„Bin nicht mehr der dominierende Spieler“: Magnus Carlsen im Interview

Magnus Carlsens Regentschaft bedeutet für das Schach in vielerlei Hinsicht eine Trendwende. Nie hat sich ein Weltmeister als Marke etabliert, nie war ein Weltmeister derart zugänglich und transparent. Das hat mit dem Umstand zu tun, dass Magnus Carlsen mit Sozialen Medien und Schach-Streaming aufgewachsen ist – und mit seiner Persönlichkeit. Interviewern, die er schätzt, antwortet Carlsen mit brutaler Ehrlichkeit.

Nicht nur hinsichtlich Vermarktung und Medienpräsenz, auch beim Schach selbst bricht Carlsen mit Traditionen. Kein Weltmeister vor ihm hätte ernsthaft am klassischen Schach gerüttelt und gefordert, den WM-Titel in 48 Schnellpartien auszuspielen. Genau das tat der Norweger jetzt auf chess24 im Gespräch mit seinem Freund und Sekundanten Jan Gustafsson. Und er ließ offen, ob er 2020 zur Titelverteidigung antritt. Die klassischen Partien 2018 hätten ihn gelangweilt, sagt Carlsen.

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Beschäftigen Dich die Debatten übers Format des WM-Matches?

Natürlich. So wie es ist, finde ich es nicht ideal. Aber bevor wir über das Format reden, sollten wir Einigkeit schaffen, was das Ziel einer Schach-WM ist, wofür der Weltmeister stehen soll. Wenn der Weltmeister der beste Schachspieler der Welt sein soll, dann sollte der Titel alle Schachformate umfassen. Speziell Schnellschach und in einem gewissen Maße auch Blitz sind reguläre Spielarten des Schachs – und in mancher Hinsicht bessere Spielarten als das klassische Schach.

Wenn es nach Dir ginge, nach welchem Format würde die WM gespielt?

Es würde so bleiben, aber statt einer klassischen Partie würden wir jeden Tag vier Schnellpartien spielen. Wer das Mini-Match gewinnt, bekommt den Punkt. Ein solches Format favorisiere ich schon seit langem. 15+10 wie bei der Schnellschach-WM wäre dafür eine gute Zeitkontrolle.

Keine klassischen Partien?

Wenn Du herausfinden willst, wer der beste Spieler ist, dann lass die Kontrahenten so viele Partien wie möglich spielen. Das Rapid-Format würde weiterhin Raum lassen für Vorbereitung, Eröffnungsideen und so weiter, es den Spielern aber schwerer machen, Schwächen zu verbergen, Fehler zu vermeiden. So ein Match wäre aufregender als das jetzige, und die Zuschauer bekämen ein besseres Bild davon, wer ihr Weltmeister ist.

Zwei Jahre bis zum nächsten WM-Match. Wirst Du antreten, unabhängig vom Format?

Das werden wir  sehen. Als Teil meines Teams weiß Du, dass wir diesen running gag hatten, ob ich überhaupt zum Match 2018 antrete…

…ich dachte, die Wahrscheinlichkeit dafür sei sehr hoch. Warum sonst würdest Du wochenlang mit uns rumhängen…

…ja, stimmt schon, aber das Match war für lange Zeit nicht fix. Dennoch, London 2018 war eine gute Erfahrung. Nervlich habe ich mich viel stabiler gefühlt als zwei Jahre zuvor in New York, das war besser. Trotzdem, WM-Matches, so wie sie sind, sind einfach nicht meine Lieblingsveranstaltungen.

Wo wir bei den Nerven sind: Hast Du nachts schlafen können?

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Magnus Carlsen, wie ihn der Karikaturist Frank Stiefel sieht. Der „Mozart des Schachs“ macht jetzt tatsächlich Musik, aber solche, die dem guten Wolfgang Amadeus eher nicht gefallen würde. In den kommenden Tagen erscheint in Norwegen ein Rap-Titel des Schachweltmeisters.

