Mobbing in der deutschen Nationalmannschaft? Zoya Schleining: „Habe das so empfunden.“

Für Zoya Schleining war die Schach-Olympiade in Batumi vorbei, als noch sechs Runden zu spielen waren. Nach dem 0,5:3,5 gegen Russland wurde die deutsche Nummer drei nicht mehr nominiert. Auch abseits des Brettes fühlte sie sich außen vor: „Ich wurde ohne jegliche Aussprache ausgeschlossen.“

Wie es dazu  kam, beschreibt Schleining im Exklusiv-Interview mit unserem Gastautor Raymund Stolze jetzt erstmals öffentlich. Sie beleuchtet das bescheidene Abschneiden der deutschen Frauen, interne Querelen, fehlenden Teamgeist, undurchsichtige Nominierungskriterien, die „Hamburg-Connection“ im deutschen Schach und einen nach ihrer Auffassung überforderten Teamkapitän.

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Einer von drei Einsätzen Zoya Schleinings für Deutschland bei der Schacholympiade in Georgien. Links: Teamchef Jonathan Carlstedt vom Hamburger SK, unter dessen Regie das deutsche Team weit unter Erwartung spielte. (Foto: David Llada/Schacholympiade)

Was sind Deine Beweggründe, Dich erstmals zu den Dich betreffenden Vorkommnissen während der Schacholympiade  öffentlich zu äußern? Einige Freunde haben Dir ja geraten, den Mund zu halten, um keine persönlichen Nachteile zu bekommen…

Ich habe darauf gewartet, dass der DSB darüber berichten wird, warum ich in den letzten sechs Runden nicht mehr eingesetzt wurde. Das war jedoch nicht der Fall. Ich denke, dass die Schachfreunde, die bei der Olympiade mitgefiebert haben, das Recht besitzen, die Wahrheit darüber zu erfahren.

Eine Sache vorab: Ich war nicht von den genannten Magen- und Darmbeschwerden betroffen, sondern hatte lediglich eine leichte Erkältung. Dieser wirkte ich jedoch entgegen, indem ich mir vom Hotelpersonal ein Nasenspray besorgen ließ, sodass ich tags darauf voll einsatzfähig war. Dies habe ich unserem Kapitän Jonathan Carlstedt auch mitgeteilt. Trotzdem wurde ich nicht mehr bei der Aufstellung berücksichtigt.

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Eine Weltmeisterin auf Rang 16: Die Top 25 der deutschen Frauen im Schach. Die Top 5 spiegeln nicht die Besetzung der Bretter in der Nationalmannschaft. „Die Nominierungskriterien dafür kenne ich nicht“, sagt Zoya Schleining.

Beginnen wir chronologisch: Welche Gefühle hattest Du, als Dich Bundestrainer Dorian Rogozenco nach 2014 zum zweiten Mal in das deutsche Damen-Team für die Schacholympiade in Batumi (23.9.- 5.10.) berufen hat? Sportlich gesehen warst Du bei der Nominierung in der nationalen Rangliste Zweite hinter Elisabeth Pähtz, aber das ist bekanntlich nur ein Kriterium, wenn auch ein sehr wichtiges …

Ich war sehr überrascht und gleichzeitig erfreut. Trotz meiner Elozahl und dem sehr guten Ergebnis bei der Frauen-Europa-Einzelmeisterschaft konnte ich mit einer Olympiateilnahme keineswegs fest rechnen, da mir die genauen Nominierungskriterien nicht bekannt sind.

Für mich kam völlig überraschend, dass als Kapitän der damals noch 27-jährige Jonathan Carlstedt eingesetzt wurde. Wie Dorian kommt er vom Hamburger SK, hat aber im Gegensatz zum Bundestrainer zuvor immer nur im Jugend- und Nachwuchsbereich als Trainer gearbeitet. Wie hast Du diese Entscheidung aufgenommen? Über welche Erfahrungen sollte man in einer solchen Funktion verfügen?

