Eine Ghettofaust für Dschordsch aus Dschörmany: Georg Meier kommentiert

Georg Meier steht für solides Schach. Ein Haudrauf, der sich mit Freude in jede Verwicklung stürzt, wird der 31-jährige Großmeister nicht mehr. Aber ohne Gift ist Meiers scheinbar auf langfristiges strategisches Spiel angelegtes Weißrepertoire auch nicht. Wie man eine Partie mit 1.Sf3, 2.g3 und 3.b3 beginnt und dann nach 15 Zügen gegen einen 2.500-Großmeister auf Gewinn steht, das zeigte Georg Meier in der zweiten Runde beim Open auf der Isle of Man.

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Eine Ghettofaust für „Dschordsch“: Als Georg Meier die ausgefuchste Strategie erklärt hatte, die hinter seinem Ruhetag-Remis in der dritten Runde stand, war chess.com-Chef Daniel Rensch schwer beeindruckt. (Foto: chess.com/Youtube)

Er zeigte es sogar zwei Mal. Erst im Turniersaal, dann im Twitch-Studio mit chess.com-Chef Daniel Rensch auf der anderen Seite des Brettes. Runde für Runde bittet Rensch einen der zahlreichen Vertreter der Großmeistergilde ins Studio, um seine (bzw. ihre) Partie zu zeigen. Neben Georg Meier haben schon Levon Aronian, Vladimir Kramnik, Alexandra Kosteniuk und Vidit Gujrathi auf den feinen ledernen Sesseln ihr Schachgelübde abgelegt. Nicht die schlechteste Gesellschaft für Dschordsch aus Dschörmany.

Als Georg Meier seine Partie zeigte, haben wir seine englischsprachigen Anmerkungen für deutsche Schachfreunde übersetzt und mitgeschrieben, sie dann ein wenig neu sortiert und in einen Partiekommentar verwandelt. Bitteschön:

Georg Meier (2.639) – Mhamal Anurag (2.495)
Chess.com Isle of Man Masters, 21. Oktober 2018
Kommentar: Georg Meier

Manchmal ist es Glück, wenn die Eröffnungsvorbereitung ideal funktioniert und Du die für den Gegner unkomfortabelste Variante aufs Brett bekommst. So entstehen schnelle Siege wie dieser. Vor dieser Partie hatte ich gesehen, wie mein Gegner gegen das Doppelfianchetto spielt und dagegen eine giftige Zugfolge vorbereitet. Viel öfter kommt es allerdings vor, dass die Vorbereitung auf die aktuellen Partie zwar für den Moment verpufft, Du sie aber später in einer anderen Partie anwenden kannst.

1. Nf3 Nf6 2. g3 g6 3. b3 Bg7 4.Bb2

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Das sieht ja eigentlich aus, als würde Weiß nur irgendwelche zufälligen Züge machen.

4… d6

5…e5 will ich ihn natürlich nicht spielen lassen.

5. d4 c5

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Auf c5 zu schlagen, ist nicht gut, so lange Weiß noch nicht rochiert hat. …Da5+ nebst …Dxc5 wäre angenehm für Schwarz.

6. Bg2 cxd4 7. Nxd4

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Jetzt noch c2-c4, und Weiß würde sich eines schönen Raumvorteils erfreuen.

7… d5

Schwarz will das nicht zulassen und lieber selbst das Zentrum mit Bauern besetzen. Nur funktioniert das in diesem Fall nicht, wie wir bald sehen werden.

8. c4 e5 9. Nc2

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Schon jetzt ist der weiße Entwicklungsvorsprung nicht zu übersehen. Der schwarze Damenflügel ruht im Tiefschlaf.

9… d4

Wenn Weiß jetzt nicht konkret spielt und sich nur weiterentwickelt mit 10.0-0 oder 10.Sd2, dann hätte Schwarz die Zeit, sein Zentrum zu stabilisieren und keinen Grund zur Sorge…

10. e3

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…und darum ist es wichtig zuzubeißen, so lange er unterentwickelt ist.

10… d3

Mit diesem Stellungstyp bin ich im Prinzip vertraut, aber eher mit Positionen, in denen Weiß schon rochiert hat. Das hat er hier nicht, weil ich mich für frühes b3/Lb2 entschieden hatte.

11. Nb4

Und eine derartige Stellung mit einem weißen Springer auf b4 hatte ich auch noch nie gesehen.

11… e4

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Gib‘ Schwarz in dieser Stellung zwei freie Züge, dann steht er strategisch auf Gewinn. Aber Weiß ist an der Reihe, und dem vorgerückten schwarzen Bauernduo fehlt die Unterstützung. Das kann Weiß ausnutzen.

12. Nd2 O-O 

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An dieser Stelle muss Weiß ein bisschen vorsichtig sein. Aber ich hatte schon vorher gesehen, dass 13.Lxf6 sehr stark ist. Der Zug eliminiert den wichtigsten Verteidiger des e4/d3-Duos.

13. Bxf6

Ungefähr eine halbe Stunde hat mein Gegner in dieser Stellung nachgedacht. Ich spürte, dass er trotzdem nicht vollständig entschlüsselt, was gleich über ihn hereinbricht.

(13. Nxe4? Nxe4 führt zu einigen Problemen, zum Beispiel 14. Bxg7 Kxg7 15. Bxe4 Qe7 -+ mit Doppelangriff auf b4 und e4.)

13… Bxf6

(13… Qxf6 14. Tc1 ergibt keinen Sinn. e4 fällt, und der Sb4 hat das riesige Feld d5.)

14. Nxe4

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Die Qualität auf a1 würde Weiß nur allzu gerne hergeben.

14… Bg4

Schlau. Schwarz will auf a1 schlagen, ohne dass die weiße Dame auf der langen Diagonalen auftaucht.

15. f3 d2+

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Wieder mit der Idee, die Dd1 von der Verteidigung von a1 abzulenken oder den Druck des Se4 abzuschütteln.

16. Ke2

Aber Angriff haben niemals beide, sondern immer nur die Seite mit der Initiative, und das ist Weiß. Darum fühlt sich der weiße König im Zentrum recht sicher.

16… Be6

Was soll er sonst machen? Aber jetzt hat Weiß einfach nur zwei Bauern mehr.

17. Nxf6+ Qxf6 18. Qxd2

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Einige Leute würden an dieser Stelle aufgeben. Schwarz entschloss sich, noch ein bisschen weiterzuspielen. Aber der Rest ist einfach für Weiß mit zwei gesunden Mehrbauern.

18… Rd8 19. Nd5 Bxd5 20. cxd5 Nc6 21. Rac1 Ne7 22. f4 g5

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Schwarz träumt von Gegenspiel mit …gxf4 nebst …Sf5. Also habe ich auf g5 geschlagen.

23. fxg5 Qxg5 24. e4 Qe5 25. Kf2 f5 26. Rhe1 fxe4 27. Rxe4 Qg7 28. Kg1 Nf5 29. Bh3

meier12.jpg

Schwarz gab auf.

1-0

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2 Kommentare zu „Eine Ghettofaust für Dschordsch aus Dschörmany: Georg Meier kommentiert

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