Was ist eigentlich ein Rating?

Unseren neuen Schachfreund Tim haben wir nach seinem ersten Besuch beim Schachclub zu Lichess geschickt, um sich dort ein wenig auszuprobieren. Eine Woche später, als die ersten Partien gespielt und die ersten Taktikaufgaben gelöst waren, fragte Tim: „Was ist eigentlich ein Rating?“

Exzellente Frage, zielt sie doch auf den Kern dessen ab, worum es beim Schachtraining gehen sollte: besser werden.

Schachspieler haben es leichter als andere Wettkämpfer, sich ihrer steigenden Spielstärke zu vergewissern. Dafür gibt es das „Rating“ oder, auf Deutsch, die „Wertungszahl“. Steigt die Spielstärke, steigt das Rating. Stagniert sie, bleibt die Wertungszahl stehen.

Professor Elos Glockenkurve

Wer Schach trainiert, sich gar von einem Coach anleiten und begleiten lässt, der bekommt die Ergebnisse seines Trainings in Form einer Zahl serviert. Und er wird feststellen, dass er nach und nach immer bessere Gegner besiegen kann. Unsere Gegenspieler haben ja auch ein Rating, und das zeigt uns, ob auf der anderen Seite des Brettes ein Anfänger, ein Durchschnittsspieler oder ein Meister die Armee aus 16 Figuren führt.

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Eine Spielstärke-Glockenkurve, wie sie sich Professor Arpad Elo vorstellte. (Grafik: esreality.com)

Als sich Ende der 1950er-Jahre der amerikanische Physiker und Statistiker Arpad Elo eine „Glockenkurve“ vorstellte, war bald darauf die „Elo-Zahl“ geboren, die Mutter aller Ratings. Professor Elo ging davon aus, dass die Spielstärkeverteilung unter den Aktiven wie eine Glocke aussieht. Deren dicker Bauch repräsentiert die Masse aller Spieler vom Fortgeschrittenen bis zum ordentlichen Vereinsspieler. Die Ränder repräsentieren die kleinere Zahl der Anfänger auf der einen und der Schachmeister auf der anderen Seite.

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Professor Arpad Elo.

In seiner Vorstellung stellte Elo seine Glocke auf ein Koordinatensystem. Wer mit Schach beginnt, steht ganz links auf der x-Achse bei den Anfängern. Wer besser wird, rutscht weiter nach rechts in die Masse derjenigen, die ein bisschen spielen können. Wer noch besser wird, rutscht noch weiter nach rechts, durchquert den dicken Glockenbauch und landet dort, wo auf der y-Achse die Luft wieder dünn wird, weil es nur wenige Schachmeister bis an den rechten Rand der Glocke schaffen.

Schon 1960 führte der US-Schachverband USCF seine nationale Elo-Zahl ein. 1970 folgte der Weltschachbund FIDE, der sogleich anhand der Elo-Zahl eine erste Schach-Weltrangliste berechnete. Die kam gerade rechtzeitig, um anschaulich zu machen, dass ein Schachspieler weit über allen anderen stand. Lange blieb der Elo von 2.780 des damaligen Weltmeisters Bobby Fischer unerreicht.  Nach Fischer gelang es für ein Jahrzehnt nur dessen Nachfolger Anatoli Karpow, die Hürde von 2.700 zu überspringen. Fast 20 Jahre mussten vergehen, bis mit Garry Kasparow erstmals ein Schachspieler die 2.800 knackte.

Wo „Elo“ draufsteht, ist meistens auch „Glicko“ drin

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Professor Mark Glickman.

Viele andere Sportarten haben seitdem Elos Erfindung übernommen, um Spielstärke anhand von Zahlen darstellbar zu machen. Auch die Fußball-Weltrangliste basiert darauf.  Aber es hat sich gezeigt, dass Elos System nicht perfekt ist (unter anderem unterliegt es einer Inflation), und darum haben sich einige schlaue Leute daran gemacht, es zu verfeinern. Deren prominentester Vertreter heißt Mark Glickman, Statistikprofessor an der Universität Harvard. Auf Basis von Elos Überlegungen entwickelte Glickman das „Glicko-System“, das mit einigen Schwächen des Elo-Systems aufräumt.

Unter anderem stellte Glicko fest, dass eine Wertungszahl niemals genau die gegenwärtige Spielstärke angibt, sondern sich dieser stets nur annähert. Kinder und Jugendliche werden oft rasant besser, bei alten Säcken passiert das eher nicht. Also stellte Glicko sicher, dass die Zahl sich schneller ändern kann, je wahrscheinlicher es ist, dass die aktuelle Wertungszahl nicht mit der Wirklichkeit mitgehalten hat. Glickos Änderungen haben das System besser gemacht, und darum ist heute meistens auch „Glicko“ drin, wo immer noch „Elo“ draufsteht.

Bodenseeliga und Bundesliga

Wer in Deutschland Schach spielt, für den sind zwei Wertungszahlen relevant: die deutsche Wertungszahl (DWZ) und die Elo-Zahl des Weltschachbunds. Letztere bekommt ein Spieler nur, wenn er international ausgewertete Turniere oder Mannschaftskämpfe in hohen Ligen spielt. Die Patzerliga am Bodensee zum Beispiel zählt lediglich für die DWZ, die Bundesliga auch für den Elo.

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Das Rating gibt Schachspielern unbestechlich Auskunft über ihre Spielstärke – und es birgt die stete Gefahr, zum Fetisch zu werden. Mancher junge Schachspieler kann besser DWZ berechnen als gute von schlechten Läufern unterscheiden. Schachfreund Müller kann letzteres auf jeden Fall: 2.183 – das ist meisterlich und allemal ein Anlass, morgens um 7 der Welt per Facebook den neuen Highscore mitzuteilen.

