Respekt, Magnus!

Fabiano Caruanas Aufgabe anzusehen, zerriss dem Beobachter fast das Herz. Fast drei Wochen hatte er den Weltmeister auf Augenhöhe bekämpft, um dann im Tiebreak mit leichter Hand vom Brett gefegt zu werden. Wenige Minuten später auf der Pressekonferenz kämpfte Caruana wieder, mit den Tränen dieses Mal – und fand doch ausschließlich anerkennende Worte für seinen großen Gegner. Was für ein Sportsmann.

Schach ist das unbarmherzigste aller Spiele. Der Weg nach oben ist hart, ein jahrelanger zehrender Aufstieg, den viele angehen, aber nur alle zwei Jahre kommt einer durch. Und wenn der dann am Ende des Weges kurz vor dem Gipfel steht, wartet ganz oben ein norwegischer Endgegner, der neben seiner Klasse auch die Routine erworben hat, um selbst gleichwertigen Widersachern den letzten Schritt zu verwehren.

Fürs Kandidatenturnier 2020 qualifiziert

Ja, gleichwertig. Nachdem Magnus Carlsen schon vor dem Match angedeutet hatte, in Fabiano Caruana einen würdigen potenziellen Nachfolger zu sehen, bediente er sich nach dem Match dieses Begriffes: gleichwertig. Carlsen erwartet, dass Fabiano Caruana den Aufstieg von neuem angeht und sich womöglich schon 2020, sei es in Wien, Oslo oder Saint Louis, zu einem weiteren WM-Match stellt.

Allemal ist der Weg zum Gipfel für Fabiano Caruana dieses Mal kürzer als zuvor. Für das Kandidatenturnier 2020 ist er als Herausforderer bereits qualifiziert. Nach heutigem Stand dürfte in zwei Jahren in erster Linie der Chinese Ding Liren derjenige sein, der Caruana auf dem Weg zum WM-Match 2020 im Wege steht. Aber wer weiß. Zwei Jahre sind mittlerweile auch im Schach eine lange Zeit.

Schauen wir erst einmal zurück auf das WM-Match 2018.

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Weltmeister Magnus Carlsen, wie Willum Morsch ihn sieht.

Respekt

Als Schachspieler ist Michail Tal kaum erwähnenswert. Das Endspiel beherrschte er zwar nicht wie Magnus Carlsen, aber doch einigermaßen gediegen. Ansonsten war Tal ein Zocker, der das Glück hatte, zeitlebens gegen armselige Hanswürste zu spielen, die nicht wussten, wie man sich beim Schach verteidigt.

Emanuel Lasker, oje. Tal konnte wenigstens Endspiele, Lasker überragte in keiner Partiephase. Feige war er noch dazu: Dem Vergleich mit den Besten seiner Zeit ging er konsequent aus dem Weg. Wer ausschließlich WM-Matches gegen zweitklassige Taugenichtse spielt, der bleibt halt 20 Jahre und länger Weltmeister.

Merkt Ihr was?

Technisch, theoretisch, pragmatisch

Das Wettkampfschach des 21. Jahrhunderts ist nicht romantisch, sondern vom Pragmatismus der Kontrahenten bestimmt, nicht erst seit November 2018. Schach ist technischer und theoretischer geworden. Und viel, viel präziser, hochklassiger.

Wer die besten Spieler der Welt dafür kritisiert, dass ihre Partien gegen ihresgleichen zu selten „schön“ sind, dass ihnen der Mut fehlt, der Siegeswille gar, der übersieht, dass beim Wettkampf um den höchsten Titel Schönheit kein Faktor ist und unkalkulierbares Risiko unverantwortlich.