Für mich war es auch eine Überraschung. Wie ich gehört habe, gab es dazu eine Umfrage, zu der ich nicht eingeladen wurde. Ich denke, ein Kapitän einer Nationalmannschaft sollte schon über viele Erfahrungen im Erwachsenenbereich und über eine gute Sozialkompetenz verfügen.

Wie beurteilst Du, dass mit Sarah Hoolt, Fliz Osmanodja und Judith Fuchs, die allerdings schon längere Zeit nicht mehr zu den deutschen  Top 10 der Frauen gehört, ein HSK-Trio aufgeboten wurde?

Ich habe bisher noch keine veröffentlichten Nominierungskriterien gesehen, daher kann ich keine eindeutige Aussage dazu treffen, wonach die genannten Spielerinnen nominiert wurden. Jedoch ist es grundsätzlich üblich, Aufstellungen und Nominierungen nach der Spielstärke festzulegen. Dies ist in der Regel die Wertungszahl. Festzustellen war jedoch nur, dass direkt drei Spielerinnen des gleichen Vereins aufgestellt wurden.

Die deutschen Frauen nahmen in der Satzrangliste Platz 9 ein. Welche Zielstellung hatte das Team und wo hast Du Deinen ganz persönlichen Anteil gesehen?

Über die Zielstellung wurde leider nicht gesprochen, allerdings war ich sehr motiviert und wollte selbstverständlich einfach mein Bestes geben!

Wie lief die Vorbereitung auf dieses größte Mannschaftsevent, das alle zwei Jahre ausgetragen wird?

Natürlich gab es einen Vorbereitungslehrgang auf die Olympiade, und ich habe mich persönlich auch sehr intensiv und zeitaufwändig vorbereitet. Ich war zuversichtlich.

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Friede, Freude, Sonnenschein: Die beiden deutschen Nationalmannschaften während der Vorbereitung auf die Schacholympiade. (Foto: Marcus Fenner/Schachbund)

In Batumi fand unmittelbar vor der ersten Runde ein Trainingsmatch gegen Schweden im Schnellschach statt. Ursprünglich solltest Du dabei sein, aber Dein Einsatz erwies sich dann wohl als Missverständnis. Was ist passiert, und wie ist Jonathan Carlstedt mit dieser Situation umgegangen?

Stimmt, und ich empfand es als sehr unangenehm. Ich hatte die Nachricht mit der Frage bekommen, ob ich gegen Inna Agrest zwei Partien mit der Zeitkontrolle 25 Minuten + 10 Sekunden pro Zug spielen möchte.  Als ich zusagte, erhielt ich aber die nächste Nachricht, dass sich unser Eröffnungstrainer Jonas Lampert bei mir melden würde, sobald er nach Hause kommt.

Nachdem ich mich bereits ca. eineinhalb Stunden auf die bevorstehenden Spiele vorbereitet hatte, kam die Nachricht, dass ich gegen Schweden nicht zum Einsatz komme und stattdessen Filiz spielen würde. Jonathan verwies dabei auf einen Schreibfehler und erklärte mir, dass es noch gar keine Entscheidung zur Aufstellung gegeben habe. Grund dafür sei der Umstand, dass es eine Verwechselung mit den Funktionsträgern Jonathan und Jonas gegeben hätte. Dies waren für mich die ersten Anzeichen, dass es zu Missverständnissen und Schwierigkeiten innerhalb der Mannschaft kommen könnte.

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Einzelkämpferin? „Es hätte den Teamgeist gestärkt, hätte Elisabeth Pähtz an allen Mannschaftssitzungen teilgenommen“, sagt Zoya Schleining. (Foto: David Llada/Schacholympiade)

Elisabeth Pähtz hat unmittelbar vor der Schacholympiade in einem langen Interview in SCHACH (Heft 10/2018, Seiten 4-11) erklärt: „Ich versuche, mich auf meine Partien zu konzentrieren. Das klingt bei einem Team-Wettbewerb vielleicht nicht richtig, aber ich denke, damit kann ich der Mannschaft am meisten helfen.“ Wie siehst Du das?

Eine so starke und erfahrene Spielerin wie Elisabeth kann es vielleicht besser beurteilen, aber ich persönlich hätte es als Stärkung des Teamgeistes empfunden, wenn auch Elisabeth an allen Mannschaftssitzungen teilgenommen hätte.