Wer weiß, wie die Figuren ziehen, und ansonsten nichts, der dürfte etwa eine DWZ von 600 haben, das untere Ende des Leistungsspektrums. Eine Wertungszahl von 600 bis etwa 1.000 deckt das Spektrum der Anfänger ab. Oberhalb von 1.000 sind die Spieler schon ein wenig fortgeschritten, und wir nähern uns dem Bereich der schwachen Vereinsspieler. Der durchschnittliche Vereinsspieler in Deutschland ist mit etwa 1.550 bewertet. Oberhalb von 2.000 nähern wir uns den oberen fünf Prozent der Vereinsspieler und dem unteren Ende schachlicher Meisterschaft. Wer es weiter schafft, bis 2.500 gar, der hat gute Chancen, den Großmeistertitel zu erwerben, den höchsten Titel im internationalen Schach. Etwa 1.600 Schachspieler weltweit dürfen sich „Großmeister“ (GM) nennen.

Wer nun die Rangliste von Vereinen durchschaut, der wird häufig Schachspieler sehen, deren DWZ zum Beispiel bei 1.850 liegt, der Elo aber bei 2.000. Und auf Lichess beim 15-Minuten-Schach mag so ein Spieler gar mit einem Rating von 2.200 unterwegs sein. Wie ist das möglich?

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Caruana vor Carlsen: die Top 10 der DWZ-Liste. Bei Weltklassegroßmeistern unterscheiden sich Elo und DWZ kaum. Im schachlichen Mittelbau liegt der Elo meist 50 bis 100 Punkte über der nationalen Wertungszahl aus Deutschland.

Alle drei Zahlen werden zwar mit fast derselben Methode ausgerechnet, aber sie basieren auf Partien, die in voneinander unabhängigen „Rating-Pools“ gespielt worden sind. Auf Lichess etwa treiben sich tausende Gelegenheitsschachspieler herum, die Konkurrenz ist vergleichsweise schwach, die Zahlen höher. Das deutsche Vereinsschach auf der anderen Seite ist vergleichsweise stark und frei von Anfängern, darum sind die deutschen Zahlen im internationalen Vergleich eher niedrig.

Lichess-Rating minus 300 gleich DWZ – in etwa

Schlechte Nachricht für unsere neuen Schachfreunde Maxim und Oli, von denen auf dieser Seite gelegentlich die Rede ist. Beide trainieren seit Monaten eifrig, beide haben beim 15-Minuten-Schach auf Lichess einen bemerkenswerten Aufstieg hingelegt, und beide werden schon Anfang 2019 die 1.400-Marke knacken. Aber wer von seinem Lichess-Rating auf die DWZ schließen will, der muss von ersterem leider etwa 300 Punkte abziehen.

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Olis Aufstieg der vergangenen Monate. Beim 15-Minuten-Schach auf Lichess ist er schon in den oberen 60 Prozent angekommen. Beim Vereinsschach arbeiten wir noch daran.

1.100 DWZ für Maxim und Oli, das käme in etwa hin. Anfänger längst nicht mehr, und doch noch am Anfang des Weges. Ende der Saison 18/19 wissen wir Genaueres, dann bekommen beide ihre erste DWZ. Und die wird wahrscheinlich bei Erscheinen schon der Wirklichkeit hinterherhinken, weil die beiden Jungs ja rasant besser werden.

Zum Glück hat Professor Glickman dafür gesorgt, dass die Zahl sich bald diesem rasanten Aufstieg anpasst.

4 Kommentare zu „Was ist eigentlich ein Rating?

  1. Leider kann ich Ihre Regel mit den lichess Rating – 300 = DMZ nicht bestätigten. Aus statistischen Gründen ist es nur eine Behauptung. Ich glaube Ihnen diese Formel, wenn Sie sie mir statistisch über alle Spielstärkebereichen+ nachweisen. Wenn Sie das nicht können, ist es nur eine Behauptung. Sie mag in Spezialfällen, wie bei Anfängern zutreffen, aber halt nicht über alle Rating-Bereiche. Da ich viel gegen befreundete Klubspieler aus dem Bodenseegebiet auf lichess Spiele, kann ich gut das Lichess-Rating mit dem DMZ-Rating vergleichen und kann Ihnen nur mitteilen, dass Ihre Regel Humbug ist. Manchmal ist das liChess-Rating darüber manchmal darunter. Falls es Ihnen möglich ist, belegen Sie bitte Ihre Aussage durch eine aussagekräftige Statisik, wenn nicht ist die Behauptung in Deutschland ist es durchschnittlich wärmer als am Südol ebenfalls richtig 😉

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  2. Bei lichess gab es schon einige Näherungsformeln, in der bei lichess überhöhte Ratings gegen FIDE-Elo als Näherung rauskamen, sagen wir mal 150. Und da bei vielen die Elo höher ist als die DWZ passt das schon. Vielleicht nicht 300 sondern nur die Hälfte aber eher wie nicht.

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  3. Meine Kinder haben klassisch (15+15) bei Lichess etwa 1400-1450, ihre erste DWZ, die sie jetzt erhielten liegt bei etwa 850.
    Also eine klare Abweichung von den genannten 300 Punkten. Ich halte sie auch für stärker als 850 DWZ, vermute aber trotzdem, dass es in den unteren Bereichen stärkere Abweichungen gibt als in den höheren.

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