Wie objektiv schlecht Tal, Lasker und andere Schach gespielt haben (auch im Vergleich mit Carlsen oder Caruana, erst Recht im Vergleich mit Maschinen), ist seinerzeit niemandem aufgefallen, weil damals nicht jeder Hinz und Kunz auf seine Engine gucken konnte. Ahnungslosigkeit und Meinungsstärke haben die Menschen wahrscheinlich früher schon kombiniert, aber konnten damit in Ermangelung Sozialer Medien allenfalls ihr direktes Umfeld belästigen.

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Das Blog „modeanalytics“ hat Stockfish die Fehlerquote vergangener WM-Matches ausrechnen lassen. Siehe da, das Match Carlsen-Caruana war das beste in der langen Geschichte der Schachweltmeisterschaften jemals gespielte.

„Dumme Meinungen“

Wozu die Kombination von Engines für alle und Sozialen Medien führt, war während des gesamten Matches und insbesondere direkt nach der zwölften Partie zu sehen. Nicht einmal respektable Schachmeister widerstanden der Versuchung, den erstbesten Gedanken in die Welt herauszuposaunen. Kasparows und Kramniks Kritik an Carlsens Remisangebot war mehr als überzogen.

„Die beiden haben natürlich ein Recht auf ihre dumme Meinung“, erklärte Carlsen grinsend, nachdem er das Match so gewonnen hatte, wie es sein Matchplan vorsah. Diesem Plan treu zu bleiben, einen gleichwertigen Herausforderer auf Distanz zu halten, ohne sich vom Gequatsche der Beobachter über Mut und Siegeswillen ablenken zu lassen, ist eine gewaltige zusätzliche Leistung, die Weltmeister früherer Generationen nicht erbringen mussten.

Jedes Mal, wenn die Engine-Bewertung schwankte, wussten es überall auf der Welt unzählige Leute besser als die beiden besten Spieler des Planeten. In Partie 10 zum Beispiel sprang die Engine im Turmendspiel nach einem Zug Carlsens um eine Bauerneinheit von 0 auf 1, von ausgeglichen auf signifikaten Vorteil für Caruana.

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„Plus 1“, sagt die Engine. Dass das Endspiel trivial remis ist, sagt sie nicht.

Aufregung im Internet, ein Missgeschick des Weltmeisters? Nein, er hatte schlicht einen Bauern gegeben, um in ein Turmendspiel mit 2 versus 3 Bauern auf einem Flügel abzuwickeln. Dieses Endspiel war so klar remis, dass Caruana nicht einmal versuchte, es zu gewinnen.

Sogar Veranstalter WorldChess reihte sich bei seiner vermeintlich letzten Weltmeisterschaft in die Schar der ahnungslosen Lautsprecher ein. Caruana habe einen Bauern eingestellt, stand nach der elften Partie in der offiziellen Pressemitteilung. Hatte er natürlich nicht, sondern wie Carlsen in der Partie zuvor in ein Endspiel mit Minusbauer abgewickelt, das sich leicht würde halten lassen. Nur lassen sich solche Begleitumstände nicht aus dem Bewertungsfenster der Engine ablesen.

Gewinner und Verlierer

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Daniel King.

Die Gewinnerin der WM haben wir längst gekürt. Ein zweiter Gewinner sollte ebenfalls erwähnt werden. Großmeister und Schach-Erklärer Daniel King machte als Moderator der Pressekonferenzen einen souveränen und um einige Klassen besseren Job als jede andere, die WorldChess bislang damit betraut hatte. Obendrein produzierte King reihenweise Youtube-Häppchen, die gleichermaßen verdaulich wie substanziell-kompetent waren. Diesen stets schwierigen Spagat vollbringen wenige Schach-Berichterstatter unfallfrei, King absolviert ihn mit Leichtigkeit.

Verlierer der WM ist der Kollege aus dem Frühstücksfernsehen im Bild unten rechts. Wir haben jetzt keine Zeit, seinen Namen und seinen Sender zu ermitteln, aber wollen zumindest die Respektlosigkeit dieses Mannes gegenüber den Zuschauern und dem Gast im Studio festhalten. Sein Name wird eh bald in Vergessenheit geraten.