Wie wichtig ist für Dich Harmonie in einem Team und welchen Einfluss kann und muss ein Teamkapitän Deiner Meinung nach ausüben?

Die Harmonie ist enorm wichtig, da sie auch die Spielfreude verbessert. Hierzu könnte ein guter erfahrener Kapitän eine Menge beitragen.

Wie schätzt Du rückblickend  den Teamgeist in Batumi ein, der bekanntlich Berge versetzen kann? Es gab ja sicherlich jeden Tag Mannschaftssitzungen, wo gemeinsam die gespielte Runde ausgewertet wurde, um danach für das nächste Match die Aufstellung festzulegen?

Dies ist für mich sehr schwer zu beurteilen. Ich kann dazu nur sagen, dass bei den Mannschaftssitzungen die gespielte Runde meistens nur sehr kurz (ein bis zwei Sätze) vom Kapitän besprochen und die Mannschaftsaufstellung auch nicht in meiner Anwesenheit diskutiert wurde, sondern lediglich die Bekanntgabe durch den Kapitän erfolgte.

In seinem Bericht von der Schacholympiade schreibt SCHACH-Chefredakeur Raj Tischbierek, dass Du über die Farbverteilung, und die kommt durch die Aufstellung zustande, nicht gerade glücklich gewesen bist. Bei Deinen ersten beiden Einsätzen in den Runden 1 und 3 hast Du jeweils mit Schwarz gespielt. Danach hast Du Dich bei Mannschaftsführer Jonathan Carlstedt versichert, bei nächster Gelegenheit die weißen Steine zu führen oder aber auszusetzen. Gegen Russland in Runde 5 wollte aber Sarah nicht spielen. Sie war nervlich angeschlagen, nachdem sie gegen Sri Lanka gegen eine Spielerin mit 1700 Elo verloren hatte. Hinzu kamen gesundheitliche Probleme. Du wärst an Brett 3 aufgerückt und hättest zum dritten Mal Schwarz gehabt. Sarah spielte dann aber doch und verlor ziemlich schnell gegen Walentina Gunnia. Bei der 0,5:3,5-Niederlage hast Du gegen Olga Girya für das einzige Remis gesorgt. Warum war das Dein letzter Einsatz, denn die restlichen sechs Runden bist Du nicht mehr aufgestellt worden?

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Der Knackpunkt: Die deutsche Nationalmannschaft vor dem 0,5:3,5 gegen die Auswahl aus Russland. (Foto: Marcus Fenner/Schachbund)

Über gesundheitliche Probleme von Sarah habe ich erst ca. einen Monat nach dem Turnierende durch den Artikel von Raj Tischbierek erfahren. Erstaunlich fand ich, dass sie sich ausschließlich über den Verlust gegen eine deutlich schwächere Spielerin ärgerte. Ich wäre an ihrer Stelle erleichtert gewesen, dass die Mannschaft dennoch gewonnen hat und hätte mich darüber gefreut.

Beim Spiel gegen Russland hätte ich übrigens auf die weißen Steine verzichtet, wenn es im Mannschaftssinn gewesen wäre. Nach einer kurzer Diskussion hat sich Jonathan aber dafür entschieden, mit der stärksten Besetzung gegen Russland anzutreten. Wir haben trotzdem verloren, aber gegen einen sehr starken Gegner. Danach wurde mir vorgeworfen, dass ich meine Meinung „zu intensiv“ vertreten habe. Dies hatte zu Folge, dass ich danach nicht mehr eingesetzt wurde.

Das Abschneiden des deutschen Frauenteams war mit Rang 28 wahrlich enttäuschend. In seinem kürzlichen ChessBase-Interview hat DSB-Präsident Ullrich Krause auf die Frage von André Schulz sinngemäß gesagt, dass er sich das nicht erklären kann, obwohl er im gleichen Hotel wohnte und den Eindruck hatte, dass die Stimmung im Team gut gewesen sei. Was kannst Du dazu sagen?

