Vladimir Kramnik – eine Karriere (II): von Manila bis Toiletgate

Als die Russen 1992 ihre Mannschaft für die Olympiade in Manila zusammenstellten, war es Kasparow, der mit Macht darauf drängte, Kramnik mitzunehmen. Auch das keine Selbstverständlichkeit. Der bald 17-Jährige war noch nicht einmal Internationaler Meister und außerhalb Russlands unbekannt. Es bedurfte einiger Debatten, einige Widerstände waren zu überwinden, bis der russische Verband den jungen Fide-Meister für die Nationalmannschaft nominierte.

Mit 8,5 Punkten aus 9 Partien und einer Elo-Performance von 2.958 zeigte Kramnik, dass seine Aufstellung mehr als gerechtfertigt war. Die Russen waren ihren Gegnern in Manila derart überlegen, dass sie sich arg gehen lassen konnten. Statt Vorbereitung auf die Partien stand jede Nacht Gin Tonic und Kartenspiel auf dem Programm.

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Beim Trinken konnte Kramnik mithalten, beim Kartenspiel zahlte er Lehrgeld, wie er auf seiner DVD „My path to the top“ berichtet. Aus dieser Zeit stammen Fotos des jungen Kramniks, die dokumentieren, dass er zu Beginn seiner Karriere alles andere als ein asketischer Arbeiter war. Gin mag er bis heute, gleichwohl gelang es ihm, seinen Lebenswandel den Erfordernissen professionellen Schachs anzupassen.

Vladimir Kramnik – John Nunn
Chess Olympiad Manila PHI (14), 24.06.1992

kramnik nunn

26…f6

Mit einem hübschen Qualitätsopfer entscheidet Kramnik eine wunderbar geführte Partie, vielleicht seine beste von der Schacholympiade 1992.

27.Txh7 Kxh7 28.gxf6 exf4 29.e5

Das weiße Bauerntrio ist nicht zu stoppen.

29…Kh6 30.Sxf4 Lxe5 31.Txe5 Txd7 32.Lxd7 Txe5 33.f7

und Schwarz gab auf wegen

33…Kg7 34.f8D+ Kxf8 35.Sxg6+

 1–0

Und er wurde immer besser, drang bald in die Top 10 der Welt vor und stieg weiter auf. 1995 in Dortmund gewann Kramnik ungeschlagen sein erstes Superturnier, das zu einer Art Schach-Wohnzimmer des Aufsteigers werden sollte. Zehn Mal siegte Kramnik bis 2011 in Dortmund, eine Stadt, der er sich verbunden fühlt und in die er manchen Kontakt pflegt. 1995 war auch das Jahr seines ersten Weltmeisterschaftskampfes – als Sekundant Kasparows, der in New York gegen Viswanathan Anand seinen Titel verteidigte.

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Gin mag Vladimir Kramnik immer noch, aber in Maßen. Nach einigen Jugendeskapaden hat er seinen Lebenswandel bald auf Profischach umgestellt. (Foto: Tarjei Svensen/Twitter)

Früh Weltspitze, aber kein WM-Match

1996 war „Big Vlad“ schon die Nummer eins. Nach Elo lag er mit 2.775 gleichauf mit Kasparow, der seit Ende 1985 oben gethront hatte, aber nun auf Rang zwei abrutschte, weil er im Wertungshalbjahr weniger Partien als Kramnik gespielt hatte. Zwölf Jahre später sollte es kurioserweise wieder ein Rating-Gleichstand sein, der Kramnik erneut zur Nummer eins machte: Dieses Mal standen bei ihm wie bei Viswanathan Anand 2.799 Elo zu Buche. Erneut war Kramnik derjenige, der mehr Partien gespielt hatte.

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Ein WM-Match gegen Kasparow hatte sich Alexej Schirow mit einem Matchsieg über Vladimir Kramnik 1998 verdient, aber er bekam es nie – unter anderem, weil er zu hoch pokerte. Noch lange sollte er danach die Rechtmäßigkeit Kramniks Titels anzweifeln, nachdem der 2000 Kasparow geschlagen hatte.

Die Weltspitze erklomm Kramnik früh, aber beim Versuch, sich für einen WM-Kampf zu qualifizieren, scheiterte er mehrfach: 1994 im PCA-Viertelfinale 1,5:4,5 gegen Gata Kamsky und im Kandidatenhalbfinale der FIDE 3,5:4,5 gegen Boris Gelfand. 1998 3,5:5,5 gegen Alexei Schirow, der damit das Recht erwarb, Kasparow um den Titel zu fordern, ein Match, das nie zustandekam. 1999 schied Kramnik im Viertelfinale der K.o.-WM in Las Vegas gegen Michael Adams aus.

