Explosive Post oder warum wir heute wieder nicht über Schach berichten

In der Theorie ist das Prinzip unserer Berichterstattung ganz einfach: Die „Perlen vom Bodensee“ dienen dem Schach, sonst nichts und niemandem. Wer das Schach voranbringt, der wird gepriesen, wer es meisterhaft spielt, der wird gefeiert. Wer Chancen für das Schach versemmelt, der sieht den erhobenen Zeigefinger, wer dem Schach schadet, der bekommt’s mit der Keule.

In der Praxis haben wir (in der Berichterstattung über die anstehende DSB-Wahl) neulich losgekeult, wo ein erhobener Zeigefinger ausgereicht hätte. Darum ergeht heute eine Entschuldigung an Ralf Niederhäuser. Der Schachpräsident von Nordrhein-Westfalen wird uns allseits als integrierender, auf Ausgleich bedachter Arbeiter für das Schach beschrieben. Nun war ihm seine Neujahrsansprache missglückt, sämtlichen seiner Mitstreiter fiel das nicht auf, dann stand sie im Netz und in der Rochade Europa, und der Schreiber dieser Zeilen wurde böse. Nur rechtfertigt das keine Ausfälle, die an Beleidigung grenzen.

Tut mir leid.

Das deutsche Schach bietet ja eine Menge Aufhänger, böse zu werden, allein den, dass die Schieflagen und Missstände drumherum ständig unsere zuletzt arg limitierte Schreibzeit fressen, so dass hier kaum noch über Schach berichtet wird. Heute zum Beispiel wäre ein Bericht über den Vorstoß der Baden-Baden Snowballs ins Finale der Pro Chess League Pflicht.

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Die Baden-Baden Snowballs stehen heute im Finale der Pro Chess League, und in Deutschland bekommt es niemand mit. „Öffentlichkeitsarbeit? Soll ich das etwa auch noch machen?“, fragte zu Recht Georg Meier, als wir ihn darauf angetweetet haben. Nein, soll er nicht. Dafür müsste sich in Baden-Baden eigentlich jemand finden lassen.

Bei der Gelegenheit könnten wir Georg Meier, Alexander Donchenko, Dimitrij Kollars und Inna Agrest feiern – und zugleich ein bisschen böse werden und loskeulen. Gegen das Schachzentrum Baden-Baden nämlich oder gegen Wolfgang Grenkes AG, die es beide nicht für nötig halten (oder nicht darauf gekommen sind?), den Siegeszug ihrer Schneebälle öffentlich zu begleiten. Die Folge: Eine deutsche Mannschaft mischt die weltweite Profiliga auf, und zu Hause merkt es keiner. Wieder eine Chance für das Schach versemmelt.

Unterlassungserklärung an Ossi Weiner

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(Musterfoto: crn.de)

Statt über das PCL-Finale berichten wir heute, seufz, über die anstehende Wahl beim DSB. In dieser Angelegenheit haben sich zuletzt virtuelle und materielle Briefkästen mit explosiver Post gefüllt. Der Reigen begann mit einem offenen Brief Ossi Weiners,  streitbarer Geschäftsführer der Wirtschaftsdienst GmbH des Schachbunds. Von dessen Ausführungen zum „Fall Jordan“ fühlte sich Ralf Chadt-Rausch, derzeit Finanzchef in NRW, zu Unrecht verurteilt und angegangen. Es folgte ein erboster Anruf Chadt-Rauschs bei unseren Freunden vom Schach-Ticker, dann ein blauer Brief: eine Unterlassungserklärung an Ossi Weiner, DSB-Geschäftsstelle, Berlin, der unter Strafandrohung nicht wiederholen soll, was er im offenen Brief kundgetan hat.

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Schatten-Finanzminister im Team Pfenning: Ralf Chadt-Rausch. (Foto: DSB)

Den offenen Brief Weiners mochte auch Uwe Pfenning so nicht stehen lassen. Pfenning, Badens Schachpräsident, kandidiert für das DSB-Präsidentenamt, Chadt-Rausch ist sein Schatten-Finanzminister. Der Badener konterte Weiners Schreiben mit einem eigenen offenen Brief, der die Dinge aus seiner Sicht darstellt. Ein weiteres Schreiben Pfennings landete – am Bodensee.

