Ausbruch der Bullet-Seuche in Villingen-Schwenningen: Wir haben die Medizin!

Von wegen „Willingen“. Hinsichtlich unseres Nachbarvereins aus Villingen-Schwenningen mussten wir erst einmal lernen, wie man deren Heimatort ausspricht: mit scharfem „V“ nämlich. Nach einigen Monaten der sprachlichen Akklimatisierung am Bodensee ist diese phonetische Hürde nun genommen, und wir können uns ganz auf das Schach in Villingen-Schwenningen fokussieren, der Stadt, in der einst Aljechin und Bogoljubow um den Weltmeistertitel rangen.

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Einst haben sie in Villingen-Schwenningen auf dem Münsterplatz Partien mit lebendigen Figuren ausgetragen. Heute müssen sie rund um den Münsterplatz erst einmal die Bullet-Seuche eindämmen und zwecks Bekämpfung der Ahnungslosigkeit die guten Spieler aus ihrem Elfenbeinturm zerren, um wieder zu einstiger Größe aufzusteigen. (Foto: Stadtarchiv)

Bemerkenswerter als das Schach in Überlingen ist das in Villingen-Schwenningen bis heute allemal. Der Verein ist mehr als doppelt so groß und hat Dutzende Jugendliche in seinen Reihen. Die heben sich von unseren ab, weil sie Schach tatsächlich als Wettkampfsport betreiben, etwas, womit wir gerade erst und ganz bescheiden begonnen haben. In Villingen-Schwenningen haben einige junge Leute sogar eine Elo-Zahl, also ein Rating, das der Spieler nur bekommt, wenn er international ausgewertete Turniere spielt. Boah.

Der Verdacht liegt nahe, dass sich dort jemand kümmert?!

Von zumindest einem dieser Jugendlichen aus Villingen-Schwenningen wissen wir, dass er gelegentlich auf dieser Seite vorbeischaut, weil er nämlich vor einigen Monaten begonnen hat, dem Lichess-Account der „Perlen vom Bodensee“ zu folgen. Natürlich haben wir umgekehrt sofort geschaut, was der junge Mann hinsichtlich seines schachlichen Fortkommens anstellt. Anfangs hat uns das begeistert: „Jeden Tag ein paar Minuten Taktik“ – in Villingen-Schwenningen wird umgesetzt, was wir in Überlingen viel zu oft vergeblich predigen.

Wer nicht ab und zu nachdenkt, wird nicht besser

Es stimmt ja auch. Allein regelmäßiges Taktiktraining in Verbindung mit regelmäßiger Praxis reicht aus, um ein respektabler Spieler zu werden. Aber das Beispiel aus Villingen-Schwenningen zeigt, dass wir den Begriff „Praxis“ spezifizieren sollten: Partien mit längerer Bedenkzeit sind gemeint, mindestens zehn Minuten pro Partie, eher mehr. Wer sich nicht zwingt, gelegentlich nachzudenken, wird keinen Trainingseffekt erzielen.

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Zwei typische Trainingstage unseres jungen Schachfreunds aus Villingen-Schwenningen: Jeden Tag ein paar Minuten Taktik – das ist gut. Jeden Tag Bullet – das ist nicht gut.

Der junge Mann aus Villingen-Schwenningen ist leider ein Opfer der Bullet-Seuche. Er spielt zwar fast täglich Schach, aber eben „Bullet“, Partien mit einer Minute Bedenkzeit. Das macht zwar unheimlich viel Spaß, ist ein netter Zeitvertreib, bringt aber der Spielstärke nichts, weil beim Ein-Minuten-Schach für Nachdenken keine Zeit bleibt. Beim Bullet geht es allein darum, anhand im Hirnkasten gespeicherter Muster schnell einen Zug nach dem anderen abzufeuern.

Wenn wir uns die Rangliste des Vereins aus Villingen-Schwenningen anschauen, sehen wir den einen oder starken Spieler, dessen Rating nahelegt, dass er sich im Leben schon über Taktiktraining hinaus mit Schach beschäftigt hat. Wenn wir uns dann die Partien des jungen Mannes aus diesem Verein anschauen, stellen wir fest, dass in Villingen-Schwenningen keiner dieser Spieler bereit zu sein scheint, den jungen Leuten zumindest ein paar fundamentale Grundlagen mit auf den Weg zu geben.