Dazu kann ich lediglich mitteilen, dass Herr Krause von mir per Mail über die bestehenden Schwierigkeiten noch während des Turniers informiert wurde.

Ich kann mir gut vorstellen, dass es nach Deiner Nichtberücksichtigung für Dich keine leichte Zeit in Batumi gewesen ist. Was hast Du denn unternommen, um das Problem zu klären? Aus meiner Sicht wäre beispielsweise eine Aussprache mit Dorian Rogozenco denkbar gewesen – natürlich in Anwesenheit von Jonathan Carlstedt, der Deinen Team-Ausschluss letztlich zu verantworten hatte …

Das war wirklich eine sehr schwere Zeit. Ich wurde ohne jegliche Aussprache ausgeschlossen. Eine Aussprache wäre sicherlich notwendig gewesen, aber weshalb diese letztlich nicht stattgefunden hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Dies kann sicherlich Dorian Rogozenco am besten beantworten.

Welche Reaktion gab es auf Deine Mail vom 1. Oktober, die ich als „Hilferuf“gesehen habe? Du hast sie ja nicht nur an Dein Team einschließlich des Mannschaftskapitäns geschickt, sondern im Verteiler war auch der DSB-Präsident Ullrich Krause, Bundestrainer Dorian Rogozenco, der DSB-Geschäftsführer Dr. Marcus Fenner sowie der DSB-Referent für Leistungssport, Andreas Jagodzinsky.

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Die Frage, warum es auch nach ihrer E-Mail an alle Verantwortlichen nie zu einer gemeinsamen Aussprache kam, gibt Zoya Schleining an Bundestrainer Dorian Rogozenco (hinten) weiter. (Foto: Maria Emelianova/chess.com)

Ich bedaure, dass die Reaktionen erst nach dem Abschluss der Olympiade erfolgten. Ich hatte jeweils Gespräche mit Dorian Rogozenco und Andreas Jagodzinsky. Dadurch habe ich u.a. erfahren, dass mir vorgeworfen wurde, eine falsche Eröffungswahl gegen Girya getroffen zu haben. Hierzu möchte ich allerdings anmerken, dass ich die Datei von Jonas Lampert sogar auswendig gelernt und entsprechend gespielt habe. Daher habe ich mich an alle Vorgaben gehalten. Wenn dies anders gewünscht gewesen wäre, hätte mir das übermittelt werden müssen.

Wie haben denn Elisabeth Pähtz, Filiz Osmanodja, Sarah Hoolt und Judith Fuchs reagiert, als Du außen vor gewesen bist? Eine Team-Aussprache wäre doch ganz sicherlich der richtige Weg gewesen, um sich wieder gemeinsam auf die sportlichen Herausforderungen zu konzentrieren?  So gab es „Nebengeräusche“, für die vor allem Elisabeth nach eigenen Worten mehr als anfällig ist.

Ich habe die Aussprache gesucht. Es wurde mir vorgeschlagen, mich für die zu intensive Beeinflussung des Kapitäns hinsichtlich der Aufstellung gegen Russland bei der Mannschaft zu entschuldigen. Zudem sollte ich mich bereit erklären, weitere Einsätze unabhängig von der Farbe wahrzunehmen, was in der Folge dauerhaft Schwarz für mich bedeutet hätte. Elisabeth, Sarah und Judith waren der Meinung, dass die Mannschaftsaufstellung gegen Russland falsch war und dass ich diese gefordert hätte. Filiz hat sich nicht dazu geäußert, war aber immer sehr freundlich, was in der schwierigen Situation für mich besonders wichtig war.

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Großmeister Raj Tischbierek. (Foto: Wikipedia)

Wie Raj Tischbierek berichtet, warst Du weiter physisch anwesend, aber beim Rest der Mannschaft nicht mehr gelitten – das sieht für mich wie Mobbing aus –, hast aber darauf beharrt, Dich korrekt verhalten zu haben. Was hast Du denn unternommen, um diesen Zustand zu entschärfen?