In unserer oft meinungsfreudigen Berichterstattung über den Kampf ums oberste deutsche Schachamt ist Pfenning bislang nicht gut weggekommen. Der Schreiber dieser Zeilen hält eher Ullrich Krause für den Kandidaten, der Chancen für das Schach zumindest sucht, und Pfenning für denjenigen, der lieber auf der Paragrafenebene tätig ist als an den Brettern.

Das ist freilich nur eine Meinung, die kann falsch sein. Würden wir Uwe Pfenning fragen, der hielte sie bestimmt für falsch. Und in einer Sache hat er bestimmt Recht: Pfennings Baden ist eines der, wenn nicht das Vorzeigeland des deutschen Schachs.

Zur Amateurmeisterschaft, zu seinen Beweggründen für seine Kandidatur und zu seiner Meinung über den Stil der Berichterstattung auf dieser Seite hat uns Pfenning einige Anmerkungen/Korrekturen geschickt, verbunden mit der Bitte, sie zu veröffentlichen.

Uwe Pfenning zur Deutschen Amateurmeisterschaft:

„Die Vertragsentwürfe wurden nicht von Ralph Chadt-Rausch und meiner Person verhandelt, sondern in der Zeit 2013-2015 von Michael Langer als Vizepräsident Finanzen. Diese Verträge scheiterten am Widerspruch des Arbeitskreises der Landesverbände.

Im Vordergrund bei der DSAM standen nämlich zuerst die steuerlichen Fragen, dass durch die Verzehrgutscheine und den Buchungszwang in das Vertragshotel die DSAM auch als Reiseunternehmen betrachtet werden konnte und damit dem Wirtschaftsrecht und entsprechenden Steuersätzen unterliegt. Damit wollte der DSB nichts oder wenig zu tun haben, weil hier vehemente Nachzahlungen drohen konnten und ggf. eine Eigenständigkeit der DSAM die bessere Lösung hätte sein können. Sie sehen, dass der DSB ein Eigeninteresse an der Selbständigkeit der DSAM haben musste. Die Zusatzverträge waren zu dieser Zeit gar kein Thema, zumal unbekannt. Der eigentliche Fehler von Dirk Jordan war m.E., dass er die Transparenz hierüber nicht schuf und damit moralisch  angreifbar wurde.

Während unserer Amtszeit von 2015-2017 wurden folgende Modelle zur Lösung der Steuerfragen bei der DSAM verhandelt. Generell sind wir in einem schwebenden Zivil- und Strafrechtsverfahren. Wir sollten Vorverurteilungen ebenso vermeiden wie die Verharmlosung des moralischen Schadens für das gesamte Ehrenamt im DSB, zumal dieses den Verband ja maßgeblich trägt.

  1. Die o.g. Verträge  abschließen und die DSAM damit vollkommen in den gemeinnützigen DSB zu integrieren und in dessen Wirtschaftsdienst GmbH (WD) auszulagern. Diese war zu dieser Zeit aber noch ehrenamtlich geführt und machte beständig ein Defizit und wurde aus ideellen Mitteln bezuschusst, was steuerlich ein weiteres Problem aufwirft und vom Finanzamt vehement kritisiert wurde. Heute wird die DSAM von der Geschäftsstelle verwaltet und Ossi Weiner ist hauptamtlicher GF der WD GmbH
  2. Die Auslagerung des gesamten Teams in einen externen Verein und das Abschließen eines Kooperationsvertrages zur DSAM mit diesem Verein
  3. Die Zahlung einer Pauschale für Aufwände der Geschäftsstelle für die Teilnahmebuchungen der DSAM.

