PR-Probleme am Mississippi: Maulkorberlass, vorauseilender Gehorsam und ein irrlichternder Milliardär

Stellen wir uns vor, der Vorstandsvorsitzende des Rüstungskonzerns Diehl Defence würde mit weit geöffneter Schatulle beim Schachclub Überlingen vorstellig, um eine Zusammenarbeit auszuloten. Der Mann findet keine Fachkräfte, das Image seiner Firma ist im Eimer, und nun soll ihm Schach helfen, diese beiden Probleme zu beheben. Schlaue Idee, aber würden die Schachspieler seine Kohle nehmen? Wollen sie sich von einem Konzern unterstützen lassen, dessen Produkte Menschen töten?

Bei der Firma Wiesenhof töten sie keine Menschen, aber Hühner, und das bereitet Freunden von Werder Bremen Bauchschmerzen. Um ihr Image zu reparieren, nutzt die Firma den Fußball- und Schachclub aus der Hansestadt mit seinem respektabel Schach spielenden Aufsichtsratsvorsitzenden als Vehikel. 7,5 Millionen Euro pro Jahr nehmen die Bremer gerne, aber sie müssen stets befürchten, dass der nächste Legehennen- und Kükenschredder-Skandal ihr Image in dem Maße verdunkelt, wie sich das des Sponsors dank der Verbindung zum freundlichen Verein aus dem Norden aufhellt.

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7,5 Millionen Euro pro Jahr nehmen sie gerne. Trotzdem ist bei weitem nicht jeder Bremer glücklich über die Verbindung des SV Werder und seines respektabel Schach spielenden Aufsichtsratsvorsitzenden Marco Bode mit der Firma Wiesenhof.

Beim Schachzentrum Saint Louis haben sie auch einen Sponsor, und dessen Wirken ist im wesentlichen von einer Idee bestimmt: Die Steuern müssen weg. Wer auch findet, dass speziell die Einkommenssteuer abgeschafft gehört, den unterstützt Rex Sinquefield mit Macht, unabhängig davon, wofür er oder sie noch steht. Wer für die Todesstrafe ist, die Schusswaffen-Lobby NRA für eine ehrenwerte Organisation oder den Klimawandel für eine Erfindung hält, der darf trotzdem auf Unterstützung aus Saint Louis hoffen, so lange nur das Steuerprogramm auf Sinquefield-Linie ist.

Mit der Dollargießkanne durch Missouri

Donald Trump ist das exponierteste Beispiel dafür. Dessen Präsidentschaftskandidatur unterstützte Sinquefield, weil Trump seiner Auffassung nach das beste Steuerprogramm hat, auch wenn er ansonsten nicht die hellste Kerze auf der Torte ist, das sagt Sinquefield nicht so deutlich, aber ganz offen.

Abseits von gelegentlichen Ausflügen in die nationale Politik wandelt Sinquefield vor allem mit der Dollargießkanne durch seinen Heimatstaat Missouri, um sich dort den Einfluss zu kaufen, der nötig ist, damit seine Idee zumindest auf Landesebene Wirklichkeit wird. Davon erhofft sich der 74-Jährige einen Dominoeffekt. „Tyrannosaurus Rex der Landespolitik“ nennen sie ihn auf der anderen Seite des großen Teichs.

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So sieht das Magazin Politico den Tyrannosaurus Rex der Landespolitik von Missouri.

„Elefant im Porzellanladen“ wäre auch ein treffender Titel, speziell beim Schach, wo er gelegentlich mit mindestens unbedachten Äußerungen auffällt. Damit brachte er neulich sogar seine persönliche Schachlehrerin in Erklärungsnot. Die stark frauenbewegte Jennifer Shahade verdankt Rex Sinquefield den Moderatorensitz bei den Schachsendungen aus St. Louis. Nun musste sie sich dort vor laufender Kamera anhören, wie Sinquefield erst seinen Kanal als besten der Welt anpries (was er gewiss nicht ist) und danach das Moderatorenduo auf dem offiziellen WM-Kanal als „Judit Polgar und irgendeine Blondine“ abtat. Shahade traute sich nicht, ihm ins Wort zu fallen, versprach aber, diese Angelegenheit noch einmal unter vier Augen mit ihrem Gönner zu besprechen.

