30 Jahre vor AlphaZero: Nachdenken über neuronale Schachmaschinen

„Schon 1988 ging es mir um neuronale Architektur, künstliche neuronale Netze, Musterkennung nach Menschenart, selbstständiges Lernen, assoziatives Gedächtnis und künstliche Intuition im Schach“, schreibt uns jetzt Dr. Reinhard Munzert, den Schachspieler in erster Linie als Autor des 1989 erstmals veröffentlichten und seitdem mehrfach neu aufgelegten Buchs „Schachpsychologie“ kennen. Seinerzeit waren neuronale Netze in erster Linie eine Idee, um Computern zum Beispiel die Gesichtserkennung zu erleichtern. Dass sich mit einer neuronalen Architektur auch ein künstlicher, gleichwohl dem Menschen naher Schachautomat schaffen lassen müsste, darüber dachte 1988 außer Reinhard Munzert wahrscheinlich niemand nach.

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Heute längst eingestellt, damals das heißeste Szeneblatt überhaupt.

Sein Nachdenken mündete in einen Beitrag in  Europas größter Fachzeitschrift für Computerschach, die Computerschach und Spiele: „Neuro-Schachcomputer – Spekulationen über zukünftige Generationen schachspielender Automaten“ hieß der Text Munzerts, der Mitte 1988 erschien. Wer den heute liest, glaubt kaum, dass er von 1988 stammt. „Dieser Artikel nahm einiges vorweg,  was DeepMind und Google/Alphabet Jahrzehnte später beeindruckend verwirklicht haben“, schreibt Munzert.

Ob das stimmt, kann jeder selbst nachschauen. Als 27 Jahre nach der Erstveröffentlichung erste Versuche mit Schach und neuronalen Netzen öffentlich wurden, erschien der Text erneut in dem ansonsten brach liegenden Blog, das der längst eingestellten „Computerschach und Spiele“ folgte.

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Bedeutendstes Schachbuch 2019, nicht nur für Computerexperten und Psychologen.

Im Zeitalter von AlphaZero und Leela hat nun endlich die Wirklichkeit Munzerts Vorstellungskraft eingeholt. Naturgemäß  ist der Diplom-Psychologe bestrebt, alles über AlphaZero und Leela zu lesen, das er irgendwie in die Finger bekommen kann, darunter Beiträge auf dieser Seite und natürlich das Buch Game Changer, das wir wegen seines schachlichen Gehalts schon als bedeutendstes Schachbuch des Jahres 2019 gepriesen haben, als das Jahr 2019 kaum begonnen hatte.

Munzert geht es eher darum, ob es in technischer Hinsicht so gekommen ist, wie er sich das 1988 ausgemalt hat. Ausgelesen hat er das Buch noch nicht, aber angelesen. Dann hat er innegehalten, die erste deutschsprachige Rezension zu Game Changer überhaupt verfasst und sie an eine deutschsprachige Schachseite seiner Wahl geschickt, diese.

Wir hoffen jetzt, dass er bald weiterliest und dann wieder schreibt. Derweil freuen wir uns, Dr. Reinhard Munzert als Gastautor das Wort zu überlassen:

Freund oder Spielverderber?

„Der mehrdeutige Buchtitel lässt Innovatives erwarten. Game Changer, deutsche Übersetzung laut Langenscheidt: bahnbrechende Neuerung.

Gemeint ist das Artificial System AlphaZero, das Schach, Go und Shogi beherrscht. Das System wird als „groundbreaking“ und „superhuman“  beschrieben und als „promise of artifical intellìgence“. Stolze Worte, da muss man dann auch liefern. Hauptlieferant ist DeepMind, British Artificial Intelligence Company, London. Gehört mittĺerweile zu Google bzw. Alphabet.

416 Seiten, reichlich Material für spielerische Gedanken, Provokationen des gesunden Schachverstandes oder eigene Grübeleien über AlphaZero: Beginn einer wunderbaren Freundschaft oder Spielverderber? Können künstliche neuronale Netze wirklich denken?

Außerdem gibts erstaunliche Züge und Partien, analysiert durch die beiden Autoren. Zudem erfrischende inhaltsvolle Interviews mit jungen herausragenden SuperhumanComputer-Verstehern sowie Ein- und Ausblicke von ihrem Chef Demis Hassabis mit schönen Sätzen, voller Optimismus. Im englischsprachigen Raum erhält das Buch bereits viel Lob.

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Munzert erhascht ein Autogramm von Anatoli Karpow. Foto entnommen seinem Buch „Schachpsychologie“.

Im Vorwort steht, man könne in  beliebiger Reihenfolge im Buch zu lesen anfangen und sich ein Thema ansehen. Mich interessieren am meisten die künstlichen neuronalen Netze für Schach. Vor 30 Jahren hatte ich die Existenz und Spielweise von Neuro-Schachcomputern mit neuronalen Netzen vorhergesehen und dafür die theoretischen Konzepte veröffentlicht (siehe unten) – als die Technik noch lange nicht vorhanden war!

Also, neuronale Netze – suche das Stichwortverzeichnis – aber ist keines vorhanden, auch kein Literatur- und Quellenverzeichnis. Seltsam.

Deshalb hier schon mal eine Empfehlung, vielleicht gibts ja bald eine zweite Auflage oder deutsche Übersetzung des Buchs: Bitte ein Stichwortverzeichnis sowie Literatur- und Quellenverzeichnis einfügen! Das verbessert die Lesbarkeit, Nützlichkeit und erhöht die Wissenschaftlichkeit.

Im Glossar steht lediglich (S. 411): „Neural Network:  A computersystem loosely modelled on the connections and neurons in the brain.“ Zu den neuronalen Netzen werde ich im Buch sicher noch Geistreiches finden. Jetzt mache ich mir erst mal eine englische Teemischung, spiele mit Vergnügen fehlerhaftes, altmodisches Menschenschach – danach lese und schreibe ich weiter.“

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