-Kopf-Rennen um die heißeste Schachgeschichte des Jahres 2018.

Für Schachfans bietet das Schachprogramm gegenüber dem 13-jährigen Supertalent einen wesentlichen Vorteil: Während wir Vincent nur zuschauen und staunen dürfen, können wir uns Leela nach Hause holen und uns selbst mit ihr herumprügeln oder sie auf andere Software loslassen.

Aber wie geht das?

Weil uns genau diese Frage nun zum wiederholten Male erreicht, verweisen wir die Schar unserer Leser auf unsere Freunde von Chessbase. Deren Redakteur Albert Silver hat neulich nicht nur mit einem der Biohirne hinter Leela über die Entwicklung gesprochen, sondern auch Schritt für Schritt aufgeschrieben, wie sich Leela als UCI-Engine unter Fritz oder Chessbase installieren lässt.

Silvers detaillierten Ausführungen können wir eigentlich nur hinzufügen, dass Schachfreunde, die immer mit der neuesten Leela spielen wollen, regelmäßig eine neue Network-Datei herunterladen müssen. Leela entwickelt sich rasant und erfindet sich alle paar Tage neu.

Viel Spaß!

Vincents Reifeprüfung

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Alexander Donchenko

Großmeister gegen Internationaler Meister, 20-Jähriger gegen 13-Jähriger, Elo 2.600 gegen 2.400. Nicht nur auf dem Papier, auch auf dem Brett war es ein Klassenunterschied – aber andersherum.

Den Ergebnissen nach war Vincent Keymers Start beim Bamberg-Open mit 3,5/4 in Ordnung, aber in den Partien hatte er den einen oder anderen wackeligen Moment überstehen müssen. Seine Reifeprüfung wartete dann in Runde fünf: Schwarz gegen den nominellen Turnierfavoriten Alexander Donchenko, ein Prestigeduell gegen ein Mitglied der „Prinzengruppe“, die dem deutschen Schach mehrere hoffnungsvolle Jung-Großmeister beschert hat.

keymerflip
Vincent Keymer

Schon in der Eröffnung wartete Keymer mit einem originellen, in dieser Konfiguration unbekannten Konzept auf (9…h7-h5!?), und dagegen fand Donchenko keine angemessene Parade. Der 13-Jährige überspielte seinen erfahreneren und elostärkeren Gegner erst strategisch und war dann bis zum Ende der Partie taktisch auf der Höhe. An der entscheidenden Stelle rechnete Vincent Keymer tiefer und genauer als Alexander Donchenko; er sah voraus, dass dessen Plan, sich mit 28.Txd8 usw. zu befreien (siehe Partie), nicht funktionieren würde.

Als er sich später eines Verzweiflungsangriffs des Weißen erwehren musste, umschiffte Keymer wie schon in der Partie gegen Rapport beim Grenke-Open alle Klippen, fand manchen einzigen Zug und steuerte die Partie in ein gewonnenes Endspiel.

Eine reife Vorstellung!

Donchenko, Alexander (2.587) – Keymer, Vincent  (2.443)
Bamberg-Open 2018, Runde 5

1. Nf3 Nf6 2. g3 d5 3. Bg2 c6 4. O-O Bg4 5. h3

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5… Bxf3

5…Lh5 ist geläufiger. Vincent Keymer trennt sich ohne Not und unmittelbar von seinem Läufer, weil er Donchenko drei Runden zuvor hat 6.exf3 spielen sehen.

6. Bxf3

(6. exf3!? Nicht absurd, aber vielleicht ein wenig zu originell. 6…Nbd7 7. f4 e6 8.d3 geschah in Donchenko,A (2587)-Friedel,M (2190) in der zweiten Runde mit einem Remisschluss nach 47 Zügen. Hier und in der Folge wäre es interessant für Schwarz gewesen, unmittelbar mit …h5 auf die weiße Rochadestellung loszugehen. Womöglich hatte Keymer eben dieses geplant, und das inspirierte ihn, in der Partie ein ähnliches Konzept zu versuchen.)

6… Nbd7 7. d3

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7… e6 

Sich ein weißfeldriges Bauerndreieck im Zentrum zu bauen, nachdem der weißfeldrige Läufer vom Brett verschwunden ist, ist allemal ein gesundes Konzept.

(7… e5 ist gut spielbar, aber wie wir bald sehen werden, hat Schwarz auf der Diagonalen h2-b8 besondere Pläne und hält sie darum offen.)

8. e4 dxe4 9. dxe4 h5!?

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Im Nahschach eine Neuerung, im Fernschach schon gespielt. Aber ist das auch gesund? Wie Schwarz weiter vorzugehen gedenkt und vor allem, wo sein König enden soll, das erscheint an dieser Stelle alles andere als offensichtlich zu sein.

