Aus der Traum: eine Ohrfeige aus Paris

Breakdance wird wahrscheinlich Teil der olympischen Sommerspiele 2024 in Paris ebenso wie Surfen, Klettern und Skateboarden. Schach ist raus, Squash auch, Billard auch. Das wurde jetzt klar, als das Pariser Organisationskomitee bekannt machte, welche Sportarten es dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) zur Aufnahme für die Spiele vorschlagen wird. Die FIDE-Kampagne in Sachen „Olympia 2024“ wird damit zum Rohrkrepierer, wenige Tage nachdem sie begonnen hat.

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FIDE-Chef Arkadi Dworkowitsch (Mitte, mit FIDE-Vize Bachar Kouatly, rechts) trifft sich fast im Wochentakt mit FIFA-Chef Gianni Infantino zum Kaffee. Die FIDE hält das jedes Mal für eine Nachricht und ihre Follower auf dem Laufenden, wann sich die beiden wieder begegnet sind. Das galt auch gestern nach dem Olympia-Aus, als eigentlich Wichtigeres zu verkünden gewesen wäre. (Foto: ruchess.ru)

Eigentlich hatte es so gut ausgesehen. Zwei Jahre lang pfiffen die Spatzen nicht nur an der Champs-Élysées von den Dächern, dass eSport dank seiner Marktmacht und Popularität nach den Asienspielen nun Olympia erobern würde, das vermeintlich perfekte Vehikel für Schach. Dazu der neue Mann an der Spitze des Weltschachs, international vernetzt und mit einem scheinbar goldenen Händchen ausgestattet. Es sah wirklich nicht nach der Ohrfeige aus, die sich die FIDE jetzt abgeholt hat.

Wer so gut vernetzt ist wie Arkadi Dworkowitsch, sollte der nicht vorhersehen können, wann in Paris entschieden wird? Und seine Kampagne zeitig beginnen, Anfang Dezember 2018 etwa, wie es Billard getan hat? Und dann: trommeln, Klinken putzen, bei Entscheidern Schach-Lobbyarbeit machen. Stattdessen läuft er ins Messer mit einer Kampagne, die die Olympia-Organisatoren keine zwei Wochen nach ihrem Auftakt abwürgen.

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Um ihre Website und ihre Social-Media-Kanäle professionell zu betreiben, hat die FIDE den Schachjournalisten Peter Doggers von chess.com ins Boot geholt. In Sachen Olympia führte diese Kooperation zu einer Gleichung, die keine ist. Wer zwei Stunden Schach spiele, verbrauche so viele Kalorien wie jemand, der acht Kilometer läuft, verbreitete die FIDE zum Auftakt ihrer Olympia-Kampagne. Wenigstens führt deren Scheitern nun dazu, dass uns solche Bildchen künftig erspart bleiben.

Zum ersten Rückschlag der neuen FIDE gehört auch die mediale Begleitmusik. Erst verbreitet die FIDE in Sachen Olympia ein Meme über den vermeintlichen Kalorienverbrauch beim Schach, das als Unsinn zu entlarven keines Sportmediziners bedarf. Als dann die Entscheidung gegen Schach gefallen ist, verbreitet sie – nichts. Während die Präsidenten etwa des Squash- oder Billard-Verbands unmittelbar „Kopf hoch, wir bleiben am Ball“-Botschaften verkündeten, ist am Tag der schlechten Nachricht bei der FIDE nur und zum wiederholten Male die Nicht-Nachricht zu lesen, dass sich Dworkowitsch erneut mit FIFA-Chef Gianni Infantino getroffen hat.

„Kopf hoch“ bei den Mitbewerbern, beim Schach – nichts

Einen Tag braucht die Welt-Schachorganisation, um zumindest per Twitter knapp zu verkünden, dass die eine Woche zuvor groß angekündigte Olympia-Kampagne schon beendet ist. Kein Wort auf der Website und vor allem keine ermunternde Botschaft, wie sie andere mit Schach um die Olympia-Teilnahme wetteifernde Sportverbände direkt nach der schlechten Nachricht unter ihren Aktiven verbreiteten. Kein „Kopf hoch“, kein „Wir bleiben dran“ und auch kein „Danke allen Mitstreitern für euer Engagement“.

Der vor der FIDE-Wahl im Anti-Dworkowitsch-Lager angesiedelte Deutsche Schachbund (DSB) hatte sich nun ausgerechnet dessen Olympia-Ambitionen ausgeguckt, um nach der Wahl erstmals ein internationales Signal im Sinne des neuen FIDE-Chefs zu senden, Unterstützung für dessen Kampagne nämlich. Nur brauchte der Tanker DSB neun Tage, um sich dafür zu entscheiden – und hatte wahrscheinlich keine Ressourcen frei, nebenbei internationale Sportnachrichten im Auge zu behalten.

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Eineinhalb Stunden, nachdem die BBC gemeldet hatte, dass die FIDE-Kampagne gescheitert ist, begann der Deutsche Schachbund, sie zu unterstützen.

Als am gestrigen Donnerstagnachmittag auf der DSB-Website und Facebook die deutschen Schachspieler der FIDE ihre Unterstützung verkündeten, hingen im FIDE-Hauptquartier schon die Köpfe. In Frankreich war die Entscheidung gegen Schach bei Olympia längst gefallen, und diese Entscheidung war auch schon öffentlich. Gegen 13 Uhr hatte die BBC gemeldet, Schach sei raus. Um 14.30 meldete sich der DSB und befeuerte die längst begrabene Olympia-Hoffnung. Die Ohrfeige aus Paris hatte nicht bis nach Berlin geschallt.

6 Kommentare zu „Aus der Traum: eine Ohrfeige aus Paris

    1. Hab auch null Rückmeldung bekommen seitdem, dachte aber, die machen wahrscheinlich erstmal die Website. Und ich meine mich zu erinnern, dass sich alle Beteiligten einig waren, dass die Website Priorität hat. Vorher bringt alles andere nix.

      Wenn ich Dich höre, dann siehts jetzt von hier aus eher aus, als habe der DSB die Strategie gewechselt. Anstatt Sachverstand reinzuholen, sponsern sie lieber Facebookbeiträge. Vielleicht funktioniert das ja auch 😉

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