Ja, ich empfand die Situation schon als Mobbing. Daher habe ich versucht, noch vor dem Absenden der  E-Mail mit der Mannschaft darüber zu sprechen. Allerdings war ich zu diesem Zeitpunkt schon „verurteilt“, und ich hatte nicht das Gefühl, dass meine Meinung respektiert bzw. zumindest versucht wurde, mich zu verstehen. Ich war sogar dazu bereit, alle weitere Partien unabhängig von der Farbverteilung zu spielen. Allerdings habe ich mich geweigert, mich bei der Mannschaft für die getroffene Aufstellung gegen Russland zu entschuldigen, da ich mich dafür nicht verantwortlich fühle. Meiner Meinung nach legt ein Mannschaftskapitän die Aufstellung eigenverantwortlich fest und muss auch bei Diskussionsbedarf diese getroffene Entscheidung alleine verantworten.

Nochmals Raj Tischbierek, der selbst jahrelanger Damentrainer war. „Wenn aus dem Einzelsport Schach eine Mannschaftssportart wird, fünf individuelle Interessen bzw. Charaktere über einen längeren Zeitraum unter einem Hut zu bringen sind, lauern Fallen. Frauen sind dafür deutlich anfälliger.“ Mir scheint aus der Ferne, dass Jonathan Carlstedt bei seinem Debüt als Mannschaftskapitän schlichtweg überfordert war. Wie siehst Du das?

Ein Debüt bei so einem großen Turnier ist immer eine schwierige Aufgabe. Wenn es neben den grundsätzlichen Tätigkeiten dann auch noch zu Klärungsbedarf innerhalb der Mannschaft kommt, hat dies sicherlich ein sehr großes Stresslevel. Inwieweit Jonathan hier wirklich überfordert war, vermag ich nicht zu sagen. Jedoch liegt die Vermutung nahe, dass dies  der Fall gewesen sein könnte. Die Auswirkung war letztlich ein Verlust von 85 Elo-Punkten für die gesamte Mannschaft und, was noch schwerer wiegt, ein doch eher bescheidener Platz im Schlussklassement.

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Fast 90 Elopunkte leichter als zuvor kamen die deutschen Damen aus Batumi zurück.

Die Vorkommnisse im deutschen Frauen-Team in Batumi würden übrigens auf der DSB-Webseite nicht kommuniziert. Im Abschlussbericht heißt es: „Auch unsere Frauen waren schwer zu schlagen, nämlich genau nur zweimal, darunter vom Olympiafavoriten Russland.“ Welche Reaktion hättest Du Dir in der Öffentlichkeit gewünscht, zumal es bestimmt genug Nachfragen zu Deiner Person gegeben haben dürfte, warum Du nur drei Partien gespielt hast?

Ich hätte mir gewünscht, dass alles klar und deutlich kommuniziert worden wäre, auch in der Öffentlichkeit. Dies ist dem Umstand geschuldet, dass ich sehr oft von den unterschiedlichsten Personen gefragt wurde, warum ich die letzten sechs Runden nicht mehr zum Einsatz kam. Es wurden dabei schon Vermutungen geäußert, dass ich ggf. krank bin oder einfach den Aufenthalt zum Urlaub nutze. Daher wäre es meiner Ansicht nach unverzichtbar gewesen, alles offen anzusprechen und die Angelegenheit zu klären. Ich wiederhole es nochmal, Schachfreunde haben das Recht dazu, die Wahrheit über alles zu erfahren.

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Nominell Nummer sechs der Welt: „Eine deutsche Nationalmannschaft mit den besten Spielerinnen und einem fähigen und erfahrenen Kapitän hätte beste Chancen, vorne mitzukämpfen“, sagt Zoya Schleining.

Wie wird es für Dich weitergehen, bist Du motiviert, für Deutschland zu spielen, wenn Du nominiert wirst oder ist vorstellbar, dass Du sogar die Föderation wechselst? Es gibt sicherlich in Europa genug Länder, die sich über eine Verstärkung freuen würden …

Ja, ich bin immer motiviert, es geht nicht anders! Wenn man auf der FIDE-Website die Top-Länder aufruft sind die deutsche Frauen aktuell die Nummer 6 in der Weltrangliste. Schlechte Mannschaftsergebnisse hängen damit zusammen, dass nur selten die besten Spielerinnen nominiert werden, während bei den Männern das fast genau nach der Elo-Liste erfolgt. Ich würde es mir daher wünschen, in der bestbesetzten Nationalmannschaft mit einem fähigen und erfahrenen Kapitän zu spielen. Dieses Team hätte fraglos die besten Chancen, auch vorne mitzukämpfen!