Nur 3.) wurde in dieser Zeit gelöst. Alles andere blieb offen und fällt dem DSB nunmehr auf die Füße.“

Uwe Pfenning zu den Gründen seiner Kandidatur

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Uwe Pfenning. (Foto: B90/Grüne)

„Die  Begründung ihrerseits ist frei erfunden und vollkommen falsch! Nach dem katastrophalen Hauptausschuss  in Eisenach bestand zwischen verschiedenen LV Eintracht, dass es einer personellen Alternative  bedurfte. Hierfür war nach internen Absprachen zunächst Michael Langer der gemeinsame Kandidat, der aber aus persönlichen Gründen nicht wollte. Meine Kandidatur stand zu keinem Zeitpunkt im Kontext des DSAM-Vorgangs. Ich bin gerne bereit die Motive näher zu erläutern, wenn sie mir garantieren, dass diese fair und objektiv wiedergegeben werden.

In Kurzform: Baden ist in allen Bereichen der gegenwärtigen Defizite des DSB konzeptuell bestens aufgestellt (Frauenförderung, Leistungssport (sh. Schach-BL), Zusammenarbeit Jugend-Verband, Stil und Umgang bzgl. Teamarbeit statt Einzelgängertum, Regelung der Passivmitgliedschaften, Mitgliederwerbung und Vereinsförderung. Dies nur am Rande zu den gemeinsamen Erfolgen in Baden.“

„Falsch“ mag sein, „erfunden“ nicht. Zwei Quellen aus Pfennings Umfeld haben uns übereinstimmend beschrieben, wie er seine Kandidatur intern begründet. Aus Sicht dieser Seite besteht kein Anlass, daran zu zweifeln.

Uwe Pfenning zum Stil unserer Berichterstattung

Pfenning hält unsere Verbalkeule gegen den NRW-Schachpräsidenten für verfehlt und nicht angemessen. Stimmt, siehe oben.

Weiter führt er aus:

„Wie kommen sie darauf, dass ich als Politiker mit Intrigen usw. vertraut bin. Ist das ihr Stereotyp von Politik (s.o.) Dann sollten wir darüber sprechen. Zudem ist dieser Kontext im Schach meines Erachtens gänzlich fehl am Platz. Diese Konnotation ging wohl daneben.“

Spätestens wenn Listenplätze und Kandidaturen für Landtags- und Bundestagsmandate zur Debatte stehen, fahren in allen Parteien potenzielle Kandidaten die Ellenbogen aus, ringen um Mehrheiten und Unterstützung, und das bedeutet, gelegentlich Konkurrenten wegzubeißen. Das ist nichts Schlechtes. Wer an verantwortlicher Stelle Dinge bewegen will, der muss sich durchsetzen können. Es liegt nahe,  dass ein ehemaliger Kandidat für den Bundestag diese Fähigkeit in seinem Arsenal hat.

Wer Politik von der lokalen bis zur EU-Ebene begleitet, als Journalist wie als Öffentlichkeitsarbeiter für Parteien, der muss sich das nicht ausdenken, der erlebt das. Wäre ja schön, wenn diese Konnotation im Schach fehl am Platze wäre. Ist sie leider nicht. Das Schach ist durchsetzt mit ins Amt verliebten Funktionären, die sich für Schach kaum interessieren. Ein Riesenproblem, nicht nur bei uns übrigens, auch in anderen (Sport-)Verbänden.

Am Rande bemerkt, der Politik geht es, entgegen dem Klischee, in dieser Hinsicht besser als dem Schach. Die überwiegende Mehrzahl von Abgeordneten ist in erster Linie angetrieben von dem Willen,  Dinge zum Guten zu bewegen. Leider machen viele die Erfahrung, dass sie sich eher aufreiben, als Weichen zu stellen.

„Ganz heikel  finde ich es, wenn andere Schachfreunde mit Meinungen über meine Person zitiert werden. Das ist dunkelgrau als Metapher bzgl. eines offenen fairen Journalismus und sät im schlimmsten Fall Unfrieden im Verband. Wer hat wem was warum zu wem über was erzählt. Die Gerüchteküche lebt davon, aber meistens ist das daraus resultierende Gericht versalzen oder ungenießbar.“

Soll ich mir lieber etwas ausdenken, als Leute zu befragen und deren Aussagen zu zitieren? Und das auch noch mit dem Ziel „Unfrieden im Verband vermeiden“? Mit diesem Anliegen wenden Sie sich bitte an das offizielle Verbandsorgan.

