Das bedeutendste Match aller Zeiten

Würde Bobby Fischer Magnus Carlsen schlagen? Die Debatte über den besten Spieler aller Zeiten flammt im Schachforum oder beim Vereinsabend immer wieder auf ebenso wie die Debatte über die beste Partie aller Zeiten. Kasparows Sieg 1999 in Wijk über Topalow oder eher Paul Morphys Opernhaus-Partie? Solche Debatten werden leicht derart hitzig, dass die Sprachschlamperei „aller Zeiten“ gar nicht auffällt.

Alle Zeit schließt die Zukunft mit ein. Da der Menschheit, wenn es gut läuft, noch ein paar Milliarden Jahre bevorstehen, können wir heute nicht wissen, wer der beste Schachspieler aller Zeiten ist. In aller Regel ist der „Beste jemals“ gemeint, wenn vom „Besten aller Zeiten“ die Rede ist.

Machen wir uns also der Schlamperei schuldig, wenn wir diesen Beitrag mit „Das bedeutendste Match aller Zeiten“ überschreiben?

Vielleicht. Wir wissen ja nicht, was noch kommt in den nächsten Milliarden Jahren. Andererseits ist es schwer vorstellbar, dass wir im Schach noch einmal eine Zeitenwende erleben, wie sie sich gerade im Superfinale der Computerschach-WM TCEC abspielt.

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Der Titel des Schachbuchs des Jahres 2019. Das Jahr läuft zwar noch ein paar Monate, aber es ist schwer vorstellbar, dass eine noch aufregendere Publikation als diese auf den Markt kommt: GM Matthew Sadler erklärt, was menschliche Schachspieler von AlphaZero lernen können

Leela spielt ein 100-Partien-Match gegen Stockfish 10, ein „Game Changer“. Zum ersten Mal hat sich mit AlphaZeros kleiner Schwester Leela ein neuronales Netz ins Finale gekämpft, und nun liegt Stockfish zum ersten Mal in einem Superfinale zurück. Entschieden ist gleichwohl noch nichts. Nach 56 Partien steht es 29:27, 44 Partien sind noch zu spielen.

Überraschend ist Leelas Führung allemal. Experten hatten noch nicht einmal damit gerechnet, dass sie sich trotz Houdini, trotz Komodo schon für dieses Superfinale qualifizieren würde. Nächstes Mal vielleicht, hieß es.

Dass die Google-Schachmaschine AlphaZero Schach noch einmal tiefer versteht als traditionelle Rechen- und Taktikmonster wie Stockfish, haben wir mehrfach beleuchtet, zuletzt in unserem Jahresrückblick. Die Spielstärke von Leela, dem AlphaZero für alle, nähert sich nun immer mehr der ihres großen Bruders an. Und damit kann sich jedermann, ordentliche Hardware vorausgesetzt, eine Schachmaschine der nächsten Generation ins Haus holen, und das nicht einmal eineinhalb Jahre, nachdem die Google-Tochter DeepMind ihr Projekt „AlphaZero“ öffentlich gemacht hat.

Wie einst Tal gegen Botwinik

Bedeutend ist dieses Match, weil es eine Zeitenwende markiert, und weil die Partien gehaltvoller sind, als es Partien auf 3.500-Elo-Level jemals waren. Beide Kontrahenten sind viel, viel besser als die besten menschlichen Meister, und das auf sehr unterschiedliche Weise.

Wie einst Tal gegen Botwinik: Beide repräsentieren grundsätzlich unterschiedliche Spielauffassungen. Und beide sind, obwohl sie sich in ihren Fachgebieten schon der Perfektion annähern, eben noch nicht so gut, dass sie nicht doch gelegentlich krachende Niederlagen erfahren.

Stockfish verliert in der Regel, weil Leela Schach besser versteht und strategische Konzepte anzubringen vermag, die den Horizont von Stockfish bei weitem überschreiten. Hier zum Beispiel:

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Stockfish zog …a5 und bewertete die Stellung als ausgeglichen. Leela jubilierte insgeheim, zog 1.g5 und bewertete die Stellung als gewonnen. Nach 1…hxg5 2.h4 gxh4 3.Dd2 gefolgt von e5, Dxf4 und so weiter spielt sich der weiße Angriff fast von alleine. Leela „fühlt“ so etwas, Stockfish kann es nicht berechnen.

Die vergleichsweise langsam rechnende Leela verliert entweder, weil sie überzieht und Gewinnmöglichkeiten sucht, wo keine mehr sind, und/oder taktische Möglichkeiten übersieht. Hier zum Beispiel:

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Mit 1.Kf1 wollte Leela den weißen Laden zusammenhalten und dachte, Weiß sollte einigen Vorteil haben. Stockfish jubilierte insgeheim, zog 1…Lxf2, und Schwarz stand auf Gewinn. Nach 2.Sxf2 Sd2+ 3.Sxd2 Txe1+ 4.Kxe1 Lc8+ würde Weiß entscheidende Material verlieren. Diese taktische Kleinigkeit (für Stockfish) hatte Leela übersehen.

Menschen können da nur zuschauen, staunen und hinterher in langwieriger Analyse nachvollziehen, welche übermenschlichen Manöver die Maschinen ausgeklügelt haben. Immerhin sind Menschen insofern beteiligt, dass sie den Kontrahenten Eröffnungsstellung vorgeben, von denen aus die Partie beginnt. In dieser Hinsicht hat der Computerschach-Veteran Jeroen Noomen ganze Arbeit geleistet.

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Computerschach-Guru Jeroen Noomen als Bediener einer Mephisto-Maschine 1990 im Duell mit Anatoli Karpow.

Komplexe Stellungen im Ungleichgewicht sollen die Maschinen spielen, in erster Linie solche, wie sie in der gegenwärtigen menschlichen Meisterpraxis auf dem Brett stehen, so dass das Match nicht nur attraktiv, sondern auch relevant für die Eröffnungstheorie ist. Obendrein steht der eine oder andere Exot zur Debatte. Zum Beispiel das nicht ganz vollwertige, aber giftige und gerade so spielbare Bellon-Gambit gegen Englisch (siehe Ende des verlinkten Beitrags) haben beide ein Mal mit Weiß, ein Mal mit Schwarz spielen müssen. Oder die Benoni-Variante, die Vincent Keymer seine zweite GM-Norm bescherte.

Das Match wird noch einige Tage laufen. Wir empfehlen dringend, gelegentlich reinzuschauen. Und wir hoffen auf ein wenig Freizeit für die Analyse, um die eine oder andere Partie an dieser Stelle näher beleuchten zu können 😉

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