10. Bg5

Nach …h5 schwächelt das Feld g5, also parkt der Weiße dort eine Figur und schiebt außerdem …h4 einen Riegel vor. Aber das natürlichste aller Felder ist g5 nicht für den weißen Läufer, und der Zug erleichtert dem Schwarzen das weitere Vorgehen.

10… Qa5

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11. Qd2

(Nach 11. h4 Ne5 würde Weiß seine weißfeldrigen Löcher am Königsflügel deutlicher spüren als Schwarz das schwarzfeldrige.)

11… Bb4

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Nimmt dem Sb1 das letzte zentrale Entwicklungsfeld, einerseits.

12. c3 Be7 13. b4 Qc7 

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Andererseits hat Schwarz den Weißen eingeladen, am Damenflügel loszumarschieren. Lange Rochade sieht spätestens jetzt nicht mehr nach einer verlockenden Option für Schwarz aus. Aber soll der König des Nachziehenden wirklich im Zentrum und die Türme gesplittet bleiben?

14. Bf4 Ne5

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Stellt sich mit Freuden in die Fesselung, denn die ist nur von kurzer Dauer. Mittelfristig gehört die Diagonale h2-b8 dem Schwarzen.

15. Bg2 Nfd7 

Der Schwarze schafft sich auch noch die Option …g5, aber nötig war das nicht.

(15… h4 in Verbindung mit dem Plan …Sh5 sah schon sehr kräftig aus.)

16. Qe2

Der Sb1 soll endlich nach d2, um die Entwicklung zu vollenden.

16… h4

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Jetzt aber, und wenn Weiß nichts macht, kommt …g5 gleich hinterher.

17. g4 =+

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Das Eingeständnis, dass Schwarz schon besser steht. Aber die Alternativen waren ebenfalls unangenehm, ob nun 17. gxh4 Bd6 oder 17. Nd2 g5, jeweils mit besserem Spiel für Schwarz.

17… Bd6

Bemächtigt sich sogleich der Diagonalen. Der Weiße soll auf den schwarzen Feldern am Königsflügel gequält werden. Und der Schwarze hat geklärt, was mit seinem König geschehen wird. Nun, da die h-Linie geschlossen ist und der Th8 ohne Aufgabe dasteht, kann Schwarz kurz rochieren.

18. Nd2

(18. Be3 Ng6 19. Nd2 war womöglich zäher. Schwarz steht besser, aber er muss noch eine Menge beweisen, bevor es vorbei ist.)

18… Nf3+ 19. Nxf3 Bxf4 20. Rfd1 g5 21. Qc4

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Will erst die Dame aktivieren, dann auf der d-Linie verdoppeln.

21… O-O 22. Rd3

Aber auch das ist eine unglückliche Konfiguration.

22… Rad8 

Droht …Sb6.

23. Rad1 b5

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Jetzt hat die Dc4 keinen Platz, auf dem sie Frieden findet.

24. Qb3

Setzt alle Chips auf die Karte 25.Da3, sonst hätte er bestimmt 24.Dd4 gespielt.

(24. Qd4 c5 25. bxc5 Nxc5 26. Qxd8 Rxd8 27. Rxd8+ Kg7 wäre sehr angenehm für den viel aktiveren und besser koordinierten Schwarzen, aber es ist noch eine Partie.)

24… c5 25. Qa3

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Nur sticht die Karte 25.Da3 nicht, weil die geplante Abwicklung 28.Txd8 nebst 30.Dxa7 nach 30…Sa4 für Schwarz gewinnt (siehe unten). Der Nachziehende hat, wie sich bald zeigt, genauer und tiefer gerechnet. Wenn Weiß in der folgenden Sequenz nur ein Tempo Zeit hätte, um Luft zu holen, dann könnte er Da5 spielen, und alles wäre gut. Aber dazu kommt er nicht.

25… c4 26. Rd4 e5 27. Rd5 Nb6

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28. Ne1

Groß ist die Not, Weiß hat keinen guten Zug mehr. Also macht er einen schlechten, gibt eine Qualität auf und spielt mit einer im Abseits gestrandeten Dame weiter.

(An dieser Stelle fiel Donchenko wahrscheinlich auf, dass das geplante 28. Rxd8 Rxd8 29. Rxd8+ Qxd8 30. Qxa7 nach dem tückischen 30…Na4 -+ geradewegs ins Verderben führt. Der c3-Bauer geht über Bord, und in der Folge kann Schwarz das Vorrücken seines Freibauern mit Drohungen gegen den weißen König kombinieren.)

28… Nxd5 29. exd5

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Könnte Weiß jetzt seinen Läufer auf e4 installieren und die Stellung geschlossen halten, dann hätte er noch Remischancen.

29… e4!

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Stark! Verhindert, dass sich Weiß bei vollem Brett per Le4 eine Festung baut und bringt mit Tempo die einzige unbeschäftigte Figur ins Spiel.

30. Bxe4 Rfe8 31. Bf3

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31… Qb6?! 