Mit dem Ende der Professional Chess Association (PCA) 1996 begann eine kurze Ära, in der sich der Weltmeister (und unbestritten beste Spieler) Garry Kasparow wie seine großen Vorgänger in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts selbst um die Organisation seiner WM-Matches kümmert – und natürlich darum, wer ihm gegenübersitzt. Nachdem Schirow ein erstes Angebot Kasparows abgelehnt hatte, bekam er kein zweites. Voller Bitterkeit sollte Schirow später, als Kramnik Weltmeister war, noch lange die Rechtmäßigkeit dessen Titels anzweifeln.

WM-Match 2000: der Schüler entthront den Lehrmeister

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London 2000: Der Schüler entthront den Lehrmeister, und das verdient. Kaum ein Beobachter hatte erwartet, wie sehr Kramnik Kasparow dominiert.

Kasparow wollte nun ein Match gegen Anand spielen, die Nummer zwei, aber der fühlte sich der FIDE gegenüber vertraglich verpflichtet. Und so kam Kramnik zum Zug. Nachdem er von 1994 bis 1999 mehrfach daran gescheitert war, sich sportlich für ein WM-Match zu qualifizieren, bekam er nun eines angeboten, ohne darum kämpfen zu müssen. Zwar bestritt trotzdem kaum jemand, dass Kramnik ein sportlich legitimer Herausforderer ist, allein schon, weil er Anand bald in der Weltrangliste überholte, aber Kasparow ging als deutlicher Favorit ins Match 2000 in London. „Ich habe das nicht so empfunden“, sagt Kramnik. Er habe an seine Chance geglaubt.

Tatsächlich stand es nach 15 von 16 angesetzten Partien 8,5:6,5 für den Herausforderer. Kasparow war entthront, und dieses Ergebnis spiegelt noch nicht einmal, wie klar Kramnik den Vergleich dominiert hatte. Während sich Kasparow mit Weiß an der Berliner Mauer wieder und wieder eine blutige Nase holte, setzte ihn Kramnik in beinahe jeder seiner Weißpartien unter Druck, gewann gleich die erste mit einer neuen Idee gegen Kasparows Grünfeld-Indisch und verpasste Gewinnchancen in den beiden weiteren.

Als Kramnik in der zehnten Partie seinen zweiten Sieg gelandet hatte, ein Endspiel, das Kasparow nicht hätte verlieren müssen, wirkten die folgenden Partien, als würde sich Kasparow in sein Schicksal fügen. Der Weltmeister verlor das Match, ohne eine Partie zu gewinnen. Nicht einmal in die Nähe eines Sieges kam er.

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Berliner Mauer: Die seinerzeit als anrüchig geltende Stellung nach 8…Kxd8 war die entscheidende im Match zwischen Kasparow und Kramnik im Jahr 2000. Eine perfekte Eröffnungswahl Kramniks gegen den Weltmeister, der sich vor allem in konkreten, rechenintensiven Stellungen pudelwohl fühlt. Mit den eher abstrakten Berlin-Stellungen mit ihren unzähligen Möglichkeiten kam er vier Mal in Folge nicht zurecht. Kasparow vermochte mit Weiß nichts zu holen, während er mit Schwarz wieder und wieder unter Druck geriet.

Brains in Bahrain

Kramniks nächster Matchgegner sollte keiner aus Fleisch und Blut sein. „Brains in Bahrain“ hieß die Veranstaltung 2002, der letzte große Vergleich zwischen einem Gehirn aus Neuronen und einem elektronischen, der eigentlich ein Jahr eher hatte stattfinden sollen, aber wegen des Terroranschlags am 11. September 2001 verschoben wurde. Für Kramnik ging es im Match gegen das ChessBase-Programm Fritz vor allem um eine Menge Geld, 600.000 bis eine Million Dollar, abhängig vom Ergebnis.

Sportlich stand nicht viel auf dem Spiel. Dass fünf Jahre nach Deep Blue nun auch handelsübliche Rechner mit ebensolchen Engines auf dem Sprung waren, die besten Menschen zu überflügeln, war kein Geheimnis. „Brains in Bahrain“ weckte längst nicht das öffentliche Interesse wie Kasparows Match gegen die IBM-Maschine.

Trotzdem bereitete sich Kramnik intensiv vor, verlieren wollte er auf keinen Fall. Er sicherte sich das Recht, das Programm vor dem Match monatelang testen zu dürfen, außerdem verhandelte er den Passus ins Reglement, dass es Hängepartien geben würde, und verpflichtete den deutschen Großmeister Christopher Lutz als Helfer. Tatsächlich führte der Mensch nach vier Partien 3:1. Dann die Wende: Partie fünf stellte Kramnik ein, in Partie sechs brach er Brücken hinter sich ab und verlor. Die letzten beiden Begegnungen waren vor allem von Kramniks Bemühen gekennzeichnet, nichts anbrennen zu lassen: 4:4.

kramnik bahrain.jpg
Letztes großes Mensch-Maschine-Match: 2002 in Bahrain trennte sich Vladimir Kramnik 4:4 von Fritz.