Auch ein positiver Aspekt dieses Matches: Ich habe gut geschlafen, zumindest vor den Partien. Vor den Ruhetagen fiel mir das Einschlafen schwerer, aber das war eher eine Frage der Disziplin. Wenn ich weiß, dass ich am nächsten Tag nicht spielen muss, dann ist es nicht so leicht einzusehen, warum ich früh schlafen sollte. Ich habe dann für ausgefüllte Ruhetage gesorgt, an deren Ende ich müde ins Bett falle. So war ich an Spieltagen stets fit. Am Tag vor dem Tiebreak zum Beispiel war ich ziemlich kaputt. Aber dann habe ich Fußball gespielt, eine Massage genossen, gut gegessen, und am Tag danach ging es mir wunderbar. Ich habe mich so frisch gefühlt wie zu keinem anderen Zeitpunkt während des Matches.

Wirkt die Fußballverletzung noch nach?

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„Keine große Sache“: Magnus Carlsen mit blauem Auge.

Nein. Das war keine große Sache. Ich hab‘ auch beim Fußball nach dem Zusammenprall weitergespielt. Ich hatte Glück, der andere Kerl auch, wir hätten uns beim Zusammenprall unserer Schädel ernsthaft verletzen können. Im Match habe ich danach zwar nicht toll gespielt, aber längst nicht so schlecht, dass das auf eine Gehirnerschütterung hindeuten würde.

Hattest Du während des Matches das Gefühl, dass die Angelegenheit schief gehen könnte, dass Du wackelst? So wie gegen Karjakin: Am Anfang will er partout nicht verlieren, und in der sechsten Partie spielt er dann sogar Siegchancen für sich heraus.

Partie sechs war eine Wende in gewisser Weise. In der ersten Partie habe ich eine große Chance ausgelassen, und danach hatte ich erst einmal den Eindruck, als sei ich klar der bessere Spieler und würde das Ding schon schaukeln. Aber irgendwann stellte sich das Gefühl ein, dass diese Chance in der ersten Partie schon die größte Chance des Matches gewesen sein könnte. Speziell nach der kritischen sechsten Partie legte sich mein Optimismus ein wenig. In Partie sieben hatte ich gar nichts, das passte ins Bild.

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„Partie acht zu überleben, war riesig“: Hätte Caruana hier 24.Dh5 statt 24.h3 gespielt, der Champion hätte womöglich nicht überlebt.

Dann kam Partie acht. Die zu überleben, war eine Riesensache, danach bin ich mit einem sehr guten Gefühl in die neunte Partie gegangen. Und in der habe ich ja sogar, das einzige Mal im Match, mit Weiß meine Vorbereitung aufs Brett bekommen. Die Sache mit den ungleichfarbigen Läufern war zwar nicht ganz so ergiebig, wie ich gedacht hatte, aber ich hatte Chancen – die ich dann mit einem ungeduldigen Zug weggeschmissen habe. Nach der neunten Partie hatte ich mehr oder weniger die Hoffnung aufgegeben, das Match während der regulären Partien für mich zu entscheiden. Klar, ich hab‘ es zwar in der elften Partie noch einmal versucht, aber es war nun einmal extrem schwierig, Chancen zu bekommen. Eine kleine Überraschung, und plötzlich hast Du nichts mehr.

Haben Dich die Schwarz-Partien besorgt, nachdem Fabiano vom Rossolimo zum ambitionierteren 7.Sd5 gewechselt ist?

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„Schwarz spielt auf Matt. Was die weißen Ziele sind, ist nicht so klar“: Selbst in Partie zehn war Magnus Carlsen nicht übermäßig besorgt. Und das zu Recht. Hier strauchelte Caruana mit 19.Ta3, und fortan hatte Schwarz greifbare Chancen.

Eher nicht, weil diese Stellungen für Weiß so schwierig zu spielen sind. Schwarz spielt auf Matt, fertig, das ist einfacher. Diese Schwarzpartien fühlten sich für mich an, als würde ich einen sehr guten Königsinder spielen. Den spiele ich zwar nicht oft, aber wenn, dann geht mir das leicht von der Hand. Wenn Du weißt, dass Du auf der einen Hälfte des Brettes verloren bist, dann musst Du halt auf der anderen Hälfte mattsetzen. Schwarz hat nichts zu verlieren in solchen Stellungen, das empfinde ich auf eine Weise als erfrischend. In Partie 10 zum Beispiel war mir klar, dass er sein Setup vorbereitet hatte, wahrscheinlich etwas besser stand, aber ich hatte ein klares Ziel: den weißen König. Was sein Ziel ist, das war nicht so klar. Hinterher habe ich verstanden, dass diese Sichtweise objektiv ein wenig oberflächlich ist, weil Weiß viel mehr Ressourcen hat, als ich dachte. Aber letztlich war auch in dieser Partie er derjenige, der recht früh fehlgegriffen hat, und danach hatte vor allem ich Chancen.