Droht …Lg3. Schwarz übersieht den sofortigen Gewinn, behält aber eine furchterregende Initiative.

keymer17
Variante 31…Le3!, Stellung nach 34…Txd5!!: Weiß ist wehrlos.

(31… Be3! Gewinnt unmittelbar, aber diesen Killer kann Schwarz nur spielen, wenn er in der Hauptvariante den zweiten Killer 34…Txd5!! vorhersieht. Und der wäre, zumal kurz vor der Zeitkontrolle, auch Spielern ganz anderen Kalibers entgangen. 32. fxe3 (32. Kg2 Bxf2 33. Kxf2 Qg3+ 34. Kf1 Rxe1+ 35. Rxe1 Qxf3+ und aus. Schwarz holt sich noch den h3-Bauern mit Schach ab, dann läuft sein Freibauer, während Weiß mit seiner im Abseits gestrandeten Dame keinerlei Spiel hat. „Matt in 13“, sagt die Engine.) 32… Qg3+ 33. Bg2 Qxe3+ 34. Kh1 Rxd5!! (Diagramm) und Weiß hat keine Verteidigung mehr. Der Td5 ist tabu: 35. Bxd5 Qxh3+ 36. Kg1 Qxg4+ Schwarz bedient sich auf d1 und setzt dann Matt.  „Matt in 12“, sagt die Engine.)

32. Nc2

Strebt nach d4.

32… Bc7

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Jetzt muss sich Weiß mit der potenziellen Dame-Läufer-Batterie nach …Dd6 auseinandersetzen.

33. Qc1 Bf4 34. Qa3

Der Weiße bekommt seine Dame partout nicht zurück in die Partie.

34… Be5 

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Droht …Df6 mit Doppelangriff auf c3 und f3.

35. Nd4

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35… Qf6?

(35… Bxd4 Verständlich, dass sich Schwarz angesichts seines Tanzes auf den schwarzen Feldern nicht von seinem Läufer trennen will. Aber er darf den Sd4 nicht nach f5 springen lassen. Stattdessen wäre es an der Zeit gewesen, die Mehrqualität zu betonen und die Partie Richtung Endspiel zu steuern. 36. Rxd4 Re1+ 37. Kg2 -+ ist noch nicht trivial, aber langfristig gewonnen für Schwarz.)

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36. Qc1?

Beseelt vom Wunsch, seine Dame zurück ins Spiel zu bringen, verpasst der Weiße eine Rettungschance. Stattdessen opfert er weiteres Material für eine Attacke, die zwar gefährlich, aber objektiv nicht ausreichend ist.

(36. Nf5! Bxc3 37. d6 Um den Preis eines Bauern hat Weiß alles koordiniert und aktiviert, sich einen ewigen Springer auf f5 verschafft, einen kaum antastbaren Freibauern auf d6 noch dazu, und sogar die Dame spielt wieder mit. Objektiv steht Schwarz noch ein wenig besser, aber angesichts der kräftigen weißen Kompensation sind wieder alle drei Ergebnisse möglich.)

36… Bxd4 37. Rxd4 Qxf3 38. Qxg5+ Kf8 39. Qh6+ Ke7 40. Rf4

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Obwohl die mit 36.Dc1 eingeleitete Attacke nicht vollständig gesund ist, zeigt sie doch, welche Biester 2.600-Großmeister sind, auch wenn sie schon am Rande des Abgrunds wandeln. Schwarz muss jetzt die einzige Aufstellung finden, in der er seinen Mehrturm zur Geltung bringen kann. Aber, das wissen wir seit der Partie Rapport-Keymer beim Grenke-Open, unter Druck rechnen kann der Schwarze wie wenige andere.

40… Qd1+

(40… Qxd5?? 41. Qxh4+ endet mit Dauerschach.)

41. Kh2 Rd6!

Einziger Gewinnzug.

42. Qxh4+ Kd7

(42… f6?? 43. Re4+ Kd8 44. Rxe8+ Kxe8 45.Qh8+ mit Dauerschach.)

43. Rxf7+ Kc8

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Schwarz hat die Gewinnaufstellung gefunden. Weiß kann noch ein paar Drohungen aufstellen, hat für den Moment noch vier Bauern für den Turm, aber sein Spiel versandet jetzt nach und nach.

44. Qh7 Qd3 45. Rc7+ Kd8 46. Qg7 Qe2 47. Rf7 Qe5+ 48. Qxe5 Rxe5

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Das Endspiel mit Minusturm ist hoffnungslos für Weiß. Seine Bauern am Königsflügel müssten weiter vorgerückt sein, um ihm Gegenchancen zu sichern.

49. h4 Rd7 50. Rf4 Rexd5 51. h5 Ke8 52. Kg3 Rd3+ 53. Kh4 Rxc3 54. g5 Rc1 55. g6 c3 56. h6 c2 57. g7 Rh1+ 58. Kg5 Rg1+

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Weiß gab auf.

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