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Ab und zu Nachhilfe von einem guten Spieler, dazu ein bisschen Strategielektüre für Anfänger, und die drei unten aufgeführten Fehler wären dem jungen Schachfreund aus Villingen-Schwenningen eher nicht passiert. Und sein Elo würde nicht bei bescheidenen 1.500 stagnieren.

Taktiktraining im stillen Kämmerlein ist gut, aber taktische Klasse allein wird den Schachspieler an eine natürliche Grenze führen, die sich nur mit ein wenig Wissen und strategischem Verständnis überqueren lässt. Um das zu vermitteln, gibt es in Schachvereinen gute Spieler, die gelegentlich beim Jugendtraining reinschauen, den jungen Leuten ein paar Basics impfen, und diejenigen individuell fördern, die es wirklich wissen wollen (und im Idealfall neben dem Ehrgeiz noch ein wenig Talent mitbringen).

Die Jungs aus Villingen-Schwenningen haben zum Glück eine Alternative, zumindest dann, wenn sie auf die Senioren des Nachbarvereins aus Überlingen treffen. In solchen Fällen schaut nämlich das Schachblog des Nachbarvereins genau hin und leistet ein wenig Nachbarschaftshilfe, mit der sich Bullet-Seuche und Ahnungslosigkeit zumindest lindern lassen.

Und darum gucken wir heute aus Villinger (was ist der Genitiv von Villingen-Schwenningen?) Perspektive an, was neulich passierte, als deren Bullet-Jungspung auf unseren etwa fünf Mal so alten Veteranen traf:

Julian Preuß – Arno Dirksen, Überlingen, Oktober 2018

Frage 106

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7 Züge gespielt, und der gute Arno hat die Eröffnung schon komplett versemmelt. Weiß hat, über seinen Mehrbauern hinaus, riesigen Vorteil.

Warum?

Per 7…e6 knappert Schwarz das weiße Zentrum an.

Was sollte Weiß tun, um seinen Vorteil festzuhalten?

Leichter wäre zu beantworten, was Weiß keinesfalls tun sollte, nämlich das, was er gespielt hat. Weiß entschied sich für 8.dxe6?, ein Zug, der in erster Linie dem Schwarzen hilft.

Was ist an 8.dxe6 so schlecht?

Frage 107

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13 Züge gespielt, es ist nicht mehr ganz so dramatisch, aber Weiß steht immer noch deutlich besser.

Warum?

Was sollte Weiß tun, um seinen Vorteil festzuhalten?

Auch hier wäre leichter zu beantworten, was Weiß keinesfalls tun sollte, nämlich das, was er gespielt hat. Weiß entschied sich für 14.bxa6?, ein Zug, der in erster Linie dem Schwarzen hilft.

Was ist an 14.bxa6 so schlecht?

Frage 108

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28 Züge gespielt, und die Waagschale hat sich wieder zugunsten des Weißen geneigt: Mehrbauer, Druck auf der d-Linie…und mehr.

Was spricht noch für Weiß?

Was sollte Weiß tun, um seinen Vorteil festzuhalten?

Und wieder wäre leichter zu beantworten, was Weiß keinesfalls tun sollte, nämlich das, was er gespielt hat. Vielleicht weil das Loch auf d6 so verlockend aussah, entschied sich Weiß für 29.Sd6?, ein Zug, der in erster Linie dem Schwarzen hilft.

Was ist an 29.Sd6 so schlecht?


Die Antworten zum Beitrag über Nimzowitsch und die Zentralisierung:

Michael Bär – Lucas Czasch, Überlingen, Dezember 2018

Antwort 104

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Klarer Fall: Zentralisieren.

1.Dd4 ist der naheliegende und natürliche Zug, der die weiße Dame zur dominierenden Figur auf dem Brett macht. Weiß muss noch austüfteln, dass der Zug taktisch funktioniert (e4 hängt nicht wirklich, a3 auch nicht), und dann kann er ihn ausführen, ohne lange Alternativen zu prüfen.

Antwort 105

zentralisierung lucas2.png

Klarer Fall: Zentralisieren.

1…De5 ist der naheliegende und natürliche Zug, der betont, dass sich Weiß ohne Not schwarzfeldrige Schwächen eingehandelt und versäumt hat, seinerseits die Dame zu zentralisieren. Weiß wird es jetzt viel schwerer haben, eine Bauernlawine in Gang zu setzen.

Ein Kommentar zu „Ausbruch der Bullet-Seuche in Villingen-Schwenningen: Wir haben die Medizin!

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