Damit hatte er zumindest ein Argument geliefert, dass der von der Öffentlichkeit so sehr geliebte Kampf zwischen Mensch und Maschine noch nicht entschieden war. Ebenso übrigens wie die Frage, wer denn nun der wahre Weltmeister der Menschen war, denn einen vereinten Titel gab es immer noch nicht, und Kramniks Sieg über Kasparow lag immer länger zurück. Erst vier Jahre danach sollte es zu einer weiteren Titelverteidigung kommen. Das Superturnier in Kramniks Schachheimat Dortmund fungierte als Kandidatenturnier. Aber ein beschnittenes.

2004: unerwartetes Drama gegen Peter Leko

Garry Kasparow beharrte, ihm stehe angesichts seiner Ergebnisse und seiner Weltranglistenposition ein WM-Match zu, und weigerte sich, sich für ein solches zu qualifizieren. Viswanathan Anand blieb wieder der FIDE treu und spielte ebenfalls nicht mit. Und so kam es zum einzigen Kandidatenturnier der 2000er-Jahre, an dem ein Deutscher teilnahm: Christopher Lutz, seinerzeit bei beachtlichen 2.655 Elo, bekam eine Art Ausrichterplatz, wurde aber mit 1,5/6 Letzter in seiner Vorrundengruppe, die Alexei Schirow vor Veselin Topalow gewann. Die andere Gruppe gewann Jewgeni Bareew vor Peter Leko.

Die beiden Vorrundengruppenzweiten gewannen ihr Halbfinale. Fürs WM-Match in Brissago gegen Kramnik qualifizierte sich etwas überraschend der Ungar Peter Leko, der gegen Kramnik etwa in dem Maße als Außenseiter ins Match ging wie vier Jahre zuvor Kramnik gegen Kasparow.

kramnik leko
Gegen Peter Leko wandelte Kramnik 2004 am Abgrund. Aber dann gelang ihm in der finalen Partie ein Sieg auf Bestellung, und er bliebt Weltmeister.

Als Kramnik gleich die erste Partie gewann, schien ein Spiel auf ein Tor ohne Spannung bevorzustehen. Aber Leko drehte das Match, rang Kramnik erst in einem komplizierten Endspiel nieder und widerlegte dann in einem kritischen Abspiel des Marshall-Angriffs am Brett die häusliche Vorbereitung Kramniks (dessen Sekundant Peter Svidler geschludert hatte), so dass der Titelverteidiger einem Rückstand hinterherlaufen musste.

In der vorletzten Partie griff er mit Schwarz zum Benoni, um Chancen zu generieren, eigentlich keine WM-taugliche Eröffnung. Der Rückstand blieb ihm bis zur finalen Partie erhalten. Dort schaffte Kramnik nach beiderseits nervösem Beginn mit einer strategischen Meisterleistung den benötigten Sieg auf Bestellung und blieb dank des 7:7 Weltmeister.

Vladimir Kramnik – Peter Leko
Classical World Champions Brissago SUI (14), 18.10.2004

kramnik leko dia

34.f4

Der entscheidende Durchbruch naht. Schwarz ist hilflos, der d4–Bauer tabu.

34…Ta2+

34…Txd4 35.f5 exf5 36.e6 Te4+ 37.Sxe4 fxe4 38.Tc7 und die Drohung Txc6 entscheidet.

35.Kf3 Ta3+ 36.Kg4 Td3 37.f5

Jetzt ist die weiße Armee komplett, und ihr Angriff ist tödlich. Der weiße König dringt ins schwarze Lager ein, der schwarze steht hilflos auf matt.

37…Txd4+ 38.Kg5 exf5 39.Kf6 Tg4 40.Tc7 h4 41.f7+ [nebst matt in zwei Zügen. Schwarz gab auf.]

1–0

Toiletgate

Allerdings weiterhin einer von zwei Weltmeistern. Die Anfang der 1990er-Jahre von Garry Kasparow und Nigel Short mit ihrer Trennung von der FIDE initiierte Titel-Teilung bestand fort. Kramnik weigerte sich, das FIDE-WM Turnier 2005 mitzuspielen, bekundete aber Bereitschaft, seinen Titel gegen den Gewinner zu verteidigen.

Dieses langersehnte WM-Match 2006 gegen Veselin Topalow in der kalmückischen Hauptstadt Elista sollte zu einem der skandalumwobensten der Schachgeschichte werden: „Toiletgate“ machte mehr Schlagzeilen als die Partien.

(wird fortgesetzt)

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