Raymund Stolze über den Hintergrund seines Gesprächs mit Zoya Schleining:

Es ist nicht mein erstes Gespräch mit Zoya Schleining. Im August 2012 habe ich sie schon einmal für den Schach-Ticker interviewt. Der Anlass damals war die Nominierung des deutschen Damen-Teams für die Schacholympiade in Istanbul durch den damaligen Bundestrainer Uwe Bönsch. Während bei den Männern die Top 5 der nationalen Rangliste die Mannschaft bildeten, wurde bei den Frauen dieses objektive sportliche Kriterium nicht konsequent  berücksichtigt. Betroffen davon war neben der deutschen Rekordnationalspielerin Ketina Kachiani-Gersinska – inzwischen hat Elisabeth Pähtz diese Position übernommen –  die aktuelle Nummer 3 Zoya Schleining (Elo: 2365).

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Raymund Stolze. (Foto: Arnold Kasberger)

Bei meiner Recherche für jenes Interview war aufgefallen, dass die gebürtige Ukrainerin, die seit 1999 deutsche Staatsbürgerin ist, und von Oktober 2000 bis April 2001 mit 2411 Punkten ihre höchste Elo-Zahl hatte, nicht für den Deutschen Schachbund (DSB) international eingesetzt wurde, obwohl ihre sportlichen Leistungen eindeutig dafür sprachen, gehörte sie doch hierzulande unbestritten zu den besten Frauen.

Nach dem Interview konnten die DSB-Verantwortlichen Zoya nicht mehr unberücksichtigt lassen. Am 8. November 2013 feierte sie im Alter von 52 Jahren bei der Mannschafts-Europameisterschaft in Warschau  endlich ihr wohlverdientes Debüt für Deutschland.

Nach vier internationalen Mannschaftsturnieren,  in denen sie in 20 Partien ein  Ergebnis von +6 =7 -7 erreichte, war zwei Jahre später allerdings erst einmal Schluss mit ihrer Nationalmannschaftskarriere. Doch sie blieb auf dem Notizzettel des Bundestrainers. Wer nun gedacht hätte, dass Zoya sich zurückziehen würde, der irrte. Im September 2016 wurde sie Internationaler Meister und überraschte alle Zweifler in den letzten zwei Jahren mit beständig guten sportlichen Erfolgen.

Bundestrainer Dorian Rogozenco kam nicht umhin, Zoya zum zweiten Mal in den deutschen Olympiakader aufzunehmen. Dass dann die Tage in Batumi für sie zum Albtraum werden würden, hatte sie sich freilich nicht vorstellen können. Mit einem verständlicherweise zeitlichem Abstand war die 57-Jährige jetzt zu einem Gespräch für die Schachplattform Perlen vom Bodensee bereit.

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3 Kommentare zu „Mobbing in der deutschen Nationalmannschaft? Zoya Schleining: „Habe das so empfunden.“

  1. Beckenbauer 1986 zu Uli Stein „Du bist derzeit der beste Torwart der Welt, aber hier kannst du nicht spielen….
    Und laut Jimmy Hartwig wurde 1982 Breitner bevorzugt, weil…..

    Auf der anderen Seite,

    Ein Trainer ist nicht ein Idiot! Ein Trainer sehen, was passieren in Platz. In diese Spiel (Turnier) es waren zwei, drei oder vier Spieler, die waren schwach wie eine Flasche leer!

    😉

    Gefällt 1 Person

  2. Der Kapitän hat die Verantwortung und stellt auf. Natürlich muss er sich zu den Vorwürfen von Mobbing äußern und seine Entscheidung begründen, warum er Zoyy S. nach 3 Runden nicht mehr aufgestellt hat.

    Gefällt 1 Person

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