Warum, Magnus?

Der König ist müde.

Die Krone zu verteidigen, sei schwieriger, als sie zu erobern, sagte Magnus Carlsen vor der WM im norwegischen Podcast „Sjakksnakk“ („Schachgespräch“), in dem er mit Freunden offener über das anstehende Match sprach als in jedem anderen Interview. Die Nummer eins zu sein, sei zum essenziellen Teil seiner Persönlichkeit geworden, und das zehre an seiner Kraft.

Weil diese Last ihn drückt, findet Magnus Carlsen partout nicht zu der Leichtigkeit zurück, die ihn ganz nach oben trug. Der „Flow“, der ihm einst zuflog und reihenweise Siege bescherte, ist plötzlich weg, kommt nicht zurück und lässt sich schon gar nicht erzwingen.

Ellen Carlsen: „Gut möglich, dass Magnus bald zurücktritt.“

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Dem Weltmeister weht der Wind ins Gesicht. Und es fehlt ihm zunehmend die Willenskraft, sich dagegen zu stemmen.

In London antwortete Carlsen auf die Frage nach seinem Lieblingsspieler: „Ich vor drei oder vier Jahren.“ Das Publikum verstand als Scherz, was Carlsen ernst meinte. Was der Weltmeister zuvor der norwegischen Öffentlichkeit anvertraut hatte, passt zu dieser Aussage: „Ich weiß ja, dass ich so gut bin wie vor ein paar Jahren, wenn nicht besser. Aber ich spiele nicht so gut, ich finde den Flow nicht, obwohl ich es immer wieder versuche. Und das nagt an mir.“

Magnus‘ Schwester Ellen ging noch weiter, als sie wenig später in eben diesem Podcast das Schaffen ihres berühmten Bruders beleuchtete: „Ich glaube, dass Magnus sich insgeheim wünscht, sich von der Bürde zu befreien, die Nummer eins zu sein und diese Position in Titelmatches verteidigen zu müssen.“ Auch Magnus‘ Schwester glaubt, dass der Titel so sehr an der Substanz ihres Bruders zehrt, dass dieser bald die Brocken hinschmeißen könnte.

Carlsen sieht Caruana als potenziell würdigen Nachfolger

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Ellen Carlsen. (Foto: Twitter)

Einen Rücktritt Magnus Carlsens vom Schach hält Ellen Carlsen für sehr gut möglich. Ob befristet oder für immer, das ließ sie offen, deutete aber an, dass dieser Rücktritt schon sehr bald passieren könnte. Dann nämlich, wenn Fabiano Caruana das WM-Match gewinnt. Den US-Amerikaner sehe Magnus als potenziell würdigen Nachfolger, was eine Niederlage leichter erträglich machen würde.

Diese Einschätzung seiner Schwester bestätigte Magnus Carlsen nach der ominösen zwölften Matchpartie. Mit einem 6:6 nach der regulären Distanz könne er leben, sagte der Weltmeister. „Ich habe keine Partie verloren, und das gegen einen extrem starken Gegner.“ Verglichen mit Visvanathan Anand, dem er einst den Titel entriss, und Sergej Karjakin, gegen den er ihn verteidigte, sei Caruana klar derjenige, der ihm am wenigsten Möglichkeiten gebe. „Fabiano ist sehr, sehr gut.“

Der Anfang vom Ende?

Kein Wort darüber, wie fokussiert er nun darauf ist, diesen hartnäckigen Gegner im Tiebreak zu besiegen, ausschließlich Anerkennung für den Gegenspieler. Ein Indiz? Der Anfang vom Ende?

Es waren ja einige Fragen offen nach dieser zwölften Partie, in der Magnus Carlsen Fabiano Caruana ein Remis anbot, das dieser nicht ablehnen konnte. Warum, Magnus? Die Fans ergingen sich sogleich in Spekulationen, anstatt dem Weltmeister zuzuhören. Magnus Carlsen neigt ja zur Ehrlichkeit, und was er nach dieser Partie zu sagen hatte, das klingt plausibel, speziell für einen müden Weltmeister.

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Der Champion und ein potenziell würdiger Nachfolger. Nicht nur im Licht der Ereignisse von Montag erscheint der Ausgang des Tiebreaks offener denn je. (Illustrationen: Willum Morsch)

Er sei nicht in der Verfassung gewesen, die Möglichkeit 29…La4 mit ihren verlockenden Konsequenzen zu finden, erklärte Magnus. Ein Indiz, dass das Match Kraft gekostet hat, und auch eines, dass er vor der Partie ein neuerliches Unentschieden als erstrebenswertes Resultat eingeordnet hatte. Eigentlich war in dieser letzten Partie Fabiano Caruana derjenige gewesen, der ziellos driftet, ganz so wie in der ersten, in der Carlsen einen klaren, frühzeitigen Knockout verpasste.

Keine Energie

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„Ich war nicht in der Verfassung, 29…La4 zu finden“, sagte Carlsen nach der Partie. Stattdessen zog er 29…a4, und danach ist die weiße Stellung zwar verdächtig, aber erst einmal intakt und verteidigungsfähig.

Schachspieler spüren, wenn es auf der anderen Seite des Brettes nicht recht läuft. Aber Magnus vermochte daraus nicht die Kraft zu ziehen, um sich für den finalen und entscheidenden Kraftakt des Matches aufzuraffen. Stattdessen fühlte auch er sich niedergestreckt, als nach dem weniger kräftigen …a4 die weiße Dame auf b4 auftauchte und mit einem Mal die weiße Stellung zwar schwierig, aber intakt und verteidigungsfähig erschien. Das war dem Weltmeister entgangen, als er …a4 spielte. An dieser Stelle hätte Carlsen von neuem anlaufen müssen, noch einmal über die Distanz gehen, um die Entscheidung zu suchen, und die dafür notwendige Energie fand er nicht in sich.

Also bot er remis an.

Der Umstand, dass der im Blitzschach unwiderstehliche Magnus Carlsen als Favorit in den Tiebreak geht, bleibt bestehen. Aber er präsentiert sich nach dieser Vorstellung und im Kontext seiner potenziellen Titelmüdigkeit in einem anderen Licht. Das Ergebnis zumindest der Schnellpartien erscheint nun offener als zuvor.

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