Lange Rede, kurzer Sinn, ich war nicht besorgt, weil sich nach meinem Geschmack diese Stellungen für Schwarz leichter spielen. Außerdem habe ich in meiner gesamten Karriere gut gegen Fabi ausgesehen, wenn die Stellung kompliziert war.

Dann der Tiebreak. Mit welcher Attitüde bist du den Tag der Entscheidung angegangen?

Erleichterung. Erst einmal war ich glücklich, überhaupt so weit gekommen zu sein. Das klassische Schach bis dahin hatte mich gelangweilt, nun wollte ich Spaß haben. Und ich war mir recht sicher, dass ich gewinnen würde, wenn ich mich gut fühle. Nicht frei von Zweifeln zwar, aber mein Selbstvertrauen hat diese Zweifel klar dominiert. Als ich dann noch in der ersten Partie Weiß bekam, war ich glücklich. Das gab mir eine gute Chance, als Erster zuzuschlagen, und wenn mir das gelänge, würde ich wahrscheinlich das Match gewinnen.

Glaubst Du auch, dass Fabiano im Schnellschach deutlich schwächer ist als im klassischen Schach, oder wird dieser Aspekt seines Spiels womöglich überbetont?

Der Unterschied ist nicht so groß, wie viele behaupten, aber natürlich fällt er im Schnellschach gegenüber Partien mit langer Bedenkzeit ab. Fabiano pflegt einen sehr anspruchsvollen Stil, und der lässt sich nicht so leicht auf Schnellpartien übertragen. Wenn sehr viel auf dem Spiel steht, kann er sicherlich sein Level ein wenig anheben, auch wenn ihm das in London nicht gelungen ist. Seine teilweise desaströsen Ergebnisse bei Hybrid-Veranstaltungen wie der Grand Chess Tour führe ich eher darauf zurück, dass ihm Schnellschach bei solchen Turnieren nicht so wichtig ist.

Wertet es Deinen Weltmeistertitel ab, dass Du ihn im Tiebreak gewonnen hat?

Schon ein bisschen. Im klassischen Schach spiele ich seit so langer Zeit so schlecht, da muss ich kleinere Brötchen backen. Den Weltmeistertitel nehme ich so, wie ich ihn bekommen kann. Ich bin nicht mehr der dominierende Spieler im klassischen Schach…

…aber die Nummer eins!

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„In diesen Elite-Zirkel einzubrechen, ist sehr schwierig“: die Top 10 der Live-Weltrangliste. Carlsen hofft auf neue Gesichter, glaubt aber, dass eher die üblichen Verdächtigen um den Herausforderer-Spot 2020 kämpfen werden.

Gerade so. Es ist ja kaum zu fassen, wie viel Glück ich hatte, um tatsächlich die Nummer eins der Welt zu bleiben. Versteh‘ mich nicht falsch, ich halte mich nach wie vor für den besten Schachspieler der Welt. Aber wenn Du mehr oder weniger mit anderen auf einer Stufe stehst, Dich nur ein ganz wenig abhebst, dann brauchst Du halt Glück, um durchgehend auf dem ersten Platz der Weltrangliste zu stehen.

Wer von diesen anderen wird sich im nächsten WM-Zyklus durchsetzen?

Schwer zu sagen. Sich zwei Mal zu qualifizieren, ist sehr schwierig, das ist nicht vielen gelungen. Ich weiß es wirklich nicht. Ich weiß ja nicht einmal, welches Format die WM haben wird, ob ich antrete oder wer sich für das Kandidatenturnier qualifiziert. Allein sich fürs Kandidatenturnier zu qualifizieren, ist extrem schwierig, so lange Du nicht durchgehend ein sehr hohes Rating hältst, mit dem Du sicher ins Turnier kommst. Wer der nächste Herausforderer wird, ist absolut offen im Moment. Weil Fabi ein bisschen besser ist als die anderen, dürfte er leichter Favorit sein, aber wetten würde ich darauf nicht.

Und Ding Liren, der jetzt 100 Partien unbesiegt blieb?