Irgendeine Blondine?

Der als „Worldchess“ auftretenden Schachfirma Agon lässt sich vieles vorwerfen, gewiss nicht die Moderation ihrer Schachsendungen. Judit Polgar sprüht nur so vor Ideen, bricht sie für Schach-Neulinge herunter und bewältigt zugleich den Spagat, die Sendungen für Fortgeschrittene interessant zu halten. Das gelingt ihr auch wegen Anna Rudolf an ihrer Seite, besagte Blondine, die sich längst zu einer Größe im Geschäft gemausert hat.

Rudolf moderiert, fragt, bezieht das Publikum ein und lässt in erster Linie Polgar glänzen. Im Prinzip macht sie genau das, was dem Kanal in St. Louis fehlt. Dort kämpfen die Moderatoren vor allem um Redezeit zwischen den Rubriken, anstatt ihre Mitstreiter glänzen zu lassen.

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Judit Polgar (rechts) und Anna Rudolf, die Rex Sinquefield jetzt als „irgendeine Blondine“ bezeichnete und feststellte, dass seine Shows natürlich viel besser sind als diejenigen dieser beiden. Was nicht stimmt. Etwas später rief Sinquefield Anna Rudolf an und entschuldigte sich für die despektierliche Bezeichnung. (Foto: Daniel King)

Sinquefields verbaler Fehltritt passt ins Bild, das seine Leute zuletzt gezeichnet haben. In der jüngeren Vergangenheit sind die Schachfreunde aus Saint Louis mehrfach unangenehm aufgefallen, so dass sich der Eindruck aufdrängt, am Mississipi fehle ein Berater, der der Schachtruppe unabhängig von ihrem irrlichternden Gönner ein modernes und offenes Image verpasst, vielleicht noch ein wenig Medienkompetenz dazu.

Als der Shitstorm losbrach: die Agadmator-Affäre

Ein missratenes Promo-Video vor ein paar Monaten, das witzig sein sollte, aber in erster Linie die Gebotes des Fairplays verhöhnte, ließ sich noch geräuschlos entschärfen. Dann folgte die Agadmator-Affäre, und die ließ einen Shitstorm über Saint Louis hereinbrechen, wie es ihn nie gegeben hatte. Antonio Radic, genannt Agadmator, ist als Schachspieler nicht der Rede wert und doch eine Figur der Schachszene, dessen Wirken sich zu studieren lohnt.

Meisterpartien versteht Agadmator nicht, aber den meisterhaften Umgang mit Sozialen Medien. Das allein hat ihn rasant zum größten Schach-Youtuber der Welt gemacht. In seinen Videos macht er nicht viel mehr, als die Züge von Partien zu zeigen, gelegentlich eine Computervariante. Erkenntnisgewinn bringt das nicht, trifft aber den Nerv der Masse. Mehr als 300.000 Menschen folgen ihm auf Youtube, Tendenz rasant steigend.

Auf so einen Youtubestar loszugehen, will gut überlegt sein. Aber überlegt hatte in Saint Louis niemand, als sie Agadmator wegen eines vermeintlich unter Copyright stehenden Bildes in seinen Videos abmahnten. Der war sich, zu Recht wahrscheinlich, keiner Schuld bewusst und machte die Sache öffentlich.

Auf Twitter und im Reddit-Schachforum nahm die Angelegenheit schnell Fahrt auf. Wenig später war der elektronische Posteingang des Schachzentrums mit Beleidigungen und Beschimpfungen verstopft und die Website gehackt. Wie schnell das eskaliert war, überraschte beide Seiten, die schließlich Frieden schlossen, um sich wieder dem gemeinsamen Anliegen zu widmen: Schach.

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Da feierte er noch 200.000 Zuschauer. Mittlerweile haben Social-Media-Virtuose Agadmator und sein Hund die 300.000 geknackt, und es sollen noch viel mehr werden.

