Turm-Tricks in Konstanz

Was macht der Schachspieler nach der Partie? Genau, er analysiert sie, um Fehler zu finden, nach Verstärkungen zu fahnden und um aus dem Vergangenen Erkenntnisse für die Zukunft zu schöpfen. Beim nächsten Mal will er oder sie es ja noch besser machen. Die Partieanalyse ist ein wesentlicher Baustein des Schachtrainings. Idealerweise folgt nach der eigenen Analyse noch eine gemeinsame mit einem besseren Spieler, damit keine Nuance unbemerkt bleibt.

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In Konstanz einen Turm einzustellen, ist weniger problematisch. Am Rheinufer steht Ersatz.

Allerdings taugt manche Partie mehr, manche weniger zur Analyse. In dieser Hinsicht hat unser Jüngster bei der Niederlage in Konstanz ein Glanzstück abgeliefert. Während die Kollegen am Remishafen vorbeisegelten, spielte er eine Partie, anhand derer sich typische Pläne, taktische Motive und der eine oder andere konkrete taktische Trick beleuchten lassen. Prima Stoff, der bequem eine Unterrichtsstunde füllt.

Für den Schachblogger in uns ist es natürlich ein Feiertag, wenn wir gleich zum Saisonauftakt so etwas in die Finger bekommen. Sechs instruktive Perlen aus einer Partie zu fischen, ohne allzu lange suchen zu müssen, das ist eine seltene Ausbeute. Und von der sollen natürlich auch die Leser dieser Seite profitieren.

Wer die Fragen 96 bis 101 noch nicht gesehen hat, der schaut sie sich bitte jetzt vor Lektüre der Antworten an.

Antwort 96

Halid Selimhodzic – Konstantinos Mastrokostopoulos
Konstanz, Oktober 2018

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Schwarz nimmt natürlich mit dem Bauern zurück, das Standardverfahren in einer solchen Konstellation mit dem weißen Springer auf a4. Dem ist durch den schwarzen Bauern d4 das einzige Rückzugsfeld genommen, und das beschert dem Weißen erhebliche Probleme. Setzt Weiß nach 1…exd4 mit 2.0-0?! fort, folgt schon 2…a6! nebst 3…b5, und neben Springerfang droht auch noch eine Bauerngabel.

Antwort 97

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Es mag Dich überraschen, aber Schwarz muss sich zwischen drei plausiblen Zügen entscheiden. Die offensichtlichen und etwa gleichwertigen 1…Lc5 und 1…Lb6 führen zu grundverschiedenen Strukturen. Darüber hinaus ist auch 1…Lxf2+!? eine Idee, weil wieder der Sa4 ohne Felder dasteht. Nach 2.Kxf2 a6 bekommt Schwarz Material zurück und hat den weißen König ein wenig exponiert.

Antwort 98

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Wenn sich Schwarz nach der problematischsten Figur in seinem Lager umschaut, dann wird er beim Sc6 hängenbleiben, der von den weißen Bauern auf a3 und c3 kaltgestellt ist. Der Sc6 braucht eine Aufgabe, idealerweise einen Vorposten. Und der findet sich auf f4. Darum wäre ein typischer Zug 1…Se7 mit der Idee, den Gaul nach g6 zu bringen und die Reise womöglich bis nach f4 fortzusetzen.

Wenn sich Schwarz nach der stärksten Figur im gegnerischen Lager umschaut, dann wird er beim Lc4 hängenbleiben, der per Röntgenblick bis zum schwarzen König auf g8 schaut. Außerdem ist der Lc4 Teil des weißen Läuferpaares, und ein solches zu halbieren, ist oft eine gute Idee für den Gegenspieler. Und darum wäre auch 1…Le6 ein vernünftiger Zug.

Wenn sich Schwarz nach Bauernhebeln umschaut, dann findet er einen: den zentralen Vorstoß 1…d5. Ein zweischneidiger Zug, weil er die Stellung öffnet, was eigentlich eher der Seite mit dem Läuferpaar gefällt. Andererseits gewinnt Schwarz auf diese Weise Aktivität und argumentiert, dass der rückständige Bauer d3 anfälliger für Druck ist als der schwarze Bauer e5. Nach exd5 …Sxd5 kann Schwarz womöglich per …Sf4 und …Lf5 den Druck auf d3 erhöhen, weißes d3-d4 forcieren, und dann lebt plötzlich sein kaltgestellter Sc6 wieder.

Antwort 99

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Gegenfrage: Warum wohl hat Weiß gerade 1.Lc4-a2 gezogen? Genau, weil ihm aufgefallen ist, dass seine Dame auf f7 ohne Felder dasteht. Es drohte 1…Tf8 oder 1…Te7 mit Damenfang.

Nach 1.La2 hat die weiße Dame nun zumindest das Feld c4. Aber auch das kann ihr der Schwarze nehmen. 1…Sa5!, und wieder droht Damenfang. Ein Computer würde sich jetzt retten, indem er 2.Sg4! Tf8 (oder 2…Te7) 3.Se5! spielt.

Ob ein Mensch am achten Brett der Bodenseeliga diese Rettung fände?

Antwort 100

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Gar nicht segeln, Anker werfen. Der Remishafen ist längst erreicht. Schwarz stellt seinen König nach e6 und pendelt danach zum Beispiel per ewigem …Ta8-a6-a8.

Weiß kommt nicht weiter: Der Lf3 verwehrt dem Weißen jeden Schwenk seines Turms auf die h-Linie, der König findet keine Route zum Eindringen und Läufer keine Ziele, weil Schwarz alles auf den weißen Feldern stehen hat.

Antwort 101

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Fangfrage. Schwarz steht besser, weil sich ihm der fiese taktische Trick 1…Th3!! (Drohung: …Kd5 nebst …Tf3 matt) bietet. Wenn Weiß 2.Kxe4 spielt, folgt 2…Lf3+ 3.Kf4 Ld5 nebst Tf3 matt.

Weiß muss schon den einzigen Zug 2.f3 finden, um zu überleben, aber der kostet Material. Zum Glück bieten ihm die  ungleichfarbigen Läufer und die zerrüttete schwarze Struktur gute Remischancen, selbst wenn ein bis zwei Bauern über Bord gehen.

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5 Kommentare zu „Turm-Tricks in Konstanz

    1. Funktioniert super. Nach 1…Lxf2+ 2.Kxf2 a6 3.Ld5 Se7 4.b4 Sexd5 5.exd5 e4 6.dxe4 Sxe4+ spielt Schwarz zwar mit Minusfigur, hat aber prächtige Kompensation. Das hätte nur viel zu weit geführt. Ging ja nur darum, trotz zweier offensichtlicher Möglichkeiten mal über den Tellerrand zu gucken, ob da vielleicht noch etwas ist.

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  1. Zu Aufgabe 98 ließe sich ergänzen: Wenn man den mit c3 eingeleiteten Plan von Weiß d4 durchzusetzen in Betracht zieht, ist auch Te8 ein guter Kandidat, der nebenbei auch die Ideen d5 oder Le6 unterstützt.

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    1. Die Stellungen sind unabhängig voneinander. In Aufgabe 100 ist es egal, wie Schwarz pendelt, um Remis zu machen, so lange er den weißen König draußen hält. Er hat stattdessen 1…Tb8 gespielt und die Partie eingestellt, dann hat der Weiße nicht auf a4 genommen und den Gewinn verweigert, und ein Dutzend Züge später war die Stellung 101 erreicht.

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