Ein Kommentar zu „Explosive Post oder warum wir heute wieder nicht über Schach berichten

  1. Ich möchte aus gegebenem Anlass gerne klarstellen, dass ich (entgegen der Annahme von Conrad Schormann) keine Aufforderung zu einer Unterlassungserklärung erhalten habe. Zutreffend ist, dass ich die nachstehende Stellungnahme im Schach-Ticker veröffentlicht und dabei einige bedauerliche Missverständnisse richtig gestellt habe, so dass mit Herrn Ralf Chadt-Rausch keine diesbezüglichen Differenzen mehr bestehen.

    ______________________________________________

    Werter Schachfreund Pfenning,

    wer für ein wichtiges Amt in einem großen Sportverband kandidieren will, muss ein gewisses Maß an Kritik vertragen und sollte sich nicht wie ein beleidigter Oberlehrer verhalten, der sich herausnimmt, unliebsame Kritiker zu „rüffeln“. Auf Ihren aggressiven Tonfall und diverse wahrheitswidrige Unterstellungen möchte ich nicht eingehen, dies ist unter meinem Niveau.

    Der DSB Präsident Ullrich Krause hat mich dazu aufgefordert, einige meiner Aussagen richtig zu stellen, und dies möchte ich hiermit tun:

    1) Herr Chadt-Rausch und Sie waren nicht an der Initiative zu einem außergerichtlichen Vergleich mit Dr. Jordan Ende vergangenen Jahres beteiligt. Nach Ihren eigenen Angaben haben sie diese Initiative aber ausdrücklich begrüßt.

    2) Herr Chadt-Rausch und Sie waren in der Zeit zwischen 2013 und 2015 nicht an der Ausarbeitung von DSAM Verträgen beteiligt, welche allerdings auch nie zum Abschluss kamen.

    3) Herr Chadt-Rausch und Sie haben sich nicht der Untreue im Amt schuldig gemacht. Dies habe ich weder behauptet noch so gemeint, offenbar gab es hier ein gravierendes Missverständnis. Sollte Herr Chadt-Rausch meine Ausführungen falsch interpretiert haben, so möchte ich ihm gerne mein ausdrückliches Bedauern versichern.

    Ich werde jetzt keine öffentlichen Meinungsäußerungen über den laufenden Wahlkampf mehr tätigen, und insbesondere die drei erwähnten Aussagen nicht verbreiten. Zu den anderen Aussagen meines offenen Briefes stehe ich nach wie vor.

    An dieser Stelle eine wichtige Klarstellung meinerseits: Ich habe keinen Zugriff auf den Schriftwechsel der Anwälte und Gerichte in der Causa Jordan. Nach der Lektüre Ihres Elaborats bin ich aber nicht sicher, ob das Gleiche auch für Sie gilt, Herr Pfenning.

    Abschließend möchte ich Ihnen versichern, dass ich keinerlei persönliche Vorbehalte gegen Ihre Person als gebildeter Akademiker und passionierter Schachfreund habe. Auch erwarte ich von Ihnen keine Entschuldigung für Ihre verbalen Ausfälle gegenüber meiner Person.

    Ich stimme Ihnen zu, dass solche öffentlichen Diskussionen im Internet wenig Nutzen bringen. Gerne würde ich Sie daher in einem persönlichen Gespräch davon überzeugen, dass Sie mit Ihrer Kandidatur zum augenblicklichen Zeitpunkt weder dem Deutschen Schachbund noch sich selbst einen Gefallen tun, da Sie sich meines Erachtens in einem unauflöslichen Interessenkonflikt befinden. Warum warten Sie nicht einfach zwei Jahre ab, bis die ganze Prozesswelle vorbei ist, und kandidieren dann anschließend ohne jede Belastung?

    Denken Sie bitte sorgfältig darüber nach, Herr Pfenning, und treffen Sie eine weise Entscheidung.

    Mit freundlichen Schachgrüßen,
    Ossi Weiner

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