Hätte er doch die Spannung gehalten

Da haben wir dem jungen Mann aus Villingen-Schwenningen Unrecht getan. „Bescheiden“ haben wir seinen Elo von gut 1.500 genannt, ohne zu würdigen, dass er überhaupt ein internationales Rating hat. Das hat er nämlich nur, weil er sich aus eigenem Antrieb regelmäßig von der Schachwüste Bodensee zur Schachoase in Baden-Baden begibt, um sich dort bei starken Jugendturnieren mit den Besten seines Jahrgangs zu messen.

Junge Schachspieler wie ihn sollte jeder Verein als Geschenk verstehen. Erfüllt mit Leidenschaft für unser Spiel, getrieben vom Ehrgeiz, darin besser zu werden. So jemand gehört an die Hand genommen, angeleitet und zu den Zielen geführt, die er sich vorstellt. Zum Beispiel mal ordentlich aufräumen unter den Jungstars in Baden-Baden, die zwar viel bessere Bedingungen haben, aber auch nur mit Wasser kochen.

Unseren Freunden vom Nachbarverein aus Villingen-Schwenningen ist dieses Geschenk in ihren Reihen nicht aufgefallen. Niemand kümmere sich, fast alles müsse er sich allein erarbeiten, klagte der junge Schachfreund jetzt – und stellte fest, dass ein Elo von 1.514 nach zwei Jahren, erreicht im Alleingang, so schlecht nun wirklich nicht ist.

Da hat er Recht. Nach zwei Jahren ohne fremde Hilfe ist Elo 1.514 sogar recht gut. Und darum geloben wir, uns demnächst höchstselbst nach Villingen-Schwenningen zu begeben und jeden 2.000+-Spieler, der uns dort begegnet, so lange in den Hintern zu treten, bis er verspricht, sich mit dem jungen Mann auf eine Reise über den Ozean der Schachstrategie zu begeben.

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Alexander Aljechin.

Taktisch ist er ja schon stark, wettkampferfahren auch, jetzt braucht er zumindest ein strategisches Fundament: Verstehen, warum La Bourdannais und Morphy ihrer Zeit voraus waren. Welche Grundlagen Steinitz und Tarrasch hinterlassen haben. Was die „Hypermodernen“ um Reti und Nimzowitsch davon hielten. Und wie Aljechin, der erste „moderne“ Weltmeister, von allen großen Vorgängern das jeweils Beste nahm und damit seine Zeitgenossen wie von gestern aussehen ließ.

Nach so einer Infusion von Grundwissen sollte fast von allein ein immer tieferes Verständnis dafür wachsen, worum es beim Schach eigentlich geht. Dann werden selbst Schlachtrosse wie unser Arno nicht mehr in der Lage sein, eine Partie wie die neulich vorgestellte zu retten. Und die Superstars in Baden-Baden müssten sich warm anziehen.

Allein ein paar praktische Tipps würden wahrscheinlich schon reichen, damit er künftig zumindest unserem Arno und anderen Leuten aus der Bodenseeliga am Schachbrett die Hosen strammzieht. Dieser Tipp zum Beispiel aus unserem Beitrag „Die Spannung halten“ hätte die nun folgende Partie gewonnen:

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Antwort 106

Julian Preuß – Arno Dirksen, Überlingen, Oktober 2018

Arnos Benkö-Gambit („Wolga-Gambit“ heißt 1.d4 Sf6 2.c4 c5.3.d5 b5 im deutschen Sprachraum eher, aber wir sind ja eine dem Angelsächsischen zugetane Seite) ist ordentlich nach hinten losgegangen.

Zwar hatte sich Arno an einen mehr als 30 Jahre alten Artikel über diese Eröffnung erinnert und wollte den Empfehlungen darin folgen, aber die ganz wesentliche Wolga-Idee war ihm nicht präsent: Nach 4.cxb5 a6 die a- und b-Linie zu öffnen, um dort und auf der langen Diagonalen (nach dem obligatorischen Fianchetto …g6 und …Lg7) den weißen Damenflügel unter Druck zu setzen, die typische Wolga-Kompensation für den Minusbauern.

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Arno spielte 4…Lb7?, und das ist gleich in zweierlei Hinsicht kontraproduktiv. Offene Linien am Damenflügel bekommt Schwarz so nicht, jetzt hat er einfach nur einen Bauern weniger. Außerdem steht der Läufer auf b7 wirkungslos herum, auf d5 beißt er auf Granit. Der weiße d5-Bauer gerät ja nicht unter Druck, sondern Weiß kann ihn bequem stabilisieren, auch wenn Schwarz per …e6 wie im Diagramm das weiße Zentrum unter Druck zu setzen versucht.

Weiß kann hier Lc4 oder spielen oder per Lg5 dafür sorgen,  dass sein Rammbock auf d5 sicher eingepflanzt bleibt, dem Weißen Raumvorteil sichert und den Lb7 kaltstellt.

Nur eines darf er nicht tun: ohne Not die Spannung auflösen. Das tun wir ja nur, siehe oben, wenn wir etwas dafür bekommen.