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Den Weltmeister im Visier: „Ding Liren muss sich erst noch beweisen“, sagt Carlsen. (Foto: Niki Riga)

Ich mag Ding, ein großartiger Schachspieler. Andererseits hatte ich eine Menge Spaß mit ihm bei unserem kleinen Match in St. Louis. Klar, seine Ergebnisse zuletzt sprechen für sich, aber Ding würde wahrscheinlich zustimmen, dass er in den absoluten Top-Turnieren noch nicht bewiesen hat, dass er zum kleinen Kreis der Elite gehört. Im Kandidatenturnier hat er zwar gezeigt, dass gegen die anderen auf Augenhöhe kämpfen kann, aber mehr als das bislang nicht. Bestimmt ist er gierig auf mehr, aber ob er das schafft? Wir werden es sehen. Ich bin erst einmal skeptisch, bis er das Gegenteil beweist.

Wie sieht es aus mit Spielern, die noch nicht in den Top 10 sind? Vielleicht ein iranischer oder chinesischer Youngster?

Binnen zwei Jahren kann natürlich eine Menge passieren. Aber für mich sieht es eher so aus, dass wir im Kandidatenturnier 2020 vor allem Leute sehen werden, die auch 2014, 2016 und 2018 dabei waren. In diesen Elite-Zirkel einzubrechen, ist alles andere als einfach. Gleichwohl fände ich es aufregend, wenn das jemandem gelänge. Neue Gesichter tun dem Schach gut.

3 Kommentare zu „„Bin nicht mehr der dominierende Spieler“: Magnus Carlsen im Interview

  1. Danke für die gelungene Zusammenfassung des Interviews. Die gefällt mir tatsächlich viel besser, als die auf Chess24; auch deshalb, weil sie mit passenden Bildern/Diagrammen/Stellungen unterlegt ist und die Antworten von Carlsen nicht so auf dem Zusammenhang gerissen sind, wie das in einigen Fällen bei Chess24 der Fall ist. Kurzum, der Beitrag ist viel besser aufbereitet.

    Die schonungslose Offenheit von Magnus Carlsen schätze ich auch sehr. Dabei ist er auch ehrlich zu sich selbst und für einen Schachspieler ungewöhnlich selbstkritisch. Daneben geht er respektvoll mit dem unterlegenden Caruana um und findet auch hier nur ehrliche und anerkennende Worte. Nichts von ihm wirkt dabei gekünstelt oder gestellt. So ist Carlsen eben. Mir hat das immer schon gut gefallen, wenn Carlsen seinen Emotionen freien Lauf gelassen hat und seinen Ärger und Frust eben nicht – wie so viele andere Spieler – in sich hinein gefressen hat.

    Das ist auch eine Art von Offenheit. So war Carlsen ja schon als Kind. Die hervorragende Doku über Carlsen zeigt das sehr schön. Die Partie, als er mit 13 Jahren gegen den großen Kasparov gespielt hat zum Beispiel. Er schaut sich gelangweilt um, steht auf, trinkt etwas, schaut wieder gelangweilt durch die Gegend; herrlich ehrlich. Und die Doku zeigt auch sehr schön, wie wichtig Carlsen Freunde und Familie sind; vor allem Vater und Schwester und auch wie harmonisch es bei den Carlsen zugeht. Vater Henrik scheint mehr als nur Vater zu sein, sondern auch Freund und Ratgeber.

    Es wäre natürlich wirklich schade, wenn Carlsen mit dem Profischach aufhören würde. Ein großer Verlust für das Schach, keine Frage. Kaum ein anderer vor ihm hat Schach so populär gemacht. Aber wer kann es ihm verdenken, wenn er aufhören sollte? Carlsen hat alles erreicht, was man erreichen kann. Mehrfacher Weltmeister im klassischen Schach, Blitz- und Schnellschachweltmeister, seit Jahren die Nummer 1, höchste je gemessene ELO … Wo sind denn da bitteschön neue Ziele und Herausforderungen?

    Das ihn die klassischen Partien gelangweilt haben, ist zwar bemerkenswert. Wenn man aber sieht, wie aktiv Carlsen außerhalb des Schachs unterwegs ist, dann ist das weniger verwunderlich. Fußball, Basketball, Rap-Musik und vor allem Freunde. Schach ist nicht das Einzige, was Carlsen interessiert. Und auch das zeichnet Carlsen aus. Er ist vielfältig. Es gibt dreht sich eben nicht alles nur um Schach wie bei vielen anderen Schachprofis.

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