Wer über ein Thema berichtet und sich dazu einen Gast einlädt, der sollte zumindest rudimentär recherchiert haben, um dem Gast einigermaßen herausfordernde, vielleicht sogar originelle Fragen stellen zu können. Und er sollte seinem Gast und den Zuschauern zumindest das Gefühl geben, dass er sich für das zu besprechende Thema interessiert. Der Kollege aus dem Frühstücksfernsehen wusste nicht einmal, wer sich in London zum WM-Match gegenübersitzt.

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DSB-Präsident Ullrich Krause (links) hatte sich aus dem Bett gequält, um sich mit dem Kollegen vom Frühstücksfernsehen vor die Kamera zu stellen. (Screenshot: Chessbase)

Die Medien

Dieser frühmorgendliche Schachbeitrag war allerdings der einzige Totalausfall. Während auf den Social-Media-Kanälen die Schachfreunde dilettierten lamentierten, wie sehr doch diese Serie von Unentschieden der öffentlichen Wahrnehmung unseres geliebten Spiels schade, überboten sich die schreibende und Bewegtbilder aussendende Zunft mit Schachberichten. Gefühlt ist seit Jahren, Jahrzehnten womöglich, nicht so viel über Schach berichtet worden.

In der FAZ hielten Stefan Löffler und Doc Hübner das Fort, beim Spiegel tickerte Georgios Souleidis, bei der Zeit erzählte Ulrich Stock auf bewährte anschauliche Weise Schachpartien für Nichtschachspieler, und Eurosport schickte einen pfiffigen Schach-Clip nach dem anderen über den Äther.

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Stefan Kindermann und sein Demobrett.

Die Süddeutsche Zeitung kreierte derweil einen wunderbaren Anachronismus, indem sie nach jeder Partie Stefan Kindermann mit seiner 90er-Jahre-Frisur vor ein Demobrett aus den 80er-Jahren stellte und die Partie erklären ließ. Großartig!

Dieser Ansatz der SZ steht dafür, was Schach für die Allgemeinheit so interessant macht: Es ist tiefgründig, langsam, abwägend und der genaue Gegensatz zum gehetzten Scrollen und Weiterklicken, dem der moderne Mensch mehr und mehr erliegt. Zwölf Remis am Stück empfindet der kaum schachkundige Beobachter eher als bemerkenswertes Phänomen denn als langweilig.

Marco Baldauf hat das als Antwort auf eine krasse Fehleinschätzung des indischen GMs Vidit besser auf den Punkt gebracht, als wir es könnten, darum sei er hier zitiert:

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Der Modus

„Armageddon“. Auf kein Wort aus dem Schach-WM-Begriffsfundus sind die Medien mehr abgefahren als dieses. Niemand störte sich daran, dass ein Sportmatch zwischen zwei gleichwertigen Gegnern mit einem Tiebreak endet, und dass dieser Tiebreak im Armageddon gipfelt.

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Ist ja auch in anderen Sportarten so. Beim Fußball gibt’s das Elfmeterschießen, das hat mit Fußball nichts zu tun, entscheidet aber das Match, potenziell sogar darüber, wer Weltmeister wird. Beim Tennis haben sie einen Tiebreak, beim Volleyball und unzähligen anderen Sportarten. Und beim Schach eben auch.

Für die öffentliche Wahrnehmung war der Modus perfekt. Erst diese seltsamen Unentschieden, die dafür standen, dass hier zwei gleichwertige Geistesgrößen einander intensiv bekämpfen und doch neutralisieren. Dann der Showdown zwischen diesen beiden, mit dem der gemächliche Geisteswettstreit mit einem Mal martialisch und dramatisch wurde.

Ist nur schade, dass wir jetzt zwei Jahre bis aufs nächste WM-Match warten müssen.

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3 Kommentare zu „Respekt, Magnus!

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