Weiß schlug auf e6, gab damit Einfluss im Zentrum preis, machte den Lb7 lebendig, und mit der Spannung war auch ein Teil seines Vorteils dahin.

Antwort 107

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Den weißfeldrigen Läufer des Schwarzen hat Weiß ohne Not wieder lebendig gemacht. Aber zumindest der Sb8 ist immer noch eine Leiche ohne potenzielles Entwicklungsfeld. Außerdem ist der Bauer auf b5 ein Freibauer, seitdem Schwarz …a6 gezogen hat. All das sollte so bleiben.

14.a4 ist eindeutig der beste Zug, der den immer noch signifikanten weißen Vorteil zumindest festhält. Zwar kann sich Schwarz danach per …d6 ein wenig befreien und seinen Sb8 ins Spiel bringen, aber ein Zug wie …d6 wird ihm die Struktur ruinieren: auf e6 und c5 findet Weiß fortan zwei Ziele, isolierte Bauern auf offenen Linien, die zur Schwäche neigen werden.

Eines darf Weiß gewiss nicht tun: ohne Not die Spannung auflösen. Das hilft wieder nur dem Schwarzen.

Weiß schlug auf a6, und wieder war mit der Spannung ein Teil seines Vorteils dahin.

Aber auch Schwarz bekleckerte sich im weiteren Verlauf nicht mit Ruhm. Er erlaubte dem Weißen sogar, sich eine Traumstellung zu erarbeiten, so gut, dass sich Weiß aussuchen konnte, wie er gewinnen will.

Antwort 108

Zeit ist beim Schach ein wichtiger Faktor, gelegentlich sogar der wichtigste. Eine Stellung kann derart auf der Schneide stehen, dass jedes Tempo zählt, um die eigenen Pläne voranzutreiben und die gegnerischen zu unterbinden.

„Der Preis für einen Zug ist hoch“, pflegen Schachmeister zu sagen, wenn die Lage derart kritisch ist.

Manchmal ist Zeit auch piepegal und der Preis für einen Zug klein. Zum Beispiel dann, wenn die Gegenseite keinerlei Gegenspiel hat, keinerlei aktive Möglichkeiten. So wie hier vor dem 29. Zug von Weiß.

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Schwarz ist, sorry Arno, wir müssen das so deutlich sagen, komplett im Eimer. Seine Schwerfiguren sind an die Verteidigung des rückständigen Bauern auf d7 gebunden, die Dame entfaltet keinerlei Wirkung ins weiße Lager, der Le7 macht gar nichts, während der viel stärkere und unangreifbare Sc4 die Stellung dominiert, und es sind für Schwarz keine aktiven Pläne, keine Hebel in Sicht.

Weil Schwarz im Schwitzkasten ist und nicht rauskommt, hat Weiß alle Zeit der Welt und mehrere Optionen.

Eine gute Idee wäre, den Freibauern auf der a-Linie bis nach a5 zu bringen. Ein Freibauer wird ja ohnehin immer stärker, je näher er der Verwandlung kommt. Auf a5, unterstützt vom Sc4, würde er den Schwarzen noch weiter einengen.

Eine andere gute Idee wäre, Spiel am Königsflügel zu organisieren. Sogar ein Bauernsturm mit dem Ziel, den Hebel f5 anzusetzen, ist möglich. Weil Schwarz eingeschnürt ist, könnte er kaum ausnutzen, dass Weiß den Bauernschutzwall vor seinem König auflöst. Aber auch Figurenspiel gegen den schwarzen König sieht verlockend aus. Zu allem Glück schreit die Weiße Stellung sogar noch nach Turmschwenks. Dg4, Td2-d3-g3 ist jetzt oder später eine Option.

Alle diese Möglichkeiten kann der Weiße sogar miteinander kombinieren. Schwarz steht nur da und muss zuschauen, wie Weiß ihn überspielt.

Was Weiß jetzt konkret zieht, ist fast egal. Weil Zeit kein Faktor ist und Schwarz ohnehin wehrlos, kann Weiß kann sogar gar nichts machen, 29.h2-h3 zum Beispiel, und sich erst später überlegen, in welcher Reihenfolge er wo vorgeht.

Nur eines darf Weiß nicht machen, nämlich den Zug den er gespielt hat: 29.Sd6??.

Der dominante Springer ist viel stärker als der Le7, hemmt die schwarze Schwäche d7 und unterstützt den weißen Trumpf auf der a-Linie bei dessen Vormarsch. Eigentlich sollte offensichtlich sein, dass wir niemals eine sehr starke für eine sehr schwache Figur hergeben.

Und hier kommt noch etwas dazu, die Remistendenz von Schwerfigurenendspielen. „Alle Turmendspiele sind remis“, hat einst unser Strategieberater Siegbert Tarrasch gesagt. Das war nicht ernst gemeint, aber ein wertvoller Hinweis für Schachschüler: Gerade in Schwerfigurenendspielen findet die verteidigende Seite oft rettende Ressourcen.

Weiß spielte 29.Sd6, Schwarz nahm den Gaul dankend heraus, und wenig später endete die Partie tatsächlich 1/2-1/2.

Null zu null wäre ein angemessenes Ergebnis gewesen.

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