Auf diesem Spielfeld verfolgt Rex Sinquefield auch eine Idee: Fabiano Caruana soll Weltmeister werden. Ihren local boy unterstützen sie in Saint Louis mit Hingabe – und machen doch viel falsch. Fabianos Datenleck war ein Fehler, der Umgang mit #Fabileaks der viel größere. Sie hätten ja dazu stehen können und sagen: „Tut uns leid, passiert nie wieder, aber so ein kleines Video wird doch unseren großen Champ nicht stoppen. Go, Fabiano!“, und die Angelegenheit wäre erledigt gewesen.

Angst, es sich mit dem mächtigen Gönner zu verscherzen

Stattdessen haben sie sich einen kollektiven Maulkorb verpasst. Jede Sendung ist seitdem bestimmt vom krampfhaften Bemühen, das Video, von dem jeder weiß, bloß nicht zu erwähnen. Von Youtube verschwand es recht bald, und alle Schachshows aus Saint Louis sind nachträglich editiert worden, damit ja keine Szene daraus mehr zu sehen ist. Dabei war das Video prima gemacht, und das lag nicht nur daran, dass Caruana oben ohne zu sehen war.

Im US-Verband haben sie derweil Angst, es sich in dieser Angelegenheit mit ihrer Schachhauptstadt und deren Gönner zu verscherzen, und das führt zu fehlgeleitetem vorauseilenden Gehorsam. Für die WM-Berichterstattung hatten die Amerikaner den Großmeister Ian Rogers angeheuert, ein guter Griff. Schachjournalistisch ist der Mann eine Institution, und er schreibt seit zehn Jahren für die Website und das Magazin des US-Verbands.

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Seine Cover Stories muss sich der US-Verband jetzt von jemand anderem schreiben lassen. Ian Rogers wollte sich nicht verbiegen lassen.

Rogers lieferte einen Bericht zur Datenpanne und die darauf folgende WM-Partie. Er stellte fest, dass es sich um einen Fehler des Saint-Louis-Teams handelt, dass dieser Fehler Caruanas Chancen im Match mindert, und er wollte natürlich den entscheidenden Screenshot zeigen.

Damit hatte Rogers nichts weiter als seine Arbeit gemacht, aber die ließen sie ihm nicht durchgehen. Die Verantwortung der Leute vom Mississippi sollte er herunterspielen, den möglichen Einfluss der Panne auf das Match auch, und Screenshot, den jeder kennt, durfte auf der Seite des US-Verbands nicht erscheinen.

Natürlich hätte sich Rogers verbiegen können, diese eine Kröte schlucken, und weiter sein Honorar vom US-Verband beziehen. Es gibt ja im Schach, zumal online, ohnehin kaum ein Medium, kaum einen Reporter, dessen Berichterstattung nicht von kommerziellen oder politischen Interessen bestimmt ist. Rogers hätte unbeschädigt weiterarbeiten können.

Ian Rogers hat seine Zusammenarbeit mit dem US-Verband gekündigt.

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Einen neuen Auftraggeber für seine WM-Berichterstattung hat er schon:

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2 Kommentare zu „PR-Probleme am Mississippi: Maulkorberlass, vorauseilender Gehorsam und ein irrlichternder Milliardär

  1. ich denke rex sinquefield ist ein mächtiger mann der viel geld ins schach steckt und dafür unterwerfung fordert.Schach ist eine unterfinanzierte sportart und unter den heutigen Verhältnissen jedem ausgeliefert der entweder geld hat oder es über sponsoren anschaffen kann.gute profischachspieler müssen von etwas leben, Tuniere kosten Geld. Vor einigen Tagen hab ich über das Leben von GM Rossolimo gelesen,der als Taxifahrer,Hotelpage und Kellner gearbeitet hat um seine Familie zu ernähren.Jetzt steht seine Variante des Sizillianers beim Weltmeister auf dem Brett.Rex Singuefield sollte aber nicht glauben,er sei unangreifbar, sonst hätte schach sich verkauft.

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    1. Hallo Herr Ax, ich glaube, dass Ihr Diagnose zu Herrn Sinquefield nicht zutrifft. Nach meinen Informationen hält er sich aus dem Tagesgeschäft in St. Louis raus und lässt seine Leute machen. Das Problem liegt eher darin, dass sich einige eben dieser Leute mit einem solchen Mäzen im Rücken zu wichtig nehmen.

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